Hannah Arendt: Freiheit und Politik

Unter welchen Bedingungen schließen sich Politik und Freiheit aus?


Hausarbeit, 2013
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Unter welchen Bedingungen schließen sich Politik und Freiheit aus?

2. Arendts Verständnis von Politik im Sinne der Freiheit
2.1. Unterscheidung und Verbindung der Politik mit dem Politischen
2.2. Das Zentrum des Politischen – Das Handeln
2.2.1. Das politische Handeln im Gedächtnis der griechischen Polis
2.2.2. Die Bedingungen des Handelns
2.2.3. Von der Macht des öffentlichen Raumes zur Freiheit
2.3. Vom Politischen zur Politik

3. Ideologie und Terror – die Zerstörung des Politischen im Totalitarismus
3.1. Handeln nach dem Prinzip des Herstellens
3.2. Totalitäre Gesetze und Terror
3.3. Äußerer Zwang - Das eiserne Band des Terrors
3.3.1. Pluralität - Verlassenheit in der Einheit
3.3.2. Natalität – Die Exekution der totalitären Gesetze
3.3.3. Prinzip des Handelns – Präparierung der Vollstrecker und Opfer
3.4. Innerer Zwang – Der Selbstzwang der Logik
3.4.1. Spontaneität – Logisch-ideologisches Deduzieren
3.5. Freiheit als Notwendigkeit und die Zerstörung des Politischen

4. Der Wunsch nach einer Freiheit von Politik – Gefahren für das Politische heute
4.1. Politik und Kultur
4.1.1. Herrschaft statt Macht
4.1.2. Entstehung der Gesellschaft: Verschiebung des Sozialen ins Politische
4.1.3. Vom Pluralismus zum Mainstream
4.1.4. Bürokratie und die repräsentative Demokratie
4.2. Ökonomie: Die neoliberale Globalisierung
4.3. Technik: Naturwissenschaft

5. Arendts Theorie als Denkanstoß ohne konkrete Problemlösung

6. Literatur

1. Einleitung: Unter welchen Bedingungen schließen sich Politik und Freiheit aus?

„Denken ohne Geländer“ – Hannah Arendt war keine Theoretikerin, die die Dinge über Begriffsgerüste oder strenge Schemata zu verstehen versuchte. Statt der Entwicklung einer systematischen Herleitung ging es ihr darum, die Dinge selbst zum Sprechen zu bringen – besonders in ihrem Denken über das Politische (Brokmeier, 2007, S. 28). Mit ihrer Theorie des politischen Handelns sprengt sie die Geländer der bürokratischen Institutionen unserer Demokratie und legt die ihnen inhärenten Modalitäten frei. Wie viel ist geblieben von der ursprünglichen Demokratie, von der antiken Polis in der die Bürger selbst aktiv am politischen Prozess beteiligt waren und von der Freiheit selbst? In einer Neubesinnung auf die Polis und geprägt von ihrer jüdische Herkunft, den Erfahrungen des Nationalsozialismus und dem Leben im Exil stellt sie die moderne Politik in Frage und nimmt dabei ungewohnte Perspektiven ein. Was sind die Ursachen, dass die Unzufriedenheit mit den Entscheidungen der Regierung wächst, die Wahlbeteiligung sinkt und sich eine ganze Generation der Moderne in eine scheinbare Politikverdrossenheit flüchtet?

Antworten auf diese Fragen liefert, neben den zahlreichen weiteren Arbeiten Hannah Arendts, vor allem das Werk Vita Activa oder Vom tätigen Leben, im dem sie sich auf die Ursprünge der menschlichen Tätigkeiten besinnt und darstellt wie sich diese im Wandel der Geschichte bis zur Neuzeit verändert haben. Desweiten eröffnet die Zusammenstellung von Fragmenten ihres Nachlasses im Werk Was ist Politik einen Zugang zu ihrem politischen Denken in Verbindung mit den prägenden Umständen des 20. Jahrhunderts, in Gestalt des Totalitarismus und der Entwicklung der Atombombe. Auch wenn die Erfahrungen ihres Lebens nicht mehr die meiner Generation sind, ist die daraus entstandene Idee der Politik und die damit einhergehenden Deutungen des Politischen bis heute von ungebrochener Relevanz. „Der Sinn von Politik ist Freiheit“, schrieb sie einst – ein Sinn den wir in Zeiten des Friedens in Europa aus den Augen verloren haben.

Arendts phänomenologischer Ansatz greift diesen Verlust auf und macht die „Dinge sichtbar, im Sinne von verständlich, [...] die andere in diesem Moment nicht sehen“ (Hoffmann, 2005, S.28). Um unseren Sinn für das Politische und die Freiheit wieder zu schärfen, lohnt sich eine Auseinandersetzung mit dem arendtschen Verständnis von Politik, welche nicht an der Oberfläche einer scheinbaren Interpretation der modernen Demokratie im Sinne der Polis endet, sondern in die Tiefe des politischen Handelns hineinblickt. Besonders ihre Analyse des Totalitarismus macht die Fragilität des politischen Bereichs deutlich, da die ihn tragenden Elemente mit bis dato ungekannter Härte von Ideologie und Terror zerstört wurden. Es ist wohl eines der dunkelsten Kapitel unter den zahlreichen Epochen in denen Freiheit keine Realität war. Weniger die Erinnerung an die längst vergangene Polis, als vielmehr diese Vernichtung des Politischen in der totalen Herrschaft des 20. Jahrhunderts sollte uns eine Lehre sein, die aktuelle Distanz zwischen Bürgern und Politik kritisch zu betrachten. Wünschen wir uns tatsächlich eine Freiheit von Politik? In Hinblick auf die Entwicklungen innerhalb der Gesellschaft, der Wirtschaft sowie der Technik liefert Arendts Theorie des Handelns weitere Ansätze für eine aktuelle politische Auseinandersetzung. Der dargelegte Argumentationsstrang wird in dieser Arbeit ebenso verfolgt. Die zentrale Frage dabei ist: Unter welchen Bedingungen schließen sich Politik und Freiheit aus? Zunächst wird anhand der zentralen, dem Bereich des politischen zugeordneten, Begriffe ihr Verständnis von Politik erläutert. Ausgangspunkt bildet dabei ihre Theorie des politischen Handelns von welchem sich die Bedingungen der Pluralität, Natalität und Spontaneität heraus ergeben und eine Erläuterung des daraus abzuleitenden Begriffes der Macht ermöglicht. Diese Analyse der Modalität des Politischen liefert anschließend die Grundlage ihr Verständnis von Politik im Sinne der Freiheit nachzuvollziehen. Im darauf folgenden Kapitel wird an eben diesen eingeführten Begriffen die Zerstörung des Politischen, durch den äußeren und inneren Zwang des Terrors, im Totalitarismus nachgezeichnet. Abschließend wird auf Grundlage ihrer Kritik der Moderne die Veränderung unseres Verständnisses von Freiheit in der Neuzeit thematisiert und an aktuellen Beispielen gezeigt, welchen Einfluss dabei Politik, Kultur, Ökonomie und Technik haben. Wie sich zeigen wird, ermöglicht Arendts politische Theorie zwar neue Perspektiven auf das Verhältnis von Politik und Freiheit sowie auf die kritischen Entwicklungen der modernen Parteiendemokratie, die sich im Zeitalter des rasanten Wandels von ihren Bürgern zunehmend entfremdet. Ansätze, wie man diesen Problemen begegnen könnte, liefert sie allerdings nicht.

Die dargestellte Komplexität der Aufgabenstellung spiegelt sich auch in der Vielfalt des Forschungsstandes wider. Die Konzentration bei der Literaturauswahl lag auf den Grundlagen ihrer Theorie des politischen Handelns sowie der darauf basierenden Interpretation von Politik und Freiheit im Totalitarismus und der Moderne. Den Schwerpunkt bilden Werke aus den 1990er Jahren, wobei diese Themen seit der Jahrtausendwende eine erneute Renaissance erlebten, was sicherlich auch dem Gedenken anlässlich ihres 100. Geburtstags im Jahre 2006 geschuldet ist. Neben der bereits erwähnten Primärliteratur, kommen Einführungswerke, wie dem von Delbert Barley (1990) zum Einsatz. Darüber hinaus stellen sich thematisch spezialisierte Arbeiten, wie zum Thema Handeln, das Werk von Christa Schnabl (1999) sowie zum Thema Freiheit, das Buch von Manfred Reist (1990) als besonders aufschlussreich heraus. Zur Ausarbeitung des Modernitätsbezugs eignen sich Werke mit Ausblickscharakter, wie der Herausgeberband von Lothar Fritze (2008) und Arbeiten in denen das Denken Arendts auf Themen der Gegenwart angewendet wurde, wie jene von Patrick Hayden (2009).

2. Arendts Verständnis von Politik im Sinne der Freiheit

Wie bereits angekündigt, geht es zu Beginn darum Arendts Verständnis von Politik im Sinne der Freiheit nachzuzeichnen und die wesentlichen Elemente des Politischen herauszuarbeiten. Dafür muss zunächst eine Unterscheidung zwischen dem Begriff der Politik und dem Politischen vorgenommen werden.

2.1. Unterscheidung und Verbindung der Politik mit dem Politischen

Nicht die Politik sondern das Politische ist im eigentlichen Sinne zu Arendts Lebensthema avanciert (Brokmeier, 2007, S. 27). In der Politik geht es stets um das „Was“: das direkt sichtbare, die Erscheinungsformen, die uns im politischen Alltag begegnen (ebd., S. 30ff). Arendt hingegen beschäftigte sich mehr mit der Dimension, die über diese inhaltlichen Aspekte hinaus geht. Das Politische ist das „W ie“: die unsichtbare Modalität. „Entsprechend ließe sich sagen, das Politische sei die Seinsweise der Politik“ (ebd., S. 32). Die beiden Begriffe stehen in Arendts Werk ohne konkrete Differenzierung in einer so engen Wechselbeziehung zueinander, dass eine klare Unterscheidung zunächst schwierig erscheint. Folgt man allerdings dem Theorem von Maurice Merleau-Ponty[1], welches der Erläuterung Brokmeiers zugrundeliegt, wird die Notwendigkeit dieser Verknüpfung beider Bereiche deutlich: „Es ist das Unsichtbare (das Politische), das sich aus jenen Elementen zusammensetzt, die das Sichtbare (die Politik) strukturieren“ (ebd., S. 39). Eine Erläuterung ihres Begriffes der Politik zieht somit immer eine Darlegung der Wesensmerkmale des Politischen nach sich. Dies wird anhand der zentralen, dem Bereich des Politischen zugeordneten Begriffe erfolgen.

2.2. Das Zentrum des Politischen – Das Handeln

„Das Politische konstituiert sich durch ein auf der Anerkennung von Personalität und Pluralität basierendem Handeln“ (Schnabl, 1999, S. 327). In dieser Kurzformel wird deutlich, dass das Handeln eine Schlüsselposition in der Auseinandersetzung mit dem Politischen einnimmt und welches die wesentlichen Bedingungen dafür sind. Das Handeln ist gewissermaßen ein Leitmotiv in den Schriften Hannah Arendts (Popp, 2007, S. 52f). Sie bezeichnet sie gar als die „politische Tätigkeit par excellence“ (Arendt, 1960, S. 16). Ihre Idee des politischen Handeln stellt damit nicht nur eine klare Abweichung zum Denken ihres Mentors Heidegger dar, sondern steht der bisherigen philosophischen Tradition gänzlich entgegen (Barley, 1990, S. 52). Arendt sah im politischen Handeln nicht länger etwas Minderwertiges oder gar von „seiner Irrationalität“ zu Rettendes, sondern vielmehr das Wesen der Freiheit (ebd., S. 52). Die bedrängende Frage nach dem „Was ist Politik“ war für sie nur im „Kontext einer Gesamttheorie des politischen Handelns, die in den elementarsten Bedingungen menschlichen Lebens gründete“ zu bearbeiten und soll auch hier von diesem Ausgangspunkt heraus erläutert werden (ebd., S. 38; vgl. Arendt, 2005).

2.2.1. Das politische Handeln im Gedächtnis der griechischen Polis

In ihrem Buch Vita activa oder Vom tätigen Leben stellt Arendt sich die Frage „Was wir tun, wenn wir tätig sind“ und nimmt eine Unterscheidung zwischen dem politischen Handeln, dem lebensnotwendigen Arbeiten und dem instrumentellen Herstellen vor (Arendt, 1960, S. 12; Bielefeldt, 1993, S. 83). Zunächst soll das Handeln näher betrachtet werden, wobei die zwei Letzteren ebenfalls an entsprechender Stelle später zur Sprache kommen sollen. In der Zuordnung des Handelns zum Bereich des Politischen beruft sich Arendt auf Aristoteles, der diese als die einzige der Vita activa „im eigentlichen Sinne politische Tätigkeit“ ableitet (Arendt, 1960, S. 19). Im griechischen Denken, welches auch den Ursprung der abendländischen Tradition politischen Denkens für Arendt darstellt, ist die „praxis“ (griechisch für Handeln bzw. Handlung), eine um ihrer Selbstwillen erfolgende Tätigkeit, die situativ und von verschiedenen Einflüssen abhängig und demzufolge nicht vorhersehbar oder reglementierbar ist (Popp, 2007, S.53; Arendt, 2008, S.11). Nach Aristoteles ergibt sich der Zweck des Handeln aus dem Handeln und seiner Qualität selbst (Benhabib, 2006, S. 186). Arendt folgt dieser Ansicht nicht und spricht dem politischen Handeln jegliche Verfolgung von Zwecken ab, da diese, vor allem im Verständnis des alltäglichen Sprachgebrauchs, erst am Ende der Tätigkeit in die Wirklichkeit treten können (Arendt, 2005, S. 126). Das Handeln im Sinne von Vollbringen ist eng verknüpft mit dem Anfangen, auf welches später noch konkreter eingegangen wird. Durch die Initiative der Menschen und der damit einhergehende Bestätigung der Freiheit hat das Handeln den Charakter einer Geschichte und wird stetig neu entfacht, wodurch es nie enden und somit kein Zweck zu Tage treten kann (Arendt, 1994, S. 224). Kommt es zu seinem Ende ist das Politische seiner Zerstörung geweiht, wie im nächsten Kapitel näher erläutern wird. Statt Zwecküberlegungen ist der Motor des politischen Handelns das „Prinzip“ des Handelns selbst (Barley, 1990, S. 45). Arendt greift dabei auf Montesquieus Suche nach dem „Geist“ der Ländern zurück (Arendt, 1953, S. 248). Demnach entwickelt sich das Prinzip des Handelns je nach Staatsform und Zeit der Geschichte aus den verankerten Grundüberzeugungen der Menschen heraus und inspiriert diese in ihrer politischen Tätigkeit (Arendt, 1960, S. 14f). Hierin wird deutlich, dass Handeln nur in Bezug auf die Welt und mit anderen möglich ist (ebd., S. 14). Dieses „acting in concern“ (wobei sie den Begriff von Burke[2] übernommen hat) ist konstituierend für den Bereich des Politischen und realisiert zugleich das „Frei sein“, denn „[s]olang man handelt, ist man frei, nicht vorher und nicht nachher, weil Handeln und Freisein ein und dasselbe sind“ (Arendt, 1994, S. 206, S. 224). Bevor die Freiheit in ihrem Bezug zur Politik näher erläutert wird, sollen zunächst die Bedingungen des Handelns weiter erörtert werden.

