Familie in der Krise? Zukunftsfähigkeit der Familie!?


Bachelorarbeit, 2012

31 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichte der Familie - ein historischer Überblick
2.1 Die vorindustrielle Bauernfamilie
2.2 Die bürgerliche Familie
2.3 Familie heute

3. Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Familie

4. Familien- und Kinderfreundlichkeit

5. Ein Blick in die Zukunft

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellen

1. Einleitung

„Was ist los mit der Familie, dass die sie erforschende Fachgemeinde nach ihrer Zukunft Ausschau hält? Die Fortdauer der Geburten auf niedrigem Niveau, eine wachsende Zahl von älter werdenden Paaren ohne Kinder und auch der vielfach konstatierte Wandel der Familienformen scheinen ausreichend Stoff für Irritationen zu liefern.“1

Dieses Zitat thematisiert das Anliegen der vorliegenden Arbeit. Verschiedene Autoren behandeln in ihren Veröffentlichungen der letzten Jahre die Frage nach einer Krise der Institution Familie. Die Meinungen zu diesem Thema gehen auseinander: Während einerseits die Entwicklungen als Deinstitutionalisierungsprozesse bezeichnet und bedauert werden, werden andererseits die Vorteile einer Zunahme von individueller Freiheit und Wahlmöglichkeit bezüglich der pluralisierten Lebensformen benannt.2

Diese verschiedenen möglichen Lebensformen sind eine Folge der gegenwärtigen de- mografischen Entwicklung.3 Die demografischen Trends haben - zum Teil gravierende-Auswirkungen auf die Gesellschaft und die sozialen Sicherungssysteme.4 Wichtiger für die vorliegende Arbeit sind die Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Familie, denn Diskussionen um eine Krise der Familie gehen einher mit Verweisen auf den beträchtlichen Rückgang der Geburtenrate,5 begleitet von einem Anstieg der Schei- dungsziffern.6

Befindet sich die Familie in einer Krise? Wie ist es um ihre Zukunftsfähigkeit bestellt? Diese Thematik wird anhand einer Diskussion der veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamtes Deutschland und deren Ursachen, sowie einer Klärung der Gründe zur Entscheidung für oder gegen eine Familie und der Erläuterung von Thesen und Trends verschiedener Autoren untersucht.

Zur kritischen Auseinandersetzung mit der Thematik der folgenden Arbeit wird zu- nächst die historische Entwicklung der Familie aufgezeigt. Form und Struktur der Fami- lie haben sich im Lauf ihrer Geschichte merklich verändert. Zur Hinführung auf die heutige Situation werden hier die Bauernfamilie und die bürgerliche Familie dargelegt.

Anschließend wird die gegenwärtige Situation der Familie ausdifferenziert, sowie der Begriff der Familie eingegrenzt und definiert.

Im anschließenden Teil wird der demografische Wandel in Deutschland näher erläutert, indem seine Auswirkungen auf die Familie näher analysiert werden. Dies erfolgt anhand einer Ausdifferenzierung des Rückgangs der Geburtenrate und der Zahl der Eheschließungen sowie einer Zunahme der Ehescheidungen.

Darauf folgen Überlegungen zur Familien- und Kinderfreundlichkeit in Deutschland unter besonderer Beachtung der Handlungsmöglichkeiten einzelner Kommunen und die Betrachtung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Schließlich werden Entwicklungstrends und Zukunftstendenzen der Familie aufgezeigt. Dies geschieht anhand der Vorstellung verschiedener Thesen und Trends. Abschließend hierzu werden Maßnahmen erläutert, die zur Erhaltung und Förderung der Familie be- reits erfolgt sind.

2. Geschichte der Familie - ein historischer Überblick

Die Familie wird als ein konstantes, soziales Gebilde angesehen, welches alle Kulturen, Zeiten und Räume durchläuft und überdauert. Zur Geschichte der Familie gibt es eine Vielzahl von Zugängen und Theorien, weshalb eine Eingrenzung sich als schwierig erweist,7 eine vollständige chronologische Darlegung der Familiengeschichte kann somit aus Gründen des Umfangs hier nicht erfolgen.

„Die Familie als Urform menschlicher sozialer Existenz […], die sich in allen Räumen, Kulturen und Zeiten findet […]“8, ist Burkhard Fuhs zufolge ein Mythos.9 Karl Lenz und Lothar Böhnisch sprechen in diesem Zusammenhang von einem dreifa- chen Mythos: Erstens der „Harmoniemythos“, welcher meint, das frühere Familienleben sei durch Wohlklang, Einigkeit und Zufriedenheit geprägt gewesen. Zweitens der „Größenmythos“, dem zufolge die Größe einer Familie früher mehrere Generationen umfasste und drittens der „Konstanzmythos“, der besagt, dass Familie einen dauerhaften Bestand durch emotionale Verbundenheit erfährt.10 Von einem Mythos kann auch in Bezug auf die Theorie des Vorhandenseins einer vor- industriellen Großfamilie in West- und Mitteleuropa gesprochen werden, denn die Haushalte umfassten nur etwa drei bis vier Personen. Anders in Ost- und Südeuropa, hier lebten etwa zehn Personen unter einem Dach. Dies war nur dort möglich, wo die wirtschaftlichen Voraussetzungen gegeben waren, beispielsweise auf einem Bauern- hof.11

2.1 Die vorindustrielle Bauernfamilie

Eine Familienform der vorindustriellen Zeit (18. Jahrhundert) war die bäuerliche Fami- lie oder auch Bauernfamilie. Ein Kernmerkmal dieser Gesellschaftsschicht war die Bin- dung an den Bauernhof. Dieser wurde innerhalb der Familie geerbt und vererbt, was eine Beständigkeit des familialen Haushalts und das Weiterbestehen der Mehrgenerati-onenfamilie sicherte.12 Die bäuerliche Familie bildete eine ökonomische Einheit mit einer Vielzahl an Funktionen. Familienoberhaupt war der Hausvater. Ein weiteres Merkmal stellte die Einheit von Lebens- und Produktionsstätte dar.13 Darüber hinaus war die Familie durch ein einheitliches Konsumverhalten geprägt, die eigenen Produk- tionsgüter standen dabei im Mittelpunkt. Einheit bestand auch in Bezug auf die Wohnsi- tuation, weshalb ein Privatleben mit Intimsphäre und Möglichkeiten zur individuellen Entfaltung nicht gegeben war.14 Das gesamte Leben und der Arbeitsalltag richteten sich vorwiegend nach dem Wechsel der Tages- und Jahreszeiten.15 Eine eigenständige kind- liche Lebenswelt gab es nicht,16 denn Franz Bölsker-Schlicht zu Folge „[…] gab es auch für die heranwachsenden Kinder keinerlei Möglichkeit, sich den Zwängen des bäuerlichen Arbeitsalltages zu entziehen. Eine systematisch-planvolle, auf die Vermittlung bestimmter Einstellungen und Tugenden zielende Erziehung konnte es unter diesen Bedingungen ebenso wenig geben wie ein von Emotionalität und Innigkeit geprägtes Familienleben. […]. [E]ine auf Einsicht und Reflexion zielende Belehrung, die über das Unmittelbar-Pragmatische hinaus ging, [dürfte] eher die Ausnahme gewesen sein […].“17

Da die Schule lange Zeit eine untergeordnete Rolle spielte, geschah das, was die Kinder lernten, in der Regel durch Nachahmung und Lernen vom Älteren.18 Sie wurden früh in den Arbeitsalltag integriert. Da das Leben rund um den Bauernhof und die Arbeit auf demselben ausgerichtet war, stellte die Bauernfamilie „[…] ein weitgehendes Sozialisationsmonopol“19 dar. In Fällen, in denen die Familie keine eigenen Kinder im erforderlichen Alter hatte, nahmen diese Rolle oftmals Mägde und Knechte ein, was folglich einen Einfluss auf die Familiengröße hatte.20

In Bezug auf die Familiengröße muss darüber hinaus erwähnt werden, dass es bereits zur damaligen Zeit vielfältigere Familienformen gab, als lange Zeit vermutet: Alleiner- ziehende, Patchworkfamilien, Stieffamilien und kinderlose Paare.21 Der Unterschied zu heutigen Familienformen liegt im Aspekt der Freiwilligkeit: Während heute viele Fami-lien ihre „Form“ frei wählen, war diese in der vorindustriellen Zeit durch zwingende Notwendigkeit geprägt.22

Woher die heute weitverbreitete Annahme über die vorindustrielle Großfamilie als mehrere Generationen umfassend und in Idylle lebend kommt, erklärt Bölsker-Schlicht folgendermaßen: Erst zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert waren charakteristische, bäuerliche Großfamilien häufig zu finden.23 Dies resultierte aus den stetig besser werdenden Lebensumständen, etwa der medizinischen und wirtschaftlichen Versorgung und der somit höheren Lebenserwartung. Dieser Zustand wurde auch „[…] der weiter zurückliegenden Geschichte […]“24 unterstellt.25

Das Verhältnis zwischen Mann und Frau lässt sich wie folgt beschreiben: Der Mann war der Herr über die männlichen Arbeitskräfte, während die Frau über die weiblichen Arbeitskräfte bestimmte. Die Arbeitsbereiche waren ebenfalls klar geregelt. Männer wurden beispielsweise mit Aufgaben betreut, die Körperkraft erforderten und räumlich weiter vom Bauernhof entfernt lagen. Den Frauen wurden hingegen Aufgaben wie die Milchwirtschaft auferlegt. Des Weiteren verfügte die Bäuerin über die Regentschaft im Haus, während der Bauer sich um gesellschaftliche Angelegenheiten kümmerte.26 Aus- führungen Reinhard Sieders zu Folge war es für den Mann von großer Bedeutung, eine Kontrolle über seine Ehefrau zu haben. Der Bauer begegnete allem mit Argwohn und Skepsis, was unbekannt war und einen möglicherweise schädlichen Einfluss auf seine Frau hatte.27

Hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Mann und Frau müssen auch Partnerwahl und Heirat angeführt werden. Eine Heirat war zu dieser Zeit unvermeidbar, denn nur ein verheiratetes Ehepaar konnte an der Spitze einer Bauernfamilie und somit des Bauern- hofs stehen. Ein Ehestand war also Voraussetzung, um einen Bauernhof zu erben.28 Starb ein Ehepartner, war es zwingend notwendig, erneut zu heiraten, oftmals einen erheblich jüngeren Partner. Da die Sterblichkeitsrate von Frauen während der Geburt eines Kindes im 18. Jahrhundert sehr hoch war, waren es häufiger die Männer, die er- neut heiraten mussten.29 Die Chancen auf dem Heiratsmarkt waren in hohem Maße vom Besitz der Eltern, des zu erwartenden Erbes oder der Mitgift und der eigenen körperli-chen Konstitution abhängig. Es ist also logisch, dass eine rein persönliche und autono-me Wahl des Partners nicht erfolgen konnte.30 Ein weiterer Grund dafür war, dass die Partnerwahl auch den gesamten Haushalt und wirtschaftlichen Betrieb betraf und beein- flusste und somit persönliche Vorlieben zurückgestellt werden mussten.31 Die Rolle der Kinder und Jugendlichen in Bauernfamilien war vor allem durch die Tä- tigkeit als Arbeiter und Erben geprägt. Zuwendung und Zeit der Eltern, wie sie heute geschätzt werden, gab es im 18. und 19. Jahrhundert selten, denn die Art und Weise des Aufwachsens von Kindern unterschied sich deutlich von der heutigen.32 Die fehlende Aufmerksamkeit, besonders der Mutter, schlug sich in der Entwicklung der Kinder - und hier vor allem der Säuglinge - nieder. Als ein Beispiel kann das so genannte „Steckwickeln“33 dienen. Um während der Arbeitszeit ruhig gestellt zu sein, wurden Kinder so fest eingeschnürt, dass ihre motorischen Fähigkeiten verzögert ausgebildet wurden. Da ein Wechsel der Windeln nicht regelmäßig erfolgte, was Wundstellen und Infektionen nach sich zog, trug dies erheblich zur Säuglingssterblichkeit bei.34 Sieder zu Folge ist „[f]ür viele europäische Regionen […] belegt, da[ss] die Phasen erhöhter Ar- beitsintensität in der Landwirtschaft mit erhöhter Säuglingssterblichkeit einhergin- gen.“35

Aufgrund der hohen Arbeitszeiten wurden Kinder und Säuglinge oftmals Ziehmüttern anvertraut, was keine Verbesserung des Heranwachsens für die Kinder bedeutete, denn den Ziehmüttern, ebenso wie den Müttern, fehlte es an Einfühlungsvermögen für die ihnen anvertrauten Kinder.36 Dies resultierte wiederum daraus, dass sich der Einzelne in das feste Gefüge des Dorfes und der Familie einzugliedern hatte, individuelle und per- sönliche Bedürfnisse und Entwicklungen waren unwichtig, hierfür gab es in der Ge- meinschaft keinen Platz.37 Zwar hatten Mütter auch Gefühle und Emotionen gegenüber ihren Kindern, diese wurden aber anders erfahren und ausgedrückt:38 „[…] nicht intros- pektiv über Empathie und Sprache, sondern durch Symbole und rituelle Verhaltenswei- sen.“39

[...]


1 Lenz, K.: Haben Familien und Familiensoziologie noch eine Zukunft? In: Burkart, G. (Hrsg.): Zukunft der Familie. Prognosen und Szenarien. Zeitschrift für Familienforschung, Sonderheft 6. Opladen/Farmington Hills, MI 2009. Verlag Barbara Budrich. S. 73-90 (74).

2 Vgl. Nave-Herz, R.: Familie heute. Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die Erziehung. Darmstadt 2009. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. S. 13.

3 Vgl. Peuckert, R.: Zur aktuellen Lage der Familie. In: Ecarius, J. (Hrsg.): Handbuch Familie. Wiesbaden 2007. VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage. S. 36-56 (40).

4 Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Familien- und Kinderfreundlichkeit. Prüfverfahren - Beteiligung - Verwaltungshandeln. Ein Praxishandbuch für Kommunen. Stuttgart 2002. W. Kohlhammer Verlag. S. 30.

5 Vgl. Peuckert, R.: Familienformen im sozialen Wandel. Wiesbaden 2008. VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage. S. 17.

6 Vgl. Sieder, R.: Sozialgeschichte der Familie. Frankfurt am Main 1987. Suhrkamp Verlag. S. 259.

7 Vgl. Fuhs, B.: Zur Geschichte der Familie. In: Ecarius, J. (Hrsg.): Handbuch Familie. Wiesbaden 2007. VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage. S. 17-35 (17 f).

8 Fuhs, B. 2007, S. 18.

9 Vgl. ebd.

10 Vgl. Lenz, K./Böhnisch, L.: Zugänge zu Familien - ein Grundlagentext. In: Dies. (Hrsg): Familien. Eine interdisziplinäre Einführung. Weinheim/München 1997. Juventa-Verlag. S. 9-63 (11).

11 Vgl. Mühlfeld, C./Viethen, M.: Familie in der Krise? Familienwissenschaften im Spannungsverhältnis zwischen Zeitdiagnostik und Krisenszenarien. Augsburg 2009. Maro Verlag. S. 21 f.

12 Vgl. Bölsker-Schlicht, F.: Der Wandel des Familienlebens seit dem Mittelalter. In: Laer, H. von/ Kürschner, W. (Hrsg.): Die Wiederentdeckung der Familie. Probleme der Reorganisation von Gesellschaft. Münster 2004. LIT Verlag München. S. 35- 53 (39).

13 Vgl. ebd. S. 40.

14 Vgl. ebd. S. 42.

15 Vgl. ebd. S. 40.

16 Vgl. ebd.

17 Ebd.

18 Vgl. Sieder, R. 1987, S. 46.

19 Bölsker-Schlicht, F. 2004, S. 40.

20 Vgl. ebd. S. 40 f.

21 Vgl. ebd. S. 45.

22 Vgl. Peuckert, R. 2008, S. 17.

23 Vgl. Bölsker-Schlicht, F. 2004, S. 45.

24 Ebd.

25 Vgl. ebd.

26 Vgl. Sieder, R. 1987, S. 28 ff.

27 Vgl. ebd. S. 36.

28 Vgl. ebd. S. 59.

29 Vgl. ebd. S. 60.

30 Vgl. ebd. S. 60 f.

31 Vgl. ebd..

32 Vgl. ebd. S. 38 f.

33 Ebd. S. 40.

34 Vgl. ebd.

35 Ebd.

36 Vgl. Ebd. S. 42.

37 Vgl. ebd. S. 42 f.

38 Vgl. ebd. S. 43.

39 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Familie in der Krise? Zukunftsfähigkeit der Familie!?
Hochschule
Universität Trier
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
31
Katalognummer
V263383
ISBN (eBook)
9783656522096
ISBN (Buch)
9783656527787
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
familie, krise, zukunftsfähigkeit
Arbeit zitieren
Anna Frisch (Autor), 2012, Familie in der Krise? Zukunftsfähigkeit der Familie!?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263383

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