Gender in verschiedenen Kulturen und ihre Bedeutung für das Verständnis von Gender


Seminararbeit, 2002
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Table Of Contents

1 Themeneinführung – Differenz der sozialen Geschlechter

2 Geschlechterverhältnisse in anderen Kulturen
2.1 Geschlechteridentitäten der Gikuyu, Kenia
2.2 Rollenverteilung der islamischen Türkei
2.2.1 Frauenwelten
2.2.2 Männerwelten
2.3 Geschlechterverhältnisse in Japan
2.4 Gender im Kulturraum Indien
2.4.1 Das dritte Geschlecht
2.4.2 Die Rolle der Frau

3 Bedeutung für das Gender
3.1 Differenzierung von Gender
3.2 Eigene Meinung

Literaturverzeichnis

1 Themeneinführung – Differenz der sozialen Geschlechter

„Eines Tages begegnete der Marschallin de Grancey der Abbé de Chateauneuf, als sie hochrot vor Zorn war. „Was ist Ihnen denn, Madame?“ fragte er.

„Ich habe zufällig ein Buch aufgeschlagen“, sagte sie, „das in meinem Zimmer herum lag; ich glaube es ist eine Briefsammlung; darin stieß ich auf die Worte: ‚Ihr Frauen, seid euern Männern untertan.’ Ich habe das Buch weggeworfen.“

„Wie, Madame! Ist Ihnen bekannt, daß dies die Briefe des heiligen Paulus sind?“

„Es ist mir gleichgültig, von wem sie stammen; der Autor ist sehr ungezogen. Niemals hat der Marschall in diesem Tone an mich geschrieben; ich bin überzeugt, Ihr heiliger Paulus war ein Mann, mit dem sehr schlecht auszukommen war. War er verheiratet?“

„Ja, Madame.“

„Seine Frau muß wohl ein recht gutmütiges Geschöpf gewesen sein; wäre ich die Frau eines solchen Mannes gewesen, dem hätte ich zu schaffen gemacht. ‚Seid euern Männern untertan!’ Ein Gebot der Natur ist das bestimmt nicht; sie hat uns mit Organen ausgestattet, die sich von denen der Männer unterscheiden; aber als sie uns füreinander unentbehrlich machte, war es nicht ihre Absicht, dass aus der Vereinigung eine Sklaverei erwachse.“

Was VOLTAIRE vor mehr als 200 Jahren pointiert im Dialog auf den Begriff brachte, ist auch heute noch Gegenstand endloser gelehrter und weniger gelehrter Debatten: Das Verhältnis von Mann und Frau.“ (Böhm & Lindauer 1992, S. 5).

Dabei wird oftmals primär auf den biologischen Unterschied eingegangen und entscheidende Wissenschaften wie die Psychologie, die Soziologie, die Philosophie und die Historie, welche die Rollenverteilung von Mann und Frau entscheidend mitbestimmen , nicht berücksichtigt.

Um alle Faktoren, die ein Gender (also das soziale Geschlecht) beeinflussen und steuern, zu ermitteln, können Kulturvergleiche angestrebt werden. Demnach müssten die Geschlechterverhältnisse, je nach Geschichte, Religion, Brauchtum, ökonomischer Situation, Demoskopie und Stellung in der Weltwirtschaft in den unterschiedlichen Ländern und Regionen verschiedene Ausprägungen annehmen.

Zur Demonstration des Geschlechts als kulturelles Konstrukt stelle ich im Folgenden vier Kulturen aus drei verschieden Kontinenten vor.

2 Geschlechterverhältnisse in anderen Kulturen

2.1 Geschlechteridentitäten der Gikuyu, Kenia

In ihrer empirischen Fallstudie beschreibt Elisabeth Tietmeyer die Multiplikation der Geschlechterrollen der afrikanischen Gesellschaft der Gikuyu in Kenia (vgl. Hauser-Schäublin 1998, S. 163 ff.).

Besonders kennzeichnend für diese Gesellschaft, aber auch andere afrikanische Kulturen auf die ich nicht näher eingehen werde, ist die Gynaegamie[1]. Hintergrund dafür scheint ihr Glaube an die Reinkarnation in den Enkelkindern zu sein, welcher sich auch in ihrem System der Namensgebung wieder findet. Demnach erhält der erste Sohn den Namen seines Großvaters väterlicherseits, der zweite den Namen seines Großvaters mütterlicherseits und die erste Tochter den Namen der Großmutter väterlicherseits, die zweite den Namen der Mutter ihrer Mutter. Hieraus wird deutlich wie wichtig Nachfahren für den Einzelnen sind. Der Kinderlosigkeit kann jedoch entgegengewirkt werden, da die biologische Verwandtschaft von keiner großen Bedeutung ist. Somit können zeugungsunfähige Männer andere Männer zu Hilfe ziehen. Für kinderlose Frauen besteht nur die Möglichkeit eine Frau mit Kindern zu heiraten, selbst wenn diese schon einen Ehemann hat, denn ein Mann ist ohnehin in der Regel mit mindestens zwei Frauen verheiratet.

In diesem Sonderfall nimmt die kinderlose Frau, sofern sie die ältere der beiden Frauen ist, eine Doppelrolle ein. Ihrem Ehemann gegenüber verhält sie sich als Ehefrau und der jüngeren Frau ihres Mannes ist sie ebenfalls Ehemann (Gender-Multiplikation). In gynaegamen Beziehungen nimmt sie alle Rechte und Pflichten eines Mannes war.

In präkolonialer Zeit, so schreibt Elisabeth Tietmeyer, gehörten zu den zentralen Aufgaben eines Gikuyu-Mannes die Rodung von Wäldern zur Erstellung neuer Wohngebiete, sowie Schutz des Dorfes, bzw. bestimmter Familien. Auch bei Streitigkeiten z.B. über Kultivierungsrechte oder Brautpreiszahlungen wurden sie in Form von Ältestenräten als Vermittler herangezogen. Die heutige Rolle des Mannes liegt in der Ernähung der Familie in dem sie z.B. als Waldarbeiter der umliegenden Hauptstädte versuchen Geld zu verdienen. Jungen werden heute immer noch im Kindesalter vom Haushaltsbereich ferngehalten und erhalten im Gegensatz zu Mädchen eine Schulbildung.

Die Aufgabenbereiche der Gikuyu-Frauen sind Hausarbeit, Kochen, Einkaufen, Versorgung der Kinder, Beschaffung von Feuerholz und Trinkwasser, und die Bewirtschaftung der Felder. Letzteres macht Frauen unabhängig von Männern, von denen sie selten finanzielle Unterstützung erhalten, da sie nicht nur im Besitz des Landes sind, sondern auch über die erwirtschafteten Erträge selbst verfügen können, sich ggf. sogar neues Land aneignen können.

[...]


[1] „Die Gynaegamie ist eine sozial anerkannte, vertraglich geregelte Zweckgemeinschaft zwischen zwei oder mehreren Frauen, die mit dem Ziel eingegangen wird, eine Familie zu gründen und legale Nachkommen hervorzubringen. Homosexuelle Bedürfnisse spielen in solchen Lebensgemeinschaften keine Rolle.“ (Tietmeyer 1998, S. 164)

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Gender in verschiedenen Kulturen und ihre Bedeutung für das Verständnis von Gender
Hochschule
Fachhochschule Regensburg  (Sozialwesen)
Veranstaltung
Gender-Studien: Geschlechtersoziologie in Theorie und Praxis
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
12
Katalognummer
V23795
ISBN (eBook)
9783638268400
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender, Kulturen, Bedeutung, Verständnis, Gender-Studien, Geschlechtersoziologie, Theorie, Praxis
Arbeit zitieren
Iris Hackermeier (Autor), 2002, Gender in verschiedenen Kulturen und ihre Bedeutung für das Verständnis von Gender, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23795

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