Multikulturalismus in Theorie und Praxis: Das Beispiel Kanada


Hausarbeit, 2011
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Multikulturalismus: Staat und Bürger

3. Die Politik der Anerkennung
3.1 Die Politik des Universalismus
3.2 Die Politik der Differenz
3.3 Die Politik der Anerkennung: eine Kritik

4. Multikulturalismus in Theorie und Praxis: das kanadische Mosaik
4.1 Die Philosophie des kanadischen Multikulturalismus
4.2 Die Umsetzung des kanadischen Multikulturalismus

5. Fazit

1. Einleitung

Ureinwohner in Amerika und Australien, Quebecer in Kanada, Roma in Süd- und Osteuropa, muslimische Migranten in den mitteleuropäischen Großstädten, südamerikanische Einwanderer in den USA, Tibeter in China - diese Beispiele zeigen nicht nur, dass die Welt des 21. Jahrhunderts globalisiert und in hohem Maße kulturell diversifiziert ist, sondern auch, dass sich die Geschichte, Charakteristik und die Position von ethnisch-kulturellen Minderheiten deutlich unterscheiden können.

Aus der Sicht der Politik stellt sich daher die komplexe Frage, wie das gesellschaftliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen so gestaltet werden kann, dass allen ethnisch­kulturellen Gruppen ein ebenwertiges und ihrem Anspruch nach gerechtes Dasein garantiert wird, ohne dass andere Teile der GesellschaftNachteile erleiden.

Heute gilt insbesondere Kanada, das sich selbst als multikulturelles ,Mosaik‘ begreift, vielen westlichen Demokratien als Vorbild für eine funktionsfähige multikulturelle Gesellschaft.[1] In dieser Arbeit sollen daher aus der Menge der Denkmodelle zum Multikulturalismus die politisch-philosophischen Ansätze von zwei der bedeutendsten kanadischen Wissenschaftler, Charles Taylor und Will Kymlicka, vorgestellt werden. Die Arbeiten dieser beiden politischen Philosophen zu ethnischen Problemen und multikulturellem Zusammenleben, auch im Zusammenhang mit dem politischen Liberalismus, haben das kanadische und weltweite Bild des Multikulturalismus maßgeblich geprägt und beeinflussen ihn bis heute.

Im nächsten Abschnitt wird zunächst Will Kymlicka’s Bild des multikulturellen Staatsbürgers dargestellt, um die generelle Problematik des Zusammenspiels von Staat und Bürgern in einer kulturell diversifizierten Gesellschaft zu verdeutlichen. Der dritte Teil behandelt dann vor allem die Ausgestaltung der staatlichen Politik. Hierzu wird die für den kanadischen Multikulturalismus bedeutende Politik der Anerkennung von Charles Taylor detailliert analysiert und im Bezug auf die praktische Anwendung kritisiert. Im vierten Teil wird dann das konkrete Beispiel Kanadas im Hinblick auf die Theorie und die Praxis des Multikulturalismus untersucht. Dazu werden die in Abschnitt zwei und drei erlangten, theoretischen Erkenntnisse in Bezug zur kanadischen Philosophie des Multikulturalismus gesetzt, bevor die Probleme und Erfolge Kanadas bei der praktischen Umsetzung dieser Grundprinzipien aufgezeigt werden. Im letzten Teil werden die Ergebnisse zu einem Fazit verdichtet.

