Strukturelemente des Märe "Der Wiener Meerfahrt"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhaltliche Zusammenfassung des Märe „Der Wiener Meerfahrt“

3. Strukturelemente des Märe „Der Wiener Meerfahrt“
3.1 Reimschema und Initialen
3.2 Gliederung des Märe
3.2.1 Prolog
3.2.2 Hauptteil
3.2.3 Epilog
3.3 Eingriffe durch den Erzähler
3.4 Grade der Trunkenheit
3.5 Raum- und Zeitstruktur

4. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Anhang

Erklärung

1. Einleitung

In der deutschen Literatur des Mittelalters nimmt das schwankhafte Märe innerhalb der Märendichtung eine besondere Stellung ein, denn es sind mindestens zwei Formen der Schwankdichtungen zu unterscheiden: Zum einen die Schwankdichtungen, welche nichts anderes sein wollen als der Schwank selber. Zum anderen diejenigen Schwankdichtungen, die den Rezipienten durch den wiedergegebenen komischen Sachverhalt, nach dem Prinzip „delectare et prodesse“, belehren wollen. Der moralische Inhalt dieser Art von Schwankdichtungen allerdings oft von der übermächtigen komischen Handlungserzählung in den Hintergrund gedrängt. Der Schwank als Unterhaltungsdichtung und der belehrende Schwank sind nicht eindeutig zu kategorisieren, vielmehr vermischen sich beide Formen häufig.[1] Diese Vermischung von komischer Unterhaltungsdichtung und belehrender Schwankdichtung zeigt sich auch in dem Märe „Der Wiener Meerfahrt“.

Die Datierung des Werkes ergibt sich aus dem Zeitpunkt der Preußenfahrt von Ottokar (1254/1267), von der einer der Protagonisten des Märe erzählt, und des Jahres des Niedergangs der Stadt Akkon als letzter christlicher Landeplatz im Heiligen Land (1291). Akkon wird als Ziel der fiktiven Meerfahrt genannt. Durch die Erwähnung des Burggrafen Hermann von Dewin, welcher erst 1271 diesen Titel erhalten haben kann, lässt sich die Entstehung genauer für zwischen 1271 und 1291 bestimmen. Der Verfasser des Märe bleibt, wie bei den Märendichtungen in den meisten Fällen, anonym.[2]

Untersucht und dargestellt werden sollen im Folgendem die Strukturmerkmale des Märe „Der Wiener Meerfahrt“. Die Textgrundlage für diese Bearbeitung des Märe bildet die Textausgabe von Richard Newald aus dem Jahr 1930, da sie Wortlaut und Schriftbild ohne Normalisierung wieder gibt.[3]

Zum besseren Verständnis der nachfolgenden Bearbeitung des Märe wird es zuerst inhaltlich zusammengefasst. Danach werden das Reimschema und die Aufteilung des Textes in Abschnitte durch Initialen untersucht.

Neben der Gliederung in Prolog, Hauptteil und Epilog, werden auch eventuelle weitere Unterteilungen des Märe analysiert. Die Grade der Trunkenheit der Protagonisten werden als Strukturmerkmale untersucht und die Eingriffe des Erzählers in die Geschichte sollen mit den restlichen Strukturmerkmalen in Verbindung gebracht werden. Als letztes werden die Zeit- und Raumstrukturen analysiert. Das gilt sowohl für die realen Handlungen, als auch für die durch den Alkoholrausch phantasierten Handlungen der Protagonisten.

Zum Schluss werden noch einmal die wichtigsten Strukturen aufgezeigt und kurz zusammengefasst.

2. Inhaltliche Zusammenfassung des Märe „Der Wiener Meerfahrt“

Das Märe „Der Wiener Meerfahrt“ beginnt mit einer Zeitklage des Verfassers. Er ist der Meinung, dass sich „[…]die werlt verkeret […]“. [Newald: Vers 8][4] Und zwar sieht er dies in einer Abkehr von „wunnenclichem mvte“ [Newald: Vers 14], der höfischen Gesinnung hin zu dem Streben nach Gütern. Aus seiner Sicht ist ein Wertewechsel erfolgt: War früher noch die Ehre an höchster Stelle des Ansehens, sind es zu seiner Zeit die Güter. Die Schlüsselbegriffe im Prolog für die höfische Gesinnung sind „ere“ [Newald: Vers 18, 20, 24] und „vro“ [Newald: Vers 2] und „Vrolicher“ [Newald: Vers 15].[5]

Der Verfasser beruft sich als Quelle für die von ihm im Folgenden erzählte Geschichte auf „Dewen bvrgraven herman“ [Newald: Vers 32]. Damit ist vermutlich der Burggraf Hermann von Dewin gemeint.[6] Dieser Burggraf wird vom Verfasser als vorbildlich gelobt und, denn er weist noch die höfische Gesinnung auf.

