Wendts Begriff der Praxis und dessen theoretische Wurzeln


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was versteht Wendt unter Praxis?

3. Der Begriff der Praxis bei anderen Theoretikern
3.1 Dewey
3.2 Mead
3.3 Foucault
3.4 Latour

4. Schlussfolgerungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff der Praxis gehört in den Sozialwissenschaften zu einem der meistverwendeten und gleichzeitig am wenigsten explizit gemachten Begriffe. Unzählige Artikel und Autoren verwenden ihn, entweder in dichotomer Abgrenzung zum Begriff Theorie oder in relativ undefinierter Weise um damit jegliche Form sozialen Handelns oder gesellschaftlicher Praktiken zu umschreiben. Selten wird dieser Begriff selbst zum Thema, in der Regel fasst er einen Komplex vorher nicht definierter Phänomene zusammen. Er wird verwendet als Begriff des sozialwissenschaftlichen Common Senses, der Definition nicht weiter würdig. Betrachtet man die letzten 100 Jahre theoretischer Veröffentlichungen finden sich jedoch einige Autoren, die sich in mehr oder weniger ausschließlicher Weise diesem Begriff widmen. Einer der ersten Autoren, der sich mit dem Praxisbegriff auseinandersetzte, war sicherlich der pragmatistische Philosoph John Dewey, der diesem Begriff eine besondere Bedeutung in Bezug auf die Entwicklung von Sprache, Handeln und Bewusstsein zusprach.[1] Auf Deweys Philosophie aufbauend entwickelte George Herbert Mead in den späten 20er Jahren seine sozialpsychologische Vorlesung über den Zusammenhang von Geist, Identität und Gesellschaft.[2] Ohne den Begriff der Praxis zu verwenden, zeichnen sich seine Gedanken durch ein von Interaktion geprägtes Gesellschaftskonzept aus, Mead lässt sich weder auf einen methodologischen Individualismus noch auf einen Strukturalismus reduzieren. In den 70er Jahren finden sich bei Foucault einige Zusammenhänge zum Begriff der Praxis. Foucault zeichnet sich dadurch aus, dass er den Zusammenhang von sprachlicher Praxis und gesellschaftlicher Realität als konstitutiv erkennt, womit er, wie die meisten Poststrukturalisten eine neue performativere Gesellschaftstheorie begründet, die sich von strukturalistischen Ansätzen stark unterscheidet. In diesem Kontext spricht Foucault zwar nicht von Praxis als solcher, verwendet aber immer wieder den Begriff der „Praktiken“ [3], der aber in ähnlicher Weise zwischen Akteur und Struktur oszilliert.

Bruno Latour beginnt erstmals den Begriff der Praxis, noch immer eher am Rande, in seiner Schrift „Die Macht der Assoziation“ [4] zu thematisieren. Innerhalb weniger Seiten expliziert er einen eigenen Praxisbegriff, der stellenweise auf vorangegangenen Denkern aufbaut, stellenweise darüber hinausgeht. Gesellschaftliche Praxis wird zum konstituierenden Element der Herstellung sozialer Ordnung. Latour entfernt sich von einer „ostensiven“ Definition von Gesellschaft (hierunter fasst er bisherige Makrotheoretiker klassischer Soziologie wie beispielsweise Durkheim zusammen) und stellt dem die „performative“ Definition von Gesellschaft gegenüber.[5] Jegliche soziale Ordnung konstituiert sich im Hier und Jetzt, es existiert also kein Energiereservoir der Vergangenheit, aus dem geschöpft werden kann. Bruno Latour ist in ähnlicher Weise „umstritten“ in der Soziologie wie Wendt in den Internationalen Beziehungen, was beiderseits daher rührt, dass sie dem theoretischen Mainstream des jeweiligen Fachs den Spiegel vorhalten und sich gleichzeitig eher von einer wissenschaftlichen Intuition leiten lassen als einer peniblen Methodik zu folgen. Wendt zeichnet sich in den Internationalen Beziehungen vor allem dadurch aus, dass er Sozialtheorien in die Theorie der Internationalen Beziehungen integriert. Gerade wenn es um Identität geht, bringt er die Ansätze des symbolischen Interaktionismus oder Berger/Luckmanns Schriften zu Identität und sozialer Konstruktion ein. Da Wendt nicht von exogen gegebenen Komponenten der Anarchie im internationalen Staatensystem ausgeht, er also nicht mit systemischen Gegebenheiten das „self-help system“ begründet, sich aber auch von Erklärungen auf Akteursebene (Machtstreben, die Natur des Menschen)[6] distanziert, wird auch bei ihm der Begriff der Praxis zu einem wichtigen theoretischen Element. Ob sich beispielsweise ein „self-help system“ im internationalen Staatensystem herausbildet oder nicht, hängt davon ab, welche Identitäten sich die staatlichen Akteure zuschreiben. Der Prozess tritt somit in den Vordergrund und damit auch die gesellschaftliche Praxis.[7] In dieser Arbeit soll zuerst Wendts genauer Begriff der Praxis herausgearbeitet werden. Im Anschluss wird auf die Vorstellung von gesellschaftlicher Praxis der anderen Theoretiker eingegangen um folgend Bezüge zu Wendt herzustellen. Abschließend soll der Kontext des Begriffs – untermauert durch die anderen Theoretiker – expliziert werden.

