Apollo und Daphne

Ovids Metamorphose und der fruchtbare Augenblick in der Skulptur Berninis


Forschungsarbeit, 2013
15 Seiten

Leseprobe

Vorwort

Vor gut einem Vierteljahrhundert erschien mein „Compendium scholare“ als Erstdruck im Diesterweg-Verlag Frankfurt. Die rasante Entwicklung der elektronischen Medien machte es möglich, dass eine erweiterte Neuauflage im Grin-Verlag erschien (2011). Beide Stilistiken verstehen sich als ein Propädeutikum zum Erlernen der seit der Antike entwickelten rhetorischen Tropen und Figuren. Die exemplarische Darstellung ihrer Anwendung bei der Interpretation literari­scher Texte musste seinerzeit unterbleiben. Heute will ich versuchen, diese Lücke zu schließen.

Die Wahl des Sujets entspringt der Erinnerung an die Freude, die ich empfand, als ich bei meinem letzten Rom-Besuch nach vielen erfolglosen Versuchen endlich in der Villa Borghese die hinreißende Skulptur Berninis umschreiten konnte.. Dabei wurde meine Aufmerksamkeit auch auf den Klang der Verse Ovids gelenkt deren Schwerelosigkeit in der Skulptur Berninis ihre optische Entsprechung hat. Auf eine Übersetzung habe ich deshalb verzichtet - sie kann das Original niemals ersetzten.

Ovid

Gotthold Ephraim Lessing untersucht in seiner 1766 unter dem Titel „Laokoon“ publizierten Aufsatzsammlung die Ausdrucksmöglichkeiten der Poesie einerseits sowie der Bildenden Kunst andererseits, wobei er neben der Laokoongruppe (Vatikanische Museen) die unterschiedlichsten literarischen Vorwürfe heranzieht. Bezüglich der Nachahmung zitiere ich aus dem Kapitel VI der Vorrede: “Meine Voraussetzung, dass die Künstler dem Dichter nachgeahmt haben, gereicht ihm nicht zur Verkleinerung. Ihre Weisheit erscheint vielmehr durch diese Nachahmung in dem schönsten Lichte. Sie folgten dem Dichter, ohne sich in der geringsten Kleinigkeit verführen zu lassen. Sie hatten ein Vorbild, aber da sie dieses Vorbild aus einer Kunst in die andere hinübertragen mussten, so fanden sie genug Gelegenheiten, selbst zu denken. Und diese ihre eigenen Gedanken, welche sich in den Abweichungen von ihrem Vorbild zeigen, beweisen, dass sie in ihrer Kunst ebenso groß gewesen sind als er in der seinigen.“

Der Dichter hat die Freiheit, seine fiktionalen oder tradierten Vorwürfe in fast beliebig vielen Einzelszenen auszugestalten und in einer gewissermaßen raum- zeitlichen Bewegung ans Ziel resp. zum Abschluss zu bringen.

Der Bildhauer hingegen ist genötigt, den gegebenen Handlungsablauf in einem einzigen Punkt zu komprimieren, in welchem nicht nur die Gegenwart sondern auch das Vorher und Nachher sichtbar werden.

Es ist sehr reizvoll, die Verwandlung Daphnes mit den Augen eines um die Zeitenwende in Rom glänzenden Dichters sowie eines genialen Bildhauers und Architekten des Frühbarocks sehen zu können. Uns, die wir in immer kürzeren Abständen wahrhaft globale Umwandlungen erleben müssen, zeigt dies, dass alle Entwicklungen dem Gesetz des Heraklit folgen: „παντα ρει“ (Alles fließt).

* * * * * *

Kurze generelle Struktur- und Stilanalyse sowie Anmerkungen zur Metrik

Struktur- und Stilanalyse können sich nicht nur auf die Feststellung von Tropen und Figuren beschränken. Sie müssen darüber hinaus die Zäsuren und Diäresen hinsichtlich der Betonung, sowie Versanfang und -ende berücksichtigen.

