Private Lebensformen im deutsch-italienischen Vergleich - Eine Analyse auf der Basis von Kontaktanzeigen


Magisterarbeit, 2004

116 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

I. Einleitung

II. Begriffsbestimmung der Arbeitsoperandi „private Lebensformen“ und „Familie“.
a) Private Lebensformen.
b) Familie Analyse

III. Beziehungsideale und Selbstbilder Deutschlands und Italiens im 21. Jahrhundert -
Individualisierungsprozesse zweier europäischer Gesellschaften im Spiegel von
Internet-Kontaktanzeigen unter Berücksichtigung privater Lebensformen .
a) Theoretische Überlegungen
b) Daten und Methode.
c) Das Forum.
d) Kategorienbildung.
e) Basiswörterbuch Partner(-schafts)vorstellungen.
Leitfragen und Ergebnisse
1. Unterscheiden sich die Idealvorstellungen der privaten Beziehungen in Italien und Deutschland? Und wenn ja, wie?
a) Die soziologische Definition nichtehelicher Lebensgemeinschaften
b) Deutschland und Italien – die je eigenen Probleme verschiedener kultureller
Modelle
2. Lassen sich im Hinblick auf Partner(-schafts)vorstellungen in Deutschland
und Italien je geschlechtsspezifische und generative Unterschiede herausfiltern,
und wenn ja, weisen diese länderspezifische Eigenheiten auf?
a) Reife Frauen in Deutschland und junge Männer in Italien – Seismografen gesell-
schaftlicher Veränderungen
3. Inwieweit sind die Idealvorstellungen partnerschaftlicher Beziehungen und die Leit-
bilder individueller Identität miteinander verknüpft?
a) Im Ländervergleich manifestieren sich kulturelle Vorstellungen zuerst auf der
Ebene der Selbstideale und zeichnen sich dann in Partnerschaftsvorstellungen
ab.
4. Lassen sich im Ländervergleich und binnenspezifisch Differenzen in den Partner
(-schafts)vorstellungen und im Selbstbild deutscher und italienischer Alleinerziehen-
der und Singles erkennen?
a) Die soziologische Definition des „Singles“ bzw. des Alleinwohnenden
b) Inserententyp „modern – gesellig – unabhängig“ (moderne Konsum-Inserenten)
c) Die soziologische Definition von Alleinerziehenden bzw. Einelternfamilien
d) Inserententyp „Alleinerziehende“ (Defizit-Inserenten)
e) Deutsche Alleinerziehende emanzipieren sich - Italienische Alleinerziehende
suchen die Ehe - Deutsche Singles besinnen sich auf alte Werte – Italienische
Singles befreien sich von alten Rollenmustern
Überführung der Ergebnisse in Individualisierungsstadien

IV. Unterschiedliche Transformationsprozesse in Deutschland und Italien Formen der Privatheit und Sozialstruktur

V. Private Lebensformen in Deutschland und Italien – ein Vergleich auf struktureller
Ebene
a) Nichteheliche Lebensgemeinschaften
b) Singles
c) Alleinerziehende
Bilanz und Ausblick

VI. Zusammenfassung/Perspektive

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Anhang

I. Einleitung

Der Titel dieser Arbeit lautet: Private Lebensformen im deutsch-italienischen Vergleich – Eine Analyse von Partnerschaftsvorstellungen auf der Basis von Kontaktanzeigen. Dies war der Rahmen in dem die nachfolgende empirische Untersuchung gediehen ist und über welchen sie im Zuge neuer Literaturfunde und vor allem unerwarteter, reicher Forschungsergebnisse hinausgewachsen ist. War im Ansatz eine „bloße“ strukturelle Gegenüberstellung von nichtehelichen Lebensgemeinschaften, Singles und Alleinerziehenden geplant, dass heißt deren jeweilige quantitative Ausprägung in Deutschland und Italien, beleuchtet in einem je eigenen Ursachengefüge, basierend auf unterschiedlicher Historie, die in eher modernen bzw. traditionellen Partnerschaftsvorstellungen eine Untermauerung auf kultureller Ebene erfahren sollten, so wurde dass Konzept – wie nicht unüblich in einer empirischen Untersuchung – gedreht, gewendet und vor allem erweitert und neu gewichtet, wenngleich nicht verworfen. Alle Aspekte umfassend müsste er demnach ergänzt besser lauten: Private Lebensformen im deutsch-italienischen Vergleich – „Eine Analyse von Partner(-schafts) vorstellungen und Selbstidealen und Einordnung von Individualisierungs- und Modernisierungstendenzen auf der Basis von Kontaktanzeigen.“

Ein Gesellschaftsvergleich auf ein bestimmtes Phänomen bzw. bestimmte Phänomene wie private Lebensformen herunter gebrochen gelingt nur unter Berücksichtigung der jeweiligen Sozialstruktur. Diese unterliegt einer Dynamik – dem sozialen Wandel.

„Moderne“ Gesellschaften sind das Produkt vorhergehender Prozesse sozialen Wandels – va. Industrialisierung, Säkularisierung, Demokratisierung und funktonale Differenzierung - die unter dem Begriff Modernisierung zusammengefasst werden.

Gleichzeitig ist gerade die Beschleunigung sozialer Wandlungsprozesse ein Kennzeichen moderner Gesellschaften wodurch die Frage nach dem Ausgang und der Universalität (ob sie auf alle Gesellschaften zutreffen) der Prozesse aufgeworfen wird.

Bei einer vergleichenden Betrachtungsweise von Entwicklungen, wie der privaten Lebensformen in dieser Untersuchung sind die beiden Begriffe Konvergenz (Annäherung) und Divergenz (Auseinanderstreben) von Bedeutung. Sie sind z.B. zentral für die in der Modernisierungstheorie geführte Debatte über die Theoreme Pfadabhängigkeit (Entwicklungen sind von einem einmal eingeschlagenem Weg abhängig) vs. Universalisierung (alle Gesellschaften entwickeln sich in dieselbe Richtung).[1]

Die Individualisierung ist ein wichtiger Teilprozess der Modernisierung. Der Begriff bezeichnet die Freisetzung der Einzelnen aus den traditionalen Bindungen Stand, Klasse, dörfliche Gemeinschaft, Familie etc. An deren Stelle treten Vergesellschaftungsformen, die beim Individuum ansetzen, wie z.B. der moderne Arbeitsmarkt, auf dem die Einzelnen Verträge abschließen, oder Lebenslaufgrogramme. Individualisierung ist gleichzeitig Chance und Zwang: Dem Individuum werden zwar mehr Entscheidungsmöglichkeiten gegeben, gleichzeitig steht es aber auch unter dem Druck, Eigenverantwortung zu übernehmen. Inder Individualisierungsdebatte sein den 80er Jahren wird diskutiert, ob es nach einer Phase höchster Wirksamkeit modernere Vergesellschaftungsprogramme in den 50er und 60er Jahren (in Deutschland) zu einem zweiten Individualisierungsschub gekommen ist, in Zuge dessen sich die Lebensformen stark pluralisieren.

Als Indikatoren für Individualisierung können z.B. Wohnverhältnisse, die räumliche Mobilität oder Einstellungen zu bestimmten Formen der Lebensführung (etwa im Bereich der Sexualität oder der Geschlechterrollen) genutzt werden.[2] Buchmann und Eisner haben in ihrer Studie 1996 Selbstbilder und Beziehungsideale als Indikatoren für Individualisierung hervorgehoben und diese ebenfalls, wie in der vorliegenden Arbeit, durch Kontaktanzeigen gewonnen.[3] Zur Standardisierung der Aussagen und Umschreibungen in den Internet-Annoncen wurde sich weiter an das Buchmann/Eisner-Konzept angelehnt: es wurde ein Basiswörterbuch für die Partnerschaftsvorstellungen und die Selbstideale entworfen, welches in traditionelle und moderne Tendenzen untergliedert und – im Fall von Partnerschaftsvorstellungen – ein Kategorienbildung beinhaltet, die auch Ergebnisse über die quantitative Ausprägung von bestimmten Phänomenen der Individualisierung wie der Freizeitgestaltung oder dem Stellenwert einer emotionalen Basis der Beziehung etc. erlaubt. Diese standardisierten Individualisierungsindikatoren wurden dann explorativ eingesetzt[4], und auf Länderebene, sowie innerhalb bestimmter Alters- und Geschlechtskohorten, auf intermediäre Kategorien – wie etwa „Heirat/Partnerschaft auf lange Sicht“ und auf private Lebensformen, namentlich Singles und Alleinerziehende angewendet und die jeweilige quantitative Ausprägung mittels Grafiken dargestellt. Hierauf beziehen sich die Fragen 1 bis 4 des der Analyse vorgestellten Fragenkatalogs.

