Marshall McLuhan: Wer er war, wer er wurde


Seminararbeit, 2008

22 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Kindheit und Jugend

2. Ausbildung und geistige Einflüsse

3. Akademische Laufbahn

4. Der Aufstieg von Kanadas „geistigem Kometen“

5. Geistige Erben und Kritiker
5.1. Center for Medieval Studies / McLuhan Program in Culture and Technology
5.2. Knowledge Media Design Institute (KMDI)

6. Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

HERBERT MARSHALL McLUHAN wurde am 21. Juli 1911 in Edmonton, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Alberta, geboren. Seine Vorfahren väterlicherseits stammten aus Irland und Schottland, mütterlicherseits aus England[1]. Diese Vorfahren hatten sich ursprünglich im Osten Kanadas niedergelassen, wo auch McLuhans Eltern

geboren wurden – zogen später nach Alberta um, wo sie billig Land erwerben konnten.

Die Provinz Alberta trat erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem 1867 für autonom proklamierten Bundesstaat Kanada (Dominion of Canada) bei. Bis zum Zweiten Weltkrieg war die Provinz wegen ihrer fruchtbaren Prärien hauptsächlich landwirtschaftlich ausgerichtet. Auch heute stellt sie zusammen mit den benachbarten Provinzen Saskatchewan und Manitoba eines der ausgedehntesten Weizenanbaugebiete der Erde dar. Erst als 1947 große Ölvorkommen in Alberta entdeckt wurden, begann die industrielle Entwicklung der Provinz; Edmonton wurde in den 50er Jahren zum Zentrum der kanadischen Ölindustrie.

Ein Herkunftskomplex spielte für die Laufbahn des weltberühmten Wissenschaftlers eine Rolle: Zumindest den Vorteil habe es, „wenn man aus dem tiefsten Westen kommt“, ermunterte sich McLuhan in späteren Interviews selbst: „Man lebt nicht in der Illusion, Bildung mitbekommen zu haben.“[2]

McLuhans Briefe und Tagebuchaufzeichnungen belegen, dass er sich allerdings schon in frühen Jahren mit Leidenschaft Bildung anzueignen begann: Er las schöngeistige Literatur vom Stapel, lernte täglich drei neue Fremdwörter und versuchte sie in Gesprächen anzuwenden. So entwickelte sich der hagere Jüngling zu einem allseits gefürchteten Diskussionsanzettler. Dennoch wurde er einen leicht provinziellen Anstrich sein Leben lang nicht los.

1. Kindheit und Jugend

Marshals Vater Herbert Ernest McLuhan verzichtete, als er zusammen mit seiner jungen Braut Elsie Naomi, geborene Hall, 1910 nach Edmonton zog, auf eine Zukunft als Farmer nach Familientradition. Die Stadt erlebte damals gerade ihre erste goldene Zeit und die Einwohnerzahl wuchs fortdauernd. Herbert stieg ins Immobilienbusiness ein und war darin erfolgreich. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kollabierte das Geschäft über Nacht und Herbert wurde in die Armee eingezogen. Nach einer Influenzaerkrankung wurde er 1915 aus der Armee entlassen und übersiedelte mit seiner Frau und seinen mittlerweile zwei Söhnen in die damalige Finanzmetropole Winnipeg (Manitoba). Dort wurde er Versicherungsverkäufer und schaffte es binnen kürzester Zeit ein großes Haus in einem guten Viertel der Stadt zu kaufen. Allerdings erschöpfte dieser Erfolg seinen beruflichen Ehrgeiz. Herberts Lebensträume beschränkten sich auf ein gemütliches Heim, eine liebe Frau und eine nette Nachbarschaft.

Die Mutter Elsie Naomi McLuhan war sehr stolz auf ihre englische Herkunft aus Bristol. Ihre Vorfahren hatten sich noch im 18. Jahrhundert an der Ostküste Kanadas niedergelassen. Sie selbst wurde in Nova Scotia geboren; absolvierte als junge Frau die dortige Acadia University in Wolfville und wurde Lehrerin. Nach ihrer Heirat und nach der Geburt ihrer beiden Söhne, Marshall und Maurice Raymond (1913),suchte sie nach weiteren intellektuellen Herausforderungen und schloss 1921 einen einjährigen Englischkurs an der University of Manitoba in Winnipegab. Sie nahm auchSprachkunstunterricht in der Alice Leone Mitchell School of Expression und entdeckte so ein Metier, in dem sich ihre kreative Neigung voll entfalten konnte. Zuerst sammelte sie die Nachbarkinder, die mit ihren Söhnen befreundet waren, um sich und erzählte ihnen Geschichten, dannbegann sie als Deklamatorin bei unterschiedlichen Veranstaltungen Geld zu verdienen.

