Sokrates in den "Wolken". Historische Figur oder literarisches Zerrbild?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
27 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Sokrates in den Wolken i
2.1 Der Naturphilosoph i
2.2 Der S ophist
2.3 Der Mystiker
2.4 S okrates als P ersönlichkeit u nd Lehrperson

3. Sokrates b ei Platon und Xenophon
3.1 Gar keine bis geringe Übereinstimmung
3.1.1 Sokrates als Naturphilosoph
3.1.2 S okrates als Mystiker
3.2 Gewisse Übereinstimmung
3.2.1 S okrates als S ophist
3.3 Hohe Übereinstimmung
3.3.1 Sokrates als P ersönlichkeit

4. Bewertung der P arallelstellen und abschließende I nterpretation

5. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Die Figur des S okrates nimmt eine S onderstellung in der Geschichte der Philosophie ein: kaum einem Philosophen verdankt die Philosophie so viel, über dessen Person so wenig Gesichertes gesagt werden kann. Zeitgenössische Informationen über sein Wirken und seine Persönlichkeit gibt es so gut wie gar nicht, und die wenigen "vorhandenen wollen sich ganz und gar nicht in Einklang bringen lassen mit dem, was Platon und Xenophon über den Sokrates in seinen letzten 20 Jahren bzw. aus der Retrospektive berichtet haben. Gerade die Zeugnisse der Alten Komödie, und darunter insbesondere die sokratische Figur in den Wolken des Aristophanes stehen geradezu in diametralem Gegensatz zu dem stets auf der Suche nach der Wahrheit unermüdlich fragenden und integeren Philosophen aus den platonischen Dialogen und xenophontischen Darstellungen. Zu Sokrates als einer der prominentesten Persönlichkeiten der Klassischen Philologie und Philosophie gibt es denn auch einen undurchdringlichen Wald an Untersuchungen[1], deren Bandbreite in der I nterpretation unterschiedlicher nicht s ein könnte[2]. D iese Arbeit kann und will mitnichten etwas Neues beitragen, sondern 1 ediglich ein wenig Ordnung schaffen, indem sie einige ausgewählte einflussreiche Interpretationen vorstellt, miteinander vergleicht und das, was der eigenen oder Prüfung anderer standhalten konnte, zusammenführt, um so ein möglichst abgewogenes und distanziertes S okrates-Bild erzielen zu können. Anhand der augenfälligen Stellen, die für die S okrates-Figur in den Wolkee konstitutiv sind, sollen zuerst die zentralen Züge des aristophanischen Sokrates zusammengefasst werden; dieser soll im Anschluss dem platonisch-xenophontischen Sokrates gegenübergestellt werden, u nd zuletzt sollen die möglichen Interpretationen diskutiert und bewertet werden, die sich aus der angesprochenen Diskrepanz ergeben.

2. Sokrates in den Wolken

2.1 Der Naturphilosoph

Nachdem der Zuschauer nach knapp 90 Versen in die Grundproblematik des Stücks e ingeführt wurde - der Bauer Strepsiades ist durch seinen pferdevernarrten Sohn Pheidippides hochverschuldet - , deutet sich an, d ass Strepsiades b ereits e inen Plan hat. Unter Aufbietung s einer ganzen Liebenswürdigkeit kann er s einen verschlafenen Sohn überreden, das Bett zu verlassen und zu ihm treten, deutet auf e in in der Nähe stehendes Haus[3], u nd auf Nachfrage, was e s mit d iesem Haus auf si ch habe, e rklärt e r:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bereits bei seiner Einführung wird das Phrontisterion mit naturwissenschaftlichem Forschen in Verbindung gebracht: D ie Vorstellung von der Welt als e inem Ofen verweist auf n aturwissenschaftliche Theorien, vermutlich des Hippon[4]. D ie Bewohner d ieser Denkerbude werden zwar vorerst n icht g enannt, weil Strepsiades ihre Namen nicht k ennt, s ie nur a nspielungsreich als „ schöne und gute s ublime Denker“ bezeichnet (ούκ οΐδ' άκριβώς τοΰνομα. μεριμνοφροντισταί καλοί τ ε κάγαθοί, îoof), aber Pheidippides hat schon von ihnen gehört: αίβοΐ, πονηροί γ', οίδα. τούς άλαζόνας, τούς ώχριώντας, τούς άνυποδήτους λέγεις, ων ο κακοδαίμων Σωκράτης και Χαιρεφών (102-104). Nachdem für einen kurzen Moment die Identität der