Die erlangten Ergebnisse dienten dann zum Gewinnen von Hypothesen, die ihre Berechtigung aus dem Untersuchungsrahmen selbst, oder aus der Verbindung mit Ergebnissen bereits bestehender Literatur erfuhren. So wurde nach dem Buchmann/Eisner – Konzept die prozentuale Kluft zwischen modernen Selbst- und Beziehungsidealen in Deutschland und Italien als ein Hinweis auf Transformationsprozesse innerhalb der untersuchten Gesellschaften gedeutet und in dem je eigenen Ursachenkomplex von Deutschland und Italien interpretiert und eingeordnet. (Siehe Frage 3 und Kapitel IV). Wie üblich und wahrscheinlich auch notwendig selbst für eine explorative Forschung wurden jedoch einige Vorannahmen vorausgesetzt bzw. Vorwissen berücksichtigt:

In den modernen europäischen Gesellschaften zeichnet sich eine Pluralisierung von Lebensformen ab, die das Modell von Ehe und Familie nicht zwangsläufig ablösen, aber doch zunehmend ergänzen. In Nordeuropa erfahren Lebensformen die alternativ zur Ehe gewählt werden im gesamteuropäischen Kontext ihre größte quantitative Ausprägung, während die mediterranen Länder wie Italien, Spanien und Portugal noch am häufigsten das Modell der traditionellen Kleinfamilie basierend auf der Ehe aufweisen. (West)-Deutschland befindet geografisch als bezüglich der Pluralisierung von Lebensformen zwischen diesen beiden europäischen Extremen.[5] Hinzuzufügen sei, dass sich die größten Individualisierungstendenzen nicht nur im Norden Europas, sondern auch im Norden Italien konstatieren lassen[6], während in Deutschland (West) eher das Stadt-Landgefälle ausschlaggebend für den Zusammenhang von modernen oder traditionellen Formen der Lebensformen erweist.[7]

Unfraglich ist: der skizzierte Strukturwandel der Familie ist als Resultat komplexer gesellschaftlicher Veränderungsprozesse zu begreifen und lässt sich kaum auf nur eine schlüssigen theoretische Erklärung zuführen, auch wenn unumstritten zu sein scheint, dass die Loslösung von religiösen Normen, sprich die Säkularisierung – etwa hinsichtlich der Leitbilder von Monogamie und lebenslanger Ehe oder der Einstellung zur Sexualität - , die Wohlstandsentwicklung, der Wertewandel, die Bildungsexpansion, die gesellschaftlichen Mobilitätserwartungen und nicht zuletzt die veränderte Rolle der Frauen als zentrale Ursachenkomplexe anzusehen sind.[8] In geläufigen Modernisierungstheorien wird angenommen, dass es sich hierbei um weitgehend übereinstimmende Entwicklungen handelt, die allenfalls Vorreiter und Nachzügler, letzten Endes aber keine grundlegend abweichenden Entwicklungen gestattet.[9] (Siehe Universalisierung).

Wird hier Deutschland in Bezug auf die Ausbreitung privater Lebensformen eher die Vorreiter und Italien die Nachzüglerrolle eingeräumt, so soll diese These in Kapitel V in Form eines strukturellen Vergleichs von NELG’s, Singles und Alleinerziehenden in Deutschland und Italien überprüft und mit den Ergebnissen der Analyse dann in Kapitel VI zusammengefasst und zukunftsperspektivisch gedeutet werden. Auf die Richtigkeit der Theorie, dass es sich bei privaten Lebensformen in Italien, um ein junges Phänomen handelt unterstreicht die schlechte Literaturlage zu den einzelnen Lebensformen in Italien. Dies erklärt auch den „Informationsüberhang“ zu deutschen Lage.

II. Begriffsbestimmung der Arbeitsoperandi „private Lebensformen“ und „Familie“

a) Private Lebensformen

Dieser Terminus entwickelte sich einerseits zu einer wissenschaftlichen Kategorie, andererseits fand er immer häufiger in kritischer Auseinandersetzung mit dem bis dahin klassischen und dominierenden Modell der „bürgerlichen Familie“ in öffentlichen Diskursen Verwendung. In den letzten drei Jahrzehnten haben bedeutsame Wandlungen der Lebensformen der Menschen stattgefunden, womit ein Wandel der kulturell normativen Wertbezüge von Ehe und Familie einherging. Um das Phänomen des Wandels des Zusammenlebens zu beschreiben etablierte sich in der deutschen Soziologie seit Mitte der 70er Jahre der Begriff der privaten Lebensformen.

Dieser Begriff – über den in der Literatur weitgehend begriffliche Verwirrung herrscht - umschreibt die Struktur der privaten sozialen Beziehungen von Menschen.[10] Genauer: Unter Lebensformen werden relativ stabile Beziehungsmuster der Bevölkerung im privaten Bereich verstanden, die allgemein mit Formen des Alleinlebens oder Zusammenlebens (mit oder ohne Kinder) beschrieben werden können.[11] Gemeint ist jene Sphäre der menschlichen Existenz, die durch die intime, vertraute und erotische Bezugnahme auf andere Menschen (oder auch durch deren Fehlen) gekennzeichnet ist.[12]

Die Bezeichnung dieser Sphäre ist deshalb so problematisch, wie sie sich in den letzten drei Jahrzehnten zunehmend entstandardisiert hat und der alte Begriff „Familie“ in vielen Fällen nicht mehr zutrifft, denn mit diesem Begriff wird in Zusammenhang mit modernen Gesellschaften üblicherweise die Gemeinschaft der in einem gesetzlichen Eheverhältnis lebenden Eltern und ihrer Kinder bezeichnet. Insofern lässt sich beispielsweise kaum von Familienformen (Peuckert 2002[13] ) sprechen, wenn u.a. nichteheliche Lebensgemeinschaften oder Singles mitgemeint sind. Aus ähnlichen Gründen engt der Begriff der Partnerschaftsformen die umrissene Sphäre zu sehr ein. Abgesehen davon, dass mit dem Begriff der Partnerschaftlichkeit eine Gleichberechtigung der Partner intendiert wird, die nicht generell vorausgesetzt werden kann, kann es kaum eine Partnerschaftsform der Alleinstehenden geben, das gleiche gilt auch für den Begriff Beziehungsformen. Die Termini Lebensstil bzw. Life style dagegen sind aus anderen Gründen problematische – so deutet „Stil“ im heutigen Kontext eine Freiwilligkeit und Intendiertheit der faktischen Situation an, die hinsichtlich der Privatheitsformen individuell keineswegs gegeben sein muss. Ferner ist „Leben“ ein zu weiter Begriff, um die terminologisch abzugrenzende Sphäre treffend zu bezeichnen. Nimmt man beispielsweise die Berufssphäre, die selbstverständlich einen bedeutenden Stellenwert im „Leben“ hat und auch einen sehr Wirkungsreichen, so ist sie in diesem Zusammenhang ein als nur marginaler Faktor interessierender Bereich. Da „Leben“ nicht nur die Privatheit kennzeichnet, bezeichnet nicht mal der gebräuchlichste Terminus in diesem Zusammenhang – die Lebensform präzise den gedachten Gegenstand.

Der Begriff Privatheitsform erscheint Köster in Anlehnung an Thomas Meyer, der von einer „Modernisierung der Privatheit“ spricht der Treffendste für die Abgrenzung dieses Bereichs zu sein. Köster merkt jedoch an, dass in der „Privatheit“ vieles Mitschwingt, das nicht zum Thema gehört: „platonische Freundschaften“ etwa oder individuelle Hobbys. Insofern kann auch mit diesem Begriff nur eine Annäherung an den Gegenstand erreicht werden.[14]

Die im Titel verwendete ‚terminologische Mischform’ - die private Lebensform, soll den Gegenstand jedoch noch stärker treffen, ohne gleichzeitig ausgrenzend zu fungieren.

Privatheit, die sich auf eine Form von Leben -(sführung) bezieht und andersherum eine Lebensform, die nur im privaten Kontext verstanden werden soll, sind definitorischer Rahmen der Begriffsbildung, auf die sich im Kontext dieser Ausarbeitung bezogen wird.

