Arthur Schnitzlers "Der grüne Kakadu". Schein und Wirklichkeit


Hausarbeit, 2013
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie
2.1. Der Naturalismus
2.2. Die Wiener Moderne: Überwindung des Naturalismus und Subjektivität der Wirklichkeit

3. Der grüne Kakadu
3.1. Handlung
3.2. Die vier Ebenen des Dramas
3.3.Die Unschärfe zwischen Spiel und Wirklichkeit
3.3.1. Grain
3.3.2. Prospere
3.3.3. Severine
3.3.4. Henri

4. Zwischenfazit: Spiel und Wirklichkeit im grünen Kakadu

5. Das Komische im grünen Kakadu
5.1. Das Komische nach Sigmund Freud
5.2. Komik der Herabsetzung und Dialogizität im grünen Kakadu
5.3.Groteske Elemente

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Sein... spielen... kennen Sie den Unterschied so genau, Chevalier?"1

Seit jeher beschäftigen sich die Menschen mit den Möglichkeiten menschlicher Erkenntnis und mit der Frage nach Wahrheit und Lüge, nach Spiel und Wirklichkeit. Man ist gemeinhin geneigt, die Welt, wie sie sich uns darstellt, auch als die Welt, wie sie wirklich ist, hinzunehmen. Doch schon bei den kleinsten zwischenmenschlichen Konflikten wird deutlich: Die Wahrnehmung von Tatsachen ist das eine, die Deutung dieser Tatsachen jedoch kann je nach individuellem Standpunkt erheblich variieren.2 Unsere Auffassung von dem, was wirklich ist, ist keineswegs immer objektiv. Eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst unser Denken und Fühlen und somit auch unsere Wahrnehmung, ohne dass wir uns dieser Vorgänge bewusst sind. Daher können Wahrheit und Lüge nicht in jedem Fall eindeutig feststellbare Phänomene sein, die sich in der Welt befinden und bloß in der Übereinstimmung von Tatsache und Vorstellung liegen. Sie sind häufig zutiefst abhängig vom Bewusstsein des Subjekts. Das „Ineinanderfließen[s] von Ernst und Spiel, Leben und Komödie, Wahrheit und Lüge"3 ist auch eines der zentralen Themen in Schnitzlers Werken. Die vorliegende Arbeit soll sich mit Arthur Schnitzlers Groteske der grüne Kakadu aus dem Jahre 1898 beschäftigen. Im Folgenden soll die These untersucht werden, dass im grünen Kakadu die Auflösung der Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit zur Problematisierung der Wirklichkeitserfahrungen des Zuschauers dienen soll. Der reflektierte Zuschauer soll durch das Verwirrspiel in Schnitzlers Groteske die Abhängigkeit der Wahrnehmung von der individuellen Perspektive auf das Geschehen erkennen und somit sein Unvermögen, Zugang zu einer objektiven Wirklichkeit zu haben.

Hierfür soll zunächst die in der Wiener Moderne entstandene Theorie der Subjektivität von Wirklichkeit in Abgrenzung zum Ideal der Objektivität im Naturalismus dargelegt werden. Daraufhin soll nach einem kurzen Überblick über die Handlung des grünen Kakadus anhand der Figuren von Grain, Prospere, Severine und Henri gezeigt werden, mit welchen Mitteln Schnitzler den Zuschauer im Theater zur Reflexion über sein eigenes Verhältnis zur Wirklichkeit anregen möchte. Im Anschluss daran soll untersucht werden, was das spezifisch Komische bzw. Groteske an den Ereignissen im grünen Kakadu ist und inwieweit die Vermischung von Spiel und Wirklichkeit Einfluss darauf hat.

2. Theorie

2.1. Der Naturalismus

Der Naturalismus war die Antwort der Literatur auf die „naturwissenschaftliche^] Ideale wie Exaktheit und empirische Überprüfbarkeit"4. Die Idee einer „wissenschaftlichen, evidenten, beweisbaren Wahrheit"5 führte dazu, dass Vertreter der Naturalismus ihre Aufgabe als Schriftsteller darin sahen, „,Protokollanten' der empirischen Realität"6 zu sein. Literatur war für die Naturalisten nunmehr also nicht Deutung von Wirklichkeit, sondern detailgenaue Beobachtung von Wirklichkeit.

