Wettbewerb als zentrales Mittel der männlichen Sozialisation


Essay, 2013
9 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Für die Männlichkeitsforschung ist es heutzutage unerlässlich, bei der Analyse von Geschlechterverhältnissen nicht nur die Relationen zwischen Männern und Frauen, sondern auch die sozialen Beziehungen von Männern untereinander zu analysieren. Zwei der bedeutendsten Ansätze, welche sich explizit mit dem Binnenverhältnis des männlichen Geschlechts beschäftigen, sind Raewyn Connells Konzept der hegemonialen Männlichkeit (1987) sowie Pierre Bourdieus Ansatz zur Erklärung von „männlicher Herrschaft“ (1997). Für Connell kennzeichnet Hegemonie nicht nur die Struktur der Beziehungen zwischen Männern und Frauen, sondern auch das Verhältnis verschiedener Formen von Männlichkeit zueinander. Auch Bourdieu betont den doppelten Charakter männlicher Herrschaft, da er der Ansicht ist, dass der männliche Habitus „nur in Verbindung mit dem den Männern vorbehaltenen Raum [konstruiert und vollendet wird], in dem sich, unter Männern, die ernsten Spiele des Wettbewerbs abspielen“ (Bourdieu 1997: 203). Besagte Spiele werden in all jenen Handlungsfeldern gespielt, welche die Geschlechtsordnung der bürgerlichen Gesellschaft als die Domänen männlichen Gestaltungswillens vorgesehen hat[1].

Als Beispiel für eine Domäne des männlichen Gestaltungswillens soll in diesem Essay der Blick auf die Welt des Fußballs geworfen werden. Fußball gilt heute in Deutschland ganz selbstverständlich als Männersport, sowohl was den Anteil der Spieler als auch den Anteil der Fans angeht. Interessant ist jedoch die Tatsache, dass Fußball keineswegs zwangsläufig ein männlich konnotierter Sport ist. Eine genauere Untersuchung der Geschichte des Fußballs zeigt, dass die Geschlechtszugehörigkeit weder in den vormodernen Ballspielen noch in den Anfangsjahren des modernen Fußballs eine besondere Rolle gespielt hat (Guttmann 1991 / Müller 2007). Als zentrales Inklusionskriterium fungierte lange Zeit die Standeszugehörigkeit, was zur Folge hatte, dass der Ausschluss von Frauen aus der höheren Schulbildung in der Mitte des 19. Jahrhunderts den Nebeneffekt einer geringeren Beteiligung am Fußball mit sich brachte. Lediglich Männer, denen der Zugang zu hochrangigen Bildungseinrichtungen gewährt wurde, konnten im Rahmen ihrer Ausbildung die Möglichkeit des gemeinsamen Fußballspiels wahrnehmen (vgl. Müller 2010: 3). Im Zuge der ‚Polarisierung der Geschlechtscharaktere’ (Hausen 1976) wurden Frauen im 19. Jahrhundert schließlich zunehmend auf den häuslichen Bereich beschränkt, was die Teilnahme am Fußball nochmals zusätzlich erschwerte. Die systematische Exklusion der Frauen aus dem Fußball setzte sich schließlich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts durch (vgl. Müller 2010: 5). Interessanterweise gilt Fußball jedoch auch heutzutage nicht flächendeckend als männliche Domäne, wie ein Blick in die USA oder nach Norwegen zeigt. Dort gilt Fußball eher als Frauensport (Guttmann 2002 / Markovits 2006).

Michael Meuser stellt nun die These auf, dass der von Bourdieu thematisierte Wettbewerb ein zentrales Mittel männlicher Sozialisation ist. Er beschreibt den Zusammenhang zwischen Konkurrenz und Kameradschaft, Duell und Ehre, der Produktivität von körperlicher Gewalt und das Risiko im Umgang mit dem eigenen Körper. Meuser behauptet außerdem, dass der Wettbewerb Männer nicht zwangsläufig voneinander trennt, sondern er zugleich ein Mittel männlicher Vergemeinschaftung ist (vgl. Meuser 2003). Im Folgenden werden Meusers theoretische Annahmen in Bezug auf die eben genannten Hypothesen hinsichtlich ihrer empirischen Stichhaltigkeit geprüft. Als anschauliches Beispiel soll in diesem Zuge der Fokus auf die vergangene Saison 2012/2013 der deutschen Fußball-Bundesliga, und insbesondere die Geschehnisse rund um den FC Bayern München geworfen werden.

Zunächst verweist Meuser auf Norbert Elias, welcher in seinen „Studien über die Deutschen“ (1989) die Welt studentischer Verbindungen als ein kompetitives Leben mit hohem Konkurrenzdruck beschreibt. Trotz des Konkurrenzdrucks mangelt es laut Elias nicht an Kameradschaft und wechselseitiger Zuneigung. David Mosse bemerkt in seiner Abhandlung zur Geschichte des modernen Männerbildes in Hinblick auf die Praxis des Duells in Frankreich gegen Ende des 19. Jahrhunderts, dass Männer, die ihre Degen kreuzten, gar eine Art ‚Freimaurerschaft’ des gegenseitigen Respekts formten (vgl. Mosse 1997: 32f). Es stellt sich nun die Frage, ob trotz des Duells zweier Mannschaften auf dem Rasen und dem damit verbundenen Konkurrenzdenken ein kameradschaftliches Verhältnis entstehen kann. In diesem Zuge sollte zunächst der Ablauf eines Fußballspiels an sich betrachtet werden: Sowohl vor, als auch nach dem Spiel sind Gesten der Kameradschaftlichkeit zu beobachten. Während es vor dem Spiel zum Händedruck mit den Gegenspielern kommt, wird nach dem Spiel gar das Trikot getauscht. Auch wenn es in den 90 Minuten auf dem Feld noch so rabiat zugegangen ist, findet eine unmittelbare ‚Versöhnung’ nach dem Spiel in Form des obligatorischen Trikotwechsels statt. Auch innerhalb einer Mannschaft, welche selbstverständlich auch nicht frei von Konkurrenzdenken ist, können Gesten mit Symbolcharakter beobachtet werden. So ist es im Fußball gang und gäbe, nach dem Spiel gesammelt in die eigene Fankurve zu marschieren, um den Fans für ihre Unterstützung zu danken. Vor allem in der vergangenen Saison kam es beim FC Bayern München zu Situationen, wo mehrere hochkarätige Nationalspieler teilweise über die komplette Spielzeit auf der Auswechselbank Platz nehmen mussten, weil die Konkurrenz innerhalb des Teams zu groß war. Nichtsdestotrotz wurde die Mannschaft von Trainer Jupp Heynckes gerade durch derartige Maßnahmen dazu gebracht, noch mehr aus sich herauszuholen. Jeder Spieler musste individuell an sich arbeiten, und konnte durch seinen puren Ehrgeiz in die Startelf gelangen. Gerade dieses Konkurrenzverhalten ist somit im Endeffekt dafür ausschlaggebend, dass der FC Bayern München eine derart erfolgreiche Saison gespielt hat. Die Tabelle beweist damit auf quantitativem Wege, dass Konkurrenzkampf innerhalb der Mannschaft förderlich für die männliche Vergemeinschaftung ist. Meusers Hypothese lässt sich somit durchaus empirisch bestätigen.

[...]


[1] Als Beispiele nennt Bourdieu neben Handlungsfeldern wie Ökonomie, Politik, Wissenschaft und Militär auch nicht öffentliche Felder, wie Vereine, Clubs oder Freundeskreise.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Wettbewerb als zentrales Mittel der männlichen Sozialisation
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Männlichkeiten. Soziologische und interdisziplinäre Perspektiven
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
9
Katalognummer
V231027
ISBN (eBook)
9783656465645
ISBN (Buch)
9783656467748
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
männlichkeit, hegemoniale männlichkeit, meuser, sport, fc bayern, bourdieu, männliche herrschaft
Arbeit zitieren
Sebastian Hauser (Autor), 2013, Wettbewerb als zentrales Mittel der männlichen Sozialisation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231027

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