- An dieser Stelle soll erwähnt werden, dass die private Lebensformen eine „Dachdefinition“ verschiedenster Lebensformen- bzw. Systeme mit eigener Sinngebung und unterschiedlicher Realität darstellen. Unter ihr werden alle herrschenden Varianten der Privatheit, wie Alleinerziehende, living apart together, Singles, Commuter-Ehen etc. gefasst, aber auch die Familie ist ein unterzuordnender Begriff unter die Oberkategorie der privaten Lebensformen.[15]

Zapf benennt vier Kriterien für die begriffliche Abgrenzung von Lebensformen:

1. Das Vorhandensein eines Haushaltes[16]
2. Die sozialrechtliche Stellung einer Person und des etwaigen Partners bzw. der etwaigen Partnerin
3. Der Familienstand
4. Die Kinderzahl.

b) Familie

Eine einheitliche Definition von Familie ist schwierig zu treffen. Dieser Umstand ist auf der Schwierigkeit begründet, dabei die große historische und kulturelle Vielfalt, nicht zuletzt den kulturellen Wandel der einen „Funktionswandel“ der Familie impliziert und zudem klassen- und schichtspezifische Faktoren, die eine jeweils andere Realität von Familie hervorrufen, berücksichtigen zu müssen.

Dennoch muss geklärt werden welcher Sinn der „privaten Kern- oder Kleinfamilie“ im Rahmen dieser Arbeit zukommt. Meyer stützt sich für eine erste Eingrenzung auf die Definition von Nave-Herz: Im weitesten Sinn ist die Familie eine nach Geschlecht und Generation differenzierte Kleingruppe mit einem spezifischen Kooperations- und einem wechselseitigen Solidaritätsverhältnis, dessen Begründung in allen Gesellschaften zeremoniell begangen wird. Aufgabe der Familie ist es unter anderem, Schutz zu gewähren und das Sexualverhalten ihrer Mitglieder zu regulieren.[17]

Zu den Manifesten der modernen Klein- oder Kernfamilie wird die auf der Ehe als typische Institutionalisierungsform gründende Gemeinschaft der Eltern mit ihren Kindern gezählt, das Postulat ihrer lebenslangen Dauer, die Heterosexualität der Intimbeziehung, die Exklusivität der sexuellen Beziehungen der Ehepartner, die Existenz von Kindern, die Haushaltsgemeinschaft von (typischerweise) zwei untereinander erstgradig verwandten Generationen mit zwei Erwachsenen, sowie eine Ausgestaltung der Geschlechtsrollen, die dem Mann die Erwerbs- und der Frau die Sorgearbeit zuteilt.[18]

Weiterhin fällt der Familie die soziale und biologische und Reproduktionsfunktion zu. Sie hat für die Regeneration und Stabilisierung ihrer Mitglieder und für die Zeugung und Pflege des Nachwuchses zu sorgen und diese in Sprache, Rollen, Normen und Werte der Gesellschaft einzuführen, also ihrer Sozialisationsfunktion nachzukommen.

Schließlich spielt die Familie eine Rolle bei der Platzierungsfunktion, also für den Prozess, durch den eine Person an bestimmte gesellschaftliche Positionen vermittelt wird.

Unter analytischem Aspekt ist es sinnvoller die Familie weniger als Einheit aus Vater, Mutter und Kindern, sondern als „Kopplung von Partnerschaft bzw. Ehe und Elternschaft“ zu betrachten, also als ein System, indem zwei durchaus unterschiedliche Beziehungs- und auch Liebesmuster aufeinander treffen.

Der Typus der Kern- oder Kleinfamilie galt lange als die typische und adäquate Organisationsform für die modernen Industriegesellschaften, da sie auf der Sphärentrennung von Produktion und Reproduktion basiert.[19]

III. Beziehungsideale und Selbstbilder Deutschlands und Italiens im 21. Jahrhundert Individualisierungsprozesse zweier europäischer Gesellschaften im Spiegel von Internet-Kontaktanzeigen unter Berücksichtigung privater Lebensformen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die vorliegende Analyse macht es sich zur Aufgabe anhand solcher Annoncen die Frage zu klären, inwiefern sich die Ideale der Lebensführung in Deutschland und Italien unterscheiden. Dieses Datenmaterial eignet sich deshalb, da Frauen und Männer, die auf diesem Wege einen Partner oder Partnerin suchen, Partner(-schafts)vorstellungen und Selbstbilder zur Darstellung bringen, die sich im Hinblick auf Modernisierungs- und Individualisierungstendenzen und angestrebten Lebensformen aufschlüsseln lassen.[20] Hier kann konkret die Eheneigung versus nichteheliche Lebensgemeinschaften benannt werden. Die Diversifizierung von Lebens- bzw. Privatheitsformen ist ein besonders auffälliges Merkmal des sozialen Individualisierungsschubs.[21][22] Im Folgenden werden Singles und Alleinerziehende mittels Analyse ihrer Beziehungs- und Selbstideale als Spiegel ihrer jeweiligen Gesellschaft und deren Toleranz und Akzeptanz gegenüber verschiedenen Formen der Privatheit verstanden.

Die empirischen Resultate dieses Theorems, sollen anschließend mit statistischen Begebenheiten untermauert, widerlegt oder in der Folge in einem differenzierteren Licht betrachtet werden.

Als Leitfaden dienen folgende Fragen:

Fragenkatalog

1. Unterscheiden sich die Idealvorstellungen der privaten Beziehungen in Italien und Deutschland? Und wenn ja, wie?
2. Lassen sich im Hinblick auf Partner(-schafts)vorstellungen in Deutschland und Italien je geschlechtsspezifische und generative Unterschiede herausfiltern, und wenn ja, weisen diese länderspezifische Eigenheiten auf?
3. Inwieweit sind Idealvorstellungen partnerschaftlicher Beziehungen und Leitbilder individueller Identität miteinander verknüpft?
4. Lassen sich im Ländervergleich und binnenspezifisch Differenzen in den Partner (-schafts)vorstellungen und im Selbstbild deutscher und italienischer Alleinerziehender und Singles[23] erkennen?

Mit diesen vier Fragestellungen, die im Mittelpunkt der Untersuchung stehen, wird die Analyse auf der kulturellen Ebene der Betrachtung von Beziehungsidealen und Selbstbildern und angesiedelt. Die strukturelle Ebene vorgegebener Lebensbedingungen, die ebenso die Praktiken der privaten Lebensführung mitbestimmen[24], wird als Bezug und Anlehnung bei der Auswertung der Ergebnisse aufgegriffen und in ein Verhältnis zur kulturellen Ebene gesetzt, sie findet jedoch keinen direkten Einzug als Untersuchungsgegenstand in diese empirischen Analyse.

a) Theoretische Überlegungen

Ausgangspunkt meiner theoretischen Überlegungen ist die Annahme, dass die kulturelle Dynamik, die im Prozess der Individualisierung in modernen „westlichen“ Gesellschaften angelegt ist, zum Wandel von Beziehungsidealen[25] und von Leitbildern des Selbst[26] beigetragen hat und immer noch beiträgt.

Dieser angesprochene Wandel lässt sich nicht nur in einer Längsschnittstudie für einzelne Länder nachzeichnen, wie es Buchmann/Eisner 1996 exemplarisch in ihrem Aufsatz „Selbstbilder und Beziehungsideale“ für die Schweiz statuiert haben, sondern auch in einem Querschnitt darstellen, der auf einen Ländervergleich abzielt und somit (eventuelle) unterschiedliche „Modernisierungs- bzw. Individualisierungsstadien“ von Gesellschaften, die auf eher „traditionelle“[27] oder „moderne“[28] Selbst- und Partnerschaftsvorstellungen zurückgehen, herausgearbeitet werden können. Diesem Aspekt widmen sich die ersten beiden Fragen dieser Untersuchung.

Der kulturelle Wandel, der im Prozess der Individualisierung angelegt ist, verändert die auf partnerschaftliche Beziehungen bezogenen Ideale der Lebensführung. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts verschieben sich die kulturellen Vorstellungen darüber, wie eine angemessene private Beziehung gestaltet werden soll. Verschiedene Autoren, wenngleich mehr in theoretischer, denn in quantitativ empirischer Hinsicht, thematisieren den postulierten Wandel der Erwatungen an eine befriedigende Beziehung zwischen den Geschlechtern auf der Folie eines Ehemodells, das über weite Strecken des 20. Jahrhunderts vorherrschend war. Es handelt sich dabei um ein Eheleitbild, das die institutionalisierte formale Bindung ins Zentrum rückt, worauf die ökonomisch Sicherheit und soziale Integration von Mann und Frau baut. Das Modell einer streng arbeitsteiligen Kooperation und gegenseitiger (wirtschaftlicher) Unterstützung war tragend für diese Leitvorstellung ehelicher Beziehung, welches demgemäß im Folgenden als rollenteilig-konventionelles Beziehungsideal bezeichnet wird.[29]

Demgegenüber setzt sich eine Idealvorstellung von Beziehung ab, die sich an Emotionalität und gegenseitigem Verständnis orientiert. Dies beinhaltet in erster Linie, den eigenen Gefühlen gegenüber dem anderen Ausdruck zu verleihen, um sich so der gegenseitigen Liebe und Zuneigung zu vergewissern. Der intensive emotionale Austausch bildet somit einen tragenden Pfeiler dieses Beziehungsideals. Das Idealbild einer Beziehung als gegenseitige Verständigung erfordert darüber hinaus die Vorstellung einer partnerschaftlichen Gemeinsamkeit, in der idealerweise Gleichberechtigte einander begegnen. Gegenseitigkeit und Partnerschaftlichkeit sind daher weitere tragende Elemente dieses Beziehungsideals. Hinzu kommt im Weiteren die ideale Vorstellung einer gemeinsamen Erlebnis- und Aktivitätswelt, in welche sich die Partner ihrer geteilten Vorlieben und Interessen versichern können. Aufgrund seiner zentralen Elemente bezeichnen Buchmann/Eisner 1996 dieses Beziehungsmodell als partnerschaftlich-emotionales Beziehungsideal.