2.2. Die Wiener Moderne: Überwindung des Naturalismus und Subjektivität der Wirklichkeit

Doch der Anspruch der immer genaueren Betrachtung und Abbildung von Realität mündete in großer Verunsicherung. Denn je detaillierter man versuchte, die Welt abzubilden, desto deutlicher wurde die Abhängigkeit der Wirklichkeit von der Perspektivierung.7 Je ausgiebiger man die Dinge betrachtete, desto mehr fiel auf, dass sie sich aus jedem Blickwinkel anders zeigten und dass darum kein objektives Erkennen der Welt möglich sein konnte.

„Alles ist in ewiger Veränderung. Wenn wir von Kontinuität oder Beständigkeit sprechen, so ist es nur, weil manche Änderung langsamer geschieht. Die Welt wird unablässig, indem sie wird, vernichtet sie sich unablässig."8

Das Resultat dieser Sezierung von Wirklichkeit war das Bewusstsein darüber, dass es das unveränderliche Ding, das Ding an sich, nicht geben kann, sondern dass die Begleitumstände unsere Vorstellung über das Ding maßgeblich prägen. Empfindungen können somit unser einzig möglicher Zugang zur inneren sowie zur äußeren Welt sein.9

Als Folge dessen wird alles Erkennbare als untrennbar vom Subjekt angesehen - „wirkliche[...] Welt und empfundene[...] Welt"10 fallen zusammen. Somit stellte sich auch die Frage nach der Bedeutung von Schein und Sein völlig neu, denn folgt man dieser Annahme, dann sind die Dinge immer nur so, wie sie uns erscheinen; eine „in sich stabile Realität"11 existierte somit nicht. Hermann Bahr formulierte dies folgendermaßen:

„Die Wahrheit, die noch die Naturalisten im Sinne wissenschaftlicher Überprüfbarkeit verstanden, ist nun eine subjektive Angelegenheit geworden: ,Wir haben kein anderes Gesetz als die Wahrheit, wie jeder sie empfindet'"12.

Aus diesem Grund konnte ferner nur eine Literatur, die Empfindungen, Reize und Eindrücke dichterisch gelungen ausdrücken konnte, wahrhaftige Literatur sein.13

Eingebettet in diese Programmatik ist auch Arthur Schnitzlers Schaffen zu sehen. Jener gehörte seinerzeit zum jungen Wien, einer Gruppe von Literaten und Denkern, „die sich meist im Cafe Griensteidl [traf]"14. Im Mittelpunkt der nachfolgenden Untersuchung soll die Problematisierung von Wirklichkeitserfahrungen im grünen Kakadu von Arthur Schnitzler stehen. Es soll gezeigt werden, dass Schnitzler uns mit seinem Werk vor Augen führt, dass Wirklichkeit nie losgelöst vom Subjekt existieren kann, sondern immer durch das Bewusstsein des Wahrnehmenden konstruiert wird.

3. Der grüne Kakadu

Arthur Schnitzler verfasste seine Groteske, den grünen Kakadu, im Jahre 1898 in Wien. Das Stück umfasst lediglich einen Akt, in dem ein Spiel im Spiel und zahlreiche Täuschungen und Verwirrungen für eine starke Verdichtung des Geschehens sorgen. Im Folgenden wird angestrebt, in einem kurzen Abriss das Handlungsgeschehen nachzuzeichnen.

