Der Beitrag der tiergestützten Pädagogik zum Lernen auf dem Bauernhof


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2013

23 Seiten


Leseprobe

Der Beitrag der tiergestützten Pädagogik zum Lernen

auf dem Bauernhof

Inge A. Strunz

Die Betreiber eines Internet-Portals, das für Urlaub auf dem Bauernhof wirbt, legen gesteigerten Wert darauf, dass hier ausschließlich Bauernhöfe mit aktiv betriebener Landwirtschaft vertreten sind. Der Grund dafür ist, dass diese Betriebe ihren Feriengästen den „echten Urlaub auf dem Bauernhof“ garantieren möchten. Der Gast soll nämlich die Haltung von Nutztieren, den Anbau von Obst und Gemüse, den Acker- oder Weinbau tatsächlich miterleben können.

Den Gastgebern fällt auf, dass Urlauberfamilien sich vorrangig danach erkundigen, ob (noch) Tiere auf dem Hof vorhanden sind. Offenbar ist es Eltern ein besonderes Anliegen, ihren Kindern (zumindest in der Ferienzeit) den Kontakt zu Tieren zu ermöglichen, denn viele Mädchen und Jungen wachsen heute - etwa aufgrund ungünstiger Wohnverhältnisse in Städten - ohne ein Heimtier auf (vgl. Strunz 2013a; Greiffenhagen/Buck-Werner 20092), sodass ihnen die Erfahrung einer bereichernden Mensch-Tier-Beziehung fehlt. Zudem sind Nutztiere weitgehend aus der Landschaft verschwunden (Plappert 2011), sodass Kuh, Schwein, Schaf und Ziege Kindern oftmals nur noch aus den Medien bekannt sind (Stephany 2009). Auch der Biologieunterricht kann dieses Manko nicht ausgleichen (Meyer-Abich 1990). Einzug in die Kinderzimmer halten hingegen zunehmend virtuelle Bauernhof- und Farmer-Spiele, bei denen man „alle möglichen Arten an Nahrungsmitteln und anderen Produkten erwirtschaften“ oder „die schönsten Pferde züchten“[1] muss. Auch die Spielwarenindustrie bietet Ersatz aus Plastik an: „Reiterferien auf dem modernen Reiterhof“, oder den „neuen Bauernhof mit Silo, befüllt mit Schüttgut. Kuh- und Schweinestall mit tollem Zubehör, wie Melkanlage und Futterautomat“, durch dessen Tor „der Riesen-Traktor“ passt (Playmobil-Katalog 2011/2012).

Zwei Seiten einer Medaille: Tiergestützte Pädagogik und Bildung für nachhaltige Entwicklung

Das Verhältnis zur belebten und unbelebten Natur wird über Erziehungs- und Bildungsprozesse vermittelt. Mehr denn je ist es Aufgabe einer zeitgemäßen Pädagogik Raum und Gelegenheiten für Naturerlebnisse zu schaffen, um durch unmittelbare Erfahrungen den vielfach beklagten Erfahrungsdefiziten Heranwachsender im Umgang mit der Natur entgegenzuwirken. Lernorte mit Tieren eigenen sich - eine tiergerechte Haltungsweise vorausgesetzt - hierfür in besonderer Weise, denn Tiere besitzen eine starke Anziehungskraft für Kinder und sind Impulsgeber für Lernprozesse, die auf die Beherrschung des „emotionalen Alphabets“ (Goleman 1997) zielen: Sie regen die menschlichen Sinne an, rufen Empfindungen wach, wecken Gefühle und begünstigen u.a. die Entwicklung von Achtsamkeit, Geduld, Respekt und Verzicht (Meves/Illies 1981). Es sind die in der Kindheit wurzelnden Erlebnisse mit Rindern, Schweinen, Schafen, Hühnern usw., die die spätere Einstellung des Menschen zu Nutztieren mitprägen, so Hedewig (zit. n. Greiffenhagen/Buck-Werner 20092).

Bereits in der frühen Kindheit gesammelte Sinneseindrücke haben neben sinnlich-emotionalen auch kognitive Komponenten, sodass sich „Erfahrungs-Erkenntnisse“ (Gebauer 2007) gewinnen lassen, die zum Handeln motivieren und zugleich die Konstruktion von Wissen unterstützen (Spitzer 2010). So erkennen Kinder beispielsweise, dass Tiere Lebewesen mit dem Menschen vergleichbaren Grundbedürfnissen sind, und das Wohlergehen gehaltener Tiere von deren Versorgung und Pflege abhängt; sie lernen Wertschätzung für diese Lebewesen zu entwickeln und deren Wesenszüge zu respektieren.

