Buddha, Krishna und Allah

Orientierung in fremden religiösen Welten


Fachbuch, 2013
257 Seiten

Leseprobe

Vorwort

Seit über 50 Jahren wandern verstärkt Menschen aus vielen Regionen der Welt in Deutschland ein. Sie bringen nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch ihre Religion mit. Längst stehen Moscheen und Tempel neben Kirchen.

Volker Keller hat sich der wichtigen Aufgabe gestellt, die fremden religiösen Welten vorzustellen und verständlich zu machen, worum es ihnen geht. Er bringt als Dialogbeauftragter der evangelischen Kirche und als Mitglied im Bremer Rat für Integration dafür gute Voraussetzungen mit.

In seinem Buch verbindet der Bremer Theologe allgemeines Fachwissen und persönliche Erfahrungen mit Buddhisten, Hindus und Muslimen. Das macht die Lektüre ebenso spannend wie lehrreich.

Ich wünsche dem Autor und seinem Buch viele interessierte Leser.

Jens Böhrnsen, Ministerpräsident des Bundeslandes Bremen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Welt kippt nicht um

Nasrettin, der orientalische Eulenspiegel, treibt gerne Späße mit seinen Mitmenschen - nie fies, immer bestrebt, ihnen zu einer Einsicht zu verhelfen. Einmal wird der Dorfimam gefragt: „Warum gehen manche Leute in eine und manche in eine andere Richtung?“ „Ganz einfach“, antwortet der Weise, „wenn wir alle in dieselbe Richtung gingen, käme die Welt aus dem Gleichgewicht und kippte um.“ Manche möchten, dass alle in ein und dieselbe Richtung gehen. Sie wollen die anderen dazu bringen, in ihre Richtung zu gehen. Aber meistens wollen die anderen nicht, sie sehen keinen Anlass, ihre Richtung zu wechseln. Zum Glück! Sonst kippte die Welt um. Hindus, Buddhisten, Muslime und Christen gehen ihre eigenen Wege und sorgen auf diese Weise dafür, dass die Welt im Gleichgewicht bleibt. Vielfalt ist gut für die Welt, Einfalt langweilig und ohne Kreativität.

Ich bin evangelischer Pfarrer, tauge aber nicht zum Missionar. Missionare sind mir sogar verdächtig. All zu oft finde ich ihr Verhalten respektlos. Manche von ihnen geben zu verstehen, dass sie die Richtung für einen anderen wüssten, besser, als der andere sie für sich selbst weiß. Merkwürdig! Ich weiß das nicht. Und deshalb höre ich gerne genau hin, wenn ein Andersglaubender mir von sich erzählt. Wenn er anfängt, mich in seine Richtung bringen zu wollen, berichte ich ihm von Nasrettin und der Welt, die umkippt.

Glaubende, die davon überzeugt sind, dass es nur eine Wahrheit für alle Menschen gibt, und dass allein ihre Gemeinschaft über die Wahrheit verfügt, werden an diesem Buch keine Freude haben oder sie kommen zu einer neuen Einsicht und finden am Ende Nasrettins Weisheit gar nicht so übel.

Der Imam übt auch die Funktion eines Dorfrichters aus. Eines Tages kommt ein Kläger zu ihm, legt ihm seinen Fall vor und fragt: „Ich habe doch recht, oder?“ „Du hast recht!“, bestätigt ihm Nasrettin. Dann ist der Angeklagte an der Reihe und schildert seine Sichtweise. Auch ihm antwortet er: „Du hast recht!“ Seine Frau hat zugehört und ist verdutzt: „Du sagst beiden, sie hätten recht. Sie können doch nicht beide recht haben. Entweder der eine hat recht oder der andere.“ Nasrettin stimmt ihr zu: „Liebe Frau, du hast recht.“

Ich bin überzeugt, dass ich richtig glaube, so, wie es für mich gut ist. Wer mir zuhören möchte, dem kann ich von Gott erzählen und davon, wie ich Frieden und Freude erfahre. Wenn er mit mir in meine Richtung gehen möchte, teile ich mit ihm unterwegs das Brot. Wenn nicht, bin ich froh, wenn er andere an seiner Seite hat, die mit ihm Brot teilen. Nur wenn er im Namen seines Glaubens anderen Schaden zufügt, widerspreche ich ihm heftig: „Du hast nicht recht!“ Denn auch dadurch kann die Welt umkippen.

Viele Jahrzehnte bin ich durch die Welt gereist, um als Christ Hindus, Buddhisten und Muslimen zu begegnen – unbedingt nötig wäre das nicht gewesen. Ich treffe auf sie auch dort, wo ich lebe – in Bremen. Als Beauftragter der Bremischen Evangelischen Kirche für den Dialog mit den Religionen trinke ich in ihren Moscheen und Tempeln Tee. Von einem buddhistischen Lehrer habe ich mich in die Zenmeditation, von einem indischen Meister in den Yoga einführen lassen. Beide spirituellen Wege habe ich mit meinem christlichen Glauben verbunden – zur Zenmeditation für Christen und zum Yoga für Christen. In Klöstern in Norddeutschland biete ich Kurse an, um meine spirituelle Praxis weiter geben zu können. Ich tue das, um Menschen den christlichen Glauben zu vermitteln. Es ist aber auch schon vorgekommen, dass eines meiner Gemeindemitglieder nach vielen Jahren Teilnahme am Gottesdienst und der Meditationsgruppe zu mir kam und mir seinen Entschluss mitteilte, Buddhist zu werden. Ich freute mich für ihn, weil ich sah, dass der buddhistische Weg für ihn der richtige war. Von ihm und anderen Weggefährten will ich erzählen.

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Mumbai/Indien: Taj Mahal Hotel (mit Kuppel), Gateway of India (mit Torbogen)

Gott wird Mensch – in Krishna Auch Hindus glauben an die Menschwerdung Gottes

Nachdem die Kolonialherren 1948 in Bombay durch das Gateway of India geschritten waren, um Indien für immer zu verlassen, gingen sie auf ihre Schiffe, lichteten die Anker, schauten noch einmal zurück zum Volk am Ufer, manche schüttelten den Kopf. Was hatten sie, die gebildeten, kultivierten Engländer, eigentlich erreicht? War es ihnen gelungen, die Inder zu erziehen?

Die kindlichen Menschen, die Hindus, wuschen sich einfach nicht ihre bunten Bemalungen aus den Gesichtern; in den Tempeln überschütteten sie nach wie vor Standbilder eines Elefantengottes mit Kokosnussmilch, während sie in Ekstase gerieten und am ganzen Körper zitterten; sie kreischten und hüpften weiter wie Affen auf dem Boden herum, ahmten ihren Affengott nach; beschmissen sich beim „Holifest“ zu Ehren eines „Krishnas“ gegenseitig mit Farbe; manche halbnackte „Heilige“ wuschen sich seit Jahren nicht mehr, um ihrem Gott ein Gelübde zu erfüllen – als ob Gott Ferkel am liebsten wären. Nein, diese „Primitiven“ weigerten sich nicht nur hartnäckig, Christen zu werden, sondern verweigerten überhaupt, den Ernst der Religion zu begreifen. Für diese Braunhäutigen, die offensichtlich zu viel Sonne abbekommen hatten, schien Glaube Spiel und Spaß zu sein. Sie kannten keine Organisation wie die Kirche, keine Dogmen, keine Zucht, dafür aber Tausende von Göttern, mächtige und schwache, gütige und zornige, menschliche und transzendente. Nichts wie weg: Mission impossible!

Indien führte nach dem Abgang der Briten einige Jahrzehnte unbeachtet von europäischer sowie US-amerikanischer Politik und Wirtschaft ein Mauerblümchendasein. Zwar begeisterten sich die Hippies für seine emotionalen Kulte und die Beatles gingen bei Guru Maharishi Mahesh Yogi in die Meditationsschule, aber der Subkontinent blieb für die erste Welt das Land der furchtbaren Slums, des diskriminierenden Kastenwesens, der religiösen Überspanntheit – hoffnungslos rückständig. Bis die Meldung Europa aufschreckte, Indien habe mit China die am schnellsten wachsende Ökonomie der Welt. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel 2006 bei der Hannover Messe dem in Deutschland hergestellten Roboter „ZAR5“ die Hand gab, lächelte ihr Begleiter, der indische Ministerpräsident Manmohan Singh, in sich hinein. Später ließ er wissen, dass die humanoide Maschine mit indischer Software gesteuert werde. Wieder zu Hause, verkündete Singh: „Das 21. Jahrhundert wird das indische Jahrhundert werden!“ Das Manager Magazin widmete sich 2012 dem Land am Ganges mit der Titelgeschichte: „Der erwachte Riese“.

Und die Religion im Indien des 21. Jahrhunderts? Der Autor des Bestsellers „Weltmacht Indien“, Olaf Ihlau, hat beobachtet, dass „für viele Hindus, keineswegs nur Nationalisten, die Religion neuerdings wieder bedeutsamer geworden ist. Die Menschen besuchen häufiger die Tempel, geben mehr Geld aus auf religiösen Festen.“ Der Journalist vom „Spiegel“ spricht von einer „Renaissance des Glaubens“. Eines teilweise aggressiven, nationalistischen Glaubens. Eigentlich braucht die Hindumehrheit Minderheiten nicht zu fürchten. Immerhin bekennen sich von 1,1 Milliarden Menschen 900 Millionen zu den Hindugöttern und nur 150 Millionen gehören dem Islam an, lediglich 25 Millionen den Kirchen. Und dennoch gibt sich der Hindunationalismus unversöhnlich. 2002 stürmte ein fanatisierter Mob nach Ayodhya, um die Babri Moschee mit Hämmern und Meißeln dem Erdboden gleich zu machen. Die folgenden Kämpfe zwischen Hindus und Muslimen kosteten 3000 Menschen, hauptsächlich Muslimen, das Leben. „Die Muslime müssen wissen, ob sie die Nachfahren Ramas (eines Hindu-Gottes) oder lieber die von Babur sein wollen (ein muslimischer Herrscher, der im 16. Jahrhundert in Indien eingefallen war und die Moschee bauen ließ) und somit hier Fremde“, rechtfertigte ein Sprecher der Bharatiya Janata Party (der hindunationalistischen BJP) die Gewalt. Angeblich hatte Babur die Moschee auf den Grundmauern eines Ramatempels errichtet. Das historische Unrecht sollte gesühnt, die Ehre Ramas und seiner Anhänger wiederhergestellt werden. Radikale Hindus halten den Islam für eine gefährliche Religion, die sich mit Gewalt auszubreiten versucht und gestoppt werden muss. Ebenso sehen sie das „Land der Hindus“ durch die Missionserfolge der Kirchen angegriffen. Sie wenden sich mit ihrer Verkündigung und sozialen Arbeit besonders an die Unberührbaren, die Dalits, sie gründen Dalitkirchen, um den Unterprivilegierten Bildungsangebote machen zu können und ihnen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Für ihre Hindu-Widersacher bedrohen die Christen damit die ewige gesellschaftliche Ordnung, in der die Götter ein Oben und ein Unten für alle Zeiten festgelegt haben. Wie die einstigen Kolonialherren versuchten die Christen, einzelne aus den Hindufamilien heraus zu lösen und damit die Gemeinschaften zu spalten, lautet der Vorwurf. Auf Mahatma Gandhi können sich die Extremisten jedenfalls nicht berufen. Der Rechtsanwalt im Dhoti, dem traditionellen Hüftwickel, machte nicht nur den Engländern das Leben schwer, sondern auch den Hardlinern der eigenen Religion. Gandhi bejahte zwar das Kastenwesen, hob aber die Ausgestoßenen in den Stand der „Kinder Gottes“. Als Hindu, dessen letzte Worte „O, Rama!“ waren, hatte er keine Hemmung, auf Glaubensgut aus dem Neuen Testament zurückzugreifen.

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Unberührbare in Mumbai leben am Straßenrand

Die BJP repräsentiert mit ihrer Ablehnung des religiösen Pluralismus und der Forderung nach einem Hindustaat nicht die Mehrheit der Bevölkerung - die vertritt die Kongresspartei, die sich selbst als „säkulare Regierung aller Inder“ beschreibt. Sie steht damit fest auf dem Boden der Verfassung, die in Artikel 25 Religionsfreiheit als Grundrecht festschreibt und damit eine Staatsreligion ausschließt. Der Staat ist – wie in Deutschland - nicht nur zu Toleranz verpflichtet, sondern zu einer positiven, kooperativen Haltung und Respekt gegenüber allen Religionen. Soweit die ersten Impressionen.

Gehen wir nun in die Tiefe und stellen fest, dass nicht alles so ist, wie es erscheint. Den „Hinduismus“ gibt es eigentlich nicht, bei genauem Hinsehen entpuppt sich der Polytheismus als Monotheismus und Krishna trägt Züge, die ihn Jesus zum Verwechseln ähnlich machen. Was so ist, wie es erscheint, ist das allgegenwärtige Bewusstsein eines Ungenügens des Lebens, die Trauer darüber, nicht mehr zu den Göttervögeln zu gehören und damit die Unsterblichkeit verloren zu haben. Indische Weise erzählen, wie es dazu gekommen ist: Göttervögel sind unsterblich. Sie erreichen die höchsten Regionen des Himmels und können deshalb durch die Anziehungskraft der Erde nicht wieder herabgezogen werden. Dort oben sind sie frei in jeder Weise, brauchen nichts, sind sich völlig genug. Die einzige Gefahr begegnet ihnen ganz am Anfang ihres Lebens. Denn Göttervogeleltern legen ihre Eier in den Lüften ab. Während die Eier aus höchster Höhe zur Erde stürzen, brütet die Sonne sie aus. Sie hat viel Zeit dafür. Der junge Göttervogel kann in Ruhe ausschlüpfen und danach gleich aufsteigen in die unendliche Weite. Aber es kommt immer wieder vor, dass Eier aus zu geringer Höhe fallen gelassen werden, dass der Sonne Zeit fehlt und das Ausschlüpfen der Küken in der Luft nicht gelingt. Dann schlägt das Ei auf der Erde auf, zerschellt und gibt dort erst das Junge frei. Nun ist die Schwerkraft zu stark und verhindert für alle Zeiten, dass das Kleine in die höchsten Lüfte aufsteigt, es bleibt am Boden und flattert vergeblich mit seinen zu schwachen Flügeln. Die Tiere richten sich in ihrem Leben als Erdvögel ein, aber in manchen Augenblicken spüren sie, dass irgendetwas mit ihnen nicht stimmt. Eigentlich sind sie für ein anderes Leben bestimmt.

Gläubige erzählen gerne Gleichnisse, der Religionswissenschaftler Mircea Eliade bediente sich einer anderen Sprache und meinte doch dasselbe. Bevor der Gelehrte an der Universität Chicago Berühmtheit erlangte, studierte er indische Religion und Philosophie an der Universität Kalkutta und erlernte Yoga in Rishikesh im Himalaya, der Yogahauptstadt der Welt. Er sagte dem europäischen Geist 1928 seine Erschöpfung voraus, weil westliche Philosophen sich lediglich mit Problemen der Geschichtlichkeit des Lebens befassten. Alles, was existiert, ist demnach bedingt, durch natürliche Ursachen entstanden - ein Mensch: bedingt durch sein Erbe, durch sein soziales Milieu, durch seinen Körper, durch seine Kultur und sein Unbewusstes. Alles, was existiert, ist der Zeit unterworfen: Ein Mensch wird geboren, entfaltet sich und stirbt. Dem „Erdvogel“ bleibt nach westlichem Denken nur, die Bedingungen des Daseins anzunehmen, um seine Angst und Verzweiflung zu überwinden. Die größte indische Entdeckung sei das „seiner psycho-physischen Strukturen und ihrer zeitlichen Bedingtheit entledigte Bewusstsein des ‚Befreiten’, also dessen, dem es gelungen ist, sich von der Zeitlichkeit frei zu machen und der deshalb die wahre, unaussprechliche Freiheit kennt.“ Der Erwerb der absoluten Freiheit und das Erleben der ewigen Gegenwart bildet das Ziel allen indischen Geistesstrebens (in: „Yoga. Unsterblichkeit und Freiheit“).

Durch Religion findet der Mensch den Weg zurück zu den Göttervögeln.

Shiva, Vishnu oder Shakti?

In Deutschland habe ich noch nie jemanden nach seiner Zugehörigkeit zu einer

gesellschaftlichen Schicht gefragt, in Indien schon. Mich interessierte das indische Kastenwesen und ich wünschte mir Informationen aus erster Hand. Schnell bemerkte ich, was für eine peinliche Situation entstand, wenn ein Befragter mir sagte, er gehöre der untersten Kaste an oder keiner, er sei ein Kastenloser, ein Dalit, ein Unreiner in den Augen der Kastenhindus. Ich begriff bald, dass ich auf diese Frage lieber verzichten sollte und suchte über Gott ins Gespräch zu kommen: „Welchen Gott verehrst du?“ Das war genau richtig. Über Gott sprechen Inder gerne und sie wundern sich, wenn Europäer daran kein Interesse haben und zu verstehen geben, dass sie lieber über Sport und Reisen reden. Auf die Frage nach seiner Religion antwortet ein Inder nicht mit „Hinduismus“. Er nennt seinen Gott „Shiva“, „Vishnu“, die Göttin „Shakti“ oder einen anderen, kleineren Gott; er gehört damit zu der Shaivas-, der Vaishnavas- oder der Shaktas-Religion. „Hinduismus“ ist ursprünglich eine Fremdbezeichnung, die zunächst auch gar nicht die Religion, sondern einen geographischen Raum definierte. Als in vorchristlicher Zeit die Perser in das Land am Fluss Indus einfielen, übersetzten sie den Namen des Flusses mit „Hindu“ und die ansässigen Menschen bezeichneten sie entsprechend als „Hindus“. Als Muslime ab dem Jahr 1000 nach Christus als Eroberer kamen, bekehrten sie nur eine Minderheit zum Islam, den großen Rest belegten sie mit dem schon bekannten Begriff „Hindus“ und grenzten sich damit von den „Ungläubigen“, die Bilder als Götter anbeteten, ab. Der Begriff wurde religiös – und behielt diese Konnotation. Europäer und Nordamerikaner griffen die Bezeichnung gerne auf und brachten das indische Phänomen genauso auf einen Begriff wie das Christentum, den Islam oder den Buddhismus. Da die europäischen Gelehrten im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts nicht viel über den fremden Glauben wussten, erkannten sie ihre Selbsttäuschung nicht. „Hinduismus“ spiegelte eine Einheit vor, die in der Realität nicht bestand, die Verallgemeinerung stutzte gleichsam einen anarchisch wachsenden wilden Wald zu einer Monokultur. Trotzdem hat sich der Begriff auf beiden Seiten eingespielt und findet seine Anwendung, wenn es um das Gesamtphänomen geht. Die indischen Religionsgelehrten setzten dem Begriff allerdings auch einen eigenen vereinheitlichenden entgegen: Sanatana Dharma, das ewige Gesetz. Unabhängig davon, an welchen Gott jemand sich konkret bindet, ist er doch in jedem Fall der kosmischen Ordnung, dem Dharma, unterworfen, die von jeher wirksam gewesen ist und sich in den verschiedenen konkreten Religionen manifestiert. Vor diesem Hintergrund konnte der indische Gelehrte Vivekananda vom Ramakrishna Orden 1893 beim Weltparlament der Religionen in Chicago die Teilnehmer verblüffen, als er „im Namen der ältesten Religion“ und „im Namen der Mutter aller Religionen“ zu ihnen sprach und den materialistischen Westen und den spirituellen Osten gegenüber stellte. Das große Selbstbewusstsein eines Menschen aus einem unterentwickelten Land überraschte die Religionsführer. Der „Hinduismus“ trat auf die Welt-Bühne, und er verschwand nicht wieder. Europäer und US-Amerikaner sahen sich bald einer Vielfalt und einer heftigen Extrovertiertheit indischer Religionen ausgesetzt, die ihnen wie ein „Irrenhaus“ vorkamen. Zuerst wurden die Denker im „christlichen Abendland“ aufmerksam, der Dichter Hermann Hesse reiste Anfang des 20. Jahrhunderts nach Indien, ab den 1960er Jahren erklangen in der westlichen Welt die Gesänge der neubekehrten europäischen Hindujünger auf den Straßen: „Hare Krishna! Hare Rama!“ Ich reiste in den 1980er Jahren das erste Mal nach Indien, um einen unmittelbaren Eindruck zu bekommen.