2.2.2. Die Bedingungen des Handelns

Die Grundbedingungen des Handelns und damit auch der Konstitution des politisch-freiheitlichen Bereiches sind die Gleichheit in der Pluralität, sowie die allgemeinste Bedingtheit des menschlichen Lebens, welche vor allem in der Natalität und der daraus resultierenden Spontaneität zum Tragen kommt (Arendt, 1960, S. 14f).

2.2.2.1. Der Mensch - Gleichheit in Pluralität

Die Notwendigkeit der Pluralität ergibt sich bei Arendt bereits aus ihrer Vorstellung über das Leben der Menschen: „Für Menschen heißt Leben [...] so viel wie ‚unter Menschen weilen‘“ (Arendt, 1960, S. 15). Im Gegensatz zur antiken Philosophie gab es für sie den Menschen niemals im Singular, da „ihre Gesamtexistenz daran hängt, daß es immer auch andere gibt, die ihres gleichen sind“ (Arendt, 1994, S. 214). Pluralität ist geprägt durch den Dualismus von Gleichheit und Verschiedenheit (Arendt, 1960, S. 164). Die Gleichheit der Menschen beruht dabei auf dem ihnen gemeinsamen „Menschsein“, welches sich erst im Zusammenleben realisiert (Schnabl, 1999, S. 156f). Gleichheit versteht Arendt jedoch nicht im Sinn von Egalitär, sondern als eine „Befreiung von Herrschaft und Beherrschtwerden“ (Barley, 1990, S. 93). Ohne Gleichheit gäbe es nach Arendt keine Verständigung über das Leben oder die Welt – andersherum gäbe es ohne Verschiedenheit auch keinen Bedarf am Handeln oder der Sprache um sich zu verständigen (Arendt, 1960, S. 164). Die Verschiedenheit der Menschen basiert auf dem Fakt, dass keiner dem anderen gleicht (ebd., S. 15). Dafür ursächlich ist die Natalität, dass heißt die Gebürtlichkeit des Menschen, die bewirkt, dass es nicht nur den einen Menschen, sondern die vielen voneinander Verschiedenen im Verlauf der Generationen gibt. Diese Verschiedenheit konkretisiert sich in einer Einzigartigkeit des Menschen, da es nur ihm eigen ist, diese „aktiv [durch das Handeln und Sprechen] zum Ausdruck zu bringen“ (ebd., S. 165). Die Menschen unterschieden sich im Handeln und Sprechen und sind sich dabei gleichzeitig ähnlich. Arendt stellt diesbezüglich die Sprache als für das Handeln konstitutiv heraus (Schnabl, 1999, S. 160). Zum einen dient sie der Identifikation der handelnden Personen, als auch der Etablierung neuer Beziehungen. Das Handeln, als die einzige politische Tätigkeit, und die Sprache bilden im Bereich des Politischen somit einen untrennbaren „Doppelbegriff“ (ebd., S. 159ff), „denn Menschen sind nur darum zur Politik begabte Wesen, weil sie mit Sprache begabte Wesen sind“ (Arendt, 1960, S. 12). In diesem Zusammenhang ergibt sich eine Grundstruktur des Politischen: Erst durch das Handeln und Sprechen „offenbaren die vielen Personen einander als Jemand und konstituieren dadurch den Erscheinungsraum des Politischen“ (Schnabl, 1999, S. 327f).

2.2.2.2. Die allgemeinste Bedingtheit des menschlichen Lebens

Für Arendt ist Natalität „the inspiration“ und beeinflusst sie in der Erarbeitung des Politischen maßgeblich (Moore, 1987, S. 135). Die politische Tätigkeit des Handelns ist, ebenso wie die Pluralität, durch die Bedingtheit des menschlichen Lebens bestimmt (Reist, 1990, S. 239), „daß es nämlich durch Geburt zur Welt kommt und durch Tod aus ihr wieder verschwindet“ (Arendt, 1960, S. 15). Natalität ist nicht nur die entscheidende Voraussetzung für das menschliche Dasein sondern auch „jene existenzielle Bedingung bzw. ‚Tatsache‘, die es dem Menschen ermöglicht, Neues zu beginnen“ und Erfahrungen zu machen (Reist, 1990, S. 239; Marchart, 2011, S. 299; Schell, 2002, S. 465). In der Erfahrung der Natalität des „Anfangenhabens“– dem initium – liegt somit auch das Potenzial des „Anfangenkönnens“ – das principium – welches, wie später noch deutlich wird, eine Grundlage der Freiheit ist (Bowen Moore, 1987, S. 138; Arendt, 1994, S. 224). Nicht nur im Handeln, auch in den geistigen Aktivitäten ist Natalität begründet: im Denken, welches immer wieder auftaucht um zu verwirren - im Wollen, welches das Können neu initiiert - und im Urteilen, welches die Brücke zwischen Denken und Handeln bildet. Mittels Sprechen tritt das Denken in Form eines Urteils als initiativer Impuls in die Wirklichkeit des Handelns (ebd., S. 146). Über ihr zwiespältiges Verhältnis zum Wollen wird im nächsten Abschnitt noch die Rede sein.

2.2.2.3. Natalität als Ursprung der Spontaneität

Keine menschliche Tätigkeit steht in solch einer engen Wechselbeziehung zur Natalität, wie das Handeln. Es ist selbst stets auf das Nachströmen neuer Anfänge angewiesen. Die ursprüngliche Gebürtlichkeit des Einzelnen erweitert sich somit zu einer Spontaneität des gemeinsamen Handelns, im Sinne menschlicher Handlungsfähigkeit (Arendt, 1994, S. 224; Reist, 1990, S. 264). Dabei beruft sich Arendt auf Kant, demnach Spontaneität die Fähigkeit eines jeden Menschen ist „eine Reihe von sich selbst her neu anzufangen“ (Arendt, 2005, S. 49). Durch die Spontaneität der „Neuankömmlinge“ wird die Festlegung der Zukunft zum Unmöglichen (ebd., S. 50). Durch Handeln und Sprechen bestätigen die Menschen ihre Gebürtlichkeit und fügen sich immer wieder neu in die Pluralität der Welt ein (Moore, 1987, S. 141). Handeln ist somit kein monoton-endloser Prozess, sondern bewirkt im Gegenteil die Unterbrechung des automatischen alltäglichen Ablaufs und schafft Epochen (Reist, 1990, S. 238). Im Zusammenhang mit der Mortalität - dem Sterben der Menschen - spiegelt sich allerdings gleichzeitig auch der geschichtliche Charakter des Handelns wider, da es durch das inhärente „Anfangenkönnen“ die Kontinuität der Generationen sichert (Arendt, 1960, S. 15). Arendt fasst die Verknüpfung von Handeln und „etwas Neues Anfangen“ können schließlich so eng, dass sie beide zueinander gleich setzt (ebd., S. 15f, S. 166).

[...]


[1] Merleau-Ponty, Maurice, 1994: Lefort, Claude (Hrsg.), Das Sichtbare und das Unsichtbare, in: Grathoff, Richard/Waldenfels, Bernhard (Hrsg.), Übergänge Band 13. München.

[2] Burke, Edmund, 1976: Hill, Brian W. (Hrsg.), On Government, Politics and Society. New York, S. 75-199.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Hannah Arendt: Freiheit und Politik
Untertitel
Unter welchen Bedingungen schließen sich Politik und Freiheit aus?
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar Einführung in die Politische Theorie und Ideengeschichte
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
26
Katalognummer
V266912
ISBN (eBook)
9783656575900
ISBN (Buch)
9783656575894
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politikwissenschaft, Hannah Arendt, politische Freiheit, Politik, Freiheit, Politiktheorie, Ideologie
Arbeit zitieren
Lisa Fritsche (Autor), 2013, Hannah Arendt: Freiheit und Politik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266912

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