Die Digitalisierung des Kinofilms

Über die Konversion vom Filmaterial zu digitalen Bildern


Seminararbeit, 2013

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Über das Dispositiv des Kinofilms..

2. Von der analogen zur digitalen Kino-Produktion
2.1 Traditionelle Produktionstechniken
2.2 Die Einführung der Digitaltechnik
2.3 Vergleich der Aufnahmemedien Film und Digital

3. Bedeutung der Digitalisierung für den Kinofilm
3.1 Ästhetik
3.2 Narration
3.3 Ökonomie

4. Die Zukunft des Films in der digitalen Welt.

Literaturverzeichnis

1. Über das Dispositiv des Kinofilms

Um den Übergang von der traditionellen Filmproduktion zu vollständig digital hergestellten und präsentierten Spielfilmen in all seinen Facetten erläutern und diskutieren zu können ist es hilfreich, den Kinofilm als eigenes Dispositiv zu betrachten. Der Dispositivbegriff nach Foucault wird dabei gewählt, um den interdependenten Systemcharakter der zahlreichen inhomogenen Faktoren der Kinoproduktion hervorzuheben.

Tatsächlich ist die Produktion eines Spielfilms das Zusammenspiel kreativer, technischer, sozialer, rechtlicher und ökonomischer Aspekte, die sich gegenseitig beeinflussen.[1]

In dieser Arbeit soll die Entwicklungsgeschichte der Aufnahmetechnik und ihr Einfluss auf die Ästhetik im Mittelpunkt stehen, hier ist eine direkte Vernetzung im Sinne des Dispositivbegriffs ersichtlich. Oft haben Filmkünstler eine bestimmte Vision, zu deren Umsetzung sie begeistert Geräte aus anderen Fachbereichen adaptieren oder gezielt an der Entwicklung neuer Technik mitwirken. Prominente Beispiele hierfür sind Stanley Kubrick, der für sein Epos Barry Lyndon (GB, 1975) hochlichtstarke, für die NASA hergestellte Objektive nutzte, um bei Kerzenlicht drehen zu können oder George Lucas, der unter anderem mit der Star-Wars -Saga die Entwicklung digitaler Ton- und Filmsysteme vorantrieb.

Andererseits wartet auch die Industrie mit technischen Neuerungen auf, die von Regisseuren und Produzenten mit offenen Armen empfangen werden und die Filmästhetik erweitern. Man denke nur an Alfred Hitchcocks Vertigo (USA, 1958), in dem die Brennweitenverstellung des neu eingeführten Zoom-Objektivs so mit einer Kamerafahrt kombiniert wurde, dass sich bei gleichbleibendem Abbildungsmaßstab des Vordergrundes die Raumwirkung des Turms dramatisch veränderte.[2]

Es werden also zunächst technische Grundlagen und die Geschichte der Spielfilmproduktion mit traditionellen Mitteln dargelegt, um im Folgenden die konsekutive Digitalisierung der Filmindustrie darzustellen. Im Anschluss werden die neuen Möglichkeiten und Veränderungen der Kinoästhetik und der Narration von Spielfilmen erläutert. Nach einem kurzen Abriss der ökonomischen Seite der Digitalisierung endet der Text mit einer Einschätzung der Zukunft klassischen Filmmaterials in Hollywood-Produktionen.

2. Von der analogen zur digitalen Kino-Produktion

2.1 Traditionelle Produktionstechniken

Die Geschichte der Filmtechnik ist – wie auch im Bezug auf die technischen Grundlagen – eng mit jener der Fotografie verwandt. Es dauerte rund 50 Jahre, bis die chemischen Bilder das Laufen lernten. So mussten zunächst zwei entscheidende Entwicklungen stattfinden, um den Grundstein für erste Filmsequenzen zu legen. Erstens musste das Filmmaterial empfindlich genug werden, um bei korrekter Belichtung mit Frequenzen von 15 Bildern pro Sekunde flüssige Bilder zu ermöglichen; statt der somit erforderlichen Verschlusszeit im Millisekundenbereich mussten die Fotografen des 19. Jahrhunderts normalerweise Minuten bis Stunden belichten.[3] Zweitens war die Praxis der Plattenfotografie, bei der nach jeder Aufnahme die Filmkassette gewechselt werden musste für Filmaufnahmen vollkommen ungeeignet.