3.1. Handlung

Die Handlung des Dramas ist auf den Abend des 14. Juli 1789 datiert, den Abend des Sturms auf die Bastille - der Beginn der französischen Revolution. In einer Spelunke mit dem Namen „der grüne Kakadu" veranstaltet ein Wirt, Prospere, regelmäßig Abende, in denen Schauspieler für zahlende Gäste Verbrecher, Aufrührer und Revolutionäre spielen. So auch an diesem geschichtlich bedeutsamen Abend. Die zahlenden Gäste sind vor allem Adelige, die sich amüsieren möchten. Bevor das Schauspiel beginnt, kündigt der Philosoph, Grasset, dem Wirt die revolutionäre Bewegung und den Sturm auf die Bastille für diesen Abend an. Zudem erscheint ein Kommissär, der dem Schauspiel beiwohnen möchte, weil er den Verdacht hegt, es könne sich dabei um aufrührerische Handlungen handeln. Doch der Wirt versichert ihm, es sei alles bloß ein Spiel. Die Schauspieler (Scaevola, Jules, Michette, Flipotte, Balthasar, Georgette, Giullaume, Etienne, Maurice) stellen daraufhin vor den Augen der Adeligen (Emile Herzog von Cardignan, Francois Vicomte von Nogeant, Albin Chevalier de la Tremouille, Der Marquis von Lansac), dem Dichter Rollin und seiner Frau Severine unterschiedlich überzeugend Verbrecher und Revolutionäre dar. Das Geplauder der Zuschauer verrät, dass sie die Gefahr, die von den aufkommenden revolutionären Bestrebungen des Volkes für sie ausgeht, nicht erkennen und sie aus diesem Grund auch das Spiel der Schauspieler in vollen Zügen genießen können, denn niemand hält für möglich, dass es wahrhaft eines Tages zu Ernst werden könnte. Auch der während des Stückes immer lauter werdende Lärm von der Straße scheint sie nicht zu irritieren. Vor allem Severine ist außerordentlich entzückt von den Darstellern und hat Freude daran, Teil des Spiels zu sein. Henri, der beste Schauspieler der Truppe, hat an diesem Abend seinen letzten Auftritt, bevor er mit seiner frisch angetrauten Ehefrau, Leocadie, aufs Land ziehen möchte, um in Ruhe sein Leben fortführen zu können und den Gefahren der Großstadt zu entgehen. Doch er scheint der einzige zu sein, der nicht ahnt (oder nicht ahnen will), dass Leocadie ihm nicht treu ist. Grain, ein wirklicher Verbrecher, der von Prospere für einen Abend zur Probe angestellt ist, erzählt dem Wirt, dass Leocadie eine Affäre mit dem Herzog hat. Als Henri dann bei seinem Auftritt behauptet, er habe den Herzog ermordet, weil dieser eine Affäre mit seiner Frau habe, glaubt ihm der Wirt dies aufgrund dessen. So erfährt Henri, dass seine erdachte Geschichte von Leocadie und dem Herzog wahr ist, und als der Herzog das Theater betritt, erdolcht er diesen vor den Augen der Schauspieler und Adeligen.

Gleichzeitig zu dieser Entwicklung dringt die französische Revolution in die Räume des grünen Kakadus ein. Grasset erscheint und berichtet vom Sturm auf die Bastille. Der Kommissär sieht sich entmachtet, die Staatsgewalt ist gestürzt. Leocadie erscheint und ist erschüttert über das, was Henri getan hat, während Grasset ihn für seine Tat rühmt. Zuletzt verlassen die Adeligen das Lokal, doch Grasset ist überzeugt, dass sie den Revolutionären in Zukunft nicht entgehen werden können.

3.2. Die vier Ebenen des Dramas

Die Handlung des grünen Kakadus lässt sich zunächst aufteilen in vier Handlungsebenen. Die erste Ebene stellen zunächst die Schauspieler und der Wirt dar. Sie sind Teil des Theaterstücks im Theaterstück. Auf der zweiten Ebene befinden sich diejenigen, die nicht spielen, sondern dem Spiel zusehen (z.B. die Adeligen, der Dichter Rollin usw.). Diese Ebene könnte man auch als private Wirklichkeit bezeichnen - das Netz der sozialen Beziehungen der handelnden Personen. Die dritte Ebene bilden die Ereignisse außerhalb des grünen Kakadus, die immer nur dann sichtbar werden, wenn sie innerhalb des Raumes Auswirkungen haben (z.B. durch Geräusche, die nach Innen dringen15, und in Form von Grasset, der Überbringer der Nachricht des Sturms auf die Bastille16 ). Hierbei handelt es sich um eine Art öffentliche Wirklichkeit - einen größeren geschichtlich-gesellschaftlichen Zusammenhang, in dem jede der Figuren eingebettet ist. Ganz außerhalb der Ereignisse stehen die wirklichen Zuschauer im Theater, die vierte Ebene.

