Das Denken der Differenz bei Heidegger, Nietzsche und Derrida

Auswirkung auf die Praxis der (Welt-)Deutung


Forschungsarbeit, 2012
24 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

INHALT

Einleitung

Differenzdenken

Heidegger und die ontologische Differenz

Nietzsche und der Perspektivismus

Derrida und die Différance

Vergleichende Reflexion

Auswirkung auf die Praxis der (Welt-)Deutung

Ausblick

Literatur

Einleitung

Die vorliegende Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt den Denkraum der Differenz zu skizzieren und anhand einiger zentraler Texte und Aussagen von drei maßgeblichen Vertretern bzw. Wegbereitern des Differenzdenkens zu veranschaulichen: Heidegger, Nietzsche und Derrida. Im Schlussteil der Arbeit soll erwogen werden, welche Konsequenz ihr Denken für Deutungsarbeit im Allgemeinen haben könnte.

Zentrales Motiv im Denken Heideggers ist die Idee der ontologischen Differenz, charakteristisch für Nietzsche ist seine erkenntnistheoretische Position des Perspektivismus.

Bei der Vorstellung der Interpretationsarbeit Derridas stehen das von ihm eingeführte Konzept der différance und seine Auswirkung für Derridas Deutungspraxis im Vordergrund.

Diese Denkfiguren werden jeweils in ihrer begrifflichen Umgebung und im Bezug zu wichtigen Kernaussagen der genannten Denker verortet; eine umfassende Darstellung der Gesamtwerke ist hier natürlich nicht möglich. Auch von der Besprechung der gegenseitigen Rezeption und Beeinflussung der Autoren - so hat Heidegger Nietzsche interpretiert und Derrida wiederum Nietzsche und Heidegger - wird hier abgesehen.

Die drei Autoren werden nicht in der tatsächlichen chronologischen Folge ihres Wirkens besprochen, weil nach meinem Verständnis Heidegger, der geschichtlich nach Nietzsche auftritt, in wesentlichen Aspekten des Differenzdenkens Nietzsche hinterhersteht. So kann man, stark vereinfacht ausgedrückt, Nietzsche als den ersten Autor ansehen, der Differenzdenken tatsächlich praktiziert, während Heidegger eher an seinen theoretischen Grundlagen arbeitet.

Da die zur Verfügung stehende Zeit für diese Arbeit und meine Kenntnisse begrenzt sind, kann sie drei umfangreichen und komplexen Werken sowie der hiermit zusammenhängenden Rezeptionsgeschichte und Forschungsarbeit nur in Form einer ersten Annäherung begegnen und natürlich nicht umfänglich gerecht werden. Neben dieser Feststellung ist mir die Gefahr bewusst, dem ‚Schicksal des Interpreten‘ zu erliegen, wie es Mittelstrass beschreibt, und entweder zu viel oder zu wenig Distanz zu den Texten zu haben und entweder an ihnen vorbei- oder ihnen nur nachzureden.1 Darüber hinaus gerät man beim Schreiben über das Differenzdenken in eine ähnliche Paradoxie wie die Differenzdenker selbst, welche darin besteht, mittels verallgemeinernder Begriffe die Interpretation einer Praxis zu betreiben, die eben gerade zum Ziel hat jegliche Form von Verallgemeinerung zu überwinden.

Dieser Einschränkungen und Schwierigkeiten gewahr sehe ich diese Arbeit vor allem als einen ersten Versuch an, der darauf abzielt, einen ersten möglichen Eingang in das Denken der Differenz zu finden.

Differenzdenken

Das Denken der Differenz bezeichnet eine neue Theorie und Praxis des Denkens, mittels der seine Autoren2 versuchen Alternativen, zur dialektischen Tradition der westlichen Philosophie zu entwickeln.

In der Gestalt der Metaphysik versucht diese universelle und absolute Wahrheiten zu erschließen und zu möglichst allgemeingültigen Aussagen über das Sein zu kommen.

Dialektik ist durch systematisches Denken in gegensätzlichen Begriffen charakterisiert, welches in der Abfolge von These, Antithese und Synthese zu einer kontinuierlich fortschreitenden Wahrheitsfindung führen soll. Auf Grundlage dieser Methode interpretiert Hegel die Weltgeschichte als die Abfolge von logisch aufeinander folgenden Schritten. Seine eigene Epoche gilt ihm dabei als Gipfel aller bisherigen historischen Entwicklung und sein Denken als Kumulationspunkt der Philosophiegeschichte. Das moderne wissenschaftliche Weltbild und der Fortschrittsglaube beruhen im Kern auf dialektischem Denken.3

Dem dialektischen oder binären Denken liegt der Satz der Identität zugrunde, welcher als oberstes Denkgesetz gilt und in seiner einfachsten Form besagt, dass A=A ist. Dieser ermöglicht es im Vergleich von Zweien ihre Identität oder Differenz festzustellen oder anders ausgedrückt ein Seiendes als dieses Seiende zu erkennen, das hei ß t zu identifizieren . Demzufolge ist etwas einem anderen also immer entweder identisch im Sinne von gleich oder im gegenteiligen Fall different im Sinne von verschieden. So wird in der gesamten westlichen Tradition von Aristoteles über Leibniz bis Hegel Differenz als Opposition zu Identität gedacht. Dieser traditionelle Begriff von Differenz als Nicht-Identischem führt dazu, dass das Besondere oder Andere, als das, was sich nicht in eine Allgemeinheit einfügen lässt, übersehen wird.4

Die Denker der Differenz versuchen eben dieses Andere, welches sich dem dialektischen Denken entzieht, zu denken und so die westliche Metaphysik zu überwinden. Da das Denken aber nur im Medium der Sprache und ihrer verallgemeinernden Begriffe arbeiten kann, also selbst über keine anderen Mittel als die der westlichen Metaphysik verfügt, befinden es sich in einer paradoxalen Ausgangslage. Die Herausforderung, der sich die Denker der Differenz stellen, ist also vereinfacht ausgedrückt, mittels verallgemeinernder Begriffe ein verallgemeinerndes Denken zu überwinden. Dieses wird als erstrebenswert wahrgenommen, weil davon ausgegangen werden kann, dass es Identität im Sinne von Gleichheit nur im logischen Raum, nicht aber in der Wirklichkeit geben kann. Es gibt nämlich in der Realität nichts, was mit einem anderen wirklich identisch ist oder auch nur für den Moment der Gleichsetzung gleich bliebe.5 Die gesamte westliche Metaphysik basiere deshalb auf falschen Annahmen. Indem die Problematik und die Gewalt des Identitätsdenkens aufgezeigt wird, wird der Kultur der Aufklärung und des Fortschritts und ihrer sprachlichen Begriffe in Konsequenz jede Grundlage und Sicherheit entzogen.6

Die Differenzdenker gehen also davon aus, dass alle Erscheinungen voneinander verschieden sind. Dabei wird Verschiedenheit wie gesagt nicht als Gegenseite der Identität gesehen, sondern als die Folge eines differenten Geschehens. Differenzdenken ist der Versuch, eben dieses Geschehen in seiner Singularität zu denken und so Unterschiede in der Welt herauszuarbeiten, ohne sie auf Gleichartiges zurückzuführen. Es geht darum dem je Singulären irgendwie gerecht zu werden.

Vor dem Hintergrund der angedeuteten Verknüpfung von Sprache und Denken bedeutet die Erschließung dieses neuen Denkgebiets notwendigerweise auch neue Weisen des Sprachgebrauchs und des Schreibens. So werden von Vertretern dieser Richtung zum Beispiel aphoristisches Schreiben, philosophische Gedichtinterpretationen oder das Schreiben paralleler Texte in zwei Spalten derselben Seite als Schreibstile praktiziert. Teilweise werden auch ältere Textformen neu aufgegriffen wie zum Beispiel das Traktat, der Dialog, der Polylog oder die in Form von Briefen entwickelte Theorie. Das Differenzdenken ist in diesem Sinne weniger als eine Methode denn als eine Praxis zu verstehen, bei der in der Sprache an der Sprache gearbeitet wird.

Heidegger und die ontologische Differenz

Heidegger stellt die Seinsvergessenheit der westlichen Metaphysik fest, da sie die Frage nach dem Sinn vom Sein nicht stellt. Vielmehr ist sie darauf angelegt, das Sein auf ein Seiendes zu verkürzen und fragt nicht danach, was es überhaupt bedeutet, dass etwas ist. Über die Erschließung des Sinnes von Sein will Heidegger also die Frage nach dem Sein beantworten. Vor dem Hintergrund dieser Frage wird Heideggers Ansatz als Fundamentalontologie bezeichnet, weil er darauf angelegt ist, das Fundament aller bisherigen Ontologien aufzuklären.

Für Heidegger entscheidend ist, dass das Sein selbst kein Seiendes ist. Der Begriff des Seienden bezieht sich auf die Gegenstände der Erfahrung. Das Sein ist jedoch nichts Gegenständliches, sondern vielmehr ein Performativ. Das Sein ist die Grundlage auf der das Seiende erst erfahrbar wird. Als solche ist es vom Seienden nicht als ein anderes Seiendes zu unterscheiden, sondern in einem radikaleren Sinne ein Anderes.

Terminologisch lässt sich die Ebene des Seienden als ontisch, die des Seins als ontologisch fassen. Das Sein lässt sich aber nicht durch eine auf das Seiende zugeschnittene ontische Begrifflichkeit fassen.7 Mit der Unterscheidung von Sein und Seiendem führt Heidegger die ontologische Differenz in die Philosophie ein. Heideggers Denkweg kann als die Suche nach einer ontologischen Redeweise und Terminologie aufgefasst werden, durch die diese Differenz praktiziert und offengehalten werden kann.8

[...]


1 Mittelstrass, J.: Martin Heidegger. Diesseits und jenseits von Sein und Zeit (1927). In: Erhart, W., Jaumann, H. (Hrsg.): Jahrhundertbucher: GroRe Theorien von Freud bis Luhmann (2000), S. 109. Mittelstrass bezieht sich hier ausdrucklich auf den Interpreten von Heideggers Sein und Zeit.

2 Darunterzum Beispiel Nietzsche, Heidegger, Adorno, Deleuze, Lyotard, Derrida, Levinas, Foucault, Baudrillard u.a. Starke Einflusse sind gegeben durch de Saussure, Freud, Lacan u.a.

3 Kimmerle, H.: Philosophien der Differenz (2001), S. 8.

4 Kimmerle, H.: Philosophien der Differenz (2001), S7ff.

5 Der Vorwurf der Differenzdenker gegenuber der westlichenTradition ist in diesem Sinne auch als ,Logozentrismus' bezeichnet worden.

6 Kimmerle, H.: Jaques Derrida zur Einfuhrung (2000),S. 17ff.

7 Heidegger, M.: Sein und Zeit (1927), S. 6.

8 Grondin, J.: Die Wiedererweckung der Seinsfrage auf dem Weg einer phanomenologisch- hermeneutischen Destruktion. In: Rentsch, T. (Hrsg.): Martin Heidegger, Sein und Zeit. (2007), S. 5f.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das Denken der Differenz bei Heidegger, Nietzsche und Derrida
Untertitel
Auswirkung auf die Praxis der (Welt-)Deutung
Hochschule
FernUniversität Hagen  (LG Philosophie III, Praktische Philosophie: Technik, Geschichte, Gesellschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V229542
ISBN (eBook)
9783656454373
ISBN (Buch)
9783656455110
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Differenzphilosophie, Dekonstruktion, Heidegger, Nietzsche, Derrida
Arbeit zitieren
Henri Kurt Troillet (Autor), 2012, Das Denken der Differenz bei Heidegger, Nietzsche und Derrida , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229542

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