Phrontisterion-Betreiber hinausgezögert wurde, ist die Überraschung mit Sicherheit nicht die geringste, dass ausgerechnet Sokrates und Chairephon dahinter stecken. Noch erstaunlicher wird es, wenn Strepsiades, nachdem er seinen Sohn nicht davon überzeugen konnte, b ei S okrates in die Lehre z u gehen, s elbst z ur Denkerbude s chreitet u nd von einem Schüler i n die neuesten Experimente des Sokrates eingeführt wird[5]: gerade eben erst habe er zu mesen versucht, wie weit e in Floh springen könne ( 143-152). Der anfangs noch sehr auf Diskretion und Geheimhaltung der „Betriebsgeheimnisse“ bedachte Schüler eröffnet stolz dem jetzt schon beeindruckten Strepsiades weitere, noch ehrwürdigere Zeugnisse sokratischen Forschergeists: I n den V 156-168 wird von der Untersuchung berichtet, ob eine S chnake wohl mit ihrem Mund oder After die typischen Surrgeräusche hervorbringt. Die Klimax dieser grotesk anmutenden Berichte bildet die Geschichte, wie j üngst eine Eidechse ihre Exkremente direkt in den geöffneten Mund des S okrates, d er tief i n der Nacht d es Mondes

Bahn untersuchte, fallen 1 ieß. D ie Parallele z u Thaies u nd der B runnen-Anekdote i st augenfällig und wird in V. 180 explizit von Strepsiades ausgesprochen[6], der nach diesen Kostproben vollends begeistert ist und es gar nicht mehr abwarten kann, endlich bei Sokrates in die Lehre zu gehen: άνοιγ' άνοιγ' άνύσας T φροντιστήριον και δ εΐξον ώς τάχιστα μοι τον Σωκράτη, μαθητιώ γάρ. άλ' άνοιγε την θύραν. Ihm wird Einlass gewährt, u nd auf d em Weg z u Sokrates kann er abermals die außergewöhnlichsten Dinge bestaunen: i n merkwürdigen Körperhaltungen beschäftigen sich die Denkergenossen mit Geologie, Astronomie und Geometrie[7]. Bei Sokrates angekommen, wird er sogleich mit weiteren naturwissenschaftlichen

Erkenntnissen konfrontiert: auf s eine sonderbare Position in einem Hängekorb angesprochen, erläutert Sokrates ihm, dass die Beschaffenheit der Luft nur in einiger Entfernung zum Boden für klares Denken geeignet s ei[8]. Als Strepsiades s eine Ankündigung, ein etwaiges Honorar augenblicklich zu bezahlen, mit einem harmlosen Schwur b ei d en Göttern beteuert, s chalet S okrates s ich s ofort e in und fragt forsch, b ei was für Göttern er denn s chwöre. E s stellt s ich heraus, dass die bekannten Götter im Phrontisterion keine Instanz mehr s ind[9], stattdessen genießen nunmehr gewisse Wolken göttliche Ehrerbietung ( 145^253). I n der Parados (263-475) werden die Wolken entsprechend ihrer Rolle als Chor vorgestellt und charakterisiert, wovon der Großteil erst später wichtig sein wird. Innerhalb der Parodos wird die naturwissenschaftliche Diskussion erst mit V. 3 64 aufgenommen, w enn Strepsiades nach der Ankunft d er Wolken seiner Bewunderung Ausdruck verleiht und von Sokrates über ihre Beschaffenheit aufgeklärt

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An diese Feststellung schließt sich eine lange Erörterung an, worin Sokrates die üblicherweise Zeus zugesprochenen metereologischen Phänomene, nämlich Regen (368-371), Donner (371-377), die Bewegung der Wolken ( 378-381) und den Blitz ( 394-407) zum Teil mit anschaulichen Beispielen aus dem Verdauungstrakt ausschließlich dem Wirken physikalischer Kräfte zuschreibt. Strepsiades, der die Erklärungen des S okrates zwar nicht auf s achlicher Ebene zu durchdringen vermag, aber durchaus auf seine Art etwas damit anfangen kann, s cheint überzeugt. Die Wolken stellen nun sicher, ob er den körperlichen und seelischen Anforderungen eines künftigen Schützlings entspricht (412-419), und nachdem er versichert hat, das ihm nahezu ales recht sei, wenn er nur seine Sorgen und den knurrenden Magen vergessen könnte, stellt S okrates die entscheidende Frage, d eren Antwort über die

