Insekten - Nahrungsmittel der Zukunft?


Bachelorarbeit, 2013
44 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS:

1. EINLEITUNG

2. BESTANDSAUFNAHME - WIE VERBREITET IST ENTOMOPHAGIE HEUTE?
2.1. Quantitative Verbreitung von Entomophagie
2.2. Räumliche Verbreitung von Entomophagie und Darstellung der bevorzugten Insektenarten
2.3. Der Weg der Insekten zum Konsumenten
2.3.1. Wildjagd - Sammeln von Insekten aus wilden Populationen
2.3.2. Semi-cultivation - Insektenvermehrung durch Umweltmodifikationen
2.3.3. Domestizierung

3. EIGENSCHAFTEN UND POTENTIALE VON ENTOMOPHAGIE
3.1. Ökologische Aspekte
3.1.1. Flächenverbrauch und Futterverwertung
3.1.2. Wasserverbrauch
3.1.3. Treibhausgasemissionen
3.1.4. Ammoniak-Emissionen
3.2. Gesundheitliche Aspekte
3.2.1. Nährwert von Insekten
3.2.2. Nährwert von Mehlwürmern im Vergleich zu Rindfleisch
3.2.3. Gesundheitliche Risiken von Entomophagie

4. DIE ÜBERWINDUNG DES NAHRUNGSTABUS - ENTOMOPAGIE AUCH IN DER WESTLICHEN WELT?
4.1. Relevanz des Westens für globale Entomophagie
4.1.1. Ressourcenverbrauch des Westens
4.1.2. Einfluss westlicher Esskultur
4.2. Insekten - Ein tabuisiertes Nahrungsmittel
4.2.1. Verbreitung von Entomophagie im Westen
4.2.2. Die Entstehung des Entomophagie-Tabus im Westen
4.2.3. Potentiale der Verbreitung von Entomophagie im Westen

5. ERGEBNISSE

DARSTELLUNGSVERZEICHNIS:

Titelbild: „grillpicknick“, von xtraüó / photocase.com

Darstellung 1: Anzahl weltweit konsumierter Insektenarten nach Ordnung

Darstellung 2: Futterverwertung von Heuschrecken und konventionellen Zuchttieren

Darstellung 3: Energieverbrauch der Produktion von 1 Kg Eiweiß aus Mehl­würmern im Vergleich zu herkömmlichen Quellen tierischen Eiweißes.

Darstellung 4: Flächenverbrauch der Produktion von 1 Kg Eiweiß aus Mehl­würmern im Vergleich zu herkömmlichen Quellen tierischen Eiweißes.

Darstellung 5: Treibhausgasemissionen (CO2-äquivalent) pro Kilogramm Gewichtszunahme von drei verschiedenen Insektenarten, Schwein und Rind

Darstellung 6: Ammoniakemissionen pro Kilogramm Gewichtszunahme von Schweinen und verschiedenen Insekten

Darstellung 7: Eiweißgehalt verschiedener Insekten, Reptilien, Fische und Rindfleisch

Darstellung 8: Empfohlene Tagesmenge an Mineralstoffen und enthaltene Mineralstoffe in der Morpane-Raupe

1. EINLEITUNG

„Superessen Insekten: Die Nahrung der Zukunft?“, „Weltemährungsproblem: Sind In­sekten die Lösung?“, „Insekten: Ein unterschätztes Nahrungsmittel?“

So und ähnlich lauten die Überschriften von Zeitungsartikeln, die es in Deutschland derzeit vielerorts zu lesen gibt. Ein großes Fragezeichen schallt durch die Republik: Stimmt es wirklich? Sind die Insekten das „Nahrungsmittel der Zukunft“? Die vorlie­gende Arbeit soll Antworten auf diese Frage auf Grundlage des aktuellen Forschungs­standes geben.

Prognosen zufolge wird die Weltbevölkerung bis 2050 von etwa 7 auf 9,1 Milliarden anwachsen. Mit ihr wächst die Nahrungsmittelindustrie, die allerdings schon heute vie­lerorts an die Grenzen der Land- und Wasserressourcen stößt. Erschwerend kommt der der fortschreitende anthropogene Klimawandel hinzu, der zu großen Teilen auch von den Emissionen der Landwirtschaft verursacht wird. Um die Bedürfnisse zukünftiger Generationen sichern zu können muss die Nahrungsmittelindustrie effizienter und nach­haltiger werden (FAO 2011). Im vermehrten Konsum von Insekten wird das Potential gesehen, die vorhandenen Ressourcen effizienter zu nutzen und Treibhausgasemissio­nen zu verringern. Diese Hypothese gilt es im Laufe der Arbeit zu überprüfen.

