Mein Weg zu einem bewussten und ökologischen Leben.

Eine Autoethnographie


Bachelorarbeit, 2013
64 Seiten, Note: 1,3
Lukas Jaeger (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
1 Autoethnographie
1.1 Autoethnographie - was ist das?
1.2 Vorgehen und Ziele der autoethnographischen Forschung
1.3 Autoethnographie im kritischen Licht

2 Vorgehen der vorliegenden Arbeit

3 Theoretischer Exkurs: Nachhaltige Lebensstile

4 Autoethnographisches Porträt
4.1 Die Nachhaltigkeit und ich - mein Studium
4.2 Meine politischen Eltern
4.4 Bio - eine Überzeugungstat
4.5 Fleisch - nein danke
4.6 Umweltfreundlich unterwegs sein
4.7 Konsum und Besitz - eine Herausforderung
4.8 Selber machen
4.9 Mein Vater, der Öko-Dogmatiker
4.10 Der Umwelt zu Liebe

5 Theoretisch-reflexive Gesamtbetrachtung
5.1 Gibt es ein Milieu der Ökos?
5.2 Wie lassen sich meine familiensozialisatorischen Prägungen erklären?
5.3 Reflexive Vertiefung: Konsum und Besitz - eine Herausforderung
5.4 Reflexive Vertiefung: ökologische Ernährung
5.5 Reflexive Vertiefung: Ökologisch handeln ist aufwendig, erfordert Wissen und muss Freude bereiten
5.6 Mein ökologisches und bewusstes Leben als persönliches Entwicklungsprojekt
5.7 Bin ich ein Alltagskreativer?

6 Persönliches Resümee

7 Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Der Klimawandel und die fortdauernde Umweltzerstörung stellen uns Menschen vor immense Herausforderungen und ich selbst bin Teil dieser Gesellschaft, die mit ihrer Lebensweise und dem damit verbundenen Konsum von Gütern und dem Verbrauch von Ressourcen massiv dazu beiträgt, dass die Menschheit bildlich gesprochen jährlich bereits 1,5 Erden verbraucht. „Es bräuchte zwei Planeten von der Qualität der Erde, um alle Menschen auf unserem Verschwendungsniveau leben zu lassen." (Greenpeace, 2008: 2) Müssten wir also nicht längst anders leben?

Mein Versuch, ökologisch und bewusst zu leben, folgt dieser Überlegung. Eine tiefe Sorge um die Umwelt und der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit sind es, die mich dazu bewegen, mir über die ökologischen Folgen meiner Lebensweise Gedanken zu machen.

Die Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Klimawandel, Umweltzerstörung und Nachhaltigkeit begann während meines Studiums Management Sozialer Innovationen an der Hochschule München. Doch eigentlich beschäftigte mich die Zerstörung der Umwelt bereits als Kind, wenn auch in viel rudimentäreren Dimensionen. Schließlich bin ich in einer Öko-Familie aufgewachsen. Eine ökologische Lebensweise sowie umweltbewusstes Handeln waren für mich von klein auf ein selbstverständlicher Teil meiner Lebenswelt.

In den letzten Jahren wurde der Versuch, ein ökologisches Leben zu führen, für mich schließlich zu einem zentralen Lebensthema. Wie kam es dazu? Dieser Frage gehe ich in meiner Bachelorarbeit nach, denn im Zentrum meiner autoethnographischen Forschungsarbeit steht „mein Weg zu einem ökologischen und bewussten Leben".

Für die Forschungsmethode der Autoethnographie habe ich mich deshalb entschieden, weil sie die Möglichkeit bietet, auf vielfältige Weise die eigene Person und das eigene Leben in den Forschungskontext zu stellen. Das eigene Erleben, Erfahren, Handeln und Denken bildet die Ressource des autoethnographischen Forschungsprozesses, welcher zugleich eine wissenschaftlich-theoretische Rahmung besitzt. Ich betrachte sowohl meine gegenwärtige Lebenspraxis als auch mein Aufwachsen in einer Familie, deren Lebensalltag durch eine ökologische Orientierung geprägt war. Ich begebe mich auf Spurensuche und gehe dabei der Frage nach, wie es dazu kam, dass ich heute selbst meinem Leben eine ökologische Ausrichtung gebe.

Neben dem gelebten familiären Alltag beleuchte ich ebenso besonders prägende Ereignisse meiner Kindheit und Jugend. Im Fokus meiner gegenwärtigen Lebenspraxis stehen sowohl das konkrete Tun als auch die damit verbundenen Überlegungen und inneren Beweggründe. Ich hoffe damit einen autoethnographischen Einblick geben zu können, der aufzeigt, inwiefern mich das Aufwachsen in einer ökologisch orientierten Familie im wahrsten Sinne des Wortes nachhaltig geprägt hat. Außerdem möchte ich darstellen, wie ich als junger Mensch, der sich um eine nachhaltige Lebensweise bemüht, mein Leben gestalte, welche Konsequenzen sich daraus für meine Lebensführung ergeben und auf welche Hindernisse und inneren Widersprüche ich dabei stoße. Mir geht es dabei auch darum, aufzuzeigen, inwieweit eine ökologisch orientierte Lebensweise in unserer modernen Konsumgesellschaft für mich möglich ist und welche individuellen Grenzen sich dabei für mich auftun.

Mein autoethnographisches Porträt findet seine theoretische Rahmung in der „theoretisch-reflexiven Gesamtbetrachtung". Es wird damit einer theoretischreflexiven Analyse unterzogen, die es ermöglicht, die autoethnographische Introspektive in einen wissenschaftlich relevanten Kontext zu stellen. Sie erfahrt damit eine Betrachtungsweise, die über das Lebensweltspezifische hinausgeht und gesellschaftliche wie kulturelle Dimensionen miteinbezieht.

Neben der Milieuforschung werden in der Gesamtbetrachtung sowohl Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung als auch Aspekte der Sozialisationstheorie und Überlegungen der Kultursoziologie aufgegriffen. In den sozialisationstheoretischen Ansätzen fand ich mögliche Erklärungen für meine familiären Prägungen und die Milieuforschung ermöglichte es mir, meine Familie im Milieukontext zu verorten. Der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung und der Kultursoziologie bediene ich mich zur theoretischen Fundierung der autoethnographischen Perspektive.

Mit meiner autoethnographischen Forschungsarbeit verbinde ich die Hoffnung, empirische Befunde zu liefern, die es ermöglichen, den wissenschaftlichen Diskurs um nachhaltige Lebensstile mit einer ganz persönlichen Perspektive zu bereichern.

Nicht weil diese generalisierbar wäre, sondern weil sie dezidiert meine individuelle Lebenswelt zeigt und damit die Theorie ganz nah an die praktische Wirklichkeit heranführt.

An dieser Stelle möchte ich noch darauf hinweisen, dass ich umgangssprachliche Ausdrücke bewusst nicht in Anführungszeichen gesetzt habe. Sie sind Worte, die ich in meinem alltäglichen Sprachgebrauch verwende und gehören deshalb meiner Ansicht nach zu einer lebensnahen autoethnographischen Erzähl- und Betrachtungsweise dazu.

Neben neuen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnen wünsche ich den Lesern meiner Arbeit spannende Einblicke in mein eigenes Leben und das meiner Familie.

1 Autoethnographie

1.1 Autoethnographie - was ist das?

Die Autoethnographie verbindet als Methode sowohl Merkmale der Autobiographie als auch der Ethnographie. Sie ist ein Forschungsansatz, der sich darum bemüht, persönliche Erfahrungen (auto) zu beschreiben und systematisch zu analysieren (grafie), um kulturelle Erfahrungen (ethno) zu verstehen (vgl. Ellis et al. 2010, S. 345).

Wenn ein Autor eine Autobiographie verfasst, so schreibt er retrospektiv seine Lebensgeschichte oder Aus- und Abschnitte dieser nieder. Als Erzähler steht er im Mittelpunkt seiner Geschichte. Am häufigsten schreiben Autobiographen über Epiphanien, also über erinnerte Momente, die als besonders bedeutsam wahrgenommen werden oder über existenzielle Krisen, die eine persönliche Auseinandersetzung erzwingen (vgl. ebd. S. 346).

Die Ethnographie verfolgt das Ziel, soziale Lebenswelten zu erforschen. Eine ethnographische Forschung porträtiert das soziokulturelle Leben einer besonderen Gruppe von Menschen und richtet dabei ihren Blick sowohl auf soziale Strukturen, Weltanschauungen, Diskurse und Werte als auch auf Interaktionen, Kognitionen, Gefühle, Lebensgeschichten und Handlungen (vgl. Thomas 2010, S. 466).

Nicht nur fremden Kulturen, sondern auch der eigenen kann sich in diesem Forschungskontext angenähert werden. Ethnographen suchen stets die maximale Nähe zum Feld, in dem sie zu teilnehmenden Beobachtern werden und Feldforschung betreiben. Nur so lässt sich gewährleisten, nah am tatsächlichen Leben, so wie es im Alltag erfahren und gelebt wird, der Menschen zu sein. „Für Ethnograf/innen besteht die Herausforderung darin, das ,wirkliche' Leben als eine kulturelle Welt, die als Wirklichkeitstotalität für sich steht, zu erfassen." (Thomas 2010, S. 466) Die Feldnotizen, die im Prozess der teilnehmenden Beobachtung entstehen, können durch Erhebung von Fragebögen, Interviews, Bild- und Filmmaterial sowie durch Dokumente und Artefakte aller Art ergänzt werden.

Die Autoethnographie vereint beide Aspekte. Der introspektive Reflexionsprozess, dem sich der Forscher im Kontext des Forschungszusammenhangs stellt, ermöglicht ihm einen maximal dichten Feldzugang. In diesem Verständnis sollte die Autoethnographie in ihrer methodologischen Orientierung ethnographisch sein, in ihrer interpretativen kulturell und in ihrer inhaltlichen autobiographisch (vgl. Chang, 2008, S. 48). Die Autoethnographie stellt die vorherrschende und gewohnte Art zu forschen eindeutig in Frage und versteht Forschung als eine politische und soziale Handlung. Im Zuge des Postmodernismus der 80er Jahre begann innerhalb der Sozialwissenschaften eine kritische Auseinandersetzung über die Ziele und Formen der sozialwissenschaftlichen Forschung. „Wissenschaftler/innen zeigten sich zunehmend beunruhigt über deren ontologische epistemologische und axiologische Beschränkungen und begannen aufzuzeigen, wie die , gefundenen Fakten' und ,Wahrheiten' untrennbar mit dem Vokabular und den Paradigmen verbunden waren, die Forscher/innen nutzten." (Ellis et al. 2010, S. 345)

Die Autoethnographie als Forschungsmethode ermöglicht eine Reflexion über die Art und Weise, wie persönliche Erfahrungen den Forschungskontext beeinflussen, da sie Ergebnisse hervorbringt, die sich im eigenen Erleben begründen.