Auch die einer langen Tradition entstammenden Erzähltechniken gehören zur Würdigung der Leistung eines Poeten, diese seien darum vorweg benannt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Klar ist ohnehin, dass die Beobachtung und Benennung aller dieser Stilmittel nicht mehr sein kann als die nachträgliche Verständigung über Form und Funktion eines lateinischen Textes. Auch hier wird vieles fragwürdig bleiben und der persönlichen Sichtweise des Lesers entspringen. Soll man beispielsweise in Vers 545 "fer, pater", inquit, "opem"die Sperrung fer...opem Hyperbaton nennen, oder, weil fer ohne Objekt keinen Sinn ergibt, doch eher von Tmesis sprechen? Hier wird doch ein Wortblock "zerschnitten". Wahrscheinlich hat Ovid darüber gar nicht mehr nachgedacht, da ihm sowieso alles zum Vers geriet: et quod temptabam scribere versus erat (trist. 14,10,26).

Der Hexameter, als Versmaß des Epos auch Versus heroicus genannt, gliedert sich im Allgemeinen durch die Zäsur der Penthemimeres (nach fünf Halbfüßen) in zwei etwa gleiche Abschnitte. Eine Variante ist die Aufteilung in drei Abschnitte durch die Trithemimeres (nach drei Halbfüßen) und die Hephthemimeres (nach sieben Halbfüßen). Letztere Gliederung ist seltener, scheint aber eine Steigerung des Tempos der Erzählung zu bewirken.

Hier werden nachstehend alle Verse genannt, in denen Trit- und Hephthemimeres vorkommen: 456, 465, 485, 489, 490, 493, 503, 505, 506, 508, 510, 515, 521, 541, 560.

Folgende Verse weisen ein Enjambement auf: 459/460, 472/473, 475/476, 495/496, 498/499, 499/500, 500/501, 502/503, 505/506, 508/509, 510/511, 512/513, 513/514, 514/515, 517/518, 518/519, 519/520, 521/522, 525/526, 530/531, 531/532, 533/534, 535/536, 537/538, 541/542, 543/544, 545/546, 553/554, 555/556, 558/559, 560/561, 562/563, 564/565.

* * * * * *

Kaiser Augustus förderte bekanntlich den Kult des Lichtgottes Apollo zur Stützung seiner Restaurationspolitik.

Alte Römertugenden sollten die Moral in Familie und Gesellschaft wiederbeleben. Unübersehbares Zeichen wurde der Apollo-Tempel auf dem Palatin, flankiert von zwei Bibliotheken für griechische und lateinische Literatur. Vor diesem Hintergrund lässt Ovid Apollo in eine Situation geraten, die ihn – Anthropomorphismus des homerischen Götterhimmels hin, Ironie des aufgeklärten Kosmopoliten her – fast lächerlich macht.

Ovid gliedert diese mythologische Ätiologie in etliche Einzelszenen, die er mit allen Raffinessen literarischer Rhetorik präsentiert. Es wird nachstehend versucht, diese Abschnitte zunächst in der heute üblichen etwas salopperen Diktion zu paraphrasieren, um sie abschließend einer Stilanalyse zu unterziehen.

Ovid unterteilt die Mythenerzählung in acht Szenen, die in einer Klimax der Verwandlungsszene zustreben. Die Paraphrase als intellektuelles Spiel1 zu genießen, war zu Zeiten Ovids nur einem kleinen Kreis literarisch Gebildeter möglich. Die breite Masse mochte an dem Apollokult des Princeps Augustus mit der nötigen Ehrerbietung teilnehmen – Ovids respektlose Zeichnung des Sonnengottes erinnert gelegentlich an die Apokolokyntosis (Veräppelung) des Kaisers Claudius.

Die heutige, dem Computerspiel zugeneigte Generation, könnte diesen Mythos als Teil ihrer virtuellen Scheinwelt okkupieren. Diese aber ist inzwischen global verbreitet und allen Nutzern des Internets verständlich. Im deutschsprachigen Raum könnte sie vielleicht im Jargon gewisser Vorabend-Serien oder Talkshows im TV folgendermaßen klingen:

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Apollo und Daphne
Untertitel
Ovids Metamorphose und der fruchtbare Augenblick in der Skulptur Berninis
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V231259
ISBN (eBook)
9783656505662
ISBN (Buch)
9783656507581
Dateigröße
4015 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Struktur- und Stilanalyse zu Ovids Metamorphosen
Schlagworte
apollo, daphne, ovids, metamorphose, augenblick, skulptur, berninis
Arbeit zitieren
Joachim Richter-Reichhelm (Autor), 2013, Apollo und Daphne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231259

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