Ästhetik eines Katers und Persiflage des Genies: E.T.A. Hoffmanns "Kater Murr"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Titel, Vignette, Vorwort
2.2 Der bestreitbare Genius des Katers Murr
2.3 Der wahre Künstler Kreisler

3. Schlussteil

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit wird sich vorwiegend mit der literarischen Figur des Katers Murr aus E.T.A. Hoffmanns Werk "Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern", aber auch mit dem in der Gesellschaft scheiternden Musiker Johannes Kreisler befassen. Besonderes Augenmerk werde ich dabei auf Murrs Hang zur Zitierfreudigkeit und die daraus entstehende Persiflage des Genies legen. Zudem werde ich die stilistischen Mittel Hoffmanns untersuchen, die er nutzt um den Leser in den Bann zu ziehen. Ich werde auch knapp auf die Aspekte der Künstlerproblematik und auf die Beeinflussung Hoffmanns durch andere europäische Künstler eingehen.

Eine Definition zum Thema der Arbeit ist verständlicherweise zu breit, da es sich bei der Ästhetik um eine philosophische Disziplin von enormem Umfang handelt, die selbst in der philosophischen Disziplin in weitere Definitionen zerfällt. Es geht nicht direkt um die Ästhetik des Katers Murr, es geht um die Ästhetik dieses Gesamtkunstwerkes mit Titel "Lebens-Ansichten des Katers Murr". Die Ästhetik wird als "philosophische Disziplin, die sich mit dem Schönen, Erhabenen, Tragischen, Interessanten etc. befaßt sowie mit der Kunst, dem Hervorbringen und Rezipieren von Kunstwerken, den Beziehungen zwischen Kunst und Moral, Kunst und anderen [...] Aktivitäten des Menschen"1, behandelt. Sie war also bis Anfang des 19. Jahrhunderts hauptsächlich die Lehre der aufallenden und spürbaren Schönheit, die sich mit dem Erhabenen, Gehobenen, Tragischen, Interessanten und Gesetzmäßigkeiten der Harmonie in der Natur und Kunst befasst. Das im Titel angegebene Thema ist soweit nicht korrekt definiert und sehr vage, wodurch ich natürlich auch auf eine Vielzahl anderer Aspekte, wie der Ästhetik des Original-Genies und dem Schaffen der literarischen Figur Kater Murrs eingehen werde.

Ich werde mich also mit der Frage beschäftigen, welche Mittel E.T.A. Hoffmann nutzt, um die vom Kater Murr und seinem Gesamtkunstwerk ausgehende Ästhetik zu erzeugen und in Bewusstsein des Lesers zu manifestieren.

2.1. Titel, Vignette und Vorwort

Der Titel "Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern" suggeriert dem Leser bereits von Anfang an, dass er es mit diesem Werk nicht leicht haben wird. Tatsächlich wird bereits im Titel von einer dreifachen Zufälligkeit der Konstruktion des Textes gesprochen. Bei einem Makulaturblatt handelt es sich um einen schad- oder fehlerhaften Druckbogen, fragmentarisch bedeutet "Bruchstück eines ursprünglich vollständigen Textes"2 und zufällig trägt die Bedeutung, dass etwas ohne einen kausalen Grund dahinter vorgefallen ist. Somit erzeugt E.T.A. Hoffmann bereits mit seiner Titelwahl, einen Moment der Verwirrung. Der Grund für die Verwirrung im Werk, so wird im Vorwort vom Herausgeber erklärt, sei ein Missgeschick Kater Murrs gewesen, der die in ein festes Buch, der Biographie von Kapellmeister Johannes Kreisler, gebundenen Seiten herausriss und "teils als Unterlage, teils zum Löschen"3 missbrauchte.

