Günter Wallraffs Trilogie zur BILD-Zeitung

Analyse und Rezeptionsgeschichte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

44 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Biographie

2. Literaturverständnis

3. Inhaltsangaben
Der Aufmacher
Zeugen der Anklage
BILDstörung

4. Der Springer-Verlag

5. Rezeptions-/Nachgeschichte
Juristisches Nachspiel
Weitere Konsequenzen

6. BILD aktuell
Jüngste Opfer
Aktuelle BILD-Kurzanalyse

Literatur-/Quellenverzeichnis

1. Biographie

1.1. Das Elternhaus

Günter Wallraff wurde am 1. Oktober 1942 in Burscheid bei Köln geboren.1 Wallraff stammt nach eigener Aussage aus einem „sehr bürgerlichen Elternhaus“2, das allerdings einen Riss hat: Die Großeltern mütterlicherseits besitzen eine Klavierfabrik, die Mutter kennt durch die geschäftlichen Verbindungen ihrer Eltern die „besseren Leute“ und versucht deren Lebensstil zu kopieren. Wallraffs Mutter stammt also aus einer großbürgerlichen Familie. Ihre zweite Ehe kommt einem gesellschaftlichen Abstieg gleich, denn Wallraffs Vater kommt aus ganz anderen Verhältnissen: Er ist unehelich geboren, arbeitet als Fließbandarbeiter bei Ford und erlebt die Welt von unten; gesundheitlich ist er durch diese Arbeit schwer angeschlagen, da er zum Teil im Lackofen arbeitet und dies schwere Nierenschädigungen bei ihm verursacht. Hier also bricht sich etwas im Elternhaus, die Mutter, die sich nach Wohlstand sehnt, versucht den Vater dauernd zum Hochklettern, zum Aufsteigen zu animieren, doch er sperrt sich dagegen. Er geht auch nicht darauf ein, irgendwelche Aufstiegswege durch so genannte gute Kontakte zu gehen.3

1.2. Das Schlüsselerlebnis

Wallraff besucht das Gymnasium, verlässt aber mit Erreichen der Mittleren Reife die Schule, da er den Leistungserwartungen nicht entsprechen kann. Dekorateur lautet sein Berufswunsch, doch die Eignungsprüfung verläuft negativ. Von 1957 bis 1961 absolviert er eine Lehre als Buchhändler. Dekorateur, Buchhändler, jedenfalls nicht einfacher Arbeiter. Diese Berufswahl entspricht wohl eher den Vorstellungen der Mutter. Die Entscheidung hat wohl auch die vage Hoffnung beeinflusst, die Arbeit als Buchhändler habe mit Literatur zu tun, denn Wallraff schreibt in diesen Jahren Gedichte, die er heute äußerst kritisch beurteilt und als „gequälte Versuche“ ablehnt.4

Kurz nach Beendigung der Buchhändler-Lehre kommt der Einberufungsbescheid zur Bundeswehr. Da Wallraff den Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer zu spät gestellt hat, muss er der Einberufung Folge leisten, will er nicht als Fahnenflüchtiger bestraft werden. Die zehn Monate bei der Bundeswehr nennt er sein „Schlüsselerlebnis“. Dieses Erlebnis bildet den Ausgangspunkt für seine späteren Arbeiten. Als Soldat, der sich weigert, ein Gewehr in die Hand zu nehmen, übernimmt er die erste, noch unfreiwillige, Rolle. Nach langen Auseinandersetzungen mit seinen Vorgesetzten und nach einem harmlosen, eher alltäglichen Sturz während des Wochenendurlaubs, wird Wallraff in die psychiatrische Abteilung des Bundeswehrlazaretts in Koblenz eingewiesen. Um sich gegen den mächtigen Militärapparat wehren zu können, beginnt Wallraff Tagebuch zu schreiben. Als er dem Bundeswehrarzt erzählt, dass er alles aufschreibt, was mit ihm und um ihn herum passiert, und es veröffentlichen würde, erfolgt die Entlassung aus der Armee. Im ärztlichen Gutachten der Bundeswehr steht die Diagnose: „abnorme Persönlichkeit“. Dieser Bericht wird heute immer noch gerne von Gegnern Wallraffs zitiert, um seine Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen.

1.3. Die Zeit unmittelbar nach der Bundeswehr

In der Bundeswehrzeit ist Wallraff auf eine Wirklichkeit gestoßen, die er einfach nicht für möglich gehalten hat, und von da an empfindet er eigentlich alles, was er vorher gemacht hat, als sehr nebulös, abwegig und wirklichkeitsfern. Deshalb ist für ihn eine Rückkehr in die Buchhandlung, die er damals als „eine Art Scheinwelt“5 empfindet, undenkbar. In dieser Zeit hat er alles losgelassen, woran er früher festgehalten hatte. Und er hat etwas gelernt: nämlich die Hartnäckigkeit, den festen Willen, Entscheidungen ernst zu nehmen. Er entscheidet sich, seine Anfänge abzuschütteln und zuzuschütten. Es ist eine Entscheidung für die Praxis, gegen die Theorie. Wallraff will nun von den Voraussetzungen ausgehen, von denen die meisten Menschen ausgehen müssen, weil sie ihnen ausgesetzt sind und das ist nun mal die Arbeit in Fabriken.6

Doch der Schlussstrich unter der bürgerlichen Kultur ist nicht so scharf, denn Weltflucht, nicht Hinwendung zur Realität, bestimmt die Zeit unmittelbar nach der Befreiung aus den militärischen Zwängen. Ein halbes Jahr reist er durch Skandinavien, es sei eine romantischverklärte Reise gewesen, hat er später berichtet. Zu dieser Zeit schluckt er auch Meskalin, er nimmt gleich eine Überdosis und gerät in einen Schreibzwang hinein. Im Meskalinrausch ist er ganz „auf sich selbst zurückgeworfen“7. Später findet ein kleiner Verleger aus Berlin das Manuskript in Wallraffs Wohnung und nimmt es mit, Wochen später erscheinen bereits die Druckfahnen. Die Veröffentlichung kann Wallraff nicht mehr rückgängig machen. Das Buch trägt den Titel Meskalin und hat einen Umfang von 16 Seiten.

1.4. Wallraff setzt sich der Wirklichkeit aus

Von 1963 bis 1965 arbeitet Wallraff in verschiedenen westdeutschen Großbetrieben. Seine Reportagen darüber erscheinen zuerst in der Gewerkschaftszeitung Metall, 1966 als Buch unter dem Titel Wir brauchen Dich. Als Arbeiter in deutschen Industriebetrieben. Die Industriereportagen machen Günter Wallraff bekannt. Sie bringen ihn mit Schriftstellern der Dortmunder Gruppe 61 zusammen, vor denen er 1965 seine erste Lesung hat.8 Im Jahre 1966 ist er Mitarbeiter bei der Hamburger Morgenpost, ab Herbst bei der satirischen Zeitschrift Pardon. Ab 1968 arbeitet er für die Hamburger Zeitschrift Konkret.

Im November 1968 wird Günter Wallraff der Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für seine Industriereportagen zugesprochen. Es kommt zu Protesten gegen die Verleihung und der damalige Ministerpräsident des Bundeslandes, Heinz Kühn, erklärt daraufhin öffentlich, dass man neben der fachlichen Bewertung der Preisträger, in Zukunft „auch deren Verwurzelung in der freiheitlich-demokratischen Ordnung“9 beachten solle. Gegen die Einmischung einer staatlichen Instanz in die Belange von Literatur und Kunst protestieren zahlreiche bekannte Schriftsteller, darunter auch Heinrich Böll. Günter Wallraff spendet die Preissumme je zur Hälfte an den Rechtshilfefonds der APO10 und an die Vietnam-Hilfe. Der Ministerpräsident entschuldigt sich später bei ihm.

Ab 1969 schlüpft Wallraff erneut in verschiedene Rollen, z.B. Als Alkoholiker in der Entzugsanstalt, als Obdachloser, Zimmer suchender Student etc., er berichtet darüber in den 13 unerwünschten Reportagen. Im Jahre 1969 erfolgt der erste Versuch, die Methode Wallraffs zu kriminalisieren: Nach Veröffentlichung der Reportagen wird Wallraff der Prozess wegen Amtsanmaßung gemacht. Um an Informationen über den Aufbau halbmilitärischer Werkschutzeinheiten zu kommen, hatte sich Wallraff als Ministerialrat Kröver von einem frei erfundenen „Zivilausschuss“ des Bundesinnenministeriums ausgegeben. 10 In seiner Verteidigungsrede vor dem Frankfurter Schöffengericht am 9.12.1969 beruft sich Günter Wallraff auf das Recht der Öffentlichkeit auf Information. Seine Arbeitsmethode habe zum Ziel „in einer fremden Rolle Sachverhalte aufzudecken, die anders nicht zu erfahren sind“11. Zu dem Anklagepunkt der Amtsanmaßung erklärt er: „Ich wählte das Amt des Mitwissers um ein Stück weit hinter die Tarnwand von Verschleierung, Dementis und Lügen Einblick nehmen zu können. Die Methode, die ich wählte, war geringfügig im Verhältnis zu den rechtsbeugenden Maßnahmen und illegalen Erprobungen, die ich aufdeckte“12.

Das Gericht spricht ihn frei. 1970 erscheint die Reportagensammlung Von einem, der auszog und das Fürchten lernte, sie enthält auch das Bundeswehr-Tagebuch. 1970 beteiligt sich Wallraff an der Gründung des „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt", als organisatorische und inhaltliche Alternative zur Gruppe 61. Wallraff wirft der Gruppe vor, sie sei zu einem „Literatenklub“13 verkommen, da Repräsentanten der Gruppe ihre Arbeit immer mehr auf die Produktion von Literatur im engeren Sinne und auf die Geltung herkömmlicher literarischer Qualitätsmaßstäbe verlegen, so dass sich schreibende Arbeiter mehr und mehr ausgeschlossen fühlen.

1973 veröffentlicht Wallraff zusammen mit Jens Hagen Was wollt ihr denn, ihr lebt ja noch und mit Bernt Engelmann seinen ersten Bestseller Ihr da oben - wir da unten.14 Engelmann berichtet hier über die Ansichten und Lebensgewohnheiten der oberen Zehntausend, während Wallraff in verschiedene Rollen „der da unten“ schlüpft.

Im Mai 1975 reist Günter Wallraff als Mitglied des Solidaritätskomitees für politische Gefangene nach Griechenland. Am 10.5. kettet er sich an einen Laternenmast auf dem Athener Syntagmaplatz an und verteilt Flugblätter, in denen er gegen die Missachtung der Menschenrechte durch das griechische Militärregime protestiert, speziell die Praktiken willkürlicher Verhaftungen politischer Gegner und deren Folterung anprangert. Daraufhin wird er von Geheimpolizisten zusammengeschlagen, verhaftet und im Hauptquartier der Sicherheitspolizei gefoltert. Seine Identität als Deutscher steht zu diesem Zeitpunkt nicht fest. Er hat vorher alle Hinweise darauf entfernt und auch keine Ausweispapiere dabei, so dass man ihn für einen gewöhnlichen griechischen Oppositionellen hält. Erst als man erfährt, wen man vor sich hat, lassen die Folterspezialisten von ihm ab. Er wird zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt, im August, nach dem Sturz der Militärjunta, wieder freigelassen.15

In Deutschland reagiert die Öffentlichkeit gespalten auf diese Aktion. Während Wallraffs Verleger Reinhold Neven DuMont, Heinrich Böll oder die Bundesjugendkonferenz der Industriegewerkschaft Metall an den Bundespräsidenten Scheel Telegramme schicken und ihn um seine Hilfe bitten, werfen verschiedene westdeutsche Provinz-, Regional- und auch Weltblätter Wallraff vor, nur wieder einmal Reklame für sich gemacht zu haben. Er hatte nämlich, auch um sich zu schützen, wie er später erklärte, vor seiner Aktion einen Kameramann alarmiert, der ihn dabei filmte. Die ARD-Sendung Panorama, die diesen Streifen ausstrahlt, kommt dann auch gleich wieder unter Beschuss. Darauf Wallraff:

„ ... Nun hat man mir allerdings in der Bundesrepublik dieses Ziel absprechen wollen, ein Ziel, das aber eines der legitimsten Ziele überhaupt für einen Schriftsteller ist, nämlich etwas ganz von innen an sich selbst zu erfahren ... auch die Wirkung von dem, was geschrieben wird, ist ja immer damit verbunden, inwieweit der, der schreibt, auch wirklich dahinter steht, inwieweit er es bezeugt.“16

Wallraff ist nach Griechenland gereist, um am eigenen Leib die Situation der politischen Gefangenen zu erfahren und auf diese Weise seinen Berichten über die Lage in Griechenland mehr Authentizität zu verleihen. 1975 veröffentlicht Günter Wallraff seine Erfahrungen, zusammen mit Eckart Spoo, unter dem Titel Unser Faschismus nebenan. Griechenland gestern - ein Lehrstück für morgen 1975/76 findet der zweite Versuch statt, Günter Wallraffs Recherchiermethode zu kriminalisieren. Der Kölner Gerling-Konzern, in dem Wallraff zwei Monate als Bote gearbeitet hat17, wirft ihm den Gebrauch falscher Ausweispapiere vor. Auch dieser Prozess endet mit einem Freispruch.

1976 gelingt es Wallraff, die Putschpläne des portugiesischen General Spinola zu vereiteln, indem er in der Rolle eines Waffen- und Strauß-Unterhändlers Spinolas Vertrauen gewinnt und seine Putschpläne im Stern und in Konkret veröffentlicht. Hierüber erscheint später Aufdeckung einer Verschwörung. Die Spinola-Aktion.18

1977 erscheint Der Aufmacher, nachdem Wallraff unter dem Decknamen Hans Esser als Reporter in der Hannoveraner BILD-Redaktion arbeitete. Später erscheinen zum Thema BILD noch Zeugen der Anklage(1979) und BILDstörung (1981).19

1985 veröffentlicht er in Ganz unten seine Erfahrungen als türkischer Hilfsarbeiter u.a. bei McDonalds und Thyssen. Hier stellt Wallraff die bundesdeutsche Wirklichkeit aus einer Perspektive dar, die Deutschen sonst nicht zugänglich ist, und macht Erfahrungen, die eher an das südafrikanische Apartheitsregime erinnern, als an den viel gerühmten demokratischen Rechtsstaat.

1.5. Neueste Beschuldigungen und Aktionen

Im Jahre 2003 bezichtigen die Springer Blätter, vor allem die Welt, Wallraff als Ex-Stasi- Spitzel. Wallraff wehrt die Anschuldigungen als „absoluter Unfug“ ab. Die Welt berichtet über eine neu aufgetauchte Karteikarte, auf der Wallraff als aktiver Mitarbeiter der Stasi- Auslandsspionage registriert worden sei. Ein Sprecher der Birthler-Behörde20 erklärt, man habe nach wie vor keine Veranlassung zu glauben, dass Wallraff Mitarbeiter der Stasi gewesen ist. Nach Darstellung der Welt war Wallraff im April 1968 als aktiver Mitarbeiter angeworben worden. Zu seinen Aufgaben hätten u.a. Desinformationskampagnen in westlichen Medien gehört. Wallraff bestreitet, dass es jemals Anwerbe-Versuche von Seiten der Stasi gegeben hat und erwirkt gerichtlich eine einstweilige Verfügung, die Welt muss daraufhin eine Gegendarstellung drucken.21

Ebenfalls im Jahr 2003 versucht Günter Wallraff zusammen mit Norbert Blüm und Rupert Neudeck über die Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien zu berichten, doch schon auf dem Moskauer Flugplatz werden die Deutschen von russischen Polizisten herausgegriffen und wieder zurückgeschickt.22

1.6. Die politische Haltung von Günter Wallraff

Von seinen Gegnern wird Wallraff als Baader-Meinhof-Sympathisant diffamiert, als ein Mann, der - so die BILD-Zeitung - „den Terroristen die Zielvorgabe geliefert“ hat. Es ist notwendig unmissverständlich festzustellen: Zu keinem Zeitpunkt hat Wallraff anarchistisches Gedankengut vertreten. Wallraff wertet die Gewalttaten der RAF als „kleinbürgerliches Revoluzzertum“, das fatale Folgen habe: „Die Eskalation der Gewalt kann in der BRD nur den Herrschenden nützen“23. Dogmatischen Festlegungen will er ausweichen: „Ich versuche bis heute, mich nicht einer Ideologie zu verschreiben, weil ich dann nur noch Abwandlungen und Übersetzungen zu einer jeweiligen Ideologie liefere“24. Wallraffs Ausgangspunkt ist nicht die Theorie, sondern die Erfahrung der Arbeitswelt. Seine politische Haltung ist schwer auf einen Begriff zu bringen. Bei seinen Aktionen bemüht er sich immer um ein breites Bündnis der Linken. Er ist kein Parteimitglied, arbeitet aber mit allen Organisationen zusammen, die er als fortschrittlich in der jeweils anstehenden Frage einschätzt (z.B. DKP, Jungsozialisten, Gruppen der Gewerkschaftsjugend...).

2. Reportageliteratur und Günter Wallraffs Literaturverständnis

2.1. Reportageliteratur

Reportage (frz. Berichterstattung): Augenzeugenbericht, welcher (meist kurz) ein Ereignis aus der unmittelbaren Situation heraus darstellt. Als Typus der Dokumentarliteratur sollte sie grundsätzlich Fakten und Details zuverlässig und sachlich referieren; sie kann aber durch deren Auswahl und Anordnung, durch atmosphärische Färbung, persönliches Engagement, eine besondere Perspektive des „Reporters“ mehr oder weniger stark subjektiv geprägt sein. Gerichtet an einen breiten Leser- oder Hörerkreis, formuliert sie in der Regel spontan, einfach in Wortwahl und Syntax.25

Diese Definition aus dem Metzler-Literatur-Lexikon lässt sich fast exakt auf die Arbeiten Wallraffs anwenden. Es handelt sich dabei tatsächlich um einen „Augenzeugenbericht“, die Tatsache, dass Wallraff sich jedes Mal selbst der Situation aussetzt, ins Stahlwerk oder ins Obdachlosenasyl geht, und seine subjektiven Eindrücke einbringt, ist die Voraussetzung dafür. Diese Art der Recherche ermöglicht auch die Unmittelbarkeit der Darstellung, durch die sich Berichte wie z.B. Ganz unten auszeichnen. „Fakten und Details“ werden bei Wallraff „zuverlässig und sachlich“ dargestellt, so hat man das Gefühl, auch wenn er manchmal ins Polemische rutscht. „Atmosphärische Färbung“ wird z.B. in Sinter Zwo deutlich, wenn Wallraff die Industriestadt Duisburg beschreibt, als „Die Ankunft in einem düsteren Land“26.

Sein „Persönliches Engagement“ zeigt sich am besten in Situationen, in denen Wallraff selbst handelnd in die Geschehnisse eingreift, sich auf dem Syntagma-Platz in Athen ankettet oder sich auf dem Schreibtisch von Hans Gerling sitzend ablichten lässt. Seine Reportage ist in diesen Fällen dann auch um einiges subjektiver gefärbt, als z.B. in manchen der Industriereportagen, in denen er mehr fremde Schicksale beschreibt.

„Einfach in Wortwahl und Syntax“ bleibt Wallraff so gut wie immer, selten benutzt er hypotaktische Sätze, kommt meistens ohne komplizierte Fremdwörter oder Wendungen aus, damit der Zugang zu seiner Literatur auch für weniger gebildete Menschen gewährleistet wird.

2.2. Günter Wallraffs Literaturverständnis

Am Anfang seiner Karriere versteht sich Günter Wallraff sehr wohl als Literaturproduzent, er beginnt damit Gedicht, zu schreiben, geht dann zu seinen Recherchen in der Arbeitswelt über und bezeichnet die gewonnenen Erkenntnisse als „eine große Materialsammlung, die ich später literarisch bewältigen will“27. Tatsächlich ist in seinen frühen Werken der literarische Gestaltungswille offensichtlich: Viele Situationen gestaltet er szenisch, wenn er etwa, wie schon im vorherigen Abschnitt angedeutet, die Stadt Duisburg in Sinter Zwo, als „Ein[en] unersättlich[en] Polyp[en]“28 beschreibt, der „mit seinen Fangarmen in alle Straßen greift“. Darüber hinaus arbeitet er mit bewusst gestalteten Stimmungsbildern und Stilfiguren, hier sei nur das Beispiel „Eine Stadt aus Rauch und Ruß…“29 aus Sinter Zwo angeführt, in dem Wallraff eine Alliteration verwendet. Ursula Reinhold hat darüber hinaus auf den fabelähnlichen Kern der Reportagen hingewiesen, deren Handlungsablauf sich von der Einstellung in einem Betrieb oder der Ankunft in einer Einrichtung bis zur letztendlichen Entlassung erstrecken, wie dies auch in Der Aufmacher der Fall ist.30