Zumeist begleitet und ergänzt die autoethnographische Arbeit eine Forschung und bekommt je nach Intention des Forschers innerhalb des Forschungsvorhabens eine entsprechend hohe Gewichtung (vgl. Ochs u. Schweizer 2009, S. 170).

In Deutschland steht die autoethnographische Forschung noch ganz am Anfang. Da sich die Autoethnographie in der neueren amerikanischen Forschung großer Beliebtheit erfreut, ist die meiste Fachliteratur bisher in englischer Sprache erschienen.

Mich begleiteten bei meiner autoethnographischen Arbeit Schriften von Chang (2008), Ellis (2004) und Wall (2006). Sie zählen zu den bedeutendsten Akteuren der autoethnographischen Forschung und sind für deren wissenschaftliche Entwicklung prägend.

1.2 Vorgehen und Ziele der autoethnographischen Forschung

Chang nennt drei Fragen als Ausgangpunkt einer autoethnographischen Forschung: „Why do you want to undertake a study of yourself?", „What is the goal you intend to accomplish at the end of the research process?" und „What do you intend to study in your life?" (Chang 2008, S. 61) Nachdem Klarheit über das Ziel und die Richtung einer Studie herrscht, geht es an die Planung des Forschungsdesigns, die von folgenden Fragen geleitet wird: In welcher Form sollen die autoethnographischen Daten gesammelt werden und anschließend in einen theoretischen Zusammenhang gestellt werden? Wie verlaufen Analyse und Interpretation? Welchen Stellenwert das „Selbst" und die „Anderen" in autoethnographischen Arbeiten einnehmen, stellt für Chang eine der zentralen Entscheidungen der Forschung dar. Sie unterscheidet zwischen drei Herangehensweisen: „First, you can investigate yourself as a main character and others as supporting actors in your life story. Second, you can include others as co-participants or co-informants in your study. Third, you can study others as the primary focus as an entry to your world". (Chang 2008, S. 65)

Stets bin ich als Forscher bei einer Autoethnographie selbst Teilnehmer meiner Forschung, stelle meine Lebenswelt, meine Person, meine Gedanken und Gefühle - also mein „Selbst" - in den Forschungskontext und unterziehe mich einem introspektiven Reflexionsprozess. Die autoethnographischen Dokumente sollten ästhetisch und plastisch dichte Beschreibungen der persönlichen Erfahrungen, Innensichten und subjektiven Bedeutsamkeiten sein. Charakteristisch für eine Autoethnographie ist deshalb die personalisierte Form des Schreibens, Berichtens und Sichmitteilens (vgl. Ellis et al. 2010, S. 347). Das Sichtbarmachen von Gedanken und Gefühlen spielt ebenso eine zentrale Rolle wie das Darstellen körperlicher, sinnlicher und emotionaler Aspekte von Erlebnissen. Autoethnographien zeigen, wie das Erzählen von Geschichten ein „Selbst" konstruiert (vgl. Winter 2010, S. 11). Für Ellis ist das Verstehen und Reflektieren der eigenen Geschichte besonders wichtig. „Stories are the way humans make sense of their world. [...] I argue that stories should be both a subject an a method of social science research." (Ellis 2004, S. 32)

Es ist eine intensive Arbeit an sich und mit sich selbst, die eine autoethnographische Forschung kennzeichnet. Eine zentrale Frage, der sich der Autoethnograph während seines Schreibprozesses unterziehen muss, ist die nach Authentizität. Ist das Erzählte glaubwürdig und lebenswirklich? Diese Frage ist essenziell, da der Leser die Möglichkeit bekommen sollte, in die Welt des Erzählers einzutauchen, um sie mit dessen Augen wahrnehmen zu können. „The minimum requirement is that autoethnographers must be willing to dig deeper into their memories, excavate rich details, bring them onto examination tables to sort, label, interconnect, and contextualize them in the sociocultural environment." (Chang 2008, S. 51) Aus der subjektiven Introspektion entsteht eine Datensammlung, aus der sich nach und nach das autoethnographische Porträt entwickelt. Anschließend werden die erhobenen Daten analysiert und interpretiert. Erreicht wird dies, indem die persönlichen Erfahrungen mit der bestehenden Forschung verglichen und kontrastiert werden (vgl. Elis et al. 2010, S. 347). Es gilt, die autoethnographischen Narrationen im spezifischen sozialen und kulturellen Kontext zu verstehen. „What makes autoethnography ethnographic is its intent of gaining a cultural understanding." (Chang 2008, S. 49) Auch wenn das Autonarrative eine Autoethnographie ausmacht ist, es dennoch wichtig, die Selbstbetrachtung in einen analytischen Kontext zu stellen, welcher soziale und kulturelle Aspekte aufgreift, denn eine ausschweifende Introspektion, die einer Autobiographie gleicht, ist keine Autoethnographie.