Die Vignetten sind ebenfalls wichtiger Bestandteil des Gesamtwerkes, da bereits darin, bevor das Vorwort gelesen wurde, eine Vielzahl an Symbolen der Frühromantik erkennbar sind. Die erste Vignette zeigt eine Katze, wahrscheinlich Kater Murr, auf einem Dach. Sie wirkt aufgrund der erhöhten Position erhaben, sie ist "über den Dächern einer Stadt an einem Schreibpult, mit der Feder in der Pfote, gehüllt in ein Gewand oder Tuch"4 und überragt sogar die Spitze einer Kirche. Das Bildnis Kater Murrs in Gewand und Feder visualisiert dessen Erhabenheit und gipfelt in der Hierarchisierung über blasphemische Elemente. Kater Murr in seiner vollkommenen Existenz verbindet "Ästhetik des Statuarischen als Inbild für die im Ideal aufgehobene und überwundere Physis"5. Die Wolken verziehen sich und das genialische Katzenindividuum erleuchtet. Betrachtet man die Rahmung der ersten Vignette erkennt man deutlich gewundene Pflanzenornamente, die Mensch, Tier und Natur verbinden.

Erneut findet Hoffmann einen Weg, dem Leser die Schönheit eines Katers zu präsen- tieren. Die Schönheit, gar Makellosigkeit, der erhabenen Katzengestalt manifestiert sich bereits vor dem inneren Auge des Lesers, ohne das dieser mit dem eigentlichen Werk angefangen hat.

Im Vorwort des Herausgebers wird der Leser daraufhin gleich mit mehreren tragenden Fiktionen konfrontiert. Die Hauptfiktion ist die, dass es "einen äußerst intelligenten [...] Kater namens Murr gegeben hat, der seine Lebensansichten aufs Papier gebacht hat"6. Dieses absurde Spiel wird fortgeführt, indem E.T.A. Hoffmann versucht diese Fiktion fest in der Wirklichkeit zu verankern. Dafür schafft Hoffmann eine fiktive Herausgeberfigur, der er seinen Namen verleiht und hinter der er sich verbirgt, stellt die zweite essentielle Fikiton in diesem Werk dar, die er für sein Konstrukt benötigt. Hoffmann reduziert seine Verbindung zum Werk auf die Herausgeberschaft und verschiebt die Fiktion zugunsten seines philiströsen Katers. Diese Herausgeberfiktion muss sowohl erkannt als auch akzeptiert werden. Hoffmann, der sich hinter der Rolle des fingierten Herausgebers verbirgt, und Kater Murr, als Verfasser seiner Autobiographie, sind die tragenden Fiktionen dieses Werkes. Das Vorwort des Herausgebers instruiert den Leser dann über die fragmentarischen Einschübe, der unvollständigen Biographie Kreislers, und die unterbrochene Gestalt der Autobiographie des ambitionierten Katers. Ironischerweise zerfällt die vorher bereits in Buchform vorliegende Biographie des Kapellmeisters durch einen Akt des "literarischen Vandalismus des Katers"7 in viele unvollständige Fragmente. Es gehört also schon das Vorwort des Herausgebers, das als eine Art Einleitung in die textinterne Welt dienen sollte, zur fiktiven Ebene.

Schließlich darf der Herausgeber versichern, daß er den Kater Murr persönlich kennengelernt, und in ihm einen Mann von angenehmen milden Sitten gefunden hat. Er ist auf dem Umschlage dieses Buchs frappant getroffen.

Berlin, im November 1819

E.T.A. Hoffmann.8

Dieser knappe Auszug aus dem Vorwort des Herausgebers versichert dem Leser die Existenz Katers Murrs. Hoffmann hat ein sehr raffiniertes Spiel von Faktizität und Fiktionalität entwickelt, in dem der Leser die Existenz des Katers Murr und dessen Autorschaft einfach zu akzeptieren hat. Denn es ist ja eindeutig, dass nicht die literarische Figur des Katers Murr, sondern E.T.A. Hoffmann, der sich als bloßer Herausgeber ausgibt, für die Entstehung dieses Werkes verantwortlich ist. Der fingierte Herausgeber gesteht sich zudem seine Unachtsamkeit ein, die dazu führte, dass der Drucker nicht eben bloß das vermeintliche Werk Kater Murrs abgedruckt hat. Die willkürliche, vom Kater hergestellte Reihenfolge, legt also den Ablauf der syntaktisch zerrissenen Kreisler-Teile fest und entbindet ihn so der eigentlichen Linearität. Dieser fiktive Zufall ist von Hoffmann genaustens "kalkuliert und notwendig auf die Funktion des Fragmentarischen bezogen"9. Der Leser wird von faszinierenden Begebenheiten und Tatsachen umspielt, ein Spiel mit der Identität und Verwirrung. Das Vorwort und der Titel ziehen die gesamten Aufmerksamkeit des Lesers auf den Murr-Teil, die Erwartungshaltung auf das Werk ist also schon vor Beginn des eigentlichen Lesens enorm hoch. Der Murr-Teil wird aufgrund seiner Chronologie vom Herausgeber als Hauptwerk benannt, zumal die Einschübe der bruchstückhaften Biographie Kreislers lediglich das Resultat eines bereits erwähnten Druckfehlers sind. Neben dem Vorwort des Herausgebers wurden gleich zwei weitere vom Autor verfasste Vorworte mitabgedruckt. Diese beiden unterscheiden sich von ihrem Inhalt wie Tag und Nacht. Während in der Vorrede Murrs ein erhabener, pathetischer Tonfall angeschlagen und eine penetrante Genügsamkeit präsentiert wird, offenbart sich im eigentlich unterdrückten Vorwort das wahre Gesicht des schriftstellernden Katers:

