Der psychologische Vertrag und das narrative Selbst – eine wechselseitige Bedingtheit


Hausarbeit, 2012

30 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Theorie psychologischer Verträge

3. Die Theorie des narrativen Selbst

4. Narratives Management

Exkurs: Narrative Ethik und Governanceethik

5. Zur Narrativität des psychologischen Vertrags

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Um Steuerung in Organisationen umfassend zu erklären, bemühen sich Wissenschaftler aus vielerlei Disziplinen darum, ein angemessenes Verhältnis von Theorien zu finden, die einerseits das Handeln von Individuen theoretisch zu erfassen suchen und andererseits soziale Strukturen sowie soziokulturelle Determinanten in den Blick nehmen (vgl. u.a. Fischer, 2009). Auch die vorliegende Arbeit ist ein solches Bemühen, da der Frage einer wechselseitigen Bedingtheit von psychologischen Verträgen und Selbst-Narrativen nachgegangen wird, also einer komplexen Austauschbeziehung, die sich zwischen Individuen und ihrer sozialen Umwelt vollzieht. Es soll aufgezeigt werden, dass durch eine Verknüpfung der Theorie psychologischer Verträge mit der Theorie des narrativen Selbst, die governance-perspektivische Sichtweise auf Unternehmen bereichert werden kann. Eine solche wird in Deutschland von einer Reihe von Ökonomen eingenommen bzw. vertreten (vgl. u.a. Wieland, 2011). Meine These lautet: Da ein psychologischer Vertrag stets ein narratives Selbst bindet, bedingen vor allem kulturelle wie organisationale Narrative sein Zustandekommen und Fortbestehen. Der psychologische Vertrag bedingt wiederum auch seinerseits das Selbst-Narrativ. Man versteht unter einem psychologischen Vertrag „the individual’s belief in mutual obligations between that person and another party such as an employer (…)” (Rousseau/Tijoriwala, 1998, S. 679). Im zweiten Kapitel dieser Arbeit wird dargelegt, wie psychologische Verträge funktionieren. Es werden Arten solcher Verträge erläutert sowie verschiedene Reaktionsmöglichkeiten bei einer Vertragsverletzung. Ein psychologischer Vertrag kann als eine individuelle Form der Selbstbindung oder „Selbstgovernance“ verstanden werden (vgl. Brink, 2011, S. 75f.). Aber was ist ein Selbst ? Wie ist es beschaffen und wie wirkt es auf einen psychologischen Vertrag? Und umgekehrt: Welche Auswirkungen hat ein psychologischer Vertrag auf das Selbst? Zur Beantwortung dieser Fragen wird im dritten Kapitel die Theorie des narrativen Selbst aufgegriffen, die in den Sozialwissenschaften bereits eine längere Tradition hat und die in die noch relativ junge Disziplin der Narrativen Psychologie Eingang fand. Die Grundidee hierbei ist, dass Individuen ihr Leben und die Beziehungen zur Welt als Narrationen gestalten, aber auch alltägliche Interaktionen und die Organisation des Erlebten narrativ betreiben (vgl. Schultz, 2008, S. 1). Im autobiographischen Erzählen konstituiert sich das Selbst, indem Lebenserfahrungen in einen Sinnzusammenhang gebracht und den Lebensereignissen Kontinuität und Kohärenz verliehen wird (vgl. Kraus, 1996, S. 169f.). Es wird in diesem zweiten Kapitel verdeutlicht, warum das Erzählen insbesondere im Kontext einer postmodernen Gesellschaft so wichtig ist und dass die Selbst-Narrationen nicht bei jedem Menschen x-beliebig vonstattengehen, sondern bestimmte Formen haben. Ein Individuum bedient sich kulturell eingespielter „Erzählmuster“ um die eigene Identität zu konstruieren (vgl. Kraus, 2000). Im vierten Kapitel wird erläutert, dass organisationale Narrative die Unternehmenskultur und die (Selbst-)Narrationen der Mitarbeiter maßgeblich mitbestimmen (vgl. Thier, 2004). In der Disziplin des Narrativen Managements wurden die Steuerungsmöglichkeiten mit Narrativen erkannt und für die Unternehmensführung ausgearbeitet (vgl. Loebbert, 2003; Thier, 2010). Ein Exkurs zur Unternehmensethik ist ebenfalls Bestandteil dieses vierten Kapitels: Auf Basis der Governanceethik wird eine Möglichkeit aufgezeigt, wie sich die narrative Ethik unternehmensethisch gewinnbringend einordnen lässt. Das fünfte Kapitel führt die vorgestellten Theoriekomplexe anhand eines konkreten Beispiels aus der Literatur zusammen. Es handelt sich dabei um das Zustandekommen eines Arbeitsvertrags zwischen einer jungen Universitätsabsolventin und einer Bank (vgl. Rousseau, 1995, S. 34f.). Dieses Beispiel wird sowohl aus dem Blickwinkel der Theorie psychologischer Verträge wie auch aus der Perspektive des narrativen Selbst gedeutet. Im Ergebnis bedingen sich die Ansätze wechselseitig.