1.3 Autoethnographie im kritischen Licht

Mit ihrer unkonventionellen Art, sich sowohl der Ethnographie als auch der Autobiographie zu bedienen, steht die Autoethnographie als heterogenes Forschungsgebiet im kritischen Blick der Wissenschaft. „The emergence of autoethnography and narratives of self [...] has not been trouble-free, and their status as proper research remains problematic." (Sparkes 2000, S. 22, zit. nach Wall 2006, S. 8) Aus Sicht der traditionellen Ethnographie ist die Autoethnographie in Bezug auf sozialwissenschaftliche Standards nicht stringent, theoretisch und analytisch genug, sondern zu ästhetisch, emotional und therapeutisch (vgl. Ellis et al. 2010, S. 352). Kritiker sehen in der Autoethnographie mit ihrem Fokus auf das „Selbst" und der damit einhergehenden Analyse persönlicher Erfahrungen die wissenschaftlichen Anforderungen des Hypothetisierens, Analysierens und Theoretisierens nicht ausreichend erfüllt. Zudem wird in der Introspektion als Datenquelle der Forschungsarbeit eine übertriebene Selbstbetrachtung gesehen, deren wissenschaftlicher Nutzen in Frage gestellt wird, da eine Generalisierbarkeit der Ergebnisse im klassischen Sinne nicht möglich ist. „The focus on biography rather than formality is a concern for some, because personal experiences are placed on a pedestal and separated from other discourses in their contexts." (Wall 2006, S. 8) Ellis hingegen meint: „If cultural circulates through all of us, then how can autoethnography not connect to world beyond the self?" (Ellis 2004, S. 34)

Der Fokus der Generalisierbarkeit richtet sich bei einer Autoethnographie auf den Leser. Denn die Generalisierbarkeit ist abhängig von der Frage, ob es gelingt, unbekannte kulturelle Prozesse so zu beleuchten, dass es dem Leser möglich ist, darüber nachzudenken, inwiefern Leben einander ähnlich und verschieden sind (vgl. Ellis et al. 2010, S. 352). Zudem sollte er für sich den Eindruck haben, Neues über unbekannte Menschen und Lebensverläufe erfahren zu können und damit letztlich die Gelegenheit bekommen, soziale und kulturelle Kontexte besser zu verstehen.

Das Ziel liegt gerade im Verfassen reflexiver Texte, die dazu beitragen uns die Welt, in der wir leben, verständlich zu machen, in dem sie das „Selbst" im sozialen und kulturellen Kontext betrachten. Im wissenschaftlichen Verständnis der Autoethnographie geht man davon aus, dass Forschung sowohl theoretisch und analytisch, als auch emotional und persönlich sein kann. Für den autoethnographischen Prozess gelten ebenso wissenschaftliche Kriterien. Ellis verweist darauf: „[T]hat we have to take precautions in interpreting, generalizing, and eliminating bias here the same as we do with any data we collect is assumed." (Ellis 1991, S. 30, zit. nach Wall 2006, S. 9)

2 Vorgehen der vorliegenden Arbeit

Der Titel meiner Arbeit „Mein Weg zu einem ökologischen und bewussten Leben. Eine Autoethnographie" gibt bereits den Hinweis, dass ich mich für Changs Vorschlag: „First, you can investigate yourself as a main character and others as supporting actors in your life story" (Chang 2008, S. 65) entschieden habe.

Rasch wurde mir bewusst, dass ich bei der Erstellung meiner Bachelorarbeit nicht die gewohnte Herangehensweise an eine wissenschaftliche Arbeit wählen kann, die bei einer klaren inhaltlichen Strukturierung ansetzt. Wie beginnt man also an einer wissenschaftlichen Arbeit zu schreiben, die sich nicht klar strukturieren lässt und die ein Arbeiten im Prozess erfordert?

Dem Rat meiner Bachelorarbeit-Betreuerin Frau Prof. Dr. Schönberger folgend begann ich mit einer biographischen Retrospektive, in der ich Erinnerungen, Eindrücke, Erfahrungen und Erlebnisse meiner Kindheit und Jugend sammelte, die ich in Bezug auf meinen Weg zu einem ökologischen und bewussten Leben als bedeutsam und prägend empfand. Mit der Zeit entstanden detailreiche narrative Ausschnitte des familiären Lebens, die alltagsweltliche Situationen, erlebte und mitgelebte Handlungen sowie vermittelte Werte und Einstellungen aufgriffen.

Im zweiten Schritt folgte eine Introspektive, deren Fokus sich auf meine gegenwärtige Lebenspraxis richtete und dabei sowohl mein konkretes Tun als auch die damit verbundenen Überlegungen und Beweggründe in den Blick nahm. Ebenso reflektierte ich die sich daraus ergebenden Konsequenzen für meine Lebensgestaltung und die dabei erlebten Hindernisse und inneren Widersprüche. Um zu einer autoethnographischen Betrachtung zu gelangen, musste ich die biographische Retrospektive mit dem gegenwärtig Gelebten in einen Kontext stellen. Mein Blick richtete sich dabei auf meine biographischen Prägungen. Die Herausforderungen, die ich dabei erlebte, reflektiere ich am Ende der Arbeit in einem persönlichen Resümee.

Mein autoethnographisches Porträt umfasst Texte, die biographische Rückblicke und Schilderungen meiner gegenwärtigen Lebenspraxis thematisch zusammenfassen.

Es beginnt mit einer Reflexion über mein Studium und darüber wie dieses meine heutige Sicht auf die Welt geprägt hat. Anschließend werfe ich einen Blick zurück auf „meine politischen Eltern", um zu verdeutlichen, in welche Familie ich hineingeboren wurde. Wie der Titel bereits vermuten lässt, schreibe ich im Unterkapitel „Wie mich das Thema Umweltschutz durch meine Kindheit und Jugend begleitete" über meine früheren Begegnungen mit dem Thema Umweltschutz.

In den weiterführenden Textpassagen vermischt sich die biographische Retrospektive mit gegenwärtigen Einblicken in meine Lebenspraxis. In „Bio - eine Überzeugungstat" schreibe ich darüber, welche Rolle eine ökologische Ernährungsweise bei uns zu Hause spielte und welche Wichtigkeit sie heute für mich besitzt. Abgerundet wird dieser Themenschwerpunkt durch eine Reflexion über meine fleischlose Ernährung (Fleisch - nein danke).

„Umweltfreundlich unterwegs sein" greift die gelebte Alltagsmobilität meiner Familie auf und setzt sie in Beziehung zu meinem heutigen Mobilitätsverhalten. In „Konsum und Besitz - eine Herausforderung" reflektiere ich die erlebte und mitgelebte Art und Weise meiner Eltern, mit Konsum und materiellem Besitz umzugehen. Außerdem schildere ich, wie ich als junger Erwachsener ein Gegenmodell dazu entwickelte und schließlich seit Beginn meines Studiums einen ähnlichen Weg einschlage wie meine Eltern, dabei jedoch auch persönliche Widersprüche in meinem Konsumverhalten erlebe. In einem weiteren autoethnographischen Abschnitt widme ich mich dem Selbermachen, das in meiner Familie eine gewisse Tradition besitzt.

„Mein Vater, der Öko-Dogmatiker" beschreibt die Schwierigkeiten, die ich als Heranwachsender mit meinem Vater und seinem konsequent umweltbewussten Handeln erlebte. Abschließend widme ich mich in „Der Umwelt zuliebe" den umweltbewussten Alltagshandlungen meiner Familie und beleuchte dabei ebenso meine heutigen Alltagstätigkeiten im Kontext meines WG-Lebens.

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, wird das autoethnographische Porträt durch die „theoretisch-reflexive Gesamtbetrachtung" in einen theoretischen Kontext gestellt und analytisch reflexiv betrachtet. Neben der Milieuforschung werden in der Gesamtbetrachtung sowohl Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung als auch Aspekte der Sozialisationstheorie und Überlegungen der Kultursoziologie aufgegriffen. Die „theoretisch-reflexive Gesamtbetrachtung" beginnt mit einem Blick auf die Milieuforschung, um meine Familien anschließend im Milieukontext verorten zu können. Die Gesamtbetrachtung hindurch werden immer wieder Querverweise zum Milieukontext unternommen. Anschließend gehe ich der Frage nach, wie sich meine familiensozialisatorischen Prägungen erklären lassen. In den reflexiven Vertiefungen greife ich einzelne Aspekte des autoethnographischen Porträts nochmals auf und stelle sie in einen theoretischen Rahmen. Hervorheben möchte ich an dieser Stelle die Auseinandersetzung mit den Widersprüchen, die ich in Bezug auf mein Konsumverhalten erlebe. Abgerundet wird die Gesamtbetrachtung durch einen theoretisch-reflexiven Blick, der meine gegenwärtige Lebenspraxis als „ persönliches Entwicklungsprojekt" unter die Lupe nimmt.

Dem autoethnographischen Porträt ist ein theoretischer Exkurs vorangestellt über nachhaltige Lebensstile, der einen kurzen Einblick in den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung in Bezug auf nachhaltige Lebensstile geben soll. Mit diesem wissenschaftlichen Blick auf nachhaltige Lebensstile möchte ich den inhaltlichen Zugang zur eigenen autoethnographischen Forschung meines ökologischen und bewussten Lebens erleichtern. Es erscheint mir sinnvoll zu sein, mit einem gewissen Vorverständnis mein autoethnographisches Porträt zu lesen.

3 Theoretischer Exkurs: Nachhaltige Lebensstile

Dass wir in unserer Gesellschaft unsere Lebensweisen überdenken und neue ökologische Formen der Lebensgestaltung finden müssen, ist wesentlicher Bestandteil eines sehr breit und kontrovers geführten Diskurses über Nachhaltigkeit. Denn die Entwicklung hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft gelingt nur dann, wenn auch die Lebensweisen der Menschen dem Postulat der Nachhaltigkeit folgen. Eine nachhaltige Entwicklung setzt einen schonenden und erhaltenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen voraus. Hier und heute sollen die Menschen nicht zulasten von Menschen in anderen Regionen der Erde und nicht auf Kosten zukünftiger Generationen leben. Der nachhaltigen Entwicklung liegt ein Gesamtkonzept zugrunde, das ökologische Verträglichkeit, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit als gleichrangige Ziele verfolgt. Dem Gedanken der Nachhaltigkeit geht die Forderung voraus, diese Erde auf Dauer und für alle Menschen unter lebenswerten Bedingungen zu erhalten. „Im Gefolge des Rio- Kongresses [Anm. d. Verf.: UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992] wurden Diskurse zur nachhaltigen Gestaltung von Lebensstilen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und auf unterschiedlichen politischen Ebenen in Gang gesetzt." (Rink 2002, S. 7)

Die in der modernen Gesellschaft inhärenten Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen stehen für die Herausbildung einer Vielzahl von unterschiedlichen Lebensstilen. „Lebensstile fungieren für ihre individuellen Träger als sinnstiftendes Selbstbild, in Verbindung mit einem wachsenden Interesse an Assimilation (nach innen), Distinktion (nach außen) und Prätention." (Schubert 2000, S. 53) Nach Lütdke umfassen Lebensstilkonstrukte folgende drei Dimensionen: erstens Orientierung, Wahrnehmung und Denken (vorherrschenden Lebensthemen, Ziele, Interessen und Werte), zweitens konkretes Verhalten (Tätigkeiten, Kontakte, Mitgliedschaften, Arbeits- und Freizeitmuster und Konsumgewohnheiten) und drittens Ausstattung mit materiellen Ressourcen und kulturellen Symbolen (Wohnung, Auto, Haushaltsausstattung und Freizeitgüter) (vgl. Lüdtke 1989, S.16f). Lebensstile gelten als relativ beständige Muster des Verhaltens und der Selbstdarstellung, nach denen Individuen ihren Alltag organisieren. Sie sind subjektiv sinnvoll erprobte und damit zwangsläufig angeeignete, habitualisierte oder bewährte Kontexte der Lebensorganisation, die mit einem Kollektiv geteilt werden und dessen Mitglieder sich deshalb als sozial ähnlich wahrnehmen und bewerten (vgl. ebd. 1989, S. 40).

Innerhalb der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung gib es mittlerweile ein breites Feld, das sich mit Lebensstilen im Kontext der Nachhaltigkeit beschäftigt. Dabei geht es häufig um eine Empirie-gestützte Typisierung unterschiedlicher Lebensstile und um ihre jeweilige ökologische Orientierung. „Lebensstilbezogene Studien setzen auf der symbolischen-kulturellen und insbesondere an der expressiven Dimension des Alltagshandelns an." (Poferl 2004, S. 111) Die Auswahl der untersuchten Dimensionen und Lebensstilindikatoren in Bezug auf Nachhaltigkeit sind dabei sehr unterschiedlich und bilden Mentalitäts-, Werte- und Verhaltensmuster im Hinblick auf Ästhetisierung, Stilisierung und Distinktion ab. Sie nehmen zudem materielle Dimensionen, sozialen Status, Bildungshintergründe und Milieuzugehörigkeiten in den Blick. Im Kontext der Umweltsozialwissenschaften wird unter einer ökologischen Ausrichtung von Lebensstilen meist ein allumfassender Wandel der Gewohnheiten verstanden, der umwelt- und ressourcenschonende Effekte impliziert. „Derartig ,umwelt- und ressourcenschonende Effekte' sollen sich hauptsächlich auf den Bereich des privaten Konsums, der Haushaltsführung sowie auf das individuelle Mobilitäts- und Freizeitverhalten beziehen." (Schubert, 2000, S. 57) Die Idealvorstellungen ökologisch orientierter oder nachhaltiger Lebensstile legen ihren Fokus somit auf eine absolute Verringerung umweltbelastender Verhaltensweisen und Lebensgewohnheiten sowie auf materielle Selbstbegrenzung und das Bevorzugen umweltfreundlicher Alternativen.

Rink verweist darauf, dass es nicht möglich sei, eine zahlenmäßig nennenswerte Personengruppe von Ökopionieren zu identifizieren, welche sich in allen Verhaltensbereichen des Alltags durch konsistent-umweltschonendes Verhalten auszeichnen. Stattdessen lassen sich vielfältige ökologische Patchwork-Lebensstile beobachten, die unterschiedlich starke ökologische Verhaltensorientierungen in den verschiedenen Bereichen des ökologisch relevanten Alltags ausweisen (vgl. Rink 2002, S. 87). „Das ,Pluralisierungsphänomen' (Rheingans 1997, S. 135) impliziert also mit Blick auf Lebensstile und Ökologie, dass Umweltbewusstsein und umweltbezogenes Handeln quer zu den Lebensstil-Typologien liegen und dass, je nach Lebensstil und Handlungsbereich, unterschiedliche Anknüpfungspunkte für Nachhaltigkeitsstrategien existieren." (Scholl u. Hage 2004, S. 21)

Schubert verweist innerhalb der pluralen Lebensstilwirklichkeiten auf einen „suffizienten Lebensstilpol", welcher als idealtypische Beschreibung einer strikten Ökologisierung von Lebensstilen dient (vgl. ebd. 2000, S. 115). Die Grundidee solcher Lebensstilmodelle lässt sich auf die Prämisse „Gut leben, statt viel haben" beziehen. „Suffiziente Lebensstile haben einen ethisch normativen ökologischen Charakter, eben weil der Schutz der natürlichen Umwelt, Bestandteil der Lebensphilosophie der Träger suffizienter Lebensstile ist." (Schubert 2000, S. 116) Für die Träger suffizienter Lebensstile spielen Gütergebundenheit und materieller Besitz eine weniger starke Rolle, Genügsamkeit und Selbstbegrenzung sind Teil des persönlichen Lebenskonzeptes. Suffiziente Lebensstilmuster sind gekennzeichnet durch eine stringente umweltverantwortliche Ausrichtung ganzer Verhaltensbereiche, die zum Teil mit einem hohen persönlichen Aufwand sowie individuellen Transaktions- und Handlungskosten verbunden sind. „Die Selektion von Handlungsalternativen erfolgt auf der Grundlage eines allgemein hohen Umweltbewusstseins, das Verhalten der Individuen kann daher im Weberschen Sinn als wertrationales Handeln betrachtet werden." (Schubert 2000, S. 117) Kroneberg verweist darauf, dass nach Max Weber wertrationales Handeln dadurch gekennzeichnet, sei: [...] dass ein Akteur sein Handeln konsequent planvoll an bewusst herausgearbeiteten Werten ausrichtet, ohne andere Folgen in Betracht zu ziehen." (Kroneberg 2007, S. 215)

4 Autoethnographisches Porträt

Der nun folgende Teil der Arbeit widmet sich ganz der autoethnographischen Selbstbeforschung, die sowohl meine gegenwärtige Lebenspraxis in den Blick nimmt als auch eine biographische Retrospektive vollzieht. Bevor ich damit beginne, möchte ich noch auf einige relevante biografische Eckpunkte eingehen: Aufgewachsen bin ich in Konstanz am Bodensee, dort lebte ich mit meinen Eltern in einer Wohnung, in der meine Mutter bis heute wohnt. 2005 erkrankte mein Vater an Parkinson und lebte die letzten zwei Jahre bis zu seinem Tod im Sommer 2011 in einem Pflegeheim. Meine Schulzeit verbrachte ich in einer Waldorfschule in Kreuzlingen, dem Schweizer Nachbarort von Konstanz. Nachdem ich diese beendet hatte, begann ich mit einer Ausbildung zum Erzieher, 2009 folgte dann mein Studium in München.

4.1 Die Nachhaltigkeit und ich - mein Studium

2009 bewarb ich mich für den Studiengang Management Sozialer Innovationen an der Hochschule München, nachdem ich auf der Homepage der Fakultät gelesen hatte, dass sich dieser Studiengang mit den drängenden gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit beschäftigt und Fachwissen vermittelt, um soziale Innovationen und neue Lösungsansätze anregen, begleiten, beteiligungsorientiert steuern und evaluieren zu können. Das war genau das Richtige für mich. Ich sehnte mich geradezu danach, mich in einem wissenschaftlichen Kontext intensiver mit den gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit auseinanderzusetzen und war gespannt darauf, was ich alles lernen würde.

In den vergangenen dreieinhalb Jahren meines Studiums habe ich mir eine große Menge neuen Wissens aneignen können. Von Beginn an fand bei mir eine intensive Auseinandersetzung mit den Inhalten meines Studienganges statt. Gegenstand vieler Vorlesungen und Seminare waren die - unsere Moderne prägenden - gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Transformationsprozesse und die dabei entstandenen Problemfelder. Intensiv beschäftigten wir uns mit daraus resultierenden notwenigen gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und ökonomischen Veränderungen und möglichen Innovationspotenzialen, die zumeist im Kontext einer nachhaltigen Entwicklung standen. Ich begann zu verstehen, dass die wohl größte Aufgabe der Menschheit in den kommenden Jahrzenten darin besteht, Wirtschafts-, Gesellschafts- und Lebensformen zu finden, die dem Leitbild der Nachhaltigkeit entsprechen.

Insbesondere Frau Prof. Dr. Kropp war es, die uns in ihren Vorlesungen mit ihren Überlegungen und ihren vorgegebenen Unterrichtstexten zu einem kritischen Nachdenken anregte und mit uns Diskussionen über die Lage der Welt führte. Wir sprachen z. B. über die Veränderung des Sozialstaates und der Arbeitswelt, über soziale Ungleichheit und Prekarisierung, über unsere kapitalistische Wirtschaftsordnung und wie diese das menschliche Zusammenleben moderner Gesellschaften bestimmt. Einige von uns, zu denen auch ich gehörte, befassten sich sehr intensiv mit all diesen Fragen. In mir wurde das Gefühl immer stärker, dass unglaublich viel falsch in unserer Welt läuft und die Menschheit auf einen ökologischen und sozialen Kollaps zusteuert. Gewaltige Veränderungen werden vonnöten sein, wenn wir dies verhindern wollen - und die Zeit läuft uns regelrecht davon.

Ein Text, der mich besonders zum Nachdenken brachte, stammt aus dem Buch „Klimakriege" von Harald Welzer (2012). Darin schreibt er darüber, warum es uns so schwer fallt, global gesehen verbindliche Lösungsstrategien für die Klimaerwärmung zu entwickeln und umzusetzen. Ich verstand, dass die Problematik darin liegt, dass Ursache und Folge nicht unmittelbar zeitlich miteinander verbunden sind sowie in einer globalen Verantwortlichkeit für diese Umweltveränderung, die es uns trotz Ursachenforschung und Folgeprognosen fast nicht möglich macht, die Risiken für uns als einzelne Personen rational zu erfassen.

Frau Kropp nahm in ihren Vorlesungen des Öfteren Bezug auf Ergebnisse der Klimaforschung. Ihre Ausführungen sensibilisierten mich für die Brisanz des Klimawandels, weshalb ich mir das Buch „Der Klimawandel" von S. Rahmstorf und H.J. Schellnhuber (2006) kaufte. Ich begann zu verstehen, wie komplex das Ursachen- und Wirkungsgeflecht des Klimawandels ist und vor welcher Herausforderung die Menschheit angesichts des sich erwärmenden Klimas steht.

Während meines Studiums habe ich angefangen, mich ausführlich mit dem Ausmaß der ökologischen Krise auseinanderzusetzen. Ich begann darüber im Internet zu recherchieren, mich in Blogs und Foren zu informieren, Umweltstudien und Sachbücher zu lesen, Medienberichte zu verfolgen und mir Dokumentarfilme anzusehen. Durch Bücher wie „Was verträgt unsere Erde noch? Wege in die Nachhaltigkeit" von Jill Jäger (2007) bekam ich einen Einblick in die komplexe Thematik des globalen Ressourcenverbrauchs. Ich begriff, welche gewaltigen Mengen Natur wir Menschen verbrauchen und zerstören.

Auch konnte ich mir ein tieferes Verständnis für die ökonomischen Zusammenhänge aneignen, die unsere kapitalistische freie Marktwirtschaft bestimmen. Wir Studenten führten etliche kritische Diskussionen darüber, ob diese ökonomischen Zielsetzungen die richtigen seien. Mir selbst kamen große Zweifel an unserem Wirtschaftsmodell und ich begann mich intensiver mit wachstumskritischen Theorien zu beschäftigen. Ihnen allen gemein ist ein Infragestellen des gegenwärtigen Wirtschafts-, Wohlstands- und Konsummodells und der diesem immanenten modernen Lebensweise. In ihrem systemischen Zusammenhang werden die Ursachen für die globale Schädigung der Ökosysteme gesehen, die Klimaerwärmung durch Treibhausgasemissionen und die ökologische Zerstörung durch Ressourcen und Flächennutzung. Das gegenwärtige globale Wirtschaftsmodell basiert auf Wachstumszwängen, die permanent Emissionsraten erhöhen und den Verbrauch von Ressourcen steigern. „Unser ohne Wachstum nicht zu stabilisierender Wohlstand ist das Resultat einer umfassenden ökologischen Plünderung." (Paech 2011, S. 10) Die Protagonisten des wachstumskritischen Diskurses fordern einen tiefgreifenden wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandel, der nicht nur eine ökonomische Abkehr vom Wachstumsparadigma impliziert, sondern auch die Entwicklung neuer Konsum- und Wohlstandskonzepte. Ziel ist außerdem die Kultivierung von gesellschaftlichen und individuellen Daseins- und Lebensformen, die dem Postulat der Nachhaltigkeit folgen und sich am Suffizienzprinzip orientieren.

In den letzten Jahren entwickelte ich ein starkes Interesse an alternativen Wirtschaftsmodellen wie der Gemeinwohlökonomie und dem Bedingungslosen Grundeinkommen. Mir gefällt die Idee, dass ein Wirtschaftssystem nicht auf Profit, sondern auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist, was zugleich ein ökologisch nachhaltiges Wirtschaften erfordert. Ebenso gibt es für mich viele gute Gründe für ein Bedingungsloses Grundeinkommen: Befreiung von Existenzängsten und vom Zwang zur Arbeit, die Möglichkeit weniger zu arbeiten, um sich um Familie und Gesellschaft zu kümmern und die Chance, Tätigkeiten nachzugehen, die sinnvoll und richtig erscheinen. Wenn es aufgrund von Rationalisierung immer weniger Erwerbsarbeit gibt und zudem immer mehr prekäre Erwerbssituationen entstehen, dann wäre ein Grundeinkommen in meinen Augen genau das Richtige.

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Details

Titel
Mein Weg zu einem bewussten und ökologischen Leben.
Untertitel
Eine Autoethnographie
Hochschule
Hochschule München  (Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Management Sozialer Innovationen
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
64
Katalognummer
V263142
ISBN (eBook)
9783656534709
ISBN (Buch)
9783656540496
Dateigröße
599 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autoethnographie, Milieuforschung, nachhaltiger Lebensstil, sozialwissenschaftliche Umweltforschung, Lebenswelt
Arbeit zitieren
Lukas Jaeger (Autor), 2013, Mein Weg zu einem bewussten und ökologischen Leben., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263142

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