Der Fall Microsoft aus ökonomischer Sicht


Masterarbeit, 2013

48 Seiten, Note: 1

Dipl. Pol., Master in International Economy and Business Ines Gruber (Autor:in)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Thesen und Theorien
2.1 Wettbewerbspolitische Ansätze
2.2 Theorie der ökonomischen Analyse des Rechts

3. IT-Grundlagen

4. Rechtliche Grundlage

5. Ablauf des Microsoft Falls
5.1 Wettbewerbs- und Kartellverfahren
5.2 Kartelluntersuchungsverfahren
5.3 Kommissionsentscheid und Gerichtsurteil

6. Ökonomische Bewertung des Falls
6.1 Kritik und Diskussion
6.2 Wettbewerbspolitische Sicht
6.3 Ökonomische Analyse des Rechts

7. Ausblick

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Unternehmen Microsoft Corporation (Microsoft) wurde 1975 in den USA von Bill Gates gegründet1 und erschien bereits vier Jahre später in der Europäischen Union2. Inzwischen ist es durch Computer, Laptops, Mobiltelefone und unzählige Anwendungsprogramme allgegenwärtig auf der ganzen Welt. Fast keine Firma, die das Internet nutzen möchte oder mit Computern arbeitet, kann an den Produkten von Microsoft vorbei. Diese Abhängigkeit im Bereich der Computer- und Servertechnik hat sich in den vergangenen Jahren stetig erhöht.

Gegen diese Dominanz, und auf Klage eines Konkurrenten, versuchte die Europäische Kommission mit ihrer Entscheidung der Zwangslizenzierung von 2004, die 2007 vom Gericht erster Instanz bestätigt wurden, vorzugehen. Diese rechtlichen Beschlüsse befassen sich durch die beklagte Firma mit einem ökonomischen Problem, welches eventuell auch Einfluss auf die Art der Entscheidungsfindung genommen haben könnte.

Ob hinter der rechtlichen Begründung auch ökologische Überlegungen stehen und welche Konzepte eventuell genutzt wurden, soll in vorliegendem Papier geklärt werden. Dafür müssen anfangs die wettbewerbspolitischen Ansätze sowie die Theorie der Ökonomischen Analyse des Rechts eingehend dargelegt werden. Um die Problematik des Microsoft Falles besser verstehen zu können, werden danach die nötigen IT- Begriffe und die rechtliche Grundlage des Art. 82 EG-Vertrag (heute Art. 102 AEuV) erklärt. Letzterer ist einschlägig bei Zwangslizenzierung. Hintergrund der Arbeit bilden die Abläufe der Verfahren gegen Microsoft, die gefällten Entscheidungen mit ihren Begründungen und deren Konsequenzen. Um die Sachlage klarer zu gestalten und die ökonomischen Konzepte in den verschiedenen Entscheidungen zu verfolgen werden die abgeschlossenen Fälle Volvo, Magill, Bronner und IMS Health ebenfalls erläutert. Den wichtigsten Teil der Arbeit bildet die Untersuchung der Wettbewerbskonzepte, die hinter den Entscheidungen stehen könnten und eine Bewertung derselben. Besonderer Augenmerk wird dabei auf die eventuellen Unterschiede der Kommissionsentscheidung und der Entscheidung des Gerichts erster Instanz im Falle Microsoft gelegt.

2. Thesen und Theorien

Um den Fall Microsoft ökonomisch untersuchen zu können werden die Theorien der Wettbewerbspolitik und der Ökonomischen Analyse des Rechts zu Rate gezogen. Im Folgenden werden beide Thesen ausführlich dargelegt und erörtert.