Als „vredenlere“ [Newald: Vers 45] bezeichnet sich der Verfasser, wer sich hinter dieser Charakterisierung verbirgt, bleibt ungewiss.

Es folgt eine Schilderung der Möglichkeiten, welche man in Wien hat, sich zu unterhalten. Voraussetzung jedes Zeitvertreibs scheint der Besitz von Geld zu sein. In diesem beschriebenen Wien hat sich die nun von dem Verfasser erzählte Geschichte zugetragen. [Vgl.: Newald: Vers 81 ff]

Es beginnt die Beschreibung einer Gesellschaft, bestehend aus „richen bvrgere“ [Newald: Vers 84], also aus wohlhabenden Bürgern. Diese Bürger befinden sich in einem Laubengang und trinken Wein, speisen und unterhalten sich, dabei ist die Stimmung fröhlich.

Sie trinken bis ihnen am Abend vom Wein die Beine schwer werden und sie ihre Tischnachbarn auf Grund des Alkoholgenusses nicht mehr erkennen können.

Einer der Betrunkenen unterbreitet den übrigen Anwesenden einen Vorschlag, mit dem er Gott rühmen will. Er schlägt eine Meerfahrt ins Heilige Land vor. „Vund fvllen vber mer varn,“ [Newald: Vers 172] Alle Anwesenden stimmen ihm zu und so beschließen sie die Meerfahrt. Dabei wollen sie weder Leben noch Besitz schonen. „Weder lip noch daa gvt.»“ [Newald: Vers 174]

Sie planen die Überfahrt mit dem Schiff nach Akkon, um dann dort auf den richtigen Zeitpunkt für die Weiterreise zu warten. Auf Grund des starken Weingenusses phantasieren die Bürger, wie sie ihr Schiff beladen, während sie noch immer zusammen im Laubengang in Wien sitzen. Ohne Unterbrechungen trinken sie dabei weiter Wein und die Wirkung des Alkohols führt dazu, dass sie glauben, sich schon auf dem Weg ins Heilige Land zu befinden. Nach Mitternacht nehmen sie bereits an, dass sie auf ihrem Schiff seien. Sie singen das Kreuzfahrerlied: „«In gotes namen vare wir.»“. [Newald: Vers: 281] Die Bürger beten zu Gott um guten Wind für die Überfahrt zu erhalten. Auf Grund des immer fortwährenden Trinkens kommt es den Bürgern so vor, als ob der Boden schwankt. Da sie sich auf ihrem Schiff wähnen, nehmen sie an, dass es das Schiff sei, welches in einen Sturm geraten ist. Gegen Morgen verwünschen sie, auf Grund des vermeintlichen Sturms, den Plan ihrer Meerfahrt. Um Gott gnädig zu stimmen beschließen sie einen ihrer Zechkumpanen, der betrunken auf dem Boden liegt, welchen sie aber für tot halten, über Bord ihres Schiffes zu werfen. Sie erhoffen sich durch das Opfer das Ende des Sturms. Trotz der Proteste des Bürgers wird er aus dem Fenster des Laubengangs geworfen. [Vgl.: Newald: Vers 411 ff]

Wieder fangen die Bürger an Loblieder zu singen und Wein zu trinken und überhören daher auch die Hilferufe des aus dem Fenster geworfenen Bürgers.

Am frühen Vormittag kommen auf Grund des fortwährenden Lärms die Nachbarn der zechenden Bürger zu der Gesellschaft hinzu. Die noch immer betrunkenen Bürger berichten von ihrer vermeintlichen Seefahrt, von dem Sturm und davon wie sie den Toten ins Meer geworfen haben. Die Nachbarn lachen über die Bürger und deren Geschichte. Der Bürger, der in der Nacht aus dem Fenster geworfen wurde, klagt sein Unglück. Nachdem die Betrunkenen ihre Version des Hergangs der Nacht verteidigen, kommt es fast zu einer bewaffneten Auseinandersetzung. [Vgl.: Newald: Vers 594]

Es dauert lange, bis die Bürger einsehen, dass das übermäßige Trinken die Ursache für den Zwischenfall gewesen ist und dass keiner von ihnen in dieser Nacht Wien wirklich verlassen hat.

Drei Tage später entschädigen die Bürger den aus dem Fenster geworfenen Mann mit 200 Pfund als Schmerzensgeld. [Vgl.: Newald: Vers 640 f] Damit endet die Handlungserzählung und der Verfasser bemerkt moralisierend:

„ Swer den win niht kann gefpan

Vnd will in trinken vber reht,

Da wirt der man des wines kneht

Vun niht des wines herre.

Swer trinken wil ze ferê

Ir krenket im fîn ere.“ [Newald: Vers 646ff]

Wer den Wein nicht beherrscht, so die Meinung des Verfassers, und ihn über das Rechte Maß trinkt, der wird des Weines Knecht und nicht des Weines Herr. Wenn man zu viel trinkt, so verliert man zudem an Ehre. Im Anschluss beginnt der Verfasser über die Wirkungen des Weins zu berichten. Das richtige Maß an Weingenuss kann positiv wirken und Traurige froh machen. Ein Übermaß an Weingenuss schadet aber der Gesundheit, dem Ansehen und kostet das Vermögen. Laut Verfasser bringt die Trunkenheit den Menschen um sein Seelenheil und gehört damit zu den Todsünden. Wenn man aber Maß zu halten weis so ist das Gott gefällig und es spricht nichts gegen den Genuss von Alkohol. Das Märe endet mit der Feststellung das Verfassers, dass das Märe nun zu Ende sei und das es Meerfahrt genannt wird. Der Verfasser wiederholt dies noch einmal und endet im letzten Vers „Ich kvfte gerne eînen roten mvnt.“ [Newald: Vers 706].

[...]


[1] Vgl.: Rupp, Heinz 1962: Schwank und Schwankdichtung in der deutschen Literatur des Mittelalters. In: Schirmer, Karl-Heinz 1983: Das Märe. Die Mittelhochdeutsche Versnovelle des späten Mittelalters. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 43.

[2] Vgl.: Rosenfeld, Hans-Friedrich: Der Freudenleere. In: Ruth, Kurt [u. a.] 1980: Verfasserlexikon. Die deutsche Literatur des Mittelalters. 2, völlig neu bearb. Aufl.. Band 2. Berlin, New York: Walter de Gruyter, S. 914.

[3] Newald, Richard 1930: Der Wiener Meerfahrt. Heidelberg: Carl Winter’s Universitätsbuchhandlung.

[4] Mit [Newald: Vers] gekennzeichneten Zitate verweisen immer auf Verse der folgende Textausgabe: Newald, Richard 1930: Der Wiener Meerfahrt. Heidelberg: Carl Winter’s Universitätsbuchhandlung.

[5] Vgl.: Albersen, Leif Ludwig: Die Moralphilosophie in der Wiener Meerfahrt. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. 1969, Band 98, S. 67.

[6] Vgl.: Rosenfeld, Hans-Friedrich: Der Freudenleere. In: Ruth, Kurt [u. a.] 1980: Verfasserlexikon. Die deutsche Literatur des Mittelalters. 2, völlig neu bearb. Aufl.. Band 2. Berlin, New York: Walter de Gruyter, S. 914.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Strukturelemente des Märe "Der Wiener Meerfahrt"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Veranstaltung
Märendichtung
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V23370
ISBN (eBook)
9783638265058
ISBN (Buch)
9783640614219
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zu dem Märe "Der Wiener Meerfahrt" gibt es nur sehr wenig Literatur!!! Es lohnt sich also reinzuschauen...
Schlagworte
Strukturelemente, Märe, Wiener, Meerfahrt, Märendichtung
Arbeit zitieren
Florian Reuther (Autor), 2004, Strukturelemente des Märe "Der Wiener Meerfahrt", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23370

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