Aussagen in bestehender Literatur siedeln den Übergang zwischen diesen beiden Beziehungsidealen, mit einer immer stärker werdenden Tendenz hin zu einem partnerschaftlich-emotionalen Beziehungsideal in Deutschland im Wesentlichen zwischen der Mitte der 60er Jahre und den späten 70ern an.[30] Von der Entwicklung der privaten Lebensformen in Italien ausgehend, wäre es nahe liegend, diesen Wandel dort etwa 10 Jahre später anzunehmen.[31]

Mit dem Wandel von Beziehungsidealen geht eine Umkodierung von Selbstidealen einher. Für den Individualisierungsprozess ist die Beobachtung kennzeichnend, dass es im Verlauf der Entwicklung der modernen Gesellschaft zu erheblichen Veränderungen sowohl hinsichtlich der kulturellen Einstufung des Stellenwertes des Individuums wie auch hinsichtlich der Kodierung seiner Qualitäten, Eigenschaften und Tugenden gekommen ist.[32]

Aus dieser Sicht bedeutet Individualisierung zweierlei. Sie impliziert erstens eine Steigerung der Rechte und Pflichten, die dem Individuum zugestanden und auferlegt werden. Zweitens kommt es im Modernisierungsprozess zu einer qualitative n Umkodierung von individueller Identität im Sinne einer stärkeren Betonung von Reflexivität und Autonomie.[33]

Der Konsens der theoretischen Beiträge in der soziologischen Literatur, stimmt recht stark darin überein, was die Art und Weise sowie den Zeitpunkt grundlegender Veränderungen in den kulturellen Vorstellungen über das Selbst anbelangt. Der Konsens bezieht sich vor allem darauf, dass sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, für Deutschland insbesondere seit den 60er Jahren (und für Italien mit gut 10jähriger „Verspätung“ angenommen)[34], diese Vorstellungen so gewandelt haben, dass Eigenschaften wie Autonomie, Authentizität, Originalität, Sensibilität und Ausdruckfähigkeit eine stärkere Bedeutung erfahren. Solche persönliche Tugenden beinhalten zum einen reflexive Fähigkeiten zur Konstruktion des Selbst, Offenheit für dessen Rekonstruktion und zum anderen erhöhte Sensibilität und Empathie gegenüber sich selbst wie auch gegenüber anderen. Diese Konfiguration von inneren Qualitäten einer Person lässt sich mit Bezug auf den sozialen Diskurs des expressiven Individualismus[35] als das kulturelle Modell des expressiven Selbst bezeichnen.

Für die früheren Phasen des 20. Jahrhundert deutet demgegenüber die relevante Literatur auf Idealvorstellungen über das Selbst hin, welche die Konformität des Individuums gegenüber extern gesetzten Standards betonen. Dies beinhaltet vornehmlich die unhinterfragte Akzeptanz von Normen und die getreue Erfüllung von auferlegten Pflichten. Darüber hinaus werden Tugenden hervorgehoben, die das Individuum zur Leistungserbringung und zur Verfolgung materieller Interessen befähigen. In diesem Leitbild über das Selbst figurieren vor allem Eigenschaften wie Fleiß, Tüchtigkeit, Sparsamkeit, Genügsamkeit und Selbstkontrolle.[36] Mit Bezug auf den sozialen Diskurs des utilitaristischen Individuums[37] lässt sich diese Konfiguration von individuellen Eigenschaften als das kulturelle Modell des utilitaristischen Selbst bezeichnen. Buchmann und Eisner begründen so, dass das utilitaristische Selbst und das expressive Selbst zwei Grundtypen des Selbst im 20. Jahrhundert repräsentieren.[38] Diese Annahme wird auch in dieser Arbeit vorausgesetzt, ebenso wie die, dass das utilitaristische Selbst als Leitlinie der Persönlichkeit an Bedeutung verliert, während das Ideal des expressiven Selbst an Bedeutung gewinnt.

Schließlich ist zwischen dem Wandel von Beziehungsidealen und Veränderungen von Leitidealen des Selbst und eine enge Wechselwirkung zu erwarten; dieser Punkt, auf den sich die dritte der vier Fragen dieser Analyse bezieht, soll ebenfalls näher durchleuchtet werden.[39] In einer Gesellschaft in der sich das Ideal der ehelichen Beziehung in erster Linie als eine arbeitsteilige Zweckgemeinschaft darstellt ist zu vermuten, dass das utilitaristische Ideal des Selbst dominiert. Im Gegensatz dazu ergibt sich in dem Maße, in dem Individuen individuell Freiheit und Autonomie als Selbstideal betonen, die Notwendigkeit, Beziehungsideale auf Reziprozität und Partnerschaftlichkeit auszurichten. In dem Ausmaß, in dem sich ein Leitideal von Identität durchsetzt, das emotionaler Expressivität eine zentrale Bedeutung zurechnet, müssen private Beziehungen stärker an Liebe, Harmonie und Geborgenheit orientiert werden. Insoweit als ein erlebnis- und spannungsreiches Leben größere Bedeutung als kulturelles Leitdeal des Selbst erlangt, sind private Beziehung stärker auf geteilte Erlebnis- und Aktivitätswelten auszurichten. Auf dem Hintergrund dieser Überlegungen, die in der Untersuchung von Buchmann/Eisner 1996 für die Schweiz bestätigt werden, wird daher für Deutschland und Italien bei der prozentualen Gegenüberstellung das Ergebnis erwartet, dass dem rollenteilig-konventionellen Beziehungsideal ein utilitaristisches Selbst und dem partnerschaftlich-emotionalisierten Beziehungsideal die Vorherrschaft eines expressiven Selbst entspricht.

Im Zuge der Entgrenzung wird eine Gesellschaft durch die Pluralisierung privater Lebensformen und deren Akzeptanz, den Ansprüchen von Individualisierungs- und Modernisierungstendenzen, aber insbesondere eines sich wandelnden Arbeitsmarktes, oder wie Rosenbaum es sagen würde „ veränderten Produktionsverhältnissen“ gerecht.[40] Von der anderen Seite betrachtet besagt die Familiensoziologie, dass die Ideale der Lebensführung der Mitglieder bzw. Gruppen einer Gesellschaft auf deren soziale Realität zurückgehen. Dieses „Wechselspiel“ soll sich hier zu Nutze gemacht werden: Singles, als individualisierter Privatheitstyp, stellen demnach andere Anforderungen oder fokussieren andere Bedürfnisse als Alleinerziehende, die den familien- und kindzentrierten Lebensformen zugeordnet werden. Diese Bedürfnisse sind maßgeblich von dem gesellschaftlichen Kontext abhängig, in dem diese Privatheitsform gelebt wird. Dieser Annahme zufolge wird davon ausgegangen, dass sich diese unterschiedlichen Anforderungen und Bedürfnisse auch in unterschiedlichen Partner(-schafts) vorstellungen und Selbstidealen von Singles und Alleinerziehenden widerspiegeln, welche Rückschlüsse auf deren jeweiligen soziale Integration in der jeweiligen Gesellschaft erlauben. Um dem Titel dieser Arbeit gerecht zu werden und die Gegenüberstellung privater Lebensformen im deutsch-italienischen Vergleich nicht bloß auf struktureller Ebene anzutreten, soll es zu einer vergleichenden Analyse von Beziehungs- und Selbstidealen deutscher und italienischer Singles und Alleinerziehender kommen, dem letzten Punkt des vorgestellten Fragekatalogs.

b) Daten und Methode

Um diese Erwartungen über kulturelle Unterschiede im Bereich von Idealen der privaten Lebensführung zu untersuchen, werden empirische Daten für Deutschland und Italien benötigt, die über Leitbilder des Selbst und Beziehungsideale innerhalb breiter Bevölkerungsgruppen Aufschluss geben, sich aber ebenso für speziellere Fragen nach Geschlecht, Alter und Lebensform[41] kategorisieren lassen und damit als Indikatoren für kulturellen Wandel und dessen unterschiedlichen Fortschritt in Europa interpretiert werden können.

