Welche Rolle hatten der Journalismus und die Reportage für die Chicagoer Schule der Stadtethnographie?

Ein Vergleich zweier Stadtreportagen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Welche Rolle hatten der Journalismus und die Reportage für die Chicagoer Schule der Stadtethnographie?
2.1. Die Chicagoer Schule der Stadtethnographie
2.2. Robert Ezra Park
2.3. Die Rolle des Journalismus und der Reportage für die Chicagoer Schule der Stadtethnographie

3. Vergleich zweier Stadtreportagen
3.1. Historische Einordnung der Reportagen und Vorstellung der Autoren
a) Mark Twain (1897): Die Stadt der Farben und der Schwarze Tod
Bombay
b) Franz Kafka (1911): Die gestrichelte Stadt. Paris
3.2. Stadtbeschreibung, -wahrnehmung und das Verhältnis zur Stadt
3.3. Interpretation und die Perspektive der Autoren auf die Stadt
3.4. Vergleich der Stadtvorstellungen

4. Literaturangabe

5. Anhang

1. Einleitung

Zu Beginn dieser Arbeit wird erörtert, welche Rolle der Journalismus und die Reportage für die Chicagoer Schule der Stadtethnographie spielten. Hier soll auf den Mitbegründer Robert E. Park besonders eingegangen werden. Die University of Chicago nahm 1896 ih­ren Lehr- und Forschungsbetrieb auf. Als Park seine Lehrtätigkeit an der Chicagoer Schule der Stadtethnographie begann, war er schon mehrere Jahre im Journalismus tätig gewesen. Diese Erfahrungen und das dort gelernte Wissen prägten seine spätere Lehre enorm.

Im Anschluss wird ein Vergleich von zwei Stadtreportagen ausgearbeitet. Dies geschieht im Bezug auf die Stadtwahrnehmung, -beschreibung und der Perspektive auf die Stadt, welche die Autoren einnehmen. Zuvor werden die beiden Stadtreportagen historisch und gesellschaftlich kontextualisiert. Die beiden Stadtreportagen, die ausgewählt wurden, sind von Franz Kafka und Mark Twain. Kafka weilte im Jahr 1911 mit seinem engen Freund Max Brod im Rahmen einer Europareise einige Zeit in Paris und verfasste dort mehrere Anekdoten über die Stadt in Form einer Art Reisetagebuch. Mark Twains Ausflug nach Bombay in den Jahren 1895/96 war Teil seiner letzten große Reise, die er als bezahlter Vortragsreisender unternahm. Die Zeit in Bombay war eine Zwischenstation auf dem Weg von Australien und Neuseeland nach Südafrika. Abschließend wird ein Vergleich ange­stellt, inwiefern sich die Stadtvorstellungen der beiden Literaten ähneln und in welchen Aspekten sie sich widersprechen.

2. Welche Rolle hatten der Journalismus und die Reportage für die Chicagoer Schule der Stadtethnographie?

Um diese Frage zu klären, muss vorerst die Chicagoer Schule der Stadtethnographie vor­gestellt werden. Hierbei wird zum einen die historische, zum anderen die methodische Entwicklung beschrieben.

2.1. Die Chicagoer Schule der Stadtethnographie

Im Jahr 1892 nahm die University of Chicago ihren Lehr- und Forschungsbetrieb auf. Der damalige Dekan des Soziologie-Departments war Albion W. Small, der die Stadt 1896 als ein „sociological laboratory“ (Deegan 2007: 17) bezeichnete. Dies kann vielleicht als grundlegendes Axiom der Chicagoer Schule der Stadtethnographie verstanden werden. Albion W. Small war ein alter Studienfreund Georg Simmels und übersetzte einige seiner Werke ins Englische. Smalls Forschungsprogramm lehnte stark an europäische Sozialtheo­rien an, was auf seine Studienzeit in Berlin und Leipzig zurückzuführen ist (Rühl 2011: 134). Hierbei wurde besonders auf Simmels Theorien zurückgegriffen: „[...] seine Dialek­tik zwischen Individuum und Gesellschaft, seine Vorstellungen und Konzepte des Frem­den, der Sozialisation, der sozialen Differenzierung, der Armut, sozialer Konflikte und der Humankommunikation (als Interaktion).“ (Rühl 2011: 134).

Albion W. Small gründete das American Journal of Sociology, in welchem Robert E. Park und Ernest W. Burgess 1921 die Publikation Introduction to the Science of Sociology he­rausgaben, welches schnell zum Standardwerk avancierte. Es war das erste sozialwissen­schaftliche Lehrbuch in den USA und wurde auch unter dem Titel „the green bible“ (Dee- gan 2007: 19) gehandelt. Dieser Titel kann ansatzweise veranschaulichen, welchen Stel­lenwert das Buch für die Sozialforschung hatte und bis heute hat.

Die Hochphase der Chicagoer Schule der Stadtethnographie fand unter Robert E. Park statt, welcher nun vorgestellt werden soll.

2.2. Robert Ezra Park

Um die Rolle des Journalismus und der Reportage für die Chicagoer Schule der Stadteth­nographie zu ergründen, muss vorerst ein Blick auf die Biografie eines Mit-Begründers der Chicago School geworfen werden: Robert Ezra Park. Schon im Alter von 18 Jahren ent­deckte Park seine Liebe zum Schreiben (Christmann 2007: 12), begann dann ein Ingeni­eursstudium, welches er aber bald aufgab um an der University of Michigan Philosophie, Philologie und Geschichte zu studieren (Christmann 2007: 12). Er belegte Kurse bei John Dewey, der eine prägende Figur für ihn darstellen wird. Direkt nach dem Studium wurde Park vom Minneapolis Journal als Journalist angestellt (Christmann 2007: 12).

Die nächsten Jahre verbrachte er als Journalist in New York, wo er auch als Gerichts- und Polizeireporter tätig war. „Im Wesentlichen widmete ich mich [...] der Erkundung und Be­schreibung des Lebens in der Stadt. [...] Diese Tätigkeit bedeutete den Beginn meines In­teresses an der Soziologie, obschon ich damals das Wort noch gar nicht kannte.“ (Christmann 2007: 12). Schon hier wird deutlich, dass das journalistische Interesse Parks ganz elementar seine spätere Forschungstätigkeit begründete. Doch auf diesen Aspekt soll später eingegangen werden.

Später lebte Park erst in Detroit, dann in Chicago. Er schrieb für verschiedene Zeitungen, unter anderem für die Detroit Tribune, die Detroit News und später für das Chicago Jour­nal. 1898 ging Park nach Harvard und setzte dort seine akademische Ausbildung fort (Christmann 2007: 14). Er reiste nach Deutschland, um dort unter anderem Vorlesungen von Simmel beizuwohnen, und kehrte schließlich Anfang des 20. Jahrhunderts (1903) wie­der in die USA zurück. Ihm wurde ein Angebot für einen Lehrauftrag am Department of Sociology der Universität Chicago angeboten, doch Park entschied sich dagegen und arbei­tete die nächsten Jahre als Presseagent des afroamerikanischen Bürgerrechtlers und Be­gründer des Tuskegee Normal and Industrial Institut, Booker T. Washington, der ihn an­regte, die Situation von Schwarzen in den USA zu untersuchen. In dieser Zeit machte Park seine ersten Erfahrungen im Gebiet der Soziologie. 1912 lernte Park bei einer internationa­len Konferenz William I. Thomas kennen, einen Professor für Soziologie an der University of Chicago. Park folgte seiner Einladung nach Chicago und arbeitete ab 1913 regelmäßig als Lecturer am Chicagoer Department of Sociology. Währenddessen publizierte er mehre­re Schriften und erwarb bald große Anerkennung in Fachkreisen (Christmann 2007: 18).

1923 wurde Park schließlich zum ,Full Professor’ ernannt. Zusammen mit seinem Kolle­gen Emest W. Burgess führte er nun zahlreiche Forschungsprojekte. Neben seiner Lehrtä­tigkeit reiste Park auch zu Forschungen ins Ausland und hielt mehrere Ämter inne (Christmann 2007: 19). Auch nach seiner Emeritierung 1934 forschte Park weiter und bot an verschiedenen Universitäten Lehrveranstaltungen an. Bis zu seinem Tod 1944 stand er im ständigen Kontakt mit Kollegen und Schülern.

2.3. Die Rolle des Journalismus und der Stadtreportage für die Chicagoer Schule der Stadtethnographie

Während der industriellen Revolution Anfang des 20. Jahrhunderts wuchsen mit der Be­völkerung auch die sozialen Probleme in den USA. Dazu kam Korruption in der Wirtschaft und soziale Ungerechtigkeit. Wichtige Akteure zu dieser Zeit stellten die Journalisten dar, welche diese Probleme beschrieben und veröffentlichten (Gallagher 2006: 4). Die Grund­steine für investigativen Journalismus, welcher für die Chicagoer Schule der Stadtethno­graphie große Bedeutung und immensen Einfluss haben wird, waren gelegt. Die Journali­sten waren zur Zeit der Jahrhundertwende mit am besten eingebunden in die Stadt und verfügten über ein enormes „Anschauungswissen über die große Stadt“ (Lindner 1994: 55). Ein großer Trend dieser Zeit war der muckraking-Journalismus[1], der große Über­schneidungen mit ethnographischen Forschungsmethoden aufweist, wie beispielweise das akribische Vorbereiten und Informieren (Gallagher 2006: 4). Der Veröffentlichung geht eine intensive und umfassende Recherche voraus.

Auch Rollenreportagen waren zu dieser Zeit (um die 1880er Jahre) gängige Form des Jour­nalismus. Erstmals wurden verdeckte teilnehmende Beobachtungen zu Papier gebracht (Lindner 1994: 54). Hier wird ganz eindeutig der Einfluss auf Parks spätere Lehre sichtbar. Er selbst und auch spätere Lehrende an der Chicagoer Schule der Stadtethnographie hielten die Studenten dazu an, „das Studierzimmer zu verlassen und sich in das ungesicherte Ter­rain des ,wirklichen Lebens’ zu begeben, sich, im wahrsten Sinne des Wortes, Erfahrungen auszusetzen.“ (Lindner 1994: 53). Auch die Reporter waren auf der Straße unterwegs, setz­ten sich den Erfahrungen auch körperlich aus und traten in Kontakt mit Menschen. Parks Präferenz für die Methode der Beobachtung kann auch vor diesem Hintergrund seiner Re­porter-Vergangenheit erklärt werden. Er erkannte durch das Anwenden journalistischer Recherchemethoden, dass für eine Erforschung der sozialen Wirklichkeit der Zugang als Beobachter nützlich und ergiebig sein kann (Christmann 2007: 30). Manfred Rühl schreibt dazu: „Wichtig für Parks Recherchevorstellungen waren Einfallsreichtum und Findigkeit, die in Wissenschaft und Praxis oft gebraucht werden.“ (Rühl 2011: 138). Gerade diese Eigenschaften haben auch gute Reporter. Doch auch auf andere, für Reporter notwendige, Methoden, legte Park später als Soziologe bei seinen Studenten großen Wert. Die ,Undercover-Recherche’ beispielsweise, die oftmal auch körperliche Erfahrungen mit sich bringen kann: „This was one of the great thrusts in Chicago, because people had to get out and if they wanted to study opium addicts, they went to the opium dens and even smoked a little opium maybe.“ (Lindner 2007: 63). Solche Erfahrungen sind niemals durch reine Schreibtischarbeit ersetzbar oder erfahrbar.

[...]


[1] to muckrake = im Dreck herumwühlen

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Welche Rolle hatten der Journalismus und die Reportage für die Chicagoer Schule der Stadtethnographie?
Untertitel
Ein Vergleich zweier Stadtreportagen
Hochschule
HafenCity Universität Hamburg  (Kultur der Metropole)
Veranstaltung
Geschichte und Kultur der Metropole/Anthropologie der Stadt II
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V213656
ISBN (eBook)
9783656421665
ISBN (Buch)
9783656422693
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Chicago School, Journalismus, Reportage, Stadtreportage, Twain, Kafka, Paris, Bombay, Robert Ezra Park, Stadtethnographie
Arbeit zitieren
Janina Waschkowski (Autor), 2011, Welche Rolle hatten der Journalismus und die Reportage für die Chicagoer Schule der Stadtethnographie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213656

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