Wandel in den Spielarten des Kapitalismus

Der Einfluss der Globalisierung und der damit zunehmende Finanzmarktkapitalismus auf die Idealtypen des VoC Ansatzes


Hausarbeit, 2013
21 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einfuhrung: Grundlagen des Varieties of Capitalism - Ansatz nach Hall und Soskice

3. Die Diskrepanz der Einordnung

4. Der Begriff von Wandel im VoC - Ansatz

5. Finanzmarkt-Kapitalismus
5.1 Neuregelung des koordinierte Kapitalismus
5.2. Folgen

6. Gegentendenzen im liberalen Kapitalismus

7. Die Rolle der Regierungen

8. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gegenwartige Entwurfe zu den Konzepten und der Existenz des Kapitalismus werden in Anbetracht der stetigen okonomischen Veranderungen in Frage gestellt. Die grofite Herausforderung ist es, die Verhaltensweisen der Variationen zu bestimmen, die durch die Leitung zunehmender globaler Unabhangigkeit und dominierenden politischen und sozialen Wandel hervorgerufen werden (vgl. Kitschelt 1999 : 427).

Die Globalisierung tragt mit der Erschaffung eines gemeinsamen Binnenmarktes und offenen Grenzen zu den veranderten liberalisierten Ordnungen in liberalen und koordinierten Idealtypen des Kapitalismus bei (vgl. Becker 2009 : 5 ). Die aus der Globalisierung resultierenden Mafinahmen der Deregulierung und die Erschaffung des ihm eingeschlossenen Kapitalmarktes mit Einfuhrung des Euros, trugen zur Beflugelung der Liberalisierung bei (vgl. Lutz 2008 : 350). Das Ausmafi der Umformung der marktwirtschaftlichen Modelle auf die geanderten okonomischen und sozialen Umstande und deren Bestand in Zeiten des Wandels sind anzuzweifeln ( vgl. Becker 2009 : 5 ).

Alle lang bestehenden Marktwirtschaften haben, bedingt durch den Globalisierung, ein hohes Mafi an Offenheit in den internationalen Markten und Gutern, Dienstleistungen und Kapital angenommen. Infolge dessen haben sich institutionelle Rahmen- bedingungen deutlich verandert. Die neugewonnene Flexibilitat erlaubt es individuellen mikrookonomischen Akteuren, insbesondere Unternehmen und Eigentumern des Kapitals, die Organisation ihrer Angelegenheiten neu zu strukturieren (Soskice 1999 : 123). Weit entfernt von der vorhergesagten Konvergenz zu einem einzigen deregulierten Rahmen mit Ausgrenzung von Gewerkschaften, haben die Veranderungen in den Arbeitsbeziehungen, zu einer gegabelten Konvergenz auf dem einen oder anderen der beidenfortgeschrittenenKapitalismusmodelle beigetragen (Soskice 1999 : 123).

In dieser Arbeit mochte ich mich damit beschaftigen, ob innerhalb koordinierter Marktwirtschaften Liberalisierungsanpassungen die einzigen Konsequenzen der Globalisierung sind, oder ob es auch Gegentendenzen in liberalen Marktwirtschaften gibt. In diesem Kontext werde ich auf die Veranderungen der koordinierten Marktwirtschaften an Beispielen aus Deutschland und im Fall der liberalen Marktwirtschaften am Beispielen aus den USA eingehen und aufierdem den zunehmenden Finanzmarkt-Kapitalismus als Kernelement des Wandels identifizieren.

2. Einfuhrung: Grundlagen des Varieties of Capitalism-Ansatzes nach Hall und Soskice (2001)

Entgegen der heutigen Annahme, dass nur eine Marktwirtschaft die liberale Strukturen aufweist, wirtschaftlichen Fortschritt erzielt, uberpruft der VoC-Ansatz die These, ob ein Land mehr als eine Form der Marktwirtschaft annehmen kann, um gewinnbringend zu wirtschaften (vgl. Hall 2006 : 182). Das Unternehmen steht bei der Analyse im Mittelpunkt der Betrachtung. Man untersucht funf verschiedene Spharen, in denen die Akteure unterschiedliche Kernkompetenzen entwickeln. Diese Spharen beinhalten die Geschaftsbeziehungen, Berufsausbildung, Corporate Governance als Begriff der Unternehmensfuhrung, industrielle Beziehungen und das Verhaltnis der Unternehmensfuhrung zu den Mitarbeitern (vgl. Hall / Soskice 2001 : 32).

Zwei ideelle Auffassungen stehen hinter dem Ansatz der Spielarten des Kapitalismus und der Grad der Kooperation: In den liberalen Marktwirtschaften (LME) gelten zum einen Wettbewerb, Hierarchie und der Markt als primares Instrument der okonomischen Koordination und zum anderen gibt es ein hohes Mafi an Erganzung zwischen Institutionen und Prozessen (vgl. Lane 2007 : 17).

Das Unternehmern innerhalb des LME - Modells agiert in einem sich schnell verandernden Markt (vgl. Hall / Soskice 2001 : 8). Liberale Marktwirtschaften zeichnen sich durch ein geringes Level an Arbeitnehmerschutz und unsichere Arbeit, starken hierarchischen Strukturen innerhalb der Unternehmensorganisation, hoher Einkommensungleichheit, Borsenkapitalisierung als Quelle fur kurzfristige flexible Investitionen und schwache Handelszusammenschlusse aus. Als Vertreter dieser Wirtschaftsform gelten die USA, Grofibritannien, Kanada, Australien und Neuseeland (vgl. Lane 2007 : 17).

Aufierdem betrachtet der Ansatz der Spielarten des Kapitalismus koordinierte Marktwirtschaften (CME). Diese sind durch Nicht-Markt-Beziehungen gekennzeichnet. Es besteht ein hoher Grad an Kooperation in der Struktur innerhalb des Unternehmens und aufierdem eine Netzwerkuberwachung durch den Informationsaustausch mit anderen Unternehmen (vgl. Lane 2007 : 17). Daneben weisen koordinierte Marktwirtschaften ein hohes MaB an Arbeitnehmer- und Kundigungsschutz, geringe Einkommensunterschiede, eine geringere Anzahl der Gesamtarbeitsstunden und eine niedrige Borsenkapitalisierung auf. Die Gefahr von Unternehmensubernahmen ist relativ selten. Die Interessen des Arbeitsmarkts werden durch Handels- zusammenschlusse gesichert. Fur Hall und Soskice stehen Deutschland, Danemark, Schweden als europaische und Japan als asiatischer Vertreter fur dieses marktwirtschaftliche System (vgl. Lane 2007 : 18).

Aus diesen Merkmalen bilden sich komparative institutionelle Vorteile furjedes Modell in spezifischen Wirtschaftsbereichen heraus (vgl. Buchen 2007 : 65). So bringt die liberale Marktwirtschaft Vorteile im Bereich der radikalen Produktinnovationen und eine Spezialisierung in der kursrelevanten Massenfertigung mit sich (vgl. Lane 2007 : 18). Angelsachsische Staaten weisen ebenfalls eine hohere Rate an Mitarbeiter- fluktuation als koordinierte Marktwirtschaften auf (vgl. Knell / Srholec 2007 : 47 ).

So hatte die Automobilkonzern Daimler AG im Jahr 2010 in den USA eine Fluktuationsrate von 35,8 Prozent (2008: 18,9 Prozent). In Deutschland lag die Rate bei 4,1 Prozent ( 2008: 3,2 Prozent). In beiden Fallen ist ein stetiger Anstieg zu verzeichnen. Diese Quoten berucksichtigen auch die Fruhpensionierungen, Ausscheidensvereinbarungen und speziell in Deutschland Altersteilzeitvertrage sowie in den USA die Layoff-Vertrage ( vgl. Daimler 2010 : 1). Diese Beispiel zeigt, dass die Unternehmen in den USA vom flexiblen Arbeitsmarkt profitieren, der es ihnen erlaubt Arbeitnehmer mit generellen Fahigkeiten und Hochschulausbildung unbefristet einzustellen. In diese Klasse von Industrien fallen auBerdem Dienstleistungs- unternehmen fur E-Commerce, Biotechnologie, Telekommunikation und erweiterte Beratungsleistungen (vgl. Hall / Soskice 2001 : 149).

Das Bildungssystem der USA betont die allgemeine Bildung und entmutigt die langfristige und spezifische berufliche Erstausbildung. Sie fordert den nachfolgenden schrittweisen Erwerb von weiterfuhrenden Fahigkeiten, wenn die Allgemeinbildung als Grundvoraussetzung erfullt ist. Die Grundausbildung entspricht dabei einem niedrigen Niveau, mit eingeschrankter Beteiligung von Unternehmen. AuBerdem ist die Ausbildung von Ingenieuren und Promotionsprogramme kaum mit branchen- spezifischen Technologienverbunden(vgl. Soskice 1999 : 111).

Koordinierte Marktwirtschaften sind produktiver bei der Erzeugung von Waren und Dienstleistungen, die inkrementelle, also schrittweise Innovationen erschaffen (vgl. Buchen 2007 : 65). Die Starken der deutschen Okonomie liegen im Bereich der Technologiebranche, Maschinenbau, Fahrzeugbau, Maschinen fur die Metall- bearbeitung und der Chemieindustrie (vgl. Mykhnenko 2007 : 133). Das Bildungssystem in Deutschland zeichnet sich durch die obligatorische Berufsausbildung unter enger Einbeziehung von Industrie und Gewerkschaften aus. Als deutsches Vorbildmodell gilt hier das System der dualen Ausbildung. Mit der Ingenieurausbildung an der Fachhochschule sind von Anfang an starke Bindungen an die Industrie gegeben und an das Engagement des Berufsverbandes gekoppelt. Ebenso stehen Promotionsprogramme in der Grundlagen- und Ingenieurforschung in engen VerbindungenzugrofienUnternehmen(vgl. Soskice 1999 : 108).

3. Die Diskrepanz der Einordnung

Hinter der Klassifizierung von Landern als LME oder CME, geht der VoC-Ansatz der Argumentation nach, dass die institutionelle Anordnung, basierend auf institutionelle Gemeinsamkeiten, das Fundament zur Erklarung von wirtschaftlichen Strukturen ist (vgl. Buchen 2007 : 79). Trotzdem darf man nicht annehmen, dass alle Marktwirtschaften in ihrer Struktur identisch sind. Man muss erkennen, das hinreichende Unterschiede zwischen den einzelnen Akteuren existieren und dass Lander, entsprechend ihrer demographischen und politischen Situation Verschieden- artigkeit aufweisen (vgl. Lane 2007 : 18). Aufierdem das industrielle Profil und dessen Einwirkung auf die Weltwirtschaft, die Formen der Innovation und Bildung, sowie die Arten von Eigentum und Kontrolle weisen landerubergreifende Unterschiede auf (vgl. Becker 2009 : 19).

Japan und Deutschland, die beide den koordinierten Marktwirtschaften angehoren, haben sehr unterschiedliche Arten von staatlichen Leistungen und ungleiche Beteiligung an der internationalen Wirtschaft (vgl. Lane 2007 : 18). Im Gegensatz zu Deutschland, ist die Rolle der Familie im Sozialsystem Japans noch sehr stark ausgepragt. Besonders deutlich kommt die Funktionalitat der Verwandtschaft in der Altenpolitik zum Tragen. Staatliche Leistungen werden in Japan durch die konfuzianische Ethik unterstutzt, dass Kinder im Alter fur ihre Eltern sorgen (vgl. Esping-Andersen 1997 : 188). Ferner unterscheidet sich die Art der Koordination die zwischen den Unternehmen stattfindet. Die deutsche Variante gilt als industriekoordinierte Wirtschaft. Diese ermoglicht Gewerkschaften innerhalb der Industrie, den Technologietransfer, die Verbreitung von Normeinstellungen innerhalb der Branche, die Ausbildung von Ingenieuren und anderen hochrangigen Spezialisten, und auch die industriebasierte Entwicklung von Ausbildungsstandards (vgl. Soskice 1999 : 106). In Japan spricht man von einer konzernkoordinierten Wirtschaft, die durch das „KEIRETSU“ gekennzeichnet ist (vgl. Soskice 1999 : 106). Keiretsu bezeichnet das japanisches Unternehmensnetzwerk, das sich aus den Zusammenschluss einer grofien Anzahl an langfristig verbundener Unternehmen zusammensetzt. Die Beziehung und die Abstimmung zwischen den beteiligten Unternehmen ist durch jahrelange Kooperation familiar gestimmt (vgl. Gabler Verlag 2006 : 1). In dieser Wirtschaft findet man unternehmensbasierte Gewerkschaften, die Verbreitung von Technologie und deren Entwicklung innerhalb des Unternehmensnetzwerks, und eine technische Normeinstellung far die Produktion. Die Berufsausbildung ist ebenfalls unternehmensbasiert und geht nicht aus einer Industrienormhervor(vgl. Soskice 1999 : 106).

Die liberalen Marktwirtschaften Grofibritannien, Kanada und die USA weisen erhebliche Unterschiede in Bezug auf Wohlstand und die globale Reichweite auf (vgl. Lane 2007 : 18).

Vergleicht man die Ungleichverteilung des Einkommens als Wohlstandsindikator in Grofibritannien und den USA so wird deutlich, dass seit der Mitte der 1990er Jahre, der GINI-Koeffizient, der diese Ungleichverteilung misst, in Grofibritannien rucklaufig ist, in den USA hingegen weiterhin ein Anstieg der Differenz zwischen den Einkommen besteht (vgl. Schulte / Butzmann 2010 : 12). Diese ist in den USA unter anderem auf den Machtverlust von Gewerkschaften und einer uneinheitlichen Besteuerung zuruckzufuhren (vgl. Frankfurter Rundschau 2013 : 1).

Schliefilich herrscht in einigen Okonomien eine ausgewogene Balance zwischen Merkmalen einer koordinierten und den Merkmalen einer liberalen Marktwirtschaft. Hall und Soskice bezeichnen diese Volkswirtschaften als Hybridformen. Dazu zahlen Frankreich, Spanien, Portugal und Italien (vgl. Hall 2006 : 186). Aufgrund von Spaltungen in den Arbeiterbewegungen und einer hoheren Intervention des Staates in die Koordination der Unternehmen haben diese Lander ein hohes Level an Koordination im Bereich des Corporate Governance, wahrend die strategischen Koordination im Bereich der Arbeitsbeziehungen weniger ausgepragt ist (vgl. Hall 2006 : 186). Was alle Staaten, ob koordinierte, liberale oder mischformige Marktwirtschaften, aber einheitlich Foundations ofComparative Advantage.[11] New York: Oxford University Press Inc., 2001, von Peter A. Hall und David Soskice.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Wandel in den Spielarten des Kapitalismus
Untertitel
Der Einfluss der Globalisierung und der damit zunehmende Finanzmarktkapitalismus auf die Idealtypen des VoC Ansatzes
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Veranstaltung
Seminar: Varieties of Capitalism
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V231631
ISBN (eBook)
9783656480396
ISBN (Buch)
9783656480389
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wandel, spielarten, kapitalismus, einfluss, globalisierung, finanzmarktkapitalismus, idealtypen, ansatzes
Arbeit zitieren
Lisa Quelle (Autor), 2013, Wandel in den Spielarten des Kapitalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231631

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wandel in den Spielarten des Kapitalismus


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden