Schwache Interessen im Neokorporatismus

Welche Defizite weisen schwache Interessen auf und wie verändern sich diese durch neokorporatistische Strukturen und Arrangements?


Hausarbeit, 2013
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Hauptteil 1 Schwache Interessen
1.1 Faktoren der Interessenkonkurrenz
1.2 Eingrenzung des Begriffs „Schwache Interessen“
1.3 Schwache Interessen in der Interessenkonkurrenz 2 Neokorporatismus
2.1 Historischer Kontext
2.2 Theorie(n) des Neokorporatismus 3 Schwache Interessen im Neokorporatismus
3.1 Organisationsfähigkeit
3.2 Artikulations- und Mobilisierungsfähigkeit
3.3 Konfliktfähigkeit
3.4 Interessenbewusstsein und Motivation

III Fazit

IV Literaturangaben

I Einleitung

„Still the century of corporatism?“ lautete der Titel des 1974 veröffentlichten Aufsatzes von P. C. Schmitter. Auch im 21. Jahrhundert können wir uns die gleiche Frage stellen wie Schmitter damals, auch wenn er unter ihr etwas ganz anderes verstand, als wir es heute tun. Wenn wir heutzutage den Begriff „Korporatismus“ hören, dann denken wir in der Regel an weit zurückliegende Arrangements wie die Konzertierte Aktion der 1970er Jahre und die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen von 1977 oder auch an das von Gerhard Schröder 1999 initiierte Bündnis für Arbeit, welches allerdings bereits 2003 für gescheitert erklärt wurde. Ist mit dem Bündnis für Arbeit auch der deutsche (Neo-)Korporatismus insgesamt gescheitert?

Die vielen nach wie vor existierenden neokorporatistischen Arrangements – mittlerweile auch in völlig anderen Politikbereichen – auf allen politischen Ebenen beweisen, dass dies nicht der Fall ist und die institutionalisierte Beteiligung verschiedener Interessengruppen auch heute noch praktiziert wird.

Im Zentrum dieser Arbeit stehen Bevölkerungsgruppen, die im Wettbewerb der Interessen deutlich weniger erfolgreich sind als andere. Es sind Arbeitslose, Arme, Kranke, Pflegebedürftige und Behinderte, um nur einige zu nennen. Sie weisen offensichtlich gewisse Defizite auf, welche die Vertretung ihrer Interessen erschweren. Es gilt in dieser Arbeit zunächst herauszustellen, welche Faktoren Gruppen erfüllen müssen, um in der politischen Interessenkonkurrenz Bestand haben zu können. Daraufhin soll erörtert werden, bei welchen dieser Faktoren die o. g. sozial randständigen Gruppen Defizite aufweisen. Anschließend wird ein genauerer Blick auf die Strukturen und generellen Implikationen von Neokorporatismus sowie auf die Historie des Begriffs geworfen, um dann im letzten Schritt zu analysieren, wie sich neokorporatistische Strukturen und Arrangements auf die Fähigkeiten der bislang benachteiligten Gruppen bezüglich der Organisierung, Artikulation, Mobilisierung und Durchsetzung ihrer Interessen auswirken könnten.

In der Politikwissenschaft gibt es kein allgemein anerkanntes Verständnis des Begriffes bzw. Konzeptes „Neokorporatismus“. Es existieren viele konkurrierende Theorien über Neokorporatismus[1], bei denen zudem nicht immer ersichtlich wird, ob sie eher deskriptiv-analytisch oder normativ zu verstehen sind. Deshalb orientiert sich diese Arbeit hauptsächlich an dem Ansatz von P. C. Schmitter, einem der bekanntesten Neokorporatismustheoretiker, dessen Theorie am ehesten ein zusammenhängendes Konzept darstellt. Zusätzlich werden aber auch einige grundlegende Befunde der Neokorporatismusforschung mit einbezogen. Unter neokorporatistischen Arrangements werden in dieser Arbeit all solche verstanden, bei denen organisierte Interessen in institutionalisierter Form in die Politikformulierung einbezogen werden. Damit weist sie im Vergleich zu einigen Theorien ein breiteres, offeneres Verständnis des Begriffes auf.

II Hauptteil

1 Schwache Interessen

Der Begriff der „schwachen Interessen“ wurde im deutschsprachigen Raum vor allem von Ulrich Willems und Thomas von Winter geprägt. Als „schwach“ werden solche Interessen bezeichnet, die einer „relative[n] Benachteiligung in der politischen Interessenkonkurrenz“[2] unterliegen, die aus einer zu geringen Ausstattung von Gruppen mit Organisations-, Artikulations-, Mobilisierungs- und Durchsetzungs-[3] sowie Konfliktfähigkeit[4] erwächst.

Es gilt nun herauszustellen, welche Faktoren die Ausprägung dieser Fähigkeiten bestimmen (Kapitel 1.1) und in welchem Maße diese bei schwachen Interessen vorliegen (Kapitel 1.3), um dann in Kapitel 3 analysieren zu können, wie sich diese Faktoren – und damit die relevanten Fähigkeiten – durch neokorporatistische Strukturen und Arrangements verändern können.

1.1 Faktoren der Interessenkonkurrenz

Organisationsfähigkeit erlangt eine Gruppe, wenn (1) die Interessen, die verfolgt werden, gewisse Eigenschaften aufweisen, wenn (2) eine hohe Gruppenqualität besteht und (3) die Mitglieder oben in der Sozialstruktur angesiedelt sind.[5] Konkret bedeutet dies für (1), dass die Interessen die Eigenschaften Dauerhaftigkeit, geringe Allgemeinheit und hohe Dringlichkeit aufweisen[6], für (2), dass die Gruppe einen „nach außen abgrenzbaren Personenkreis“[7] bildet und „ihre Mitglieder ein Kollektivbewusstsein besitzen“[8] sowie schließlich für (3), dass die Mitglieder über die Ressourcen „Einkommen, Bildung, verfügbare Zeit [und] kognitive Kompetenzen“[9] verfügen.

Artikulations- und Mobilisierungsfähigkeit hängen vor allem von zwei Faktoren ab: erstens ebenfalls von der Ausstattung der Mitglieder mit den o. g. Ressourcen, da diese sowohl zur öffentlichkeitswirksamen Bekundung und Vertretung der Interessen als auch zur Organisation von Aktionen (Demonstrationen, Kundgebungen etc.) und anderen Mobilisierungsmaßnahmen notwendig sind. Zweitens stehen sie im Zusammenhang mit den Strukturen des Verbandes, da verschiedene Verbandsmodelle unterschiedliche Auswirkungen auf diese Fähigkeiten haben; so dürften hierarchische Strukturen aufgrund der öffentlichkeitswirksamen Verbandsämter Vorteile für die Artikulationsfähigkeit bieten, während basisdemokratische Strukturen aufgrund der Anreize für Mitglieder wahrscheinlich mehr Mobilisierungspotenzial entfalten.

Die Durchsetzungsfähigkeit einer Gruppe hängt von allen vorher genannten Fähigkeiten ab und steht weiterhin im Zusammenhang mit der Konfliktfähigkeit. Diese bezeichnet die „Fähigkeit einer Organisation bzw. der ihr entsprechenden Funktionsgruppe, kollektiv die Leistung zu verweigern bzw. eine systemrelevante Leistungsverweigerung anzudrohen“[10]. Ergänzend zum Offeschen Verständnis der Konfliktfähigkeit, welches eher ökonomischer Natur ist, lässt sich jedoch auch politische Konfliktfähigkeit, die z. B. durch (Nicht-)Vergabe von Wählerstimmen oder Demonstrationen Ausdruck findet, als Durchsetzungsressource anführen.[11]

Für alle diese Fähigkeiten ist von zentraler Bedeutung, dass die betroffenen Personen über ein Interessenbewusstsein verfügen und genug Motivation besitzen, ihre Interessen auch durchzusetzen.[12]

[...]


[1] Vgl. Andersen/Woyke 2009: 462, Czada 1994: 37-59

[2] Willems/Winter 2000: 14

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. Offe 1972: 169

[5] Vgl. Winter 1997: 541f

[6] Vgl. Winter 1997: 541f

[7] Ebd.: 542

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Offe 1972: 169

[11] Vgl. Gallas 1994: 99f

[12] Vgl. Willems/Winter 2000: 14

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Schwache Interessen im Neokorporatismus
Untertitel
Welche Defizite weisen schwache Interessen auf und wie verändern sich diese durch neokorporatistische Strukturen und Arrangements?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Lektürekurs "Pluralismus und politische Interessenvermittlung"
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V262496
ISBN (eBook)
9783656509271
ISBN (Buch)
9783656508809
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pluralismus, Korporatismus, Neokorporatismus, schwache, Interessen, Interessenvermittlung, Sozialverbände, behinderte, arme, Armut, Arbeitslose, Arbeitslosigkeit, sozial, Arrangements, Konzertierte, Aktion, Theorie
Arbeit zitieren
Manuel Clemens (Autor), 2013, Schwache Interessen im Neokorporatismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262496

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