In der Folge beginnt Günter Wallraff dann mehr und mehr Interesse an einer linken Literaturtheorie und -praxis zu entwickeln, er stellt sich die Frage, was seine Literatur in der Praxis bewirken kann, welche Konsequenzen sich im wirklichen Leben, in der Politik und im Betrieb daraus ergeben können. Er fordert letztendlich eine „gesellschaftlich relevante Praxis“31 der Literatur, möchte, dass seine Werke positive Konsequenzen in der Wirklichkeit hervorbringen, wie z.B. das Ende des faschistischen Regimes in Griechenland. Diese Intention will Wallraff selbst durch den Verzicht auf seine künstlerischen Möglichkeiten verwirklichen, durch bewusst nicht gestaltete Texte hofft er auf Wirkung in der Praxis, an Stelle der Ästhetik soll „so etwas wie soziale Wahrheit, wie Aufklärung treten“32. Damit versucht er deutlich zwischen Politik und Kunst zu trennen, um zu verhindern, dass seine Arbeit durch die neutralisierende Wirkung der bürgerlichen Literaturauffassung ihr Ziel verfehlt. Diese Angst Wallraffs ist durchaus zu verstehen, wenn man bedenkt, wie sehr Literatur an Wirkung verliert, je mehr sie den Schein des Fiktionalen, der mit der künstlerischen Gestaltung unweigerlich auftritt, bekommt.

Zwei Punkte bleiben im Literaturverständnis Günter Wallraffs allerdings unberücksichtigt: Zum einen spricht er nur seiner beabsichtigen Form der Literatur zu, soziale Wahrheiten zu vermitteln, die Auflistung von Fakten garantiert dies jedoch noch lange nicht. Darüber hinaus muss man Bedenken, dass fiktionale, ästhetisch gestaltete Werke wie z.B. Heinrich Bölls Die verlorene Ehre der Katharina Blum33 diese „soziale[n] Wahrheiten“ ebenfalls zu vermitteln verstehen und Kritik daran üben, somit auch Wirkung im richtigen Leben nach sich ziehen können. Der Aufmacher und Die verlorene Ehre der Katharina Blum gleichen sich eben darin, dass sie Methoden der Sensationspresse darstellen und verurteilen, Wallraff beschreibt jedoch als teilnehmender Beobachter und verbürgt sich persönlich für die Wahrhaftigkeit des Berichts, während Böll ein fiktionales Einzelschicksal erfindet und damit eine Allegorie für alle realen Opfer der Sensationspresse entwirft. Darüber hinaus liegt es sowieso im Ermessen des Lesers, in wie weit dieser den Text auf die Wirklichkeit bezieht. Der Unterschied besteht außerdem noch darin, dass Wallraff nicht (mehr) beabsichtigt, literarische Werke für die Nachwelt zu schaffen, sondern schlicht Öffentlichkeit für gesellschaftliche Problematiken herstellen möchte, während Böll ersteres sehr wohl intendiert.

[...]


1 http://www.guenter-wallraff.com/biographie.html

2 Hahn, Ulla/Töteberg, Michael: Günter Wallraff, München 1979, S. 8.

3 Ebd. S. 8.

4 Bemerkung: Wallraff kommentiert die von ihm verfassten Gedichte wie folgt: „Lyrik, von innen aufgewühlt, vor lauter Innenbewältigung die Außenwelt verschleiernd und kaum noch wahrnehmbar, um sich selbst kreisend...“, „so eine Art Seelenrülpserei, die man nur ja nicht überbewerten soll“. Quelle: Hahn, Ulla / Töteberg, Michael: Günter Wallraff. München 1979, S. 8.

5 Hahn, Ulla/Töteberg, Michael: Günter Wallraff. München 1979, S. 11.

6 Linder, Christian: Schreiben und Leben. Gespräche mit Jürgen Becker, Peter Handke, Walter Kempowski, Wolfgang Koeppen, Günter Wallraff, Dieter Wellershoff, Köln 1974, S. 110.

7 Hahn, Ulla/Töteberg, Michael: Günter Wallraff, München 1979, S. 12.

8 http://www.guenter-wallraff.com/biographie.html

9 Ebd.

10 Erläuterung: „APO = Außerparlamentarische Opposition. In der BRD gab es in den Jahren um 1968, ausgehend von der Studentenbewegung, eine außerparlamentarische Opposition. Außerparlamentarische Opposition beschreibt eine Opposition, die außerhalb des Parlaments stattfindet, weil sie entweder in den im Parlament vertretenen Parteien kein Sprachrohr hat, oder auch gar nicht haben will. Eine außerparlamentarische Opposition nutzt vor allem die durch das Grundgesetz (Artikel 5, 8 und 9) geschützte Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und das Recht zur Bildung von Vereinigungen, um ihre Forderungen öffentlich zu artikulieren. Neue politische Strömungen beginnen ihre Arbeit meist außerhalb der Parlamente und kommen etwa über die Kommunalpolitik und Länderparlamente unter Umständen bis in die Bundesregierung. Ein Beispiel für diesen Weg ist die Partei der Grünen“. Quelle: http://www.net-lexikon.de/Ausserparlamentarische-Opposition.html .

11 Linder, Christian: In Sachen Wallraff. Köln 1986, S. 28.

12 Ebd., S.21.

13 Hahn, Ulla/Töteberg, Michael: Günter Wallraff. München 1979, S. 21.

14 http://www.guenter-wallraff.com/biographie.html

15 Ebd.

16 Linder, Christian: In Sachen Wallraff. Köln 1986, S. 55.

17 Bemerkung: Die Reportage wurde 1973 in „Ihr da oben - wir da unten“ veröffentlicht.

18 http://www.guenter-wallraff.com/biographie.html

19 Ebd.

20 Erläuterung: Die Birthler-Behörde (ehemalige Gauck-Behörde), unter der Leitung von Marianne Birthler, hat die Aufgabe die Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes der Deutschen Demokratischen Republik aufzuarbeiten. Quelle: http://www.net-lexikon.de/Marianne-Birthler.html

21 http://www.guenter-wallraff.com/apmeldung11.aug..html

22 http://www.guenter-wallraff.com/rollenreportagen.html

23 Hahn, Ulla/Töteberg, Michael: Günter Wallraff. München 1979, S. 14.

24 Ebd., S. 16.

25 zitiert aus: Schweikle, Günther: Metzler-Literatur-Lexikon: Stichwörter zur Weltliteratur. Metzler, Stuttgart 1984.

26 Wallraff, Günter: Industriereportagen. Als Arbeiter in deutschen Großbetrieben. Rowohlt, Hamburg 1970, Seite 67.

27 Hahn, Ulla/Töteberg, Michael: Günter Wallraff. Beck, München 1979, Seite 40.

28 Wallraff, Günter: Industriereportagen. Als Arbeiter in deutschen Großbetrieben. Rowohlt, Hamburg 1970, Seite 67.

29 Wallraff, Günter: Industriereportagen. Als Arbeiter in deutschen Großbetrieben. Rowohlt, Hamburg 1970, Seite 67.

30 Hahn, Ulla/Töteberg, Michael: Günter Wallraff. Beck, München 1979, Seite 40.

31 Hahn, Ulla/Töteberg, Michael: Günter Wallraff. Beck, München 1979, Seite 41.

32 Hahn, Ulla/Töteberg, Michael: Günter Wallraff. Beck, München 1979, Seite 41.

33 Böll, Heinrich: Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Dtv, München 1976.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Günter Wallraffs Trilogie zur BILD-Zeitung
Untertitel
Analyse und Rezeptionsgeschichte
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar II)
Veranstaltung
Probleme der sozialistischen Literatur nach 1945
Note
2,0
Autoren
Jahr
2004
Seiten
44
Katalognummer
V26649
ISBN (eBook)
9783638289221
ISBN (Buch)
9783638702485
Dateigröße
762 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Günter, Wallraffs, Trilogie, BILD-Zeitung, Probleme, Literatur
Arbeit zitieren
M.A. Holger Hoppe (Autor)Erik Simon (Autor), 2004, Günter Wallraffs Trilogie zur BILD-Zeitung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26649

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