Der „biologische Lebensstandard“ von Amerikanern und Europäern im frühen 18. Jahrhundert

Analyse auf Basis von Soldaten des Französisch-Indianischen Krieges im Bundesstaat New York


Seminararbeit, 2005

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Analyse von Körpergrößen
2.1.1. Hintergrund und Intuition
2.1.2. Technik und Probleme
2.2 Bisherige Forschung
2.2.1. Körpergrößen in Europa
2.2.2. Körpergrößen in den Vereinigten Staaten von Amerika
2.2.3. Säkularer Trend im 18. Jahrhundert
2.2.4. Englische Jugendliche
2.3 Körpergrößen im Französisch-Indianischen Krieg
2.3.1. Datensatz
2.3.2. Vorgehen
2.3.1. Ergebnisse

3. Schluss

Anhang:

Anhang A: Histogramme über die Größenverteilung

Anhang B: Ausführliche Ergebnisse der Regressionen

Anhang C: Zusammensetzung des Samples:

Quellenverzeichnis:

Datenquelle:

Sekundärliteratur:

1. Einleitung

„ The foundation of English liberty, and of all free government, is a right of the people to participate in their legislative council: and as the English colonists are not represented, and ... cannot properly be represented in the British parliament, they are entitled to a free and exclusive power of legislation in their several provincial legislatures, where their right of representation can alone be preserved."

Declaration and Resolves of the First Continental Congress, September 5 th , 1774

Dieses Zitat aus der Erklärung des Frist Continental Congress ist letztlich eine in- direkte Folge des Französisch-Indianischen Krieges, der ab 1754, überwiegend im Nordosten der heutigen USA stattfand. Dabei standen sich, nach einem erfolglosen Versuch englischer Kolonisten, ein französisches Fort am Ohio zu besetzen, Frank- reich und seine verbündeten Indianerstämme auf der einen Seite, amerikanische Kolonisten und britische Truppen auf der anderen Seite, gegenüber. Der Krieg endete nach der Niederlage der französischen Truppen mit dem Vertrag von Paris zwischen Großbritannien, Frankreich und Spanien am 10. Februar 1763. Bedeutsam ist er vor allem, weil er den Boden für den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg bereitete. Bereits 1764 erhob Großbritannien in den Kolonien zusätzliche Steuern (z.B. Sugar Act, Stamp Act 1765), um die Kriegskosten zu decken und erhöhte den Druck auf die Kolonisten. Unter anderem im Stamp Act Congress wehrten sich neun Kolonien gegen diese Bürden mit Verweis darauf, dass die Kolonien keine Vertreter im Parlament hätten, und daher dessen Beschlüsse nicht bindend seien. Die ge- spannte Lage auf beiden Seiten führte über bekannte Ereignisse wie das Boston Massacre (5. März 1770) und die Boston Tea Party (16. Dezember 1773) schließlich zum Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges im April 1775 (Schlacht bei Concord am 18. April) und schließlich zur Unabhängigkeitserklärung 1776.

Ob die britisch-amerikanischen Truppen den Französisch-Indianischen Krieg auf Grund von physischen Vorteilen gewonnen haben, wird diese Arbeit nicht klären können. Es wird aber, mit Hilfe des Vergleiches der Körpergrößen innerhalb der kolonialen Truppen, mehr Licht auf Wohlstand und Lebensstandard im Europa und Amerika des frühen 18. Jahrhunderts geworfen und die Ergebnisse in den Rahmen bisheriger Forschungen gestellt.