Die Vortragskunst genoss damals hohes Ansehen in Kanada, durch die Verbreitung des Radios verlor sie aber langsam an Bedeutung. Dennoch wurde die ehrgeizige Elsie McLuhan erfolgreich in diesem aussterbenden Beruf, der ihr auch die Möglichkeit gab, dem unbefriedigenden Familienleben für immer größere Zeiträume zu entfliehen.Ab 1922 arrangierte sie Tourneen durch ganz Kanada und überlies ihre Familie einer Haushälterin. Bei ihren Rückkehren herrschte immer nur ein oder zwei Tage Glück, bevor der Streit wiederholt ausbrach. Selbst der emotionellen Gewalt ihres Vatershauses jahrelang ausgesetzt gewesen, konnte Elsie sehr hart nicht nur zu ihrem Mann sondern auch zu ihren Söhnen sein. Andererseits brachte sie den dreien sehr großzügige Geschenke von ihren Tourneen mit. Sie spielte oft mit ihren Söhnen Tennis oder Pingpong und ging gern mit ihrem Mann tanzen. Oder wie esMaurice McLuhan ausdrückte: „Mutter war nicht einfach als Person.“[3] Nach 1933 kehrte Elsie nicht mehr nach Winnipeg zurück.

Marshall – „Mars” für seinen rothaarigen Bruder Maurice (genannt „Red”), „Marsh“ oder „Mac“ für alle anderen – liebte es, mit seiner Mutter zu diskutieren und mit ihr gemeinsam ihr Repertoire, das hauptsächlich englische Literatur des 18. Jahrhunderts enthielt, zu rezitieren. Wenn sie unterwegs war,schrieb er ihr ausführliche Briefe und berichtete ihr über seine täglichen Aktivitäten und die Bücher, die er gerade las.Auch wenn Elsie McLuhan nach den damaligen Vorstellungen keine vorbildliche Mutter war, war ihr Einfluss maßgebend für die Entwicklung ihrer beiden Söhne. Beeindruckt von Elsies Worten, die oft in Aufregung ihren Mann wegen dessen Mangel an Ehrgeiz einen Schwächling nannte, verhielt sich Marshall eher distanziert zu seinem Vater. Schon in jungen Jahren fasste der zukünftige Wissenschafter den Entschluss, ein bedeutender Mann zu werden und die Rolle eines Bildungsaristokraten zu übernehmen.

2. Ausbildung und geistige Einflüsse

Die ehrgeizige Elsie wollte die beste Ausbildung für ihre Söhne. Man hörte sie oft sagen, dass sie sich wünsche, dass sie Präsidenten von bedeutenden Universitäten werden.

1928 begannMarshallMcLuhan sein Studium an der University of Manitoba; anfangs entschied er sich für technische Wissenschaften. Baldmerkte er aber, dass er einen Fehler gemacht hatte und wechselte ein Jahr später zur englischen Literatur. Die englischen Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton und Thomas Babington Macaulay waren die literarischen Helden seiner jungen Jahre. Chesterton sollte auch später einen großen Einfluss auf McLuhans Leben ausüben.

CHESTERTON, Gilbert Keith, englischer Schriftsteller, *1874 in London, +1936 in Beaconsfield. Seine Literaturausbildung bekam er auf dem King’s College in London. Ab 1896 arbeitete er als Journalist für Londoner Zeitungen, wobei er überaus produktiv war.

Von 1900 an veröffentlichte er mehr als hundert Bücher, darunter Essays und literaturkritische Arbeiten, ebenso Detektivgeschichten und phantastische Romane. Der aus kirchenfremder Familie stammende Chesterton wurde nach einer schweren inneren Krise praktizierender Anglikaner. 1922 ließ er sich, unter großer Anteilnahme der Medien, in die Römisch-katholische Kirche aufnehmen. Er bekämpfte Sozialismus ebenso wie Kapitalismus, warnte schon früh vor Hitler und anderen Bedrohungen der Demokratie. Starken Einfluss übte der im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts populärste englische Autor nicht nur auf seine Zeitgenossen, sondern auch auf heutige Soziologen, Politologen, Philosophen und Theologen.[4]

1931 entdeckte Marshall auch die Romanciers William Makepeace Thackeray and Robert Louis Stevenson.Er spezialisierte sich in der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts, las auch die amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson und George Santayana , ebenso Friedrich Nietzsche und Anatole France.

Die University of Manitoba war damals mit etwa 3.500 Studierenden Kanadas drittgrößte Universität. Der Unterricht in englischer Literatur hatte hauptsächlich mit den unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Voraussetzungen der Studierenden zu kämpfen und es blieb keine Zeit auf aktuelle ästhetische Diskussionen einzugehen.In den von McLuhan hinterlassenen Dokumenten in National Archives of Canada in Ottawasind zwei Tagebücher aus den Jahren 1930 und 1931 erhalten. Im ersten schrieb er jeden Tag über seine Aktivitäten, Interessen, Gedanken und Gefühle. Das zweite ist nicht so ausführlich und weniger persönlich. Den Tagebüchern zufolgefühltesich McLuhan in seiner Alma Materhoffnungslos unterfordert: Es fehlte ihm an Gesprächspartnern, die es an Wissen und Diskussionslust mit ihm aufnehmen konnten.Er schrieb, dass ihn die Erzählungen eines seiner Professoren über Yale University (Connecticut/USA) und Harvard University (Massachusetts/USA) deprimiert hatten, weil ihm der Unterschied zu seiner Heimatuniversität bewusst wurde.Dennoch verschaffte sich der spätere Medienforscher in seinen ersten Studienjahren solide Wissensgrundlagen nicht nur in Englisch, sondern auch in Geschichte und Philosophie, ebenso in Ökonomie und Psychologie. Für seine Medienuntersuchung lehnte er später den konventionellen historischen bzw. philosophischen Zugang ab; das geschah aber nicht aus mangelnder Sachkenntnis, wie ihm manche vorwarfen.

Aus seinen damaligen Tagebuchnotizen kann man ebenso entnehmen, dass McLuhan nicht nur ein Bücherwurm war, sondern auch ein aktives Leben führte. Er betrieb sehr gern Sport, spielte Hockey und Baseball und kaufte zusammen mit Freunden ein altes Segelboot. Sie renovierten es und segelten damit im nahen Fluss Red River.McLuhan erkannte schon als angehender Student, dass er zum Brüten in stillen Kammern nicht geschaffen war, sondern dass seine Ideen erst in Gesprächen Gestalt annahmen.Er dachte oft über Moral und Religion nach und besprach diese Themen mit seinen Freunden oder auch mit seinem Vater. Herbert McLuhan hatte sich, angeregt durch seinen Sohn, verstärkt mit Psychologie und Ökonomie auseinander gesetzt. Er besuchte Vorlesungen und wandte das Gelernte in seiner Arbeit für die Versicherungsgesellschaft an. Auch wenn Marshall zunehmend die Diskussionen mit seinem Vater genoss, die eher ein friedlicher Austausch von Ideen waren, blieb er weiterhin kritisch ihm gegenüber, vor allem wegen Herberts Nachlässigkeit bezüglich Zeit, Kleidung und Verwertung von Ideen. Marshall führte genaues Buch über seine finanziellen Ausgaben und hielt sich an einen strikten Zeitplan.

Dennoch ging er auch zu Partys, Konzerten und Tanzabenden, wo er junge Frauen traf. Es war seine Mutter, die ihn auf interessante Mädchen aufmerksam machte oder diese sogar zu sich nach Hause einlud, um sie mit ihrem Sohn bekannt zu machen.

[...]


[1] Im McLuhans Anmeldeformular für die Cambridge University von 22. 01. 1934 steht: „Nationality: Irish - Canadian“

[2] DOBBS, Kildare: What did You say, Professor?, Star Weekly, 10. März 1962, zitiert nach: MARCHAND, Phillip: Marshall McLuhan. The Medium and the Messenger, Toronto 1989, S. 30

[3] McLUHAN, Stephanie: Film über Marshall McLuhan: „The man and his Message”, McLuhan Production in association with the Canadian Broadcasting Corporation, Toronto 1984

[4] KRANZ Gisbert, Biographisch – bibliographisches Kirchenlexikon, Band XIV., Spalten 864-875, Bautz 1998

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Marshall McLuhan: Wer er war, wer er wurde
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Religionspädagogik / Mediendidaktik)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V213863
ISBN (eBook)
9783656424819
ISBN (Buch)
9783656433576
Dateigröße
2178 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
marshall, mcluhan
Arbeit zitieren
Valia Kraleva (Autor), 2008, Marshall McLuhan: Wer er war, wer er wurde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213863

Kommentare

  • Gast am 22.5.2013

    Viele neue Aspekte vom Leben und Werdegang eines außergewöhnlichen Forschers in einem interessanten Forschungszweig.

    thoru

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Titel: Marshall McLuhan: Wer er war, wer er wurde



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