"Das Urteil" von Franz Kafka. Die Figur des Freundes

Eine Textanalyse


Hausarbeit, 2011
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Urteil

3 Der Freund

4 Dialoge der Protagonisten
4.1 Gespräch Vater-Sohn
4.2 Gespräch Frieda-Georg

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Franz Kafka schreibt die Erzählung „Das Urteil“ in der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912 in nur 8 Stunden in einem Zug.1 Sie nimmt nach Einschätzung des Autors einen besonderen Rang ein2. Welche Bedeutung diese von Kafka als „eine Geschichte“ bezeichnete Erzählung für ihn hatte, wird in seinem Tagebuch deutlich, in dem er von der

„vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele“3 schreibt. Die Aussagen über den Text sind - für Kafka eher ungewöhnlich - frei von Selbstkritik. Sie deuten darauf hin, dass der Dichter sich in dieser Zeit seiner schriftstellerischen Fähigkeiten bewusst wird. In der Tat bedeutet die Veröffentlichung den Durchbruch von Kafkas Schriftstellerkarriere. Schon am nächsten Morgen liest er die Erzählung seinen Schwestern vor, es folgen Lesungen im Freundeskreis und vor Publikum.4 Im Mai 1913 erscheint „Das Urteil“ im Jahrbuch

„Arkadia“. Darüber hinaus plant Kafka eine Buchveröffentlichung der Texte, „Das Urteil“ zusammen mit den Texten „Der Heizer“ und „Die Verwandlung“ unter dem Titel „Die Söhne“.5 Eine von Kafka 1915 geplante Veröffentlichung zusammen mit den Texten „In der Strafkolonie“ und „Die Verwandlung“ unter dem Titel „Strafen“ entfällt, dafür erscheint das Buch 1916 als Einzelveröffentlichung.

„Das Urteil“ ist das vielleicht das am häufigsten interpretierte Werk Kafkas. Über 200 Arbeiten6 sind bisher über die Erzählung angefertigt worden Je nach Herangehensweise kann das Werk auf unterschiedlichste Weise in gedeutet werden. In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, welche Bedeutung Georgs Freund für das Verhältnis zwischen Vater und Sohn einerseits, und Frieda und Georg andererseits hat, ob es sich um eine auf der Erzählebene reale Figur handelt, oder ob diese ein Produkt von Georgs Fantasie ist. Dazu werden die Protagonisten kurz vorgestellt und anschließend die Dialoge der Figuren in Bezug auf den Freund betrachtet. Die widersprüchlich erscheinende Darstellung der Figur des Freundes soll beleuchtet werden, und darüber hinaus geklärt werden, inwieweit die Figur des Freundes als funktionales Mittel der Erzähltechnik genutzt wird. Hierbei soll, soweit es bei Erzählungen mit autobiographischen Zügen möglich ist, werkimmanent vorgegangen werden. Ausgehend von der Textanalyse, der Betrachtung einzelner Sätze oder auch einzelner Worte, wird dann zu einer Gesamtinterpretation übergegangen.

2 Das Urteil

Die Erzählung handelt von einem Konflikt zwischen Vater und Sohn. Georg Bendemann, erfolgreicher Geschäftsmann, verlobt und kurz vor der Heirat stehend, schreibt seinem in Russland lebenden Freund einen Brief nach Petersburg. Im Gegensatz zu Georg ist der Freund im Geschäftlichen eher glücklos. Auch gesundheitlich geht es ihm nicht gut. Aus Rücksicht, wie es scheint, hat Georg ihm deshalb seine Verlobung zunächst nicht mitteilen wollen. Auch seine geschäftlichen Erfolge verschweigt er. Nach langem Überlegen entschließt er sich doch, ihm von seiner bevorstehenden Hochzeit zu schreiben. Als Georg zu seinem altersschwachen Vater geht, um ihm von der Korrespondenz und dem Inhalt des Briefes zu berichten, kommt es zum Streit. Zunächst die Existenz des Freundes in Frage stellend, berichtet er seinem Sohn, er stehe schon seit langem im Kontakt mit diesem Freund in Petersburg. Nach dem Vorwurf des Vaters, Georg habe das Ansehen der verstorbenen Mutter durch seine Verlobung mit einer wenig ehrenhaften Frau

„geschändet“, verurteilt der Vater den Sohn „zum Tode des Ertrinkens“. Georg, unfähig sich gegen den nun übermächtig erscheinenden Vater zu wehren, nimmt das Urteil an, flieht aus dem Zimmer und lässt sich mit den Worten: „Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt“ von einer Brücke in den Fluss fallen.

