Die Ethnogenese der Vandalen


Hausarbeit, 2012

18 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Begriffserklärung: Ethnogenese

Die beteiligten gentes

Hasdingen

Silingen

Alanen

Sueben

Die gens vandalorum

Das regnum vandalorum

Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Bereits Reinhard Wenskus und in weiterer Folge auch Walter Pohl haben in ihren Werken über frühmittelalterliche Stammesbildungen die These vertreten, dass während der Völkerwanderung nicht ganze Völker, sondern lediglich „ Kerngruppen mit ihrer jeweiligen Tradition und Verfassung gewandert seien. “ 1 Diese Traditionskerne bildeten also den Ausgangspunkt für die Entwicklung der Migrationsverbände, was Pohl sehr treffend als die „ ethnische Dynamik der V ö lkerwanderungszeit2 betitelt. Die Bezeichnung „Vandale“ sagt deswegen wenig über die Herkunft der jeweiligen Person aus, da der Verband aus vielen Personen unterschiedlichster Herkunft und Geschichte bestand.

Was machte nun aber einen Vandalen zum Vandalen? War es lediglich die familiäre Herkunft oder konnte man als „Fremder“ in den Verband aufgenommen werden? Diese Fragen bzw. den Prozess der Ethnogenese soll vorliegende Arbeit erläutern. Ziel ist es, Identifikationsmöglichkeiten herauszuarbeiten, die einen Vandalen zu eben solchem machten. Ebenso soll der Weg von der gens vandalorum zum regnum vandalorum kurz aufgezeigt werden.

Die wichtigsten Quellen frühmittelalterlicher Autoren bezüglich der Vandalen beinhalten Jordanes,3 Claudian,4 Prosper von Aquitanien,5 sowie Prokop.6

Aktuelle Werke zur Geschichte der Vandalen wurden von Helmut Castritius7 sowie Guido Berndt8 verfasst. Zur Geschichte der ethnischen Zusammensetzung der Germanen allgemein und der Vandalen im speziellen tragen vor allem Walter Pohl,9 Herwig Wolfram10 und Reinhard Wenskus11 bei. Obwohl die Forschung zur Völkerwanderung und auch den Vandalen bereits weit fortgeschritten ist, stößt man an bestimmten Stellen an Grenzen. So berichtet Roland Steinacher von der Existenz von lediglich 99 überlieferten Namen möglicher vandalischer Herkunft.12

Begriffserklärung: Ethnogenese

Der Begriff der Ethnogenese leitet sich vom griechischen ἔθνος (ethnos, Volk) ab. Walter Hirschberg definiert dies als

„ eine Menschengruppe mit gemeinsamer Abstammung,

Stammesüberlieferung und Wir-Bewusstsein. [...] Die

Eigenweltlichkeit wird durch Identifikation mit Gruppenmitgliedern und Negation der Fremdethnien konstituiert. “ 13

Die Ethnogenese versteht sich also als das Werden und die Entstehung einer neuen Ethnie. Diese Entstehung ist vor allem im Kontext frühmittelalterlicher Stämme interessant, da viele dieser Gruppierungen über den Prozess der Ethnogenese zu modernen europäischen Nationen gewachsen sind. Die drei Kriterien die Hirschberg nennt - die gemeinsame Abstammung, die Stammesüberlieferung sowie das WirBewusstsein - stellt also die Identität der Ethnie dar. Auf welche Art und Weise sich eine ethnische Gruppe formieren kann, erklärt Guido Berndt anhand von drei verschiedenen Modellen:

- Die Identität der Gruppe wird von einer führenden Familie auf die gesamte gens übertragen, wie zum Beispiel bei den West- sowie Ostgoten, den Langobarden, den Franken und den Vandalen.
- Es gibt eine charismatische Person, welche sich vor allem durch militärische Erfolge Legitimation verschafft und diverse Verbände zusammenschließt. Bei militärischem Misserfolg kommt es zu einem schnellen Auseinanderbrechen der Gruppe, wie bei den Hunnen.
- Dezentralisierte Gruppen bilden einen Verband und fassen alle Mitglieder unter einem Namen zusammen, zum Beispiel die Alemannen und die Slawen.14

Militärische Erfolge und auch Misserfolge spielten also im Frühmittelalter eine große Rolle bei der Entstehung neuer Ethnien. Dies war zweifelsohne auch bei den Vandalen der Fall, wie ich im Weiteren erläutern werde.