Schon Vorschulkinder, die einen Bauernhof-Kindergarten besuchen, machen im täglichen (durch Fachkräfte angeleiteten) Umgang mit den Hoftieren solche Erfahrungen, wie dieser Interviewausschnitt belegt:

„Zum Kindergartenalltag gehört das dazu, dass das Schwein versorgt werden muss. Es muss sein Futter, sein Wasser bekommen, es muss ausgemistet werden. […] Einfach, dass die Kinder Verantwortung zu übernehmen lernen für jemanden anders. […] und dass da eben nachgeguckt werden muss, ob es dem Tier gut geht, ob es vielleicht krank ist, was es haben könnte. Diese Kontrolle wird auch von den Kindern übernommen. […]“ (Auszug aus einem Gespräch, das die Autorin mit der Leitung eines Bauernhof-Kindergartens führte).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Bereits Kindergartenkinder

können bei der Versorgung und Pflege der

Tiere mithelfen. (Foto: Göhring)

Neuere Befunde aus der Gehirnforschung und der Entwicklungspsychologie belegen die Erziehungsbedürftigkeit und Bildsamkeit des Menschen im frühkindlichen Alter. Die Phase der frühen Kindheit ist die prägendste Phase und damit die lernintensivste Zeit in seinem Leben, da für bestimmte Entwicklungs- und Lernschritte sogenannte ‚Zeitfenster‘ existieren. Kindern frühe Bildungserfahrungen zu ermöglichen ist daher eine Hauptaufgabe verantwortungsvoller Pädagogik (Staatsinstitut für Frühpädagogik 2003). Eine zeitgemäße Bildungs- und Erziehungsarbeit im Elementarbereich unterstützt den Erwerb von Basiskompetenzen, Wissen und Werthaltungen. Die Ausrichtung der Erziehungs- und Bildungsbemühungen entsprechend der „regulativen Idee der Nachhaltigkeit“ (Künzli/Bertschy 2008) trägt den gesellschaftlichen Erfordernissen Rechnung und ist mit der modernen Kindergartenpädagogik in Einklang zu bringen (de Haan 2008), denn Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) bietet als ganzheitliches, inhaltlich und methodisch vielfältiges Konzept, das an zukunftsorientiertes, globales Lernen gekoppelt ist (vgl. Programm Transfer-21, 2008)[2], vielfältige Ansätze und Möglichkeiten zur lebendigen Ausgestaltung des Bildungsauftrags der Bildungsinstitutionen (vgl. Deutsche UNESCO-Kommission e.V. 2010).

Nach Kellert (1985 zit. n. Mayer 2005) lassen sich in der Entwicklung des Verhältnisses von Kindern und Jugendlichen zu Tieren folgende Phasen unterscheiden: „Im Alter von 6 - 9 Jahren dominieren nach seinen Ergebnissen affektiv-emotionale Beziehungen zu Tieren, von 10 - 13 Jahre ein kognitiv-sachliches Verständnis und im Alter von 13 - 16 Jahre eine ethische Einstellung und ökologisches Verständnis.“ Da das Thema ‚Tiere‘ für die meisten Kinder von Interesse ist - wobei Mädchen sich eher mit Tieren beschäftigen als Jungen (vgl. Bickel/Bögeholz 2013; World Vision Kinderstudie 2007) - besteht die Möglichkeit, hier emotionale, empathische Anker zu setzen und davon ausgehend kognitive Brücken zur Idee der Nachhaltigkeit zu schlagen. „Wir können Kinder für die Kreisläufe des Lebens begeistern, wenn wir unsere Lebenswelt mit Lebendigem bereichern. […] Und wer das möchte, kann mit den Kindern auch erkunden, wo die Nahrungsmittel, die wir essen, herkommen und vielleicht die kleinen, lokalen Kreisläufe unterstützen“ (Altner 2009).

