Der Wandel der Friedenssicherung der Vereinten Nationen nach dem Ende des Kalten Krieges – eine theoretische Betrachtung der Ursachen

Welche Ansätze bieten Neorealismus, Neoliberalismus und der Konstruktivismus um den Wandel zu erklären?


Hausarbeit, 2010

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Veränderungen der Peacekeeping-Missionen der VN

3. Mögliche Erklärungsvariablen
3.1. Gestiegene Handlungsfähigkeit
3.2. Wandel des Kriegsbildes
3.3. Reformulierung zentraler Leitbegriffe und Aufgabenbereiche

4. Abwägung der theoretischen Betrachtungen
4.1. Neorealismus
4.2. Neoliberalismus
4.3. Struktureller Konstruktivismus

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Organisation der Vereinten Nationen (VN) gegründet, mit dem Ziel, den Weltfrieden zu sichern und internationale Sicherheit zu gewährleisten.[1] Durch den Kalten Krieg war die Weltorganisation allerdings in ihrer Kernaufgabe, der Friedenssicherung, handlungsunfähig,[2] da die Blockade der beiden Supermächte im Sicherheitsrat ambitionierte Friedenssicherung verhinderte. Die Vereinten Nationen beschränkten sich gezwungener Maßen auf die bloße Konfliktberuhigung.[3] Mit dem Ende des Kalten Krieges kam es zu einer Zäsur im Bereich der Friedenssicherung (engl. peacekeeping) und zu einem erheblichen Wandel der Friedensoperationen.[4] Nun sollte langfristiger Frieden erreicht werden, indem auch die Konfliktursachen beseitigt werden.[5] Dieser Bruch in der Geschichte des ͣpeacekeeping“ hatte langfristige Folgen, denn durch die inhaltliche Ausweitung ihrer Missionen ergaben sich für die VN vollkommen neuen Aufgaben.[6]

Das Ziel dieser Forschungsarbeit ist daher, die Ursachen des für die VN sehr folgenreichen Wandels zu untersuchen. Ausgangspunkt bildet eine Reflexion über die Theorien der Internationalen Beziehungen, da diese helfen, das Denken zu disziplinieren und sich auf bestimmte Annahmen über die Rolle der Vereinten Nationen und über die Ursachen des Wandels festzulegen.[7] Da das Forschungsgebiet der Internationalen Theorien sehr weitläufig ist, beschränkt sich diese Arbeit auf die Position der Neorealisten, Neoliberalisten und Konstruktivisten. Denn die Debatte zwischen diesen drei Einstellungen erwies sich ͣ*͙+ für die Entwicklung der Theorien internationaler Beziehungen als besonders relevant“[8]. Aus den vorhergegangenen Überlegungen ergibt sich folgende Fragestellung:

Welche Ansätze bieten Neorealismus, Neoliberalismus und der Konstruktivismus um den Wandel der Friedenssicherung der Vereinten Nationen nach dem Ende des Kalten Krieges zu erklären?

Insgesamt gliedert sich die Vorgehensweise dieser Arbeit in vier Teile:

In einem ersten Schritt werden die Veränderungen der Friedensmissionen der Vereinten Nationen dargestellt und so ein Überblick über den umfassenden Wandel der Friedenseinsätze der VN geboten. Im zweiten Teil werden potentielle Ursachen für diese Entwicklungen erläutert. Genauer eingegangen wird dabei auf die gewachsene Handlungsfähigkeit der VN, die Rolle der ͣneuen Kriege“, sowie das veränderte Verständnis von Friedenssicherung als Erklärungsvariablen. Im Anschluss werden diese im dritten Teil anhand der Theorien analysiert. Abschließend werden im vierten Teil die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und ein Fazit gezogen, in dessen Rahmen auf die Möglichkeit des ͣOrganizational Learning“[9] als Möglichkeit der reflektierten Veränderung einer Organisation eingegangen wird.

Die Vereinten Nationen sind inzwischen ein gründlich erforschtes Feld, und dennoch entstehen immer neue Publikationen, die sich mit der Weltorganisation auseinandersetzen, denn als ͣmoving target“ befindet sie sich stets im Wandel, so dass Wissen neu bewertet werden muss.[10]

Eine umfangreiche Gesamtdarstellung der Vereinten Nationen einschließlich der Entwicklung des ͣpeacekeeping“ liefern Sven B. Gareis und Johannes Varwick (2006) in ͣDie Vereinten Nationen - Aufgaben, Instrumente und Reformen“. Der Wandel der Friedensmissionen wird in Marie-Luise Pörtners ͣUN Peace-building - Anspruch und Wirklichkeit am Beispiel Mosambiks“ (2000) und ͣDie Friedensmissionen der vereinten Nationen - Ein Sicherheitskonzept im Wandel“ von Francisca Landshuter (2007) dargestellt. Während Francisca Landshuter sich genauer mit dem Konzept der Friedensmissionen auseinandersetzt und dessen Entwicklungen betrachtet, untersucht Marie-Luise Pörtner wie der nach dem Kalten Krieg entstandene Anspruch der Friedenskonsolidierung umgesetzt wurde.

