Listenreiches Handeln im Tristan-Epos und in der Märendichtung


Seminararbeit, 2013
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Begriffswandel der „List“ vom Mhd. zum Nhd
2.1 „List“ in der höfischen Epik
2.2 „List“ aus zeitgenössischer Perspektive

3. Die „Minnelist“ in Gottfrieds Tristan
3.1 Inhaltlicher Kontext
3.2 Der Ehebruch an Marke und die Rolle der Brangäne
3.2.1 Motiv-Vergleich: Kaufringers „unschuldige Mörderin“
3.2.2 Motiv-Vergleich: Strickers „kluger Knecht“

4. Schlussbetrachtung: Funktionen der „List“

5. Quellen- und Literaturverzeichnis
5.1 Quellenverzeichnis
5.2 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der um das Jahr 1210 verfasste Tristan-Epos von Gottfried nimmt mit weit über 40 verwendeten „List-Motiven“ eine exponierte Stellung in der mittelhochdeutschen Literatur ein.1 Ein Vergleich mit anderen zeitgenössischen Versionen desselben Stoffes bestätigt die Ausnahmestellung des Tristan. So erhält die frühhöfische Variante Eilharts von Oberg in den stoffgleichen Partien deutlich weniger Listmotive. Doch auch für die Märendichter war die „List“ ein beliebtes, gar unverzichtbares Motiv. Aufgrund ihrer Vielzahl möchte ich mich in der Textstellen-Analyse aus Gottfrieds Tristan auf einige Szenen beschränken, die im Zusammenhang mit dem Ehebruch an König Marke stehen. In der vorliegenden Arbeit soll es daher speziell um die „Minnelist“ im Tristan gehen, die in Gottfrieds Werk eine zentrale Stellung einnimmt. Dazu werden die List-Motive aus dem Tristan mit zwei Mären verglichen, die im Kontext des Seminars besprochen wurden.

In der Analyse der Textstellen wird dabei den folgenden Leitfragen nachgegangen:

1. Mit welchen Mitteln wurde die „ List “ angewandt und welche Intention der handelnden Figuren steckt dahinter?
2. Wie kommentiert bzw. bewertet der Autor die jeweiligen List-Szenen? Lobt er die intellektuelle Leistung (Klugheit) der handelnden Figuren in Form von l ä ngeren Exkursen, Attributen oder kurzen Anmerkungen im Text?
3. Wessen Listen führen schlussendlich zum Erfolg? Wie steuert der Autor den Verlauf der Szenen mittels Zuf ä llen oder dem Eingriff einer höheren, der irdischen Weltübergeordneten Instanz (Gott)?

Während sich ein Großteil der literaturwissenschaftlichen Forschung auf die Themen Liebe-Ästhetik-Gesellschaft beschränkt, gibt es insgesamt nur wenige Interpretationen, die sich speziell mit dem List-Motiv befassen. Wie Hartmut Semmler in seiner Monographie aufzeigt, ist diese Tatsache im wesentlichen den Vertretern der älteren Forschung geschuldet.2 Es geht hierbei vermehrt um eine Vielzahl von Deutungen einzelner List-Szenen, ohne diese in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Offenbar wirkt sich die Tatsache, dass mittelalterliche Autoren dieses Motiv überaus häufig verwenden dahingehend aus, dass man die „List-Motive“ nicht als etwas Auffallendes betrachtet, dessen Vorhandensein einer Erklärung bedürfe.

Welche Forschungsliteratur war für mich von zentraler Bedeutung?

Zum einen die Monographie von Hartmut Semmler, der sich mit den Listmotiven in der mittelhochdeutschen Epik auseinandergesetzt hat. Semmler fokussiert sich hierbei auf eine Analyse der Textstellen und nimmt dazu eine Kategorisierung der einzelnen List-Motive vor. Er teilt dabei in Täuschung durch Gegenstände, Gestik, Schweigen und den Einsatz von Sprache.

Das zweite Werk stammt von Gisela Hollandt. Sie schlussfolgerte, dass „der Antrieb, der die handelnde Person bestimmt, aufgrund persönlicher Erwägungen - unter Vernachlässigung des allgemeinen Gebots - zu handeln“ ihre Gesinnung sei „und das Mittel, durch das sie ans Ziel zu kommen sucht“, die List.3

Einen ähnlichen Ansatz wie Hollandt verfolgt Wolfgang Jupé, der davon ausgeht, dass die List in jedem Fall als Mittel eines problematischen Individuums zur Selbstfindung in einer sozialen Umgebung, die diese Persönlichkeitsentfaltung verhindern will. In der älteren Forschung setzte sich speziell Gertrud Hermanns mit der Bedeutungs- und Problemgeschichte der „List“ auseinander. Dies geschieht unter Heranziehung der damals geläufigen Meinungen der Moraltheorie, die sie für wesentlich hält.4