2.1. Wettbewerbspolitische Ansätze

Wettbewerb kann als Ordnungsprinzip moderner Gesellschaften verstanden werden. Er besteht in der Wirtschaftswelt zwischen verschiedenen Unternehmen und drückt sich meist in der Qualität oder Leitung der Firmen und in den Preisen aus. Die anstehende Frage dabei ist, welche Regeln auf die Wettbewerbsprozesse angewandt werden müssen „damit der Wettbewerb seine Funktionen erfüllen kann“.3

Über die Regeln herrscht in der Literatur keine Einigkeit. Deswegen haben sich im Laufe der Zeit verschiedene Theorien entwickelt, welche nachfolgend dargestellt werden sollen. Allerdings muss erwähnt werden, dass die Annahmen des klassischen Liberalismus eher eine allgemeine Charakterisierung des Wettbewerbs darstellen.4

Im klassischen Liberalismus (Adam Smith, David Hume, 18. Jahrhundert) wurden freie Märkte mit ihren dezentralen Entscheidungen als Selbststeuerungssysteme verstanden. Der Wettbewerb steuere und kanalisiere die wirtschaftlichen Aktivitäten der Marktteilnehmer, die im Grunde nur auf den eigenen Gewinn abstellen, so, dass sie (ungewollt) zum Gemeinwohl beitragen. Diese Eigenschaft der Selbststeuerung wird auch als „invisible hand“ (unsichtbare Hand) oder „spontane Ordnung“ bezeichnet. Die Selbststeuerungseigenschaften des Wettbewerbs setzen sich aus Allokations-, Innovations-, Verteilungs- und Freiheitsfunktion zusammen.

a.) Allokationsfunktion: Wettbewerb soll die Ressourcenverwendung möglichst produktiv gestalten. Durch Wettbewerbsbedingungen werden Anreize für die Unternehmen geschaffen möglichst kosteneffizient herzustellen und sich an den Verbraucherwünschen zu orientieren. Dazu gehören auch flexible und rasche Anpassungen von Veränderungen, wie Nachfrageschwankungen.

b.) Innovationsfunktion: Durch Wettbewerb wird die Entstehung und Verbreitung

von neuem Wissen (Technologien) durch Innovation und Imitation gestärkt, was der Wohlstandssteigerung dient. Außerdem werden durch die Rückkopplung über den Verkauf Anreize zur Verbesserung der Leistungen gesetzt.5 c.) Verteilungsfunktion: Gewinne und Verluste legen auf wettbewerblichen Märkten die Unternehmensleistung im Wettbewerb offen. Höhere Gewinne sollten durch bessere Leistung für den Verbraucher erwirtschaftet werden. Durch diese Leitungsgerechtigkeit werden die Firmen zusätzlich dazu angeregt ihre Leistung zu steigern.

d.) Freiheitsfunktion: Durch den Wettbewerb auf den Märkten bietet sich dem Endverbraucher die Wahlmöglichkeit zwischen den Produkten und Anbietern, was erstens die Marktmacht von einigen wenigen Unternehmen einschränkt und zweitens die Verbraucher vor dieser Macht schützt.

Damit eine Selbststeuerung von Märkten überhaupt möglich ist, wird ein stabiler Ordnungsrahmen (Wettbewerbsordnung, Ordoliberalismus6 ) benötigt. Die Interventionen des Staates in die Angelegenheiten der Wirtschaft sollten sich deswegen ausschließlich auf die Gestaltung der institutionellen Regeln beschränken. Ein zentrales Problem der funktionsfähigen Märkte taucht bereits hier auf: Die Frage nach der Beschränkung von Wettbewerb durch die Unternehmen (Kartelle, Preisabsprachen). Dagegen wird dem Staat ein Eingriffsrecht zugebilligt.7

Die verschiedenen Ansätze der Wettbewerbstheorien unterscheiden sich auf drei Ebenen: a.) welche Ziele soll die Wettbewerbspolitik verfolgen (Wettbewerbsfunktion, normative Ebene), b.) welche theoretische Basis soll bei Analysen von Wettbewerbsprozessen zugrunde gelegt werden und welche Wirkung haben Verhaltensweisen und Marktstrukturen (theoretische Ebene) und c.) die Frage nach Marktversagen und Staatsversagen (Ausmaß von Wettbewerbsproblemen, des Eingriffs durch und Form der Wettbewerbspolitik).8

