Viabilität im radikalen Konstruktivismus

Eine Begriffsfindung


Essay, 2012

5 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Der Begriff ‚Viabilität[1] ‘ stellt einen zentralen Terminus im Feld des radikalen Konstruktivismus dar und lässt sich am ehesten mit Adjektiven wie ‚gangbar‘, ‚brauchbar‘ oder ‚funktional‘ umschreiben. Er ist auf den Philosophen Ernst von Glasersfeld (1997) zurückzuführen, welcher ihn als eine adäquate Alternative für die Beschreibung des Wahrheitsbegriffs betrachtet. Glasersfeld schließt dabei an die Arbeiten des Schweizer Entwicklungspsychologen und Epistemologen Jean Piaget (1975) an, welcher vor Allem mit seinen Forschungen auf dem Gebiet der kognitiven Anpassung wichtige Erkenntnisse über die komplementären funktionalen Prozesse von Assimilation und Akkommodation lieferte[2]. Der radikale Konstruktivismus stellt somit aufgrund seiner aus der Biologie, Psychologie und Kybernetik stammenden Argumentationsstränge kein homogenes Theoriegebäude dar, sondern fungiert als „äußerst dynamischer interdisziplinärer Diskussionszusammenhang“ (Schmidt 2000: 7).

Im Gegensatz zu Piaget hat Glasersfeld einen stärker ausgeprägten erkenntnistheoretischen Anspruch. Dieser wird deutlich, indem er grundlegend die Annahme infrage stellt, gesellschaftliche Konstruktionen hätten zwangsläufig irgendeine Ähnlichkeit mit der äußeren Realität (vgl Glasersfeld 1990: 17). Nach Glasersfeld liegt das Kernproblem der abendländischen Epistemologie darin, „erkennen zu wollen, was außerhalb der Erlebniswelt liegt.“ (Glasersfeld 1992: 29). Dieses Problem könne aus einer radikal konstruktivistischen Sicht nicht gelöst, sondern lediglich umgangen werden. Da im radikalen Konstruktivismus die Übereinstimmung der Überzeugungen mit der Wirklichkeit nicht möglich ist, muss aus Gründen der Konsistenz auf eine grundlegende Definition von Wahrheit verzichtet werden. Als Kriterium für besagte Überzeugungen setzt Glasersfeld deshalb den Begriff der ‚Viabilität‘ ein. So sind „Handlungen, Begriffe und begriffliche Operationen (…) viabel, wenn sie zu den Zwecken oder Beschreibungen passen, für die wir sie benutzen.“ (Glasersfeld 1997: 43). Dementsprechend sind die genannten Komponenten auch dann viabel, wenn sie nicht mit etwaigen Beschränkungen oder Hindernissen in Konflikt geraten. Mit dem Begriff der Viabilität wird somit zwischen einer „ikonischen Beziehung der Übereinstimmung oder Widerspiegelung“ und einer „Beziehung des Passens“ unterschieden (vgl. Glasersfeld 1992: 30). Damit sei laut Glasersfeld die Illusion überwunden, dass die „empirische Bestätigung einer Hypothese oder der Erfolg einer Handlungsweise Erkenntnis einer objektiven Welt bedeuten.“ (Glasersfeld 1992: 30).

[...]


[1] Abgeleitet von lat. via = der Weg.

[2] Beide Prozesse sind Aspekte der kognitiven Adaptation des Individuums an seine Umwelt, da im Austauschverhältnis zwischen Mensch und Umwelt einerseits die Anpassung des eigenen Verhaltens an die Außenwelt, und andererseits die Anpassung der Außenwelt an das eigene Verhalten zu erfolgen hat.

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Viabilität im radikalen Konstruktivismus
Untertitel
Eine Begriffsfindung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
De-/Konstruktion: Soziologische Perspektiven der Uneindeutigkeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
5
Katalognummer
V211463
ISBN (eBook)
9783656398998
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Begriff Viabilität stellt einen zentralen Terminus im Feld des radikalen Konstruktivismus dar und lässt sich am ehesten mit Adjektiven wie ‚gangbar‘, ‚brauchbar‘ oder ‚funktional‘ umschreiben. Er ist auf den Philosophen Ernst von Glasersfeld (1997) zurückzuführen, welcher ihn als eine adäquate Alternative für die Beschreibung des Wahrheitsbegriffs betrachtet.
Schlagworte
Viabilität, Glasersfeld, radikaler Konstruktivismus, Ernst von Glasersfeld, Wahrheitsbegriff, Konstruktivismus
Arbeit zitieren
Sebastian Hauser (Autor), 2012, Viabilität im radikalen Konstruktivismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211463

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