Der kategorische Imperativ in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten


Zwischenprüfungsarbeit, 2009
34 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlegung zur Metaphysik I und II
2.1 Der gute Wille
2.2 Der Pflichtbegriff
2.2.1 Überleitung vom guten Willen zum Pflichtbegriff
2.2.2 Bestimmung des Pflichtbegriffs
2.2.3 Endbestimmung einer moralisch uneingeschränkten Handlung
2.1 Der kategorische Imperativ
2.3.1 Praktisches Vernunftvermögen und Einteilung der Imperative
2.3.2 Die Formeln des kategorischen Imperativs

3. Grundlegung zur Metaphysik
3.1 Das Verhältnis von Freiheit und Moral
3.1.1 Die Analytizitätsthese
3.1.2 Die Freiheitsbehauptung
3.1.3 Der Zirkelverdacht
3.2 Die Deduktion des kategorischen Imperativs
3.3 Probleme der Deduktion

4. Zusammenfassende Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kants „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“[1] wurde im Jahre 1785 veröffentlicht und gilt bis heute als eines der wichtigsten Werke, das in der Geschichte der Ethik geschrieben wurde. Hauptanliegen dieser Schrift ist eine Ethik zu entwerfen, die unabhängig von Erfahrung, also a priori, moralische Gesetze aufstellt und begründet. Es geht darum „eine reine Moralphilosophie zu bearbeiten, die von allem, was nur empirisch sein mag […] völlig gesäubert“[2] ist. Ausgangspunkt dieser Ethik bildet die Annahme, dass das oberste Prinzip der Moralität sowie „alle sittlichen Begriffe völlig a priori in der Vernunft ihren Sitz haben.“[3] Die „Aufsuchung und Festsetzung“[4] eben dieses obersten Prinzips der Moralität, d.i. des kategorischen Imperativs, stellt das Ziel der GMS dar. Zentrale Elemente sind dabei die Begriffe „guter Wille“[5] und „Pflicht“[6], denn nur in einer „Handlung aus Pflicht“[7] sieht Kant das oberste Prinzip der Moralität verwirklicht. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass der Wille des Handelnden ein guter Wille, d.h. ein reiner Wille ist. Ein solcher Wille ist er nur dann, wenn er sich unabhängig von subjektiven Neigungen und Interessen ausschließlich durch die Vernunft selbst bestimmt. Denn dann wird dieser nur durch die „Vorstellung des [moralischen] Gesetzes“[8] bestimmt, welches für Kant schon a priori in der Vernunft gegenwärtig ist und für den Menschen als kategorischen Imperativ gilt.[9]

Ziel dieser Arbeit ist die Bestimmung sowie den Nachweis der Gültigkeit des kategorischen Imperativs darzustellen. Dabei sollen, gemäß der Vorgehensweise Kants, zunächst die Begriffe guter Wille und Pflicht genauer betrachtet werden, um durch deren Analyse herauszustellen, wodurch eine Handlung aus Pflicht ihren uneingeschränkt moralischen Wert bezieht. Daraufhin soll der eine Handlung aus Pflicht zugrunde liegende kategorische Imperativ in seinen unterschiedlichen Formulierungen und die damit einhergehenden verschiedenen inhaltlichen Aspekte des moralischen Gesetzes genauer betrachtet werden. Abschließend wird dann mit der Festsetzung, d.h. der „Deduktion“[10] des kategorischen Imperativs, näher auf die Gültigkeit des kategorischen Imperativs eingegangen. Dabei wird zu klären sein, weshalb der Mensch zu einer Handlung gemäß dem kategorischen Imperativ befähigt ist und warum er gemäß diesem handeln soll.

2. Grundlegung zur Metaphysik I und II

Mit den ersten beiden Abschnitten der GMS vollzieht Kant die „Aufsuchung […] des obersten Prinzips der Moralität[11], d.i. des kategorischen Imperativs, in einer „Bedeutungsanalyse […] grundlegender ethischer Begriffe“[12], der „Zergliederung der Begriffe der Sittlichkeit“[13]. Dabei steht die Beantwortung der Frage, was einer Handlung uneingeschränkt moralischen Wert verleiht, im Zentrum. Maßgeblich für die Bestimmung des uneingeschränkt moralisch Guten sind der Begriff des guten Willens und der Begriff der Pflicht[14]:

2.1 Der gute Wille

Gleich im ersten Satz des ersten Abschnitts führt Kant den Begriff des guten Willens mit folgenden Worten ein:

„Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“[15]

Der gute Wille ist demnach „ohne Einschränkung gut“, d.h. er ist uneingeschränkt moralisch gut. Um den absoluten moralischen Wert des guten Willens herauszustellen, setzt Kant ihn in Bezug zu anderen Gütern, den Naturgaben und den Glücksgaben, und grenzt ihn gegenüber diesen ab. Unter den Naturgaben versteht Kant intellektuelle Begabungen (wie Urteilskraft, Verstand, Witz) und Eigenschaften des Temperaments (wie Mut, Entschlossenheit). Zu den Glücksgaben gehören Macht, Reichtum, Ehre, Gesundheit und der Zustand der Glückseligkeit. All diese Güter „sind ohne Zweifel in mancher Hinsicht gut und wünschenswert“[16], besitzen aber, im Gegensatz zum guten Willen, „keinen inneren unbedingten Wert“[17], sind nicht „schlechthin gut“[18]. Sowohl die Natur- als auch die Glücksgaben können nicht als uneingeschränkt moralisch gut betrachtet werden, da sie „ohne Grundsätze eines guten Willens […] höchst böse [verwendet] werden“[19] können- als Bedingung ihres Gutseins gilt das Vorhandensein und Wirken des guten Willens. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass er „allein durch das Wollen [des moralisch Guten], d.i. an sich, gut“[20] ist. Kant betont, dass dieses „Wollen“ nicht in einem Stadium des Wünschens verbleiben darf, sondern es impliziert eine Handlung zur Realisierung des moralisch Guten, die sich unter „Aufbietung aller Mittel, so weit sie in unserer Gewalt sind“[21] vollzieht. Dabei darf der Wert des guten Willens jedoch nicht durch das Resultat der Handlung, die er hervorgebracht hat, bestimmt werden. Denn „der gute Wille ist nicht durch das, was er bewirkt oder ausrichtet, nicht durch seine Tauglichkeit zur Erreichung irgend eines vorgesetzten Zweckes“[22] gut, sondern er zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er unabhängig von Wirkung, Neigung und irgendeinem Nutzen, eben an sich, gut ist.[23] So ist für Kant der gute Wille „zwar nicht das einzige und ganze, aber […] doch das höchste Gut.“[24]

2.2 Der Pflichtbegriff

2.2.1 Überleitung vom guten Willen zum Pflichtbegriff

Die Einführung des Pflichtbegriffs ist notwendig, um den Begriff des guten Willens vollständig zu entwickeln, da der Begriff „der Pflicht […] den eines guten Willens, obzwar unter gewissen subjektiven Einschränkungen und Hindernissen, enthält“[25]. Wobei der Einschub „obzwar unter gewissen subjektiven Einschränkungen und Hindernissen“ in diesem Satz missverständlich ist. Denn die „subjektiven Einschränkungen und Hindernisse“ benennen nicht die Art und Weise, auf welche der Pflichtbegriff den Willensbegriff enthält, sondern sie bezeichnen die Beschaffenheit des guten Willens. Schönecker und Wood schlagen deshalb folgende alternative Lesart zum eindeutigen Verständnis dieser Textstelle vor:

der Begriff der Pflicht, „der den [Begriff] des guten Willens, obzwar [den Begriff eines guten Willens, welcher] unter gewissen subjektiven Einschränkungen und Hindernissen [steht], enthält.“[26]

Unter den „subjektiven Einschränkungen und Hindernissen“ versteht Kant die natürlichen Neigungen und Interessen des Menschen, die nicht immer mit den Anforderungen eines guten Willens übereinstimmen. Daher nimmt er die Unterscheidung zwischen einem vollkommen guten Willen, d.i. rein vernünftigen Willen, den vollkommen vernünftige Wesen (heilige Wesen; Gott, Engel) haben, und dem Willen vernünftig-sinnlicher Wesen, d.h. dem Willen des Menschen, „der zwar gut sein kann, aber nicht unbedingt und notwendigerweise gut ist“[27], vor. Der Wille rein vernünftiger Wesen dagegen ist unbedingt gut, da „die Vernunft den Willen [eines solchen Wesens] unausbleiblich bestimmt“[28] und keine konkurrierenden Antriebe und Neigungen vorhanden sind.

Deshalb

„sind die Handlungen eines solchen Wesens, die als objektiv notwendig erkannt werden, auch subjektiv notwendig“[29]

und

„Ein vollkommen guter Wille würde also ebensowohl unter objektiven Gesetzen (des Guten) stehen, aber nicht dadurch als zu gesetzesmäßigen Handlungen genötigt vorgestellt werden können, weil er von selbst, nach seiner subjektiven Beschaffenheit, nur durch die Vorstellung des Guten bestimmt werden kann. […]; das Sollen ist hier am unrechten Ort, weil das Wollen schon von selbst mit dem Gesetz notwendig einstimmig ist.“[30]

Wesen mit einem vollkommen guten Willen müssen also als Wesen betrachtet werden, die immer moralisch und immer richtig handeln, weil für sie das moralische Gesetz objektiv und subjektiv notwendig ist. Dabei stellt moralisches Handeln für einen vollkommen guten Willen keinen Zwang dar, für ihn ist das Sollen schon ein Wollen. Für den Willen eines sinnlich-vernünftigen Wesens hingegen ist das moralische Gesetz aufgrund der subjektiven Neigungen und Interessen, denen er unterworfen ist, nur objektiv notwendig und das Sollen nicht notwendigerweise mit dem Wollen übereinstimmend.[31] Der Wille sinnlich-vernünftiger Wesen ist „mitten inne zwischen seinem Prinzip a priori, welches formell ist, und zwischen seiner Triebfeder a posteriori, welche materiell ist“[32]. Als „Prinzip a priori“, ist er Vernunftwille und Teil der Verstandeswelt, die Kant auch als intelligible Welt bezeichnet, und wie der Wille vollkommen vernünftiger Wesen, rein vernünftig. Als „Triebfeder a posteriori“, als Affektwille, gehört er der Sinnenwelt an und ist durch Triebe und Neigungen affizierbar.[33] Insofern der Wille eines sinnlich-vernünftigen Wesens der intelligiblen Welt zugehörig ist, ist auch er ein vollkommen guter Wille. Wenn der Mensch nur Glied dieser Welt wäre, würde er wie vollkommen vernünftige Wesen, ebenfalls immer vernünftig und moralisch richtig handeln. Insofern der Wille des Menschen aber sinnlichen Interessen unterworfen und damit „nicht an sich der Vernunft gemäß“[34] ist, ist das moralisch richtige Handeln nur durch eine Handlung aus Pflicht verwirklicht.[35]

2.2.2. Bestimmung des Pflichtbegriffs

Kant entwickelt den Begriff der Pflicht in drei Sätzen, wobei der erste Satz nicht eigens im Text erwähnt wird. Dieser lässt sich jedoch aufgrund der Kenntnis der anderen beiden explizit genannten Sätze wie folgt rekonstruieren:[36]

Der erste Satz zur Pflicht

„Eine Handlung aus Pflicht ist eine Handlung aus Achtung fürs Gesetz.“[37]