Eine Datenquelle, die diese Anforderungen weitestgehend erfüllt sind (Internet-) Partnerschaftsanzeigen, die über so genannte Foren geschaltet werden. Ein deutliches Plus für Internetinserate ist, dass sie, über eine Eingabemaske standardisiert werden und dem User über ein Ankreuzverfahren zusätzliche Informationen zugänglich gemacht bzw. Auswahlkriterien offeriert werden, wie beispielsweise der Bildungsabschluss, Vorhandensein von Kindern, Nationalität etc., die in einem Zeitungs- bzw. Zeitschrifteninserat nicht zwangsläufig erwähnt werden, wenn der Inserent es für sich selbst nicht sehr gewichtet, oder der entsprechende Umstand für „Misswerbung“ sorgen könnte. Doch eben diese Variablen, lassen sich per foreninterner Suchmaschine sekundenschnell herausfiltern und zu eigenen Untersuchungskategorien umformen. Zudem sind sie eine der wenigen Quellen, in denen individuelle Akteure im öffentlichen Raum ihre Vorstellungen von Persönlichkeits- und Beziehungsidealen artikulieren. Sie existieren in großer Zahl und sind über das genutzte Medium Internet leicht zugänglich.

Ein kleines Minus stellt die Tatsache dar, dass Foren Plattformen darstellen, die sich an bestimmte Zielgruppen richten, mal schwieriger und mal leichter einzukreisen. Eine solche Zielgruppe kann an mannigfaltigste Faktoren gebunden sein; spezielle Hobbys, Elternschaft, Behinderung etc. Das heißt, so leicht solche Seiten über das Internet auch zugänglich sein mögen, gruppieren sich doch häufig bestimmte Milieus um ein Forum. Dieses Manko schließen Printmedien jedoch genauso wenig aus. So spricht die Frankfurter Allgemeine etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, nicht die breite Bevölkerungsschicht an, sondern ein gebildetes, urbanisiertes Milieu. Um ein repräsentativeres Bild zu erlangen, könnte man nun Anzeigen ausgewählter Foren mischen, die sich an je unterschiedliche Zielgruppen richten, dies wäre allerdings im Hinblick auf die Vergleichbarkeit zweier europäischer Länder im Rahmen dieser Arbeit nicht zu bewältigen gewesen.

Eine weitere erwähnenswerte Schwäche dieser Datenquelle ist der generell höhere Männeranteil unter den Inserierenden[42]. Dieses Phänomen lässt sich jedoch für andere Arten der Partnersuche, wie Zeitungen, Zeitschriften oder Hotlines ebenfalls bemerken. Um diesem Problem Herr zu werden ist es nicht unüblich, dass Anbieter den Zugang zu einem Forum für Männer kostenpflichtig und für Frauen gratis gestalten. Auch bei Partner-Hotlines wird diese Methode angewandt. Frauen telefonieren gratis, während Männer bezahlen. Bei der Auswahl der Samples über die Suchmaschine, die sich nicht speziell mit geschlechtsspezifischen Kriterien befassten, wurde zu Gunsten des Zufallsprinzips der höhere Männeranteil in Kauf genommen.

c) Das Forum

Für eine möglichst hohe Vergleichbarkeit der deutschen und italienischen Anzeigen, fiel die Auswahl auf das Forum „match.com“, das weltweit für nahezu alle Länder und für Europa ohne Ausnahme, über dieselbe standardisierte Eingabemaske - jeweils in Landessprache - das Erstellen einer Partnerschaftsanzeige ermöglicht. Auch die Eingrenzung der Zielgruppe ließ sich leicht anhand der angegebenen Bildungsabschlüsse der Inserenten, die für Deutschland und Italien je zu über 90% mindestens bei dem Abitur lagen, als ein urbanisiertes Bildungsmilieu vornehmen. Im Kontext der Sinus-milieus könnte man die untersuchte Zielgruppe am ehesten als postmodernes Milieu fassen, das qua Definition als individualistische, „multi-optionale“ Life-Style-Avantgarde bezeichnet wird.[43] Des Weiteren spricht der monatliche Kostenbeitrag von € 14,95 für die Premium-Mitgliedschaft für einen recht elitären User-Kreis dieses Forums.

Die Ausschnittartigkeit, die die Untersuchung eines Milieus liefert hat dabei Vor- und Nachteile: Der Nachteil wurde bereits benannt; es können keine Aussagen getroffen werden, die für den jeweiligen Länderdurchschnitt repräsentativ sind. Im Gegenzug dazu kann eine Eingrenzung vorgenommen werden, mit der der Vergleich an Schärfe gewinnt und trivial herunter gebrochen nicht Äpfel und Birnen gegenübergestellt werden.

Neben den Kriterien, dass „match.com“ für Deutschland und Italien dasselbe Format bietet und sich leicht einem bestimmten Nutzerzirkel zuordnen lässt, waren drei weitere Punkte ausschlaggebend für die Auswahl dieses Forums. Vorweg bietet es dem User eine Fülle von Hintergrundinformationen der inserierenden Person. Das hat primär damit zu tun, dass die Annoncen bei match.com Länder übergreifend vernetzt sind und kulturelle Selbstverständlichkeiten über einen Kulturkreis hinaus an Gültigkeit verlieren und somit einer Erwähnung bzw. Beschreibung bedürfen. Nun gehören Deutsche und Italiener dem selben Kulturkreis an, doch dem glücklichen Zustand des Konzepts der Ländergrenzen überschreitenden Partnerschaftsvermittlung bei match.com, ist es zu verdanken, dass bei der Aussiebung von Zielpersonen mittels der Suchmaschine sehr viele Variablen eingegeben und herausgefiltert werden können, wie etwa Geschlecht, Alter, Religionszugehörigkeit, Nationalität, Lebensgewohnheiten, Äußere Aspekte, Bildungsabschluss usw.. Die bunte Möglichkeit an Kombinationen hätten sogar Aufschlüsse darüber erlaubt, ob Vegetarier andere Beziehungsideale als Veganer oder Gelegenheitsraucher ähnliche Selbstvorstellungen haben als Gewohnheitsraucher, aber das nur am Rande. Die Frage nach dem Familienstand, ist auch mit der Frage nach dem Vorhandensein von Kindern verbunden, was die Suche nach Alleinerziehenden sehr vereinfachte. Die Zuordnung zu dieser Kategorie musste dann nur noch in einem weiteren Schritt aus dem Kontext der Selbstbeschreibung entnommen werden.

Des Weiteren wird einem die Mühe abgenommen in einer Anzeige nach Selbstidealen und Partner(-schafts) vorstellungen zu selektieren. In einem ersten Feld ist Raum für die Selbstdarstellung, die laut Angabe nicht weniger als 4 Reihen betragen sollte. In einem weiteren ist dann Platz, um die Wünsche an die angestrebte Partnerschaft und die Eigenschaften die der Partner in spe mitbringen sollte zu äußern.[44]

d) Kategorienbildung

Der Datensatz auf dem die Untersuchung basiert bietet eine Auswahl von 800 Inseraten pro Land. Am 16.10.2003 wurden daraus für Deutschland und Italien je zehn Zufallstichproben über die Suchmaschine des Forums „Match.com“ nach folgendem Prinzip vorgenommen:

- Die ersten von der Suchmaschine ermittelten 50 Anzeigen pro Land, unabhängig von persönlichen Merkmalen, den Männerüberschuss bewusst tolerierend.
→ Kategorien: Deutschland gesamt / Italien gesamt.[45]
- Die ersten von der Suchmaschine ermittelten 25 Anzeigen unterschieden nach Männer und Frauen je Land.
→ Kategorien: Frauen in Deutschland / Männer in Deutschland;
Frauen in Italien / Männer in Italien.
- Die ersten von der Suchmaschine ermittelten 25 Anzeigen für die Alterstufe von 18 bis unter 30 Jahre und die ersten von der Suchmaschine ermittelten 25 Anzeigen für die Alterstufe der 30 bis unter 60Jährigen pro Land.
→ Kategorien: Deutschland gesamt zwischen 18 und unter 30 Jahren;
Italien gesamt zwischen 18 und unter 30 Jahren.
Deutschland gesamt zwischen 30 und unter 60 Jahren;
Italien gesamt zwischen 30 und unter 60 Jahren.
- Die ersten von der Suchmaschine ermittelten 25 Anzeigen für Frauen von 18 bis unter 30 Jahren und von 30 bis unter 60 Jahren pro Land. In derselben Vorgehensweise 25 Anzeigen für Männer von 18 bis unter 30 Jahren und der 30 bis unter 60Jährigen.
→ Kategorien: Frauen zwischen 18 und unter 30 Jahren in Deutschland /
Männer zwischen 18 und unter 30 Jahren in Deutschland;
Frauen zwischen 30 und unter 60 Jahren in Deutschland /
Männer zwischen 30 und unter 60 Jahren in Deutschland;
Frauen zwischen 18 und unter 30 Jahren in Italien /
Männer zwischen 18 und unter 30 Jahren in Italien;
Frauen zwischen 30 und unter 60 Jahren in Italien /
Männer zwischen 30 und unter 60 Jahren in Italien.
- Die ersten von der Suchmaschine ermittelten 100 Anzeigen Partnersuchender mit Kindern für Deutschland und Italien, aus denen in einem weiteren Schritt die ersten 25 Anzeigen pro Land mittels kontextbezogener Analyse selektiert wurden, die sich der Gruppe „Alleinerziehender“ zuordnen ließen.
→ Kategorien: Alleinerziehende in Deutschland / Alleinerziehende in Italien.
Das Datensample besteht also aus 275 Anzeigen pro Land, das heißt aus 550 Anzeigen insgesamt.

e) Basiswörterbuch Partner(-schafts)vorstellungen

Neben der Kategoriebildung ging der eigentlichen Inhaltsanalyse noch ein weiterer Schritt voraus. Er bestand in dem Anlegen eines detaillierten inhaltsanalytischen Basiswörterbuches[46], das 331 Einzelkategorien enthält, die auf den Beschreibungen der gewünschten Beziehung bzw. Eigenschaften des gewünschten Partners fußen. Nach der Erfassung und Auflistung dieser Einzelkategorien aus den Komplettsamples von Deutschland und Italien per Hand, wurden in einem zweistufigen Verfahren zunächst die 331 Einzelkategorien zu 12 intermediären Kategorien gebündelt, welche grundlegende Partner- und Beziehungswünsche wie „Liebe und Geborgenheit“, „gemeinsame Freizeit“, „finanzielle Sicherheit“ etc. widerspiegeln. Die Zuordnung einiger Einzelkategorien zu einer bestimmten intermediären Kategorie lässt sich nur aus dem Kontext der Anzeige erschließen und ist nicht zwangsläufig in der fragmentartigen Darstellung in dem Basiswörterbuchschlüssig. In den seltensten Fällen musste eine Einzelkategorie gestrichen werden, weil sie keiner intermediären Kategorie begründet zugeordnet werden konnte. Hilfreich bei der Zuordnung war der Aufsatz von Buchmann/Eisner 1997: „The transition from the utilitarian to the expressive self: 1900 – 1992“, in dem der Wandel der Selbstideale anhand einer Vielzahl von Einzelkategorien im zeitlichen Verlauf dargestellt wird[47] und somit die eigene Zuordnung in traditionelle bzw. moderne Kategorien erleichtert wurde.

Diese Kategorien wurden dann in einem weiteren Schritt zu zwei Grundtypen von Beziehungsidealen zusammengefasst, die als rollenteilig-konventionelles und partnerschaftlich-emotionalisiertes Beziehungsideal bezeichnet werden.[48]

Dieses Verfahren lehnt sich stark an Buchmann/Eisner 1996 an, die diese Methode entwickelten, um den Wandel von Beziehung- und Selbstidealen der Schweiz im 20. Jahrhundert nachzuzeichnen. Es war jedoch schnell klar, dass diese Methode in dem neuen Zusammenhang - einer vergleichenden Querschnittsanalyse - einer Erweiterung bedurfte. Insbesondere die intermediären Kategorien die Buchmann/Eisner 1996 vorgaben, waren nicht ausreichend bzw. nicht mehr geeignet, alle 331 Einzelkategorien, die in den Anzeigen angegeben wurden, zuordnen zu können. Entweder hatten sie an Relevanz verloren, wie beispielsweise die Kategorie „ zwecks Geschäft“, für die sich keine einzuordnende Einzelkategorie fand, oder es fehlten Kategorien um aktuelle Tendenzen zu erfassen, die bei der aktuellen Partnersuche einen großen Stellenwert einnehmen, wie etwa „Freizeitaktivitäten“.

Dies liegt, um den Verdachtsmoment der Kritik auszuschließen, insbesondere an den unterschiedlichen Untersuchungszeiträumen bzw. -momenten. Während Buchmann/Eisner 1996 ihren Untersuchungsintervall von 1902-1987 für die Untersuchung der Beziehungsideale anlegten, bezieht sich die vorliegende Untersuchung auf das Jahr 2003; hier klafft eine Spanne von 16 Jahren, die auf dem Feld der privaten Lebensformen und somit der Beziehungsideale enorme Veränderungen mit sich brachte und die sich in einer Modifizierung der intermediären Kategorien, die die aktuellen Beziehungsideale gruppieren, niederschlagen musste.

Insgesamt wurden 12 intermediäre Kategorien gefasst, wovon sich 8 einem partnerschaftlich-emotionalen und 4 einem rollenteilig-konventionellen Partnerschaftsideal zuordnen lassen. Während 260 Einzelkategorien auf die 8 Sparten mit modernen Einstellungen fallen, werden den 4 Ressorts, unter die die traditionellen Vorstellungen fallen, 71 Einzelkategorien zugeordnet, was an dieser Stelle einem Verhältnis von 73% zu 27% entspricht. Es bleibt abzuwarten, wie nah Deutschland und Italien je bei diesem Ergebnis liegen werden, man kann jedoch schon in beiden Ländern von einer klaren Tendenz für das partnerschaftlich-emotionale Beziehungsideal ausgehen. Hier setzt die erste Frage des Fragenkatalogs an.

1. Unterscheiden sich die Idealvorstellungen der privaten Beziehungen in Italien und Deutschland? Und wenn ja, wie?

Ausgangspunkt dieser Frage ist die Hypothese, dass sich für Italien weniger moderne Partnerschaftsvorstellungen herauskristallisieren, die zum einen für einen niedrigeren Individualisierungsgrad der italienischen Gesellschaft sprechen und sich darüber hinaus in einer großen Affinität für die Ehe niederschlagen, was auf eine geringere Akzeptanz gegenüber nichtehelichen Lebensgemeinschaften hindeutet.

Abbildung 2.1.1 zeigt die quantitative Gewichtung von modernen und traditionellen Partnerschaftsvorstellungen in Deutschland und Italien.

Abb.: 2.1.1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Grafik entpuppt Erstaunliches: Beide Länder liegen im Verhältnis zwischen traditionellen und modernen Partnerschaftsidealen, bis auf einen Prozentpunkt gleichauf.

In Deutschland kommen 73 % aller genannten Einzelkategorien auf das partnerschaftlich-emotionale Beziehungsideal, in Italien sind es 72%. Entsprechend lassen sich 27% aller Angaben zu Partnerschaftsvorstellungen deutscher Inserenten einem rollenteilig-konventionellen Beziehungsideal zuordnen; in Italien sind es demzufolge 28%.

- Dieses Ergebnis lässt die „bourdieuesce“ Hypothese zu, dass in Deutschland wie in Italien das gebildete, urbanisierte Milieu Vorreiter für einen gewissen modernen Zeitgeist ist[49], der sich in Deutschland jedoch schon vermehrt – im Hinblick auf statistische Daten[50] – in breiteren Bevölkerungsschichten durchgesetzt hat und in verifizierten Privatheitsformen gelebt wird, während das partnerschaftlich-emotionale Beziehungsideal in Italien zwar bereits propagiert wird, dies bisher jedoch Milieu übergreifend faktisch kaum zu einer Ablösung der traditionellen Lebensform der Ehe geführt hat.[51]

Das die Institution Ehe auch im italienischen Bildungsmilieu Italiens noch einen vergleichsweise hohen Stellenwert einnimmt, zeigt Abb.: 2.1.2.

Abb.: 2.1.2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

68% der Einzelnennungen, die unter die intermediäre Kategorie Heirat bzw. Partnerschaft auf lange Sicht fielen, gingen auf Italien zurück, während im Verhältnis dazu in Deutschland nur 32% der Angaben für das Festhalten an einer Legitimierung der gewünschten Beziehung sprachen. Um es noch einmal in den Prozenten der absoluten Zahlen zu verdeutlichen, fielen in den italienischen Anzeigen 4,6% und in den deutschen Annoncen 1,8% aller Nennungen des Basiswörterbuchs zu den Partner(-schafts) vorstellungen in diese Kategorie.