Früher Morgen im Tempel

Gibt es eigentlich am Tag eine schönere Stimmung als den jungen Morgen, wenn die Sonne ihr erstes zartes Licht verströmt? Hindus nutzen die Zeit vor der Arbeit mit dem Besuch eines Tempels, grüßen die Sonne mit dem „Sonnengruß“ aus dem Yoga. In Madurai/Südindien bog ich am frühen Morgen in eine noch leere Straße ein, die direkt auf den Minakshi Tempel zu führte.

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Minakshi Tempel am frühen Morgen

Von weitem schon fielen mir zwölf Türme auf, bestückt mit Götter- und Heiligenfiguren. So viel Heiligkeit verscheucht Dämonen, hält den Tempel rein. Jeder Turm symbolisiert den mythischen Berg Mehru, auf dem die Götter residieren. Doch bevor ich durch ein großes Tor eintreten konnte, musste ich Bettler dazu kriegen, den Weg frei zu machen. Wie Grenzposten bauten sich zwei verwahrloste Gestalten vor mir auf. Mir war klar, dass sie nicht mit sich handeln ließen, indische Bettler sind die härtesten. Um keinen großen Streit entstehen zu lassen, reise ich durch Indien gewöhnlich mit griffbereiten Ruppeemünzen in der Hosentasche. Ich nahm also einige Stücke heraus, verteilte sie und hoffte auf Durchlass. Aber augenblicklich liefen aus allen Richtungen weitere Bettler auf mich zu. Binnen kürzester Zeit wurden aus zwei „Posten“ 20. Ich musste tiefer und tiefer in die Tasche greifen, solange, bis ich keinen Ruppee mehr besaß. Ich zeigte die leere Tasche vor - und wurde durchgewunken. Eigentlich brauchte ich das Gebet im Tempel nicht mehr. Durch meine Gabe hatte ich für diesen Tag schon genug gutes Karma für die nächste Wiedergeburt gesammelt.

Es herrschte drinnen reger Betrieb. Der eine betete vor einem Lingam, einem Phallus-Symbol des Gottes Shiva, der andere brachte Früchte und legte sie der Gottheit vor die Füße, eine Dritte saß still da, meditierte, sang Mantren, tauchte unter in Versenkung. Ein Musikant im Schneidersitz spielte ruhige Melodien auf seiner Flöte und flutete damit das Heiligtum. Mir fiel ein Mönch auf. Der kahlköpfige Mann stand nur mit einem Lendenschurz bekleidet bis zu den Knien im heiligen Wasser des Tempelteiches und wusch mit ruhigen Bewegungen seine orange Robe. Dann legte er seine Kleidung beiseite, nahm mit Händen Wasser auf und benetzte seine Stirn damit - er reinigte sich von Sünden. Der Asket führte die Handflächen vor der Brust zueinander und hob Arme und Hände hoch in Richtung der aufgehenden Sonne. Was für ein heiliges Schauspiel voller Demut und Hingabe. Ein Erleuchteter dankt der Sonne nicht für ihre bräunenden Strahlen, für ihn symbolisiert sie die Energie der Göttin Parvati und des Gottes Shiva. Er weiß, dass er durch die göttliche Energie existiert. So fängt der Tag für ihn gut an. Und für mich auch. Als Christ nenne ich Gott mit anderen Namen, spreche andere Gebete. Und dennoch beeindruckten mich der Eifer der Beter und die Schönheit ihrer Rituale. Als ich den Tempel verließ, saß die Frau immer noch an gleicher Stelle und meditierte. Wo in Europa gibt es das unter Christen noch: am Morgen eine halbe Stunde und länger Gott zu ehren? Nur noch in den Klöstern bei den Mönchen und Nonnen. Bei den Benediktinern heißt es in ihrer Ordensregel: „Du sollst dem Gottesdienst nichts vorziehen!“ Außerhalb der frommen Gemeinschaften ist alles andere wichtiger. Zwar sieht sich Indien heute dem Einfluss eines machtvollen ökonomischen Denkens ausgesetzt, das die Religion angreift, aber seine religiösen Traditionen sind tief verwurzelt. Die Frau im Tempel sang das Gayatri-Mantra, das tägliche Gebet der Hindus zu Ehren der Sonnengöttin Surya: „Om, wir meditieren über den Glanz des verehrungswürdigen Göttlichen, den Urgrund der drei Welten, Erde, Luftraum und himmlische Regionen. Möge das Höchste Göttliche uns erleuchten, auf dass wir die höchste Wahrheit erkennen.“

Meinen Yogalehrer Nepal Lodh, Leiter der Bremer Hindu Akademie, führten Mönche des Ramakrishna Ordens in den hinduistischen Glauben ein. Nach dreitägigem Fasten wurde er mit dem Gayatri-Mantra vertraut gemacht und motiviert, es von dem Tag an das ganze Leben lang mehrmals täglich zu meditieren. Als Lodh drei Jahre alt war, starb seine Mutter. Da er nicht beim Vater bleiben konnte, nahmen ihn zunächst Tante und Onkel auf. Nach der Zwischenstation kam er in eines der Internate des Ordens. Eine intensive spirituelle und intellektuelle Ausbildung begann. Morgens ab fünf Uhr wurden die Körperübungen des Yoga praktiziert, anschließend Meditation und Kirtangesang (Mantren) in Sanskrit zu Ehren der Gottheiten. Der junge Nepal ehrte genauso die Göttin Saraswati, Gott Shiva, Affengott Hanuman, Göttin Kali und Gott Krishna. Den Tag über bekamen die Schüler Unterricht, am späten Nachmittag stand dann wieder Yoga und Meditation auf ihrem Programm. Das Center prägte der weite religiöse Geist des Heiligen Ramakrishna: Muhammads Geburtstag begingen die Mönche mit ihren Schülern, sie lasen aus dem Koran; auf gleiche Weise ehrten sie den Gründer der Sikhreligion, Guru Nanak, am Festtag von Jesus lasen sie in der Bibel. Im Meditationsraum saßen sie vor einer Marmorfigur Ramakrishnas und bedachten seine Weisheit: „Viele Wege“ führen zu Gott. Und: man dürfe eine andere Religion nicht kritisieren. Wenn Nepal Lodh seine Zeremonie, seine Puja feiert, dabei Blumen- und Speiseopfer darbringt, erinnert er sich an die freie, undogmatische Frömmigkeit seiner Gurus im Center, in dem die Kastenzugehörigkeit der Schüler keine Rolle spielte. „Vor jedem Menschen verneige ich mich und grüße das Göttliche in ihm. Jeder Mensch ist göttlich“, zeigt sich der Yogi überzeugt.

Bei meinen Aufenthalten in Indien machte die Spiritualität auf mich einen bleibenden Eindruck. Mir wurde klar, was mir fehlte. Ich vergaß den Ladenbesitzer nicht wieder, der die kundenfreie Zeit nutzte, um in der Bhagavad Gita zu lesen oder das Bild eines Yogi, der im Garten seines Hauses, auf einem Bein stand und die Arme zum Himmel streckte oder den Taxifahrer, der kurz einmal die Hände vor seinem Amulett am Rückspiegel faltete. Ich fasste damals den Entschluss: Auch mein Tag sollte mit einem Ritual beginnen!

Ich begann damit, mich nach dem Aufstehen auf ein Meditationsbänkchen zu setzen und meinen Atem zu beobachten. Mit dem Atem verbinde ich das „Jesusgebet“: beim Einatmen denke ich „Herr Jesus Christus“ und beim Ausatmen „erbarme dich meiner“. Je länger ich übte, desto größer wurde das Bedürfnis nach innerer Stille. Ich kam ihm nach, indem ich meinen Satz auf das Mantra „Jesus“ verkürzte: Einatmen, Ausatmen mit „Jesus“, Atemstille, Einatmen, Ausatmen mit „Jesus“…Und ich verkürzte weiter: Ich atmete ein und aus, gewahrte die Stille am Ende des Ausatmens und verzichtete ganz auf „Jesus“, jedenfalls auf das Wort, ich brauchte es nicht mehr, ich spürte die Präsenz des inneren Jesus. Was bedarf es dann noch der Worte? Die meditative Gebetesweise erlernte ich von Mönchen bei Aufenthalten in Benediktinerklöstern. Ursprünglich stammt sie vom Athos, der griechischen Insel, auf der christliche Einsiedler leben und ihr ganzes Leben dem Gespräch mit Gott widmen. Mit dem Atmen zu beten scheint mir im Christentum eine fremde Übung zu sein. In der Bibel steht nichts davon und in der spirituellen Tradition finde ich nur Hinweise bei den Wüstenmönchen, die zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert in der Wüste Sinai lebten. Haben womöglich die Atembeter aus dem Fernen Osten Einfluss auf die christliche Frömmigkeit genommen?

Am Ende meines Morgenrituals singe ich mit Worten des Mönches Franz von Assisi: „Laudato si, o mi signore… Sei gepriesen, o Herr für Tod und Leben!

Sei gepriesen, du öffnest uns die Zukunft! Sei gepriesen, in Ewigkeit gepriesen! Sei gepriesen, denn du bist wunderbar, Herr!“ Gott wird gelobt, weil er den Gläubigen zur Vollendung seines Lebens führt. Ist das nicht derselbe Geist, der auch aus dem Gayatri-Mantra spricht? Auch der Hindu strebt nach geistiger Vollkommenheit und bittet Gott um die Gnade dieses Wunders - er könnte das christliche Lied mitsingen. Unsere Gottesnamen und Überlieferungen sind zwar unterschiedlich, aber Hindu und Christ glauben doch gemeinsam an die „höchste Wahrheit“, dass diese alle Wirklichkeit umfasst und uns Menschen wohl gesonnen ist. Es wäre keine Häresie, wenn ich das Gayatri-Mantra mitsänge.

Auf diese Weise fängt der Tag jedenfalls gut an. In meinem Meditationskursen gebe ich den Teilnehmern am Ende immer mit auf den Weg, den Morgen nicht mit dem Anstellen des Computers, des Radios oder der Kaffeemaschine zu beginnen, sondern mit Stille und Besinnung auf das Wesentliche. Wie in den indischen Tempeln und vor allem wie in den Häusern, wo der Hausvater das Ritual für die Familie durchführt.

Gott Rama zu Gast

Die häusliche Zeremonie führte den jungen Gadadhar in den Glauben ein. Er erlernte sie von seinem Vater, dem Priester Khudiram. Später, im Erwachsenenalter, diente er selbst als Priester am Tempel in Dakineshwar nahe Kalkutta und gewann den Ruf des größten Heiligen des neuzeitlichen Indiens: Ramakrishna. Das Studium seines Lebens führt die kulturelle Differenz zwischen Europa und Indien vor Augen. In Indien als menschgewordener Gott verehrt, wäre das Schicksal Ramakrishnas in Deutschland die Psychiatrie gewesen oder zumindest die Klinik Heiligenfeld, die sich auf spirituelle Krisenbegleitung spezialisiert hat. Nicht, dass die Inder so naiv wären, jede Auffälligkeit – zum Beispiel nackt durch die Straßen seines Dorfes zu rennen (wie es auch der katholische Heilige Franz von Assisi zu tun pflegte) - sogleich als Beweis für eine göttliche Inspiration zu deuten: Ramakrishna wurde lange Zeit kritisch beobachtet, aber am Ende stand die Erkenntnis, dass er nicht wahnsinnig sei, sondern ein himmlischer Gesandter, der die Menschen aus dem Dunkel ins Licht führen könne.

Der Hinduismus wird trotz seiner vielen öffentlichen Tempel hauptsächlich zu Hause praktiziert. Überall, wo Hindus leben. Auf einer Reise durch die ehemalige indische Kolonie Bali, heute Indonesien, staunte ich über die vielen Schreine. Auf jedem Grundstück füllte der heilige Platz den Hof aus. Eine Familie würde ihr Geld erst in den Bau eines Schreins investieren und dann in den Bau eines Hauses, erklärte mir ein Balinese. Wenn das Wohlwollen des Familiengottes gesichert ist, wird das Haus stabil stehen – sonst nicht. In der Nähe der Hauptstadt Denpasar besuchte ich eine Werkstatt von Steinmetzen. Fünf Handwerker saßen auf dem Boden und beschäftigten sich damit, Steine für bestellte Schreine zu behämmern. Der Glaube sichert reichliche Arbeitsplätze. „Sie kämen gar nicht mit den Aufträgen nach“, meinte einer von ihnen. Warum die Männer denn auch Steinmauern bauten, wollte ich wissen – und bekam einen Einblick in den südostasiatischen Dämonenglauben vermittelt. Die Mauern blockieren den Eingang zum Haus. Die Bewohner gehen links und rechts an ihnen vorbei, aber Dämonen können nur geradeaus gehen und laufen gegen die Wand. Aber müsse denn ein Gott vor Dämonen geschützt werden? Nein, nein, aber manchmal schläft Gott und dann bringen die Dämonen die Menschen in Gefahr.

Vergleichbar mit den Schreinen sind die häuslichen Herrgottswinkel in katholischen Gegenden. Doch wird der Besucher in Bayern nie überrascht, er findet immer Jesus und Maria vor. Bei den Hindus kennt der Glaube keine Grenzen – allenfalls durch die Familientradition, die zur Verehrung eines bestimmten Gottes verpflichtet.

Der „Wahlgott“ der Familie Gadadhars war Rama, eine Menschwerdung Vishnus. Rama gilt als die Verkörperung des vollkommenen Menschen: Er ist tapfer und voller Kraft, trägt einen Bogen, um für die Wahrheit einzutreten und die guten Menschen zu beschützen, die Dämonen bekämpft er. Mit seiner liebevollen Gattin, der Göttin Sita, bildet er ein Traumpaar. Hanuman, der Affengott, tut sich als treuer Begleiter der beiden hervor und steht in Mut und Treue zu seinem Herrn und seiner Herrin. Täglich feierte Vater Khudiram die „Puja“ mit einer kleinen Statue von Rama. Durch den Weiheritus des Priesters zog die Gottheit in die Statue ein. Khudiram nimmt mit der Zeremonie die Gelegenheit wahr, Gastgeber seines Gottes zu sein. Während er Mantren singt, führt er Rama, repräsentiert durch die Statue, in den Andachtsraum hinein und bietet ihm den besten Sitzplatz an. Wasser zum Reinigen wird gereicht, Rama wird gebadet, gekleidet und mit Sandelholzpaste eingerieben. Er erhält Blumen, Lichter und Weihrauch bis ihm schließlich Opferspeise vorgesetzt wird. Durch die Gabe von Nahrungsmitteln wie Früchten, Milch oder Reis stärkt der Mensch die Gottheit für ihren Kampf gegen Dämonen und sorgt auf diese Weise mit dafür, dass der Kosmos im Gleichgewicht gehalten wird. Äußerlich bleiben die Nahrungsmittel unverändert, die Gottheit verzehrt nur die geistige Substanz. Der Gastgeber tritt nie mit leeren Händen vor seinen Gott – er gibt etwas, aber eigentlich gibt er sich selbst. Die symbolische Handlung zielt darauf, sein Herz voller Hingabe und Demut Gott hinzuhalten. Den „Rest“ der geheiligten Speise bekommt er zurück und darf sie verzehren. Höhepunkt jeder Feier zu Hause und jedes Tempelbesuches ist Darshana: Blickkontakt mit den Augen der Gottheit zu bekommen.

Dem Europäer geht der Anthropomorphismus zu weit: „Gott ist doch kein Mensch!“ Für den Inder kann die Gottheit jede weltliche Gestalt annehmen, auch eine menschliche, eine tierische, auch die einer Statue - Gottes Potential, sich zu verwandeln, ist unbegrenzt, wäre sie begrenzt, wäre Gott nicht Gott. Und der Europäer wendet skeptisch ein: „Was soll so ein äußerlicher Kult?“ Der Kritiker übersieht etwas: Immer wieder schließt der Glaubende seine Augen, weil er sich ganz auf sein Inneres konzentriert. Dort findet die Gemeinschaft von Gott und Mensch statt, dort verwandelt Gott den Menschen in einen Ebenbürtigen, zieht ihn kurzzeitig hoch in seine ewige Sphäre. Nach der Rückkehr von seiner mystischen Reise ist der Gottesfreund in seinem irdischen Dasein ein anderer, als er vorher gewesen ist: so stark und rein wie sein Held Rama aus dem großen Epos Ramayana.

Der junge Gadadhar erwies sich als außergewöhnlich empfänglich für die Begegnung mit dem Gott der Familie. Es kam vor, dass er in eine Ekstase geriet, die ihn auf den Boden warf und in eine Art Ohnmacht versetzte, aber innerlich war er dabei hellwach und spürte wie eine übermenschliche Macht von ihm Besitz ergriff. Einmal kam er wieder zu Bewusstsein, sah wie sein Freund ängstlich von ihm wich. Gadadhar fragte ihn, was denn mit ihm los sei und bekam zu hören, dass der Freund ein unheimliches Licht auf seinem Gesicht gesehen habe.

Mit neun Jahren erhielt der Junge die Priesterweihe. Ihm wurde die heilige Schnur umgelegt und damit gehörte er offiziell der höchsten Kaste der Brahmanen an, nicht wegen seines Tempel-Taumelns, sondern weil die Brahmanen-Würde nach dem religiösen Gesetz vom Vater dem Sohn übertragen werden musste. In jungen Jahren schon hielt Gadadhar den häuslichen Gottesdienst. Diejenigen, die ihn erlebten, erahnten seine besondere Berufung. Was sie nicht voraussehen konnten: Die schwarze Göttin, die gütig-grausame Kali würde ihn rufen.

Kali gibt Leben und tötet Leben

In Indien will Sonnengott Surya beweisen, was er kann. Er lässt die Sonne Wohltaten über das Land ausstrahlen. Er bringt Licht und Leben, vertreibt die Finsternis und die dunklen Mächte der Nacht. Die Yogis verehren die Sonne mit den zwölf Körperhaltungen des „Sonnengrußes“ und nehmen gleichzeitig ihre Energie auf. Doch im Frühjahr quält die Sonne mit ihrer sengenden Hitze. Ihre Wohltaten werden für Mensch und Tier unerträglich und sie überhört die flehenden Gebete der Durstigen, denen sie das Wasser gestohlen hat: „Genug! Genug!“ Ihre Gnadenlosigkeit würde bis zum Tod führen, bräche nicht der Monsunregen ein, würde er nicht die Wasserreservoire füllen und die schmachtende Erde erlösen. Im Sommer kommt der Regen aus heiterem Himmel. Sofort laufen die Kinder hinaus aus den Häusern, um sich im Nassen vor Vergnügen zu drehen und in den Pfützen zu hüpfen. Ihre Eltern folgen ihnen, heben ihre Hände hoch, als ob sie nach jedem einzelnen kostbaren Tropfen greifen wollten. Aber wehe, wenn der Monsun seine Liebkosungen übertreibt und sich in Fluten über das Land ergießt, Saat und Hütten der Dörfer mitreißt, Tiere und Menschen ertränkt. Auch der Regengott schert sich nicht um die Schreie der Ertrinkenden. Die Menschen in Indien sehen sich einem Klima ausgesetzt, in dem dieselben Naturgewalten einmal Lebenskräfte, einmal Todeskräfte sind. Leben und Tod liegen dicht beieinander und der Philosoph wagt unter solchen Bedingungen nicht, klare Aussagen über Gut und Schlecht zu treffen. Sonne und Regen sind gut und schlecht zugleich. „In Indien gibt es keine krasse Polarität von Gut und Böse. Angenehmes und Leidvolles gehen aus der gleichen Quelle hervor. Sowohl die Kräfte und Antriebe im Menschen als auch die Mächte, die in der Natur und im Kosmos wirken, sind ambivalent, können positiv oder negativ wirken“, nimmt der Indologe Heinrich von Stietencron wahr (in: „Der Hinduismus“). Die gegensätzlichen Kräfte ergänzen einander und stellen die kosmische Ordnung her, indem sie sich gegenseitig ausbalancieren. Die Götter sind nicht anders – die Glaubenden lieben ihre Milde und fürchten ihre Härte. Wie auch das Volk Israel in alttestamentlicher Zeit. Die fromme Hanna betete: „Der Herr tötet und macht wieder lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Der Herr macht arm und reich, er erniedrigt und erhöht“ (1. Samuel Kapitel 2,6). Dem Glaubenden bleibt nichts übrig, als die Unberechenbarkeit seines Gottes in völliger Unterwerfung anzunehmen, seine Widersprüchlichkeit klagend zu ertragen. Im Hiobbuch des Alten Testaments gestattet Gott doch tatsächlich dem Teufel, seinem treuesten Erdenbürger Hiob jedes seiner Güter zu nehmen. Gott muss sich daraufhin von Hiob anklagen lassen, dass er böse sei wie der Teufel: „Ich bin unschuldig“, schreit Hiob zu recht zum Himmel, er habe keine Bestrafung verdient, aber „du bringst den Frommen wie den Gottlosen um“ (Hiob Kapitel 9,21). Gott widerspricht nicht. Kali würde auch nicht widersprechen – sie ist nicht anders.

Die Göttin Kali trägt auf Bildern immer einen roten Punkt auf der Stirn zwischen den Augenbrauen. Das ist der Grund für die Shaktas, ihre Anhänger, sich ebenso zu kennzeichnen und so ihre Verbundenheit auszudrücken. Die Shaivas, die Gläubigen Shivas, geben sich durch drei horizontale Linien aus Asche zu erkennen und die Vaishnavas, Gesegnete Vishnus, dekorieren sich mit einer Art „U“, das einen Fuß ihres Gottes darstellen und ihre Demut ausdrücken soll, sich unter die Füße des Heiligen stellen zu wollen. Die Hindus schmücken sich mit ihrem „Tilak“ anlässlich religiöser Feiern. Entweder sie malen sich ihr Zeichen selbst auf die Stirn oder der Priester macht das – gefragt oder ungefragt. Eh ich mich versah, war ich in einem Tempel durch Sandelpaste zu einem Anhänger Shivas geworden, jedenfalls bis zum nächsten Duschen. Mir kam dieses Ritual gar nicht fremd vor, ich kannte es aus der katholischen Aschermittwochsmesse. Der Priester zeichnete mir ein Kreuz aus Asche auf die Stirn und forderte mich auf: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst!“ Die geistliche Absicht ist dieselbe wie beim Shivakult: Das Bewusstsein für die Vergänglichkeit zu wecken. Wer im Angesicht seiner Sterblichkeit lebt, hat guten Grund sich seinem Gott in die Arme zu werfen. Der Priester fügte deshalb noch hinzu: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Noch vor dem Verlassen der Kirche haben alle Besucher der Messe das Aschekreuz schnell abgerieben. Es soll ja draußen niemand irritiert werden, der die alte religiöse Symbolik nicht versteht. Deutschland ist eben nicht Indien.

Der Tilak macht das Stirn-Chakra, das Dritte Auge, sichtbar, einen Punkt, auf den der Meditierende sich konzentriert, um volle spirituelle Bewusstheit und Identität mit seinem Gott zu finden. Dem Tilak wird die Kraft zugeschrieben, böse Kräfte abzuwenden, durch ihn sendet Gott seinen Segen. Wer ihn auf der Stirn trägt, kann überdies das Wichtigste in seinem Leben nicht vergessen. Dem Europäer fallen die vielen farbigen Formen auf und spätestens, wenn ihm erzählt wird, dass jede für einen bestimmten Gott steht, hat der Besucher aus einer monotheistischen Kultur den Eindruck, ein lebendiges Bild des Polytheismus vor Augen zu haben. Er denkt an das griechische Altertum, an den mächtigen Zeus, mit Zepter und Blitzsymbol dargestellt, an Poseidon, den Meeresgott mit Dreizack und an die schöne Aphrodite und ist überzeugt, dass die moderne Welt - im Gegensatz zu den Hinterweltlern am Ganges - diese primitive Kulturstufe mit dem Ein-Gott-Glauben längst überwunden hat. Ist das Urteil gerecht? Ein Blick auf Ramakrishna gibt Aufklärung.

Ramakrishna wuchs im Glauben an Rama auf, aber er begnügte sich nicht mit der Familientradition, sondern hielt sich zeitlebens auch gerne in Tempeln anderer Götter auf. Eine Zeitlang spielte er den Affengott. Hanuman erfreut sich in Indien großer Beliebtheit. Er hat einen Menschenkörper mit einem Affengesicht und einem Schwanz, sein charakterliches Kennzeichen ist die bedingungslose Treue gegenüber seinem Herrn Rama und dessen Frau Sita. Das Epos Ramayana erzählt, dass Sita von bösen Mächten entführt wurde, Hanuman setzte sein Leben für ihre Befreiung ein. Er ist ein Held mit einer übermenschlichen, einer Urkraft in seinen muskulösen Armen und Beinen. Yogapraktizierende, die Hanuman verehren, hüpfen wild wie Affen auf dem Boden herum und kreischen. Ramakrishna identifizierte sich so stark mit ihm, dass er auch seine Gestalt dem Affen anpasste. Er band sich den Dhoti um die Hüfte, dass er wie ein Schwanz aussah und machte beim Gehen große Sprünge. “Zu dieser Zeit musste ich gehen, essen und alle übrigen Handlungen genau wie Hanuman ausführen. Ich ernährte mich nur von Früchten und Wurzeln. Den größten Teil meiner Zeit verbrachte ich in Bäumen und rief mit einer tiefen Stimme `Raguvir! Raguvir!’“, blickt Ramakrishna zurück. Sein Biograph, Hans Torwesten (in: „Ramakrishna – Schauspieler Gottes“), erklärt das seltsame Verhalten psychologisch als Regression. Der Heilige wurde wieder zum Kind und durchlebte von neuem seine Kindheit. Bei meinen eigenen Affensprüngen in der Yogastunde nahm ich bei mir eine Freude an Wildheit, an Frechheit, an Ungezwungenheit war, sprang einen anderen an und versuchte ihn umzuschubsen, hinterher fühlte ich mich entspannt und erleichtert. Meine Reflektion brachte mich zu Ahnungen über eine Art verdrängte Tiernatur in mir, die sich die Erlaubnis nicht zweimal geben ließ, aus sich heraus zu gehen. Die Frage stellt sich: Was hat das Toben mit Gott, mit Glauben zu tun? Kann es sein, dass Gott sich nicht nur mit seinem Wort, seiner Anrede dem Geist des Hörenden offenbart, sondern dass Gott die unkultivierte Natur des Menschen anregen und für sich in Anspruch nehmen kann, ihre Kraft, ihren Mut? Ramakrishna liebte Hanuman, „weil er sich nicht für Geld, Ehre, Bequemlichkeiten des Lebens und dergleichen interessierte, er sehnte sich nur nach Gott“ (Torwesten).

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Opfer für Hanuman

Hanuman ist dumm, er verfügt über kein gelehrtes Wissen, er kennt nur Rama und Sita, verfolgt allein das Ziel, beiden mit seiner ganzen urtümlichen Kraft und seiner selbstlosen Entschlossenheit zu Diensten zu stehen. Der Affengott ist ein Bild für totale Konzentration. So hat ihn Ramakrishna gesehen. Torwesten zitiert in diesem Zusammenhang Jesu Aufforderung: „Eins ist not“ (Lukasevangelium Kapitel 10,38ff.). „Dieses Wort hätte auch der Wahlspruch Ramakrishnas sein können.“

Der Heilige scheint auf den ersten Blick ein gutes Beispiel für einen wahllosen Vielgläubigen abzugeben. Viele weitere Götter, auch Jesus und Allah, entdeckte er im Laufe seines Lebens und vertiefte sich vorübergehend in sie. Was für eine Beliebigkeit! Tatsächlich unterwarf sich Ramakrishna nur der Göttin Kali vollständig und für immer. Keine der anderen himmlischen Gestalten stand für ihn auf gleicher Stufe mit seiner „Mutter“. Ihr allein galt sein letztes Wort mit dem letzten Ausatem: „Kali!“ flehte er und starb gleichsam in ihren vier Armen. Rama, Hanuman und alle anderen Götter ordnete er in seiner Hierarchie der großen Göttin unter. Sie gelten ihm als kleine Götter, besser gesagt als Diener oder sogar lediglich als Verkörperungen bestimmter Eigenschaften Kalis. Sie vereint alle in sich, die durch die vielen Kulte getrennt erscheinen und in den Tempeln und Häusern einzeln verehrt werden. Vorsicht Täuschung! Alles ist Kali! Nichts ist ohne Kali! „Solus Kali“, Kali allein, ließe sich Martin Luthers „Solus Christus“ auf Ramakrishnas Glauben anwenden. Von wegen primitiver Polytheismus – für Ramkrishna gab es nur Kali.

Gerade die Göttin Kali scheint auf den ersten Blick jedes Vorurteil über die Religion in Indien zu bestätigen. Immer wieder einmal werden Menschenopfer für die Göttin aufgedeckt. Der religiöse Wahn des „Killer-Sadhu“ Lakshman Singh Giri schockierte die Welt. Er hatte drei Mädchen für ein Kaliopfer getötet, um 1000 Jahre die Güte der Göttin zu sichern. Eine Tageszeitung in Delhi meldete 2010, dass auf dem Lande regelmäßig Mädchen verschwänden und äußerte den Verdacht von Ritualmorden. Vor Kurzem wurde ein Fall bekannt, wo Bauern junges Leben für eine gute Ernte auf dem Altar „schlachteten“. Geistliche dringen mit ihrer Aufklärung offenbar nicht bis an jedes Ohr von Ungebildeten durch. Dem Aberglauben gegenüber sind sie machtlos. Andererseits feiern Kalis Anhänger das Lichterfest Diwali zu ihren Ehren, weil sie den Tod überwindet. Sie laden die Göttin mit hell erleuchteten, geschmückten Häusern ein, zu ihnen zu kommen, spannen Lichterketten über die Straßen genau wie Christen zu Advent und Weihnachten, sie feiern den Sieg des Lichts über die Dunkelheit. Wer nicht bereit ist, sich Kalis spannungsvolles Wesen erklären zu lassen, bleibt dabei stehen, Kalis Verehrern Freude an Grausamkeit nachzusagen und dass sie sich in sadistischen Phantasien ergingen. Der Europäer mag dabei an den spätmittelalterlichen Maler Hieronymus Bosch denken. In seinem Werk „Das Jüngste Gericht“ gibt er Folterknechten freie Hand, böse Menschen in jeder Weise zu quälen und schließlich der Hölle zu übergeben. Kaum einer bleibt verschont – Gott zieht seine Gnade zurück. Was müssen die Menschen für eine irre Angst vor der Abrechnung am Ende gehabt haben? Für wie böse und aller Strafe würdig müssen sie sich befunden haben, dass sie einem Maler erlaubten, sich an ihrer Vernichtung zu ergötzen? Auch die Anhänger Kalis müssen wohl unter Selbstverachtung und einem perversen Wunsch, gequält zu werden, leiden. Auf Bildern schreitet die dunkle Göttin über ein Leichenfeld. In einer linken Hand hält sie einen frisch abgeschlagenen, noch blutenden Menschenkopf, in einer der rechten Hände ein Schwert. Sie ist nackt und bedeckt ihre Blöße lediglich mit einer Schürze aus Armen und Händen sowie einer Girlande aus 50 weiteren Häuptern. Auf ihrem Feldzug demonstriert sie ihre unendliche Energie und zwingt die Erdenkreaturen zu Furcht und Ehrfurcht. Ramakrishna unterwarf sich ihr bedingungslos und war bereit, jedes Schicksal, das sie für ihn bestimmte, anzunehmen. Sein Glück fand er als Priester an einem Kalitempel in Kalkutta.

Die Liebe zu Kali erwachte in ihm, als sein Bruder starb. Weder bei Rama, noch bei Hanuman fand er Trost, aber bei ihr. Ganze Tage brachte er im Tempel zu und suchte das Geheimnis von Leben und Tod, Entstehen und Vergehen, Freude und Leid zu ergründen. Einmal sah man ihn nackt unter einem Baum sitzen, auch seine Brahmanschnur hatte er abgelegt, er aß die Überreste der Speise eines Parias, eines Unberührbaren, Unreinen. Nur wer sich aller seiner gesellschaftlichen Rollen, seiner Privilegien, seines Wissens, seines Stolzes, seines Reichtums entledigt („Geld ist Dreck“, hatte Ramakrishna für sich erkannt), nur wen die Demut zu innerer Nacktheit vor Gott führt, ist Gottes würdig. Wimmernd stellte er sich vor das Standbild von Kali – und fand sie. Sie ließ sich von ihm finden. Eines Tages schaute die Göttin ihn durch die Augen des Bildes an: „Ich sah, dass alles im Raum gleichsam durchtränkt war mit göttlichem Geist. Die Göttliche Mutter war zu allem geworden: zum Wassergefäß, zur Türschwelle, zum Marmorboden. Ich sah, alles war die Mutter selbst – auch eine Katze im Tempel.“ Und sein toter Bruder? In die göttliche Energie verwandelt! Es gibt keinen Tod! Alles Äußere – nichts als ein Spiel der Göttin; die materielle Welt mit ihren Triumphen und Niederlagen, ihrem Lachen und ihren Tränen – nichts als ihre Belustigung. Wer den Dingen auf den Grund geht, stößt auf sie.

Der Name Kali stammt vom indischen Wort „kala“, Zeit. Die Zeit zerstört alles, nichts Irdisches bleibt vor ihr verborgen, jedes teilt das Schicksal des anderen – die Zeit, die Gleichmacherin, lässt nicht mit sich handeln. Der Gläubige personifiziert das Werden und Vergehen mit der Gestalt Kalis. Doch wie die Zeitlichkeit der Dinge ihre Begrenzung in der Zeitlosigkeit, in der Ewigkeit hat, wie das Leiden seine Begrenzung in der Leidlosigkeit der Erlösung, spannt sich das Wesen Kalis von ihrer Grausamkeit und Härte zu Milde und Güte. Die beiden oberen Arme machen Angst, die Haltungen, die Mudras, der unteren Hände befreien von Angst. Die eine untere Hand ist gehoben und zeigt die Handfläche. Diese Geste kennen auch Buddhisten vom Buddha. Sie bietet Segen und Schutz an und spricht dem Gläubigen zu: „Fürchte dich nicht!“. Die andere untere Hand hängt herunter, die Handfläche ist nach vorne zum Betrachter gewendet. Die Geste der Wunschgewährung drückt Barmherzigkeit und Fürsorge aus. Das Wesen Kalis erschöpft sich keineswegs in seiner Destruktivität. „Als die höchste Energie ist die Mutter verantwortlich für Erschaffung und Auflösung, für Furcht gleichermaßen wie Vertrauen“, beschreibt Swami Harshananda die Göttin, der Autor des Buches „Hindu Gods and Goddesses“ (Hindu Götter und Göttinnen), und gibt noch eine Hilfe zum Verstehen ihres dunklen Aspekts. Durch die Zerstörung des Universums schaffe sie eine Leere, in der keine Zeit mehr existiere, kein Werden, kein Vergehen; in dieser Nacht herrsche Frieden und Freude unter den Erlösten. Aus der Leere

heraus erschafft Kali ein neues Universum und gibt damit ihr unbegrenztes Potential als Schöpferin zu erkennen. Die Zerstörung des Alten steht ganz im Zeichen der Gestaltung des Neuen. Zerstörung ist nicht ihr letztes Tun und Kalis Verehrer haben nichts mit Pessimisten und Misanthropen gemeinsam, die ein Ende ohne neuen Anfang herbeisehnen. Ramakrishna unterwarf sich Kali, weil er durch sie das Leben in seiner Totalität begreifen und annehmen konnte. Dazu gehört eben auch der Tod und das Entsetzen über den Tod. Er durchschaute Tod und Entsetzen, lernte auf dem Grund das Wirken seiner Göttin zu sehen. Das Schrecklich bekommt für den Menschen einen Sinn, wenn es für die Gottheit das Mittel zum Zweck der Neuschöpfung darstellt; nur das Schreckliche, das ohne den göttlichen Willen eintritt, bleibt ohne Sinn und unannehmbar, es lässt den Menschen in abgrundtiefe Angst und Verzweiflung stürzen. Wer im Fallen nicht mehr zu Gott schreien kann, der hat jeglichen Halt verloren. Deshalb lehrte Ramakrishna schon die Kinder zur „Mutter“ zu beten, damit sie es auch im Ernstfall können: „Neige zu mir deines Mitleids Antlitz, o, Göttin, du Antlitz der Unsterblichkeit, durchdringe mich ganz mit deinem unendlichen Erbarmen.“

Im Garten Getsemani wusste Jesus, an wen er sich in der Not zu halten hatte und flehte im Bewusstsein seines nahen Sterbens zu Gott: „Vater, lass diesen Kelch an mir vorübergehen – aber nicht wie ich will, sondern wie du willst!“ (Matthäusevangelium Kapitel 26,39) Auch in seinem Glauben erkannte er, dass das Schreckliche nicht gegen den Willen Gottes geschah. Auch ihm stellte sich Gott, der seinen Tod abwenden konnte, aber nicht abwenden wollte, als ein dunkles, bis zum Unerträglichen geheimnisvolles Wesen dar. Oder wollte Gott sogar den Tod abwenden, aber konnte es nicht, fehlte ihm Allmacht? Hatte er kein Interesse, eine bessere Welt ohne Leid zu erschaffen oder vermochte er es nicht? Wie auch immer: In jedem Fall wird der Glaube auf eine harte Probe gestellt. Letztlich bleibt ihm nichts übrig, als „die Augen schließen und glauben blind“ (Lied 376 im Evangelischen Gesangbuch), dass diese Welt, wie Gott sie erschaffen hat, die beste aller möglichen Welten ist, dass das für den Menschen Sinnlose in Gottes Vorsehung Bedeutung bekommt.

Seine Verzweiflung über den rätselhaften Gott schrie der Gottessohn am Kreuz wie eine Anklage aus sich heraus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäusevangelium Kapitel 27,46). Martin Luther erklärte Erfahrungen wie diese mit dem „deus absconditus“, dem verborgenen Gott (Altes Testament, Jesaja 45,15), der dem Menschen zumutet, seine Fremdheit und Ferne auszuhalten und sich an seine helle Seite, die Offenbarung seines Willens zu halten: „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“ (Jesaja Kapitel 43,1). Leichter fällt weder der Glaube an Kali, noch der an den Gott Jesu, als die Spannung von hell und dunkel in Gottes Wesen zu ertragen ohne an ihm zu verzweifeln und abzufallen. Und die Symbole in Shivas Händen – die Trommel für Erschaffung, die Flamme für Zerstörung - zeigen schon: Er ist genauso.

Shiva ist der Größte!

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Shiva, der Gott mit dem Dreizack

Größeres kann über einen Gott nicht geglaubt werden als von Shiva. Das dritte Auge bezeichnet seine Allwissenheit. Bilder zeigen ihn in sitzender, meditierender Haltung: Als den Herrn aller Yogapraktizierenden aus dem Himalaya. Er erlangt in der Meditation eine Tiefe der Versenkung und Stille, die von keinem Ereignis und von niemandem gestört werden kann. Auf Darstellungen wird er mit dem Stier Nandi, seinem Reittier, präsentiert: Als Urbild aller Asketen hat er seine Triebe, seine animalischen Instinkte, völlig unter Kontrolle. Aber vor allem gibt er sich den Gläubigen als Tänzer zu erkennen. Er steht in einem Ring aus Feuer, steigert sich im Tanz in einen Rausch hinein, seine ekstatische Bewegung setzt Energie frei, die ihn ein Universum erschaffen und dem Universum eine Ordnung geben lässt, die es ein Zeitalter lang erhält und wieder zerstört. Seine „Zerstörung ist Erlösung“ (Hans von Stietencron). Shiva befreit die Seele von allen Fesseln an das vergängliche, leidvolle Dasein. Ist der Ausdruck seines Gesichts für den Menschen erschreckend oder motivierend oder beides? Shiva zeigt bei allem, was er tut, keine Regung. Er ist der ganz und gar Freie, der vom Schicksal des Universums Unabhängige und Unberührte, der Ewige – Shiva, der Coole aus dem Himalaya. Der Mensch fürchtet ihn - und liebt ihn, weil der Gott zwar seinen Schöpfungsplan kompromisslos verfolgt und seinen Geschöpfen jede Härte zumutet, dazu aber alle geistigen Kräfte zur Verfügung stellt, mit denen seine Anhänger die Welt überwinden können – wie er. Die Haltungen seiner beiden unteren Hände bedeuten wie bei Kali Schutz und Wunschgewährung. Sein größtes Geschenk an die Menschen ist die mystische Vereinigung mit ihm. Bei der Kommunikation mit ihm - bei der Meditation, bei der Puja, während des Tieropfers - verwandelt und erhebt sich der Mensch in sein ewiges, göttliches Wesen. Der menschliche Körper wird zum Tempel der Gottheit - Shiva gewährt Vereinigung, Shiva, der Gütige. Auf der indonesischen Insel Bali traf ich einen seiner Verehrer. Mein Schiff hatte in Hafenstadt Benoa angelegt. Auf einer Bustour lernte ich Vayan, einen Fremdenführer kennen.

Mit einer Fülle von Haus- und Dorftempeln zugestellte Grundstücke säumen auf Bali die Straßen. Jedes Haus besitzt einen. Die Verehrung gilt den Hindugöttern – die Insel war jahrhundertelang indische Kolonie. Ein Haustempel besteht aus Schreinen, an denen den Seelen Verstorbener Opfer dargebracht werden. Die auf Säulen stehenden viereckigen Kammern mit Dach sind auf der Seite des Hauses errichtet, die den Bergen zugewandt ist, denn auf den Bergen wohnen die Götter, auf der anderen Seite im Meer die Dämonen. Die Familien investieren mehr Geld in ihre Tempel, als in ihr Wohnhaus. Nicht nur in den Haustempel. Jede Großfamilie versammelt sich auch noch bei einem Großfamilien-Tempel und das Dorf unterhält einen Dorftempel.

Der Besakih Tempel ist das Ziel von Pilgern aus dem ganzen Land. Irgendwo auf dem weiten Gelände mit 200 Hallen, Pagoden und Schreinen finden sie ihren Dorftempel, jedes wohlhabende Dorf besitzt einen. In einer kleinen Halle hat es sich gerade einen Familie aus drei Generationen zum Mittagessen gemütlich gemacht. Sie stärken sich vor dem Aufstieg zum Hauptheiligtum. Der Tempelplatz ist terrassenförmig wie ein Reisfeld angelegt. Auf unterster Ebene werden die Götter mit Pagoden in jeder Größe geehrt: Je mehr Dächer, desto mehr Ehre. Je häufigere Umschreitungen, desto erleuchteter der Gläubige. In die Wände sind Geschichten aus den Heiligen Schriften und religiöse Figuren eingraviert, die unterwegs meditiert werden. Die Türme verjüngen sich leicht nach oben, sie zeigen den Weg in die dünne Luft der Erleuchtung an. Über viele Stufen, dafür stehen die Gesimse, führt der Weg bis zur Spitze, zum Himmelreich. Aber auch unten herrscht Frieden. Denn wo machtvolle Pagoden stehen, machen sich die Dämonen aus dem Staub. Endlich einmal hat man seine Ruhe vor ihnen. Der Englische Garten in München und das Zentrum der vietnamesischen Buddhisten in Hannover sind übrigens auch dämonenfrei. Dafür sorgen Pagoden. Schottland ist wohl das Land mit den meisten Pagodendächern: Die Schornsteine der Whisky-Brennereien scheinen aus Südostasien importiert.

Oben, am Ende der Treppe tut sich ein gespaltenes Himmelstor auf, bis dahin führt ein langer Treppenweg - billiger ist auch hier Erleuchtung nicht zu haben. Nach einer einen Kilometer langen Prozessionsallee nimmt der Pilger mit jedem weiteren Schritt von Stufe zu Stufe Abschied von seinem alten, selbstverliebten Ich und reinigt sich für die Erneuerung seiner Seele durch die Gottesbegegnung. Dort, wo Shiva anzutreffen ist, strahlt das herrschaftliche Goldgelb des höchsten Gottes. In rot geschmückten Tempeln und Schreinen nebenan erwartet Gott Brahma seine Verehrer, links dominiert das Schwarz des Gottes Vishnu. „Trimurti“, Dreieinigkeit der Hindu-Götter, erinnert Christen an Gott in dreifacher Gestalt als „Vater, Sohn und Heiliger Geist“. Aber im Besakihtempel wird kein Zweifel daran gelassen, dass Shiva der Größte ist und dass die anderen Götter seine himmlischen Knechte sind. Die Pagoden tragen alle auf der Spitze Shivas königliches Symbol: Eine goldene Krone.

Vayan hat der Reisegruppe freie Zeit für einen individuellen Bummel gegeben. Mit ihm besuche ich einen kleinen Nebentempel. Wir setzen uns in eine stille Ecke und beobachten das Amtieren eines weiß gekleideten Priesters. Vor ihm knien zwei junge Frauen, offensichtlich Shiva-Anhänger: Sie tragen gelbe Haarbänder. Der Priester besprengt sie mit Weihwasser. Den freien Platz vor dem Altar flutet die Flöte eines ebenso weiß Gekleideten. Ruhig und konzentriert setzt er jeden Ton. Sein Spiel hat alle Zeit der Welt. Die Klänge fließen wie Meereswellen bei leichtem Wind.

Das ewige Drama aus Weltschöpfung und Zerstörung, die ewige Wiederholung des Gleichen scheint die Menschen gleichmütig gegen das äußere Schicksal zu machen. In der Welt zu wirken, seinen Platz zu finden und zu behaupten, Erfolg zu haben und Karriere zu machen: alles hat nur einen sehr relativen Sinn. Nichts bleibt letztlich davon. Kein Fortschritt in Wissenschaft, Technik, Politik und Ökonomie hat irgendeinen Bestand, wenn Shiva die Schöpfung in ihren Untergang tanzt. Nur innere Freiheit dem Drama gegenüber zu erlangen lohnt wirklich. Die Spritzer des geweihten Wassers wecken die Schläfer auf, die sich damit beruhigen, sie könnten ihre Köpfe auf den Gütern der Welt wie auf weichen Kissen sicher betten. Sie sollen ihre Köpfe in die astralen Lüfte hoch recken, wo alle Müdigkeit und Schwere, wo alle Last des Sterbens und Vergehens im zeitlosen Ewigen vergeht.

Der Gott mit dem Dreizack in der Hand platzt vor Energie und lässt seine Gläubige an seinem Übermaß teilhaben. Auf Bildern wird er als Tänzer in einem Feuerring dargestellt. Durch seinen Tanz entfacht er gewaltige Kräfte, die das Böse vernichten. In einer Hand hält die Gottheit eine Trommel, Symbol der Neuerschaffung des Kosmos. Solange er Lust hat, erhält er sie, nimmt aber die Macht des Bösen Überhand, zerstört er das All wieder. Und immer so weiter: Erhalten, Zerstören, Neuschaffen – für das dreifache Wirken steht der Dreizack. Vayan erklärte mir die Bedeutung des englischen Wortes god (Gott): „g“ bezeichnet Gott als „generator“/Erschaffer, „o“ als „organizer“/Erhalter und „d“ als „destroyer“/Zerstörer.

Shivas Gesichtsausdruck scheint bei all der Hyper-Aktivität merkwürdig ruhig und unbeteiligt. Er ruht in sich und erweist seine völlige Freiheit von der Welt. Eigentlich geht sie ihn nichts an. Warum er trotzdem unablässig schafft, erhält und zerstört, bleibt sein Geheimnis. Bilder zeigen, wie er auf einem Dämonen herum trampelt – das überzeugt Vayan am allermeisten. Wie alle Balinesen fürchtet er die Macht böser Geister. Auch vor seinem Haus blockiert eine Mauer den Weg zur Eingangstür, der Besucher umgeht sie links oder rechts, was Dämonen nicht können – sie rennen dagegen, holen sich blutige Schädel und verziehen sich. Dringt doch einmal einer ins Haus ein, setzt der Balinese seine Yogakraft ein. Er atmet tief ein, atmet tief aus, schreit dem Dämonen den Namen seines Gottes entgegen und vertreibt ihn damit wie Sturm lästige Fliegen. Shiva hilft immer.

Ich interessiere mich für die Yoga-Kenntnisse meines Hindus. Vayan lässt sich nicht zwei Mal bitten. Im Stehen führt er seine Handflächen vor der Brust zusammen, streckt seine Hände mit dem Einatmen über den Kopf, verweilt in der maximalen Streckung, hält den Atmen an, lässt die Arme an den Körperseiten mit dem Ausatmen sinken und führt die Handflächen wieder vor der Brust zusammen. Ein Kreislauf, der bei null beginnt, seine Höhe erreicht und wieder am Anfang, bei null, endet - wie alles kosmische Sein. Er fordert mich auf mitzumachen. Der Balinese erklärt mir, dass der Yogi die Bewegung mit einem Mantra, einem heiligen Wort, verbindet und sich damit zu Gott hin weitet. Ich nehme das als Tipp für einen christlichen Yoga und verbinde das Heben der Arme und das Einatmen mit der Bekräftigung „Ich strecke mich zu dir, Christus, du höchstes Licht“.

Vayan verehrt nur einen Gott. Die Frage, ob er noch an weitere Götter glaube, stellt für ihn eine Absurdität dar: Kann Shiva denn etwa nicht genug Feuer entfachen? Hat er etwa nicht genug Macht? Wie könnte der Gläubige sich einem Gott anvertrauen, der sich selbst nicht helfen kann, weil er zu schwach ist? Wenn im Zusammenhang der indischen Religionen immer einmal wieder eine Götter-Dreiheit erwähnt wird, handelt es sich dabei um eine theoretische Systematisierung vielfältiger Erscheinungen. Religionsforscher fassen die Götter zu einem Pantheon zusammen, in dem dann Brahma die Funktion des Schöpfers des Universums zugewiesen wird, Vishnu die des Erhalters und Shiva die des Zerstörers. Mit der spirituellen Wirklichkeit indischer Religiosität hat das nichts zu tun. Ist sogar ärgerlich: Jeder der drei Götter wird durch die Dreiheit degradiert, seine Ehre wird ihm durch die zwei anderen geraubt. Keiner ist mehr der Größte.

Brahma spielt in der Frömmigkeit heute keine Rolle mehr, aber Vishnu und seine zehn Avatare sind von Bedeutung. Vishnu unterscheidet sich von Shiva so sehr, dass seine Anhänger, die Vaishnavas, bestimmte Tempel der Anhänger Shivas, der Shaivas, meiden. Mahatma Gandhi wuchs in einer Vaishnava-Familie auf und wurde zum strengen Vegetarier erzogen. Die Ethik verbietet strikt, dass ein Tier getötet und gegessen wird. Als Gandhi dennoch einmal Fleisch probierte, sah er nächtelang in seinen Alpträumen schreiende Schafe. Die Tieropfer der Shaivas und der Shaktas, der Gläubigen Kalis, widerten ihn an. Die Vaishnavas empörten sich 2009 genauso wie Tierschützer in aller Welt, allen voran die frühere Schauspielerin Brigitte Bardot, als in Nepal das größte Tieropferfest aller Zeiten von Hindus veranstaltet wurde. 20000 Büffel und 300000 Vögel, Ziegen und Schafe mussten ihr Leben lassen, weil die Gläubigen Kalis ihre Göttin besänftigen und freundlich stimmen wollten.

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Heilige Kuh in Mumbai/Indien

Shiva erlöst durch Zerstörung, Vishnu durch Liebe und Fürsorge. Immer wieder hört das Goldene Zeitalter der Gottestreue der Menschen auf, sie fallen vom Glauben ab, verehren weltliche Güter statt ihres Schöpfers und ignorieren die kosmische Ordnung, das Böse gewinnt Überhand. Es scheint im irdischen Paradies zu langweilig zu sein. Vishnus Recht wäre es, die Welt zu bestrafen und zu vernichten, aber der Gütige kommt in einem Zeitalter des Verfalls in einer Verkörperung auf die Erde, um den Menschen gegen die Dämonen beizustehen und ihnen die göttliche Ordnung von neuem einzuschärfen. Der Avatar klärt auf, dass die Herrlichkeit der Welt nichts als Täuschung darstellt, „Maya“, sie vergeht über kurz oder lang.

Eigentlich brauchte ich nicht in den Fernen Osten reisen, um etwas über die Götter Indiens zu erfahren. Es genügt, in Bremen-Hastedt den Hindutempel zu besuchen. Dort wirkt Ratan, ein Priester aus Colombo. Bevor der 35-jährige Brahmane vor drei Jahren nach Deutschland kam, wirkte er am größten Hindutempel auf Sri Lanka. Wie in Indien ist sein Oberkörper bei der Puja nackt, er trägt nur die Brahmanenschnur.

Meine erste Frage galt der Gottheit: „Wer wird hier verehrt? Wer ist der Größte? Shiva oder Vishnu?“ „Der Sohn von Shiva, Ganesha!“ Ein großes Kultbild des Gottes mit Elefantenkopf steht am Eingang und macht den Besuchern unmissverständlich klar, wem zu Ehren hier die Puja gefeiert wird. Zu Beginn trennt ein Vorhang den Gebetsraum vom Allerheiligsten mit drei Götterstatuen – in der Mitte thront Ganesha, rechts von ihm Shiva, links Shivas Frau. Der Priester hat die drei gerade gewaschen, angekleidet, mit Blumen geschmückt und ihnen Früchte, Milchreis, Kichererbsen, und Kokosnüsse zu essen gegeben.

„Warum darf keiner zusehen“, frage ich.

„Möchten sie beim Ankleiden beobachtet werden“ fragt er zurück und betont den intimen Umgang zwischen Priester und Göttern.

„Ist nicht Shiva der Mächtigste?“

„Ja, natürlich“, erklärt er, „aber Shiva hat Ganesha seine Macht übertragen.“

Er zeigt auf weitere Figuren im Tempel: „Das ist Surya, die Sonnengöttin, neben ihr stehen weitere Figuren kleiner Gestirngötter. Aber keiner hat Macht wie Ganesha, alle dienen ihm.“

„Warum trägt er einen Elefantenkopf?“ möchte ich wissen. Der Brahmane erzählt mir den skurrilen Mythos. Shivas Frau Parvati gebar während der Abwesenheit ihres Mannes ein Kind. Sie befahl dem Sohn vor dem Haus Wache zu stehen. Als der Hausherr zurückkehrte, verwehrte der Türsteher ihm Einlass. Erzürnt und ohne Kenntnis, wen er vor sich hatte, köpfte der Vater den Sohn. Seine Frau war darüber untröstlich. Nichts konnte wieder gut gemacht werden, da der Kopf verschwunden war. Kurzerhand setzte Shiva seine Allmacht ein und setzte auf den Hals des Sohnes einen Elefantenkopf. Als Wiedergutmachung übergab der Vater dem Sohn seine Macht.

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Feier einer Puja im Bremer Hindutempel: Elefantengott Ganesha wird verehrt

Ganesha beseitigt im Alltag Hindernisse, deshalb wissen die Hindus ihn zu schätzen. Glück und Erfolg sind Früchte seines Wohlwollens. Weil er mit seinem unteren Körper am Menschen Anteil hat, versteht er dessen Probleme, sein Leid, der Elefantenkopf symbolisiert das All - Ganesha verfügt über grenzenlose Macht zu helfen. In seiner Gestalt vereinigen sich das kosmische Sein und die individuelle Existenz des Menschen. Wenn die Gottheit will, lässt sie ihre Anhänger an der Einheit teilhaben.

Als im Bremer Tempel der Vorhang vor dem Allerheiligsten aufging, setzte ohrenbetäubender „Lärm“ ein. Wie gut, dass der Tempel sich in einem Bunker aus dem zweiten Weltkrieg befindet. Die Gläubigen feierten das Erscheinen ihres Gottes mit Glöckchen, Zimbeln und Trommeln. Ratan schwenkte einen Kandelaber vor den Augen der Gottheit, die Gottheit segnete das Feuer. Der Priester brachte das Feuer zu den Gemeindemitgliedern, die Gläubigen nahmen es mit geöffneten Handflächen auf, verneigten sich, fielen auf den Boden nieder, klopften sich auf ihre Schläfen, um ihre Aufmerksamkeit zu schärfen - auf den Augenblick kam es an.

Nach der Zeremonie gab es süßen Milchreis und Kichererbsen zu essen. Der Gemeindevorsteher wies mich auf die Reinheit der Speisen hin – Opfergaben. Auch der Priester muss rein bleiben, soll die Gottheit mit ihm in Kontakt treten. Er darf sich nicht durch eine weltliche Tätigkeit verunreinigen, sonst meidet die Gottheit den Kontakt mit ihm. Die Gemeinde bezahlt ihn. Ob der Vorsteher auch schon einmal Kontakt zu seinem Gott hatte? „Oh, ja, wenn Ganesha die schlechten Gedanken wegräumt und wenn er gute Gedanken schenkt.“ Keine Frage: Ganesha ist der Größte!

Krishna ist der Größte!

Es kommt mir vor, als ob sich Anhänger sämtlicher Religionen verabredet hätten: „Kommt, wir treffen uns in Singapur!“ Nahe dem Tempel im indischen Viertel qualmt es aus einem Tao-Tempel im chinesischen Viertel, etwas weiter im arabischen Viertel treffe ich auf eine Moschee mit einer goldenen Kuppel, in einer Kirche übt der Organist. Ein dickbäuchiger „Happy Buddha“ steht als Standbild auf der Straße, ihm wird kräftig der Bauch gerieben.

Den Sri Krishnan Tempel in der Waterloo Street schmückt ein kleiner charakteristischer Turm, auf dem sich die vielen Götterfiguren gegenseitig den Platz streitig machen. Der Turm symbolisiert den Berg Meru. Es heißt, die Götter residierten auf dem Berg im Mittelpunkt des Universums. Ein Türsteher achtet darauf, dass die Schuhe ausgezogen werden und weist auf das Fotografierverbot hin. Der Tempel gehört den Göttern. Wo du hinguckst, ist Vishnu schon da: mit seinen Waffen in Händen, dem Diskus und der Keule, oder mit dem Lotus für seine Reinheit, in seiner menschlichen Gestalt als Krishna und als dessen Frau Saraswati. Priester werfen Blumen zu Füßen der Statuen und singen, chanten, heilige Verse. Gläubige übergeben den Brahmanen ihre Opfer, die die Gaben vor die Götterbilder legen. Wenn Brahmanen für die Gläubigen singen, beten und opfern, sind die Götter eher gewillt, Segen zu geben. Ohne Priester läuft gar nichts. Wer das sieht, versteht, dass Buddha zu seiner Zeit als ein gefährlicher Rebell galt, als er durch Indien zog und verkündete: „Ihr braucht die Götter und Priester nicht - erlöst euch selbst!“

Der Priester weist sich durch ein weißes „U“ auf der Stirn als Anhänger des Gottes Vishnu und seiner Avatare aus, seiner Menschwerdungen, insbesondere die Inkarnation Krishna. Wie der Balinese von Shiva und der Sri Lanker von Ganesha schwärmt der Singapurer von der Macht Vishnus, der den Verfall der Weltordnung beobachtet und sich rechtzeitig inkarniert, um die Weltordnung wieder herzustellen. In der Gestalt Krishnas genoss er das Menschenleben in vollen Zügen. Als Schafhirte führte er ein freies Leben draußen in der Natur und spielte gerne auf seiner Flöte. Die fromme Legende erzählt, dass sich ein Hirtenmädchen in ihn verliebte und dass er ihre Liebe erwiderte. Die Gläubigen sollen ihren Gott lieben wie das Hirtenmädchen. Sie können gewiss sein, dass er nicht kaltschnäuzig wie Shiva daher kommt, Krishnas Herz fängt leicht Feuer.

Ich frage den Priester, wie er sich das Leben nach dem Tod und nach Beendigung aller Wiedergeburten vorstellt: „Zu Krishna Füßen sitzen und seinen Namen chanten.“ Länger hat er keine Zeit für mich, denn schon kommen wieder Gläubige, um ihm Gebetsanliegen zuzuflüstern, die er der Gottheit weitersagen soll. So geht das den ganzen Tag. Das Opfer der Gläubigen, Blüten, wirft der Priester dem Kultbild vor die Füße.

Die Frage „wer ist der Größte?“ kann in Indien jeder für sich klar und eindeutig beantworten. Eigentlich sind alle göttlichen Gestalten, ob in sich gekehrt, voller Liebesglut oder mit Elefantenkopf, Erscheinungen des einen, unteilbaren Absoluten, des unanschaulichen göttlichen Geheimnisses hinter den Gestaltungen. Im Bremer Ganeshatempel lernte ich auch einen Vaishnava kennen, einen Anhänger Vishnus. Er kommt regelmäßig und findet nichts dabei: „Die Gottheit wohnt in allen Figuren und Bildern, so groß ist ihre Macht.“ Er geht auch gerne in Kirchen, um zu beten.

In Heiligen Schriften manifestiert sich die Gottheit. In der Bhagavad Gita als Krishna.

Handle, ohne nach Erfolg zu fragen

Die Bhagavad Gita hat in Indien seit jeher eine große Bedeutung. Sie ist eine der wichtigsten Offenbarungsschriften des Hinduismus. Kinder werden mit ihr vertraut gemacht, wie mir der Yogameister und Präsident der deutsch-indischen Gesellschaft, Nepal Lodh, berichtete. Immer wieder wurde ihm die Gita in seiner Familie vorgelesen, dabei hat er ihren Inhalt verinnerlicht. Auch der Heilige Ramakrishna erzählt, welche hohe Bedeutung die Gita für ihn von klein auf hatte und selbst ein indischer Christ, Pater Sebastian Painadath, spricht mit Hochachtung von dieser hinduistischen Schrift: „Mein Großvater war Christ, doch als Gelehrter rezitierte er die Heiligen Schriften der Hindus auswendig, vor allem die Bhagavad Gita, während ich auf seinem Schoß saß. Das hat mich tief geprägt.“ Sein Orden ermöglichte ihm später neben katholischer Theologie auch die Gita zu studieren. „Sie ist für mich wie eine geistige Mutter geworden“.

Der Verfasser der Gita ist einer der Vyasas („Sammler“), die das große indische Epos Mahabharata zusammen getragen haben, in welchem die Gita das Kernstück bildet. Die Niederschrift wird heute noch zeitlich vor den Yogasutras von Patanjali eingeordnet, irgendwann in den Jahrhunderten vor Christus. Die Inhalte sind allerdings wesentlich älter, sie wurden jahrhundertelang mündlich tradiert. Europa lernte die Gita im 18. Jahrhundert kennen. Romantiker um Friedrich Schlegel griffen sie auf. Heute hat die Gita eine weltweite Bedeutung, ihr Rang in bestimmten Regionen der Welt ist vergleichbar mit Bibel und Koran. Sie ist gekennzeichnet durch einen tiefgründigen philosophischen, religiösen, poetischen und moralischen Inhalt. Mahatma Gandhi spricht nicht nur für sich, wenn er der Gita mit höchsten Worten Verehrung zuteil werden lässt: „In der Bhagavad Gita finde ich einen Trost, den ich selbst in der Bergpredigt vermisse. Wenn mir manchmal die Enttäuschung ins Gesicht starrt, wenn ich, verlassen, keinen Lichtstrahl mehr sehe, greife ich zur Gita. Dann finde ich hier und dort einen Vers und beginne langsam zu lächeln inmitten all der niederschmetternden Tragödien. Wenn sie alle keine sichtbaren, keine untilgbaren Wunden an und in mir hinterlassen haben, verdanke ich das den Lehren der Gita“. Was für ein größeres Lob und was für ein tieferes existentielles Verständnis für eine Schrift könnte es geben?

Gita bedeutet Lied und Bhagavad Gita Lied des Bhagavant, des Erhabenen, das Lied Gottes. Die Gita ist die Weisheit des menschgewordenen Gottes Krishna. Kurzgefasst lautet ihr Inhalt: „Tu deine Pflicht! Nach dem Erfolg des Handelns frage nicht!“. Es geht also um das Handeln, um Weltverantwortung. Die Gita führt ihre Leser nicht in eine Haltung der Weltentsagung und Weltverachtung, sondern stellt gerade heraus, dass ein Mensch handeln m u s s. „Wie kann ein Mensch die Niederungen des Daseins bewältigen und dennoch in seinem höheren Selbst zu Hause sein“, bezeichnet Nepal Lodh die Kernfrage der Gita und fährt vielversprechend fort: „Eine vielblättrige Blume ist die Antwort der Bhagavad Gita.“ Die Gita gibt also nicht nur eine Antwort, sondern mehrere. Viele unterschiedliche religiöse Gemeinschaften Indiens finden gleichermaßen ihre Auffassungen in ihr wieder: Der Glaube an das ganz unanschauliche Brahman genauso wie der Glaube an einen persönlichen Gott; die dualistische Samkhya-Yoga-Philosophie mit ihrer Betonung eines Leib-Seele-Gegensatzes genauso wie die monistische Advaita-Vedanta-Lehre, für die alle Wirklichkeit von ein und demselben Geist ist. Sie enthält genauso eine Kriegerethik, die den Kampf gebietet, wie eine Asketenethik, bei der das erste Gebot „Ahimsa“, die Gewaltlosigkeit gegenüber Mensch und Tier, im Mittelpunkt steht. So bietet sie Menschen unterschiedlichen religiösen Charakters die Chance, ihren jeweiligen eigenen Weg zur Erlösung zu finden. Und sie lehrt jeden Einzelnen Toleranz gegenüber denen, die einen anderen Weg für sich als den richtigen ansehen.

Die Gita ist Kernstück des Mahabharata, das einen Krieg innerhalb einer Herrscherfamilie beschreibt. Die Söhne des Fürsten Pandu werden von ihrem Onkel Dritharashtra aus dem Stamm der Kurus und von dessen Söhnen um ihren rechtmäßigen Thronanspruch betrogen und immer wieder Verfolgungen ausgesetzt. Schließlich kommt es zur großen Schlacht. Arjuna, der Held der Gita, befindet sich in einem persönlichen Konflikt zwischen der Zuneigung zu seinen Verwandten auf der Gegenseite und seiner Pflicht, den rechtmäßigen Anspruch seiner Familie auf Land und Thron mit allen Mitteln durchzusetzen. Er will nicht kämpfen – aber muss er? Der Lenker seines Streitwagens, Krishna, hilft Arjuna durch eine religiös-philosophische Unterweisung, seinen Zwiespalt zu überwinden und sich zum Kampf zu entschließen.

Arjuna kämpft und siegt. Ohne jedes Triumphgefühl. Aus selbstloser Pflichterfüllung.

Die Gita lehrt den spirituellen Weg des Karma-Yoga, des Yogas der Tat:

„Für den Tätigen gibt es den Weg der selbstlosen Tat.

Niemand wird vollkommen dadurch, dass er der Arbeit entsagt. Deshalb musst du jede Tat vollziehen als eine Darbringung an Gott und frei sein von aller Bindung an die Ergebnisse.

Der Nichtweise wirkt für die Früchte des Handelns. Der Weise handelt gleichfalls, doch ohne Verlangen nach Lohn. Er erreicht die letzte Wahrheit“. (Kapitel 3)

Und an anderer Stelle:

„Wer handelt ohne jeden Hang und all sein Tun der Gottheit weiht,

wird durch das Böse nicht befleckt, wie’ s Lotusblatt durchs Wasser nicht.

Mit ihrem Leib, Sinn und Verstand und mit den Sinnen ganz allein,

tun die Andächtigen jede Tat, ganz ohne Hang – um rein zu sein.

Wer fromm aufgibt die Frucht der Tat, erlangt die höchste Seelenruh’,

wer unfromm hängt an dem Erfolg, wird durch begehrlich Tun verstrickt...

Nicht hängend an der Außenwelt, findet er in sich selbst das Glück;

Wer andachtsvoll nach Gott strebt, erlangt ein unvergänglich Glück.

Denn der Genuss der Außenwelt trägt schon in sich des Schmerzes Keim,

wie der Genuss entsteht, vergeht er auch …

Mich kennend als den Herrn der Welt, dem Opfer und Askese gilt,

der aller Wesen wahrer Freund, gelangt zum Seelenfrieden er.“ (Gita, Kapitel 5)

Die Schrift lehrt ein Verhalten zwischen der extremen Ethik von Asketen, die Berührung mit der Welt durch Tatenlosigkeit zu meiden suchen, und der von Materialisten, die sich in ihrem Denken, Fühlen und Wollen ganz auf die Welt beziehen und sich von ihrem Verlangen nach einem diesseitigen Glück abhängig machen. Krishna spricht sich gegen die lebensverneinende Askese aus, denn die Leiblichkeit des Menschen mache sein Handeln erforderlich. Er hat die gottgegebene Pflicht, seinen Körper bestmöglich zu erhalten und dem Nächsten bei der Sorge um seinen Körper zu helfen. Durch sein Handeln hält er vor allem den universalen „Körper“, die göttliche Weltordnung, im Gleichgewicht. Sein Handeln wird bestimmt durch die jeweilige Kastenpflicht. Je nach Kaste, nach seinem sozialen Stand, sind seine Aufgaben klar definiert. Arjuna hat als Krieger die Pflicht zu kämpfen. Krishna schärft sie ihm ein.

Im Tätigsein liegt allerdings die Gefahr verborgen, dass die bunte, reizvolle Welt den Menschen ganz an sich bindet, ihn mit sich zu einem Knäuel verstrickt. Wer handelt, um eine ihrer Belohnungen zu erhalten oder einer Bestrafung zu entgehen, kettet sich mit seiner ganzen Aufmerksamkeit, Hoffnung und Angst an die Welt, an ihr Wechselspiel aus Gewinn und Verlust, Berechenbarkeit und Zufälligkeit. Immer wieder wird die Welt erst sein Interesse wecken und ihn schließlich ins Leid stürzen. Wie soll ein Mensch sich zwischen Weltverneinung und Weltverherrlichung verhalten?

Krishna fordert auf, die Pflichten gegenüber der Welt ernst zu nehmen, sich aber vor Abhängigkeit von der Welt zu bewahren. Wie geht das? Durch selbstloses Tun. Der Handelnde erfüllt getreu seine Pflichten, zeigt aber an der Wirkung seiner Handlungen kein Interesse. Er pflanzt zwar einen Samen, aber giert nicht nach der Frucht. Er dient mit seinem Handeln nur Gott und bezieht daraus seine einzige Motivation. Er ist selbst Zuschauer seiner Handlungen oder - mit einem anderen Bild gesagt - Schauspieler, der seine Rolle spielt. Nur so bleibt er von der Welt unabhängig. Selbst ein am Guten orientiertes Handeln, zum Beispiel in höchster ethischer Weise Ahimsa, Gewaltlosigkeit, zu praktizieren, würde ihn an die Welt binden und machte ihn unfrei von Erfolgsorientierung. Der Handelnde strebt danach, die Welt durch Güte zu verbessern und wäre enttäuscht über jede Gewalt, jede Härte, die er nicht verhindern konnte. Er säße im Netz der Spinne, der Abhängigkeit, und ließe sich einwickeln. Der Weise zerreißt das Netz. Er konzentriert sich auf das ewige ruhende Sein hinter allen unruhigen Erscheinungen der Sinnenwelt und weiß um eigentliche Bedeutungslosigkeit des flirrenden Schönen und Verlockenden wie des Hässlichen und Abstoßenden.

Ich frage mich, wie ich mir ein Handeln ohne Herz, ohne Leidenschaft, ohne das Interesse, die Welt an der einen oder anderen Stelle zu verändern, vorzustellen habe. Wird die Motivation überhaupt etwas zu tun nicht zu schwach sein? Und wird der nur schwach Motivierte nicht damit liebäugeln, doch lieber konsequent wie Asketen alles Tun einzustellen, weil die Welt es eigentlich nicht wert ist, sich für sie ins Zeug zu legen? Arjuna jedenfalls erkennt seine Pflicht und begreift, mit welcher Einstellung er zu handeln hat. Ohne Krishna wäre ihm das nicht geglückt.

Die Anhänger der Vishnureligion, die Vaishnavas, halten Krishna für einen Avatar, eine „Herabkunft“, eine Inkarnation des Gottes Vishnu. Weiter gelten Rama, Buddha und auch Jesus Hindus als Menschwerdungen Vishnus. Ramakrishna zählten seine Jünger auch zu den Avataren - wovon er selbst nichts wissen wollte. Dass Jesus solch eine hohe Anerkennung im Hinduismus zuerkannt wird, darf von Christen als eine Ehre angesehen werden. Die Frage, ob nicht auch Krishna durch Christen gewürdigt werden müsste, würde westlichen Kirchen wohl geradezu lächerlich erscheinen. So absurd ist sie nicht, denn die Gita verkündet, wie das Neue Testament, die Liebe Gottes zum Menschen und ruft den Menschen zur Liebe zu Gott auf - wie das Neue Testament. Der liebevolle Gedanke an Krishna soll den Gläubigen den ganzen Tag lang begleiten, vom Aufstehen bis in den Schlaf, das ganze Leben lang bis zum Tod. Krishna stellt in Aussicht: „Wer in der Todesstunde meiner gedenkt, scheidet aus dem Leib und geht in mein göttliches Wesen ein.“

In den westlichen Kirchen ist man seit jeher gewohnt, eher das Unterscheidende, statt das Gemeinsame in den Religionen festzustellen. Nach christlichem Glauben bleibt Gottes Inkarnation in Jesus einmalig, sie wiederholt sich nicht. Jesus würde geradezu entehrt, stellte man ihn in eine Reihe mit anderen himmlischen Heilbringern. Philosophisch ausgedrückt: Die Wahrheit kann nur eine sein. Was für eine skurrile Vorstellung - für einen Inder. Wenn die Geschichte der Völker, der Menschen sich wiederholt - immer wieder beginnt ein neues Zeitalter, verfällt und entsteht ein neues -, dann braucht es viele Heilsbringer aus der Höhe. „Das tut die Geschichte ja gar nicht“, kontert der westliche Denker, Geschichte bewege sich nicht in Kreisen (zyklisch), in Wiederholungen, sondern sei ein stetiger Aufstieg ohne Rückfall (linear). Die erlösende Wahrheit Gottes sei ein für alle Mal in der e i n e n Geschichte in

e i n e r Person, in Jesus in der Welt erschienen. „Ich bin die Wahrheit“, stelle der Gottes Sohn schließlich unmissverständlich fest, er sage ja nicht „Ich bin eine der Wahrheiten“. Der religionskundige Inder kontert: „Lebten nicht Noah, Abraham, Mose, Jesaja …, alle die großen Gestalten der biblischen Geschichte, lange vor Jesus und konnten von dieser ei n e n Wahrheit gar nichts wissen? Und doch wurden diese Heiligen aus dem Alten Testament von Gott zum wahren Glauben geführt - ohne den Glauben an Jesus.“

Avatare sind für Hindus Verkünder der göttlichen Wahrheit auf Erden. Sie erscheinen zu einem Zeitpunkt, wenn sich die Welt im Chaos befindet und Spielball der Mächte des Bösen geworden ist. Diese dunkle Zeit, die Abenddämmerung der Welt (Kaliyuga, das jetzige Zeitalter), tritt zyklisch auf wie auch ihre Morgendämmerung. Der Avatar kommt und bekämpft die Unwissenheit der Menschen und führt sie zur Erkenntnis der göttlichen Ordnung. Ist das Ziel erreicht, die Weltordnung stabilisiert, zieht der Avatar sich wieder zurück. Sein Erscheinen ist ein Triumphzug, undenkbar, dass er am Kreuz enden könnte. Gott könne nicht scheitern, ist der Inder sicher. „Doch“, antwortet der Christ, „Gott nimmt das Scheitern der Menschen und ihr Leiden auf sich.“ „Dann sind wir uns ja gar nicht einig“, kommentiert der Hindu, „lass uns Tee trinken!“

Krishna war eine historische Gestalt, ein Mann aus dem Kriegerstand. Nach seinem Tod wurde er als Gott erkannt und verehrt. Der Glaube entfaltete sich, dass ihn eine himmlische Jungfrau geboren hat. Der historische Krishna stiftete eine Religion der „Bhakti“, der Liebe zu einem persönlichen Gott. 600 vor Christus, also zur Zeit Buddhas, erlebte der Kult seine Blütezeit. Der Mensch Krishna war aufgestiegen zum Gott.

In der Gita spricht der transzendente Krishna:

„Es gibt nichts Höheres als mich – kein andres Ding, was es auch sei!

Auf mich ist dieses All gereiht wie Perlenreihen an der Schnur.

Ich bin des Wassers Feuchtigkeit, ich bin das Licht in Sonn’ und Mond,

das heilige Om der Veden all, der Ton im Äther...

Ich bin das Leben in den Wesen…

Ich bin der Kräftigen Kraft, die frei von Neigung und Begier;

Die Liebe in allen Wesen – die bin ich…

Wenn jemand in festem Glauben strebt nach seines Gottes Gnade,

dann wird zuteil ihm, was er wünscht,

denn gern wend’ ich ihm Gutes zu.“ (Kapitel 7)

Neben der Bedeutung als historische Gestalt stellt Krishna eine Symbolisierung des Göttlichen in jedem Menschen dar („Ich bin das Leben in den Wesen“ „…die Liebe in allen Wesen…“). Die Gita kann auch als Allegorie gedeutet werden. Nepal Lodh interpretiert sie in der Weise, dass Krishna als Zeichen für göttliche Vernunft steht, die Pferde für Triebe, die Zügel für Verstand, der Wagen für den Körper, Arjuna für den Atman, das göttliche Bewusstsein in jedem Menschen. Nach dieser Auslegung handelt es sich beim Zwiegespräch Arjunas mit Krishna um ein Selbstgespräch des Kriegers. Im Verlaufe seiner inneren Auseinandersetzung realisiert Arjuna sein göttliches Wesen und findet zur Erleuchtung. Die Gita handelt auf den ersten Blick von einem jungen Mann mit vielen Fragen und Zweifeln, aber eigentlich meint die Weisheitslehre jeden Menschen, der sich in einer geistigen Entwicklung befindet. Sie ist Gleichnis des allgemeinen menschlichen Suchens, Zweifelns und Erfassens der höchsten Wahrheit. Die Schrift soll motivieren unablässig nach Erlösung zu streben und sich durch Hindernisse nicht abhalten zu lassen. Sie definiert das Ziel des Lebens: Durch die Kraft und Weisheit der göttlichen Seele (Atman) sein Leben führen zu lassen. Dabei das Gute zu tun, ohne nach Lohn oder Erfolg zu schielen, in der Gewissheit, dass das Handeln seine Erfüllung in sich selbst trägt. Wer im Sinne der göttlichen Weltordnung lebt, dem hat Gott Krishna sich zugewendet und ihm den Weg gewiesen. Und das aus seiner überreichen Gnade. Was sollte dem Menschen weltliche Belohnung bedeuten, hat er doch das Höchste erreicht. Das Gute wird um Gottes Willen getan – was könnte es für den Menschen Besseres geben, als Gott zu gefallen? Für die Lotusblüte, die sich dem strahlenden Sonnenlicht öffnet, und hingibt, kann es nichts Schöneres geben.

Die Bhagavad Gita verbindet die unterschiedlichen indischen Religionen miteinander. Wie auch der Glaube an Karma (gute und schlechte Taten) und Reinkarnation (Seelenwanderung).

Wandernde Seelen

Für Deutsche, die im Ausland arbeiten, gibt es eine Anlaufstelle: Die deutsche Kirchengemeinde. Auch wer nicht gläubig ist, findet dort Kontakte zu anderen in der gleichen Lebenslage. Der Pfarrer ist für alle da und kümmert sich besonders um die Neuankömmlinge. Zu denen gehörte ich auch, als ich mein Praktikum in der evangelischen Auslandsgemeinde in Bombay, heute Mumbai, begann. Zusammen mit dem Pfarrer machte ich Hausbesuche bei den Deutschen, die über die Stadt verteilt lebten. Ich staunte nicht schlecht, wie er seinen englischen Ambassador ohne Unfall durch den Straßenverkehr steuerte, Verkehrsregeln konnte ich nicht erkennen. Er hatte längst begriffen, worauf es ankam: Die Hand nie von der Hupe zu nehmen. Wer nicht hupte, hatte verloren. Ich lernte schnell, dass die Fenster unbedingt geschlossen gehalten werden mussten, auch dann, wenn die Hitze unerträglich war und eine Klimaanlage nicht vorhanden. Andernfalls begrappschten mich Bettler beim nächsten Halt durchs offene Fenster und verlangten Ruppees. Dann lieber schwitzen und keine Luft mehr kriegen.

Die Deutschen kennen das. Sie arbeiten für internationale Konzerne, leben einige Jahre in Bombay und stellen sich auf die Verhältnisse ein. Indien stellt für den Agnostiker aus Deutschland eine besondere Herausforderung dar. Er lässt die Frage nach der Existenz Gottes offen, weil er sich nicht in der Lage sieht, sie positiv oder negativ zu beantworten. In seiner Heimat liegt er damit voll im Trend. In Indien macht er sich selbst zum Außenseiter. Spätestens wenn sein einheimischer Geschäftspartner vor dem Vertragsabschluss noch seinen Pandit, seinen Astrologen, befragen will, bemerkt er, dass diese Welt anders tickt. Und auch die Bitte seines Gegenübers um Auskunft, welchen Gott er denn verehre, macht ihn kleinlaut.

Der Pfarrer kennt die Verunsicherung und sieht es als seine Aufgabe an, seinen Landsleuten die fremde Kultur bekannt zu machen. Erhart Bickelmann hatte zu dem Zweck den Sanskrit-Professor Upadhyaya in das Gemeindehaus eingeladen. Der nahm die Gelegenheit wahr und führte selbstbewusst in die „älteste Religion der Menschheit“ ein. Seiner Schilderung der Eigenschaften der verschiedenen Götter folgte die Demonstration der „schönsten religiösen Schrift der Menschheit“, des Sanskrits. Und dann kam er so richtig in Fahrt. Uns Christen fehlten wichtige Einsichten und wir verstünden so manche Erscheinung des alltäglichen Lebens gar nicht. „Warum wird ein Kind behindert geboren“, fragte er in die Runde. Ich meldete mich zu Wort: „Wir wissen das nicht, aber Gott weiß es, das muss uns genügen.“ Das genüge nicht. Die Erklärung liege seines Erachtens auf der Hand: Das behinderte Kind hatte in seinem früheren Leben Böses getan, dafür wurde es mit der Behinderung bestraft. Er sprach von „schlechtem Karma“, das eine Wiedergeburt als Kranker, Armer oder Ausgestoßener bewirke. Ein universales Gesetz der Vergeltung, nicht Gott, gibt demnach jedem, was er verdient. Gute Taten, also gutes Karma, führen zu einer privilegierten Wiedergeburt als Reicher oder noch höher, als Mönch.

Das nächste Beispiel für die Begründung der These, dass Christen unter einem Mangel an Erkenntnis litten. Jemand kommt an einen fremden Ort, seines Wissens ist er noch nie dort gewesen. Trotzdem hat er das Gefühl, zu Hause zu sein. Die Bewohner kommen ihm irgendwie bekannt vor und er versteht auch Brocken ihrer Sprache, obwohl er sie nie gelernt hat. Was geschieht da? Einer von uns versuchte eine Antwort. Vielleicht bildete er sich nur ein, schon einmal dort gewesen zu sein, oder vielleicht hatte er den Ort im Fernsehen gesehen und die Sprache dabei gehört und sich unbewusst eingeprägt. Das leuchtete den Deutschen ein – nicht dem Hindu. Des Rätsels Lösung sei wiederum das frühere Leben. Damals wohnte derjenige tatsächlich an dem Ort, beherrschte die Sprache, verkehrte mit den Einheimischen. Nur vergaß er sein früheres Leben, aber eben nicht ganz. Mir fiel dabei ein Bekannter ein, der mir von seinem inneren Erlebnis bei einer Ausstellung von Überbleibseln der versunkenen Titanic erzählte. Irgendetwas zog ihn zu einer Vitrine, er starrte immer wieder auf einen Kamm. Er ging sogar mehrmals in die Ausstellung, nur um den Kamm zu sehen. Er konnte sich die Anziehung lange nicht erklären, erst als sich ihm der Gedanke an ein voriges Leben aufdrängte. War er 1912 Passagier der Titanic gewesen? Erkannte er seinen eigenen Kamm wieder? Gehörte er in seinem früheren Leben zu den Ertrunkenen? Meinen Landsleuten in der Runde stand der Zweifel ins Gesicht geschrieben, der Gast freute sich, dass zumindest einer nicht ganz verstockt war und anfing zu kapieren.

Pfarrer Bickelmann hatte sich offenbar auf den Abend gut vorbereitet. Er überraschte mit der Auskunft, dass im Westen der Welt der griechische Gelehrte Pythagoras, der Philosoph Arthur Schopenhauer, Goethe, der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung und die Anthroposophen an Reinkarnation glaubten. Vertraue man Umfragen, könne sich sogar eine Mehrheit der Deutschen unter Seelenwanderung mehr vorstellen als unter einem ewigen Leben. Der Pfarrer zitierte aus einem Buch von Gotthold Ephraim Lessing: „Du hast auf deinem langen Wege so viel mitzunehmen. Warum könnte jeder einzelne Mensch nicht mehr als einmal auf dieser Welt vorhanden gewesen sein?“ Lessing will damit sagen, dass ihm die Zeit nur eines Lebens zu kurz erscheint, um alles das mitzunehmen, zu lernen, zu verstehen, was nötig ist, um seine Persönlichkeit weiter zu entwickeln und auf einen hohen moralischen Stand zu bringen, ja, am Ende des letzten Lebens sogar Vollkommenheit zu erreichen und in Frieden mit sich, dem Universum und seinem Gott zu sterben. Upadhyaya lächelte still in sich hinein und stellte klar: Das Ziel des Menschen sei nicht die ewige Seelenwanderung, sei nicht, immer wieder geboren zu werden und wieder und wieder dem Leiden durch Vergänglichkeit und Irrtum ausgeliefert zu sein, sondern das Ziel sei, das Ende aller Wiedergeburten in der Vereinigung mit seinem Gott zu erlangen. Zu Füßen Krishnas zu sitzen und seinen Namen ohne Ende zu chanten - was könnte erfüllender sein?

Der Moment einer Übereinstimmung westlichen und östlichen Denkens endete abrupt, als ein Zweifler lospolterte: „Ich glaube weder an eine Wiedergeburt, noch an ein Jüngstes Gericht, Himmel oder Hölle. Mit dem Tod ist alles aus!“ Der Professor fing den Hieb elegant mit einer anschaulichen Metapher ab: „Sehen sie dich den Kosmos an, alles vergeht und kommt wieder. Nach dem Winter wieder ein neuer Frühling, nach der Nacht wieder ein neuer Tag – Wiederkehr lautet das Grundgesetz alles Seins!“ Der Angreifer setzte nach: „Ich kann mich an ein Leben vor diesem Leben nicht erinnern. Da war nichts. Ich kenne auch niemanden, der sich erinnern kann!“ Der Angegriffene wehrte ab: „Nur Weise kennen ihre vorherigen Leben!“.

An diesem Punkt der Diskussion intervenierte der Pfarrer. Er kam auf die Unwissenheit zurück und sprach vom Geheimnis Gottes. Ein Rätsel könne man lösen, aber ein Geheimnis bleibe ein Geheimnis, wir Christen wüssten nicht, warum Gott es zuließe, dass ein Mensch gesund und ein anderer behindert geboren werde. Aus einer Erzählung aus dem Neuen Testament gehe hervor, dass es für uns keine Gründe gebe. In der Stadt Siloah fiel ein Turm auf eine Gruppe Arbeiter und erschlug 18 von ihnen, die restlichen Arbeiter kamen mit dem Schrecken davon. Die Bewohner der Stadt, die vom Unglück hörten, urteilten, dass die Getöteten von Gott für ihre Sünden bestraft worden seien. Jesus widerspricht ihnen: „Meint ihr etwa, dass diese 18 schuldiger waren, als die anderen?“ Sie waren nicht schuldiger, vor Gott sind alle Menschen schuldig, keiner ist vor Gott gut genug und vollkommen, der eine wie der andere bedarf Gottes Barmherzigkeit und Vergebung. Wer mit einem ausgestreckten Finger auf den anderen, den „Schuldigen“ zeigt, auf den zeigen drei andere Finger seiner eigenen Hand zurück. Es bleibt ein Geheimnis, warum die einen starben und die anderen nicht. Der vom Unglück verschonte, hat daher kein Recht, sich über den Unglücklichen zu erheben, der Überlebende hat nur Glück gehabt, der vom einstürzenden Turm Erschlagene Pech. Der Glücklichere steht damit in der Pflicht, dem Pechvogel von seinem unverdienten Glück abzugeben, er wird ihm oder seiner Familie in der Not beistehen. Die Überlebenden von Siloah könnten für die Familien der Opfer Geld sammeln und ein Mensch, der gesund geboren worden ist, könnte sich für die Rechte der Behinderten einsetzen.

Der Hindu musste sich Kritik vom Pfarrer anhören: Wenn Inder glauben, dass Kranke oder Arme aufgrund ihres schlechten Verhaltens in einem vorigen Leben mit ihrer Last bestraft worden sind, dann machen sie dem Kranken und dem Armen das Leben doppelt schwer, sie grenzen ihn aus. Und stellen sich gleichgültig gegenüber ihrer Not, weil die angeblich zu recht Bestraften kein Mitleid verdienen. Upadhyaya reagierte ruhig und klärte auf, dass es sich hier wohl um ein Missverständnis handele. Die Heiligen Schriften verpflichten die Gläubigen, Kranken und Armen zu helfen. Jeder muss dem Mitmenschen Gutes tun, um auf die Weise gutes Karma anzusammeln, um dadurch eine bessere Wiedergeburt für sich zu erreichen. Ob er mir erklären könne, fragte ich den Hindu, warum es bei einem Unfall im Straßenverkehr in Indien so lange dauere, bis ein Krankenwagen käme und warum nach meiner Beobachtung die Unfallbeobachter nur zugucken, statt zu helfen. Der Grund für die längeren Wartezeiten sei nicht Gleichgültigkeit, antwortete der Angesprochene mir, sondern ein Rettungswesen, das einfach nicht so gut organisiert sei wie in Europa. Dass die Leute nicht engagiert genug seien, habe wohl damit zu tun, dass sie nicht genau wüssten, was zu tun sei. Ich habe das Bild von einem Unfall in Indien noch vor Augen. Lange Zeit geschah nichts. In Deutschland löst eine Notlage augenblicklich Aktivität aus. Wir halten das einzelne Leben für einmalig und somit für den höchsten Wert, den ein Mensch besitzt. In diesem einen Leben liegt Erfüllung oder Scheitern, eine zweite Chance gibt es nicht. Das eine Leben muss mit ganzem Ernst angegangen werden, keiner kann sich selbst mit der Aussicht auf weitere Leben, auf weitere Chancen vertrösten. Keiner darf sein einziges Leben verbummeln.

Der Professor sah dennoch Vorteile bei der Lebensweise seines Volkes. Wer daran glaubt, dass er viele Male lebt, lebt entspannter. Was du in diesem Leben nicht schaffst, gelingt dir im nächsten. „Ihr Westler seid so gestresst, weil ihr in einem Leben so viel mitnehmen wollt“, greift der Inder noch einmal Lessing auf, „manchmal erscheint ihr uns verbissen, ihr steht immer unter Druck und wollt aus euren Leben viel zu viel herausholen. Eure größte Angst ist, etwas zu verpassen.“ Er kannte uns Westler offensichtlich ganz gut.

Am Ende des Gespräches zeigten sich alle zufrieden. Standpunkte wurden sichtbar gemacht und verglichen. Keiner der Redner hatte über den anderen gesiegt, keiner musste sich als Verlierer fühlen. Und an jedem Teilnehmer lag es selbst, seine eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Am nächsten Tag steuerte der Pfarrer seinen weißen Ambassador wieder durch den dichten Verkehr auf der Peddar Road. Bei geschlossenem Fenster saß ich auf dem Beifahrersitz und hörte es neben mir krachen. Ein Wagen hatte unseren gerammt. Der Fahrer zögerte nicht, setzte sein Fahrzeug zurück, gab Gas und tauchte in die Masse der Autos ein – weg war er, Verfolgung zwecklos. Wir sahen uns die verbeulte Tür an. Der Pfarrer empfand tiefes Mitleid mit dem Unfallflüchtigen: „Was für schlechtes Karma für ihn. Bei seiner nächsten Wiedergeburt kann er sich auf `was gefasst machen, der Arme.“

Unberührbare am Tisch Jesu

Professor Upadhyaya ist Brahmane. Schon sein Vater und dessen Vater waren Priester und gehörten der obersten der vier Hauptkasten an. Sie gaben ihren hohen Status an ihre Söhne weiter, die vererbten ihren Stand ebenso. Einmal Brahmane, immer religiöser Lehrer oder Priester am Tempel, bestimmte das Kastenrecht. Auch die Angehörigen der weiteren drei Kasten und ihre Kinder blieben in ihrem Stand: Einmal Kschatriya, immer Herrscher oder Krieger; einmal Vaishya, immer Kaufmann, Geldverleiher oder Grundbesitzer; einmal Shudra, immer Handwerker, Pachtbauer, Tagelöhner. Soziale Mobilität sah das soziale System nicht vor. Wer seine Kastenpflichten erfüllte und genug gutes Karma ansammelte, werde in einer höheren Kaste wiedergeboren, glaubte man. Nur auf diesem Weg galt Aufstieg als möglich. Was das System leistete: Es gewährleistete Stabilität. Wenn jeder in seinem Stand blieb, blieb es ruhig, es drohte keine Revolte. So wollte es Krishna, als er die Stände einrichtete: „Ich bin’ s, der die vier Kasten schuf, nach Art und Tun sie unterschied“ (Bhagavad Gita Kapitel 4). Die Ordnung kam also von ganz oben und war unwiderruflich.

Die Mitglieder der ersten drei Kasten trugen um den Oberkörper eine heilige Schnur und wiesen sich auf diese Weise als „Zweimalgeborene“ aus: einmal physisch geboren und ein weiteres Mal spirituell, als sie in ihre Religion initiiert wurden, damit das Privileg bekamen, die Heiligen Schriften zu studieren und der Gottheit zu opfern. Für die vierte Kaste, die Shudras, waren die Schriften tabu. Sie blieben ihr Leben lang religiöse Analphabeten und standen weit unter den Schnurträgern. Allerdings galten sie im Unterschied zu den „Unberührbaren“ als rein und durften am selben Ort mit den Mitgliedern der höheren Kasten leben. Das bedeutete nicht, dass sie auch einen Vaishya, einen Kschatriya oder Brahmanen heiraten durften – der Liebe waren klare Grenzen gezogen. Auch nahmen die Viertständler ihre Mahlzeiten ausschließlich mit Gleichgestellten ein und verbrachten die Freizeit mit Ihresgleichen. So liberal und tolerant der Hinduismus religiös war, so streng gab er sich in der sozialen Frage. Europäer erinnerte diese Gesellschaftsordnung an die mittelalterliche Drei-Stände-Ordnung, die genauso als gottgegeben legitimiert wurde. In die höheren Stände - Priester und Adel - konnte man nur hineingeboren werden, so hielten sich die Privilegierten oben den „minderwertigen“ Rest unten auf Distanz. Nicht anders als in Indien. Dort richteten vor Jahrtausenden die aus dem Norden eingefallenen hellhäutigen Arier-Stämme das Kastenwesen ein, um sich vor einer Rassenmischung und - verderbnis mit den dunkelhäutigen Ureinwohnern zu schützen. Sie hielten für sich die oberen drei Kasten vor, für das Volk der Nichtarier führten sie die vierte ein. „Ein Beispiel für Apartheidpolitik im Altertum“, urteilt Indologe Hans von Stietencron.

Ein vergleichbares Beispiel berichtet das Alte Testament der Bibel. Nachdem das Volk Israel aufgrund der toleranten Religionspolitik des persischen Königs Kyros aus Babylon in sein Heimatland zurückgekehrt war und dort auf die Siedlungen fremder Völker traf, vermischten sich die Israeliten mit den Kanaanitern, Ägyptern und Moabitern. Der Schriftgelehrte Esra sah in den Mischehen eine Verunreinigung des eigenen, von Gott „auserwählten Volkes“ (5. Mose 7,6-7) und eine schlimme Sünde vor dem Herrn, er erzwang von den israelitischen Männern unter Androhung ihrer Ausstoßung die Scheidung innerhalb von drei Tagen. In der Gegenwart bedienen sich die deutschen Nationalisten und Rechtsradikalen der archaischen Ethnophobie und fordern „Einheit durch Reinheit“. Was sagen sie nur zum Heiligen Geist Gottes? Zu Pfingsten lässt er die Missionare der urchristlichen Gemeinde in vielen Sprachen predigen vor Parthern, Medern, Elamitern, vor Menschen aus Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, aus Phrygien und Pamphylien, aus der Gegend von Libyen und Einwanderer aus Rom - der Verfasser der Apostelgeschichte scheint Freude daran gehabt zu haben, die vielen Völker aufzuzählen, es konnten ihm gar nicht genug sein. Er hörte die Aufforderung Jesu noch in seinen Ohren: „Geht zu allen Völkern und tauft sie!“ Und von Paulus, dem Heidenmissionar, wusste er, dass alle Unterscheidungen - sozial, rassisch, geschlechtlich - vor Gott bedeutungslos sind: „Ihr seid alle zusammen eins in Jesus Christus“ (Galaterbrief 3,28). Zweimal legt der Schöpfer Würde auf jeden Menschen: Mit der Geburt macht er ihn zu seinem „Ebenbild“, mit der Taufe zum „Kind Gottes“. Schluss also mit Rassedünkel und Apartheid! Keiner ist reiner!

Zurück zu Indien. Hans Torwesten, der Ramakrishna-Biograph, gibt sich mit der Kritik nicht zufrieden, er sucht das Kastenwesen in seiner positiven sozialen Funktion zu sehen: „Jeder hatte seinen ganz bestimmten Platz im Dorf, ein jeder wusste, wo er hingehörte. In diesem Sinne hatte selbst das Kastenwesen etwas Gutes. Es verteilte die Rollen ganz genau, so dass niemand an irgendwelchen ‚Identitätsschwierigkeiten’ litt. Und jeder wusste, dass er auf den anderen angewiesen war.“ So argumentierte auch der Brahmane Raj.

Auf einer Kreuzfahrt mit MS Amadea durch den Indischen Ozean lernte ich ihn kennen. Als Bordgeistlicher war ich an Bord und bekam die Aufgabe, eine Gruppe von Passagieren auf Landgang nach Cochi zu begleiten. Zwei örtliche Reiseleiter begleiteten uns - der Brahmane Raj und sein Freund, der Unberührbare Shain. Zwischen beiden fand ein lebhafter Dialog über das Kastenwesen statt.

Shain eröffnete das Gespräch:

„In der Geschichte verboten Brahmanen den Unberührbaren zur Schule zu gehen. Die Reichen brauchten die Armen nur als billige Arbeitskräfte. Dadurch blieben die Parias ungebildet und hatten nie eine Chance, sich weiter zu entwickeln.“

Raj, der standesgemäß eine Priesterausbildung absolviert hatte, aber im Hauptberuf im Tourismus und als Yogalehrer arbeitet, erwiderte darauf:

„Das Kastenwesen teilte die Menschen nach Berufen ein. So wusste jeder, was er zu tun hatte und konnte am besten seine Kompetenzen entwickeln.“

Shain: „Erst heute kann ein Unberührbarer sich entwickeln, weil der Staat das Unrecht von damals durch die Förderung der Diskriminierten ausgleicht.“

Raj: „Die Unberührbaren werden heute bei der Vergabe von staatlichen Arbeitsplätzen bevorzugt behandelt. Dadurch haben die anderen es schwer, sie werden diskriminiert. Viele gut ausgebildete junge Inder gehen deshalb ins Ausland und suchen dort Arbeit. Für unser Land bedeutet das einen Verlust. Indien verliert Kompetenzen.“

Shain, der Christ ist: „Hier im Süden Indiens, in Kerala, ist das bessere Indien. Hier haben die Kirchen das Kastenwesen abgeschafft und die Unberührbaren die Missionsschulen besuchen lassen. Deshalb gibt es in diesem Teil des Landes auch nicht so viel Armut wie zum Beispiel in Mumbai, hier gibt es eine hohe Alphabetisierung und genug Arbeitsplätze. Hier werden die Kinder in die Schule geschickt, in Mumbai betteln viele.“

Raj: „Ursprünglich gab es gar keine Unberührbaren, das ist eine Einrichtung von Menschen. Denn alle Lebewesen sind im Wesen eins, gleich und göttlich, der Brahmane wie der Unberührbare.“ Beide führten die Debatte leidenschaftlich. „Wir sind Freunde“, erzählten sie uns am Ende. Der Status trennt nicht mehr.

In der Geschichte war das anders. Die Ungerechtigkeit eines statischen Gesellschaftssystems, das Menschen versagte, die eigenen Begabungen über Standesgrenzen hinaus zu entwickeln und sie auf eine bestimmte Rolle festlegte, rief im 20. Jahrhundert den Protest neohinduistischer Bewegungen auf den Plan. Vor allem schockierte das moderne Indien die Diskriminierung und Demütigung der „Unberührbaren“, der „Parias“, die keiner Kaste angehörten, weil sie als „unrein“ galten. Sie wohnten nicht im Dorf, wurden verachtet, mussten räumlichen Abstand halten. Sie mussten die niedrigsten Arbeiten für wenig Geld leisten als Toilettenreiniger, Wäscher, Straßenkehrer, Schlachter oder Gerber, mussten Gewaltausbrüche der Höhergestellten ertragen. Man titulierte sie als Tiere, wie ein Abschnitt aus dem sozialkritischen Roman „Die Unberührbaren“ von Mulk Raj Anand belegt: „’Schmutziger Hund! Hurensohn! Abkömmling einer Sau!’ schreit ein Händler den Unberührbaren Bakha auf dem Markte an. ‚Ich werde gehen müssen und mich waschen. Ich bin unterwegs ins Geschäft und jetzt komme ich zu spät - durch deine Schuld!’ Bakha hat den Händler im Gedränge zufällig berührt. Nun ist der Händler unrein, beschmutzt, geschändet. ‚So gedankenlos spazieren diese Hurensöhne durch die Straßen! Er kam daher, ohne auch nur im Entferntesten daran zu denken, sein Herannahen anzukündigen, dieses Schwein!’, denkt sich der Händler. Bakha, beschimpft, gescholten und geduckt, steht hilflos in der Menge. Es wurde ihm klar, dass er von einer Schranke umgeben war, nicht von einer körperlichen, denn ein Stoß seiner kräftigen Schultern hätte genügt, um die gerippemageren Körper der Hindu-Händler aus dem Gleichgewicht zu bringen, aber von einer moralischen Schranke.“ Im Jahre 1935 fand der Autor zunächst keinen Verlag für sein Werk, erst der 19. angefragte Verleger wagte die Veröffentlichung. Das Buch wurde ein großer Erfolg, die Zeit war reif. Der Roman phantasiert, wie Bakha Mahatma Gandhi begegnet und zum ersten Mal Hoffnung spürt, als der Kastenhindu Gandhi ihn und alle Unberührbaren „Kinder Gottes“ nennt.

Schon Ramakrishna provozierte im 19. Jahrhundert seine orthodoxen Glaubensbrüder, als er die Kastenschranken umstieß. Als er im Tempel vor dem Standbild seiner „Mutter“ Kali in Ekstase geriet, zog er seine Kleidung aus, riss sich die heilige Schnur vom Leib, rannte hinaus, gesellte sich zu einem Unberührbaren, aß dessen Speisereste und säuberte anschließend die Toilette. Dann machte er sich auf zur Hütte eines Parias und putzte sie. Zur Göttin betete er: „Mutter, mach mich zum Diener dieses Parias, lass mich fühlen, dass ich sogar noch unter ihm stehe.“ Der Glaube an die Göttin befreite ihn von Hochmut. Vor ihr konnte er sich auf keine Verdienste oder Privilegien berufen, nicht einmal auf seinen hohen Status - er wusste, dass er ganz aus ihrer Gnade lebte. Politisches Engagement für die Diskriminierten lag ihm fern, Ramakrishna verstand sich nicht als Sozialrevolutionär. Aber Gandhi. Noch einmal ein Zitat aus dem Roman von Anand. Der Autor legt Gandhi die Worte in den Mund: „’Ich will nicht wiedergeboren werden’, sagte er zum versammelten indischen Volk, aber wenn ich wiedergeboren werden muss, möchte ich als Unberührbarer auf die Welt kommen, um ihre Leiden, ihren Kummer und den Schimpf, den man ihnen antut, mit ihnen zu teilen und danach zu trachten, mich und sie aus ihrer elenden Lage zu befreien. Deshalb bete ich, dass ich, wenn ich wiedergeboren werden sollte, nicht als Brahmane, Kschatria, Waischia oder Sudra, sondern als ein Ausgestoßener, als ein Unberührbarer wiederkomme." Der historische Gandhi mutete seinen Anhängern tatsächlich eine harte Lektion zu. In seinem Ashram beherbergte er eine Familie Unberührbarer und stellte sie den Kastenhindus gleich. Die Situation der Ausgestoßenen verglich er mit der Lage der Juden in Europa. Ihm war klar, dass es nicht genügte, die Engländer nur aus Indien zu vertreiben, die Gesellschaft musste humanisiert werden, um sozialen Frieden zu schaffen. Auch von seiner Frau erwartete er, dass sie wie ein Paria Latrinen putzte. Solche „Schande“ quälte sie lange.

Das Kastenwesen existiert noch immer – vornehmlich auf den Dörfern, wo man sich kennt und weiß, wer die andere Familie immer gewesen ist: Einmal unberührbar, immer unberührbar. In der Stadt verhilft die Anonymität den Unberührbaren unerkannt zu bleiben. Man kann sich nur in der Stadt neu erfinden. Auf dem Land bleibst du immer, wer du bist - im Guten und im Schlechten. „Wie kann ein Brahmane in einem überfüllten Vorortzug in Bombay noch darauf zählen, dass ihn kein Unberührbarer streift? Die Stadt rührt die Frage ganz neu auf: Was bestimmt meine Identität?“, beschreibt der Autor des Bestsellers „Maximum City“, Suketu Mehta, die Chancen eines Shudras oder Parias, durch Fähigkeiten zu überzeugen und sogar sozial Höherstehende zu übertreffen. Wie der Unberührbare Narajanan, indischer Präsident von 1997 bis 2002. In der Stadt kann grundsätzlich jeder jeden Beruf ausüben. Ein Brahmane kann als Koch arbeiten, ein Shudra kann durch erfolgreiche Geschäfte reich werden, reicher als Angehörige der höheren Kasten. Der Staat verbietet in seiner Verfassung von 1949 Diskriminierung und sorgt für die Unberührbaren mit staatlichen Anstellungsquoten in der Verwaltung. Andererseits bemerkte der Spiegel-Korrespondent Olaf Ihlau in der Sunday Times in Delhi, dass Heiratsannoncen nach Kasten und Unterkasten gegliedert waren. Liebe zwischen einem Brahmanenmann und einer Shudrafrau schien auch in der Stadt ein zu gewagtes Vorhaben zu sein, im Dorf führte solche „Kastenschande“ schlimmstenfalls sogar zur Tötung des Paares.

Auch Philip Prasad musste immer einmal wieder um sein Leben fürchten. In den 1930er Jahren wuchs er in einer Paria-Familie auf. Die Arbeit der Mutter bestand darin, Fäkalien einzusammeln und abzutransportieren. Der Vater arbeitete als Pfarrer der Presbyterianischen Kirche - was ihn nicht vor Verachtung und Unterdrückung schützte. Die Familie war arm und lebte von Essensresten der Kastenhindus. Christliche Missionare ermöglichtem dem Stipendiaten den Schul- und später Universitätsbesuch in den USA. Prasad studierte Theologie, ging zurück nach Indien und gründete die erste „Dalitkirche“. Heute gibt es in Indien 150 Millionen zum Christentum konvertierte Unberührbare, die sich selbst „Dalits“, Niedergetretene, nennen. Prasad entdeckte bei seinem Bibelstudium, dass Jesus selbst - in einem Stall geboren, niedergemacht am Kreuz – ein Dalit war, ja, dass Gott in einem Unberührbaren Mensch geworden war. Über seine Lieblingsstelle in der Bibel predigt er häufig. Im Gleichnis vom großen Festmahl erzählt Jesus von einem Mann, der die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen, die Menschen draußen auf den Landstraßen und an den Zäunen in sein Haus einlädt, um mit ihnen zu feiern (Lukasevangelium, Kapitel 14). Im Reich Gottes werden die Dalits oben am Tisch bei Jesus sitzen - und nicht ihre Peiniger. Seine Kritik richtet er auch an die traditionellen Kirchen in Indien, wo die Unberührbaren immer noch einen eigenen Eingang benutzen und ganz hinten sitzen müssen.

Nicht im „Nirmal Hriday“ (Platz des reinen Herzens). Genau neben Kalighat, dem Hauptheiligtum der Göttin Kali in Kalkutta, eröffnete die katholische Ordensschwester Theresa 1952 ihr Sozialzentrum für Sterbende, Waisenkinder, Obdachlose und Kranke. Mit ihren Mitschwestern aus dem Orden der „Missionarinnen der Nächstenliebe“ stellte sie sich ganz in den Dienst der Menschen, die in der Hindugesellschaft kein Mitleid zu erwarten hatten, weil sie mit ihrem harten Los die schlimmen Taten aus dem vorherigen Leben nach traditioneller Meinung zu Recht abbüßten. Orthodoxe Hindus empfanden die Eröffnung des Hauses als Angriff auf ihre Religion und Sozialordnung, bewarfen die Nonnen im den weißen Saris mit Steinen und drohten ihnen Gewalt an. Erst als die Schwestern einem an Cholera erkrankten Kalipriester das Leben retteten, akzeptierten die Gegner ihre Anwesenheit. Doch bald mussten die Katholikinnen sich gegen das Gerücht wehren, sie würden Sterbende gegen ihren Willen taufen. Auch im Westen machte sich Mutter Theresa unbeliebt, als sie anfing in den USA und in Europa Betreuungshäuser einzurichten und an die Adresse des Westens den Vorwurf richtete, es gebe eine Armut, die schlimmer sei als materielle Not: Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit - die innere Armut. Und der Protest Mutter Theresas, der Friedensnobelpreisträgerin, gegen Geburtenregelung kam in ihrer Heimat nicht gut an: Ihre Anklage Abtreibung sei Mord rief scharfe Ablehnung von Sozialwissenschaftlern und Politikern hervor. Sie hielten der katholischen Stimme entgegen: Wie solle man denn die Menschenflut eindämmen?

Zurück zu den Dalitkirchen. Trotz allem scheuen die Christen nicht die Berührung mit indischen Religionen und ihren Ritualen. Beginnt der Gottesdienst, nehmen die Teilnehmer als erstes ein Reinigungsbad in einem Wasserbecken, nicht anders als die Hindus in ihren Tempelbassins oder im Ganges. Dann umschreiten sie ihre Kirche, nicht anders als Buddhisten, die ihre Stupas umschreiten. In der Kirche läutet schließlich jeder mit einer kleinen Glocke, das klingt ähnlich wie Zimbeln in den Tempeln. Am Ende halten sie ein Gemeinschaftsmahl wie die Hindus nach dem Opfern von Speisen. Für die ehemaligen Unberührbaren stellen die Dalitkirchen eine Manifestation des Willens Gottes dar, der seine Liebe bedingungslos, ohne Ansehen der Person schenkt.

Der Brahmane und Yogalehrer Raj ließ mich nicht nur Einblick bekommen in seine Meinung zum Kastenwesen, sondern auch zu Yoga: „What we think, we become“, was wir denken, das werden wir. Also müssen wir lernen, gut zu denken, denken wir Schlechtes, ziehen wir das Schlechte an. Er macht keinen Unterschied: Das gilt für alle Menschen gleichermaßen, ob Unberührbarer oder Brahmane, Hindu oder Christ. Kann Yoga auch ein Übungsweg für Christen sein?

„Die Rose – bin ich“

In der westlichen Welt boomt Yoga seit den 1960er Jahren. Den „achtgliedrigen Weg“ beschreibt das Yogasutra, sein Verfasser ist Patanjali. Eine Sutra stellt einen Lehrsatz in kürzester Form dar, der als Gegenstand einer Meditation geeignet ist. Sutren wurden von den Gurus an ihre Schüler weitergegeben. Patanjali fasste die Kenntnisse seiner Zeit über spirituelle Methodik zur Überwindung von metaphysischer Unwissenheit in seiner Schrift zusammen. Er betonte die Aktivität auf dem Erleuchtungsweg, da er nicht glaubte, dass metaphysische Erkenntnis allein zur Befreiung ausreichte. Da er dualistisch dachte und von zwei Urkräften (Materie und Geist) ausging, betrachtete er Materie, Körperlichkeit, und ihre psychomentalen Auswirkungen als den realen Grund für das Leiden des Menschen, der Mensch leidet nicht allein aufgrund falschen Denkens, wie andere religiöse Schulen lehrten. Es gehört zur Erlösung mehr dazu als zu erkennen, dass die angebliche Schlange, die über einen Weg kriecht, lediglich ein Stock ist (das ist eine populäre indische Metapher für Unwissenheit und ihre Überwindung durch Erkenntnis). Sein und Schein (Maya) durch die Vernunft unterscheiden zu können, reicht nicht aus, um vom Leiden befreit zu werden. Der Körper muss beherrscht werden. Methoden einer Geistesschulung sind unerlässlich, um die fehlleitenden Auswirkungen von Trieben und Leidenschaften auf den Geist zu kontrollieren.

Man geht heute davon aus, dass Patanjali um 200 v. Chr. lebte. In der Ikonographie wird er als Mischwesen aus Schlange und Mensch dargestellt. Seinen Unterleib bildet eine zusammen gekringelte Schlange, sein Oberkörper ist der eines Menschen. Nach einem Mythos trägt die Weltschlange Shesha die Erdenscheibe, Patanjali gilt als ihre Inkarnation. Die Schlange stellt auch die starke Kundalinikraft dar, die im Unterleibchakra, einem Energiezentrum, ihren Sitz hat und durch die Yogaübung freigesetzt wird. Für westliche Yogaübende mag überraschend sein, dass Patanjali der Asanas-Praxis, den Körperhaltungen, keine Aufmerksamkeit schenkte. Der therapeutische Wert der Übungen wurde von ihm nicht bestritten, aber es ging Patanjali „einzig und allein darum, einen Schlüssel zu liefern für das Verständnis des Bewusstseins, dessen verwirrende Tätigkeit den Menschen daran hindert, die Dinge wahrzunehmen, wie sie wirklich sind, sowohl äußerlich wie innerlich“ (Deshpande in seinem Kommentar zum Yogasutra). Ganz im Zentrum stand bei ihm die Einübung des bewegungslosen Sitzens in Meditation.

Eine positive Sicht auf den Körper als „Tempel des göttlichen Geistes“ und seine Bedeutung für den spirituellen Weg entwickelte sich erst im Tantrismus. Im vierten nachchristlichen Jahrhundert kam eine Bewegung auf, die sich grundlegend von der orthodoxen religiösen Tradition unterschied. Erstmals sah man in Indien den Körper nicht als Hindernis, als Belastung bei der spirituellen Entwicklung, sondern als Ort der Erkenntnis und religiösen Verwirklichung: „Der Körper ist für den Yogi nicht der Grund des Sündenfalls, sondern ein Werkzeug zur Vollendung. Sein Körper ist ein Tempel, in dem der göttliche Funke wohnt“, betont im 20. Jahrhundert der weltbekannte indische Yogameister Iyengar.

Die tantrische Lehre besagt, dass die weibliche Energie, Shakti, die symbolisch als eine zusammengerollte Schlange auf dem Beckenboden ruht, geweckt werden muss. Sie soll in den von Hindernissen freigelegten Energiebahnen an der Wirbelsäule, den Nadis, aufsteigen und sich mit dem Bewusstsein, mit Shiva, dem Herrn des Bewusstseins, vereinigen. Durch Körperübungen wird diese Entwicklung in Gang gesetzt. Erlösung ist also nicht auf rein geistigem Weg durch Einsicht möglich, sondern nur durch ein begleitendes körperliches Tätigwerden. Im 12. Jahrhundert schließlich kam es zur Vereinigung der Weisheit des Yogasutras und des Tantrismus’. Der Asket Goraknath entwickelt aus beiden den heute in der westlichen Welt gelehrten Hatha-Yoga. Seinen Übungsweg legte er im Hatha-Yoga-Pradipika („Leuchte des strengen Yoga“) dar. Der Begriff Asana umfasst seit Goraknath nicht mehr hauptsächlich das Verweilen in bewegungsloser Meditation, sondern beschreibt vielfältige Körperübungen verbunden mit Pranayama (kontrolliertes Atmen), Pratyahara (Konzentration), Dhyana (Meditation) und Samadhi (tiefste Versenkung) sowie Yama und Niyama (Ethik). Ein „ganzheitlicher Yoga“ war entstanden, urteilt die deutsche Hatha-Yogalehrerin Anna Trökes.

Das Yogasutra Patanjalis bildet die Grundlage für das philosophische System des Yoga. Seine Aphorismensammlung umfasst vier Kapitel, von denen sich das erste mit der Beschreibung des Unterschieds vom unerleuchteten und erleuchteten Bewusstseins (Samadhi) befasst, das zweite mit der Übung (Sadhana), das dritte mit den außergewöhnlichen Kräften (Siddhis) und das vierte mit dem Zustand des Heils, der Befreiung (Kaivalya).

Patanjali lehrt:

„Yoga: Zur Ruhe-Kommen der Denkbewegungen.

So erkennt der Sehende sein wahres Selbst.

Zur Ruhe-Kommen: durch Übung und Verzicht.

Übung: beständiges Bemühen.

Bemühen in Yoga-Weise: über lange Zeit, ohne Unterbrechung, entsprechend der Vorschriften, mit innerer Teilnahme.

Verzicht: bewusstes Überwinden des Durstes nach geschauten oder gehörten Dingen.

Dieses Freiwerden von Äußerlichkeiten führt zur höchsten Selbsterkenntnis.

Die Silbe Om sagt alles aus.

Flüsterndes Meditieren dieser Silbe führt zum Verständnis des eigenen Wesens.

Leiden: Nichtwissen, Ichwahn, Sinnlichkeit, Hass, Am-Leben-Hängen.

Nichtwissen: Ursache der Leiden, weil Vergängliches mit Ewigem, Unreines mit Reinem, das Nichtselbst mit dem Selbst verwechselt werden.“

Die zweite Sutra fasst das Ziel des spirituellen Strebens nach Vollkommenheit in der bekannten Formel zusammen: „Yogas Citta Vrtti Nirodha“ und erläutert sie. Yoga ist ein innerer Zustand, in dem die geistig-seelischen Vorgänge zur Ruhe kommen. Citta meint das Bewusstsein, Vrtti das „Abrollen“ eines Gedankens, eine Gedankenwelle, ein ununterbrochener Gedankenfluss, der das klare und reine Bewusstsein trübt und in Verwirrung versetzt, Nirodha (Nirvana ist das buddhistische Synonym) bezeichnet die Beruhigung des Denkens, des Gedankenflusses. Yoga lehrt den Weg der Zurückführung des Bewusstseins in seinen ursprünglichen vollkommenen, ruhenden Zustand. Ein unruhiger Mensch braucht eine spirituelle Methode, um Einheit erleben zu können, denn seine Sinne führen ihm eine Welt vor, die in Einzelobjekte aufgeteilt ist: hier der Marktplatz, dort der Friedhof, hier der Mensch, dort das Raubtier, hier die Musik, dort das Gebrüll, hier die Sonne, dort der Regen… Und seine Triebe und Leidenschaft begehren davon das Stimulierende und verwerfen das Nichtgefällige. Der Verstand fällt über das Stimulierende ein generelles positives Urteil („Gut!“) und über das Nichtgefällige ein generelles negatives („Schlecht!“ „Böse!“). So entstehen Gedankenwellen, die den haltlosen Menschen hin und hertreiben wie Sturm ein havariertes Boot. Er verliert dabei nicht nur seine Ruhe, sondern auch den Zugang zu einem großen Teil der Wirklichkeit, die er als negativ aus seinem Interesse ausscheidet. Der Unwissende wird nie das mystische Erlebnis Ramakrishnas im Tempel teilen, dass Gott sich in allen Dingen, die existieren, manifestiert oder die Erkenntnis Krishnas, der alles in allem ist, der in allen Dingen begegnet. Und die Einsicht auch nicht, dass manchmal das Schlechte eigentlich das Gute ist, das Gute hingegen das Schlechte.

Der Weg des Yoga führt zur Überwindung einer absoluten dualistischen Bewertung (gut – böse). Wo der Geist von Begehren und Verwerfen geleert wird, tritt Stille ein. Yoga leitet zur Erfahrung der Leere des reinen Bewusstseins an. Leere ist der ursprüngliche Zustand des Geistes, der Übende nimmt sie bewusst kurzzeitig zwischen den einzelnen Gedanken wahr. Meditation verlängert die Leere zwischen den einzelnen Gedanken und beim Atmen, wenn jeweils am Ende des tiefen Einatmens und am Ende des tiefen Ausatmens eine Atempause eintritt und durch den kurzen Stillstands des Atmens vorübergehend kein Gedanke entsteht. Die Gedankenwelle kommt zur Ruhe. Windstille!

Yoga ist ein umfassender Übungs- und Lebensweg mit „acht Gliedern“. Alle acht Praxisfelder gehören zusammen, ihre Wirkungen auf den Übenden entfalten sich unterschiedlich: Die ersten fünf stellen die äußere Seite dar und die letzten drei machen den inneren Kern dieser Außenseite aus.

1. Yama: Soziale Werte

„Ethische Zucht“ hat die Bedeutung, „die Leidenschaften und Gemütsbewegungen des Yogis in Zucht zu halten und ihn in Harmonie mit seinen Mitmenschen zu bringen“ (Iyengar). Die aufgeführten Tugenden sind Allgemeingut der Menschheit, sie finden sich weitgehend auch in anderen Religionen wieder. Es geht um Ahimsa, Nicht-Töten/Nicht-Schädigen als höchste Pflicht, die durch alle anderen Gebote interpretiert wird. Da die Seelen von Tieren und Menschen von göttlicher Art sind, betrifft Tötung nicht allein den betroffenen Menschen oder das betroffene Tier, sondern greift auch Gott an. Töten verbietet sich auch deshalb unbedingt, weil alle Lebewesen durch die Seelenwanderung verbunden sind. Wer gestern noch Mensch war, kann durch schlechtes Karma heute in ein Tier verwandelt werden. „Willst Du Deinen Großvater töten“, fragt der Hindu den Jäger oder Schlachter und meint damit, dass die Seele des verstorbenen Opas einen Tierkörper angenommen haben könnte. Wer gegen Ahimsa verstößt, sammelt schlechtes Karma an und muss damit rechnen, dass er im nächsten Leben selbst getötet wird. Yogis interpretieren das Gebot sogar in einem weiteren Sinne. Auch ein Verletzen der Seele eines anderen sei verboten. Bei der Rebellion gegen die britische Kolonialmacht verpflichtete Mahatma Gandhi seine Mitstreiter auf Ahimsa und „Satyagraha“ („Festhalten an der Wahrheit“), auf gewaltlosen Widerstand. Der „Satyagrahi“ lässt sich nicht von seinem Widerstand abbringen, auch nicht durch brutale Zwangsmaßnahmen seines Gegners, er macht sich freiwillig zum Opfer und verzichtet auf jede Gegenwehr. Durch seine Humanität, Standhaftigkeit und Unbeirrbarkeit zeigt der Angegriffene dem Angreifer seine Überlegenheit und ist überzeugt davon, dass er langfristig siegen wird. Auch ohne zu töten.

Gewaltlosigkeit konkretisiert sich in den weiteren Verboten: Asteya, Nicht-Stehlen. Brahmacharya: Mönche enthalten sich der Sexualität, um nicht durch sexuelle Handlungen ihre Nervenkraft zu schwächen. Laien üben Enthaltsamkeit von schlechten Gedanken, Worten und Taten. Satya: Wahrhaftigkeit. Gandhi nennt seine Philosophie auch „Satyagraha“: In jeder Situation muss an der ethischen Wahrheit festgehalten werden, um die Gesinnung rein zu halten. Er forderte seine Landsleute auf, konsequent nicht mit der Kolonial-Regierung Britisch-Indiens zusammenzuarbeiten und passiven Widerstand zu leisten, sogar im Gefängnis oder wenn das eigene Leben bedroht ist. Zuletzt Aparigraha: Frei sein von der Begierde, Besitz zu horten und sich ein einfaches Leben genügen zu lassen.

2. Niyama: Selbstdisziplin

Auch bei der „Selbstbeherrschung“ geht es um sittliche Zucht, die aber im Unterschied zu Yama im Wesentlichen mit dem Einzelnen selbst zu tun, mit seiner Disziplin. Shaucha meint die Reinheit des Körpers (keine Aufnahme von Giften). Santosha Zufriedenheit/Heiterkeit durch Aufgabe des Egoismus. Tapas, „Hitze“, brennende Sehnsucht nach Gott. Svadhyaya die spirituelle Bildung durch Studium der Heiligen Schriften. Dadurch erlangt der Übende Wissen vom heiligsten aller Mantren, der Silbe „Om“. Das gesungene Om gilt gleichermaßen als der Klang des Universums als auch als die Manifestation der Gottheit in der Welt. Und zuletzt Ishvara-Pranidhana, die Verwandlung der Kraft des Egoismus in die völlige Hingabe an Gott. Durch Yama und Niyama findet die Vorbereitung für das Betreten der eigentlichen Stufen des Heilsweges statt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 257 Seiten

Details

Titel
Buddha, Krishna und Allah
Untertitel
Orientierung in fremden religiösen Welten
Autor
Jahr
2013
Seiten
257
Katalognummer
V265456
ISBN (eBook)
9783656557432
ISBN (Buch)
9783656557449
Dateigröße
9537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
buddha, krishna, allah, orientierung, welten
Arbeit zitieren
Volker Keller (Autor), 2013, Buddha, Krishna und Allah, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265456

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