Doch betrachtet man die Ebenen genauer, so haben sie keine eindeutig zu definierenden Grenzen - Schauspieler werden ebenso zu Zuschauern wie Zuschauer zu Schauspielern. Geschichtliche Ereignisse erscheinen als Teil des Spiels und entpuppen sich daraufhin als Wirklichkeit. Auf diese Weise wird dem Zuschauer im Theater die Problematik der Unterscheidung zwischen Spiel und Wirklichkeit anschaulich demonstriert. Wie es Schnitzler im Detail gelingt, den realen Zuschauern im Theater die Begrenztheit fremder und ihrer eigenen Wirklichkeitswahrnehmung vor Augen zu führen, soll Gegenstand der nachfolgenden Analyse sein. Hierfür soll anhand einzelner Charaktere gezeigt werden, wie untrennbar in Schnitzlers Figuren Wirklichkeit und Spiel, Wahrheit und Fiktion vereint sind, sodass es niemandem umfassend möglich ist, zu entscheiden, was die tatsächliche Wirklichkeit ist.

3.3.Die Unschärfe zwischen Spiel und Wirklichkeit

Der Begriff des Schauspiels wird im Folgenden verstanden als eine „freie Handlung, die als nicht so gemeint und außerhalb des gewöhnlichen Lebens stehend"17 gilt und „die sich innerhalb einer eigens bestimmten Zeit und eines eigens bestimmten Raumes vollzieht, die nach bestimmten Regeln ordnungsgemäß verläuft"18. Mithilfe dieser Definition lassen sich die verschiedenen Formen des Spiels, die sich in Schnitzlers grünem Kakadu vorfinden lassen, voneinander abgrenzen. Geht man von dem zuvor definierten Spielbegriff aus, so gibt es in Schnitzlers Stück einige Figuren, deren Handlungen nicht ohne Einschränkung als Spiel bezeichnet werden können, obwohl sie von anderen Figuren als solche angesehen werden. Im Folgenden sollen der Wirt, Prospere, die Marquise, Severine, der Schauspieler, Henri, und der Strolch, Grain, auf ihr Verhältnis zu Spiel und Wirklichkeit untersucht werden. Dabei soll gezeigt werden, dass Schein und Sein, Spiel und Wirklichkeit in den Figuren des grünen Kakadus untrennbar vereint sind.

3.3.1. Grain

Eine Figur im grünen Kakadu ist Grain, der Strolch. Er betritt die Gaststätte vor Beginn des Schauspiels, um Prospere zu bitten, ihn als Schauspieler anzustellen. Dieser hält ihn zunächst für einen verkleideten Schauspieler („Also keinen Scherz, nimm die Perücke ab, ich möchte doch wissen, wer du bist."19 ) und glaubt Grain erst, dass er tatsächlich ein Verbrecher ist, als dieser ihm eine Entlassungsurkunde des Gefängnisses vorlegt.20 Die Schauspieler erfahren anschließend, dass Grain ein wirklicher Verbrecher ist21, doch die Adeligen bleiben in Unkenntnis seiner wahren Identität.

Daraus ergibt sich, dass die Handlungen Grains zwar „frei und außerhalb des gewöhnlichen Lebens stehend" sind, und zudem finden sie „innerhalb einer eigens bestimmten Zeit und eines eigens bestimmten Raumes" statt, doch sie sind nicht als „nicht so gemeint" zu bezeichnen. Grain tut für die feine Gesellschaft so, als würde er einen Verbrecher spielen, obwohl er tatsächlich einer ist. Als Prospere Grain in das Schauspiel integrieren will, indem er ihm Details über sein Verbrechen entlocken will (das er tatsächlich begangen hat), kann er ihm allerdings bloß ein „Ich sagte Ihnen ja, ich habe sie [die Tante] erdrosselt"22 entlocken - anstatt wie die anderen Schauspieler die Geschichte der Ermordung seiner Tante ausführlich und mit angemessenem Pathos zu erzählen. Doch trotz seiner ungenügenden schauspielerischen Leistung halten die Adeligen ihn nach wie vor für einen Darsteller. „Der ist schwach. Das ist ein Dilettant"23, bemerkt Francois und zieht nicht einmal die Möglichkeit in Betracht, dass es sich nicht um einen Schauspieler handeln könnte.