2. Zum Begriffswandel der „List“ vom Mhd. zum Nhd.

Zunächst stellt sich die Frage, welche Veränderungen es in der Etymologie des Wortes „List“ vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen hin gab. Was verstanden die Autoren des Mittelalters unter der list und welche konträre Auffassung vertritt der „moderne“ Mensch im 21. Jahrhundert? Für die nachfolgende Analyse der einzelnen Szenen und speziell für die Beantwortung der zweiten Leitfrage (wie beurteilt der Autor die Anwendung der „List“ als einen Ausdruck von Klugheit) ist es daher unerlässlich in einem ersten Schritt zu klären, welches Verständnis Gottfried und die Märendichter von der list hatten. Erste Anhaltspunkte zum „List-Begriff“ finden sich im Mittelhochdeutschen Wörterbuch von Beate Henning und dem etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache von Friedrich Kluge. Das mittelhochdeutsche Wort list steht demnach für Weisheit, Klugheit, Vernunft, aber auch für Zauberkunst und Kunstfertigkeiten. Das Adjektiv listec/ic bedeutet soviel wie klug, erfahren und weise.5 Laut Kluge lassen sich die Wurzeln des deutschen Wortes „List“ bis ins 8. Jhd. n. Chr. zurückführen, ursprünglich bezog es sich dabei auf unsere heutige Vorstellung von „Geschicklichkeit“.6 Eine andere Position zur Herkunft des List-Begriffes bezieht Hugo Steger. Dieser geht davon aus, dass der Begriff bereits im 4. Jhd. n. Chr. vom gotischen Verbalstamm (* lais - „wissen“) geprägt wurde.7

2.1 „List“ in der höfischen Epik

In der mittelhochdeutschen Literatur taucht der Begriff noch in den verschiedensten Bedeutungen und Formen auf. In erster Linie umfasste er dabei die Technik des Krieges (Kriegslist), das Schmiedehandwerk und den kultisch-magischen Bereich.8 Im Tristan lassen sich an mehreren Textstellen Belege finden, in der die List von Gottfried als Ausdruck einer Geschicklichkeit verwendet wird. Zwei Situationen aus dem Tristan sollen verdeutlichen, dass die „List“ nicht nur ein sprachliches Phänomen war, sondern sich besonders auf praktische Eigenschaften und Formen des (klugen) Handelns bezog. So z.B. als Tristan sich unmittelbar nach seiner Entführung am Hofe Markes einen Namen als erfahrener und geschickter Jäger macht. Als Tristan mit König Marke zur Jagd zieht entgegnet dieser ihm: „Tristan“ sprach er „nu wis gemant, daz dû mîn jegermeister bist, und zeige uns dînen jagelist.“9 (V. 3420-22)

Eine andere Szene macht ebenso deutlich, dass der List-Begriff wohl nicht zuletzt an die Ausübung eines kunstfertig-handwerklichen Berufes gebunden war. Tristan sucht nach dem Zweikampf gegen Morolt gezwungenermaßen die Königin Isolde auf, um sich von seiner Vergiftung heilen zu lassen. Er entgegnet Isolde: „ine weiz“ sprach Tristan sâ zestunt „ine kan niht wizzen, waz ez ist, wan mit enmac kein arz â tlist gehelfen noch gevrumen hie zuo.“10 (V. 7774-77)

Thomas Zotz verweist darauf, dass die „geistesgegenwärtige Ausnutzung von Möglichkeiten“ (im oben genannten Beispiel das Aufsuchen von Isolde, als einziger Figur, die im Stande ist Tristan zur Genesung zu verhelfen ) den Autoren des Mittelalters als besonderer Ausdruck von Klugheit galt.11 Klugheit und Kunstfertigkeiten gingen dementsprechend mit der Anwendung von List einher. In der älteren Forschung hat Franz Dornseiff darauf aufmerksam gemacht, dass es erst nach 1270 (also nach Gottfrieds Tristan) zu einer semantischen Differenzierung der Worte „ list “ und „ kunst “ kam.12 In der Epik des Mittelalters stand der Begriff „List“ noch zwischen zwei Polen. Listige Täuschungsmanöver galten entweder als Triumph der Klugheit oder als Blendwerk des Bösen.13 Die Anerkennung von einer intellektuellen Leistung des Menschen, die mithilfe einer List ausgeübt wurde, stand neben der von christlichen Vorstellung von „List als Teufelswerk“.14 Das mittelhochdeutsche kannte zudem keine eindeutige Bezeichnung für Täuschungsmanöver oder Strategien, die wir in unserem Wortschatz als „List“ bezeichnen würden. Für die literarische Einbindung von List-Motiven waren aus Sicht der mittelalterlichen Autoren besonders antike Vorlagen interessant. Odysseus, der sich mit listigem Verhalten und klugem Handeln aus prekären Situationen befreien konnte (Syrenen, Polyphem, etc.) war bei den Autoren des Mittelalters mindestens so verbreitet wie Alexander der Große, der sich durch sein staatskluges Verhalten einen Namen verschaffte. Darüber hinaus leistete die Rezeption von Philosophie und Literatur der griechisch-römischen Antike einen erheblichen Beitrag zur Herausbildung eines höfischen Tugendkanons.15