Dass die Entomophagie, wie das Verspeisen von Insekten genannt wird, für viele Völ­ker weltweit als selbstverständliche Nahrungsquelle gilt, ist schon lange bekannt. Nach aktuellen Schätzungen essen rund 30 Prozent der Weltbevölkerung regelmäßig Insekten, die zum größten Teil nicht gezüchtet, sondern aus wilden Populationen geerntet werden. Neu ist die Idee, die Insekten im großen Stil zu züchten und sie gezielt auch den bisher nicht Insekten-essenden Bevölkerungen zugänglich zu machen. Vor allem die Ernäh- rungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) forscht intensiv auf dem Gebiet der Entomophagie und liefert an vielen Stellen dieser Arbeit wichtige Erkenntnisse zu den ökologischen und gesundheitlichen Potentialen der essbaren Insek­ten. Den Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit bildet die potentielle Verbreitung von Insekten als menschliche Nahrung in der westlichen Welt, sowohl auf der Produktions-, als auch der Konsumseite. Nicht behandelt werden daher die Nutzung von Insekten als Tierfutter und die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte der Insektenproduktion in Entwicklungsländern.

Als Einstieg in die Thematik wird die aktuelle Situation der Entomophagie beschrieben. Generelle Informationen über ihre aktuelle Verbreitung, verspeiste Insekten ordnungen und eine Beschreibung des typischen Weges der Insekten zum Konsumenten bilden den Inhalt dieses Kapitels. Die Fragestellung „Nahrungsmittel der Zukunft?“ impliziert die Tatsache, dass die Insekten derzeit noch kein einflussreiches Nahrungsmittel sind, aber möglicherweise das Potential dazu haben. Dieses „möglicherweise“ wird in Kapitel 3 und 4 behandelt. Zunächst werden dazu die ökologischen Aspekte der Insektenzucht auf den Prüfstand gestellt. Wie steht es um Flächenverbrauch, Wasserverbrauch und Treib­hausgas- und Ammoniakemissionen der Insektenzucht? Als Bezugsgröße wird an vielen Stellen die Viehzucht angeführt, da die Insektenzucht aus Ernährungssicht ein ver­gleichbares Erzeugnis produzieren soll. Ob dieses Erzeugnis in puncto Nährwert tat­sächlich vergleichbar ist, wird unter der Überschrift „Gesundheitliche Aspekte“ unter­sucht. Zunächst werden dazu die Nährwerte verschiedener Insekten beschrieben und ein Vergleich von Rindfleisch und Mehlwürmern angeführt. Anschließend werden potenti­elle gesundheitliche Gefahren des Insektenkonsums untersucht. Methodisch ist das Ka­pitel 3 als Vergleich von Insekten- und konventionellem Fleisch unter den Aspekten Umweltauswirkungen und Gesundheit einzuordnen. Das abschließende Kapitel 4 wid­met sich dem Thema der Nachfrage nach essbaren Insekten in der westlichen Welt. Wie verbreitet ist die Entomophagie derzeit im Westen, wie könnte es zu einer Tabuisierung dieses Nahrungsmittels gekommen sein und wie wahrscheinlich ist es, dass dieses Tabu überwunden wird? Aufgrund der mangelhaften Forschungslage ist dieses Kapitel eher explorativ einzuordnen.

Vor allem zur letzteren Frage, aber auch zu vielen anderen Bereichen der Entomophagie ist der Forschungsstand so gering, dass es stellenweise schwer fällt endgültige Aussagen zu treffen. Die vorliegende Arbeit kann mit Sicherheit nicht die Zukunft der Entomo- phagie voraussagen, dennoch kann sie auf überzeugende Vorteile vermehrten Insekten­konsums hinweisen, die größten Forschungslücken benennen und neugierig machen auf ein nachhaltiges Nahrungsmittel der etwas anderen Art.