Aufnahme in den Kreis d er S chüler e ntscheidet:

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Strepsiades ist also hochmotiviert - es s cheint, als ob s ein Plan, sich bei S okrates ausbilden zu lassen, aufgeht. D ie neue Lehre hat e r, wenn auch nicht b egriffen, d och enthusiastisch und mit g roßem Lerneifer aufgenommen, s odass S okrates und die Wolken überzeugt sind, ihn guten Gewissens aufnehmen und ausbilden zu können. Sokrates vereinigt in diesen Versen verschiedenste naturwissenschaftliche

Interessen und Tätigkeiten in seiner Person: vom Aufbau der Welt, über Untersuchungen von (Kleinst-)Lebewesen ( im weitesten Sinn also Biologie), weiter zur Astronomie bis zur Meteorologie und Physik ist e r in den Wolken ein in allen Bereichen versierter Naturphilosoph - wobei allzu offensichtlich ist, dass es eine derartige Synthese verschiedenster Theoreme vermutlich nie gegeben hat, was Aristophanes durch die oftmals grotesk anmutenden Anwendungsfälle auch nahezulegen s cheint[10].

2.2 Der Sophist

Genauso präsent wie der Naturwissenschaftler ist der S ophist S okrates in den Wolken. D ie Sophisten wurden hauptsächlich mit ihrer intensiven rhetorischen Beschäftigung verbunden[11]: „Sie [ die Sophisten] zogen von Polis zu Polis und unterrichteten ihre Schüler in den Wissenschaften und Künsten, machten sie zu selbstverantwortlichen Individuen und handlungsfähigen Staatsbürgern, die sich durch Analyse und Reflexion ihrer E ntscheidungsgründe vergewisserten. G eleitet von dem B ewußtsein, daß Praxis und Politik Felder rationaler Gestaltung sind, 1 ehrten sie die Mitel erfolgreichen zweckbestimmten Handelns, u nd diese Mitei waren i n erster Linie rhetorische Strategien.“ ( Ueding [ 2005, 18]). S chon in der ersten zitierten Textstele wird denn das Phrontisterion auch als Lehrstäte der Rhetorik vorgestelt: wenn man nur Geld bezahlt[12], wird dort so zu reden gelehrt, dass man sowohl im Recht wie im Unrecht siegt (g8f). Einige Verse später fragt Pheidippides seinen Vater, was er e igentlich in der Denkerklause lernen s oll u nd bekommt die Antwort:

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Mit der Unterscheidung der Rede in eine bessere und schlechtere und dem damit verbundenen Vorwurf und Interesse seitens Strepsiades, kraft persuasiver und manipulate rischer Tricks die schlechtere zur besseren Rede zu machen, ist ebenfalls auf sophistisches Gedankengut angespielt.

Urheber dieser S entenz ist P rotagoras[13], auf den auch die Wendung zurückgeht, dass es δύο λόγους είναι περί παντος πράγματος άντικειμένους[14], womit für die Möglichkeit e iner grundsätzlichen Neubewertung eines j eden Gegenstands mi den Mitein des Gesprächs plädiert wurde: „Denn in der Tat kann diese Bewährung i n der Rede und Handlung nur d ann erreicht werden, wenn nicht s chon eine Hierrachie der Meinungen vorasgesetzt ist, deren Ordnung außerhalb der Rede garantiert wäre und diese nur noch als nachträgliche Bestätigung allenfalls Vermittlung braucht. D ie s chwächere S eite zur stärkeren machen zu können, bedeutet also zunächst nichts weiter als sie aus einer Vorurteils-Fixierung lösen und der vernünftigen dialektischen Erörterung zugänglich machen können, in deren Verlauf s ich heraussteilen mag, o b s ie wirklich die s chwächere ist.“, Ueding ( 2005, 20).