Die beteiligten gentes

Der Verband der Vandalen lässt sich nicht als homogenes Gebilde ansehen, vielmehr unterlag er ständigen Veränderungen. Eine gens vandalorum gibt es also während ihrer Zeit in Europa nicht. Als Ausgangspunkt der Vandalen können die Vandilier angesehen werden, welche in der frühen Kaiserzeit in der Przeworsk-Kultur und damit von Schlesien bis zur mittleren und oberen Weichsel gelebt haben dürften.15

Die Hauptgruppe des Gebildes stellten die Hasdingen dar.16 Ihnen schlossen sich die Silingen an und nach 417/18 auch die Alanen, welche rein zahlenmäßig einen großen Teil des Verbandes ausgemacht haben dürften. Dennoch bildeten die Hasdingen und Silingen den Hauptbestandteil der Koalition.17 Zeitweise waren auch die Sueben Teil der Gruppe. Bereits Isidor von Sevilla erwähnt in seiner Geschichte der Goten, Vandalen und Sueven die Verbindung zwischen Alanen, Sueben und Vandalen.18

Die ständigen personenmäßigen sowie auch geographischen Veränderungen setzten hohe Mobilität voraus. Es war möglich, dass sich einzelne Personen vom Verband abspalteten, genauso kamen neue Teilnehmer hinzu. Guido Berndt gibt daher zwei Faktoren für den Erhalt des Gesamtverbandes an: Die hohe Flexibilität der Entscheidungsträger sowie die ebenso hohe Assimilationsfähigkeit.19

Hasdingen

Wie bereits erwähnt, stellten die Hasdingen ein bestimmendes Element des Invasionsverbandes der Vandalen dar. Sie siedelten ursprünglich an der oberen Theiß bis in die Karpatenländer.20 Bei der Bezeichnung „Hasdingen“ handelt es sich um eine Fremdbezeichnung und sie ist etymologisch nicht geklärt. Ab dem 4. Jahrhundert wird von einer hasdingischen Dynastie ausgegangen, welche monarchisch geprägt war, zumindest zeitweise unter einer Doppelführung stand und sich gegenüber anderen gentes durchsetzen konnte.21 Die Aufteilung Hispaniens kam den Hasdingen zugute, zwar erhielten sie lediglich ein vergleichsweise kleines, abgeschiedenes Gebiet, jedoch erwies sich dies letztendlich als positiv: Die Silingen und Alanen fielen den Goten unter Valia zum Opfer und schlossen sich nach dem Tod ihres Königs den Hasdingen an.22 Die Hasdingen dürften also mit ihrer Nähe zur Königsfamilie den Traditionskern der Vandalen ausgemacht haben. Ob die Hasdingen nun aber eine Familie, das vandalische Königsgeschlecht oder der vandalische Adel waren, ist schwierig zu beantworten.23

Silingen

Von den Silingen wissen wir, verglichen zu den Hasdingen, wenig, da die Überlieferung sehr schlecht ist. So wissen wir von der Zeit vor der Rheinüberquerung 406/7 lediglich, dass sie im 3. Jahrhundert am oberen Main und später im heutigen Schlesien siedelten.24 Die Aufteilung der auf der Iberischen Halbinsel eroberten Gebiete trennte Silingen und Hasdingen territorial voneinander. Diese Separation und Isolation führte dazu, dass die Silingen gegen die gotische Verbände unter Valia keine Chance hatten und ihnen zum Opfer fielen. Die wenigen überlebenden Splittergruppen schlossen sich schlussendlich komplett den Hasdingen-Vandalen an und wurden in den Verband integriert.