Begriffserklärung:

Entomophagie: Die Entomophagie beschreibt generell den Prozess des Essens von In­sekten und schließt damit alle entomophagen Lebewesen, also auch Tiere, ein. Auch wenn der menschliche Konsum von Insekten streng genommen als Anthropoentomo- phagie zu bezeichnen ist, tritt in der vorliegenden Arbeit der Einfachheit halber der Be­griff Entomophagie an dessen Stelle (van Huis et al. 2013).

2. BESTANDSAUFNAHME - WIE VERBREITET IST ENTOMOPHAGIE HEUTE?

„Insects are more than 60% of all organisms, over 80% of all animals - so it is illogical that we do not use them as food.“[1]

2.1 Quantitative Verbreitung von Entomophagie

Über die Frage, wie stark Entomophagie in der Welt verbreitet ist, gibt es nur sehr we­nige und teilweise divergierende Informationen. Während die FAO im Jahr 2012 zu­nächst schätzte, dass Insekten für etwa 80% der Weltbevölkerung einen Bestandteil der Ernährung bilden, gab sie 2013 an, dass Entomophagie für mindestens zwei Milliarden Menschen (knapp 30% der Weltbevölkerung) traditionell einen Teil der Ernährung bil­den. Die Zahlen bleiben vage und machen den großen Forschungsbedarf im Bereich der Entomophagie deutlich (Vantomme et al. 2012, S.18; van Huis et al. 2013, S.XIII). Ex­perten sprechen zwar von einer großen Verbreitung und Wichtigkeit der Entomophagie, wie groß der reale Anteil von Insekten an der Nahrung weltweit ist, bleibt aber nach wie vor unklar. Yen erläutert, dass Insekten als natürliche Nahrungsquelle für viele ethni­sche Gruppen in Asien, Afrika, Mexico und Südamerika dienen, dass die vermehrte Adaption westlicher Esskultur und die Veränderung der sozialen und demographischen Struktur jedoch für einen Rückgang der Entomophagie sorgen (Yen 2010, S.65). Defoliart verdeutlicht eine große Bedeutung von Insekten in der Geschichte menschli­cher Ernährung und auch Gahukar sieht die Entomophagie als bedeutenden Baustein in der weltweiten Nahrungsmittelsicherheit (Defoliart 1995, S.306; Gahukar 2011, S.130).

Glaubt man der Schätzung der FAO, dass fast ein Drittel der Weltbevölkerung Insekten verspeisen, ist es umso erstaunlicher, wie dürftig der Forschungsstand auf diesem Ge­biet ist.

Das folgende Kapitel soll einen kurzen Überblick darüber geben, wie viele essbare In­sektensorten es in welchen Teilen der Welt gibt und wie es um deren Konsum steht.

2.2 Räumliche Verbreitung von Entomophagie und Darstellung der bevorzugten Insektenarten

Auch über die Anzahl essbarer Insekten weltweit und deren Verbreitungsgebiete lassen sich nur schwer eindeutige Aussagen treffen. Hauptsächlich besteht die Schwierigkeit darin, dass ein Laie kaum in der Lage ist, die Insekten wissenschaftlich korrekt zu klas­sifizieren. Die Insekten tragen oft umgangssprachliche, regionsabhängige Namen und vielerorts gibt es gleich mehrere Namen für dieselbe Insektenart. Ramos-Elorduy (2009) geht von etwa 2086 essbaren Insektenarten aus, die von 3071 ethnischen Gruppen in 130 verschiedenen Ländern konsumiert werden (Gahukar 2011, S.130). Die FAO führt in ihrem aktuellen Bericht „Edible insects“ (2013) Schätzungen zwischen 1000 und 1900 essbaren Insektenarten weltweit als überzeugend an (van Huis et al. 2013, S.9). Zu den Ländern mit den meisten verzeichneten essbaren Arten gehören demnach Mexiko, China und Thailand mit jeweils über 300 verschiedenen Arten (Jongema 2012). Die Schlussfolgerung liegt zwar nah, dass in Ländern, die eine größere Anzahl verzeichneter essbarer Insektenarten aufweisen, auch die Entomophagie verbreiteter ist - wissen­schaftlich gesehen sind solche Rückschlüsse aber unzulässig und müssten erst noch durch Statistiken über den realen Konsum untermauert werden. Eine sachgemäße geo­graphische Verortung von Entomophagie fällt nach dem aktuellen Stand der Forschung somit ebenso schwer wie dessen Quantifizierung. Trotz des mangelhaften Forschungs­standes wird die Entomophagie ganz klar den tropischen Regionen der Erde zugeordnet. Van Huis et al. führen dafür in ihrer aktuellen Publikation Gründe an, die für die ver­mehrte Verbreitung von Entomophagie in tropischen Regionen sprechen:

a. Insekten in den Tropen sind tendenziell größer, was das Sammeln erleichtert,
b. Insekten treten in den Tropen häufiger in größeren Schwärmen auf, was den Energieertrag bei der Insektenernte stark erhöhen kann,
c. Viele Insektenarten sind in tropischen Klimaten das ganze Jahr über verfügbar (in den gemäßigten Breiten überwintern viele Arten die kälteren Monate und sind in dieser Zeit nicht verfügbar),
d. Insektenernten sind in den Tropen vorhersehbarer: Das Wissen um den richtigen Zeitpunkt und die Orte der Insektenernte sind den Tropen umfangreicher als in den gemäßigten Breiten.

(van Huis et al. 2013, S. 36-37)

Insekten sind als Nahrungsquelle in den Tropen also wesentlich beliebter als in den ge­mäßigten Breiten. Warum der Konsum von Insekten in westlichen Ländern so selten ist, wird in Kapitel 4 erläutert.

Abschließend zur generellen Verbreitung von Entomophagie wird im Folgenden kurz erläutert, welche Insektenarten vorwiegend als Nahrungsmittel relevant sind. Darstel­lung 1 zeigt den Anteil der verschiedenen Insektenordnungen an der Gesamtheit der als Nahrung dienenden Insektenarten.

Darstellung 1: Anzahl weltweit konsumierter Insektenarten nach Ordnung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: van Huis et al. 2013, S.10

Die meistkonsumierte Gruppe ist mit 31 Prozent die Ordnung der Käfer, was aufgrund der Tatsache, dass diese Ordnung 40 Prozent aller bekannten Insektenarten beinhaltet, nicht überraschend ist. Die Käfer werden gleichsam im Larven- wie auch adulten Stadi- um verzehrt. Die Ordnung Lepidoptera (Schmetterlinge und Falter), deren Konsum vor allem im subsaharischen Afrika verbreitet ist, wird fast ausschließlich im Raupenstadi­um konsumiert und belegt mit 18 Prozent den zweiten Rang. Bienen, Wespen und Ameisen (Ordnung Hymenoptera) finden als Nahrung vorwiegend in Lateinamerika Verbreitung und machen einen Anteil von 14 Prozent aus. Diese werden primär im Lar­ven- und Puppenstadium verspeist. Es folgen die Ordnungen Orthoptera (Heuschrecken, Grillen u.a.) mit 13 Prozent, Hemiptera (Zikaden u.a.) mit 10 Prozent, Isoptera (Termi­ten) mit 3 Prozent, Odonata (Libellen) mit 3 Prozent und Diptera (Fliegen) mit 2 Pro­zent. Auf andere Insektenarten entfallen 5 Prozent.

Festzuhalten ist auch an dieser Stelle, dass die Anzahl konsumierter Insektenarten keine direkten Rückschlüsse auf die tatsächliche Menge der konsumierten Insekten(-arten) zulässt (van Huis et al. 2013, S.10).

2.3 Der Weg der Insekten zum Konsumenten

2.3.1 Wildjagd - Sammeln von Insekten aus wilden Populationen

Die überwiegende Mehrheit konsumierter Insekten wird nicht gezüchtet, sondern aus wilden Populationen geerntet (Vantomme et al. 2012, S.2; Defoliart 1995, S.319).

Der energetische Ertrag bei der Jagd nach Insekten variiert allerdings sehr stark. Dieser kann oft nur mit dem anderer Tiere oder auch Pflanzen mithalten, wenn in relativ kurzer Zeit große Mengen gesammelt werden können. Madsen und Schmitt führen an, dass dies entweder auf natürliche Weise (z.B. Schwärme), oder aber durch innovative Jagd­techniken zu erreichen sein könne (Van Itterbeeck, van Huis 2012, S.2).

Jagdtechniken, die zur massenhaften Sammlung von Insekten genutzt werden können, hängen von den spezifischen Attributen der Insektenarten ab. Van Huis beschreibt bei­spielsweise das Sammeln von Insekten bei geringeren Temperaturen am Morgen, wo­durch die (wechselwarmen) Insekten sich vergleichsweise langsam bewegten und leich­ter zu fangen seien. Nachtaktive Tiere wie Termiten und Grashüpfer würden häufig mit Lichtfallen gefangen, während Grillen und Zikaden mit deren spezifischen Lauten ange­lockt werden könnten (Gahukar 2011, S.138).

Grundsätzlich birgt das massenhafte Ernten der Insekten aus wilden Populationen je­doch ökologische Risiken. Die Tiere üben schließlich wichtige Funktionen für das sie umgebende Ökosystem aus. Sie tragen maßgeblich zur Bestäubung von Pflanzen und zur Zersetzung von Biomasse (Kompostierung) bei (van Huis et al. 2013, S.45). Über 90 Prozent aller bekannten Blühpflanzenarten sind auf Fremdbestäuber (von denen 98 Prozent Insekten sind) angewiesen. Das gleiche gilt für drei Viertel der 100 Kultur­pflanzenarten, die den überwiegenden Teil der menschlichen Nahrung generieren. Ebenso relevant ist die Rolle der Insekten bei der biologischen Zersetzung von organi­scher Materie. Käferlarven, Fliegen, Ameisen und Termiten zersetzen diese soweit, dass sie von Pilzen und Bakterien aufgenommen werden kann, wodurch die Mineralien und Nährstoffe wiederum pflanzenverfügbar gemacht werden (van Huis et al. 2013, S.5).

Das Ernten von Insekten übt aber auch Einfluss auf das natürliche Gleichgewicht der verschiedenen Insektenarten untereinander aus. Wird das Vorkommen einer bestimmten essbaren Insektenart durch massenhaftes Ernten reduziert, kann dies verschiedene Ef­fekte auf andere Arten haben. Viele dieser Tiere dienen anderen Insekten, aber auch Vögeln, Spinnen, Säugetieren, Amphibien, Reptilien und Fischen als Nahrungsgrundla­ge. Wird die Population einer Insektenart reduziert, kann dies gleichzeitig zu einer Re­duzierung des Vorkommens der natürlichen Fressfeinde dieses Insektes führen. Auf der anderen Seite sind die essbaren Insekten oft auch Fressfeinde anderer Insekten. So kann das massenhafte Ernten einer Insektenart zu einer übermäßigen Ausbreitung anderer Insektenarten führen, denen ihr natürlicher Fressfeind fehlt, was wiederum Auswirkun­gen auf Funktionen des gesamten Ökosystems haben kann. Wie stark diese Effekte sein können, ist allerdings noch weitgehend ungeklärt (van Huis et al. 2013, S.45).

Eine weitere Gefahr der Insektenernte aus wilden Populationen besteht in der generellen Übernutzung der Insektenressourcen, wenn mehr Insekten geerntet werden als nach­wachsen können (van Huis et al. 2013, S.45). Allein im Mexikanischen Bundesstaat Hidalgo identifizierte Ramos Elorduy 14 bedrohte (essbare) Insektenarten, unter ande­rem auch der „red agave worm“, der für die landestypische Spirituose Mezcal verwen­det wird (van Huis et al. 2013, S.45). Ähnlich wie in der Fischerei ist es auch wichtig, in welchem Stadium die Insekten geerntet werden (van Huis et al. 2013, S.45). Werden zum Beispiel ausgereifte Insekten vor ihrer ersten Paarung oder dem Eierlegen geerntet, kann dies die Bestände gefährden (van Huis et al. 2013, S.45).

Über die Frage, wie stark das übermäßige Ernten von Insekten aus wilden Populationen Auswirkungen auf die Bestände der Insekten und dessen Umfeld haben kann, besteht derzeit allerdings noch großer Forschungsbedarf (Vantomme et al. 2012, S.18).