Der Plan des Strepsiades sieht also vor, das Pheidippides für die verursachten Schulden selbst gerade steht, indem er s ich durch die Ausbildung im Phrontisterion rhetorische Kniie aneignet, mi denen er seinen Vater von den Schulden besprechen“ kann. N achdem Strepsiades nun aber d och s elbst a ntreten mus, formuliert er sein Ziel noch einmal deutlich vor Sokrates: βουλόμενος μαθεΐν λέγειν υπό γάρ τόκων χρήστων τε δυσκολωτάτων άγομαι, φέρομαι, τάάρήματ' ένεχυράζομαι (239—41)· Nach den ersten Auftritten des Sokrates als Naturphilosoph könnte man sich nun zuerst fragen, ob Strepsiades dort richtig ist, aber nach einer kurzen .Ankündigung des Sokrates (V. 260) während der Weihung (s. Kap. 2.3) räumt er jeden Zweifel aus dem Weg, indem er auf die Frage des Strepsiades nach der Beschaffenheit der Wolken

Folgendes antwortet:

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Hier ist Strepsiades zweifellos richtig! Aber nicht nur die Wolken, s ondern auch Sokrates selbst wird von der höchsten I nstanz, n ämlich den Wolken s elbst, in ihrer Anrede als außerordentlich fähiger Rhetor charakterisiert[15]:

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In V. 429k und 434 bekräftigt Strepsiades sein Vorhaben vor den Wolken noch einmal, der beste Redner in Hellas zu werden, und das Recht verdrehend den Gläubigern glatt zu entschlüpfen, was sie ihm bedenkenlos gewähren - es ist ja kein großes Verlangen (435). Nach der Lehrstunde in Naturphilosophie nimmt Sokrates auf Anraten des Wolkenchors e ine Eingangsprüfung vor (478-496), d ie Strepsiades knapp ausreichend besteht und Sokrates dabei fast schon in den Wahnsinn treibt; letztlich kann er aber doch eine Antwort Vorbringen, die Sokrates zu gefallen weiß und dazu bring, ihn doch noch in seine Wohnung zum Unterricht hinter verschlossenen Türen zu führen (497-509, s. dazu Kap. 2.3). Nach der Parabase allerdings ist die Situation nahezu unverändert: Strepsiades hat sich offensichtlich nicht g erade mit Ruhm bekleckert, S okrates ist e rschüttert o b s olcher Unfähigkeit u nd ruft ihn aus der Wohnung (627-633). Auch in dem zweiten Durchgang sokratischer Lehrtätigkeit scheint Strepsiades seinem Ziel nicht näher zu kommen, stattdessen frag ihn Sokrates nach Versmaßen, Rhythmik und Grammatik (636-638)[16]. Strepsiades versteht die Begriffe jedoch nicht in ihrem technischen Zusammenhang, sondern bezieht sie immerzu auf seine bäuerliche Alltagswelt[17], was Sokrates nach und nach zur Weißglut bringt, b is er ihn letztlich sogar direkt beleidigt: άγρεΐος ε! και σκαιός (654)· Strepsiades gibt zu verstehen, dass e r auch nicht gekommen sei, um dergleichen zu lernen (655), u nd auf Nachfrage erklärt e r noch einmal sein Ziel, u nd zwar d as Erlernen der ungerechten Rede (657). D och mit dem Hinweis, dass vorher erst andere Dinge gelernt werden müssen, vertröstet S okrates ihn und klärt ihn in der folgenden Passage über die Verwendung des richtigen grammatikalischen Geschlechts auf ( 659-693)[18]. Doch 1 eider ist Strepsiades diesen Ausführungen geistig nicht gewachsen, und besonders das schlechte Gedächtnis gibt den entscheidenden Anstoß, von Sokrates der Schule verwiesen zu werden (783-790). Als ob dieser Misserfolg nicht reicht, bekommt er außerdem die Auswirkungen der rhetorischen Ausbildung zu spüren, die sein Sohn an seiner stat genießt, welche in der Verprügelungsszene ( 1321-1325) u nd ihrer Rechtfertigung münden:

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Ungeachtet d er s chlimmen Folgen und des mäßigen Erfolgs, d en Sokrates mit Strepsiades als S chüler hatte, kann man dem sophistischen Rede-Unterricht im Phrontisterion also ein gutes Zeugnis ausstellen, denn Pheidippides i st äußerst eloquent g eworden und weiß die rhetorischen Finten mit „ schlagendem Erfolg“ anzuwenden. Ein interessanter Nebenaspekt, der in den Sokrates-Stellen nicht explizit

angesprochen worden ist ( der Hauptverhandlungsort dieser Thematik ist der Agon der Gerechten und Ungerechten Rede), aber spätestens hier in s einer ganzen Tragweite virulent wird, ist e ine allzu bekannte Folgeerscheinung sophistischer Erziehung: das των καθεστώτων νόμων ύπερφρονεΐν (1400).

[...]


[1] S. P atzer, Andreas: Bibliographica S ocratica, F reiburg/München 1985.

[2] S. P atzer ( 1987), der einige der wichtigsten Beiträge in dem WdF-Band vereinigt.

[3] Wie man sich die S ituation mit d en beiden im Bett li egenden Männern und den zwei Häusern auf d er Bühne vorstellen mus, s. D over 1 968, LXX-LXIV.

[4] Dover ( 1968, io6f.) verweist auf V. íooof. in den Vögeln des Aristophanes, worin diese Vorstellung der Figur des Meton, der sowohl komische als auch historische Figur (und zwar Astronom) i st, zugeschrieben wird. Zum Ursprung dieser Vorstellung bei Hippon s. D over, a. a. O. und Patzer ( 1993, 7 5); zu Hippon allgemein s. Guthrie ( 1969, 3 54-358).

[5] Die folgende Passage (V. 143-179) untersucht j ochen Althoff ( 2007, 105-109) d etailliert auf ihren naturwissenschaftlichen Kontext und i hre komische Wirkung im Stück. Erbses ( 1954, 410-413) Analyse der P assage ist leider kaum zu gebrauchen, weil si e im Schatten einer nicht anders als abstrus zu nennenden Interpretation der Szene steht: der B ericht des Schülers stehe dafür, dass S okrates im Kreise s einer S chüler schlicht nicht verstanden wurde: „Aber b eobachten wir wohl: Wir hören lediglich den Bericht e ines S chülers, unverkennbar e ines Mannes, d er zum Kem der s okratischen Lehre nicht vordrang. Mit d er törichten Eitelkeit b eschränkter Geister klammer e r sich an die äußere Form des Gehören, an die leicht faßlichen Analogien, nicht 0 hne das i n seiner B eziehungslosigkeit rohe Wissen in eine allzu durchsichtige Geheimniskrämerei e inzuhüllen. D ies ganz i m Gegenteil zum Meister s elbst, d er d en Novizen i n raschen Schritten bis vor die Frage nach Gott und Göttern führt.“, Erbse ( 1954, 411). Vgl. zur B ewertung auch die Kritik Guthries ( 1971, 49h) und die Auseinandersetzung Dovers ( 1968, XLV), d er Erbses Theorie „one of the curiosities 0 f modern s cholarship“ nennt

[6] Die bekannte Anekdote i st i n Platons Thaítetos 174a überliefert; zu den Anspielungen auf T hales in den Wolken siehe Dover ( 1968, XXXVI) und Althoff (2007, io8f.), d er auch das schwierige κεχήνοτος zu erklären versucht: „I ch glaube, daß Sokrates vielmehr in s einer b erühmten Hängemate lag und entweder gar nichts tat und gähnte oder e infach mit 0 ffenem Mund s chlief, als ihm jenes Mißgeschick passierte.“ Diese Erklärung i st j edoch unbefriedigend, weil dem Schüler d amit grundlos eine falsche Darstellung unterstellt werden mus - der Witz beruht j a gerade auf der Ähnlichkeit zu Thaies, d er in Gedanken versunken in den Brunnen geht bzw. fällt 'Viel e infacher ist die Annahme, d ass d er Mund entweder auf e in berührtes Staunen oder, was wohl e her mit 'άσω zu vereinbaren ist, auf e ine gewisse leere Erwartungshaltung zurückzuführen ist S okrates weiß selbst nicht s 0 genau, was e r von s einer B eobachtung e rwarten s oll.

[7] S. zur E rläuterung der e inzelnen Szenen Althoff ( 2007, v 0-113).

[8] Der Ursprung dieser Theorie (und vieler weiterer im Stück behandelter Theoreme) li egt b ei D iogenes von Apollonia, s. Dover ( 1968, XXXVI), Althoff ( 2007, 113-117), Guthrie ( 1969, 3 63-381) und Geizer ( 1956, 6 8f.) mit dem Verweis auf die Entdeckung dieses Zusammenhangs und der Auflistung weiterer Anspielungen i m Zusammenhang mi d em Wolkenchor.

[9] Atheismus ist zwar d er geradezu übliche Vorwurf, der den Naturphilosophen und teilweise auch den Sophisten gemacht wurde, aber faktisch haben nur wenige die Existenz von Göttern explizit angezweifelt, vgl. die Ausführungen bei D over (1968, XXXVIII) und ausführlicher Guthrie ( 1969 III, 226-249). S. P atzer ( 1993, 7 7-80) mit Gedanken zur e rschreckenden Divinationsgabe des Aristophanes, d er den Asebie-Prazess gegen Sokrates i n graben Zügen bereits vorweggenommen zu haben s cheint. G enau genommen i st e s natürlich auch kein Atheismus, d er hier zur S prache kommt, s ondern nur e ine Entehrung und Schmähung der b ekannten Götter; i hrer statt werden die Wolken als n eue Götter e ingeführt.

[10] Vgl. Patzer ( 1993, 83t) und Althoff ( 2007, 119), d er diese Beschäftigungen aus der P erspektive des athenischen Durchschnittsbürgers b eschreibt.

[11] Einen kurzen Überblick gibt Dover ( 1968, XXXVII), ausführlicher Ueding ( 2005, 18-28), d etailliert Guthrie mit Vorstellung einzelner Vertreter ( 1969 I II, 176-225). Die Kritik Platons an den Sophisten wird hauptsächlich in den Dialog e n Gorgias, Protagoras (bes. ab 266ff.), Phaidros und Sophistes formuliert

[12] Die Bezahlung, die man für die Unterweisung bei d en Sophisten entrichten musste, ist geradezu ein Topos d er S ophisten- Kritik geworden und wird immer wieder in den Dialogen Platons kritisiert, vgl. b es. Apol. 19e und Krat. 2 82e; weitere Stellen bei D over ( 1968, XXXIV).

[13] Aristot Rhet II 1402323.

[14] Überliefert b ei D iogenes L aertios Di, 5 1.

[15] Diese S teile ist nur e ine von einigen weiteren, die gegen die Interpretation derer sprechen, die S okrates von j eglicher Schuld, jVrantwortung und Verbindung mit sophistischem Gedankengut in dem Stück freisprechen wollen (u. a. G elzer, Erbse, S chmid).

[16] Auch dieses Gebiet wurde von den Sophisten abgedeckt und offenbar mit ihnen assoziiert; in Hip. mai. 283d j edenfalls ordnet S okrates seinem Gesprächspartner Hippias dieses Interessensgebiet zu.

[17] S. dazu Kloss ( 2001, 127), der die Komik des Stückes hauptsächlich i n der „ Unvereinbarkeit verschiedener S prach- und Gedankenwelten“ wirken sieht; vgl, d azu auch Zimmermann ( 1991, 2 56-259) mit s oziologischer P erspektive.

[18] Platon weiß von einigen Sophisten zu berichten, die sich mit d er Orthoepeia befasst h aben, auf die mit dieser P assage angespielt s ein dürfte; am häufigsten wird Prodikos in diesem Zusammenhang genannt: in Euthyd. 2 77e bezeichnet Sokrates zur Aufmunterung des durch die S ophisten Dionysodoros und Euthydemos s chon ganz verwirrten Kleinias die Diskussion um die Bedeutung des Begriffs „lernen“ als S pielerei; weitere S teilen Kra. 384b, Apol. 19e, Char. 163d, Prot 3 37a ff. und Men. 9 6d. S . auch Guthrie ( 1969 III, 2 75-277) zum Verhältnis von Prodikos zu Sokrates/Platon. Auch Protagoras hat sich mit S emantik beschäftigt, s. E rbse ( 1954, 388-390).

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Sokrates in den "Wolken". Historische Figur oder literarisches Zerrbild?
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Klassische Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar Aristophanes: Wolken
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
27
Katalognummer
V211505
ISBN (eBook)
9783656751960
ISBN (Buch)
9783656751977
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Untersuchung der Frage, wie die Darstellung der Sokrates-Figur in der Aristophanes-Komödie "Die Wolken" mit dem Bild zu vereinbaren ist, das Platon, Xenophon und die anderen Sokrates-Schüler gezeichnet haben.
Schlagworte
Sokrates, Aristophanes, Alte Komödie, Sophisten, Platon, Mäeutik, Xenophon
Arbeit zitieren
Hans Lauritz Noack (Autor), 2013, Sokrates in den "Wolken". Historische Figur oder literarisches Zerrbild?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211505

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