Nicht zu unterschätzen war dabei die, seit dem Ende des 12. Jahrhunderts aufkommende Diskussion über prudentia (Weltklugheit) und sapientia (göttlicher Weisheit). Erstmals wurde im Mittelalter darüber diskutiert, in wie fern der menschliche Intellekt ein Maßstab für das Zusammenleben von Menschen sei. Jedoch muss zwischen den Idealvorstellungen und der Realität unterschieden werden. Tugendkatalogen, denen man in der höfischen Literatur begegnet, dürften nur selten eine exakte Entsprechung in der Wirklichkeit gefunden haben.16 Dadurch, dass die höfische Epik das Ziel verfolgte eine adlige Schicht zu unterhalten, lag das praktische Handeln des Menschen durch die List immer in einem Spannungsfeld zwischen 1) den Forderungen Gottes und 2) denen der Gesellschaft. Nicht umsonst führt Gottfried die List bereits im Prolog als eine (grundsätzlich) legitime Maßnahme ein, die zur vollen Entfaltung ihrer intellektuellen Leistung immer auf eine kritischen Überprüfung durch die Gesellschaft angewiesen ist. De facto besteht eine grundlegende Voraussetzung darin, dass die List zunächst von der Gesellschaft anerkannt und wertgeschätzt werden muss. Gottfrieds Allegorie von der List als einem „blühenden Gewächs“ verdeutlicht dem Leser sofort, welche Bedeutung er der Hochachtung und Anerkennung durch die Gesellschaft beimisst: „ Êre unde lop diu schepfent list, dâ list ze lobe geschaffen ist: swâ er mit lobe geblüemet ist, dâ blüejet aller slahte list.“17 (V. 21-24)

[...]


1 Vgl. Semmler, Hartmut: Listmotive in der mittelhochdeutschen Epik. Zum Wandel ethischer Normen im Spiegel der Literatur, Berlin 1991, S. 23.

2 Ebd.

3 Vgl. Hollandt, Gisela: Die Hauptgestalten in Gottfrieds „ Tristan “ . Wesenszüge, Handlungsfunktion, Motiv der List, Berlin 1966, S. 157.

4 Vgl. Hermans, Gertrud: List. Studien zur Bedeutungs- und Problemgeschichte, Freiburg 1953, S. 10. 4

5 Vgl. Henning, Beate: Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch, Tübingen 2007, S. 206.

6 Vgl. Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin [u.a.] 2011, S. 578

7 Vgl. Steger, Hugo: List - ein kommunikativer Hochseilakt zwischen Natur und Kultur, in: Senger, Harro (Hg.): Die List, Frankfurt a.M. 1999, S. 321-344, hier: S. 326.

8 Ebd.

9 Er sprach: „Tristan, sei erinnert, / dass du mein Jägermeister bist. / Nun zeige uns deine Jagdkunst.

10 „Ich weiß es nicht“ antwortete Tristan auf der Stelle. / „Ich kann nicht wissen, was es ist, / denn keine ärztliche Kunst kann mir helfen oder Erleichterung verschaffen.“

11 Zotz, Thomas: Odysseus im Mittelalter? Zum Stellenwert von List und Listigkeit in der Kultur des Adels, in: Senger, Harro (Hg.): Die List, Frankfurt a.M. 1999, S. 212-240, hier: S. 239.

12 Dornseiff, Franz: List und Kunst, in: DVJs 22 (1944), S. 231-235, hier: S. 233.

13 Vgl. Semmler, Listmotive, S. 9

14 Ebd.

15 Vgl. Seggewiss, Michael: „ Natur “ und „ Kultur “ im Tristan Gottfrieds von Straß burg, Heidelberg 2012, S. 21.

16 Ebd.

17 Hochachtung und Anerkennung fördern die Kunst, / wo Kunst zum Lobe taugt. / Wo sie mit Lobpreis verherrlicht wird, / da blüht sie in vielerlei Art.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Listenreiches Handeln im Tristan-Epos und in der Märendichtung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Deutsche Philologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
17
Katalognummer
V265524
ISBN (eBook)
9783656551560
ISBN (Buch)
9783656551683
Dateigröße
927 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
listenreiches, handeln, tristan-epos, märendichtung
Arbeit zitieren
Benedikt Straub (Autor), 2013, Listenreiches Handeln im Tristan-Epos und in der Märendichtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265524

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