Der neoklassische Ansatz (19. Jahrhundert) geht davon aus, dass Wettbewerb bei vollständiger Konkurrenz eine wohlfahrtsmaximierende Faktoren- und Güterallokation aufzeigt (vollkommener Wettbewerb). Die Abweichung von diesem wohlfahrtsmaximierenden Marktgleichgewicht, das einer effizienten Allokation oder anders gesagt einem pareto-optimalem Gesamtzustand gleichkommt, wird durch Marktversagen (asymmetrische Informationen) oder Marktmacht (Kartelle, Monopole) verursacht. Gegen diese Schwankungen muss die Wettbewerbspolitik vorgehen und korrigierend eingreifen. Die Grundsätze der neoklassischen Theorie wurden mehrfach kritisiert:

a.) die unrealistische Annahme des Modells diagnostiziert faktisch auf jeden realen Markt Wettbewerbsversagen („nirvana approach“),
b.) die dynamische Entwicklung des Wettbewerbs wird durch den Gleichgewichtszustand nicht mit in das Modell eingefügt, und
c.) Innovationen und technologische Weiterentwicklungen können von dem Modell nicht erfasst werden.

Die Annahmen der Theorie lassen darauf schließen, dass durch sofortige Imitation jegliche Anreize für Innovationen verschwinden. Dieses Marktversagen führt zu der Notwendigkeit von Patentrechten.9

Durch die vorher angesprochene Kritik entwickelte sich die Theorie des funktionsf ä higen Wettbewerbs, die auch als Harvard School (Ende der 1930er Jahre) bezeichnet wird. In diesem Konzept wird die Vorstellung eines vollkommenen Wettbewerbs aufgegeben. Stattdessen werden die Wettbewerbsprozesse mit Hilfe des „Struktur-Verhalten-Ergebnis-Paradigmas“ (SVE-Paradigma) untersucht. Diesem liegt eine offene Systematik von Marktstruktur, Marktergebnis und Marktverhalten zu Grunde. Die Marktstruktur beinhaltet alle Eigenschaften von Märkten, die nicht veränderbar, aber wenigstens kurz- und mittelfristig konstant sind, wie Anbieteranzahl, Marktzutritts- und Marktaustrittsschranken und Ausmaß der Produktheterogenität. Das Paradigma geht davon aus, dass das Verhalten (Innovationen, Preise, Produktentwicklung) von Unternehmen durch die Marktstruktur beeinflusst wird, was sich dann in den Marktergebnissen bei Preisen, Qualität oder technologischem Fortschritt zeigt.

Der funktionsfähige Wettbewerb geht des Weiteren von einer Bündelung von Zielen aus: Effiziente Allokation, Förderung des Mittelstandes, Sicherung der individuellen Freiheit, technischer Fortschritt, Begrenzung von Wirtschaftsmacht oder internationale Wettbewerbsfähigkeit sollen durch den Wettbewerb erreicht werden. Diese Ziele sollen jedoch im Endeffekt politisch entschieden werden. Als Kernproblem der Funktionsfähigkeit des Wettbewerbs sieht die These das Entstehen und die Absicherung von Marktmacht. Aus diesem Grund sind die Vertreter dieser Theorie für eine aktive staatliche Wettbewerbspolitik.10

Ende des 20. Jahrhunderts (1970, 1980) wurden als Kritik auf die Harvard School neue Konzepte entwickelt, die eine mikroökonomische Perspektive wieder stärker in den Vordergrund rückten. Das Modell des vollkommenen Wettbewerbs und das Ziel der effizienten Allokation bekam wieder eine größere Bedeutung und so entstanden effizienzorientierte Wettbewerbskonzepte wie die Chicago School und die Post-Chicago Economics.11