Dass dies so ist, hat eine entscheidende Ursache: Grain wird der feinen Gesellschaft im grünen Kakadu als Teil der Gruppe der Schauspieler präsentiert. Es ist also seine Aufgabe, ihnen unwahre Geschichten über unwahre Verbrechen erzählen, vorrangig mit der Funktion, sie zu unterhalten.24 Somit entsteht eine Erwartungshaltung der Zuschauer ihm gegenüber, die dazu führt, dass unabhängig davon, was er tut, sein Tun von den Zuschauern immer vorrangig als Schauspiel gewertet werden wird. Die Wahrnehmung der feinen Gesellschaft im grünen Kakadu ist sonach maßgeblich geprägt von Vorannahmen und Erwartungen, die erheblichen Einfluss auf ihr Bild von der Wirklichkeit haben.

Der Wirt und die Schauspieler, die wissen, dass Grain tatsächlich ein Verbrecher ist, haben eine völlig andere Wahrnehmung. Sie wissen, dass er die Wahrheit sagt, wenn er behauptet, seine Tante ermordet zu haben. Nichtsdestotrotz werden sie seine Darstellung vor Publikum für nicht besonders unterhaltsam halten.

Der wirkliche Zuschauer, der ebenfalls über die Information verfügt, dass Grain tatsächlich ein Verbrecher ist, ist ebenso wie die Schauspieler und der Wirt in der Lage, die Illusion der Adeligen als solche zu entlarven. Da der reale Zuschauer sich nun in einer überlegenen Position den fiktiven Zuschauern gegenüber befindet, findet er die Reaktion derer auf die kläglichen Schauspielversuche Grains, die eigentlich keine sind, grotesk. Denn der einzige, der die Wahrheit spricht, erscheint dem fiktiven Publikum am unglaubwürdigsten.25

3.3.2. Prospere

Die Figur, bei der völlig im Verborgenen bleibt, ob sie spielt oder nicht, ist der Wirt des grünen Kakadus, Prospere. Welche seiner Handlungen also als „nicht so gemeint" zu verstehen sind, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Aus diesem Grund ist auch nicht eindeutig festzustellen, welche seiner Handlungen „außerhalb des gewöhnlichen Lebens stehen". Prospere verdient sein Geld damit, dass die „elegantesten Leute von Paris"26 in seine Gaststätte kommen, um sich von ihm und den Schauspielern unterhalten zu lassen. Prospere bedeutet aus dem Französischen übersetzt „prosperieren" - erfolgreich sein, vorankommen. Dies ist sicherlich kein Zufall, denn der Wirt ist offenkundig daran interessiert, dass sein Lokal prosperiert. Die Vorgänge im revolutionären Paris beschäftigen ihn zwar, doch weiß er sie vor allem zu nutzen, um ein gutes Geschäft zu machen, indem er für die feine Gesellschaft regelmäßig sein Schauspiel aufführen lässt. So reagiert er auf die Provokationen von Grasset, dass er sich den Revolutionären anschließen solle und dies nicht erst, wenn die Gefahr vorüber sei, bloß mit den Worten: „Mein Lieber, ich liebe die Freiheit wie du - aber vor allem habe ich meinen Beruf'27. Ihm „genügt das, was [er] in seinem Fach leisten kann"28 : die edlen Leute von Paris „zu beschimpfen nach Herzenslust - während sie es für Scherz halten"29. Mit diesen Worten beschreibt er selbst sehr präzise seine Rolle.

Während die Adeligen und feinen Leute von Paris ihn für einen höchst anständigen Menschen halten30, stellt er sich für die Bürger und Schauspieler so dar, als sei er ein Feind des ersten Standes und seine Beleidigungen und Drohungen, die er im Spiel äußerte, seien alle wahr. Prospere versteht es, beide Seiten glauben zu machen, dass er auf ihrer Seite stehe. So weist er beispielsweise Grain zurecht, als dieser im Begriff ist, Francois Brieftasche zu stehlen31 und stellt sich somit auf die Seite der feinen Gesellschaft. Andererseits tritt er am Ende des Stückes in den Chor der Revolutionäre ein und ruft: „Hört ihr! Hört ihr! Paris gehört uns!"32. Für den realen Zuschauer bleibt Prospere bis zum Ende des Stückes eine höchst rätselhafte Figur. Fraglich bleibt, ob er die Rolle des anständigen Geschäftsmannes ebenso spielt wie die des Revolutionärs im Geiste, um von der jeweils einflussreichsten Gruppe profitieren zu können. Außerdem ist nicht eindeutig zu klären, ob er überhaupt aus rationalen Erwägungen heraus diese oder jene Rolle spielt oder ob er selbst tatsächlich selbst daran glaubt, dass er sowohl Revolutionär als auch anständiger Geschäftsmann in einer Person sein kann. Insofern ist auch das Urteil, das Grasset zu Beginn des Stückes fällt: dass Prospere bloß ein „Feigling"33 sei, der nicht bereit sei, für seine Überzeugungen einzustehen, angesichts der Tatsachenlage nicht ohne weiteres zu belegen.

