Dromologie im Jetzt

Implikationen von Beschleunigung in der Medientheorie Paul Virilios


Bachelorarbeit, 2013

49 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung - Arbeitsfeld und Thema

II. Hauptteil - Dromologie
II.i Dromologie: Dromokratie
II.ii Unterwegs
II.iii Medienrevolutionen: Zivilisationsgeschichte als Mediengeschichte
II.iv Dromologisches Gesetz
II.v Veränderung von Wahrnehmung - Die Sehmaschine und die
Ästhetik des Verschwindens
II.vi Kulturtheoretische Einordnung
II.vii Kleiner biografischer Exkurs im dromologischen Kontext
II.viii Akzidenz und die bombe informatique: der Unfall in der global vernetzten Welt
II.ix Dromologie im Jetzt: Überprüfung des dromologischen Konzeptes
II.x Dromologische Überlegungen zu UAV

III. Schlussbetrachtungen
III.i Arbeitsthema
III.ii Kurze Zusammenfassung der Erkenntnisse
III.iii Ausblick: Weiterführende Gedanken und Lücken

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung - Arbeitsfeld und Thema

Everyday it's a-gettin' closer

Goin' faster than a roller coaster

Love like yours will surely come my way

A hey, a hey hey

(Buddy Holly - Everyday)

Die Verbindung vom Wesen der Geschwindigkeit und menschlicher Erkenntnis1 ist Gegenstand zahlreicher Untersuchungen. So hat etwa der Soziologe und Wissenschaftstheoretiker Norbert Elias - mithilfe das Katalysators Zeit - jene damit verbundenen Prozesse als soziales Produkt2, somit als Teil des Zivilisationsprozesses interpretiert. In der Kommunikations- und Medientheorie erkennt Roland Wenzlhuemer ein Zusammenwirken von Beschleunigung3 der Welt anhand neuer Medien und dem variablen Empfinden von Zeit und Realität.4 Buddy Hollys unbedarfte Gedanken über die - im weitesten Sinne - realitätsformende Kraft von Einflüssen aller Art auf den Menschen erscheinen im medienepistemologischen5 Licht daher als essentielles Charakteristikum in Fragen nach den erkenntnisspezifischen Interdependenzen zwischen Mensch und dessen Umwelt. Die Grundlagen hierfür sind zahlreich und komplex. Fragen nach dem Veränderlichsein von Raum und Zeit sowie die sich darauf beziehenden Einflüsse von Medienentwicklung scheinen ein möglicher Forschungsansatz zu sein.

Moderne Telekommunikationsmedien haben das Leben hinsichtlich eines schnellen und flüssigen Informationsaustausches heute sicherlich umfassend vereinfacht. Die Welt ist mithilfe von Funkübertragung, Fernsehen und Internet scheinbar zusammengerückt, bezüglich Nachrichtentransmission wirken Entfernungen leichter überbrückbar als zuvor. In diesem Rahmen hat der Medientheoretiker Marshall McLuhan den Begriff vom globalen Dorf6 geprägt, einer durch elektronische Technologien und daraus resultierende sofortige7 Informationsübertragung aufs Dichteste komprimierte Entität der Welt und ihrer menschlichen Bewohner. In ihrer Konsequenz werden soziales und politisches Leben im Fokus eines kollektiven Bewusstseins überall, jederzeit und scheinbar instantan- zeitkritisch in eine Welt der Immaterialität übertragen. Medien, insbesondere jene der Informations- und Kommunikationstechnologien, tragen folglich zur Transformation unserer Vorstellungen von Raum und Zeit bei.8 Die Konklusion, Zeit und Geschwindigkeit als dominierende wirtschaftliche, politische und soziale Konstanten in einer sukzessive zeitkritisch werdenden Welt zu verstehen, liegt nahe. Zeitforschung als eine der Mediengeschichte zu behandeln, bedeutet somit ebenso die Frage nach dem Einfluss von Beschleunigung durch Medien:

„Es ist allenthalben die Beschleunigung, welche […] Zeiterfahrung von allen vorangegangenen unterscheidet. […] Die Beschleunigung scheint ein Gebiet nach dem anderen zu erfassen, nicht nur die technisierte Industriewelt, den empirisch überprüfbaren Kern jeder Akzeleration, sondern ebenso das Alltagsleben, die Politik, die Ökonomie, die Bevölkerungsvermehrung.“9

Doch wo liegen die Ursprünge einer solchen Entwicklung? Was sind deren Folgen? Um gegenwärtige Medienphänomene hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen10 und erkenntnistheoretischen Relevanz zu untersuchen, lohnt sich daher die Betrachtung der Zusammenhänge von Medienentwicklung und ihrer Implikationen in Form von einer scheinbar sich beschleunigenden Umgebung. In diesem Zusammenhang wird der Fokus dieser Arbeit auf der Medientheorie Paul Virilios liegen, dessen Forschung die Ursprünge und Folgen einer medieninduzierten Veränderung der Wahrnehmung von Zeit und Raum - und somit Realitätskonzepten - untersucht. Jenes Zusammenspiel von Geschwindigkeit und gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse nennt Virilio Dromologie. Demnach bedeutet der Wettlauf um medieninduzierte Beschleunigung ein fortwährender Sprint um Informationshoheit und somit politische, ökonomische, gemeinhin gesellschaftliche Macht.

Virilios medien- und kulturkritischen Betrachtungen über das Wesen von Beschleunigung im Industrie- und Informationszeitalter lesen sich als Erklärungsmodell für eine zunehmende Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt, die weitreichende Folgen für dessen Existenz mit sich bringen. Zwar ist Virilios Medienbegriff, auf der Grundlage der Theorie McLuhans, durchaus weitläufig. Jedoch ist an dieser Stelle von Interesse, inwiefern Eigenschaften und Auswirkungen dromologischer Prozesse bereits heute anhand einer spezifischen, potentiell transformativen Technologie erkennbar sind. Zentraler Gegenstand dieser Arbeit werden daher Charakteristika der Dromologie Paul Virilios sein sowie die Überprüfung ihrer Implikationen auf die Gegenwart. Als exemplarisches Phänomen werden die Technologie und epistemologischen Auswirkungen ferngesteuerter unbemannter Flugobjekte - kurz Drohnen11 oder UAV (unmanned aerial vehicals) - zur Analyse herangezogen. Somit soll folgende Arbeitsthese überprüft werden:

Virilios Dromologie-Konzept ist wiedererkennbar an gegenwärtigen technologischen Entwicklungen wie etwa der Drohnentechnologie.

Im Folgenden wird zunächst Begriffsbildung und schließlich, in Unterkapitel eingeteilt, eine Auswahl dromologischer Kernstücke präsentiert und diskutiert, bevor die gewonnenen Erkenntnisse auf heutige Relevanz überprüft werden. Die gesammelten Einblicke sollen die eingangs postulierte Feststellung, medienverbundene Akzeleration und erkenntnistheoretische Phänomene seien interkausale Bestandteile eines gemeinsamen Nexus, unterstützen und die Anwendbarkeit der dromologischen Theorie auf UAV bestätigen.

Ein Ausschnitt aus Paul Virilios Werk sei dabei als Basislektüre zu nennen, welche in ihrer Rezeption (Georg Christoph Tholen, Daniela Kloock, Steve Redhead et al.) diskutiert wird. Im Abschnitt über Drohnentechnologie und ihrer möglichen dromologischen Ausprägungen wird vermehrt digitales Quellenmaterial benutzt, was dem Umstand einer vergleichsweise jungen und aktuellen Thematik geschuldet ist. Hinsichtlich eines präziseren Verständnisses sind zudem in der Arbeit beigefügte englische Zitate überwiegend unübersetzt übernommen - ungeachtet ihres partiellen Ursprungs aus dem Französischen bzw. eines möglichen Eindrucks muttersprachlicher Diskontinuität. Im Text kursiv markierte Wörter oder Begriffe dienen der thematischen Hervorhebung.

II. Hauptteil - Dromologie

Im folgenden Abschnitt sollen Grundzüge des von Virilio als Dromologie bezeichneten Arbeitsfeldes dargestellt werden. Dessen medientheoretische Basis und Implikationen - die kultur- und gesellschaftsspezifischen Folgen einer sich rasant beschleunigenden Medienwelt - werden im Anschluss Beobachtungen über UAV-Technologie gegenübergestellt und medienepistemologisch bewertet. Als zentrales Augenmerk werden Terminologie und Gesellschaftskritik Virilios sein, welche knapp erläutert werden und in der Rezeption wiedergefunden werden soll. Dies soll jene Gegenüberstellung ermöglichen, die über kulturelle Bestätigung von Paul Virilios Werk skizzenhaft Aufschluss geben soll.

II.i Dromologie: Dromokratie

Der Philosoph, Stadtplaner und Kulturkritiker Paul Virilio beschäftigt sich zeit seines Lebens mit dem Wesen von Geschwindigkeit und Beschleunigung als Indikatoren und zugleich Motoren gesellschaftlicher Entwicklung. Als theoretische Basis Virilios ist das Gebiet der Dromologie zu nennen, dessen Erforschung und Kontextualisierung er seit den 1970er Jahren in zahlreichen Publikationen betreibt und ausweitet. Eng verwoben mit Virilios Biographie als Stadtplaner und Militärchronist nimmt jenes Wissensgebiet starken Bezug auf zahlreiche Disziplinen, wie etwa Urbanistik, Mediengeschichte, Militärwissenschaft und Physik.

Seinen Beobachtungen zufolge bestimmt nicht etwa Akkumulierung von materiellem Wohlstand politische, militärische und somit gesellschaftliche Macht, sondern die Implikationen von geschwindigkeitsbezogenen Wettläufen um diese. Der Begriff, ein von Virilio geschaffenes Portmanteau aus der griechischen Übersetzung von Rennbahn (dromos) und Wissenschaft (logos), bezieht sich auf die Bedeutung von geschichtlichen Etappen und gesellschaftlichen Entwicklungen als Ausdrucksformen sich beständig wandelnder Geschwindigkeitsverhältnisse, welche eng mit Mediengeschichte und somit technischem Fortschritt verbunden sind:

„Dromologie kommt von dromos, Lauf. Es handelt sich also um die Logik des Laufs. Damit bin ich in jene Welt eingetreten, in der Geschwindigkeit und nicht Reichtum zum Maßstab der Gesellschaftsgeschichte geworden ist.“12

Dromologie ist die Theorie vom Wesen der Geschwindigkeit und Beschleunigung. Somit ist das von Virilio betriebene medientheoretische, historische und epistemologische Erforschen von Geschwindigkeit für diesen Abschnitt von zentraler Bedeutung. Als Grundlage für das Beleuchten des beständigen „Wandels zeit- und raumspezifischer Erfahrungswelten“13 dient die Annahme, durch die fortwährende Entwicklung von Medientechnologien werde der von der menschlichen Physis okkupierte Raum geschmälert, verflüchtige sich sukzessive und werde als Orientierungsgrundlage durch den anhaltend präziser werdenden Rhythmus der Zeit und ihren Messinstrumenten verdrängt. Der Raum, ursprüngliches primäres Aktivitätsgebiet in Bezug auf Habitat, Transport- und Konfliktort des Menschen, sei graduell geringer durch Beschaffenheit und Ausmass definiert worden, sondern zunehmend über die Geschwindigkeit seiner Durchschreitung, was Virilio als Entwirklichung vermittels „Entfremdung durch Geschwindigkeit“14 bezeichnet. Dieses Phänomen sei in jedem Lebens- und Gesellschaftssystem zu finden und daher als zivilisatorische Konstante von transhistorischer Natur. Aufgabe der Dromologie sei somit, zu besserem Verständnis von gesellschaftlichen Verhältnissen beizutragen.

In seiner Analyse über Virilios Arbeiten interpretiert der Medienwissenschaftler Georg Christoph Tholen das Gebiet um die Dromologie demnach als eine Phänomenologie der „implodierten menschlichen Wahrnehmung“, welche die „Architektur des relationalen Gefüges von Wahrnehmungsfeldern [beleuchtet], insofern diese ihrerseits von Geschwindigkeitsbeziehungen abhängen“15. Es ist jener Implosionsprozess, den Virilio für den Menschen als bedenklich einstuft und welcher im Folgenden knapp nachgezeichnet werden soll.

Es handelt sich um ein fortschreitendes, scheinbar grenzenloses Beschleunigungsmoment - hier dromologisches Moment genannt - der Genese der Technologie, das den Kern von Virilios Beobachtungen über die Veränderungen innerhalb des Kontinuums Mensch - Maschine - Umwelt darstellt. Demzufolge seien die Auswirkungen von Geschwindigkeit stets prägender Faktor für das Überleben gewesen, welche sich beispielsweise seit Jahrtausenden in Hetzjagden, Konflikten und Nahrungssuche widerspiegele.16 Der dromokratische Faktor - Herrschaftsindikator des Schnelleren - zeige damit die Verbindung zivilisatorischer Medienentwicklung und daraus resultierender Beschleunigung mit ihren kriegerischen und militärischen Implikationen.17 Aufgrund ihrer transpolitischen bzw. transhistorischen Natur ist die Entwicklungsgeschichte des Menschen somit nicht erst in ihrer jüngeren Vergangenheit dromologisch geworden. Vielmehr ist das dromologische Moment als intrinsische Veranlagung und somit Wesenskern zivilisatorischer Entwicklung zu verstehen. Im Folgenden werden die oben knapp umrissenen Gedanken und Schlussfolgerungen der Dromologie Paul Virilios näher erläutert und zentrale Begriffe erläutert, um die Problematik vertieft bearbeiten zu können.

II.ii Unterwegs

In seinen Werken über dromologische Betrachtungen spielt hinsichtlich ihrer methodischen Orientierung der Begriff des Fahrzeugs eine zentrale Rolle. Der Mensch sei, Virilios medienanthropologischem Ansatz zufolge, beständig unterwegs - bereits ungeboren im Vehikel des Mutterleibs, später - seit dem Neolithikum - mit Nutztieren, welche als Nahrungsquelle sowie als Zug- und Reitobjekt gehalten würden. Es ist jene Phase der Nutzbarmachung des Menschen umgebenden Fauna, in welcher Virilio den Beginn der Eroberung von Territorien verortet.18 Der Grund liege in der Feststellung, erschlossene bzw. eroberte Gebiete, die zuvor bei Abwesenheit in informationelle und somit machtbezogene Unsicherheit oder gar Verlust mündeten, würde mithilfe von Reittieren als prävalentes Transportmedium eher unter Kontrolle gebracht werden:

„Whoever controls the territory possesses it. Possession of territory is not primarily about laws and contracts, but first and foremost a matter of movement and circulation.“19

Dieser Antrieb zivilisatorischer Bestrebungen ist somit untrennbar verbunden mit der Instrumentalisierung des Menschen Umwelt. Durch die Nutzung von Tieren als Transportmedien mobilisiert sich der Mensch. Dessen Beschleunigung begünstigt demnach grundlegende Entwicklungen in der gesellschaftlichen Genese, da Fahrzeuge jedweder Art der Entwicklung von Zivilisation und somit menschlicher Perzeption zuträglich seien. Tholen spricht dabei vom „gesellschaftsprägende[n] Gesetz einer übervorteilenden Beschleunigung“, welches „bei der Tierjagd und, wichtiger noch, bei der kriegerischen Auseinandersetzung“20 zum Tragen komme. Macht bedeutet also Raumbeherrschung, welche sich wiederum in einer dem Umfeld überlegenen Kontrolle von Geschwindigkeit manifestiert. Im Sinne der Medientheorie Marshall McLuhans21 - dessen Beobachtungen und Schlüsse zugunsten einer medientheoretischen Verankerung im Laufe der Arbeit vereinzelt den Gedanken Virilios zu Hilfe kommen werden - besinnt sich Tholen auf die epistemologischen Implikationen dieses Prozesses, in dem der Mensch auf diese Weise motorische wie sensitive Facetten seines Seins auf die Dimensionen des Mediums erweitere. Jene medienanthropologische Blickrichtung ist ein entscheidender Referenzpunkt in der Betrachtung der Dromologie, da diese Mediengeschichte als Zivilisationsgeschichte zu verstehen sucht. Dromologie ist somit als Versuch zu lesen, „Kulturgeschichte an die Faktoren der Zeitersparnis, Beschleunigung und Beherrschung von Geschwindigkeit zu koppeln, da diese kriegsentscheidend und darum so wirkmächtig gewesen seien.“22 Es soll jene militärische Komponente sein, auf welche später Bezug genommen wird, um einen Zusammenhang zwischen dem medienphilosophischen Hintergrund der Dromologie und ihrer Überprüfung anhand der ausgewählten Technologie herzustellen.

II.iii Medienrevolutionen: Zivilisationsgeschichte als Mediengeschichte

In Verbindung mit seinen zuvor erklärten dromologischen Positionen postuliert Virilio das Modell der drei Medienrevolutionen der jüngeren Geschichte, welche synonym für den technologischen und kulturellen Entwicklungsprozess der Menschheit stehen sollen. Im Folgenden sollen sowohl die Entwicklungsstufen als auch Virilios kritische Position bezüglich einer medieninduzierten Beschränkung menschlicher Gestaltungsmöglichkeiten skizziert werden.

Die erste Medienrevolution sei eine des Transportwesens, welche sich durch die rasante - weil über fließband- und nicht-metabolische, automotorische Medien stattfindende - Entwicklung während der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert manifestierte.23 Durch die schlagartige Unabhängigkeit gegenüber Zugtieren sowie aufgrund automatisierter Produktionsweisen in modernen Manufakturen sei eine Zäsur eingetreten. Die Beförderung von Gütern und Menschen sei auf neuartige Weise beschleunigt worden und habe somit - gemäß der Gedanken McLuhans24 - e n t s p r e c h e n d e Rückkoppelungseffekte auf akzelerierte Wahrnehmung respektive das Selbstverständnis einer protomodernen Gesellschaft bewirkt. Man begann schneller zu leben. Zwar handelte es sich bei der Industrialisierung um eine radikale Umwälzung und Abkehr von althergebrachter Organisation von Mensch, Raum, und Material, die sich u.a. in flächendeckenden politischen, merkantilen und philosophischen Raumerweiterungen manifestierte. Dennoch sind für Virilio diese Entwicklungen stets Ausdruck einer Ordnung von relativer Geschwindigkeit. Zum Zeitpunkt der Revolution des Transports hätte weiterhin eine zu Raum und Zeit abhängige Medienwahrnehmung bestanden. Diese bezog sich auf Technologien und Gestaltungsmöglichkeiten, die nach wie vor auf in räumlichen Koordinaten existierender Materie beruht habe.

Mit dem Erreichen einer völlig neuen telekommunikativen Übertragungsart wird jene relationale Ordnung obsolet. Die Revolution der elektromagnetischen Transmissionsmedien bedeutet für Virilio das Einsetzen eines neuen Paradigmas. Ihr inneres Kriterium, das lichtschnelle Übertragen von Informationen über Telegraphie, Funk und Fernsehen - c = 298.925.574 m/s (bei Luftwiderstand) - löscht sämtliche Distanz- und somit Raumwahrnehmung aus dem Bewusstsein von Sender und Empfänger, da hierfür lediglich Bruchteile von Sekunden benötigt werden. Zuvor war die physische Umgebung für das Bremsen von Bewegung verantwortlich. Gegen diesen Umstand wurde mithilfe von leistungsstärkeren und widerstandsnivellierenden Medien (Tunnel und Autobahn) angegangen, um jene Hindernisse als Störfaktor zu beseitigen. Nun überwinde vom Menschen benutzte elektromagnetische Strahlung jede Materialität.25 Es handle sich dabei um ein Annähern an die „absolute Geschwindigkeit“26, welche - getreu dem Phänomen der Zeitdilatation - zugleich die Grenze der Zeit darstellt, jegliche physische Bewegung überflüssig mache. Der ursprüngliche Wettlauf um die Erschließung und Kontrolle des Territoriums als Indikator für Macht wird ersetzt durch das Sofortige: der Raum wird zum Jetzt. In Anlehnung an McLuhans Bonmot - the medium is the message - sowie angesichts dieses medienepistemologischen Paradigmenwechsels folgert Virilio, das Medium Botschaft sei in Wirklichkeit die (ultimative) Geschwindigkeit ihrer Ausbreitung und dromologisiert auf diese Weise den Medienbegriff McLuhans.27

Der Mensch sei unfähig, sich den Geschwindigkeiten und damit nicht mehr geistig fassbaren Zeitfraktionen des neuen Mediums anzupassen. Stattdessen Virilio ihn seiner Sinne und somit Existenzgrundlage beraubt, da die lichtgeschwinden Übertragungsmedien sämtliche seiner perzeptiven Fähigkeiten automatisiere und auf diese Weise ersetze.28 Amputation, nicht Erweiterung seiner Sinne sei auf diese Weise beobachtbar. Der Raum löse sich als perzeptive Konstante auf, da dieser nicht mehr für die Informationswahrnehmung vonnöten sei. Informationen seien subjektiv-zeitkritisch aus jedem für den Menschen zugänglichen Ort erreich- und empfangbar. Infolge jener audio- visuellen Informationsrevolution29 entstehe ein neues Verhältnis des Menschen zur materiellen Welt, welches das Prinzip der Realitätswahrnehmung durch Wahrnehmung und Erschließung des Raumes hinfällig werden lasse. Der Mensch bleibe lediglich präsent bei Ereignissen, welche unmittelbar in dessen Umgebung stattfinden und somit ohne die Verwendung lichtschneller telekommunikativer Medien wahrgenommen werden können. Statt des vermeintlich realen Territoriums gelte für den Menschen nunmehr, zu weiterer Beschleunigung unfähig, die lichtschnelle Echtzeit als Nexus aller Wahrnehmungen.

Damit ergeben sich weitreichende Folgen für Wahrnehmungs- und Gestaltungsfähigkeit: Je schneller und präziser Medienentwicklung voranschreitet, desto amputierter erscheint der Mensch. Im Zustand höchster medialer Mobilität ist er somit zu Immobilität verdammt. Der epistemologische Horizont verschwindet mit dem ins absolute wachsende Potential der medialen Sinneserweiterungen - er wird negativ. Dies markiert Virilio als das Ende der Geschichte der Beschleunigung, an dem alles jetzt sei30 und der Mensch die Kontrolle über sich und seine Umwelt verloren habe - eine Zäsur hinsichtlich Virilios dromologischer Kulturkritik, deren Ansatz sich im Wesentlichen mit den Beobachtungen des „ Proto- Dromologen31 McLuhan zu decken scheinen:

„The entire world, past and present, now reveals itself as a growing plant in an enormously accelerated movie. Electric speed is synonymous with the speed of light and with the understanding of causes.“32

Doch mit der lichtschnellen Ausbreitung von Information ist Virilio zufolge erst der Anfang gemacht. Da das physische Gebiet der Welt er-fahren und kartographiert sei, habe sich die Beherrschung dessen ebenfalls auf ein Maximum ausgedehnt. Als Folge invertiert sich der Erkundungsimpuls von nach-aussen auf die Funktionsweisen des menschlichen Körpers, dem letzten Territorium. Virilio nennt diesen Schritt die dritte Medienrevolution33, jene der Transplantationstechniken. Diese sei dank der Errungenschaften ihrer Vorgängerin losgelöst von einem Impetus der Beschleunigung und beziehe sich nun - da bislang Leben nur auf der Erde möglich zu sein scheine - auf die „Kolonisierung“ des „unendlich viel leichter zugänglichen Planeten, den des menschlichen Körpers“34. Die menschliche Physiologie avanciert in dieser dritten Phase zum zentralen Einsatzbereich der während der audio-visuellen Revolution etablierten Telekommunikationsmedien. Sie sind Mikromaschinen der Kommunikation, die als Sonden, Detektoren und Sensoren bereits im Alltag der Gegenwart zu finden sind. Das Jetzt, sinnbildlich grenzenloser Austragungsort des Wettlaufes um Macht, modifiziert sich in dieser Phase zum Selbst, d.h. es implodiert auf die Maße der eigenen Physis und verändert diese mithilfe der Technologie ihrer Zeit. Tholen nennt diesen Prozess das „epistemologische Dilemma einer […] anthropologischen Rückführung der sich ,verselbständigenden‘ Technik auf die ursprüngliche Ausdehnung des Körpers.“35 Er nimmt später indirekt Bezug auf die kybernetischen Dimensionen der Idee einer medieninduzierten Implosion des Raumes, die an dieser Stelle jedoch aus Gründen thematischer Brennschärfe nicht weiter verfolgt werden sollen.

[...]


1 N.B.: Nach Eduard Zeller bedeutet Erkenntnistheorie „die formale Grundlage der ganzen Philosophie“, welche untersucht, „unter welchen Voraussetzungen der menschliche Geist zur Erkenntnis der Wahrheit befähigt ist.“ Einer breiten und kontroversen Begriffsrezeption zum Trotz wird Epistemologie somit an dieser Stelle als Theorie von der Konzeption von (heute differenten) Realitäten definiert. Vgl. Eduard Zeller: Ueber Bedeutung und Aufgabe der Erkenntnistheorie, in: Eduard Zeller: Vertr ä ge und Abhandlungen, zweite Sammlung, Leipzig 1877, S.483.

2 Vgl. Norbert Elias: Über die Zeit, Suhrkamp 2004, S.85.

3 N.B.: Beschleunigung meint hier im kolloquialen Sinne die Erh ö hung von Geschwindigkeiten.

4 Vgl. Roland Wenzlhuemer: „Less Than No Time“ - Zum Verhältnis von Telegrafie und Zeit, in: Geschichte und Gesellschaft 37 (4), Vandenhoeck & Ruprecht 2011, S.606.

5 N.B.: Medienepistemologie wird hier als „Variante der Erkenntnistheorie“ im Informationszeitalter gebraucht, deren Grundlage eine Anerkennung von „Pluralität differenter kognitiver Systeme ebenso wie einer Pluralität von differenten Wirklichkeiten und Wertordnungen“ bedeutet. Vgl. Siegfried J. Schmidt: Blickwechsel - Umrisse einer Medienepistemologie, in: Gebhard Rusch, S.J. Schmidt: Konstruktivismus in der Medien- und Kommunikationswissenschaft, Frankfurt/Main, Suhrkamp, S.119.

6 Vgl. William Toye et al. [Hg.], Marshall McLuhan: Letters of Marshall McLuhan, Oxford University Press 1987, S.254.

7 N.B. Natürlich bewegt sich das Licht mit einer festen Geschwindigkeit durch den Raum, wie der dänische Astronom Ole Rømer 1676 bewiesen hat. Lichtschnell übertragene Informationen sind daher nicht tatsächlich sofortig sondern allenfalls scheinbar instantan, was für die Medienepistemologie von Interesse ist. Tatsächliches und gefühltes ,Sofort‘ werden aufgrund der geringen menschlichen Distinktionsschwelle synonym verwendet.

8 Vgl. Gerhard Chr. Bukow et al.: Mediale Transformationen unseres Verhältnisses zu Raum und Zeit, in: Medienbildung und Gesellschaft, Vol. 23, Springer 2012, S.7.

9 Reinhardt Koselleck: Zeitschichten - Studien zur Historik, Suhrkamp 2000, S.162.

11 N.B.: Weder UAV noch die bekanntere Drohne erscheinen als Begriffe ideal gewählt. Wo das Akronym zwar präzise aber gleichsam recht unbeholfen erscheint, birgt hingegen die Drohne einen assoziativ günstigeren Zugang zum Sujet - jedoch zum Preis inadäquater phänomenologischer Einordnung. Trotz und wegen dieser begrifflichen Unschärfe werden beide Formen synonym verwendet.

12 Paul Virilio, Sylvère Lotringer: Der reine Krieg, Merve-Verlag, Berlin 1984, S.45.

13 Vgl. Paul Virilio im Interview mit Caroline Dumoucel, in: VICE 17(9), New York 2010, S.57ff.

14 Daniela Kloock, Angela Spar: Ästhetik der Geschwindigkeit - Paul Virilio, in: Medientheorien. Eine Einf ü hrung, 4. Auflage, Paderborn 2012, S.133ff.

15 Georg Christoph Tholen: Geschwindigkeit als Dispositiv. Zum Horizont der Dromologie im Werk Paul Virilios, in: Joseph Jurt [Hg.]: „ Von Michel Serres bis Julia Kristeva “, Rombach Verlag [ Reihe Litterae, Bd. 69], Freiburg 1999, S.135.

16 Vgl. Paul Virilio: Geschwindigkeit - Unfall - Krieg, in: TAZ, 03.05.1986, S.12.

17 N.B.: Dies ist eine bedeutende Facette dromologischer Theorie, die sich durch einen Großteil von Virilios Werk zieht. Bezüglich des Arbeitsthemas soll zu einem späteren Moment vertieft auf die dromologische Verbindung von Krieg und Medien eingegangen werden.

18 Vgl. Paul Virilio: Revolutionen der Geschwindigkeit, Merve-Verlag, Berlin 1993, S.7.

19 Paul Virilio im Gespräch mit John Armitage: The Kosovo War Took Place In Orbital Space: Paul Virilio in Conversation, Interview, in: Ctheory, 18.10.2000, url: http://www.ctheory.net/articles.aspx?id=132, abgerufen: 19.11.12, 20:01.

20 Tholen: Geschwindigkeit als Dispositiv. S.136.

21 Vgl. Marshall McLuhan: Die Magischen Kanäle, ECON-Verlag, Düsseldorf 1992, S.17. N.B.: McLuhan spricht von Medien als „Ausweitungen“ des Menschen, die ihn mit zusätzlichen Gestaltungsmöglichkeiten ausstatten. Nicht nur würden diese eine entsprechende Situation bei und im Sinne ihrer Benutzung verändern. Gleichermaßen habe das Medium ebenso großen Einfluss auf das Selbstkonzept eines Menschen und dessen Umwelt.

22 Axel Volmar: Zeitkritische Medien im Kontext von Wahrnehmung, Kommunikation und Ästhetik, in: Axel Volmar [Hg.]: Zeitkritische Medien, Kulturverlag Kadmos, Berlin 2009, S.11.

23 Vgl. Virilio: Revolutionen der Geschwindigkeit. S.17f.

24 Vgl. McLuhan: Die Magischen Kanäle. S.17.

N.B.: McLuhan benutzt hier das Beispiel der Eisenbahn, deren Erfindung nicht einfach „Bewegung, Transport, das Rad oder die Straße“ bedeutet habe, sondern „vollkommen neue Arten von Städten und neue Arten der Arbeit und Freizeit [...].“ Ihre Existenz habe dazu geführt, Wesen und Positionierung des Menschen mit dessen Umwelt und Gesellschaft neu zu verorten. Somit verändert nicht nur die Betätigung des Mediums die Umwelt des Menschen. Es ist ebenso er selbst, der durch die Existenz einer jener „Ausweitungen“ verändert wird und auf diese Weise kommuniziert und gestaltet.

25 Vgl. Kloock, Spar: Ästhetik der Geschwindigkeit, S. 161.

26 Virilio: Revolutionen der Geschwindigkeit. S.20.

27 Vgl. Bob Hanke: McLuhan, Virilio and Speed, in: Paul Grosswiler [Hg.]: Transforming McLuhan: Critical, Cultural and Postmodern Perspectives, Peter Lang, New York 2010, S.205.

28 Vgl. Kloock, Spar: Ästhetik der Geschwindigkeit, S.136f.

29 N.B.: Der Begriff verweist auf die Abgrenzung zur vorangegangenen auto-mobilen Revolution des 19. Jahrhunderts.

30 Vgl. Paul Virilio: Dialektische Lektionen - Vier Gespräche mit Marianne Brausch, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 1996, S.57.

31 Hanke: McLuhan, Virilio & Speed, S.220.

32 Marshall McLuhan: Understanding media: The extensions of man, McGraw-Hill, New York 1964, s.305.

33 Vgl. Virilio: Revolutionen der Geschwindigkeit, S.17f.

34 Paul Virilio: Die Eroberung des Körpers - Vom Übermenschen zum überreizten Menschen, München 1994, S.124.

35 Vgl. Tholen. S.136.

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Details

Titel
Dromologie im Jetzt
Untertitel
Implikationen von Beschleunigung in der Medientheorie Paul Virilios
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Medienwissenschaften)
Veranstaltung
Musik & Medien
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
49
Katalognummer
V229773
ISBN (eBook)
9783656484790
ISBN (Buch)
9783656485834
Dateigröße
952 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dromologie, jetzt, implikationen, beschleunigung, medientheorie, paul, virilios
Arbeit zitieren
Christoph Adrian (Autor), 2013, Dromologie im Jetzt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229773

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