Die Chicago School geht von der bereits erläuterten neoklassischen Wohlfahrtsökonomik aus und kritisiert damit das Konzept des funktionsfähigen Wettbewerbes. Das alleinige Ziel, das in dieser These akzeptiert wird und damit auch das zentrale und einzige Beurteilungskriterium darstellt ist, ist die Erreichung der ökonomischen Effizienz. Zielbündel werden als nicht praktikabel, widersprüchlich und ungenau aufgefasst. Da das Effizienzkriterium der Chicago School der soziale Überschuss (Summe von Konsumenten- und Produzentenrente) ist, spielt bei ihnen die Umverteilung vom Konsumenten zu den marktmächtigen Unternehmen keine Rolle bei der wettbewerbspolitischen Bewertung. Des Weiteren nehmen die Vertreter der Chicago School an, dass Unternehmen sich nur dann dauerhaft im Wettbewerb durchsetzen können, wenn sie effizient sind. Die Märkte sind bei dieser These grundsätzlich offen. Einschränkungen gibt es nur durch staatliche Marktzutritts- schranken, welche den potenziellen Wettbewerb erschweren oder verhindern. Die Entstehung der Marktmacht wird durch die Mengenreduktion ausgelöste Allokationsverzerrung ebenfalls als problematisch angesehen, jedoch wird von der Instabilität kollusiven Verhaltens der Oligopolisten ausgegangen, womit das Problem als nicht dauerhaft eingestuft wird. Diese Selbstheilkräfte der Märkte, welche nur durch effiziente Marktstrukturen und Verhaltensweisen bestehen bleiben, relativieren laut der These die Marktmacht und private Wettbewerbsbeschränkungen. Staatliche Einmischung verurteilt die Chicago School, die jedoch durch ihr unerschütterliches Festhalten am vollkommenen Wettbewerb kritisch gesehen werden kann.12

Die Post-Chicago Economics folgte dem Ansatz der neuen Industrieökonomik (1980-es Jahre), die mit Hilfe der Spieltheorie (Nash-Gleichgewicht und Gefangenendilemma) die Konsequenzen unterschiedlicher Marktstrukturen und Verhaltensweisen besser untersuchen konnte.13 Diese neuen Erkenntnisse ermöglichten eine wesentlich differenziertere Bewertung von wettbewerbsbeschränkenden Sachverhalten als dies die Chicago School empfahl, und so konnten sich letztere mit ihren wettbewerbspolitischen Empfehlungen nicht durchsetzen. Da sich außerdem seit den 1990-ern in den Wettbe- werbspolitiken in Europa viele effizienzorientierte Argumentationsmuster fest etabliert hatten, verlor die Chicago School weiter an Boden. Im Zuge dessen wurden auch wieder Marktmachtargumentationen für das Konzept des funktionsfähigen Wettbewerbs gestärkt. Diese neue Entwicklung wird als Post-Chicago Economics bezeichnet. Obwohl Unterschiede im Detail innerhalb der Vertreter des Konzeptes bestehen, gibt es doch Einigkeit über einige grundlegenden normative und theoretische Fragen. So wird zum einen das Ziel der ökonomischen Effizienz übernommen, wobei unklar ist, ob man sich dabei am Konsumentenwohlfahrtstandard oder der Gesamtwohlfahrt orientieren sollte. Zum anderen besteht Konsens über die zentrale Bedeutung der Industrieökonomik mit ihren vielfältigen spieltheoretischen Modellen. Die Annahmen der Chicago School waren in einer theoretischen Analyse viel zu pauschal und mussten deswegen in der Praxis stark differenziert werden. Schwierigkeiten im Wettbewerb werden nach Ansicht der Post-Chicago Economics Vertreter eher durch private Beschränkungen hervorgerufen und so werden wieder staatliche Eingriffe zur Regulierung des Wettbewerbs empfohlen. Außerdem wird eine intensive theoretische und empirische ökonomische Analyse von konkreten Wettbewerbsfällen gefordert.14

Einen anderen Weg als die bisher dargestellten Theorien schlagen die dynamisch- evolutorischen Wettbewerbskonzepte ein. Von der Frage ausgehen, ob Wettbewerbsprozesse auf realen Märkten überhaupt von der neoklassischen Gleichgewichtsökonomie erklärt werden könne, stellen sie auf die Analyse von dynamischen Wettbewerbs- und Marktprozessen ab, bei denen die Innovations- und Imitationsprozesse, und damit die Entstehung von neuem Wissen in realen Prozessen die zentrale Rolle spielt. Aus den dynamisch-evolutorischen Wettbewerbskonzepten folgt, dass Marktstrukturen nicht exogen entstehen, sondern endogen in den Wettbewerbsprozessen entstehen.15

Eine Gruppe dieser dynamisch-evolutorischen Wettbewerbskonzepte gründet sich auf Schumpeter und seiner These der wirtschaftlichen Entwicklung. In letzterer sieht er technischen Fortschritt oder Innovationen als zentrale treibende Kraft wirtschaftlicher Entwicklung an. Solche Unternehmen, die neue Produkte und Verfahren herstellen werden von Imitatoren kopiert, welche die Produkte allgemein verbreiten und die ursprünglichen vom Markt verdrängen. Wettbewerb wird hier als Innovations- Imitations-Prozess verstanden. Die wichtigste Funktion des Wettbewerbs sieht Schumpeter also in der Kreation und Verbreitung von Innovationen.

Märkte und Marktstrukturen sind damit nicht gegeben, sondern verändern sich stetig, passen sich an die Marktentwicklungen an. Der (zeitweilige) Aufbau von marktmächtigen Stellungen durch Innovationen stellt in dieser Theorie per se kein wettbewerbspolitisches Problem dar, da sie die Funktion des Innovationsanreizes erfüllen. Jedoch kann es durch das Ausbleiben von Imitation oder Behinderung zu einer Verfestigung der Marktmacht kommen, was wieder als problematisch angesehen wird. Zentrale Bedeutung wird der Innovationsfunktion beigemessen, da technischer Fortschritt die wichtigste Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum (dynamische Effizienz) darstellt. Im Modell des vollkommenen Wettbewerbs entstehen durch das Fehlen von Innovationsanreizen ungünstige Bedingungen für die Schaffung von neuer Technologie und somit liegt ein Zielkonflikt zwischen statischer und dynamischer Effizienz vor.16

Das Konzept des Wettbewerbs als Entdeckungsverfahren geht auf Hayek zurück.

Ausgangspunkt ist das Wissensproblem, welches besagt, dass die Einzelpersonen einer Gesellschaft nicht über vollkommenes Wissen, sondern nur über begrenztes, subjektives Wissen bei ihren marktwirtschaftlichen Entscheidungen verfügen können. Durch das Wissensproblem sind die besten Lösungen der Probleme nicht vorab bekannt, sondern werden durch den Wettbewerb gelöst, der als Trial-and-error-Prozess (Erfolg und Misserfolg) zu verstehen ist,. Dieser Experimentierprozess legt nahe Wettbewerb als Entdeckungsverfahren zu begreifen. Da die neoklassische Wettbewerbstheorie diese Suche nach neuem, besserem Wissen ignoriert, sieht Hayek sie vom Ansatz theoretisch verfehlt an.17

Das Konzept der Wettbewerbsfreiheit sieht Wettbewerb nicht länger als Instrument zur Verwirklichung ökonomischer Ziele, sondern rückt die individuelle Freiheit in den Mittelpunkt. Aus der Realisierung der Freiheit folge dann Wettbewerb mit seinen positiven ökonomischen Ergebnissen. Ziel ist demnach die Sicherung der Wettbewerbsfreiheit, welche sich durch die Freiheit des Einsatzes der Aktionsparameter und der Wahl zwischen Marktpartnern zeigt. Das Marktmachtproblem wird bei offenen Märkten durch die Wirksamkeit des potenziellen Wettbewerbs als nicht relevant angesehen (ähnlich wie die Chicago School). Dem Ordoliberalismus (stabiler institutioneller Rahmen) und Hayek Konzept der Herrschaft der Gesetzes folgend unterstützt es eine am Marktverhalten ausgerichtete Wettbewerbspolitik, in der Verhaltensweisen, welche die Wettbewerbsfreiheit beeinträchtigen, durch generelle Regeln verboten werden sollen. Ob dadurch jedoch der Wettbewerb gesichert werden kann, wird ebenso wie die Operationalisierbarkeit der These in Frage gestellt.18

Aufbauend auf Schumpeter und Nelson/Winter (20. Jahrhundert) entwickelte sich eine theoretisch und empirisch funktionsfähige evolutions ö konomische Innovations ö konomik. Wirtschaftliche Entwicklung wird hierbei als Ergebnis von wettbewerblichen Prozessen der Variation und Selektion von Produkten und Technologien zur besseren Befriedigung der Konsumenten gesehen. Wettbewerb ist also ein Experimentierungsprozess.19

Obwohl es bisher keine integrierte dynamisch-evolutorische Wettbewerbskonzeption gibt, die eine fundierte Grundlage für die konkrete Gestaltung von Wettbewerbspolitik liefern könnte, ist doch die Wichtigkeit von der Entstehung und Verbreitung von Innovationen anerkannt. Jedoch wird diese in den wettbewerbstheoretischen Ansätzen weitgehend vernachlässigt. Wettbewerbsprozesse sind als zukunftsoffene Prozesse mit nicht voraussagbaren Ergebnissen zu sehen.20

Jedes der erwähnten Wettbewerbskonzepte hat seine spezifischen Stärken und Schwächen. Wahrscheinlich gibt es genau aus diesem Grund keine allgemein anerkannte Wettbewerbstheorie. Einigkeit besteht lediglich darin, dass das Ziel einer Wettbewerbspolitik die Wohlfahrtsmaximierung sein sollte. Die Wettbewerbsbehörden erkennen außerdem in der Praxis an, dass Innovationen für das Gesamtwohl notwendig sind. Jedoch stellt sich die Frage, ob der Schutz vor Wettbewerb oder der Schutz des Wettbewerbs Vorrang hat, und ob in diesem Sinne Patentrechte als Eigentumsrechte durch das Wettbewerbsrecht (welches auf den Wettbewerbstheorien basiert) eingeschränkt werden können und dürfen.21

Immaterialgüterrecht, wie Patentrecht und das Wettbewerbsrecht, wie die Zwangslizenzierung nach Art. 82 EG-Vertrag (heute Art. 102 AEuV), haben einiges gemeinsam: Sie wollen Innovationsreize schaffen und Wohlfahrt steigern. Außerdem basieren beide auf dem ökonomischen Ansatz der Effizienz und bekämpfen Marktversagen. Der Weg dieses gemeinsame Ziel zu erreichen wird jedoch auf verschiedene Arten angestrebt: Immaterialgüterrecht schafft durch die Einräumung von Monopolen auf Zeit Innovationsreize und das Wettbewerbsrecht korrigiert Verhalten, welches den Wettbewerb übermäßig beschränkt. Ob nun das Immaterialgüterrecht oder das Wettbewerbsrecht Vorrang genießt oder sich ergänzt, hat sich in der Rechtsprechung über die Jahre weiterentwickelt. Heute wird nicht mehr davon ausgegangen, dass keine absolute Hierarchie zwischen beiden besteht, mit der Überordnung des Immaterialgüterrechtes, sondern das eine Einschränkung desselben durch das Wettbewerbsrecht möglich sei. Ökonomien befürchten allerdings, dass durch die Möglichkeit der Einschränkung des Immaterialgüterrechtes die Gefahr von Planungsunsicherheit auftritt, was eventuell Innovationsanstrengungen reduzieren

könnte. Auch die Bemessung von Lizenzgebühren im Falle einer Zwangslizenzierung sei problematisch, deswegen müsse jeder Fall einzeln untersucht und entschieden werden.22

2.2. Theorie der Ökonomischen Analyse des Rechts

Ein Kernanliegen der Ökonomie ist es, die Verwendung der knappen Mittel einer Gesellschaft mit Hilfe von Regelungen und Institutionen zu vermeiden und ihren Verbrauch so effizient zu gestalten, dass ein hoher Grad an Bedürfnisbefriedigung eintritt. Je mehr dies gelingt als desto effizienter gilt eine Wirtschaft. Die ökonomische Analyse des Rechts (ÖAR) macht sich diese Sichtweise zu Eigen, betrachtet und beurteilt die rechtlichen Regelungen also danach, „in welchem Maße sie die Verschwendung von Ressourcen verhindert und damit die Effizienz erhöht“.23

Effizient ist eine Gesellschaft dann, wenn sie bei gegebener Vermögensverteilung einen Pareto optimum - einen Zustand in dem niemand bessergestellt werden kann ohne das ein anderer schlechter gestellt würde - herstellt und wenn die Ressourcen am sozial nützlichsten verwendet werden. Das erreichen von Allokationseffizienz durch Institutionen und Rechtssystem heißt jedoch noch lange nicht, dass diese gerecht sind. Effizienzverluste können häufig durch die Erreichung von höherwertigen normativen Zielen gerechtfertigt werden.24