2. Die Theorie psychologischer Verträge

Ein psychologischer Vertrag geht über einen explizit geschlossenen Vertrag hinaus und beruht auf individuellen Überzeugungen sowie wechselseitig impliziten Erwartungen (vgl. Rousseau, 1995, S. 6). Es ist für ihn entscheidend, dass sich ein Individuum freiwillig zu bestimmten, subjektiv verstandenen Versprechen bekennt: „A key feature of the psychological contract is that the individual voluntarily assents to make and accept certain promises as he or she understands them“ (ebd., S. 10). Psychologische Verträge werden in der Arbeitswelt häufig zwischen Mitarbeitern und Arbeitgebern geschlossen. Zum Beispiel kann ein Mitarbeiter im Hinblick auf Aufstiegschancen, die ihm in einem Vorstellungsgespräch versprochen wurden, ein Beschäftigungsverhältnis antreten, in der Erwartung, dass sich diese auch realisieren. Der Arbeitgeber kann ebenfalls einen zielstrebigen Mitarbeiter erwarten, der Möglichkeiten zur Weiterentwicklung auch beherzt annimmt. Solche Verständigungen werden nicht in einem expliziten Arbeitsvertrag schriftlich fixiert, sondern sie bilden den darüberhinausgehenden psychologischen Vertrag. [1] Diesem liegt ein mentales Modell oder Schema zu Grunde, das bestimmte Annahmen hinsichtlich der Austauschbeziehungen zwischen Mitarbeitern und Unternehmen beinhaltet und im Allgemeinen recht stabil ist (vgl. ebd., S. 27f.). Es ermöglicht einem Individuum das schnelle Interpretieren und Organisieren neuer Informationen auf Basis vergangener Erfahrungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Der psychologische Vertrag als ein mentales Modell (in Anlehnung an Rousseau, 1995, S. 33)

Wie Abbildung 1 zeigt, spielen für das Zustandekommen eines psychologischen Vertrages individuell-kognitive Prozesse und organisationale Faktoren eine Rolle. Ob eine Aussage wie „bei hoher Leistungsbereitschaft bietet Ihnen unser Unternehmen vielfältige Karrieremöglichkeiten“ ( Message Framing) als ein Versprechen aufgefasst wird, hängt davon ab, ob die Aussage das Individuum erreicht, sie in einer bestimmten Situation auch als ein Versprechen verstanden wird und ob das Individuum seinem Gegenüber die Autorität zuspricht, Versprechen geben zu können ( Encoding). Das Decoding ist daraufhin die Interpretation bzw. die Beurteilung dessen was versprochen wurde. Wird dem Gesagten Vertrauen geschenkt und ein entsprechendes Verhalten abgeleitet, kommt es zu einem psychologischen Vertrag. Einfluss auf das Decoding haben individuelle Prädispositionen, wie Motive, z.B. Karrierepläne, sowie kognitive Verzerrungen, wie z.B. Selbstüberschätzung ( Predisposition). Zudem können auch Informationen aus dem Umfeld Einfluss darauf haben, wie eine Aussage interpretiert wird und sozialen Druck ausüben, sich normenkonform zu verhalten ( Social Cues) (vgl. ebd., S. 36-45). Für Rousseau spielen psychologische Verträge, die auf einem solchen Schema beruhen, eine wichtige Rolle im persönlichen Denken und zwischenmenschlichen Handeln von Individuen: „People think contractually, interpreting statements and behaviors as promises and commitments to be relied on. But what they understand these commitments to be is shaped by both personal beliefs and social processes” (ebd., S. 54).