2. Hauptteil

2.1 Analyse von Körpergrößen

2.1.1. Hintergrund und Intuition

Nach Steckel gibt es prinzipiell drei verschiedene Ansätze, „Lebensstandard“ zu messen: die klassisch-nationalökonomische Sicht bestimmt das Pro-Kopf-BIP, lässt dabei aber viele wichtige Aspekte wie z.B. Sicherheit und Intensität der Arbeit, Ge- sundheit, Verteilung des Einkommens oder Umwelt unberücksichtigt. Ein zweites Verfahren misst zusätzliche Aspekte wie soziale Chancen, Freiheit oder Mobilität, sieht sich aber dem Problem gegenüber, dass über die nötige Instrumentalisierung kein allgemeiner Konsens besteht. Die dritte Variante verwendet wirtschaftliche Daten und erweitert sie um gut beobachtbare Variablen zu Aspekten wie Umwelt- einflüssen oder Einkommensverteilung, die einen breiteren Lebensstandard messen. Dabei hat sich Körpergröße als ein sehr sinnvolles Maß etablieren können, da sie nicht produktionsabhängig, aber hoch mit vergangener Produktion korreliert ist und sowohl Gesundheit als auch Entbehrungen bzw. Mängel, speziell während der Kindheit und Jugend, berücksichtigt. Zudem ist sie weitgehend unabhängig von kulturellen Phänomenen, daher leicht zwischen verschiedenen Gesellschaften ver- gleichbar und sehr einfach, auch in historischem Kontext, anwendbar. Seit Mitte der 1970er Jahre wird sie als Maß für den „biologischen“ Lebensstandard von Gesellschaften verwendet (Steckel, S. 1917ff). Dabei ist der „normale“ Lebens- standard in der zweiten Variante prinzipiell differenzierter und wäre damit vorzu- ziehen. In vielen aktuellen, vor allem aber historischen Zusammenhängen, sind aber nicht ausreichend Daten vorhanden (z.B. Für Kinder1, Sklaven, generell für unterent- wickelte Gesellschaften u.ä.) (Komlos, British Pygmies, S. 1). Der biologische Lebensstandard hingegen benötigt als Input nur sehr wenige Daten (Größe, Alter, einige sozi-ökonomische Daten) um Auskunft zu geben, wie sich die untersuchte Gruppe in einem bestimmten Umfeld entwickelt hat.

Die Analyse von Körpergrößen lässt Rückschlüsse auf die (Netto-)Ernährung und das sozio-ökonomische Umfeld der untersuchten Individuen zu. Die endgültige Körpergröße ist ein Wachstumspotential, determiniert von genetischer Disposition (nur für Individuen, nicht aber über gesamte Gesellschaften) und Quantität und Qualität der Ernährung (= „Input“) und wird nicht voll ausgeschöpft, wenn physische Belastungen (Krankheit, Quantität und Qualität von Arbeit, Klima, u.a.) (= „Output“) überwunden werden müssen (Fogel/Engerman/Trussell, S. 406).2,3 Dieses Potential ist für entwickelte Gesellschaften in Afrika, Europa und Nordamerika mit etwa 185 cm (für Männer) weitgehend gleich. Mit anderen Worten: wenn eine untersuchte Gruppe signifikant kleiner ist als eine andere, so müssen die Gründe dafür im sozio- ökonomischen Umfeld gesucht werden. Wenn soziale Effekte (z.B. besonders privilegierte Herkunft) ausgeschlossen bzw. kontrolliert werden können und keine Sondereffekte (z.B. fehlerhafte Messungen oder regionale Krankheiten) vorliegen, so gibt die endgültig erreichte Höhe einer Gesellschaft wieder, wie ihr Wohlstand relativ zu vergleichbaren Gesellschaften ist (Fogel, Engerman und Trussell, S. 405; auch Steckel, S. 19104 ). Damit kann Größe als ein sehr breites Maß für Wohlstand ver- wendet werden.

Die Beziehung von Einkommen und Größe folgt auf individuellem Level dabei nicht einer linearen Funktion, auf aggregiertem Level ist vor allem die Einkommens- verteilung innerhalb der Gesellschaft entscheidend. Es besteht eine hohe Korrelation (0,8) zwischen Größe und dem logarithmierten Pro-Kopf-Einkommen, generell ist sie für niedrigen Wohlstand einkommenssensitiver (Steckel, S. 1912f und S. 1916.)