[...]


1 Walter Pohl, Regnum und gens, in: Walter Pohl/Veronika Wieser (Hrsg.), Der frühmittelalterliche Staat. Europäische Perspektiven, Wien 2009, S. 435-450, hier S. 437. Vgl. hierzu Reinhard Wenskus, Stammesbildung und Verfassung. Das Werden der frühmittelalterlichen gentes, Köln21977.

2 Walter Pohl, Die Völkerwanderung. Eroberung und Integration, Stuttgart-Berlin-Köln 2002, S. 18.

3 Iordanis, Romana et Getica, hrsg. v. Theodor Mommsen, in: MGH Auctores antiquissimi 5.1, Berlin 1882, S. 53-138.

4 Claudii Claudiani, Carmina, hrsg. v. Theodor Birt, in: MGH Auctores antiquissimi 10, Berlin 1892, S. 189-203.

5 Prosperi Tironis, Epitoma de Chronicon, hrsg. v. Theodor Mommsen, in MGH: Auctores antiquissimi 9, Berlin 1892, S. 385-485.

6 Procopius, Vandalenkriege, hrsg. v. Otto Veh, in: Procopius Werke IV, München 1971.

7 Helmut Castritius, Die Vandalen. Etappen einer Spurensuche, Stuttgart 2007.

8 Guido M. Berndt, Konflikt und Anpassung. Studien zu Migration und Ethnogenese der Vandalen, Husum 2007.

9 Walter Pohl, Die Völkerwanderung. Eroberungen und Integration, Stuttgart-Berlin-Köln 2002.

10 Herwig Wolfram, Das Reich und die Germanen. Zwischen Antike und Mittelalter, Berlin 1994.

11 Reinhard Wenskus, Stammesbildung und Verfassung. Das Werden der frühmittelalterlichen gentes, Köln21977.

12 Vgl. Roland Steinacher, Gruppen und Identitäten. Gedanken zur Bezeichnung „vandalisch“, in: Guido M. Berndt, Roland Steinacher (Hrsg.), Das Reich der Vandalen und seine (Vor-) Geschichten (Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 13), Wien 2008, S. 243-260, hier S. S. 253.

13 Walter Hirschberg, Neues Wörterbuch der Völkerkunde, Berlin 1988, S. 134.

14 Siehe Berndt, Anpassung, S. 174.

15 Vgl. Pohl, Völkerwanderung, S. 71.

16 Vgl. hierzu Pohl, Völkerwanderung, S. 72 sowie Berndt, Anpassung, S. 145.

17 Vgl. Berndt, Anpassung, S. 145.

18 Vgl. Isidori Iunioris episcopi Hispalensis historia, hrsg. v. Theodor Mommsen, in: MGH Auctores antiquissimi 11, Berlin 1894, S. 295-300.

19 Vgl. Berndt, Anpassung, S. 174.

20 Vgl. Pohl, Völkerwanderung, S. 72.

21 Vgl. Berndt, Anpassung, S. 172. Laut Pohl ist der Name der Hasdingen erst im 5. Jahrhundert als Name einer Dynastie bezeugt.

22 Vgl. Pohl, Völkerwanderung, S. 75.

23 Vgl. Berndt, Anpassung, S. 172.

24 Vgl. Pohl, Die Völkerwanderung, S. 72 sowie Berndt, Anpassung, S. 172.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Ethnogenese der Vandalen
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
2
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V232848
ISBN (eBook)
9783656496052
ISBN (Buch)
9783656496113
Dateigröße
1408 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ethnogenese, vandalen
Arbeit zitieren
Verena Österreicher (Autor), 2012, Die Ethnogenese der Vandalen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232848

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