3 Der Freund

Die Figur des Freundes erscheint trotz der Bedeutung für die Erzählung nicht als handelnde Person. Die Informationen, die der Leser bekommt, stammen von Georg. Seine Schilderung ist sachlich, aber ungewöhnlich kühl: sie passte eher zu einem flüchtigen Bekannten als zu einem Freund. Insgesamt erscheint die Figur nur schemenhaft im Hintergrund: Er bleibt namenlos, die charakterlichen Züge sind nicht erkennbar. Die freundschaftliche Bindung zu Georg erscheint nur als Überbleibsel einer gemeinsamen Vergangenheit.

Der Freund, vor Jahren nach Russland geflüchtet, hatte versucht Georg „nachzuziehen“. Bei seinem letzten Besuch vor drei Jahren hatte Georg bemerkt, dass dieser gesundheitlich angegriffen und gesellschaftlich isoliert war. Den Tod der Mutter hatte Georg seinem Freund noch mitgeteilt, seine Verlobung hingegen für sich behalten. In einem Brief hatte Georg seinem Freund dann aber die beabsichtigte Hochzeit mitgeteilt und ihn zur Feier eingeladen.

Der Freund erscheint als Kontrastfigur zu Georg: Er ist geschäftlich wie in der Liebe erfolglos, von Krankheit gezeichnet und gesellschaftlich isoliert. Das Verhältnis kann beschrieben werden als das von Position und Negation7

Trotz der Ferne und der Undurchsichtigkeit des Freundes kommt diesem eine sehr wichtige Rolle in der Erzählung zu: Er ist der Auslöser für den Konflikt zwischen Vater und Sohn, der eine Wende im Vater-Sohn Verhältnis bewirkt. Diese zieht nicht nur eine Wende der bestehenden Machtverhältnisse im konkreten Disput nach sich, sondern hat auch weitreichende Folgen für das Leben von Vater und Sohn.

4 Dialoge der Protagonisten

4.1 Gespräch Vater-Sohn

Der Vater, früher Leiter des Familiengeschäfts erscheint dem Leser zunächst als alter Mann. Nach seiner eigenen Aussage lasse sein Gedächtnis nach, er sei nicht mehr kräftig genug und ihm entgehe so einiges im Geschäft. Der Tod seiner Frau habe ihn niedergeschlagen, sicherlich viel mehr als Georg. Das dunkle Arbeitszimmer des Vaters, in das trotz Sonnenscheins kaum Licht fällt, da dieses im Schatten einer Mauer liegt, dessen Fenster trotz des „schönsten Frühjahrs“ geschlossen ist, wirkt wie ein Kontrast zu dem Arbeitszimmer Georgs, welches, im ersten Stock befindlich, einen Ausblick auf die weitläufige Landschaft mit Fluss, Brücke und Anhöhen bietet.

Die Schilderung der Räumlichkeiten erscheint wie eine Spiegelung des Verhältnisses zwischen Vater und Sohn: Auf der einen Seite der junge erfolgreiche Kaufmann Georg, auf der anderen Seite der alte, vom Leben gezeichnete Vater. Der Eintritt Georgs in die das Arbeitszimmer des Vaters erscheint wie der Eintritt in eine andere Welt. Mit der Absicht dem Vater mitzuteilen, er habe seine Verlobung nach Petersburg angezeigt, tritt er dem Vater gegenüber. Er rechtfertigt das lange Zögern der Mitteilung mit Rücksichtnahme gegenüber dem Freund. Der Vater, nicht auf die Ausführungen Georg eingehend, will, Georg um Ehrlichkeit bittend, die Existenz des Freundes klären: „Hast du wirklich du diesen Freund in Petersburg?“ Georgs Verlegenheit lässt zunächst vermuten, er wolle den Vater nicht kränken. Dieser, auch als „alarmierendes Zeichen der Senilität“8 des Vaters aufzufassende Äußerung, weicht Georg aus, und verweist darauf wie wichtig sein Vater für ihn sei: „Tausend Freunde ersetzen mir nicht meinen Vater“. Georg weist den kränklichen Vater auf seinen Gesundheitszustand hin, er solle sich trotz dem er für das Geschäft unentbehrlich sei, „mehr schonen“. Man müsse eine „andere Lebensweise“ für ihn einführen. Georg gibt sich fürsorglich, will den Arzt holen und den Vater aus seinem „unerträglich dunklen“ Zimmer ins Vorderzimmer, Georgs Arbeitszimmer, umquartieren.

Der Vater geht allerdings nicht auf den Sohn ein, und kommt ohne Umschweife auf den Freund zurück. Die erste Frage des Vaters klingt trotz der vorangestellten Forderung

„täusche mich nicht“ noch freundlich und nach Klärung eines Sachverhalts. Die nächste

Äußerung des Vaters ist deutlicher formuliert: „Du hast keinen Freund in Petersburg. Du bist immer ein Spaßmacher gewesen und hast dich mir gegenüber nicht zurückgehalten. Wie solltest du gerade dort einen Freund haben.“

Diese Feststellung lässt zunächst zwei Lesarten zu: Zum einen könnte der Vater die Existenz des Freundes als solche bezweifeln. Zumindest aber impliziert sie, dass, trotz einer möglichen Existenz einer dem Sohn bekannten in Petersburg lebenden Person, es sich bei dieser nicht um einen Freund handelt.