Im Vergleich zu konventionelleren Indizes wie dem Pro-Kopf-BIP unterliegt Körper- größe einigen spezifischen Vor- und Nachteilen: Ein großer Vorteil ist, dass ihre Messung unabhängig von monetären Entwicklungen ist und dass verfügbare Daten- sätze weit zurückreichen. Durch die Verwendung von Körpergrößen als Wohlstands- maß können der bisherigen Forschung mit dem 18. Jahrhundert etwa 100 Jahre hinzugefügt werden und Einsicht in sehr unterschiedliche sozio-ökonomische Umfelder (Sklaven, Kinder, gesamte Gesellschaft, Ober- oder Unterschichten) gewonnen werden. Mitte des 19. Jahrhunderts, zu dem Zeitpunkt, an dem konventio- neller Forschung zum Lebensstandard eine ausreichend breite Datenbasis zur Ver- fügung steht, war die Einkommensverteilung bereits sehr ungleichmäßig. Mit dem biologischen Lebensstandard ist es möglich, die Entstehung dieser Verteilung genauer zu analysieren (Fogel/Engerman/Trussell, S. 407, S. 402). Im Gegensatz zu beispielsweise dem BIP genügt für Größen bereits die Erfassung einer Stichprobe der Bevölkerung, um eine Aussage treffen zu können (Steckel, 1906, auch Fogel/Engerman/Trussell S. 402). Wie die Pioniere des Antropometric Research, v.a. Fogel, gezeigt haben, folgt die Verteilung der Körpergrößen in einer Bevölkerung einer Normalverteilung (Sokoloff/Villaflor, S. 456, auch Komlos, „How to“, S. 3).

Wie Komlos zeigt, ist dabei die endgültig erreichte Körpergröße das sinnvollste Einzelmaß (idealerweise ergänzt von Daten aus der der Jugendzeit), da sie Er- nährung und Gesundheit über einen langen Zeitraum wiederspiegelt. Anhand des Beispiels hat Komlos die These bestätigt, dass Größenunterschiede in der Kindheit und frühen Jugend bei entsprechend guter Ernährung durch eine verlängerte Wachstumsperiode in der späten Jugend weitgehend wieder aufgeholt werden können (Komlos, Biological Standard, S. 14 auch Fogel/Engerman/Trussell, S. 406 und Steckel, S. 1911).

In einer Anwendung der Forschung mit Körpergrößen deuten die Ergebnisse bei- spielsweise darauf hin, dass in der Zeit kurz vor der Industriellen Revolution in Europa (bzw. der Antebellum Periode in den USA) trotz steigendem Pro-Kopf-Ein- kommen die Körpergröße der Bevölkerung zurückging, weil offenbar teure, wertvolle Kalorien (Fleisch, Milch) durch billige Kalorien (Kartoffeln, Getreide) substituiert wurden. Ebenfalls für die Antebellum-Zeit kann nachgewiesen werden, dass zuneh- mende Entfernung von Märkten, d.h. größeren Städten, einen positiven Einfluss auf die Größe hatte, weshalb Iren und Schotten im Durchschnitt größer als Engländer wurden. Mit anderen Worten: die Urbanisierung machte die Menschen zunehmend kleiner, was auf eine Verschlechterung ihrer Lebensverhältnisse hindeutet. Ebenso führte steigendes Handelsvolumen und Bevölkerungswachstum zu weiterer Verbrei- tung von Krankheiten und damit zu sinkender Größe. Dazu ist zu bemerken, dass Seuchen in ihrer Verbreitung weitgehend unabhängig vom sozialen Status die ge- samte Bevölkerung betreffen (Komlos, Modernes ökonomisches Wachstum). Zusätzlich verschärfte sich die Ungleichheit der Einkommensverteilung und un- günstige Arbeitsbedingungen übten weiter negativen Einfluss aus (Steckel, S. 1926).

Zusammenfassend gilt „[measures of height] reflect accurately the stage of a nation's public health and the average nutritional status of its citizens“. Damit können anthro- pometrische Studien als eine vertrauenswürdige Basis zur Bewertung des Lebens- standards herangezogen werden (Fogel/Engerman/Trussell S. 404 zu Eveleth und Tanner, 1976).

2.1.2. Technik und Probleme

Die Analyse von Körpergrößen, so vorteilhaft sie oftmals ist, ist technisch nicht frei von Problemen, die sich hauptsächlich aus der Frage ergeben, in wie weit ein Datensatz wirklich repräsentativ für die jeweilige Grundgesamtheit ist, was für die historischen Datensätze nur selten der Fall ist. Meist wurden sie in sehr spezifischen Gruppen der Gesellschaft erhoben, z.B. Waisenkinder, Kadetten, Gefängnis- insassen, Sklaven, vor allem aber Soldaten. Ihre Repräsentativität muss in einzelnen Fällen zwar angezweifelt werden, aber in jedem Fall lassen sich damit Aussagen über spezielle soziale Gruppen treffen, die mit ähnlichen Gruppen anderer Samples verglichen werden können. Ebenso kann verglichen werden, ob eine bestimmte Größe in verschiedenen Ländern eher von den Ober- oder Unterschichten erreicht wurde.

Ein weiteres, weitgehend technisches Problem ist, dass oft die gemessenen Indivi- duen in Bezug auf ihre Größe nicht zufällig ausgewählt wurden. Vor allem im Bezug auf militärische Daten wurden oft nur Rekruten einer bestimmten Mindestgröße („Minimum Height Requirement“ - MHR) zugelassen, für bestimmte Gruppen (v.a. Seeleute) galten auch Höchstgrößen. Damit kann, was in den Anfängen der Forschung teilweise unbeachtet blieb, eine Normalverteilung der Messungen nicht mehr vorausgesetzt werden und spezielle Schätzverfahren müssen angewendet werden (Vgl. Fogel/Engerman/Trussell, S. 410 und Komlos, „How to“, der die gängig- sten Verfahren zusammenfasst).

Für Freiwilligen-Armeen, die einen großen Teil der Datensätze ausmachen, ist festzuhalten, dass in der Regel bestimmte gesellschaftliche Gruppen, namentlich Angehörige der unteren Klassen und Ausländer, überrepräsentiert gewesen sein dürften, während andere (beispielsweise Frauen) gar nicht aufgenommen wurden (Fogel/Engerman/Trussell, S. 415). Für Armeen in akutem und länger anhaltendem Kriegszustand kann hingegen durchaus von einer angemessenen Repräsentation der Gesamtbevölkerung ausgegangen werden.

[...]


1 Kinder haben kein eigenes Einkommen, bzw. das Einkommen, das Kinder sozio-ökonomisch weit gehend gleicher Gruppen realisieren können, hängt wesentlich von der Verteilung innerhalb der Familie ab, die aber kaum statistisch erfasst wird bzw. werden kann.

2 Im Vergleich zu konventionellen Maßen wird nicht die absolute Höhe der Ausgaben für Gesund heit, sondern ihre Effizienz gemessen (Steckel, 1905).

3 Steckel sieht dabei Krankheit abhängig von persönlicher Hygiene, öffentlichem Gesundheits wesen, Umwelt und Epidemiologie; Arbeit hängt ab von der verwendeten Technologie, der Kultur und den Methoden der Arbeitsorganisation). Weitere ausschlaggebende Faktoren sind die relativen Nahrungsmittelpreise und Kulturelles (wie die Einkommensverteilung innerhalb der Familie), Nahrungsmittelzubereitung sowie persönliche Präferenzen (Steckel, S. 1911).

4 Steckel, S. 1910 zu L.A. Malcolm (Ecological Factors Relating to Child Growth and Nutritional Status, 1974) und Eveleth und Tanner (Worldwide variation in human growth, 1976).

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der „biologische Lebensstandard“ von Amerikanern und Europäern im frühen 18. Jahrhundert
Untertitel
Analyse auf Basis von Soldaten des Französisch-Indianischen Krieges im Bundesstaat New York
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Seminar für Wirtschaftsgeschichte)
Veranstaltung
Schwerpunktseminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V233447
ISBN (eBook)
9783656501107
ISBN (Buch)
9783656501237
Dateigröße
652 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lebensstandard, amerikanern, europäern, jahrhundert, analyse, basis, soldaten, französisch-indianischen, krieges, bundesstaat, york
Arbeit zitieren
Hubert Ulber (Autor), 2005, Der „biologische Lebensstandard“ von Amerikanern und Europäern im frühen 18. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233447

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der „biologische Lebensstandard“ von Amerikanern und Europäern im frühen  18. Jahrhundert



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden