Die Rolle des Westens im Konflikt um Osttimor


Seminararbeit, 2004
14 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

1. Konfliktgegenstand: Osttimor

2. Die Westlichen Akteure im Konflikt um Osttimor
a) Portugal
b) Die Vereinigten Staaten von Amerika
c) Australien
d) Periphere Akteure (Europa und die BRD)

Messen mit zweierlei Maß (Schlussbetrachtung)

Literaturverzeichnis

Einleitung

Osttimor wurde am 20. Mai 2002 unabhängig und ist somit der jüngste Staat der Welt. Vorausgegangen waren eine mehr als 400 Jahre währende portugiesische Kolonialherrschaft, deren Ende eine nur wenige Tage währende Phase der Unabhängigkeit folgte. Die anschließende Invasion durch Indonesien im Jahre 1975 und die blutige Besatzung bzw. Annexion durch den großen Nachbarn, kostete im Konflikt mit dem osttimoresischen Unabhängigkeitsbestreben Schätzungen zufolge mehr als 200.000 Menschen das Leben.[1]

Im Folgenden soll zunächst dieser Konfliktgegenstand etwas näher erläutert werden. Danach wird auf die Rolle der westlichen Ländern eingegangen, deren Handeln bzw. Nicht-Handeln den Konflikt um die südostasiatische Inselhälfte entscheidend prägen sollte: Portugal als ehemaliger Kolonialherr des Landes, die Vereinigten Staaten von Amerika als politische und ökonomische Supermacht und Australien als regionale Großmacht.[2] Abschließend soll auch die Rolle der Bundesrepublik Deutschland und der europäischen Staaten nicht unerwähnt bleiben.

Es wird sich zeigen, dass diese westlichen Staaten durchweg (und das ist ihnen gemein) eine sehr ambivalente Politik im Bezug auf Osttimor verfolgten, welche von realpolitischem Kalkül und wirtschaftlichen Interessen geprägt war. Im Vergleich mit der Reaktion auf andere Konflikte stellt sich Frage, ob Menschenrechtsfragen diesen Interessen untergeordnet werden dürfen. Hintergehen diese Staaten damit nicht die Grundsätze, die sie an die Welt und an sich selbst stellen? Und wäre eine humanitäre Katastrophe in dem Ausmaße wie sie in Osttimor stattfand, durch entschiedenes und vor allem rechtzeitiges Handeln des Westens also zu verhindern gewesen? Ein genauerer Blick auf die Geschehnisse in und um die kleine Inselhälfte und die Reaktion des Westens darauf soll Auskunft darüber geben.

1. Konfliktgegenstand: Osttimor

Die Insel Timor liegt im Südosten des indonesischen Archipels, nur unweit von Australien entfernt. Seit dem 16. Jahrhundert eine portugiesische Kolonie, entwickelte sich Osttimor separat von der westlichen Hälfte der Insel, welcher, wie auch die größten Teile des heutigen Indonesiens, unter holländischer Verwaltung stand. Das Land umfasst 14609 Quadratkilometer Fläche und hat heute ca. 800 000 Einwohner.

Mit der Nelkenrevolution in Portugal im Jahre 1974, d.h. dem Sturz des dortigen diktatorischen Regimes und dem darauf folgenden Wandel hin zur Demokratie, begann auch die letzte europäische Kolonialmacht seine Gebiete zu entkolonialisieren und ihre Verwaltung von Osttimor abzuziehen. So war es möglich, dass sich erstmals politische Parteien, vornehmlich aus den Reihen der portugiesisch sprechenden Elite, auf Osttimor bildeten. Die größte von ihnen bildete die FRENTILIN (Revolutionäre Front für ein unabhängiges Osttimor) und verstand sich als ein „Sammelbecken aller Kräfte, die für die Eigenständigkeit eintraten – unabhängig von der politischen Überzeugung[3], ihre pro-integrationistischen Gegner bezichtigten sie aber dem Kommunismus nahe zu stehen, eine Behauptung die niemals belegt werden konnte. FRETILIN wusste als einzige Partei, die Bauern im Landesinnern und in den Bergen für sich zu gewinnen und erreichte somit auch in den (bis zum Jahre 2002) vorerst einzigen freien Wahlen in Osttimor im Mai 1975 die klare Mehrheit der Stimmen. Die Mitglieder der konservativen UDT (Demokratische Union Timors) hingegen standen der alten portugiesischen Kolonialverwaltung nahe und befürworteten dementsprechend auch den Verbleib in einer Art Föderation mit dem südeuropäischen Land. Später, als Portugal seine Kolonie offensichtlich im Stich zu lassen schien, setzte die UDT sich dann zunächst[4] für den Anschluss an Indonesien ein.

Den aus diesem Gegensatz resultierenden, sich gewaltsame entladenden Konflikt konnten die FRENTILIN vorerst für sich entscheiden. Sie kontrollierten nahezu das gesamte Land, wohingegen die UDT sich nach Westtimor zurückzog und zusammen mit anderen pro-indonesischen Kräften eine Anti-Kommunistische Koalition bildete. Diese Koalition mit dem Namen Movimiento Anti-Communista (MAC) forderte schließlich die indonesische Regierung unter General Suharto zur Intervention auf.

Zeitzeugen wie der letzte australische Konsul auf Osttimor, James Dunn, sind sich sicher, dass FRETILIN großen Zuspruch unter der Bevölkerung genoss und die Integration in Indonesien das „letzte war was die große Mehrheit der Osttimoresen wollte“.[5] Dennoch kam es schon sehr bald zu ersten Grenzprovokationen und am 16. Oktober 1975 gar zum Mord an fünf westlichen Journalisten durch indonesische Truppen. Die de facto Regierung der FRETILIN appellierte daraufhin an Lissabon, die Maßnahmen ihrer Entkolonialisierung zu beenden und alarmierte die Vereinten Nationen, jedoch ohne Erfolg. Am 28. November 1975 erklärte sie dann unilateral die Unabhängigkeit der Inselhälfte und rief die Demokratische Republik Osttimor aus.

Die Antwort Jakartas ließ nicht lange auf sich warten. So kam es am 7. Dezember zur Invasion in Osttimor, welches sich das Land nach verbitterten Kämpfen als 27. Provinz einverleibte. Mit äußerster Härte ging das Militär gegen den Widerstand seitens FRETILIN vor, welche sich zusammen mit großen Teilen der Bevölkerung in die Berge flüchtete. Die in den daraufhin folgenden Jahren verübten Gewalttaten und Massaker richteten sich gegen alle Schichten der Bevölkerung und waren somit keine „bedauerlichen Eskalationen einer Militäraktion“, sondern „in Jakarta kalkulierte“ Maßnahmen die den Widerstand seitens der Osttimoresen brechen sollten.[6]

Diesem Genozid - ein drittel der Bevölkerung kam nach Schätzungen bereits in den ersten Jahren ums Leben – wurde jedoch in den westlichen Medien so gut wie keine Beachtung geschenkt.

Erstmalig für internationales Aufsehen sorgte Osttimor dann auch erst Jahre später, als 1991 die Bilder des Massakers auf dem Friedhof von Santa Cruz, welche der englische Filmemacher Max Stahl mit versteckter Kamera aufnahm, durch die Welt gingen: indonesische Truppen schossen wahllos in eine Prozession, Hunderte von Menschen kamen ums Leben. Die Tat wurde zuerst geleugnet bzw. als eine Abwehrreaktion gegenüber angreifenden Demonstranten dargestellt, jedoch sprachen die Videoaufnahmen eine deutliche Sprache.

Infolge dessen wurde der Druck auf die westlichen Regierungen seitens Menschenrechtsgruppen und engagierten Journalisten immer größer. Dennoch ließen sie sich vorerst nicht dazu bewegen ihre guten Beziehungen zu Jakarta aufgrund einer kleinen Inselhälfte im Südwestpazifik aufs Spielen zu setzen. Erst die tiefe Wirtschaftskrise, welche Indonesien Ende der 90er Jahre erschütterte und der damit zusammenhängende Sturz Suhartos, dessen gemäßigter Nachfolger für viele überraschend einen Wandel in der Osttimor-Frage vollzog, leiteten eine Wende ein.

[...]


[1] Diese Zahl der Todesopfer wird in der Literatur zu Osttimor durchweg stimmig vertreten. Einige Autoren schätzen die Anzahl jedoch als beachtlich höher ein. Eine genaue Bezifferung kann nicht gegeben werden, da eine gründliche Untersuchung nie stattfand und die Geschehnisse (vor allem jene vor 1999) im Nachhinein nur schwer zu rekonstruieren sind.

[2] Unter der Rolle der „westlichen Länder“ ist das außenpolitische Handeln der marktwirtschaftlich orientierten, demokratischen Industriestaaten in Europa und Nordamerika, sowie Australiens im Bezug auf die Timor-Frage gemeint. Auf die Bedeutung der Medien und Nichtregierungsorganisationen dieser Länder, ohne welche Osttimors Unabhängigkeit wohl undenkbar gewesen wäre, soll hier nicht näher eingegangen werden.

[3] Klemens, Ludwig, Ein planmäßiger Völkermord. Das Schicksal Osttimors nach dem Ende der Kolonialzeit, in: ders. (Hg.), Osttimor – Der zwanzigjährige Krieg, Hamburg 1996, S. 83.

[4] Jahre später sollten beide Parteien Seite an Seite im Widerstandsrat sitzen und für die Unabhängigkeit Osttimors kämpfen.

[5] Dunn, James, The Timor Affair in International Perspective, in: Carey, Peter / Bentley, G. Carter (Hg.), East Timor at the Crossroads. The Forging of a Nation, London 1995, S. 61.

[6] Ludwig, planmäßiger Völkermord, a.a.O., S. 39.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Rolle des Westens im Konflikt um Osttimor
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Seminar für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Propädeutisches Seminar
Note
gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
14
Katalognummer
V26358
ISBN (eBook)
9783638287173
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Analyse der ambivalenten und teilweise sehr fraglichen Rolle der westlichen Staaten (USA, Portugal, Australien, EU) im Unabhängigkeitsbestreben Osttimors 1975-2002.
Schlagworte
Rolle, Westens, Konflikt, Osttimor, Propädeutisches, Seminar
Arbeit zitieren
Oliver Bersin (Autor), 2004, Die Rolle des Westens im Konflikt um Osttimor, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26358

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