Spätestens im Primarbereich stellt sich die Frage nach der zu vermittelnden Wissensbasis (vgl. Janßen 1988), die die Aspekte Ökologie, Ökonomie und Soziales im Sinne des Nachhaltigkeitsgedankens zusammenführt. Zukunftsorientiertes Lernen, das diese Bereiche berücksichtigt, geht mit einer Neuausrichtung der schulischen Bildung und neuen Formen des Unterrichtens einher (vgl. Agenda 21, Kap. 36). Eine Pädagogik[3], die das Tier als Medium des Lehrens und Lernens begreift, ermöglicht eine besondere Art des Lernens, denn Tiere reagieren auf ihr Gegenüber, fordern dieses zur Reaktion auf und unterstützen - im Gegensatz zu virtuellen Bauernhoftieren - ein Lernen mit allen Sinnen. Ein mit Leben erfülltes Wesen, mit speziellen Ansprüchen und individuellen Eigenheiten prägt das pädagogische Geschehen in einzigartiger Weise. Bereits 1931 weist Geiger auf die Bedeutung der Du-Evidenz mit folgenden Worten hin: „Dadurch wird das jeweils andere Lebewesen aus der Anonymität seiner Art herausgenommen und wird so zum individuellen, unverwechselbaren und insofern auch unersetzlichen Partner. Solche Beziehungen müssen aber nicht gegenseitig und auch nicht gleichgewichtig sein“ (Geiger zit. n. Teutsch 1987). Insbesondere im Fall von Nutztieren (z.B. Schweine) erweist sich dies oftmals als schwierig. Tiergestützt arbeitenden Landwirten und Pädagogen muss es daher gelingen, auch Nutztiere, die Kindern in der Regel nicht so vertraut sind wie Hund und Meerschweinchen, nahezubringen, indem beispielsweise die Intelligenz und die Emotionen dieser Tiere sichtbar gemacht werden, sodass die Grenzlinien zwischen Heim- und Nutztier allmählich verschwinden. Erst in der intensiven Auseinandersetzung mit einem Tier kann ein Kind beispielsweise die Erfahrung machen, dass Mensch und Tier miteinander kommunizieren können. Die Körpersprache eines Tieres folgt Mustern, die ‚zu lesen‘ sich lernen lässt. Diese nonverbale Kommunikation fällt anfangs meist schwer, denn das Kind muss das artspezifische Verhaltensmuster kennenlernen, mit dem Tiere reagieren, um zu wissen, ob ein Tier Angst hat oder zum gemeinsamen Spiel bereit ist. Ebenso spielt die Körpersprache des Menschen, soll die Speziesgrenzen überschreitende Kommunikation gelingen, eine Rolle. Vorbilder mit einer verantwortungsbewussten Einstellung zum Tier, die es verstehen, das Verhalten der Tiere zu erläutern und die Orientierung hinsichtlich eines tiergerechten Umgangs bieten, ermöglichen Heranwachsenden dabei ein ‚Lernen am Modell‘ (Bandura). Diese Art des Lernens befähigt das Individuum „Verhalten durch Beobachtung anderer zu übernehmen sowie dieses Verhalten auch zeitlich verzögert in Abwesenheit des Modells zu reproduzieren. Die Entdeckung der Spiegelneuronen liefert eine physiologische Erklärung für diese sehr früh in der Ontogenese auftretende Leistung“ (Oerter 2007).

[...]


[1] Quelle: www.roundgames.de/online-games/Ein+Bauernhof+leiten (11/2012).

[2] Im Jahr 1992 hat die Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro ein Rahmenprogramm für ein Leben im 21. Jahrhundert (Agenda 21) verabschiedet. Das zentrale Konzept dieser Agenda ist, global betrachtet, die nachhaltige (und damit zukunftsfähige) Verknüpfung ökonomischen Wachstums mit ökologischen und sozialen Aspekten, sodass nachkommenden Generationen die natürliche Umwelt möglichst unbeschadet hinterlassen wird. Weltweit wird dieses Anliegen von der UNESCO (2005 – 2014) getragen. Die Bundesregierung und die Länder der BRD begreifen Bildung für nachhaltige Entwicklung als eine Aufgabe, die alle Bildungsbereiche tangiert (BLK 2001).

[3] In Bezug auf die von Vernooij und Schneider (2008) erarbeitete Definition der „Tiergestützten Pädagogik“ weisen Ignatowicz und Waschulewski (2013) ausdrücklich darauf hin, dass eine Definition tiergestützter Pädagogik/Didaktik den kognitiven Bereich - und somit kognitive und metakognitive Prozesse - gleichermaßen mit in den Blick nehmen muss. Sieht sich die tiergestützte Pädagogik dem Konzept ‚Bildung für nachhaltige Entwicklung‘ verpflichtet, so sind sämtliche Bereiche der menschlichen Entwicklung zu berücksichtigen.

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Details

Titel
Der Beitrag der tiergestützten Pädagogik zum Lernen auf dem Bauernhof
Autor
Jahr
2013
Seiten
23
Katalognummer
V232911
ISBN (eBook)
9783656498506
ISBN (Buch)
9783656499732
Dateigröße
1888 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
beitrag, pädagogik, lernen, bauernhof
Arbeit zitieren
Dr.phil. Dipl.-Päd. Inge Angelika Strunz (Autor), 2013, Der Beitrag der tiergestützten Pädagogik zum Lernen auf dem Bauernhof, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232911

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