Sollte jemand verwegen genug sein, gegen den gediegenen Wert des außerordentlichen Buchs einige Zweifel erheben zu wollen, so mag er bedenken, daß er es mit einem Kater zu tun hat, der Geist, Verstand besitzt, und scharfe Krallen.10

Somit wird die Vorrede Kater Murrs als belanglos, wenn nicht gar überflüssig gewertet. Hoffmann schaltet sich daraufhin ein und versucht, gelinde gesagt, die Wogen zu glätten und verteidigt Murr insoweit, dass "sehr viele demütige [...] Vorworte aus einer grundlegenden Geste der Selbstbehauptung hervorgehen"11. Die Erwartungshaltung des Lesers wird mit dem unterdrückten Vorwort regelrecht zerschmettert. Das ästhetische, vom Herausgeber erzeugte Bild eines schriftstellerischen, genialen Katers wird durch dessen Überheblichkeit und seinen pathetischen Tonfall ins Wanken gebracht.

[...]


1 Strube, Werner: Ästhetik. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hrsg. von Klaus Weimar u.a. Bd. 1. Berlin: de Gruyter 1997. S. 15-19.

2 Strohschneider, Peter: Fragment. In: Reallexikon der Literaturwissenschaft 1997. S. 624.

3 Hoffmann, E.T.A.: Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Kreisler in zufälligen Makulaturblättern. Stuttgart: Reclam 2009. S. 8.

4 Pfotenhauer, Helmut: Bild, Bildung, Einbildung. Zur visuellen Phantasie in E.T.A. Hoffmanns Kater Murr. In: Sprachbilder. Untersuchungen zur Literatur seit dem achtzehnten Jahrhundert. Hrsg. von Helmut Pfotenhauer. Würzburg: Könighausen & Neumann 2000. S. 137.

5 Ebd. S. 138.

6 Swales, Martin: "Die Reproduktionskraft der Eidexen". Überlegungen zum selbstreflexiven Charakter der Lebens-Ansichten des Katers Murr. In: E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch 1 (1992/1993). S. 48.

7 Hoffmann, E.T.A.: Lebens-Ansichten des Katers Murr 2009. S. 8.

8 Ebd. S. 9.

9 Kremer, Detlef: Romantik. Lehrbuch Germanistik. Stuttgart: Metzler 32007. S. 146.

10 Hoffmann, E.T.A.: Lebens-Ansichten des Katers Murr 2009. S. 9.

11 Hoffmann, E.T.A.: Lebens-Ansichten des Katers Murr 2009. S. 11.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Ästhetik eines Katers und Persiflage des Genies: E.T.A. Hoffmanns "Kater Murr"
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Neuzeit Romantische Künstlerromane
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V211147
ISBN (eBook)
9783656390985
ISBN (Buch)
9783656391388
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kater Murr, E.T.A. Hoffmann, Hoffmann, Ästhetik, Romantik, Hausarbeit, Johannes Kreisler
Arbeit zitieren
Martin Hildebrandt (Autor), 2012, Ästhetik eines Katers und Persiflage des Genies: E.T.A. Hoffmanns "Kater Murr", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211147

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