Da zu den jeweiligen Theorien selbst zahlreiche Publikationen vorhanden sind, bezieht sich diese Arbeit auf die Autoren, die diese Theorien begründet haben. Namhaft Kenneth Waltz als Begründer des Neorealismus und sein Werk ͣTheory of International Politics“ (1978), Robert O. Keohane als Vertreter des Neoliberalismus in ͣInternational Institutions and State Power“ (1989) und letztendlich lexander Wendts ͣAnarchy is what states make of it: the social construction of power politics“ (1992) für die Position des strukturellen Konstruktivismus.

Für die Theorie des ͣOrganizational Learning“ nimmt diese Arbeit Bezug auf Susanna P. Campell, die in ihrem Forschungspapier ͣOrganizational Learning: the gateway to peacebuilding success?“ (2007) das ͣOrganizational Learning“ als Möglichkeit darstellt, den Einfluss von Peacekeeping auf Friedenskonsolidierung zu verbessern. Benner, Mergenthaler und Rotmann zeigen in ͣOrganizational Learning in the UN Peace operations Bureaucracy“, wie der Ansatz des ͣOrganizational Learning“, der sich bisher hauptsächlich mit Institutionen des privaten Sektors beschäftigte, angepasst werden muss, um auf Lernen in internationalen Organisationen angewandt werden zu können. Sie entwickeln auch eine Operationalisierung, um ͣOrganizational Learning“ erfassen zu können. Mit Hilfe dieser Operationalisierung zu untersuchen, ob der Wandel der Friedensmissionen auf ͣOrganizational Learning“ zurückgeht, kann eine Grundlage für weitere Forschung in diese Richtung bieten, überschreitet jedoch den Rahmen dieser Seminararbeit.

Die Arbeitsweise der Seminararbeit ist hermeneutisch-interpretierend und liefert keine abschließende Erklärung über die Ursachen der Veränderungen des ͣpeacekeeping“ der Vereinten Nationen. Stattdessen soll aufgezeigt werden, wie sehr sich je nach theoretischer Grundlage die Sichtweisen auf Friedensschaffung und -sicherung unterscheiden. Dies ist insofern von Bedeutung, da auch die Akteure der internationalen Organisation selbst unterschiedliche theoretische Positionen vertreten und die Handlungsweisen und Maßnahmen, die zur Friedenssicherung ausgeübt werden, von diesen abhängen.[11]

2. Die Veränderungen der Peacekeeping-Missionen der VN

In diesem Kapitel wird definiert, was unter der Bezeichnung der Friedenssicherungseinsätze der Vereinten Nationen zu verstehen ist. Anschließend wird die inhaltliche Weiterentwicklung dieses Konzeptes der VN nachgezeichnet, um den Umbruch der Friedenssicherungseinsätze nach dem Ende des Kalten Krieges deutlich zu machen. Es ist nicht genau festgelegt, was unter dem Begriff Friedensmission oder friedenserhaltende Mission (engl. peacekeeping-mission) gefasst wird, denn in der Charta der VN kommt dieser Begriff nicht vor.[12] Meist werden die Maßnahmen der Friedenssicherung als das inoffizielle Kapitel ͣsechseinhalb“ bezeichnet, da sie sich weder dem Kapitel VI (der friedlichen Beilegung von Konflikten durch Schlichtung und Diplomatie) noch dem Kapitel VII der Charta (Zwangsmaßnahmen) zuordnen lassen.[13]

Seit ͣ n genda for Peace“[14] wird die Friedenssicherung in präventive Diplomatie (preventive diplomacy), Friedenschaffung (peacemaking), Friedenssicherung (peacekeeping) und Friedenskonsolidierung (peacebuilding) eingeteilt.[15] Daraus ergeben sich unterschiedliche Zuständigkeiten, beispielsweise unterstehen ͣpeacebuilding“-Einsätze der Generalversammlung, anders als die Friedenssicherungseinsätze, die in den Zuständigkeitsbereich des Sicherheitsrates fallen.[16] In dieser Arbeit sollen unter Friedenssicherungseinsätzen alle Einsätze der Vereinten Nationen verstanden werden, die als Ziel die (Wieder-) Herstellung von Frieden und Sicherheit in einem von Konflikt geprägten Gebiet haben, unabhängig davon, welchen Teil der Friedenssicherung sie übernehmen.

Im Folgenden wird eine inhaltliche Unterteilung der Einsätze in Generationen vorgenommen, bei der jegliche Erklärungsversuche für die genannten Veränderungen ausgeklammert werden. Es soll nur dargestellt werden, welche Aufgabenschwerpunkte die jeweilige Art der Einsätze kennzeichnen. Erste Generation - Traditionelles Peacekeeping Die erste Friedensmission der VN fand 1948 statt (UNTSO). Um die Grenzen von Israel zu sichern wurden multinationale Truppen eingesetzt, und damit die Idee der Friedenssicherung vom Völkerbund übernommen.[17] Ein weiterer prägender Einsatz war UNEF I (1956 - 1967), in dem der Frieden zwischen Israel und Ägypten gesichert werden sollte.[18] Im Zusammenhang mit diesem Einsatz erarbeitete der damalige Generalsekretär Dag Hammarskjöld den ͣPrototyp für weitere Einsätze“.[19] Diese waren: Unparteilichkeit, Waffeneinsatz nur zur Selbstverteidigung, Verantwortlichkeit der Vereinten Nationen und Konsens der Konfliktparteien. Daher fanden die Einsätze nur nach Zustimmung der Konfliktparteien statt. Diese legten im Rahmen eines Friedensvertrages oder Waffenstillstandes auch die Form der Friedenssicherung durch die VN fest.[20]

Zweite Generation - Friedenskonsolidierungsmaßnahmen

Die zweite Generation nach dem Ende des Kalten Krieges bildet den Übergang von traditionellem zu multidimensionalem Peacekeeping.[21] Dieses wird charakterisiert durch neue Konzepte für die Friedenssicherung und die Ausrichtung auf Konfliktlösung. Wie dies erreicht werden sollte hielt der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen Boutros Boutros-Ghali in ͣ n genda for Peace“ (1992) fest. Durch vielfältige und verschiedene ͣMaßnahmen zur Bestimmung und Förderung von Strukturen, die geeignet sind, den Frieden zu festigen und zu konsolidieren“[22] sollte das Wiederaufleben eines Konflikts verhindert werden. Dafür war es erforderlich, auch nicht-militärische Aufgaben zu übernehmen.[23] Dazu gehörten unter anderem: Demobilisierung und Entwaffnung, Reform von Militär, Polizei und Justiz, Minenräumung, Flüchtlingsrückführung und -reintegration, Koordinierung humanitärer Hilfe, Organisation und Beobachtung von Wahlen, Stärkung staatlicher Institutionen, Wiederaufbau der Infrastruktur oder Förderung wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung.“[24]

Dritte Generation - Robustes Mandat

Mit dem Robusten Mandat ermächtigte der Sicherheitsrat die Einsatzleitung nach Kapitel VII der UN-Charta, als letztes Mittel auch militärische Gewalt anzuwenden. Der Grundsatz, dass Gewalt nur zur Selbstverteidigung angewandt werden darf, wurde aufgegeben. Wichtig ist, dass das Robuste Mandat keine Maßnahme des ͣpeace enforcement“ darstellt, da die Grundsätze des traditionellen weiterhin gültig bleiben. [25]

[...]


[1] vgl. unric online o.J. a: http://www.unric.org/de/frieden-und-sicherheit

[2] vgl. Gareis/Varwick 2006: 29

[3] vgl. ebd.: 126

[4] vgl. unric online o.J. b: http://www.unric.org/html/german/pkpngfaq/q4.htm

[5] vgl. Pörtner 2000: 16

[6] vgl. Gareis/Varwick 2002: 120

[7] vgl. Barnett/Finnemore 2007: 42

[8] vgl. Schörnig 2006: 86

[9] Organizational Learning“ bezeichnet die Annahme, dass Organisationen sich verbessern können durch einen Prozess, bei dem sie ihre Handlungsweisen kritisch betrachten und sich über ihre Erfahrungen Wissen aneignen. Wichtig ist, dass dieser Prozess auch zu der Entwicklung und Implementation neuer Regeln und Routinen für das Handeln der Organisation führt. Vgl. Benner/Mergenthaler/Rotmann 2007: 9

[10] vgl. Fröhlich 2008: 10

[11] vgl. Campell 2008: 3

[12] vgl. UN online 2010: http://www.un.org/en/peacekeeping/

[13] vgl. ebd.

[14] In ͣ n genda For Peace“ entwickelte der damalige Generalsekretär Boutros Boutros Ghali verschiedene Reformvorschläge für die Friedenssicherung der Vereinten Nationen. Vgl. Landshuter 2007: 51

[15] vgl. Gareis/Varwick 2006: 120

[16] vgl. Landshuter 2007: 2

[17] vgl. ebd.: 52

[18] vgl. ebd.

[19] Gareis/Varwick 2006: 124

[20] vgl.ebd.

[21] vgl. unric online o.A. o.J. (3)

[22] Boutros-Ghali 1995: 7

[23] vgl. Landshuter 2007: 57

[24] Pörtner 2000: 4

[25] vgl. Landshuter 2007: 59

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der Wandel der Friedenssicherung der Vereinten Nationen nach dem Ende des Kalten Krieges – eine theoretische Betrachtung der Ursachen
Untertitel
Welche Ansätze bieten Neorealismus, Neoliberalismus und der Konstruktivismus um den Wandel zu erklären?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V267262
ISBN (eBook)
9783656579069
ISBN (Buch)
9783656579106
Dateigröße
889 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wandel, friedenssicherung, vereinten, nationen, ende, kalten, krieges, betrachtung, ursachen, welche, ansätze, neorealismus, neoliberalismus, konstruktivismus
Arbeit zitieren
Julika Huland (Autor), 2010, Der Wandel der Friedenssicherung der Vereinten Nationen nach dem Ende des Kalten Krieges – eine theoretische Betrachtung der Ursachen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267262

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