Rechtsnormen werden in der ÖAR nach den Folgen beurteilt, die sie bei Anwendung auf die Gesellschaft im Ganzen und auf die einzelnen Mitglieder haben. Der doppelte Individualismus der Theorie besagt, dass Staatsziele und -aufgaben nur durch die Berufung auf die Ziele und Präferenzen der Gesellschaft bestimmt werden können, den letztere weiß am besten was gut für sie ist. Aufgabe des Staates sei die Zusammenfassung dieser Vorstellungen. Außerdem geht die ÖAR bei der Wirkung von Rechtsnormen davon aus, dass jeder Teilnehmer seinen eigenen Nutzen verfolgt und sich nicht von moralischen Kategorien oder Pflichtbewusstsein lenken lässt. Das rationale und egoistische Individuum ist hier die Basis für das Verständnis von Normen und Institutionen. Die Theorie nimmt an, dass Institutionen nur dann ihre Aufgaben

[...]


1 Bill Gates: A timeline (Artikel vom 15. Juni 2006), online unter: www.news.bbc.co.uk/2/hi/business/ 5085630.stm (02.01.2012)

2 Microsoft Firmengeschichte (Artikel aktualisiert am 18. Oktober 2012), online unter: www.operating- system.org/betriebssystem/_german/fa-microsoft.htm (02.01.2012)

3 Vgl. Kerber, S. 371

4 Ebda., S. 374

5 Je mehr Innovationen es in einer Volkswirtschaft gibt, umso mehr steigt die Produktion, was die Wohlfahrt ebenfalls erhöht. Vgl. Zimmermann, S. 12

6 Der Erhaltung und Sicherung des freien Wettbewerbs dient die Schaffung eines rechtlichen Rahmens durch den Staat. Mehr zum Ordoliberalismus unter www.bpb.de/nachschlagen/lexika/lexikon-der- wirtschaft/20234/ordoliberalismus (20.04.2013)

7 Vgl. Kerber, S. 371-373

8 Ebda., S. 374

9 Vgl. Kerber, S. 375, 377-378 und Zimmermann, S. 12, Patentrechte räumen dem Erfinder ein zeitlich begrenztes ausschließliches Nutzungsrecht seiner Ideen ein.

10 Vgl. Kerber, S. 378, 380

11 Ebda., S. 381

12 Vgl. Kerber, S. 381-382

13 Nash-Gleichgewicht: kein Unternehmen kann, bei gegebenem Verhalten der anderen Unternehmen, sich durch einseitige Verhaltensänderung besser stellen.Gefangenendilemma: in einer Situation führt rationales Verhalten der einzelnen Gruppenmitglieder zu einem für die Gruppe nicht Pareto-optimalem Ergebnis.www.wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/gefangenendilemma.html (30.04.2013)

14 Vgl. Kerber, S. 385-386

15 Vgl. Kerber, S. 387

16 Ebda., S. 387-388

17 Vgl. Kerber, S. 388

18 Ebda., S. 388-389

19 Ebda., S. 389-390

20 Vgl. Kerber, S. 389

21 Vgl. Zimmermann, S. 15

22 Vgl. Zimmermann, S. 16-21

23 Vgl. Schäfer/Ott, S. 1

24 Ebda., S. 6

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Der Fall Microsoft aus ökonomischer Sicht
Hochschule
Andrássy Gyula Budapesti Német Nyelvü Egyetem
Note
1
Autor
Jahr
2013
Seiten
48
Katalognummer
V267930
ISBN (eBook)
9783656583325
ISBN (Buch)
9783656583288
Dateigröße
693 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit soll unter meinem Namen veröffentlicht werden.
Schlagworte
fall, microsoft, sicht
Arbeit zitieren
Dipl. Pol., Master in International Economy and Business Ines Gruber (Autor:in), 2013, Der Fall Microsoft aus ökonomischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267930

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