Die Figur des Wirtes vereint so unauflöslich Täuschung und Wahrheit miteinander, dass auch der reale Zuschauer sich aus den Indizien, die seine Handlungen und Äußerungen im Stück geben, selbst eine Position zu seinem Charakter bilden muss. Die zu beobachtenden Tatsachen lassen keinen eindeutigen, objektiven Rückschluss auf den Charakter Prosperes zu.

3.3.3. Severine

Eine ähnlich undurchschaubare Figur ist die Frau des Marquis, Severine. Sie begegnet jedem der Ereignisse innerhalb des Handlungsverlaufs mit - wie es scheint - ausgesprochener Naivität und unvoreingenommener Begeisterung. Sie verhält sich darum zeitweise unangemessen und nicht der Stellung einer Marquise gemäß. Aus diesem Grund stellen sich die fiktiven ebenso wie die realen Zuschauer unentwegt die Frage, ob ihre Handlungen als „nicht so gemeint" zu verstehen sind oder nicht.

Die Marquise tritt gemeinsam mit ihrem Mann und dem Dichter Rollin auf, mit dem sie offensichtlich eine Liebesaffäre hat. Zahlreiche Bemerkungen von Severine und Rollin lassen darauf schließen, dass ihre Beziehung nicht unproblematisch verläuft. „Sie haben noch nie einen Mann kennengelernt, der Ihnen nicht gefallen hätte", wirft Rollin der Marquise eifersüchtig vor, als diese über Albin verlauten lässt, dieser sei ein „lieber, kleiner Junge"34. Zweimal vergewissert sich Rollin zudem, ob sie ihn wirklich liebe35, worauf sie leicht abweisend reagiert („Ja ja, aber fragen Sie mich nicht jeden Augenblick"36 ). Severines Begeisterung für alles und jeden scheint Rollin zu der Annahme zu veranlassen, dass sie ihm nicht treu sei.37 Denn als Henri im Spiel über seine Frau behauptet sie sei „[i]mmer wieder [...] zu [ihm] zurückgekommen [...] von den Schönen und den Häßlichen [sic] - den Klugen und den Dummen [...]", spricht Severine zu Rollin: „Wenn ihr nur ahntet, daß [sic] eben dieses Zurückkommen die Liebe ist"38.

Doch wie ernst es Severine mit der Liebe ist, ist nicht nur für Rollin ungewiss, sondern auch für den realen Zuschauer. Sie verhält sich in mancher Hinsicht so anzüglich, als wäre sie eine der gespielten Dirnen des Theaters; beispielsweise wenn sie Michette erklärt, sie habe früher ihre Liebschaften gezählt. Ebenso als Maurice im Spiel ein mit Diamanten besetztes Strumpfband als Belohnung für die aussetzt, „[die] eine neue Zärtlichkeit erfindet" und Severine Rollin bittet, „da mitzukonkurrieren"39. Ihr Verhalten lässt die Deutung zu, dass sie Freude am Spiel mit Rollenerwartungen an sie als Dame der feinen Gesellschaft hat. Das Überschreiten und Aufbrechen der Grenzen ihrer Stellung als Marquise finden im Stück Gestalt in ihrer Affäre mit Rollin, dem Dichter, ebenso wie in ihrer Frivolität in Gegenwart der anderen feinen Leute. „Es ist bewundernswürdig, wie sich die Marquise, meine Gemahlin, gleich in jede Situation zu finden weiß"40, bemerkt der Marquis. Es scheint fast so, als würde die Marquise das gesamte Leben als eigens für sie aufgeführtes Spiel begreifen, in dem sie darüber hinaus jede beliebige Rolle einnehmen kann - ganz wie es ihr gerade beliebt. Die Vermutung liegt nahe, dass ihr Leben auf dem Hofe des Marquis von Ereignislosigkeit und Langeweile geprägt ist. So ließe sich zumindest eine Erklärung für ihre Freude an jedem ungewöhnlichen, ungesitteten oder in irgendeiner anderen Form ereignisreichen Geschehen finden. Dabei ist sie in ihrer Naivität zudem blind für Dinge, die sie an ihrer Heiterkeit hindern könnten; alles Ernste liegt ihr fern.