2. Multikulturalismus: Staat und Bürger

Nach Will Kymlicka (2003) tragen zwei Seiten zum Funktionieren einer multikulturellen Gesellschaft bei: Der Staat und die Bürger. Der multikulturelle Staat muss vor allem drei Prinzipien folgen: Erste Bedingung für das Entstehen einer multikulturellen Gesellschaft ist das Abwerfen des nationalstaatlichen Denkens, das vor allem die europäischen Demokratien über Jahrhunderte geprägt und gefestigt hat. Das bewusste bzw. politisch gewollte Zelebrieren und Weitergeben gemeinsamer Geschichte, Sprache und Symbolik hat nach Kymlicka zu größtenteils konstruierten Nationalstaaten geführt, an deren Kultur sich zugewanderte und traditionell schwächere Minderheiten[2] anzupassen haben. Der multikulturelle Staat solle nicht länger als Eigentum dieser traditionell gebildeten kulturellen Mehrheit betrachtet werden, sondern allen Bewohnern in gleichem Maße gehören. Daraus ergibt sich die zweite Bedingung: Die Öffnung der staatlichen Institutionen für Minderheiten und die Möglichkeit zur politische Teilhabe für alle Bürger, unabhängig ihrer ethnischen Herkunft oder Gesinnung. Die kulturelle Identität aller Gruppen und Individuen ist als gleichwertig anzuerkennen. Politiken der Angleichung und Ausgrenzung stehen im Gegensatz zum Multikulturalismus. Die dritte Voraussetzung für das Funktionieren eines multikulturellen Staates ist die Anerkennung und Entschuldigung im Hinblick auf vergangene Diskriminierungen und Ausgrenzungen durch die dominante Gruppe. Neben der moralischen Wiedergutmachung wird hier auch die materielle Entschädigung verlangt.[3]

Werden die drei oben genannten Prinzipien von Seiten der Politik befolgt, liegt es vor allem an den Bewohnern des Staates selbst, diese anzunehmen und auch umzusetzen, um zu multikulturellen Bürgern zu werden. Die Mehrheit der Bevölkerung muss die Ideen des multikulturellen Staates von sich aus unterstützen und vor allem durch Bildung interkulturelle Fähigkeiten erwerben können, um im alltäglichen Leben mit anderen Kulturen in Dialog zu treten. Nach Kymlicka zeigt sich allerdings vor allem in Staaten wie Kanada, Belgien oder der Schweiz, dass die institutionelle und rechtliche Gleichstellung von größeren Minderheiten zu der Entstehung von Parallelgesellschaften geführt hat, die zwar die Prinzipien des multikulturellen Staates akzeptieren und ohne Diskriminierungen und Ausgrenzungen leben, jedoch weit davon entfernt sind, multikulturell im Sinne eines regen Austausches der Kulturen zu sein. Es ist zu betonen, dass nicht nur die politische Konzeption des Staates, sondern vor allem die kulturelle Interaktion der Individuen und Gruppen über die Funktionsfähigkeit der multikulturellen Gesellschaft entscheidet. Multikulturalismus muss also nicht nur Leitidee der staatlichen Institutionen sein, sondern zum nationalen Selbstverständnis werden. Neben der potentiellen Unfähigkeit bzw. dem vermeintlichen Unwillen der Bürger zur multikulturellen Gesellschaft offenbaren sich hier aber auch die Probleme der politischen Umsetzung des Multikulturalismus.

In diesem Zusammenhang ist vor allem die eingangs erwähnte Heterogenität der zu berücksichtigen Minderheiten zu erwähnen: kulturelle Gruppen unterscheiden sich nach Geschichte und Herkunft bzw. den in der Vergangenheit widerfahrenen Ungerechtigkeiten. Daraus ergeben sich Unterschiede in der zahlenmäßigen Stärke, im politischen Einfluss und damit auch in den territorialen und institutionellen Ansprüchen. So haben große Eingeborenenstämme, deren traditionelle Lebensräume in der Vergangenheit zu Staatsbesitz gemacht wurden, eher Anspruch auf eigenes Territorium und die Anerkennung der eigenen Sprache bis hin zu vollständiger Autonomie, während für kleine, vereinzelte Gruppen politischer Flüchtlinge oder Arbeitsmigranten vielmehr der diskriminierungsfreie Zugang zu den Institutionen der ,dominanten‘ Kultur sowie das freie Ausleben der Religion entscheidend ist.[4] So entstehen so genannte Parallelgesellschaften nicht nur durch die institutionelle Gleichstellung von großen Gruppen wie in Kanada oder der Schweiz, sondern auch durch die Integrationsprobleme zahlreicher kleinerer Gruppen unterschiedlicher ethnischer Herkunft in gegebene, dominantere Kulturen. Betrachtet man die beiden unterschiedlichen Enden dieses breiten Spektrums, ergibt sich, noch vor den Bürgern, für den Staat die äußerst komplexe Aufgabe, die verschiedenen Ansprüche und Bedürfnisse aller Minderheiten in einem geeigneten gesetzlichen Rahmen zu berücksichtigen. Dabei muss die Ausgestaltung bzw. Gewichtung so erfolgen, dass jede Gruppe in ausreichendem Maße Unterstützung findet, ohne dass die staatlichen Maßnahmen die Benachteiligung Anderer mit sich zieht, um das demokratische und friedliche Miteinander in einer multikulturellen Gesellschaft zu gewährleisten und im Idealfall zu stimulieren. Es stellt sich also die Frage: Welches politische Konzept ist geeignet, um eine funktionsfähige multikulturelle Gesellschaft zu gewährleisten?

In der theoretischen Debatte um die Zielsetzung und Strategie der Politik des multikulturellen Staates hat vor allem der Ansatz des Kanadiers Charles Taylor Bedeutung erlangt, der im nächsten Abschnitt dargelegt werden soll.

3. Die Politik der Anerkennung

Nach Charles Taylor (1992) ist Multikulturalismus nicht nur mit der materiellen Unterstützung von Minderheiten durch den Staat verknüpft, sondern steht im starken Zusammenhang mit der gleichwertigen Anerkennung der Mitglieder einer Gesellschaft. Für das Funktionieren einer Gesellschaft ist es nach Taylor essentiell, dass jedes Individuum vom Staat und vom jeweils anderen als gleichwertig betrachtet wird, da negative oder abwertende Bilder zu einer dauerhaft verzerrten Betrachtung untereinander führen, die in letzter Konsequenz zur Unterdrückung bestimmter Individuen oder Gruppen und auch zur negativ verzerrten Selbstwahrnehmung führen können. Hier ist zu erwähnen, dass Taylor insbesondere die Verknüpfung von Identität und Außenwahrnehmung betont: die Identität, als Folge von erlangter Würde und Ehre, eines jeden Individuums ergebe sich zu einem großen Teil aus dem Dialog und damit dem Respekt und der Anerkennung der anderen Gesellschaftsmitglieder für eben dieses Individuum.[5] Im Hinblick auf die Frage, wie die Anerkennung konkret erfolgen soll, haben sich in Taylors Multikulturalismustheorie zwei Ansätze herausgebildet.

3.1 Die Politik des Universalismus

Im Rahmen der Politik des universalistischen Liberalismus wird betont, dass alle Individuen die gleiche Würde, und damit auch die gleichen Rechte und Ansprüche haben. Jegliche Unterteilung der Gesellschaft in Klassen, jede Art der Diskriminierung sowie soziale und materielle Ungerechtigkeit sind von Seiten der Politik zu bekämpfen, so dass allen Bürgern die gleiche Anerkennung in Form von ausgeglichenen Rechten, Chancen und Sicherheiten zukommt. Taylor weist darauf hin, dass die Artikulierung des menschlichen Bedürfnisses nach gleichwertiger Anerkennung und das Finden eigener Identität zu den zentralen Fragen in den modernen Gesellschaften gehört, betont allerdings, dass die Idee der Anerkennung als Grundbedürfnis zur Identitätsfindung bereits auf die Zeit der Aufklärung bzw. auf Rousseau, Herder und Hegel zurückgeht.[6] Taylor legt dar, dass die Anerkennung nicht nur im eigenen, privaten Prozess, durch Dialog und Beziehungen, stattfindet, sondern in modernen Gesellschaften zunehmend von Seiten des Staates erfolgen muss.[7]