Um seine These zu unterstreichen, zieht er die Glaubwürdigkeit Georgs in Zweifel, indem er ihn als „Spaßmacher“ tituliert. Auch habe Georg sich auch ihm, dem Vater „gegenüber nicht zurückgehalten“. Die Formulierung des Vaters, warum Georg „gerade dort“ einen Freund haben sollte, lässt den Schluss zu der Vater glaube, Georg habe gar keine Freunde, oder, dass Georg zwar Freunde hat, aber nicht dort , in Petersburg. Zur Bekräftigung fügt der Vater hinzu: „Das kann ich ja gar nicht glauben“. Anstatt zu antworten, weicht Georg aus: „Denk doch einmal nach“. Dies weist im Zusammenhang mit der Schilderung des schwach dastehenden alten Mannes – er muss aus dem Sessel gehoben werden – auf eine sich abzeichnenden Senilität. Georg fordert seinen Vater auf, nachzudenken, da dieser sich offensichtlich einfach nicht mehr an den Freund erinnern könne. Er erzählt seinem Vater von dem Besuch des Freundes, der nach Worten Georgs vor drei Jahren stattgefunden habe: „Wenigstens zweimal habe ich ihn vor dir verleugnet, trotzdem er gerade bei mir im Zimmer saß“. Was von Georg zur Verifizierung der Existenz des Freundes gedacht ist, wird zur Phrase: Seine Äußerung besagt lediglich, dass der Freund dagewesen sei, und nicht, dass der Vater ihn gesehen habe. Den Freund vor dem Vater zu verleugnen setzt jedoch voraus, der Vater vermutete, der Freund sei anwesend. Da dieser den Freund aber offensichtlich nicht zu sehen bekommen hat, kann diese Vermutung nur durch eine Äußerung Georgs zustande gekommen sein. Ob tatsächlich jemand mit Georg im Zimmer gesessen hat, bleibt offen.

Deutlicher wird Georg als er behauptet, der Vater habe sich „doch auch wieder ganz gut mit ihm unterhalten.“ Georg sei „damals noch so stolz darauf, daß du ihm zuhörtest, nicktest und fragtest.“[sic!] Um die Glaubwürdigkeit zu unterstreichen sagt Georg: „Wenn du nachdenkst, muß du dich erinnern.“[sic!]. Dieser Satz erscheint als Komparativ des einleitenden Satzes zu Beginn von Georgs Ausführungen („Denk doch einmal nach“) Er fordert den Vater auf sich zu erinnern. Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang das Wort „muß“[sic!] zu. Um die Erinnerung seines Vaters wachzurufen, hätte „wirst du dich erinnern“ ausgereicht. Die Formulierung kann als Versuch angesehen werden die Erinnerung des Vaters zu manipulieren, und steht damit als Zeichen für das Gefühl der Überlegenheit des Sohnes gegenüber dem Vater. Georgs Ausführungen bleiben vom Vater unkommentiert.

[...]


1 vgl. Franz Kafka: Die Tagebücher. Neu-Isenburg. 2005, S. 240

2 vgl. Ingeborg Scholz: Königs Erläuterungen und Materialien. Band 344. Erläuterungen zu Franz Kafka.

Erzählungen II. Das Urteil, In der Strafkolonie, Ein Landarzt, Vor dem Gesetz, Auf der Galerie. Hrsg.: Klaus Bahners, Gerd Eversberg und Reiner Poppe. Hollfeld 1985, S. 15

3 Franz Kafka: Tagebücher. S. 245

4 vgl. Manfred Engel, Bernd Auerochs (Hrsg.): Kafka - Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart, Weimar 2010, S. 152

5 ebd. S. 154

6 ebd.

7 vgl. Axel Hecker: An den Rändern des Lesbaren. Dekonstruktive Lektüren zu Franz Kafka: Die Verwandlung, In der Strafkolonie und Das Urteil. Wien 1998, S. 124

8 vgl. Michael Müller: Franz Kafka. Das Urteil. Stuttgart 1995, S. 15

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
"Das Urteil" von Franz Kafka. Die Figur des Freundes
Untertitel
Eine Textanalyse
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
Text und Medienanalyse
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V214278
ISBN (eBook)
9783656425007
ISBN (Buch)
9783656438748
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
urteil, franz, kafka, figur, freundes, eine, textanalyse
Arbeit zitieren
Frank Sieburg (Autor), 2011, "Das Urteil" von Franz Kafka. Die Figur des Freundes , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214278

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