Denn auch die aufrührerischen Ereignisse in Paris spielt die Marquise als „Abenteuer"41 herunter. Ebenso wie die anderen Mitglieder der feinen Gesellschaft42 scheint sie nicht zu glauben, dass von den Massen Paris' vor den Toren der Bastille eine Bedrohung für sie ausgehen könnte. Stattdessen erzählt sie, dass sie „[ihren] Wagen in der Nähe halten [ließ]", um sich die Massen anzusehen. Weiter meint sie: „Es ist ein prächtiger Anblick; Massen haben doch immer was Großartiges"43. Selbst zu dem Zeitpunkt, an dem offenbar wird, dass die Bastille tatsächlich gestürmt wurde und die Bürger von Paris beginnen auf der Straße aufzubegehren, scheint die Marquise keinen Gedanken an die Konsequenzen dieser Entwicklung für ihr eigenes Dasein zu verschwenden. Sie stimmt in die Gesänge der Bürger mit ein und ruft: „Es lebe die Freiheit" Es lebe die Freiheit!"44 Sie spielt erneut und nimmt nun die Rolle der Revolutionärin ein, die in absolutem Kontrast zu ihrer Stellung als Marquise steht. Zudem erklärt sie Rollin, dass sie „[sich] angenehm erregt [fühle]"45 und „eine schöne Stunde"46 mit ihm haben wolle.

Da der reale Zuschauer über den Ausgang der französischen Revolution im Bilde ist, erscheint ihm die spielerische Naivität der Marquise als überaus lächerlich. Ihre Illusion von einem unbeschwerten, abenteuerlichen Leben kann scheinbar kaum zerstört werden. Es drängt sich der Verdacht auf, dass für Severine nur der Ereignischarakter der Geschehnisse zählt und sie daran ihr Vergnügen findet. Einen Hinweis für Zweifel an Severines zwanghafter Unbesorgtheit und Begeisterungsfähigkeit gibt Schnitzler nur an einer Stelle im Drama: Nach der Ermordung des Herzogs durch Henri besagt die Regieanweisung, dass sie „[m]ühsam"47 zu der Äußerung komme: „Es trifft sich wunderbar. Man sieht nicht alle Tage einen wirklichen Herzog ermorden"48.

[...]


1 Schnitzler, Arthur: Der grüne Kakadu. In: Schnitzler, Arthur: Anatol, Anatols Größenwahn, Der grüne Kakadu. Mit einem Nachwort von Gerhard Baumann. Stuttgart 1970, S.140.

2 vgl. hierfür auch: Watzlawick, Paul: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?. München 2007, S. 143f.

3 Schnitzler, Arthur: Jugend in Wien. Nickl, Th./ Schnitzler, H (Hrsg.). Wien 1968, S. 28.

4 Kimmich, Dorothee /Wilke, Tobias: Einführung in die Literatur der Jahrhundertwende. 2. aktualisierte Auflage. Darmstadt 2011, S. 64.

5 Kimmich Wilke, S. 64.

6 Kimmich/ Wilke 2011, S. 64.

7 vgl. Kimmich/ Wilke 2011, S. 86.

8 Bahr, Hermann: Das unrettbare Ich. In: Wunberg, Gotthart (Hrsg.): Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910. Stuttgart 1981, S.147.

9 Erscheinung und Vorstellung sind somit untrennbar verbunden. vgl. Mach, Ernst Antimetaphysische Bemerkungen. In: Wunberg, Gotthart (Hrsg.): Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910. Stuttgart 1981, S. 140.

10 Mach, Ernst: Antimetaphysische Bemerkungen. In: Wunberg, Gotthart (Hrsg.): Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910. Stuttgart 1981, S. 144.