Yen zeigt auf, dass eine gesteigerte Nachfrage nach essbaren Insekten in Asien und am Pazifik bereits zu einem erhöhten Druck auf die lokalen Insektenpopulationen und die Umwelt führt. Während die essbaren Insekten früher nur für den Eigenbedarf gesam­melt worden seien, würden sie heute eine größer werdende Rolle als Einkommensquelle bekommen, indem die Überschüsse auf Märkten verkauft würden. Verbesserte Infra­strukturen (neue Straßen und modernere Verkehrsmittel) hätten den Zugang zu den wil­den Insektenpopulationen verbessert, was zu einer Zunahme der Insektensammler ge­führt habe. Yen (2012) spricht allerdings nicht direkt von einem daraus resultierenden Rückgang der Insektenbestände, sondern lediglich von einem verursachten ,,[...]stress on insect populations and their environment“[2]. Den Forschungsstand über die Nachhal­tigkeit von „Wildjagd“ auf Insekten schätzt auch Yen als mangelhaft ein. Um den zu­nehmenden Druck auf wilde Insektenpopulationen zu verringern, schlägt Yen die Mög­lichkeiten der semi-cultivation und der Insektenzucht vor, die im Folgenden näher be­leuchtet werden (van Huis et al. 2013, S.46-47).

2.3.2 Semi-cultivation - Insektenvermehrung durch Umweltmodifikationen

Der Begriff der semi-cultivation beschreibt die anthropogene Modifizierung der Um­welt zum Ernten und Vermehren von Insekten. Wie in Kapitel 2.3.1 erläutert, kann der energetische Ertrag beim Ernten von Insekten sehr variabel sein, was in der Vergangen­heit zu verschiedenen innovativen Fangmethoden führte. Die „semi-cultivation“ geht dabei noch einen Schritt weiter, indem gezielt in den Lebensraum der Insekten einge­griffen wird. In der Regel geschieht dies, um das Wachstum der Insekten zu fördern, oder die Ernte der Insekten zu vereinfachen.

Im Gegensatz zur Domestizierung von Insekten bleiben die Insekten bei der semi­cultivation jedoch in der Natur und werden nicht, oder nur vorübergehend, in Gefangen­schaft gehalten. Im Folgenden werden zwei Beispiele der semi-cultivation erläutert, um einen Einblick in die Techniken zu geben, die diese Mischform aus Wildjagd und Do­mestizierung von Insekten bilden (van Huis et al. 2013, S.51).

Beispiel 1: Manipulation der Wirtpflanzen des Palmrüsselkäfers im Amazonasbe­cken, dem tropischen Afrika und Neuguinea Die Larven verschiedener Palmrüsselkäferarten werden von diversen Eingeborenen­stämmen in Asien, Afrika und Südamerika semi-kultiviert und konsumiert. Für die statt­findende Semi-Kultivierung der Palmrüsselkäfer ist die Tatsache entscheidend, dass verschiedene Unterarten sich unter anderem in ihrem Eierlegeverhalten unterscheiden. Während R. Palmarum das innere Gewebe von gefällten oder von selbst gefallenen Palmen zum Fressen, Paaren und Eierlegen bevorzugen, benutzen die Weibchen der Rh. Barbirostris die gesamte intakte Oberfläche der Palmen zur Ablage ihrer Eier. Bei einer Ernte ohne Manipulation der Wirtpflanzen sind die Larven der Rh. Barbirostris natur­gemäß wesentlich häufiger als die der R. Palmarum. Die Zweiteren werden aufgrund ihres Geschmacks und ihres Fettgehaltes vielerorts jedoch bevorzugt konsumiert. Um eine größere Population der R. Palmarum zu erreichen, werden die Palmen mit tiefen Schnitten versehen, wodurch die Käfer den Zugang zum präferierten inneren Gewebe bekommen. Andernorts werden die Palmen mit dem gleichen Ziel in kleine Stücke ge­hackt, oder auch tiefe Löcher in die Palmen gebohrt (Van Itterbeeck, van Huis 2012, 5.3) .

Beispiel 2: Wirtpflanzenmanipulation für die Vermehrung von Raupen im subsa- harischen Afrika

Die Mehrheit der essbaren Raupen im subsaharischen Afrika sind Blattfresser. Zur Se- mi-Kultivierung der Raupen werden junge Exemplare gesammelt oder gekauft, und auf Bäumen in der Nähe des eigenen Hauses oder auf dem eigenen Land platziert. Sind sie ausgewachsen, werden sie dann zum Konsum geerntet. Durch die räumliche Nähe zu den Raupen wird die Ernte an sich, aber auch das Timing vereinfacht. Geerntet werden immer nur diejenigen Larven, die den idealen Reifezeitpunkt haben. Um den Bestand der Raupen auf den eigenen Bäumen zu erhalten, werden immer einige Exemplare übrig gelassen, damit die nachfolgenden Schmetterlinge oder Motten ihre Eier auf den Bäu­men ablegen. Wurden die Raupen einmal auf den Bäumen platziert, können so im Ideal­fall regelmäßig Larven zum Konsum geerntet werden (Van Itterbeeck, van Huis 2012, 5.4) .

2.3.3 Domestizierung

Obwohl essbare Insekten vielerorts als Delikatesse gelten und Entomophagie nach Fontaneto et al. (2011) tief in der menschlichen Evolution verankert ist, bleibt die Do­mestizierung von Insekten als menschliche Nahrungsquelle noch heute eine Ausnahme­erscheinung (Fontaneto et al. 2011, S.352). Während die Insekten in tropischen Regio­nen vorwiegend aus wilden Populationen geerntet werden, findet eine Domestizierung nur sehr selten statt. Absolute Ausnahmeerscheinungen bilden die Domestizierungen von Raupen zur Gewinnung von Seide, von Bienen zur Honiggewinnung und von Schildläusen für die Produktion des roten Farbstoffes Karmin. Vereinzelt werden Insek­ten in den Ländern der gemäßigten Breiten außerdem als Tier- und Fischfutter gezüchtet (Vantomme et al. 2012, S.19).

Auch wenn die Puppe der Seidenraupe in großen Teilen Asiens als Nahrung Verwen­dung findet, bleibt sie ein Nebenprodukt der Herstellung von Seide. Mit Honig als Tier­produkt und Karmin als Farbstoff zielt also keine der vorhandenen massenhaften Insek­tendomestizierungen direkt auf den Konsum der nahrhaften Insekten ab.

3. EIGENSCHAFTEN UND POTENTIALE VON ENTOMOPHAGIE

3.1 Ökologische Aspekte

Spätestens seit dem Erscheinen der Studie „Limits to Growth“ im Jahre 1972 ist vielen Menschen klar geworden, dass das Wachstum der Weltbevölkerung und dessen Wirt­schaft und Agrarindustrie mit diversen sozialen und ökologischen Problemen verbunden ist. Über 40 Jahre sind seitdem vergangen, doch die Aktualität des Themas besteht heute wie damals.

Es wird prognostiziert, dass die Weltbevölkerung bis 2050 von etwa 7 auf 9,1 Milliar­den Menschen ansteigen wird. Die Nahrungsmittelproduktion soll im gleichen Zeit­raum um 70 Prozent weltweit und um 100 Prozent in den Entwicklungsländern anstei­gen. Will man die mangelhafte Versorgungslage (knapp 1 Milliarde Menschen gelten als unterernährt) verbessern, muss die Agrarindustrie schneller wachsen als die Weltbe­völkerung. Doch schon heute stehen die Land- und Wasserressourcen der Erde, welche die Grundlage der Nahrungsmittelproduktion bilden, unter enormem Druck (FAO 2011, S.VII-IX).

[...]


[1] Vantomme et al. 2012, S. 14

[2] Yen 2012 zit. nach van Huis et al. 2013, S.46-47

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Insekten - Nahrungsmittel der Zukunft?
Hochschule
Universität Bremen  (Institut für Geographie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
44
Katalognummer
V232528
ISBN (eBook)
9783656489597
Dateigröße
1010 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das derzeit aktuellste und ausführlichste deutschsprachige Werk zur Entomophagie.
Schlagworte
Ernährung, Entomophagie, Insekten, Veganismus, vegan, vegetarismus, vegetarisch, Ernährungskrise, landwirtschaft, umwelt, klimawandel, nachhaltigkeit, csr, corporate social responsibility, umweltschutz, footprint, entomophagy, microlivestock, sustainability, ressourcenschutz, ressourcen
Arbeit zitieren
B.A. Max Krämer (Autor), 2013, Insekten - Nahrungsmittel der Zukunft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232528

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