Zwischen Integration und Skeptizismus: Europa und die Euro-Krise im Spiegel der britischen Presse


Seminararbeit, 2012
29 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ausgangslage: Das Verhältnis von Großbritannien zu Europa

3. Analyse von Zeitungskommentaren zur Euro-Krise zwischen Oktober 2011 und Februar
3.1 Übersicht
3.2 Euroskeptische Stimmen: die konservative Presse
3.3 Europabefürworter: die linksliberale Presse
3.4 Die Rolle von europäischer Identität und Kultur in der Bewertung der Euro-Krise

4. Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

"I went to Brussels with one objective: to protect Britain's national interest." Mit diesen Worten, unter Zustimmung seiner Parteikollegen und unter dem Protest der Labour-Partei, verteidigte Großbritanniens Premierminister David Cameron am 12. Dezember 2011 sein Veto gegen EU-Vertragsänderungen vor dem britischen Parlament.[1]

Camerons Veto gegen Maßnahmen, die zur Rettung des Euro beitragen sollten, wurde in seinem eigenen Land zum Teil sehr scharf kritisiert, da Cameron das Vereinigte Königreich so zum Außenseiter der EU gemacht habe. Gleichzeitig ist seine Entscheidung emblematisch für die skeptische Haltung Großbritanniens zu Europa und der EU. Doch es stellt sich die Frage, ob der gegenwärtige britische Euroskeptizismus allein durch politische und wirtschaftliche Faktoren hervorgerufen oder ob die Abgrenzung von Europa nicht auch mit kulturellen Unterschieden begründet wird. Statt die politische Debatte in Großbritannien zu verfolgen, scheint es lohnenswert, einen Blick in die britische Presse zu werfen, um die öffentliche Meinung zur Euro-Krise und Europa kennenzulernen. Die zentrale Frage dabei lautet: Wird in der medialen Öffentlichkeit Großbritanniens auch eine kulturelle und identitäre Abgrenzung zu Europa vollzogen?

Um diese Frage zu beantworten, wird sich die vorliegende Arbeit mit Pressetexten aus britischen Tageszeitungen zwischen Oktober 2011 und Februar 2012 beschäftigen. Ausgewählt wurden die konservativen Blätter The Daily Telegraph und Daily Mail sowie die eher linksliberalen Tageszeitungen The Guardian und The Independent, da diese landesweit eine große Auflagenstärke aufweisen und exemplarisch für das Meinungsspektrum der britischen Öffentlichkeit gelten können. Gleichzeitig beschäftigen sich diese Blätter recht intensiv mit der Euro-Krise. Die Daily Mail muss der Boulevard-Presse zugerechnet werden; sie wurde neben den seriösen Zeitungen gewählt, da sie die zweitgrößte Auflagenzahl britischer Tageszeitungen aufweist und als besonders volksnah gilt.[2] Eher linksliberale Boulevard-Blätter wie The Sun oder Daily Mirror publizierten dagegen kaum europarelevante Kommentare, sodass diese Medien nicht in die Analyse aufgenommen werden. Durch Berücksichtigung der verschiedenen politischen Ausrichtungen soll ein möglichst breites Bild entstehen. Um eine gemeinsame Basis für den Vergleich der Texte zu schaffen, konzentriert sich die Arbeit auf meinungsbildende Artikel und Kommentare. Der Zeitraum Oktober 2011 bis Februar 2012 bietet sich aufgrund seiner Aktualität, aber auch aufgrund seiner besonderen Relevanz an, da Premier Camerons Veto und das darauffolgende Medien-Echo in diesem Zeitraum liegen. Der relativ kurze Zeitraum, die überschaubare Anzahl an Zeitungen und der Fokus auf meinungsbildende und kommentierende Artikel wurden gewählt, um den Rahmen der Arbeit zu wahren und gleichzeitig eine möglichst fundierte, detaillierte Analyse zu ermöglichen.

2. Ausgangslage: Das Verhältnis von Großbritannien zu Europa

Die Aussage, Großbritannien sei ein euroskeptisches Land, überrascht kaum. Die Seemacht Großbritannien orientierte sich jahrhundertelang verstärkt an ihren weltweiten Herrschaftsgebieten und weniger an Europa. Seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts stehen die Regierungen des Vereinigten Königreichs der europäischen Integration skeptisch gegenüber. David Gowland, Arthur Turner und Alex Wright schreiben zu diesem Thema: "far from occupying the centre of the European Union field Britain preferred to remain on the sidelines". [3]Großbritannien habe es stets vorgezogen, sich von Europa abzugrenzen, denn Europa werde als "a parallel universe", als eine von Großbritannien getrennte Einheit wahrgenommen. [4]Diese Trennung bezieht sich sowohl auf die geographische Lage der britischen Inseln als auch auf historisch-kulturelle Aspekte. N.J. Crowson beschreibt den Einfluss festlandeuropäischer Kultur auf Großbritannien, von den Griechen und Römern bis zu Künstlern wie Beethoven oder Van Gogh; doch trotz dieser Einflüsse habe sich die "insularity" der Briten und ihr besonderer Stolz auf ihre "Britishness" erhalten. [5]Tatsächlich nähmen die Briten ihr Land nicht nur als "anders" als Europa wahr, schreiben Gowland und seine Kollegen, sondern auch als diesem überlegen. Dabei spiele die britische Identität eine wesentliche Rolle:

Projections of 'Europe' as the hostile 'other' are often accompanied by definitions of Britishness that contrast what are projected as some of the main features of British identity with what are represented as the principal and deeply rooted unattractive characteristics of mainland Europe. Fairness, tolerance and parliamentary democracy loom large in the case of the former. By contrast, British perceptions of mainland Europe often include centralized government, political instability, undemocratic politics […]. [6]

Diese Wahrnehmungen der britischen Öffentlichkeit spiegeln sich auch in den Zeitungsartikel wieder, die im nächsten Kapitel analysiert werden sollen: Die Politik der EU wird häufig als "undemokratisch" wahrgenommen, während Großbritanniens parlamentarische Tradition eine demokratische, faire Regierungsweise möglich mache. [7]Eine weitere bedeutende Rolle im Europabild der Briten spielt laut Gowland, Turner und Wright die anhaltende Stereotypisierung der Kontinentaleuropäer durch britische Politiker sowie durch die britische Boulevardpresse. Diese prägten das öffentliche Bild über die Europäer und seien bezeichnend für die britische Xenophobie. [8]

Im Vergleich mit anderen EU-Mitgliedern gehört Großbritannien – laut einer Studie zu Euroskeptizismus, nationaler und europäischer Identität – zu denjenigen Ländern, deren Bevölkerung ein besonders starkes nationales Zugehörigkeitsgefühl besitzt. Zugleich bezeichnen sich die Briten aber weit weniger als Europäer, fühlen sich weniger Europa zugehörig und drücken auch weniger Stolz auf Europa aus als die Bevölkerung der meisten anderen EU-Länder. [9]Dies wird in der Studie mit der Tatsache begründet, dass die britische nationale Identität "a special type of national identity" darstelle, was wiederum auf "a long term national history" zurückzuführen sei. [10]

Als "classic exhibition on british views" beschreiben die Autoren um Gowland die Rede der ehemaligen Premierministerin Margaret Thatcher im September 1988 vor dem College of Europe in Brügge. [11]Viele der in dieser Arbeit untersuchten Presseartikel zur Euro-Krise beziehen sich auf Thatchers Europapolitik, zum Teil auch auf ihre berühmt gewordene Rede. Daher soll im Folgenden kurz auf deren Inhalt eingegangen werden, soweit dieser für die spätere Pressetextanalyse relevant ist. [12]

Ähnlich wie Cameron im Jahr 2011 sah Thatcher ihre Aufgabe in der Wahrung des "national interest" des Vereinigten Königreichs. Und ebenso wie Camerons Veto sorgte ihre Rede europaweit für Aufsehen. Doch während Cameron die britischen Interessen in ökonomischer Hinsicht zu verteidigen meinte, begründete Thatcher ihre Vorbehalte gegen bestimmte Entwicklungen und Maßnahmen in Europa auch mit Hinweisen auf kulturelle und identitäre Unterschiede zwischen den EU-Mitgliedsstaaten.

In Hinsicht auf Großbritanniens Beziehung zu Europa betont sie die engen Verbindungen zwischen ihrem Land und dem Kontinent und bezeichnet die Briten als Erben europäischer Kultur: "We British are as much heirs to the legacy of European culture as any other nation". Zugleich hätten die Briten Europa in sehr besonderer Weise ihren Beitrag zu Europas Freiheit geleistet: "Over the centuries we have fought to prevent Europe from falling under the dominance of a single power. We have fought and we have died for her freedom". Während Großbritannien durchaus zu Europa gehören wolle, sei es falsch, utopische Ideale (d.h. die zunehmende europäische Integration) zu verfolgen. Es sei "highly damaging" nationale Unabhängigkeit zu unterdrücken und die Macht in Brüssel zu zentralisieren. Dies sei für eine engere Zusammenarbeit der europäischen Staaten unnötig.

Thatcher ist es wichtig, dass Europa eine "family of nations" bilde, die einander verstünden und annähmen, aber trotz ihres gemeinsamen europäischen Bestrebens ihre nationale Identität wahrten. In diesem Sinne heißt es in ihrer Rede:

Europe will be stronger precisely because it has France as France, Spain as Spain, Britain as Britain, each with its own customs, traditions and identity. It would be folly to try to fit them into some sort of identikit European personality.

Thatcher scheut vor einer Vermischung nationaler Identitäten zu einer gemeinsamen europäischen zurück. Stattdessen tritt sie in ihrer Rede für die Bewahrung landeseigener Kulturen ein, was sie offenbar durch die europäische Integration gefährdet sieht. Gleichzeitig hebt sie die Weltoffenheit des Vereinigten Königreichs an mehreren Stellen hervor:

Yes, we have looked also to wider horizons – as have others – and thank goodness for that, because Europe never would have prospered and never will prosper as a narrow-minded, inward-looking club.

Mit Anspielung auf das britische Empire betont Thatcher so die Bedeutung von (Handels-)Kontakten außerhalb Europas. Politik und Handel nur auf Europa auszurichten, scheint ihr demzufolge engstirnig und brächte keinerlei Wohlstand. Sie beschreibt auch die wirtschaftlichen Auswirkungen der britischen Weltoffenheit:

Britain has been in the lead in opening its markets to others. The City of London has long welcomed financial institutions from all over the world, which is why it is the biggest and most successful financial centre in Europe. We have opened our market for telecommunications equipment, introduced competition into the market services and even into the network itself – steps which others in Europe are only now beginning to face.

Sie verweist auf die Bedeutung der City of London als europäisches Finanzzentrum und grenzt Großbritannien damit zugleich von anderen europäischen Ländern ab, die erst damit begännen, es der britischen Marktpolitik gleichzutun.

Die Ansichten Thatchers schienen und scheinen von einem Großteil der britischen Bevölkerung geteilt zu werden und auch die Europapolitik der Labour-Regierungen unter Tony Blair und Gordon Brown ab Ende der 1990er Jahre änderte kaum etwas an Großbritanniens gespaltenem Verhältnis zu Europa. N. J. Crowson bezeichnet diese Haltung als "schizophrenia" und meint:

Behind all this lay an apparent 'negativity' amongst 'public opinion' towards Europe which seems to have persuaded successive governments that it remains in their domestic interest to avoid becoming European positivists.[13]

Die Besinnung auf die öffentliche Meinung zu Europa sowie der Druck seiner euroskeptischen Parteikollegen soll auch David Cameron zu seinem Veto veranlasst haben. Wie euroskeptisch die Öffentlichkeit in Großbritannien tatsächlich ist, will die folgende Analyse von Zeitungstexten untersuchen.

3. Analyse von Zeitungskommentaren zur Euro-Krise zwischen Oktober 2011 und Februar 2012

3.1 Übersicht

Die nachfolgende Analyse der Presseartikel wird sich auf verschiedene Aspekte konzentrieren. Zunächst soll auf die euroskeptischen Stimmen und ihre Argumente eingegangen werden, die in der konservativen Presse verortet werde können. Anschließend werden diesen euroskeptischen Stimmen die eher proeuropäischen Kommentare der linksliberalen Presse gegenübergestellt.

Bei der Durchsicht der Texte fielen bestimmte Aspekte und Themen auf, die von allen ausgewählten Medien aufgegriffen wurden, wobei ihre Gewichtung von Zeitung zu Zeitung unterschiedlich ist. Sie sollen als Basis für den Vergleich dienen. Diese Aspekte sind: die Zukunft Europas und Großbritanniens künftige Rolle in Europa, die Bewertung von Premierminister Camerons Europapolitik, der Demokratieverlust während der Euro-Krise, historische Vergleiche und die Bewertung anderer EU-Mitglieder. Es soll aber auch auf Aspekte eingegangen werden, durch die sich die Zeitungen voneinander abheben. Die untersuchten konservativen Zeitungen werfen die Frage nach möglichen Alternativen zur EU-Mitgliedschaft auf, während die linksliberalen Zeitungen das Selbstbild und die Europaskepsis der Briten kritisch reflektieren.

3.2 Euroskeptische Stimmen: die konservative Presse

Die beiden untersuchten konservativen Blätter Daily Mail und Daily Telegraph vertreten eine klar euroskeptische Linie. Dies zeigen bereits die Titel der Kommentare sehr deutlich, z. B. " Cameron’s New Year resolution No.1: Kiss goodbye to a dying Europe"[14] oder "It's time to talk about leaving the ailing EU".[15]

Während im untersuchten Zeitraum in der Daily Mail eine Vielzahl an Kommentaren zur Euro-Krise erschienen, publizierte der Daily Telegraph vergleichsweise wenige Kommentare und stattdessen Berichterstattungen, die sich mit der Lage in Europa und der Euro-Zone beschäftigten. Die Kommentatoren beider Zeitungen äußern sich sehr ähnlich. In Bezug auf die Zukunft Europas und Großbritanniens Rolle darin wünschen sie sich ein starkes, unabhängiges Großbritannien und kritisieren die politische Vormundschaft Brüssels. Sie befürworten daher eine Loslösung Großbritanniens von der EU. So schreibt David Thomas von der Daily Mail:

[...]


[1] "EU veto: Cameron says he negotiated in 'good faith'". 12. Dezember 2011. BBC News. 5. April 2012.<http://www.bbc.co.uk/news/uk-politics-16134496>

[2] Vgl.

[3] David Gowland, Arthur Turner und Alex Wright. Britain and European Integration Since 1945. On the Sidelines. Abingdon 2010, S. 244.

[4] Vgl. ebd. S. 213.

[5]N. J. Crowson, Britain and Europe. A political history since 1918. Abingdon 2011, S. 2-4. Anm.: Der Begriff "insularity" ist doppeldeutig: er kann sowohl mit "Inselcharakter" als auch mit "Engstirnigkeit" übersetzt werden.

[6] Vgl. Gowland, S. 213.

[7] Vgl. auch Crowson, S. 10.

[8] Vgl. Gowland, S. 213.

[9] Vgl. Dieter Fuchs u.a. "National Identity, European Identity and Euroscepticism." Ders. (Hrsg.) Euroscepticism. Images of Europe among mass publics and politicals elites. Opladen 2009, S. 99; S. 105-6.

[10] Ebd. S. 106.

[11] Gowland, S.110.

[12] Für alle folgenden Zitate vgl. Margaret Thatcher. "Speech to the College of Europe ('The Bruges Speech')." (20. September 1988/ 2012) Margaret Thatcher Foundation. (5. April 2012) http://www.margaretthatcher.org/document/107332

[13] Crowson, S. 16.

[14] David Thomas. "Cameron’s New Year resolution No.1: Kiss goodbye to a dying Europe." 29. Dezember 2011. MailOnline. 29. März 2012. http://www.dailymail.co.uk/home/search.html?sel=site&searchPhrase =Cameron%92s+New+Year+resolution+No.1%3A+Kiss+goodbye+to+a+dying+Europe

[15] Peter McKay."It's time to talk about leaving the ailing EU." 8. November 2011. MailOnline. 29. März 2012.. <http://www.dailymail.co.uk/debate/article-2058358/Its-time-talk-leaving-ailing-Euro.html >

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Zwischen Integration und Skeptizismus: Europa und die Euro-Krise im Spiegel der britischen Presse
Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
29
Katalognummer
V214787
ISBN (eBook)
9783656429012
ISBN (Buch)
9783656433415
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zwischen, integration, skeptizismus, europa, euro-krise, spiegel, presse
Arbeit zitieren
B.A. Stefanie Eck (Autor), 2012, Zwischen Integration und Skeptizismus: Europa und die Euro-Krise im Spiegel der britischen Presse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214787

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