Erst mit der Erfindung flexibler Bildträger auf Nitrozellulosebasis im Jahre 1888 und der Einführung des Rollfilms durch George H. Goodwin war das Rohmaterial für sequenzielle Bilder vorhanden.[4] Ebenfalls war es zu der Zeit möglich geworden, durch verfeinerte Entwicklungsprozesse wesentlich höhere Filmempfindlichkeiten zu erzielen und mit Fixierbädern haltbare Negative zu erhalten.[5] Das Aufnahmematerial stand dem Film somit nicht mehr im Wege.

Bereits 1891 stellte Thomas A. Edison sowohl ein Aufnahme- als auch ein Wiedergabegerät für Bewegtbilder vor, letzteres war allerdings noch nicht für die Kollektivrezeption geeignet. Zur Kontrolle des Bildstandes nutzte Edison Perforationslöcher im Filmmaterial, eine Methode, die noch heute bei Aufnahmen auf fotochemisches Material genutzt wird.[6]

Die Grundlage des Kinos, die öffentliche Projektion, wurde durch den Cinematograph der Brüder Lumière geschaffen, der sowohl als Kamera als auch als Projektor genutzt werden konnte. Seine erste öffentliche Vorführung Ende 1895 gilt „heute als Geburtsstunde des Mediums Film“[7].

Doch nicht nur Filmaufnahmen von real dargestellten Handlungen wurden erstellt; 1907 erschien der erste stop-motion -Animationsfilm, der damit eine Parallelströmung zum live-action -Spielfilm[8] begründete.[9]

1909 wurde schließlich das 35-mm-Format zum Standardmaterial der Filmindustrie.[10] Dies ist auch im Hinblick auf die Geschichte des Standbildes interessant, da diese Filmgröße mit beidseitiger Perforation unabhängig von der Fotografie eigens für Bewegtbilder entwickelt wurde, ab den 1920er Jahren durch Oscar Barnacks Kleinbild-Leica jedoch auch zum beliebtesten und verbreitetsten Filmformat der Fotografie bis zum Durchbruch der Digitaltechnik werden sollte.

Zwei Jahre später, im Jahre 1911, siedelte sich das erste Filmstudio in Hollywood an, weitere folgten binnen weniger Jahre. Neben der Produktion von Filmen sicherten sich die Studios auch das Monopol über den Vertrieb sowie Patente für Aufnahme- und Produktionsgeräte. Diese Vormachtstellung konnte erst 1919 durch den Zusammenschluss von Künstlern zu United Artists gebrochen werden.[11]

Die erste große Neuerung nach der Erfindung des Films sollte der Übergang zu audiovisuellen Vorstellungen werden. Bis Ende der 1920er Jahre wurden Spielfilme von „Orchestern oder Orgelspielern begleitet“[12]. Obwohl Thomas Edison bereits vor seinem Kinematographen ein Verfahren erfand, dass Schall durch Inskription mit einer Nadel in eine Wachsrolle speichern konnte, sollte es 50 Jahre dauern, bis der erste vertonte Langfilm der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Doch gab es bei diesen Vorführungen wiederholt Probleme, die Projektion mit der Schallplatte zu synchronisieren, so dass Tonfilme mit getrennten Wiedergabemedien nicht zum Standard avancierten.[13]

Erfolgsversprechender war die Technik des Lichttons, bei dem die Tonspuren neben den Bildern in die Vorführkopie einbelichtet werden. Dabei ist der Ton allerdings nicht synchron zu dem Bildfenster neben dem er auf dem Film erscheint, sondern um 21 Frames versetzt. Dies ist nötig um den Ton kontinuierlich auslesen zu können, während der Film für die visuelle Projektion bei jedem Bildfenster kurzzeitig gestoppt werden muss. Die Aufnahme erfolgte entweder mit speziellen Lichttonkameras oder getrennt auf magnetische Speichermedien, die beim Schnitt mit dem Bildmaterial zusammengeführt wurden.[14]

Bereits früh wurde im Kino mit Farbe gearbeitet, meist wurden die Filme Bild für Bild von Hand koloriert. Eine andere Methode war das sogenannte tinting and toning, bei dem zunächst der gesamte Negativstreifen in einem Farbbad eingefärbt wurde (tinting), dessen Farbton meist auf die darzustellende Tageszeit abgestimmt war. Beim toning wurden schließlich in einem chemischen Prozess gezielt die vom Silber geschwärzten Bereiche des Films mit Farbe versehen, so dass die Lichter in der Projektion eine andere Farbanmutung hatten als die Schatten. Allerdings minderte dieses Verfahren den für den Lichtton wichtigen Kontrast, da es nicht auf die Bildfenster begrenzt werden konnte.[15]

1935, also ungefähr zur gleichen Zeit als in der Fotografie mit dem Kodachrome-Diamaterial die ersten Farbfilme erhältlich waren, kamen die ersten Technicolor-Spielfilme in die Kinos. Bei dem Farbverfahren unter dem noch heute weltbekannten Namen wurde das durch das Objektiv in die Kamera einfallende Licht mittels Prismen auf drei verschiedene Filmstreifen umgelenkt, von denen je einer rot-, blau- und grünempfindlich war. Die drei Farben wurden später zur Vorführung übereinander kopiert. Durch die komplizierte Technik und den verdreifachten Filmbedarf war Technicolor allerdings teuer, zudem musste der Lichtverlust des optischen Systems durch stärkere Beleuchtungsanlagen ausgeglichen werden.[16]

Erst mit der Konfektionierung von Kodachrome-Material für Film-produktionen und der im Zweiten Weltkrieg von Agfa erbeuteten Patente für die Einbettung von Farbkupplern im Aufnahmematerial, standen echte panchromatische Farbfilme für Kinoproduktionen zur Verfügung.[17]

Doch die Neuerungen beim Filmmaterial begrenzten sich nicht nur auf die Wiedergabe von Farbtönen. Durch immer empfindlicheres Schwarz-Weiß-Material konnte insbesondere in Verbindung mit Weitwinkelobjektiven der Schärferaum durch Abblenden enorm vergrößert werden.[18]

Auch die Objektive selbst wurden ständig verbessert und weiterentwickelt. Neben Linsenvergütungen, mit denen der Lichtverlust durch die Glasflächen selbst minimiert werden konnten kamen Anfang der 1930er Jahre auch die ersten Objektive variabler Brennweite auf den Markt. Die ersten Zoomobjektive waren allerdings aufwändig in der Bedienung, so dass sie sich erst ab den 1960er Jahren durch kompaktere und lichtstärkere Rechnungen, beispielsweise von der französischen Firma Angénieux, durchsetzen konnten.[19]

Doch nicht nur auf Aufnahmeseite wurde viel experimentiert. Auch bei der Projektion gab es immer wieder Neuerungen. Das Hauptanliegen war hier, eine möglichst große Fläche bei guter Qualität ausleuchten zu können.

Erste Ansätze hierzu waren Magnascope und Polyvision. Letztere nutzte die Bilder seitlich versetzter und synchronisierter Kameras, die mit parallel aufgebauten Projektoren ein starkes Breitbild vorführen konnten. Paramounts Magnascope hingegen nutzte bei der Projektion ein spezielles Objektiv, mit dem die Fläche der Leinwand vervierfacht werden konnte.[20]

Als Nachfahre von Polyvision kann das 1953 eingeführte Cinerama gegolten werden. Das Herzstück dieser Technik war eine konkave Leinwand, die dem Zuschauer einen horizontalen Blickwinkel von 146° bot. Um diese Leinwand nutzen zu können mussten Cinerama -Filme mit drei zueinander verdrehten Kameras gefilmt werden. Durch die aufwändige Technik fand Cinerama allerdings nur wenig Anwendung und wurde nach zehn Jahren zugunsten einfacherer Formate aufgegeben.[21]

Genau ein Jahr später wurde CinemaScope vorgestellt, bei dem das Filmbild horizontal gestaucht wurde, um weiterhin mit einem einzelnen Filmstreifen arbeiten zu können. Das anamorphotische Verfahren wurde 1958 als Panavision verfeinert und schließlich zum Industriestandard.[22]

Durch größere Projektionsflächen wurde neben dem 35-mm-Format auch auf Filmbreiten von 65mm oder 70 mm experimentiert; für IMAX-Filme (Bildfenster 71 x 51 mm2 ) wurde der Film sogar horizontal durch die Kamera geführt.[23] Allerdings konnten sich die großen Formate wegen der für sie erforderlichen Umrüstung von Kinosälen nicht durchsetzen.[24]

Mit den Breitformaten erlangte auch der Ton zusätzliche Bedeutung. CinemaScope griff bei der Projektion auf Magnetbandtechnik zurück, um bis zu sechs Tonspuren nutzen zu können. Dadurch wurden erste Surround -Effekte erzielt und die Immersion der Zuschauer gesteigert. Doch auch bei Lichtton waren ab den 1970er Jahren vier Kanäle Standard.[25]

[...]


[1] Vgl. Foucault (1978, S. 119 f.).

[2] Vgl. Movie College.

[3] Vgl. Walter (2005, S. 9).

[4] Vgl. Schmidt (2008, S. 12); vgl. Walter (2005, S. 11).

[5] Vgl. Schmidt (2008, S. 12, S. 25 f.).

[6] Vgl. ebd. (S. 12, S. 30 f.).

[7] Ebd. (S. 13).

[8] In Anlehnung an Christian Metz bezeichnet Lev Manovich Filme, welche real gespielte Szenen durch automatisierte Aufnahmemedien wiedergeben, als live-action. Dieser Begriff wird im Folgenden zur Abgrenzung des Spielfilms zu Animationen genutzt (vgl. Manovich (2010, S. 245).

[9] Vgl. Schmidt (2008, S. 13).

[10] Vgl. Schmidt (2008, S. 14).

[11] Vgl. ebd.

[12] Belton (1998, S. 236).

[13] Vgl. Schmidt (2008, S. 14 f.).

[14] Vgl. Schmidt (2008, S. 15; S. 86 ff.).

[15] Vgl. Belton (1998, S. 237 f.).

[16] Vgl. ebd. (S. 237 ff.); Schmidt (2008, S. 16).

[17] Vgl. Schmidt (2008, S. 16).

[18] Vgl. Belton (1998, S. 238 f.).

[19] Vgl. Belton (1998, S. 238).

[20] Vgl. ebd. (S. 236).

[21] Vgl. ebd. (S. 241).

[22] Vgl. ebd. (S. 241 f.).

[23] Vgl. Schmidt (2008, S. 29 - 34).

[24] Vgl. Slansky (2008, S. 63).

[25] Vgl. Schmidt (2008, S. 17).

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Digitalisierung des Kinofilms
Untertitel
Über die Konversion vom Filmaterial zu digitalen Bildern
Hochschule
Universität Regensburg
Veranstaltung
From Big Screen to Mobile Screen
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
24
Katalognummer
V267200
ISBN (eBook)
9783656573050
ISBN (Buch)
9783656573012
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Filmwissenschaft, Film, Kino
Arbeit zitieren
Jan Tröschel (Autor), 2013, Die Digitalisierung des Kinofilms, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267200

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