Es lassen sich ausgehend vom psychologischen Vertrag drei weitere Vertragstypen unterscheiden, nämlich sogenannte normative, implizite und soziale Verträge. „Normative contracts occur when several people (e.g., colleagues or coworkers) agree on terms in their individual contracts” (ebd., S. 46). Einigt sich eine Gruppe von Individuen auf eine Abmachung, dann überlagert sich eine Reihe von ähnlichen psychologischen Verträgen und es entsteht dadurch ein normativer Vertrag. Normative Verträge prägen die Unternehmenskultur; ihre Einhaltung wird meist über sozialen Druck der Gruppe sichergestellt (vgl. ebd. S. 10f.). Ein impliziter Vertrag ist als das Ergebnis vertragsexterner Zuschreibungen Dritter (z.B. Berater, Juristen oder Journalisten) auf das Vertragsverhältnis zweier Vertragsparteien zu verstehen. Ein impliziter Vertrag ist z.B. gegeben, wenn ein Außenstehender die Tatsache, dass ein Unternehmen einen Mitarbeiter trotz ökonomisch angespannter Lage nicht entlässt, auf die Einhaltung eines früher gemachten Versprechens zurückführt. Soziale Verträge beziehen sich auf gesellschaftlich geteilte Werte und Normen, die nicht nur innerhalb einer Organisation gelten (vgl. Brink, 2010, S. 175f). [2]

Es können zudem zwei Arten von psychologischen Verträgen unterschieden werden – kurzfristige transactional obligations sind solche, die extrinsisch motoviert sind und aus einem ökonomischen Selbstinteresse resultieren, relational obligations dagegen sind intrinsisch motiviert und basieren auf der Orientierung an Karriere- und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten; sie sind eher langfristiger Natur (vgl. Rousseau, 2000, S. 3).

Psychologische Verträge sind in einem weiteren Sinn Versprechen; sie werden daher auch als promissory contracts bezeichnet (vgl. Rousseau, 1995, S. 15). Aber warum binden sich Individuen überhaupt an psychologische Verträge? Rousseau erläutert dazu sieben Gründe (vgl. ebd., S. 24f.). Erstens fühlen sich Menschen an ein von ihnen persönlich formuliertes Ziel gebunden ( acceptance) und erzeugen sich selbst einen gewissen Druck, ein Versprechen zu halten, um ihre Selbstachtung zu stärken ( self-image and esteem). Die Abgabe eines Versprechens löst drittens bei einem Individuum eine imaginative Vorstellung darüber aus, in irgendeiner Form in Zukunft tätig zu werden; diese selbst wirkt handlungsmotivierend ( imagery formed by the act of promising). Zudem wollen Vertragspartner nach außen hin Verlässlichkeit demonstrieren und Vertrauensverluste vermeiden ( reliance losses). Desweiteren kann das Einhalten von Versprechen zu einer sozialen Norm werden, die Druck auf die Vertragspartner erzeugt ( social pressure and concern for reputation) und schließlich gibt es einen Anreiz sich an den psychologischen Vertrag zu binden, weil dieser freiwillig geschlossen wurde und schließlich ein Vorteil daraus resultieren soll ( incentives).

Zu Vertragsverletzungen kommt es bei psychologischen Verträgen relativ häufig (vgl. Robinson/Rousseau, 1994). Aufgrund ihrer Subjektivität und Implizität ist es möglich, dass zwei Vertragspartner gänzlich unterschiedlicher Auffassung sein können, ob ein Versprechen gehalten wurde oder nicht. Es können drei Arten von Vertragsverletzungen unterschieden werden: Versehen, Zerrüttung und Bruch (vgl. Rousseau, 1995, S. 112f.). Ein Vertragsbruch durch ein Versehen resultiert aus einem Missverständnis aufgrund unterschiedlicher Interpretationen der Vertragspartner, welche grundsätzlich willens und in der Lage dazu gewesen wären, den Vertrag zu erfüllen. Bei einer Zerrüttung ist zwar einer der Vertragspartner gewillt sein Versprechen einzuhalten, aber nicht mehr in der Lage dazu. Zu einem Bruch kommt es durch eine bewusste Missachtung des Versprechens durch eine Vertragspartei, die aber grundsätzlich dazu fähig gewesen wäre, das Versprechen zu halten. Der Ökonom und Philosoph Alexander Brink unterscheidet in Anlehnung an Rousseau (1995) und einer viel rezipierten Einteilung Albert Hirschmanns folgend (vgl. Hirschmann, 1970) (vgl. auch Farrell, 1983), vier Reaktionsmöglichkeiten auf eine Vertragsverletzung. Sie können nach active /passive sowie constructive /destructive unterschieden werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Responses to Contract Violation (in Anlehnung an Brink, 2010, S. 182)

Die Exit - Reaktion beschreibt eine passiv-destruktive Option, bspw. wenn sich bei einem Neuangestellten nicht die von ihm erwartete Karrieremöglichkeit ergibt und er aus Frust den Vertrag in Frage stellt. Dies führt, vor allem wenn entsprechende Job-Alternativen vorliegen und bei einer hohen Flexibilität des Mitarbeiters, zu einem Ende der Vertragsbeziehung. Eine Voice -Reaktion ist wahrscheinlich, wenn eine vertrauensvolle Beziehung zwischen den Vertragspartnern besteht. Zum Beispiel wendet sich ein frustrierter Mitarbeiter an eine höhere Managementstelle oder an eine Ombudsperson und versucht so seine von ihm erwarteten Ansprüche zur Geltung zu bringen. Wie Abbildung 2 zeigt, wird bei Voice in jedem Fall ein aktiv-konstruktiver Weg als Antwort auf eine Vertragsverletzung gesucht. Als weitere Reaktionsmöglichkeit kommen Loyalty (ein Mitarbeiter verhält sich loyal, passt sich an) bzw. Silence (der Mitarbeiter resigniert) in Betracht. Wird der Mitarbeiter keine der vorherigen Optionen wählen, kann sich der Frust so weit anstauen, dass eine Neglect bzw. Destruction -Reaktion die Folge ist. Er wird in diesem Fall das eigene Unternehmen absichtlich in irgendeiner Form schädigen, es „bestrafen“, z.B. indem er seine Arbeit vernachlässigt oder Firmengeheimnisse an Externe weitergibt.

Die Theorie psychologische Verträge bereichert die vertragstheoretische bzw. governance-perspektivische Sichtweise auf Unternehmen, wie sie auf Williamson (2002) zurückgeführt werden kann. In seinem viel rezipierten Aufsatz The Theory of the Firm as Governance Structure: From Chioce to Contract schließt sich Williamson dem Grundsatz James Buchanans an, von dem entscheidungstheoretisch ausgerichteten Rational-Choice-Ansatz Abschied zu nehmen (vgl. Buchanan, 1969; 1975) und stattdessen ein vertragstheoretisches Verständnis von Ökonomie zu entwickeln. Brink baut auf diesem Entwicklungsstrang der Ökonomik auf und entwickelt eine Promise Based Theory of the Firm (vgl. Brink, 2011a). „Die Promise Based Theory of the Firm basiert auf zahlreichen psychologischen, normativen und sozialen Verträgen in Form von Versprechen“ (Brink, 2011b, S. 70). Unternehmen sind demnach als ein Bündel von Verträgen zu begreifen. Für Unternehmen birgt dies Risiken, da psychologische Verträge wichtig, aber eben nicht explizit gefasst und daher auch nicht justiziable sind. Sie stellen folglich einen gewissen Unsicherheitsfaktor dar.

3. Die Theorie des narrativen Selbst

Die Narrative Psychologie ist eine relativ junge Disziplin, sie formierte sich erst mit einem von Sarbin (1986) editierten Sammelband „Narrative Psychologie“, der eine Reihe heterogener theoretischer Positionen mit Bezug zum Erzählen zusammenbrachte (vgl. Echterhoff/Straub, 2004, S. 103). Wichtige Vertreter sind hierbei u.a. Gergen & Gergen (1988) und Ricouer (1996). Ihre Entwicklung ist vor dem Hintergrund des „narrative turn“ [3] und vor dem Diskurs über die Krisen einer postmodernen Gesellschaft zu verstehen (vgl. Schultz, 2003, S. 1), wobei auf letzteren noch einzugehen ist. In Deutschland wurde die Narrative Psychologie erst in den 1990 Jahren durch Kraus (1996) und Keupp (1999) bekannt gemacht, die auf diversen älteren Strömungen des Sozialkonstruktivismus‘ aufbauen und diese auch kritisieren. [4] Der Kerngedanke der Narrativen Psychologie ist, dass wir unser Erleben als Narrationen gestalten und Erfahrungen narrativ organisieren, um unserem Leben Bedeutung zu verleihen (vgl. Kraus, 1996, S. 168). „Wir träumen narrativ, tagträumen narrativ, erinnern, antizipieren, hoffen, verzweifeln, glauben, zweifeln, planen, revidieren, kritisieren, konstruieren, klatschen, hassen und lieben in narrativer Form“ (Kraus, 2000, S. 1). Einzelne Lebensereignisse werden in dieser Fachrichtung der Psychologie nicht per se als kohärent und konsistent gedacht, sondern das Individuum erstellt Verbindungen durch den Prozess des Erzählens selbst und verleiht ihnen dadurch Folgerichtigkeit. Menschen erleben Dinge nicht einfach nur, sondern sie binden diese narrativ in eine gestaltende Struktur ein, um ihnen Sinn zu geben (vgl. Kraus, 1996, S. 159f.). Eine Erzählung ist daher nie die Beschreibung einer reinen Faktenlage, da das Individuum bedeutsame Ereignisse (das sind vor allem solche die emotional erlebt wurden) aus seiner Vergangenheit punktuell auswählt und im Sprechen mit anderen im Hinblick auf sein Gegenüber zusammenfügt. „Die realen Fakten sind für die Selbst-Erzählungen ein bloßer Steinbruch“ (Kraus, 2000, S. 1). Erzählen ist daher immer mit Erinnern verbunden (vgl. Kast, 1998, S. 33), Vergangenes, Gegenwärtiges und unter Umständen die antizipierte Zukunft wird miteinander verknüpft, eben narrativ organisiert (vgl. Kraus, 2007, S. 35). [5] Die Art und Weise, wie solche Narrative entstehen, ist nicht nur für die Narrative Psychologie von Interesse; auch in den Sozialwissenschaften wird aus diesem Blickwinkel heraus analysiert, wie Menschen ihre soziale Wirklichkeit konstruieren. So spricht sich u.a. Jürgen Habermas für eine erzähltheoretische Perspektive aus:

[...]


[1] Psychologische Verträge können aber auch zwischen einem Unternehmen und einem Kunden geschlossen werden. Dies ist der Fall, wenn ein Kunde beim Kauf eines Produktes einen zusätzlichen Service erwartet oder darauf vertraut, dass das Produkt diejenigen Eigenschaften hat, die ihm in der Werbung zugesichert wurden. Ebenso werden psychologische Verträge auch außerhalb des ökonomischen Kontexts geschlossen, bspw. zwischen Ärzten und Patienten oder zwischen Lehrern und Schülern (vgl. Brink, 2012, S. 82).

[2] Anders als Brink (2010; 2012) bezieht Rousseau (1995) die sozialen Verträge (ohne Angabe von näheren Gründen) nicht in die Kategorisierung psychologischer Verträge mit ein. Soziale Verträge stellen aber auch Versprechen (im weiteren Sinn) an die Gesellschaft dar. Daher macht ihre Einbeziehung durchaus Sinn.

[3] Als „narrative turn“ wird allgemein eine Exploration der Bedeutung des Erzählens in den Human- bzw. Sozialwissenschaften bezeichnet (vgl. Kraus, 2007, S. 25). So existieren neben der Narrativen Psychologie auch die Fachrichtungen einer Narrativen Ethik, Narrativen Theologie oder eben das Narrative Management, auf welches noch eingegangen wird.

[4] Ein vollständiger Review der Theoriegeschichte würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen; ein solcher findet sich bei Roesler, der den geisteswissenschaftlichen Wurzeln der Narrativen Psychologie zum Sozial-konstruktivismus und Poststrukturalismus nachgeht (vgl. Roesler, 2001, S. 1-26). In dieser Arbeit soll weitestgehend der deutschen Spur von Kraus und Keupp gefolgt werden.

[5] „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält, oder eine ganze Reihe von Geschichten“ (Max Frisch - Mein Name sei Gantenbein).

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Der psychologische Vertrag und das narrative Selbst – eine wechselseitige Bedingtheit
Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
30
Katalognummer
V262886
ISBN (eBook)
9783656515647
ISBN (Buch)
9783656515739
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychologische Verträge, Narrative Psychologie, Narratives Management, Unternehmensethik, Narrative Ethik, Governanceethik, Psychological Contracts, Narrative Psychology, Narrative Management, Storytelling, Business Ethics, Narrative Ethics, Governance, Ethics of Governance
Arbeit zitieren
Matthias Virag (Autor:in), 2012, Der psychologische Vertrag und das narrative Selbst – eine wechselseitige Bedingtheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262886

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