Der universelle Respekt der Menschenwürde ist aus liberaler mitteleuropäischer oder nordamerikanischer Sicht heute sicherlich eine eher altertümlich anmutende Idee, die in den meisten postindustriellen Gesellschaften innerhalb demokratischer Strukturen ohnehin verankert ist, so dass der Fokus zunehmend auf die detaillierte Wahrnehmung und rechtliche Anerkennung der verschiedenen ethno-kulturellen Gruppen gelegt wird, um eine moderne multikulturelle Gesellschaft frei von Diskriminierung und Ungleichheit zu gewährleisten. Die von Taylor selbst und anderen geäußerte Hauptkritik an der Politik des Universalismus liegt daher in der Blindheit gegenüber kulturellen Unterschieden. Im Gegensatz zum Universalismus (oder eher im Anschluss an den Universalismus) steht daher die Politik der Differenz. Bevor dieser zweite Stil der Politik der Anerkennung genauer dargestellt wird, ist jedoch zu erwähnen, dass die schiere Anerkennung der Menschenwürde im Sinne der Politik des Universalismus als erster, essentieller Schritt hin zu einer offenen, demokratischen Gesellschaft in vielen Teilen der Erde noch nicht vollzogen ist und daher keinesfalls an Resonanz einbüßt.

3.2 Die Politik der Differenz

Die Politik der Differenz zielt auf die Anerkennung der kulturellen Verschiedenheit der Individuen oder Gruppen von anderen ab: allen Teilen der Gesellschaft könne nur die gleiche Würde und Anerkennung gewährt werden, wenn die Besonderheiten und Eigenheiten der einzelnen Gruppen und Individuen berücksichtigt werden. Auch hier spielt die Bildung der Identität eine entscheidende Rolle: das Finden der eigenen Identität hängt stark mit der bewussten Abgrenzung von anderen ab. Daher gilt es gefährdete Kulturen und Traditionen besonders zu schützen, in denen sich Minderheiten widererkennen. Individuelle Sonderrechte für bestimmte Gruppen seien unabdingbar, da diese zum Erlangen und Aufrechterhalten der eigenen kulturellen Identität und somit zur spürbaren Gleichwertigkeit bzw. universellem Respekt und Würde führen können, weil sie die kulturelle Andersartigkeit erst manifestieren und langfristig garantieren können.

Für Taylor ist diese zweite Form der Politik der Anerkennung der kulturellen Unterschiede Kernstück des Multikulturalismus in modernen westlichen Gesellschaften. Diese würden durch die Globalisierung zunehmend schnelllebiger und diversifizierter, so dass die Anerkennung von Unterschieden hier im Gegensatz zu älteren, klassenmäßig strukturierten Gesellschaften, in denen die Politik des Universalismus zur ersten Anerkennung geführt ,difference-blinď, vgl. auch Kukathas, S. 688.

Für Taylor ist diese zweite Form der Politik der Anerkennung der kulturellen Unterschiede Kernstück des Multikulturalismus in modernen westlichen Gesellschaften. Diese würden durch die Globalisierung zunehmend schnelllebiger und diversifizierter, so dass die Anerkennung von Unterschieden hier im Gegensatz zu älteren, klassenmäßig strukturierten Gesellschaften, in denen die Politik des Universalismus zur ersten Anerkennung geführt ,difference-blinď, vgl. auch Kukathas, S. 688.

[...]


[1] Vgl. Tierney et al. (2007), S. 3.

[2] ln dieser Arbeit ausschließlich im Sinne ethnischer Minderheiten, zum Minderheiten-Begriff vgl. Capotorti (1977) und Deschenes (1985) in Thiele (1999), S. 99.

[3] Vgl. Kymlicka (2003), S. 150.

[4] Vgl. Kymlicka (2003), S. 151f.

[5] Vgl. Taylor (1997), S. 98f.

[6] Vgl. Blum (2000), S. 52.

[7] Vgl.Schnabel (2003), S. 234.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Multikulturalismus in Theorie und Praxis: Das Beispiel Kanada
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V265515
ISBN (eBook)
9783656552376
ISBN (Buch)
9783656552598
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
multikulturalismus, theorie, praxis, beispiel, kanada
Arbeit zitieren
Manuel Funke (Autor), 2011, Multikulturalismus in Theorie und Praxis: Das Beispiel Kanada, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265515

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