Die Desintegrationstheorie als Erklärungsansatz für rechtsextremistische Einstellungen in Dresden


Hausarbeit, 2013

22 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Definition Rechtsextremismus
1.2 Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

2 Die Individualisierungsthese

3 Die Desintegrationstheorie – Ein Erklärungsansatz
3.1 Sozialstrukturelle Ebene
3.2 Institutionelle Ebene
3.3 Personale Ebene

4 Praxisbeispiel: Jährliche Rechtsextremistische Aufstände in Dresden

5 Die Desintegrationstheorie als Erklärungsansatz für Rechte Ideologien in Dresden

6 Kritik

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Rechtsextremismus hat sich in den letzten Jahren zu einem akuten Problem in der Bundesrepublik Deutschland entwickelt. Tendenz steigend. Nicht nur die letzten Geschehnisse um die Zwickauer Terrorzelle haben Aufsehen erregt, sondern auch der jährliche Anstieg rechtsextremen Denkens sowie rechtsextremer Gewalttaten. Laut der aktuellen Studie der Friedrich Ebert Stiftung (FES) „Rechtsextremistische Einstellungen in Deutschland“ (2012) ist im Vergleich zu 2010 ein Anstieg rechtsextremen Denkens von 8,2% auf 9% Bundesweit zu verzeichnen.

Dabei zeigen sich regionale Unterschiede, sowohl in der Intensität als auch der gesellschaftlichen Akzeptanz. Dieses Phänomen veranschaulicht das Leibniz-Institut für Länderkunde in seiner Studie „Rechte Ideologie und Gewalt in Deutschland“ (2009). Bei Wahlergebnissen rechtsextremer Parteien sowie politisch rechts motivierten Straftaten sind besonders Regionen aus Ostdeutschland vorne dabei, ganz besonders Sachsen.

Erwähnenswert ist an dieser Stelle, dass seit dreißig Jahren in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden jährlich am 13. Februar ein Marsch zum Gedenken der Toten der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg stattfinden. Und seit zehn Jahren werden diese von Rechtsextremisten gestört, die dieses Datum zur Selbstdarstellung in Dresden nutzen wollen. Wie aus vergangenen Bildern zu ersehen ist, eskalieren die Proteste gegen die Aufzüge der Rechtsextremisten, oft mit gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Es stellt sich die Frage, wie sich Rechtsextremismus in Dresden äußert und wie dieses mit den Lebensqualitäten vor Ort zusammen hängt?

Hierzu wird anhand der Desintegrationstheorie Heitmeyers ein Erklärungsansatz für die rechte Ideologie und Gewalt in Dresden aufgezeigt.

In dieser Ausarbeitung wird zuerst auf die Begriffe Rechtsextremismus und Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit eingegangen und der Bezug beider Begriffe zur Ideologie der Ungleichheit dargestellt.

Überleitend wird auf die Individualisierungsthese von Ulrich Beck eingegangen und die daraus abgeleitete Desintegrationstheorie von Wilhelm Heitmeyer vorgestellt.

Die Desintegrationstheorie soll folgend an einem Praxisbeispiel veranschaulicht und abschließend anhand empirischer Daten wissenschaftlich diskutiert werden.

1.1 Definition Rechtsextremismus

Da der Begriff des Rechtsextremismus an sich über kein homogenes, ideologisches Konzept verfügt, gibt es für den Begriff auch keine einheitliche Definition. Der Begriff dient als Sammelbezeichnung. Seit Anfang der 90er Jahre liegen eine Fülle an Publikationen zu Rechtsextremismus vor, die versuchen, Elemente des rechtsextremen Denkens und die daraus folgenden Einstellungen und Handlungen zu bearbeiten. Spetsmann-Kunkel (2011) hat nach einer Sammlung von Begriffsklärungen zu Rechtsextremismus Unterschiede und Parallelen herausgearbeitet, und den Begriff des Rechtsextremismus folgendermaßen idealtypisch definiert:

„Unter Rechtsextremismus wird eine gewaltverherrlichende, männlichkeitsdominierte, autoritär-demokratiefeindliche Ideologie sozialer Ungleichheit/Ungleichwertigkeit verstanden, die rassistische und antisemitische Einstellungen sowie einen übersteigerten Nationalismus impliziert“ (Spetsmann-Kunkel 2011, S. 12).

1.2 Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

Wilhelm Heitmeyer ist seit 1996 Leiter des Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Er ist 1945 geboren und studierte Erziehungswissenschaften und Soziologie in Bielefeld und habilitierte ebenfalls dort. Heitmeyer war seit 1982 Leiter verschiedener Forschungsgruppen zu Rechtsextremismus, Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und ethnisch-kulturellen Konflikten.

Seit 2002 führt Heitmeyer mit seiner Forschungsgruppe eine Langzeitstudie zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) in Deutschland durch. Dabei untersucht man, in welchem Ausmaß bestimmten Gruppen in der Gesellschaft mit einer feindseligen Haltung gegenübergetreten wird. „Werden Personen aufgrund ihrer gewählten oder zugewiesenen Gruppenzugehörigkeit als ungleichwertig markiert und feindseligen Mentalitäten, der Abwertung und Ausgrenzung ausgesetzt, dann sprechen wir von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit “ (2006, zitiert nach Spetsmann-Kunkel 2011, S. 17). Hierzu werden jährlich in repräsentativen Befragungen Einstellungen und Phänomene gemessen und die Ergebnisse in der Buchreihe „Deutsche Zustände“ veröffentlicht.

In die Konzeption von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sind diverse Elemente eingeflossen. 2006 wurden zunächst neun Elemente berücksichtigt, seit 2012 sind es zwölf Elemente (siehe Abb. 1 und Abb. 2).

„Da angenommene Ungleichwertigkeit den gemeinsamen Kern aller Elemente ausmacht, sprechen wir vom Syndrom einer Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ (Heitmeyer 2002, S. 21). An dieser Stelle spricht Heitmeyer von einer Ideologie der Ungleichwertigkeit, die als Kern des Syndroms Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit agiert (2002).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Syndrom Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (2006)

(aus: Spetsmann-Kunkel 2011, S. 18)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Syndrom Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (2012)

(aus: Heitmeyer 2012, S. 17)

Die einzelnen Elemente des Syndroms Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit nach der Fassung Heitmeyer 2006 sind: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemetismus, Islamophobie (Islamfeindlichkeit), Etabliertenvorrechte, Klassischer Sexismus, Homophobie, Obdachlosenabwertung, Behindertenabwertung (siehe Abb. 1).

In der aktuellsten Fassung Heitmeyers (2012) sind folgende Elemente ergänzt worden: Abwertung von Sinti und Roma, Abwertung von Asylbewerbern, Abwertung von Langzeitarbeitslosen (siehe Abb. 2).

Wie aufgelistet und aus beiden Abbildungen ersichtlich, lassen sich einzelne Elemente des Syndroms als Teile des Begriffes Rechtsextremismus widererkennen. Ein Bezug beider Begriffe ist zur Ideologie der Ungleichheit darstellbar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Bezug der Begriffe Rechtsextremismus und GMF zueinander

2. Die Individualisierungsthese

Ulrich Beck ist seit 1992 Professor und Direktor am Soziologischen Institut der Universität München. Er wurde 1944 geboren und studierte Soziologie, Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaften in München und habilitierte ebenfalls dort. Beck ist Ehrendoktor zahlreicher europäischer Universitäten. Sein Hauptarbeitsgebiet ist die Analyse der Krisendynamik der gegenwärtigen Gesellschaftsentwicklung.

1986 stellte Beck in seinem Werk „Risikogesellschaft, auf dem Weg in eine andere Moderne“ u.a. das Individualisierungstheorem vor. Die Grundthese gibt an, dass innerhalb der modernen Gesellschaft ein Bruch vorliegt, der sich aus den Konturen der klassischen Industriegesellschaft herauslöst und die sogenannte Risikogesellschaft ausprägt (Beck, 1986). Beck beschreibt eine gesellschaftliche Situation, die durch die Herauslösung der Menschen aus ihren bisherigen Sozialformen und durch den Verlust traditioneller Sicherheiten der Lebensgestaltung wie der Familie, der Religion oder den klassenspezifischen Milieus, gekennzeichnet ist. Modernisierungsrisiken führen zu Ängsten und Unsicherheit. In dieser Risikogesellschaft gäbe es zunehmend weniger traditionelle Lebensformen. Somit verlieren die Gussformen, die bisher die Lebensführung der Menschen ordneten, an Kraft. Absehbar wird eine auf Schicksal des Einzelnen ausgerichtete Lebensform, die Ihre Biographie selbst zusammenstellt. So definierte Gross (1985): „Im Übergang von der Normal- zur Wahlbiographie bildet sich der konfliktvolle und historisch uneingeübte Typus der Bastelbiographie “ (1985, zitiert aus Beck 1986, S. 217). Alles ist Entscheidungsabhängig und das Risiko muss selbst getragen werden. „Modernisierung führt nicht nur zur Herausbildung einer zentralisierten Staatsgewalt, zu Kapitalkonzentrationen und zu einem immer feinkörnigeren Geflecht von Arbeitsteilungen und Marktbeziehungen, zu Mobilität, Massenkonsum, usw. sondern eben auch – und damit sind wir bei dem allgemeinen Modell – zu einer Individualisierung “ (Beck 1986, S. 206).

2007 erschien das Werk „Weltrisikogesellschaft, Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit“; 20 Jahre nach seinem Werk „Risikogesellschaft“ zeigt Ulrich Beck, dass die Risiken globale Dimensionen erreicht haben und „ein neuer Individualisierungsschub bemerkbar ist“ (Beck 2007, S. 107). Er stellt die Integrität des Individuums in die Weltrisikogesellschaft als tragische Individualisierung vor, die sich aus dem Scheitern von Experten beim Risikomanagement und dem daraus entstandenen Misstrauen und Ungewissheit entwickelt hat, da keine Institution in der Lage ist, Risiken zu kontrollieren. „Als Folge davon werden Menschen auf sich selbst zurückgeworfen: Entwurzelung ohne Verwurzelung – das ist die ironisch-tragische Formel für diese Dimension der Individualisierung in der Weltrisikogesellschaft“ (Beck 2007, S. 107).

An dieser Stelle knüpft Heitmeyer folgendermaßen an:

„Vor diesem Hintergrund möchte ich als Kerntheorem zur Erklärung des Zuwachses von fremdenfeindlichen, gewaltakzeptierenden und rechtsextremistischen Orientierungen bzw. Handlungsweisen das Desintegrations -Theorem in den Mittelpunkt stellen. Die These lautet dementsprechend, dass wir bei der Erklärung auf soziale, berufliche und politische Desintegrationsprozesse achten müssen, die sowohl auf Erfahrung als auch Antizipation beruhen können.“ (Heitmeyer 1994, S. 45).

Der Grundmechanismus der „hochindustrialisierten, durchkapitalisierten Gesellschaft“, die durch „temporeiche ökonomische und technologische Modernisierungsprozesse“ gekennzeichnet ist, sieht folgendermaßen aus: „Je mehr Freiheit, desto weniger Gleichheit; je weniger Gleichheit, desto mehr Konkurrenz; je mehr Konkurrenz, desto weniger Solidarität; je weniger Solidarität, desto mehr Vereinzelung; je mehr Vereinzelung, desto weniger soziale Einbindung; je weniger soziale Einbindung, desto mehr rücksichtslose Durchsetzung“ (Heitmeyer 1994, S. 46).

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Desintegrationstheorie als Erklärungsansatz für rechtsextremistische Einstellungen in Dresden
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Bildungswissenschaften)
Veranstaltung
Soziale Konstruktion von Differenz
Note
2,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
22
Katalognummer
V229859
ISBN (eBook)
9783656461234
ISBN (Buch)
9783656461876
Dateigröße
718 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
desintegrationstheorie, erklärungsansatz, einstellungen, dresden
Arbeit zitieren
Taraneh Motakef (Autor:in), 2013, Die Desintegrationstheorie als Erklärungsansatz für rechtsextremistische Einstellungen in Dresden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229859

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