Über das Trauma im Trauma bei Art Spiegelmans "MAUS"


Seminararbeit, 2012
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Literatur als Mahnmal

2. Das Trauma im Trauma bei Art Spiegelmans MAUS
2.1 Wladek Spiegelmans Trauma
2.2 Art Spiegelmans Trauma
2.3 Das Vater-Sohn-Verhältnis

3. Ein Zeichen der Solidarität

Literaturverzeichnis

1. Die Literatur als Mahnmal

Vor wenigen Wochen sorgte ein antisemitischer Übergriff in Berlin bundesweit für großes Entsetzen. Ein Rabbiner soll vor den Augen seiner sechsjährigen Tochter bru- tal verprügelt worden sein. Die Täter - vier junge Männer arabischer Herkunft - drohten der Tochter mit dem Tod und ergriffen schließlich die Flucht.1 Wer glaubt, dass dieser Anschlag ein Einzelfall ist, der irrt. Insgesamt zählt das Landeskriminal- amt 132 antisemitische Taten allein im vergangenen Jahr. Experten gehen zudem davon aus, dass es „wie in anderen Fällen von Hasskriminalität eine hohe Dunkelzif- fer gebe.“2 Eine erschreckende Bilanz für ein Land mit einer so dunklen Vergangen- heit in Bezug auf den Antisemitismus wie Deutschland. Dass, sich einige Deutsche dann aus der Verantwortung stehlen, mit der Begründung, dass es sich bei den Tätern ja um Ausländer handele, ist ein vernichtendes Armutszeugnis. So äußerte sich etwa ein User im Internet zu diesem Fall wie folgt: „Zum Glück waren es keine Deut- schen, wenn da noch ein Deutscher kurze Haare gehabt hätte, wäre das Geschrei wieder groß gewesen, aber bei Ausländern ist das schon in Ordnung, ist ja nur ihr südländisches Temperament...“3

Die Fragen, die mit einer solch verwerflichen Sichtweise einmal mehr an die Oberfläche treten, sind: Lässt sich eine Gewalttat relativieren - ist sie weniger von Bedeutung, wenn man selbst nicht Täter ist? Kann man sich aus der Verantwortung ziehen, indem man den Zeigefinger auf „den anderen“ richtet? Und zu guter Letzt, wie immer die Frage: Haben wir nichts aus der Vergangenheit gelernt?

Wenn es nach Paul Pavel geht - Art Spiegelmans Psychiater - dann „haben sich die Menschen nicht geändert.“4 Und so provokativ wie zynisch seine Aussage „Vielleicht brauchen sie einen neuen, größeren Holocaust“5 auch klingen mag - sie beinhaltet eine Rechnung, die in ihrer Schonungslosigkeit fast ans Unerträgliche grenzt, weil sie nicht aufgeht: Sechs Millionen ermordete Juden sind scheinbar nicht genug um dem Antisemitismus ein Ende zu setzen. Was tun?

So wie viele Zeitzeugen, reiste auch der Auschwitz-Überlebende Henryk Mandel- baum jahrelang in die ehemaligen Konzentrationslager und berichtete von den Gräueltaten der Nazis. Er legte insbesondere großen Wert darauf, dass junge Menschen von dem Holocaust erfahren: „Man muss das doch alles wissen, man muss doch wissen, wie lange sind die Leute gewesen in die Gaskammer. Man muss wissen, wie lange sie haben gebrennt in die Ofen“.6

Man muss aber auch wissen, dass die Überlebenden des Holocaust uns nicht mehr lange an ihren Erfahrungen Teilhaben lassen können. Die meisten waren im erwachsenen Alter, als sie aus Auschwitz entkamen (Kinder sowie alte Menschen wurden bekanntlich unmittelbar nach ihrer Ankunft vergast). Es gilt also eine Form der Tra- dierung zu finden, in der die Erinnerungen der Zeitzeugen sie selbst überdauern, in der die Überlebenden, in ihrer Funktion als Erzähler unsterblich werden und in der sie ein schriftliches Mahnmal für alle nachkommenden Generationen errichten.

Die Literatur des Holocaust hat sich seit dem Ende des zweiten Weltkriegs zu einem Genre etabliert, das heute weder aus Kultur noch Wissenschaft wegzudenken wäre. Authentisch wie bei Anne Frank oder formvollendet wie bei Bernhard Schlink - kennt die Darstellung der Shoah keine künstlerischen Grenzen. Art Spiegelman hat die Literatur des Holocaust auf ganz besondere Weise bereichert: Mit einem Comic - ein zu seiner Zeit eher ungewöhnliches Medium der Geschichtsdokumentation im Allgemeinen und des Überlebensberichtes im Besonderen.

Im Folgenden geht es um das Trauma, das Spiegelman mit der Arbeit an sei- nem Comic MAUS erfährt oder viel mehr das Trauma, das er mit Hilfe seines Comics erst verarbeitet.

2. Das Trauma im Trauma bei Art Spiegelmans MAUS

Dass Art Spiegelman seinen traumatischen Erfahrungen als sogenannter Second Generation Holocaust Survivor oft mit bitterer Ironie begegnet, kommt in folgender Anekdote zum Ausdruck:

I was invited as a guest to one of these Second Generation groups to respond to some film by a child of survivors, so I did. Afterwards, a woman got up to make an announcement, saying that the Second Generation singles party was going to be held at Temple Emmanuel six weeks later. I realized, “Wow, this is a problem,” because I couldn’t imagine the kinds of pick-up lines that would be involved - something like, “Which camps were your parents in?7

Aus psychologischer Sicht fungiert diese Ironie als eine Art Schutzmechanismus, der oft dann zu Tage tritt, wenn die Betroffenen mit traumatischen Erlebnissen konfrontiert werden. Bei Überlebenden des Holocaust (der ersten Generation sozusagen) ist diese psychische Schutzfunktion weitaus stärker ausgeprägt. So wird oft beschrieben, dass sie bei ihren Berichten über das Leben im Konzentrationslager seltsam teil- nahmslos wirken. Dieses apathische Verhalten ist jedoch nicht etwa als eine Über- windung des Traumas zu interpretieren - es stellt viel mehr den Schockzustand dar, in dem sich die Betroffenen noch immer befinden. So sorgt ein psychischer Reflex dafür, dass ab einem gewissen Grad an psychischer Belastung (wobei dieser Grad selbstverständlich ein individueller ist), Gefühle gänzlich unterdrückt werden. Dies ist vergleichbar mit jenen Schockreaktionen, die häufig nach Unfällen auftreten. Auf Grund von übermäßiger Adrenalinausschüttung empfinden betroffene Menschen im ersten Moment keinerlei Schmerzen, wenngleich sie auch bspw. tödliche Verletzungen aufweisen. Der einzige Unterschied ist, dass die Abwesenheit des körperlichen Schmerzes temporär ist, wohingegen der psychische Schock zu einem dauerhaften Zustand werden kann. Ein Zustand, der nicht nur für die Überlebenden selbst, son- dern auch für ihre Angehörigen meist eine große Belastung bedeutet. Doch ein Aus- bruch aus dieser emotionalen Erstarrung ist kein leichtes Spiel. Viel mehr ist es ein langwieriger Prozess, bei dem sich die Betroffenen intensiv mit ihren traumatischen Erlebnissen auseinandersetzen müssen. Nicht selten nutzen die Opfer des Holocaust zur Verarbeitung ihres Traumas den Weg der Kunst. So auch Art Spiegelman, der mit seiner Arbeit an MAUS zwar ursprünglich keine therapeutische Wirkung intendiert hat - letztlich aber doch von seiner kreativen Tätigkeit profitierte:

Well, you know, you get calluses when you work, and it protects you as you do your gardening, and during the thirteen years of Maus, I got my protective layer of dead skin, so that I could kind of deal with my family and history at least, and even get the comics done efficiently, if thirteen years is efficient.8

Obgleich Art Spiegelman nie selbst in Auschwitz war, war Auschwitz stets allgegenwärtig in seinem Leben. Der Suizid seiner Mutter, das Verhalten seines Vaters und Arts eigene Schuldgefühle haben ein Trauma in ihm ausgelöst, das in seiner Komplexität und Tragweite kaum zu fassen ist. An Hand von MAUS wird in den folgenden Punkten untersucht inwiefern sich das Trauma seiner Eltern auf Art über- tragen hat, weshalb er nachts noch immer von Alpträumen heimgesucht wird und wieso das Verhältnis zwischen ihm und seinem Vater ein so überaus schwieriges ist.

2.1 Wladek Spiegelmans Trauma

Because I grew up with parents who were always ready to see the world grid crumble, and when it started feeling that was happening here and now, it wasn’t a total surprise… I think the one thing I really learned from my father was how to pack a suitcase. You know? It was the one thing he wanted to make sure I understood, like how to use every available centimetre to get as much stuff packed into a small place as possible.9

Dass, Wladek Spiegelman in der ständigen Befürchtung - der Holocaust würde sich wiederholen - lebt, zeigt sich auch an vielen Stellen des Comics. Etwa als er Tele- fondraht von der Straße aufsammelt mit der Begründung man könne es für viele Zwecke gebrauchen10 oder wenn er eine Skizze von seinem Kellerversteck im Ghetto für seinen Sohn anfertigt, mit den Worten: „Solche Sachen ist gut zu wissen genau, wie es ist gewesen - für den Fall…“11 Für den Fall - hortet er auch sein gesamtes Vermögen auf der Bank und lebt doch „wie ein Bettler.“12 „Wladek ist ein oft unaus- stehlicher Despot und manischer Geizhals.“13 Kein Streichholz, das unbedacht ver- schwendet wird, kein Müll auf der Straße, der nicht aufgesammelt wird. Nicht einmal Cornflakes, das Wladek auf Grund seines Diabetes nicht verzehren kann, will er wegwerfen: „Seit Hitler ich kann nicht wegwerfen keinen einzigen Krümel.“14 Dass, Wladeks Geiz aber vor allem für seine Familie eine große Belastung darstellt, äußert sich in Arts Reaktion auf die Unfähigkeit seines Vaters Lebensmittelreste wegzuwer- fen: „Dann heb die verdammten Cornflakes auf, falls Hitler jemals wiederkommt!“15

Auch Mala, Wladeks zweite Ehefrau, leidet unter seiner krankhaften Spar- samkeit. So muss diese für ihre persönlichen Ausgaben selbst aufkommen und sogar die Kleider von Wladeks verstorbener Frau tragen, da er nicht bereit ist, ihr neue Kleidungsstücke zu kaufen.16 Wladek repariert sein Dach und sein Fenster auch lie- ber selbst, als dafür Geld auszugeben. Überhaupt meidet Wladek es Geld für etwas auszugeben, was er umsonst bekommen kann (Papiertücher von öffentlichen Toilet- ten, Kalender von der Bank, Streichhölzer vom Pines Hotel, etc.). All diese Hand- lungen veranlassen Art schließlich dazu über seinen Vater zu sagen: „In mancher Hinsicht entspricht er genau der antisemitischen Karikatur des geizigen Juden.“17

[...]


1 Vgl. Jens Anker, „Rabbiner verprügelt und beleidigt,“ Die Welt, 14 September 2012 <http://www.welt.de/print/welt_kompakt/berlin/article108866683/Rabbiner-verpruegelt-und- beleidigt.html>.

2 Tanja Buntrock und Hannes Heine, „Das war eine Attacke auf die Religionsfreiheit,“ Potsdamer Neueste Nachrichten, 14 September 2012 < http://www.pnn.de/brandenburg-berlin/676298/>.

3 „Hass-Überfall auf Berliner Rabbi,“ Allmystery.de, 14 September 2012 <http://www.allmystery.de/themen/nw92625>.

4 Art Spiegelman, Die vollständige Maus (Frankfurt a.M.: Fischer, 2010) 202.

5 Ebd.

6 „Henryk Mandelbaum“ Jewish Virtual Library, 16 September 2012 <http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/biography/HenrykMandelbaum.html>.

7 Dominick LaCapra, History and Memory After Auschwitz (Ithaca: Cornell UP, 1998) 157.

8 Chris Mautner, „It’s Only One Book: An Art Spiegelman Interview” The Comics Journal, 16 September 2012 < http://www.tcj.com/an-art-spiegelman-interview/>.

9 Hillary Chute, „History and Graphic Representation in MAUS,“ A Comic Studies Reader, eds. Jeet Heer and Kent Vorcester (Jackson: University Press of Mississippi, 2009) 340.

10 Vgl. Art Spiegelman, Die vollständige Maus (Frankfurt a.M.: Fischer, 2010) 116.

11 Ebd., 110.

12 Ebd., 132.

13 Georg Seeßlen, Natural Born Nazis: Faschismus in der populären Kultur (Berlin: Edition Tiamat, 1996) 181.

14 Art Spiegelman, Die vollständige Maus (Frankfurt a.M.: Fischer, 2010) 236.

15 Ebd.

16 Ebd., 131.

17 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Über das Trauma im Trauma bei Art Spiegelmans "MAUS"
Hochschule
Universität Augsburg  (Philologisch-Historische Fakultät )
Veranstaltung
„All animals are equal, but some are more equal than others” Die Fabel als Gesellschaftskritik
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V213888
ISBN (eBook)
9783656424567
ISBN (Buch)
9783656433019
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
über, trauma, spiegelmans, maus
Arbeit zitieren
Huyen Phuong Pham (Autor), 2012, Über das Trauma im Trauma bei Art Spiegelmans "MAUS", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213888

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