- Die seltenere Bezugnahme auf die Ehe in deutschen Inseraten kann als Indiz für die höhere Toleranz und Selbstverständlichkeit gegenüber nichtehelichen Lebensgemeinschaften der deutschen Gesellschaft gegenüber der Italienischen gewertet werden.

a) Die soziologische Definition nichtehelicher Lebensgemeinschaften

Unter einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft werden zwei erwachsene Personen unterschiedlichen Geschlechts verstanden, die auf längere Zeit als Mann und Frau zusammenwohnen und gemeinsam wirtschaften, ohne miteinander verheiratet zu sein. In nichtehelichen Lebensgemeinschaften können minderjährige Kinder eines oder beider Partner leben. Da ein klares Abgrenzungskriterium (wie Heirat oder Scheidung) fehlt, sind weitere Spezifizierungen erforderlich. Einige Autoren sprechen erst dann von einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft, wenn sie mindestens 3 Monate besteht. Nur kurze Zeit zusammenwohnende Paare, die sich für ein unbefristetes Zusammenwohnen entschieden haben, fallen nicht unter diese Definition. Zweckmäßiger als eine zeitliche Abgrenzung dürfte es sein, die Zukunftsperspektive in den Mittelpunkt zu stellen. Unverheiratetes Zusammenleben bedeutet aus dieser Sicht Zusammenleben auf unbegrenzte Zeit. Als Mann und Frau zusammenleben bedeutet, dass es sich um eine Intimbeziehung handelt die aus Zuneigung und/oder sexuellem Interesse eingegangen wird. Rein pragmatische Arrangements scheiden aus. Auch bilden nur solche Personen eine nichteheliche Lebensgemeinschaft, die eine Haushaltsgemeinschaft bilden. Die Selbstdefinition der Befragten allein reicht nicht aus, da ein Drittel aller Personen, die sich selbst als Teil einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft definieren, in getrennten Haushalten wohnt. Hier unterscheidet die Soziologie und fasst diese Form der Privatheit unter dem Begriff „living apart together“; sie wird häufig als Vorstufe nichtehelicher Lebensgemeinschaften begriffen.[52]

Entsprechend fallen die Ergebnisse für eine Beziehung ohne zwangsläufig angestrebte Legitimierung entgegengesetzt dazu aus.

Abb.: 2.1.3

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auf die Partnersuchenden Deutschlands entfielen 58% der Einzelnennungen, die primär auf einen Partnerschaft- bzw. Beziehungswunsch hindeuten. Auf die Suche nach einem/r Lebensabschnittgefährten/in verwiesen in Italien hingegen nur 42%[53] aller Angaben. Auch hier ist es erhellend zu begutachten, wie viele Einzelnennungen Prozentual von den absoluten Werten auf dieses Beziehungsmodell zurückgehen: So waren es in den deutschen Annoncen 10,5 %, und in den italienischen Anzeigen immerhin 9 %. Das bedeutet für Deutschland ein Verhältnis von Beziehung zu Heirat von ca. 10% : 1% und für Italien von ca. 2% : 1%.

In dieses Bild passt auch die Geneigtheit zu traditionellen Rollen- und Normvorstellungen, die mit der arbeitsteiligen Konstellation entlang des Geschlechts gleichzusetzen ist.

Hier liegt Italien klar vorne: von allen Einzelnennungen in dieser Kategorie fielen 59% auf die italienischen Inserenten. Sie gaben Eigenschaften als wünschenswert an, die mit der traditionellen Rollenteilung in einer Beziehung bzw. Ehe konform gehen; in Deutschland waren es von allen Nennungen entsprechend 41%. In Deutschland fielen 2,6% und in Italien 4,9 % aller Einzelnennungen auf diese Kategorie.

Abb.: 2.1.4

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Neben der sozialen Integration von Mann und Frau, entspricht der (gegenseitige) „Absicherungsgedanke“ dem Leitbild der Ehe, nicht zuletzt um eine Familie tragen zu können. Doch dieser verliert insbesondere in einem emanzipierten Milieu, in dem die Frau typischerweise einen hohen Bildungsabschluss und gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, immer mehr an Bedeutung. „Selbstständigkeit“ als Maxime der Individualisierung ist Programm. In Deutschland tendenziell stärker als in Italien. So wurden in Italien 100% der Einzelnennungen gezählt, die unter die Kategorie Finanzielle Sicherheit fallen. Diese übermächtige Zahl soll jedoch nicht verschleiern, dass auch in den italienischen Anzeigen nur 0,7% aller Angaben unter diese Kategorie eingeordnet werden konnte und in beiden Ländern die am wenigsten benannte Kategorie darstellte.

Abb.: 2.1.5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bis hier hin kann man resümieren, dass die italienischen Inserenten bei den Kategorien, die traditionelle Beziehungsmuster beschreiben, oder indirekt auf sie verweisen durchgehend vorne lagen. Allerdings punkteten sie auf der anderen Seite auch in den modernen Kategorien, sonst könnten beide Länder im Gesamtdurchschnitt nicht gleichauf liegen. So lag der Wert zum erotischen und sexuellen Glück 24% höher als in Deutschland und der Wert zum gewünschten freundschaftlichen Aspekt der angestrebten Beziehung lag 14% höher als bei den deutschen Inserenten. Die weiteren Beobachtungen sollen mit diesen Ergebnissen in Beziehung gesetzt werden.

Auffallend ist der einzige „Ausschlag“ nach oben für Deutschland in einer Kategorie die dem rollenteilig-konventionellen Beziehungsideals zugeordnet ist. Unter dieser intermediären Kategorie wurden alle Angaben und Umschreibungen gefasst, in denen der Inserent zum Ausdruck bringt, dass sein zukünftig angestrebtes Gegenüber (auch) traditionelle Einstellungen und Werte internalisiert haben sollte. Hier liegt Deutschland mit 59% aller Einzelnennungen im Verhältnis zu 41% aller Einzelnennungen in Italien vorne.

Abb.: 2.1.6

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Interessant dabei ist, dass hier Deutschland in einer Rubrik vorne liegt, die Einzelkategorien wie beispielsweise „Treue“ und „Verantwortung“ umfasst, die sich indirekt als Prinzipien einer Ehe verstehen lassen. Erst recht das Einstehen füreinander „in guten wie in schlechten Zeiten“, dass in dem kirchlichen Ritus einer Eheschließung explizit als Prinzip ebendieser benannt wird. Hier liegt Deutschland klar vorne: 4,8% aller Einzelnennungen die die italienischen Inserenten machten, fielen auf diese Kategorie, wohingegen es in Deutschland mit 2,6 Prozent knapp die Hälfte waren.

- Dazu könnte man die hypothetische Vermutung anstellen, dass in Partnerschaftsanzeigen, oft solche Attribute und Eigenschaften als erstrebenswert bei seinem zukünftigen Partner angegeben werden, die nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden können. Weiter, wenn ich an der Hypothese festhalte mich in einem Milieu der „Life-Style-Trendsetter“ zu bewegen, könnte dies für Italien heißen, dass sexuelles und erotisches Glück (mit 9,1% aller Nennungen), neben einer freundschaftlichen Komponente in einer Beziehung (mit 7,3% aller Nennungen) quasi deshalb mehr als in Deutschland (mit 4,6% und 4,7%) herausgestrichen werden, um sich von dem traditionellen Rollenverständnis einer Ehe abzuheben, während dies in Deutschland bereits so verbreitet ist, dass „wieder“ auf traditionelle Einstellungen abgehoben wird, weil die Entwicklung in Richtung Individualisierung bereits soweit fortgeschritten ist, dass man eben diese genau nicht „mehr“ voraussetzten kann. Die offen liegende Ambivalenz von modernen und traditionellen Tendenzen deckt sich dabei mit der Struktur vieler Inserate, in denen man „vermeintlich“ widersprüchliche Anforderungen an das Gegenüber entdecken kann.

b) Deutschland und Italien – die je eigenen Probleme verschiedener kultureller Modelle

Während sich bei der quantitativen Gesamtverteilung Deutschlands und Italiens keine Unterschiede zwischen rollenteilig-konventionellem und partnerschaftlich-emotionalen Beziehungsideal abzeichnen, was zuerst einmal die Feststellung gleicher Partnerschaftsvorstellungen in dem untersuchten Milieu, bei unterschiedlicher Umsetzung von Lebensformen in der breiten Bevölkerung beider Länder zulässt, ergibt sich mit der Präferenz für Kategorien die am direktesten auf die angestrebte Beziehungsform der Inserenten verweisen die Vermutung, dass das Bildungsmilieu Italiens jedoch stärker an dem Leitbild der Ehe in Verbindung mit familienzentrierten Werten verhaftet ist, als es im deutschen Bildungsmilieu der Fall ist. Demgegenüber stehen Anteile italienischer Inserenten an modernen Kategorien, die über den deutschen Anteilen liegen. Die größere Affinität zur Ehe in Italien, die im Widerspruch zur ebenfalls propagierten modernen „individualisierten“ Lebensführung steht, deutet auf einen kulturellen Wandel hin, der momentan noch zwischen Tradition und Moderne anzusiedeln ist.