11 Kimmich/ Wilke 2011, S. 86.

12 Bahr, Hermann: Die Moderne. In: Wunberg, Gotthart (Hrsg.): Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910. Stuttgart 1981, S. 190.

13 vgl. Kimmich/ Wilke 2011, S. 82.

14 Kimmich /Wilke, 2011, S. 81.

15 vgl. z.B. Schnitzler, Arthur: Der grüne Kakadu. In: Schnitzler, Arthur: Anatol, Anatols Größenwahn, Der grüne Kakadu. Mit einem Nachwort von Gerhard Baumann. Stuttgart 1970, S. 136, S.146.

16 vgl. Schnitzer 1970, S. 149.

17 vgl. Melchinger, Christa: Illusion und Wirklichkeit im dramatischen Werk Arthur Schnitzlers. Diss. Hamburg 1969, S. 18. Die von ihr erbrachte Definition ist wiederum eine Zusammenfassung der Definitionen aus 4 anderen Werken:

Jünger, Friedrich Georg: Die Spiele. Ein Schlüssel zu ihrer Bedeutung. Frankfurt a. M. 1953. Huizinga, Johan: Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. Hamburg 1956. Roger Caillois: Die Spiele und die Menschen. Maske und Rausch. Stuttgart 1960. Flink, Eugen: Spiel als Weltsymbol. Stuttgart 1960.

18 Melchinger 1969, S. 18.

19 Schnitzler 1970, S. 120.

20 vgl. Schnitzler 1970, S. 120.

21 vgl. Schnitzler 1970, S. 124.

22 Schnitzler 1970, S. 141.

23 Schnitzler 1970, S. 141.

24 So versichert der Wirt dem Kommissär: „Ich glaube, Ihnen die beste Unterhaltung versprechen zu können." Schnitzler 1970, S. 119.

25 Dass dies so ist, sagt zudem viel über Rezeptionserwartungen gegenüber dem Schauspiel aus, die sich anscheinend von den Erwartungen gegenüber einer überzeugenden Wirklichkeit unterscheiden. Ein gewisser Pathos oder zumindest Ausführlichkeit und Unterhaltsamkeit scheinen Ansprüche zu sein, die man als Zuschauer an ein Schauspiel hat - jedoch nicht an eine überzeugende Wirklichkeit.

26 Schnitzler 1970, S. 116.

27 Schnitzler 1970, S. 115.

28 Schnitzler 1970, S. 117.

29 Schnitzler 1970, S. 117.

30 vgl. Schnitzler 1970, S. 145.

31 vgl. Schnitzler 1970, S. 145.

32 vgl. Schnitzler 1970, S. 149.

33 Schnitzler 1970, S. 117.

34 Schnitzler 1970, S. 139.

35 vgl. Schnitzler 1970, S. 139 bzw. S. 143.

36 Schnitzler 1970, S. 139.

37 Abgesehen von der Tatsache, dass sie mit dem Marquis verheiratet ist, der sich entweder nicht für die Affäre seiner Frau interessiert oder der einzige ist, der davon nichts mitbekommen hat.

38 Schnitzler 1970, S. 147.

39 Schnitzler 1970, S. 144.

40 Schnitzler 1970, S. 140.

41 Schnitzler 1970, S. 138.

42 Severines Mann, der Marquis, sagt z.B. an anderer Stelle: „Paris hat jetzt etwas Fieber, das wird schon wieder vergehen". Schnitzler 1970, S. 140.

43 beide Zitate: Schnitzler 1970, S. 138.

44 Schnitzler 1970, S. 152.

45 Schnitzler 1970, S. 152.

46 Schnitzler 1970, S. 152.

47 Schnitzler 1970, S. 151.

48 Schnitzler 1970, S. 151.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Arthur Schnitzlers "Der grüne Kakadu". Schein und Wirklichkeit
Hochschule
Universität Hamburg  (IFG II)
Veranstaltung
Gattung Komödie
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V266087
ISBN (eBook)
9783656559306
ISBN (Buch)
9783656559283
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Schein, Sein, Wirklichkeit, Schnitzler, Wiener Kreis, Moderne, der grüne Kakadu, Groteske, Komödie
Arbeit zitieren
Antje Schmidt (Autor), 2013, Arthur Schnitzlers "Der grüne Kakadu". Schein und Wirklichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266087

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden