Echtes Charisma? Die Herrschaft der Kims in Nordkorea im Spiegel von Max Webers Theorie der charismatischen Herrschaft


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2012
10 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Im April 2012 sorgte Nordkorea wieder einmal weltweit für Aufsehen: Zum einen mit dem Abschuss einer Langstreckenrakete, die nach rund 100 Kilometern ins Meer stürzte, zum anderen mit einer pompösen Militärparade durch die Straßen der Hauptstadt Pjöngjang. Sowohl der Raketenstart als auch die Parade wurden zu Ehren des 100. Geburtstags des Staatsgründers Kim Il Sung abgehalten, dessen Geburtstag auch der höchste Feiertag des Landes ist. Gleichzeitig sollte die Machtübernahme durch seinen Enkel Kim Jong Un gefeiert werden. Dieser hielt nach der Parade seine erste öffentliche Rede, in der er die Errungenschaften seines Großvaters wie auch seines Vaters Kim Jong Il rühmte.

Dieses Beispiel zeigt, dass bis heute Nordkoreas Selbstverständnis eng mit der Person seines Führers verbunden ist, selbst nach dessen Tod. Der Personenkult ist ein wesentliches Element der Machtausübung in Nordkorea. Er umgab ab 1948 den Staatsgründer Kim Il Sung, den man noch heute als "Großen Führer" und "Ewigen Präsidenten" verehrt. Es liegt nahe, mit Blick auf die Verehrung Kim Il Sungs von einer "charismatischen Herrschaft" im Sinne Max Webers zu sprechen. Kim Il Sungs Nachkommen werden dagegen häufig als weit weniger "charismatisch" beschrieben. Dennoch konnte sich Kim Il Sungs Sohn, Kim Jong Il, nach dessen Tod an der Macht halten und diese wiederum auf seinen Sohn und Nachfolger Kim Jong Un übertragen.

Dieser Essay möchte sich mit der Machtausübung in Nordkorea beschäftigen, wobei die zentrale Frage lautet: Handelt es sich bei Kim Il Sung und seinen Erben um charismatische Herrscher im Sinne Max Webers oder ist ihre Macht anders zu begründen?

Zunächst soll auf die offensichtlichsten Aspekte der Machtausübung in Nordkorea eingegangen werden: auf den Personenkult wie auch auf die Eingriffe des Staats in den Alltag der Nordkoreaner. Anschließend werden diese Aspekte mit der Machttheorie von Max Weber in Verbindung gesetzt, indem ein Vergleich zwischen Max Webers charismatischem Herrschaftstypus und den Machthabern Nordkoreas angestellt wird.

Der Personenkult wird in Nordkorea in vielfältiger Weise praktiziert. Wichtige Aspekte sind dabei die ständige Präsenz des Führers und das Sichtbarmachen von Macht sowie die symbolische Aufladung und Überhöhung der Führer-Figur.

Stets präsent ist Kim Il Sung, der noch fast zwanzig Jahre nach seinem Tod als Gründungsvater des Landes tief verehrt wird. Sein Porträt ziert die Wände öffentlicher wie privater Gebäude und Zimmer, seine Denkmäler stehen in allen Teilen des Landes, bei Paraden wird sein Bild in überdimensionaler Größe mitgeführt. Jeder Nordkoreaner muss eine Anstecknadel mit dem Porträt des "Großen Führers" tragen; so begleitet Kim Il Sung jeden einzelnen durch den Tag.[1] Gerade durch Benennungen wie "Großer Führer", "Vater" oder "Ewiger Präsident" erfuhr und erfährt die Person Kim Il Sungs eine ständige symbolische Aufladung – er war nicht einfach ein rein politischer Anführer und Staatsoberhaupt, sondern er verkörpert den ideellen Vater und revolutionären Befreier der Nordkoreaner. Er gilt als Held im Kampf gegen die japanischen Besatzer: Als Partisan kämpfte er in den 1930er und 1940er Jahren erfolgreich für die Freiheit seines Volkes. Während seiner Herrschaft schuf er mit seiner Juche -Theorie eine "Ideologie der Selbstständigkeit oder Autarkie, die Koreas Unabhängigkeit in allen Lebensbereichen befürwortet" und schuf damit selbst die Legitimation für die besondere Staatsform Nordkoreas.[2] Sowohl Kim Il Sung als auch seine Ideen sind quasi unsterblich: Nach seinem Tod blieb der Titel des Präsidenten von Nordkorea ehrenhalber bei Kim Il Sung; sein Sohn und Nachfolger Kim Jong Il begnügte sich damit, Generalsekretär der Arbeiterpartei zu sein.