Während für Italien der Zustand zwischen zwei kulturellen Modellen angenommen wird, der in Richtung zunehmende Individualisierung tendiert, gibt es in Deutschland neben dem Selbstverständnis für egalitäre Rollen- und Normvorstellungen, ein „back to the routs“ für Partnerschaften auf der Basis traditioneller Werte, die im Zuge des Individualisierungsschubs als „überkommen“ galten. Hier werden die Grenzen der Individualisierung in einer auf Arbeitsteilung basierenden Industriegesellschaft offenbar: geschlechterunabhängige Selbstverwirklichung in der Arbeitswelt und eine „nicht mehr qua (weiblichem) Geschlecht zugeschriebene Zuständigkeit für die familiäre Sphäre forcieren eine Lücke, die von Institutionen wie Kindertagesstätten, Kindergärten und Schulen scheinbar nur unzureichend ausgefüllt werden kann. So wird das Hervorheben von traditionellen Einstellungen und Werten in der deutschen Gesellschaft hier allem voran als Anpassung der Lebensführung an ein hinterherhinkendes System verstanden.

2. Lassen sich im Hinblick auf Partner(-schafts)vorstellungen in Deutschland

und Italien je geschlechtsspezifische und generative Unterschiede herausfiltern, und wenn ja, weisen diese länderspezifische Eigenheiten auf?

Um sich nun der 2. Frage des Fragenkatalogs zuzuwenden, sollen im Folgenden generative und geschlechtsspezifische Unterschiede in den Einstellungen der Beziehungsideale herausgefiltert werden. Ausgehend von einer zunehmenden Individualisierungstendenz für Europa seit den letzten fünf Jahrzehnten, die sich in ihrer Transformation generationsspezifisch abzeichnen müsste, ist von moderneren Beziehungsidealen bei der jüngeren Generation (von 18 bis unter 30 Jahre) auszugehen. Auf der Geschlechterebene könnte man für ein Plus moderner Partnerschaftsvorstellungen bei den Frauen argumentieren, denn sie profitieren in erster Linie von Beziehungsformen, die sie nicht im Zuge der Sphärentrennung vom Arbeitsmarkt fernhalten bzw. eine Etablierung auf diesem Terrain erschweren. Im Folgenden soll nun untersucht werden, ob und inwiefern sich diese Überlegungen für Deutschland und Italien belegen lassen.

Einen ersten Überblick der anteiligen Verteilung der verschiedenen Geschlechts- und Alterskohorten auf die intermediären Kategorien erlauben die Schaubilder 2.2.1 und 2.2.2

Abb.: 2.2.1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.: 2.2.2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die vorausgegangenen Überlegungen lassen sich nur sehr bedingt bestätigen. So lässt sich für Deutschland auf generativer Ebene kaum ein Unterschied feststellen, während die Frauen gegenüber den Männern bei den modernen Partnerschaftsvorstellungen klar vorne liegen.

[...]


[1] Ehrhardt 2002, S. 1f.

[2] Vgl. Ehrhardt u.a. 2002, S. 2

[3] Vgl. Buchmann/Eisner 1996, S 345

[4] Vgl. Diekmann 1997, S. 30

[5] Vgl. Zanatta 1997, S. 87

[6] Vgl. Zanatta 1997, S. 89

[7] Vgl. Peuckert 2002, S. 358

[8] Vgl. Meyer in Geißler 2002, S.426

[9] Vgl. Hradil/Immerfall 1997, S. 16

[10] Vgl. Lauterbach in Glatzer1999, S. 239

[11] Zitiert nach Niemeyer/Voigt 1995 in Lauterbach 1999, S. 239

[12] Vgl. Köster 1998, S. 19

[13] Peuckert nutzt diesen Begriff in seinem Buchtitel: Familienformen im sozialen Wandel, erschienen 2002.

[14] Vgl. Köster 1998, S. 19f.

[15] Vgl. Lauterbach in Glatzer 1999, S. 239

[16] Privathaushalte sind definiert als zusammen wohnende und wirtschaftende Personen (also auch der allein-

wirtschaftende Einzeluntermieter ist ein Haushalt). (Vgl. Schäfers 1998, S. 125)

[17] Zitiert nach Nave-Herz 1989, Meyer in Geißler 2002, S. 401

[18] Vgl. Köster 1998, S. 21

[19] Vgl. Meyer in Geißler 2002, S. 401f.

[20] Vgl. Buchmann/Eisner in Hradil 1996, S. 343

[21] Mit der sozialen Individualisierung haben wir es in jüngster Zeit zu tun: es sind Gebilde wie Familie, die Nachbarschaft, die Gemeinde; zweckgerichtete korporative Akteure wie Vereine, Parteien und Gewerk- schaften; Großgruppen wie Klassen und soziale Schichten, aus deren Vorgaben und Strukturen sich die Individuen herauslösen.

[22] Vgl. Köster 1998, S.10

[23] Hiermit ist ein/e Partnersuchende/r ohne Kinder gemeint, Haushaltsdimensionen lassen sich mit den Daten nicht erschließen

[24] Vgl. Buchmann/Eisner in Hradil 1996, S. 343f.

[25] Vgl. Buchmann/Eisner in Hradil 1996, S. 348

[26] Vgl. Buchmann/Eisner 1997, S. 169

[27] Der Begriff „traditionell“ ist im Kontext der Selbstideale im Folgenden immer mit einem utilitaristischen Selbstideal und in Bezug auf Partnerschaftsvorstellungen mit dem rollenteilig-konventionellen Beziehungs- ideal.

[28] Der Begriff „modern“ ist bei den Selbstidealen als Synonym für „expressiv“ und bei den Beziehungsidealen als Pendant für eine partnerschaftlich-emotionale Lebensführung zu verstehen.

[29] Vgl. Meyer in Geißler 2002, S. 403

[30] Vgl. Buchmann/Eisner in Hradil 1996, S. 346

[31] Vgl. Rosina 2002, S. 116

[32] Vgl. Buchmann/Eisner 1997, S. 166ff.

[33] Vgl. Buchmann/Eisner in Hradil 1996, S. 344

[34] Vgl. Rosina 2002, S. 116

[35] Vgl. Bellah 1985, S. 32

[36] Vgl. Buchmann/Eisner in Hradil 1996, S. 345

[37] Vgl. Bellah 1985, S. 32

[38] Vgl. Buchmann/Eisner in Hradil 1996, S. 345

[39] Vgl. Buchmann/Eisner 1996 in Hradil, S. 353

[40] Vgl. Jurczyk/Oechsle 2002, S. 5

[41] Vgl. Frage 2 und 4, S. 8

[42] Nach Berghaus stellen Männer etwa zwei Drittel der Inserenten; nur ein Drittel sind Frauen. (Vgl. Berghaus 1985, S. 16)

[43] Vgl. Geißler 2002, S. 131

[44] Vgl. www.de.match.com und www.it.match.com

[45] Der Datensample dieser Kategorie wird später ebenfalls die „Singles“ aus Deutschland und Italien repräsentieren und den Alleinerziehenden gegenübergestellt werden.

[46] Siehe Anhang S. II - V

[47] Vgl. Buchmann/Eisner 1997, S. 164ff., 167, 169

[48] Vgl. Buchmann/Eisner 1996 in Hradil, S. 348

[49] Vgl. Bourdieu 1987, S. 160

[50] Vgl. Kapitel XXX

[51] Vgl. Kapitel XXX

[52] Zitiert nach Peuckert 2002, S. 70ff.

[53] Die Prozentzahlen von Abb.: 2.1.2 und Abb.: 2.1.3 sind nicht genau komplementär, da die Zuordnung hier über Einzelkategorien erfolgte, die einer gewissen Ausdeutung bedurften und die Inserenten nicht konkret zu dieser Frage Stellung bezogen. Nennungen die sowohl die eine, als auch die andere Kategorie bedienten waren insofern möglich. Es kann sich hier nur um eine Darlegung von Tendenzen handeln.

Ende der Leseprobe aus 116 Seiten

Details

Titel
Private Lebensformen im deutsch-italienischen Vergleich - Eine Analyse auf der Basis von Kontaktanzeigen
Hochschule
Universität Siegen  (Soziologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
116
Katalognummer
V23300
ISBN (eBook)
9783638264457
ISBN (Buch)
9783638701624
Dateigröße
2689 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Private, Lebensformen, Vergleich, Eine, Analyse, Basis, Kontaktanzeigen
Arbeit zitieren
Diana Blechert (Autor), 2004, Private Lebensformen im deutsch-italienischen Vergleich - Eine Analyse auf der Basis von Kontaktanzeigen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23300

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