Mit diesem ersten Satz wird bestimmt, wann eine Handlung uneingeschränkt moralischen Wert hat und das subjektive Moment einer Handlung aus Pflicht, das in der Achtung für das Gesetz liegt, zur Sprache gebracht. So ist eine Handlung aus Pflicht dann gegeben, wenn eine Handlung allein aus Achtung für das Gesetz, ganz unabhängig von subjektiven Neigungen und Interessen, erfolgt. Für Kant können nur Handlungen aus Pflicht dem Prinzip der Moralität genügen. Von diesen sind Handlungen gemäß der Pflicht, durch die lediglich das Prinzip der Legalität verwirklicht wird, zu unterscheiden. Pflichtgemäße Handlungen sind zwar sittlich richtig, beruhen jedoch auf Bestimmungsgründen, d.h. auf Neigungen und Interessen, um deren Willen die sittlich richtige Handlung hervorgebracht wird. Sie unterteilen sich in pflichtmäßige Handlungen aus mittelbarer Neigung und pflichtmäßige Handlungen aus unmittelbarer Neigung. Handlungen, die pflichtgemäß und aus mittelbarer Neigung geschehen, werden als Handlungen charakterisiert, die „pflichtmäßig sind, zu denen aber Menschen unmittelbar keine Neigung haben, sie aber dennoch ausüben, weil sie durch eine andere Neigung dazu getrieben werden.“[38] Kant erläutert diese Handlungen anhand des Krämer-Beispiels: Demnach handelt ein Krämer, der seine Kundschaft ehrlich bedient, um dadurch in einem guten Ruf zu stehen und seinen Kundenstamm zu erhalten oder zu erweitern, zwar pflichtgemäß, aber dennoch aus eigennütziger Absicht und somit aus mittelbarer Neigung. Die Ehrlichkeit seiner Handlung resultiert nicht aus Achtung vor dem Gesetz, sondern aus Eigennutz und geschieht somit weder aus Pflicht noch aus unmittelbarer Neigung. Eine Handlung aus unmittelbarer Neigung dagegen zeichnet sich dadurch aus, dass die Neigung, die sie beinhaltet, direkt auf die betreffende Handlung gerichtet ist. Ein weiteres Merkmal dieser Handlungen ist, dass die Vernunft „ein Gefühl der Lust oder des Wohlgefallens an der Erfüllung der Pflicht einzuflößen“[39] hat. Da dies auch für Handlungen aus Pflicht gilt, besteht eine große Ähnlichkeit zwischen pflichtgemäßen Handlungen aus unmittelbarer Neigung und Handlungen aus Pflicht.[40] Kant verdeutlicht dies am Beispiel der Wohltätigkeit: So ist es nur schwer auszumachen, ob das Bewirken von Gutem anderen gegenüber eine Handlung aus Pflicht oder aus unmittelbarer Neigung ist. Denn es gibt Menschen denen die Wohltätigkeit gegenüber anderen Menschen Freude bringt und die somit in einer solchen Handlung die Erfüllung ihrer Neigung sehen und damit nicht aus Pflicht, d.h. allein aus Achtung für das Gesetz handeln.[41] Dieses Beispiel zeigt, dass der moralische Wert einer Handlung nicht durch das Resultat, das sie hervorbringt, bestimmt werden kann. Der moralische Wert einer Handlung erschließt sich daraus, dass sie um ihrer selbst willen vollzogen wird und kein weiteres Motiv beinhaltet, als das moralisch Gute aufgrund dessen, weil es moralisch gut ist, zu verwirklichen.[42] Eine Handlung aus Pflicht ist also nur dann gegeben, wenn „das sittlich Richtige aus keinem anderen Grund ausgeführt wird, als weil es sittlich richtig ist, dort also wo die Pflicht selbst gewollt ist und als solche erfüllt wird.“[43] Dieser Gedanke findet sich auch im zweiten Satz zur Pflicht wieder:

Der zweite Satz zur Pflicht

„Der zweite Satz ist: eine Handlung aus Pflicht hat ihren moralischen Wert nicht in der Absicht, welche dadurch erreicht werden soll, sondern in der Maxime, nach der sie beschlossen wird, hängt also nicht von der Wirklichkeit des Gegenstandes ab, sondern von dem Prinzip des Wollens, nach welchem die Handlung, unangesehen aller Gegenstände des Begehrungsvermögens, geschehen ist.“[44]

Nachdem Kant mit dem ersten Satz verdeutlicht hat, wann eine Handlung moralischen Wert hat, liefert er mit dem zweiten Satz das Maß des moralischen Wertes, das in der Maxime, dem „subjektiven Prinzip des Wollens“ liegt und thematisiert zugleich das objektive Moment des Pflichtbegriffs, das moralische Gesetz. Kant betont, dass der moralische Wert einer Handlung nicht von der Wirkung abhängt, die durch eine Handlung erzielt werden soll, sondern vom „Prinzip des Wollens“ selbst, das Kant auch als „Prinzip des Willens“[45] identifiziert. Dabei muss das subjektive Prinzip des Wollens mit dem moralischen Gesetz zusammenfallen. Dies geschieht, indem „alle materiale Bestimmtheit des Willens ausgeschlossen“[46] wird, damit dieser so nur „durch das formelle Prinzip des Wollens überhaupt bestimmt“[47] werden kann. Der Wille darf also nicht durch seine „Triebfeder a posteriori“ affiziert sein, sondern muss durch den Vernunftwille, durch sein formelles Prinzip a priori, bestimmt werden.[48]

Der dritte Satz zur Pflicht

„Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz.“[49]

Der dritte Satz ist die „Folgerung der beiden ersten“- Kant hält noch einmal zusammenfassend fest, wodurch sich eine Handlung aus Pflicht auszeichnet: sie „soll […] den Einfluß der Neigung, und mit ihr jeden Gegenstand des Willens, ganz absondern“[50] damit nichts übrig bleibt, „was ihn bestimmen könne, als objektiv das Gesetz und subjektiv reine Achtung für dieses praktische Gesetz“[51]. Aus diesem subjektiven Moment einer Handlung aus Pflicht, der Achtung für das Gesetz, resultiert dann das Erkennen der Notwendigkeit einer Handlung. Dabei ist Achtung, für die erst im Zuge der Ausführungen zu diesem dritten Satz eine explizite Begriffsbestimmung geliefert wird, ein

„durch einen Vernunftbegriff selbstgewirktes Gefühl und daher von allen Gefühlen […], die sich auf Neigung oder Furcht bringen lassen, spezifisch unterschieden.“[52]

Mit dieser Bestimmung sind folgende Aspekte verbunden: Durch „die Vorstellung des Gesetzes an sich selbst“[53], die „in der [vernünftigen] Person selbst schon gegenwärtig ist“[54], wird das Gefühl der Achtung als das „Bewußtsein der Unterordnung meines Willens unter einem Gesetze“[55] bewirkt. Da sich das sinnlich- vernünftige Wesen das moralische Gesetz, das es als „an sich notwendig“[56] erkennt, selbst auferlegt, ist Achtung ein von ihm selbstgewirktes Gefühl. Durch diese Elemente (Vorstellung des Gesetzes an sich, Bewusstsein der Unterordnung des Willens unter das Gesetz, Einsicht in die Geltung des moralischen Gesetzes, Fähigkeit zur Selbstgesetzgebung) kann dann das Gefühl der Achtung als Motivation dienen durch das die Vernunft handlungsbestimmend wird. Es kann das Wollen des Moralischen hervorgerufen werden „ohne auf ein bereits existierendes, subjektives Repertoire von Wünschen und Interessen zurückgreifen zu müssen.“[57] Achtung ist „die Bedingung eines an sich guten Willens“[58], da sie die Maxime ist dem Gesetz „selbst mit Abbruch aller […] Neigungen Folge zu leisten“[59]. Die Tätigkeit des Willens, das Wollen des moralisch Guten ist nun für Kant dasjenige Moment, dem eigentlich Achtung zukommt[60]:

„Unser eigener Wille, sofern er nur unter der Bedingung einer durch seine Maximen möglichen allgemeinen Gesetzgebung handeln würde, dieser uns mögliche Wille in der Idee ist der eigentliche Gegenstand der Achtung“[61]

2.2.3 Endbestimmung einer moralisch uneingeschränkt guten Handlung

Vor dem Hintergrund der Ausführungen in 2.2.1 und 2.2.2 ist nun ersichtlich, warum und inwiefern der Pflichtbegriff den Begriff des guten Willens enthält. Wie in 2.2.1 bereits angedeutet kennt ein vollkommen vernünftiges Wesen keine Pflicht. Für ein solches Wesen ist das moralisch richtige Handeln kein Zwang, weil es bereits von seiner subjektiven Beschaffenheit nur durch das Gute bestimmt wird. Nur für ein Wesen, das einen nicht vollkommen guten Willen hat, kann es Pflicht geben, da dessen Willen erst durch eine Handlung aus Pflicht als ein guter Wille angesehen werden kann. So ist bzw. „enthält“ jede Handlung aus Pflicht die Handlung eines guten Willens, der Umkehrschluss, dass jede Handlung eines guten Willens eine Handlung aus Pflicht ist, gilt jedoch nicht. Im Hinblick auf die Unterscheidung zwischen einem sinnlich-vernünftigem und einem vollkommen vernünftigen Willen erscheint auch der in 2.1 zitierte erste Satz der GMS I („Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille“) in einem deutlicheren Licht. Das „außer“ weist auf einen Willen außerhalb der sinnlich-vernünftigen Welt, den vollkommen guten Willen rein vernünftiger Wesen, hin.[62] So ist

„der Begriff des an sich guten Willens Kants […] einleitende Antwort auf die Frage, was allein moralischen Wert haben kann […]. Der Begriff der Pflicht ist die Antwort auf dieselbe Frage, aber in Hinsicht darauf, dass das Wollen, das moralischen Wert hat, das Wollen eines unvollkommenen Wesens ist.“[63]

[...]


[1] Im Folgenden (außer in den Kapitelüberschriften) abgekürzt mit GMS

[2] Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Hrsg. von Bernd Kraft und Dieter Schönecker. Hamburg 1999. AA 389, 8

[3] GMS AA 411, 10

[4] GMS AA 392, 3

[5] GMS AA 393, 4

[6] GMS AA 397, 8

[7] GMS AA 397, 22

[8] GMS AA 401, 13

[9] Vgl. Schönecker, Dieter; Wood, Allen W. : Kants „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“. Ein einführender Kommentar. 3. Auflage. Paderborn 2002. S.13 ff. und GMS S. XIII ff.

[10] GMS AA 454, 24 Es sei bereits an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass der Begriff „Deduktion“ nicht im Sinne des logischen Schlussverfahrens zu verstehen ist, sondern dass Kant diesen Begriff für den Nachweis der Geltung des kategorischen Imperativs verwendet

[11] GMS AA 392, 3

[12] Schönecker, Wood 2002, S.13

[13] GMS AA 440, 31

[14] Vgl. Schönecker, Wood 2002, S. 13/14

[15] GMS AA 393,2

[16] GMS AA 393, 7

[17] GMS AA 394, 1

[18] GMS AA 394, 3

[19] GMS AA 394, 10

[20] GMS AA 394, 17

[21] GMS AA 394, 27

[22] GMS AA 394, 14

[23] Vgl. Schönecker, Wood 2002, S. 43- 45, 49/ 50

[24] GMS AA 396, 28

[25] GMS AA 397, 8

[26] Schönecker, Wood 2002, S. 57 (alle Einfügungen in Klammern von Schönecker, Wood)

[27] Dalbosco, Claudio Almir: Ding an sich und Erscheinung. Perspektiven des transzendentalen Idealismus bei Kant. In: Epistemata. Würzburger wissenschaftliche Schriften. Reihe Philosophie. Band 326. Würzburg 2002.

[28] GMS AA 412, 36

[29] GMS AA 412, 37

[30] GMS AA 414, 2

[31] Vgl. Schönecker, Wood 2002, S. 57-59

[32] GMS AA 400, 12

[33] Vgl. Högemann, Brigitte: Die Idee der Freiheit und das Subjekt. Eine Untersuchung von Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. In: Monographien zur Philosophischen Forschung. Band 196. Königstein/Ts. 1980. S 54, 93

[34] GMS AA 413,1

[35] Vgl. Schönecker, Wood 2002,

[36] Vgl. ebd.

[37] Ebd.

[38] GMS AA 397,18

[39] GMS AA 460,11

[40] Vgl. Schönecker, Wood 2002, S. 63- 67

[41] Vgl. Högemann 1980, S.43; aufgrund dieser Analogie, wie Kant das Verhältnis von Achtung und Neigung selbst bezeichnet, ist eine genauere Betrachtung dessen, was unter dem Begriff der Achtung zu verstehen ist, notwendig. Dies wird im Zuge der Ausführungen zum dritten Satz zur Pflicht geschehen.

[42] Vgl. Schönecker, Wood 2002,

[43] Höffe, Otfried: Immanuel Kant. 6. überarbeitete Auflage. München 2004.

[44] GMS AA 399, 40

[45] GMS AA 400, 10

[46] Högemann 1980,

[47] GMS AA 400,15

[48] Vgl. Högemann 1980, S. 48/49 und Schönecker, Wood 2002, S.80/81

[49] GMS AA 400, 20

[50] GMS AA 400, 34

[51] GMS AA 400, 35

[52] GMS AA 402, 10

[53] GMS AA 401, 13

[54] GMS AA 401, 17

[55] GMS AA 402, 13

[56] GMS AA 402, 44

[57] Schönecker, Wood 2002,

[58] GMS AA 403, 37

[59] GMS AA 401, 2

[60] Vgl. Schönecker, Wood 2002, S. 83/85 und Högemann 1980, S.52

[61] GMS AA 440, 9

[62] Vgl. Schönecker Wood 2002,

[63] Ebd. S. 60

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Der kategorische Imperativ in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,3
Jahr
2009
Seiten
34
Katalognummer
V233316
ISBN (eBook)
9783656496717
ISBN (Buch)
9783656497073
Dateigröße
659 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
imperativ, grundlegung, metaphysik, sitten
Arbeit zitieren
Anonym, 2009, Der kategorische Imperativ in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233316

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