2. Was versteht Wendt unter Praxis?

In seinem Essay „The Agent-Structure Problem in International Relations Theory“ [8] thematisiert Wendt die Frage, wie Struktur und Akteur miteinander wechselwirken. Dabei bezieht er sich im Wesentlichen auf die dominanten Theoriestränge der Zeit, Neorealismus und Weltsystemtheorie, die er beide als strukturalistisch einstuft, da beide lediglich von strukturellen Gegebenheiten auf das Akteurshandeln schließen. Dadurch ergibt sich, nach Wendts Einschätzung eine Schwachstelle, da mögliche Einflüsse des Akteurshandelns auf die Struktur nicht in Betracht gezogen werden.[9] Er spricht sich nicht nur gegen diesen strukturalistischen sondern auch gegen einen individualistischen Ansatz aus. Statt dessen schlägt er vor, den Akteuren (Units) den selben ontologischen Status zu geben wie der Struktur bzw. dem System. Hierbei beruft er sich auf den „symbolischen Interaktionismus“[10] und auf die „Structuration Theory“.[11] Akteur und Struktur sind kodeterminiert und beeinflussen sich wechselseitig.[12] Damit rückt der Begriff der Praxis als ontologische Brücke ins Zentrum des Interesses. Auch wenn der Begriff als solcher relativ selten fällt, so verwendet er ihn pointiert in „Anarchy is what states make of it“:„Practice is the core of constructivist resolutions of the agent-structure problem.“[13]

Die Praxis der Akteure ist also konstituierend für das internationale Staatensystem. Als Praxis lässt sich im Prinzip jegliches Handeln der Akteure festhalten, da jegliche Handlung bestehende strukturelle Elemente wie Normen, Institutionen, Identitäten entweder stärken oder schwächen kann. So wie Wendt den Begriff verwendet stellt die Praxis folglich das Bindeglied zwischen Akteur und Struktur dar. Erkennt ein Staat beispielsweise die Souveränität eines anderen an, so verstärkt er damit gleichzeitig die Institution der Souveränität, gleichzeitig aber auch die gegenseitig zugeschriebene Identität “Freund“. Wendt unterscheidet die Struktur nochmals in Mikro- und Makro-Struktur und betont dabei die unterschiedlichen Dynamiken, die sich auf den jeweiligen Ebenen ergeben.[14] Er führt diese Ebenen ein in Abgrenzung zu Waltz, der lediglich von „unit-level“ und „structural level“ spricht. Dabei sind beide Strukturebenen jedoch auf die Praxis der Akteure zurückzuführen: „Structure exists, has effects, and evolves only because of agents and their practices. All structure, micro and macro , is instantiated only in process[15]

[...]


[1] Dewey, John 1922: Die menschliche Natur. Ihr Wesen und ihr Verhalten; Zürich, 2004

[2] Mead, G. H. 1934: Geist, Indentität, Gesellschaft, Frankfurt, 1968

[3] Kleiner, Marcus S. (Hg.): Michel Foucault. Eine Einführung in sein Denken; Frankfurt, 2001, S.72

[4] Latour, Bruno: Die Macht der Assoziation; in: Belliger, Krieger (Hg.): ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld, 2006

[5] Ebd. S. 203-205

[6] Morgenthau, Hans J. 1948: Politics among Nations, New York, 1973, S. 4

[7] Wendt, Alexander: Anarchy is what States make of it. The Social Construction of Power Politics, in: International Organisation, Volume 46, Issue 2 (Spring 1992), S. 394

[8] Wendt, Alexander: The Agent-Structure Problem in International Relations Theory, in: International Organisation, Volume 41, Issue 3 (Summer 1987), S. 335-370

[9] Ebd. S.336-337

[10] Vgl. den Abschnitt 3.2 zu G. H. Mead

[11] Giddens, Anthony: The Constitution of Society, Outline of the Theory of Structuration, Cambridge, 1984

[12] Wendt, Alexander: The Agent-Structure Problem in International Relations Theory, in: International Organisation, Volume 41, Issue 3 (Summer 1987), S. 339

[13] Wendt, Alexander: Anarchy is what States make of it. The Social Construction of Power Politics, in: International Organisation, Volume 46, Issue 2 (Spring 1992), S.413

[14] Auf Mikroebene sind es beispielsweise Situationen wie das Gefangenendilemma, die auf die Entscheidungen der Akteure rückwirken, auf Makroebene Selektionseffekte, wodurch sich bestimmtes Akteursverhalten durchsetzt. S151

[15] Wendt, Alexander: Social Theory of International Relations, Cambridge, 1999, S.185

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Wendts Begriff der Praxis und dessen theoretische Wurzeln
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Klassiker der Internationalen Beziehungen
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V265146
ISBN (eBook)
9783656550556
ISBN (Buch)
9783656547952
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: "Eine exzellente Arbeit - und eine der besten, die ich auf Ihrem "Level" (BA) je gelesen habe!! Beeindruckend ist nicht nur Ihre Präzision i. d. Rekonstruktion wichtiger Theoretiker (v. der leichten Divergenz bzgl. Soz. Konstr. abgesehen), sondern auch Ihre Eigenständigkeit bzgl. d. Vergleichs zwischen diesen Denkern. "1,0" ist hier (im Vgl. zu anderen auch "sehr guten" Arbeiten) eigentlich unangemessen. Weiter so!!"
Schlagworte
Wendt, Praxis, Sozialkonstruktivismus, Internationale Beziehungen, Foucault, Pragmatismus, Dewey
Arbeit zitieren
Nils Wadt (Autor), 2011, Wendts Begriff der Praxis und dessen theoretische Wurzeln, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265146

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