Kim Jong Il stand nicht nur bei der Postenvergabe im Schatten seines Vaters. Auch auf offiziellen Porträts ist er häufig mit seinem Vater abgebildet; bis zu seinem Tod existierten keine öffentlichen Standbilder von ihm. Peter Schaller beschreibt Kim Il Sung als "Gott, der keine anderen Götter neben sich duldet".[3] Erst im Februar 2012 wurde in einer posthumen Feier seines 70. Geburtstages ein monumentales Reiterstandbild Kim Jong Ils enthüllt - selbstverständlich reitet ihm sein Vater Kim Il Sung voraus.[4] Am selben Tag wurde Kim Jong Il auch der Ehrentitel "General der Generäle" verliehen, der ihn "laut den Staatsmedien auf einer Stufe mit seinem Vater und Vorgänger Kim Il Sung" stehen lässt.[5] Posthum scheint die "Vergöttlichung" Kim Jong Ils möglich, angeblich um die Rolle Kim Jong Uns, des neuen Staatsoberhaupts Nordkoreas, zu stärken: "Kim Jong Uns Vater und Großvater als Götter darzustellen, ist wichtig für ein Regime, das auf Erbfolge beruht", wird ein Nordkorea-Experte auf Spiegel Online zitiert.[6] Kim Jong Un jedenfalls verweist stets auf die Verdienste seines Großvaters und seines Vaters und gibt sich selbst bescheiden. Seit seinem Geburtstag darf sich der jüngste Kim immerhin mit dem Titel "Genie der Genies" schmücken.[7]

[...]


[1] Vgl. Peter Schaller (1994). Nord Korea. Ein Land im Banne der Kims. Böblingen: Tykve, 17-18, und Bernhard Bartsch. "So schön ist Nordkorea". 8. April 2011. <http://www.bernhardbartsch.de/archiv/so-schon-ist-nordkore/> [Aufgerufen am 20. April 2012].

[2] Suk-Young Kim. "Des toten Vaters lebender Körper. Kim Il-Sungs Keimtheorie und die nordkoreanischen Künste." In: Albrecht Koschorke, Konstantin Kaminskij (Hg.). Despoten dichten. Sprachkunst und Gewalt. Konstanz: Konstanz University Press, 217.

[3] Schaller, 102.

[4] Vgl. "Kim Jong-il statue unveiled in North Korea". Daily Telegraph. 14. Februar 2012. <http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/asia/northkorea/9081742/Kim-Jong-il-statue-unveiled-in-North-Korea.html> [aufgerufen am 29. April 2012].

[5] "Geburtstag von Kim Jong Il. Eine Statue für den "Generalissimus"."Spiegel Online. 16. Februar 2012. <http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,815579,00.html> [Aufgerufen am 29. April 2012].

[6] Ebd.

[7] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Echtes Charisma? Die Herrschaft der Kims in Nordkorea im Spiegel von Max Webers Theorie der charismatischen Herrschaft
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Phänomenologie der Macht
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
10
Katalognummer
V212601
ISBN (eBook)
9783656403975
ISBN (Buch)
9783656408413
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
echtes, charisma, herrschaft, kims, nordkorea, spiegel, webers, theorie
Arbeit zitieren
B.A. Stefanie Eck (Autor), 2012, Echtes Charisma? Die Herrschaft der Kims in Nordkorea im Spiegel von Max Webers Theorie der charismatischen Herrschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212601

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