Socially-Driven News Seiten als Chance zur Herstellung einer neuen Sphäre der Öffentlichkeit im Internet


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Habermas und der Strukturwandel der Öffentlichkeit
2.1 Strukturwandel und Massenmedien

3. Begriffsdefinition und Geschichte der Socially-Driven News

4. Klickfaktoren im Online-Journalismus
4.1 Technische Klickfaktoren
4.2 Inhaltliche Klickfaktoren

5. Socially-Driven News Seiten im Internet
5.1 Digg
5.1.1 Funktionsweise von Digg
5.1.2 Die Rückrufaktion Sonys für die Playstation
5.1.3 Die Verbreitung der HD DVD Codecs
5.2 YouTube
5.2.1 Die Funktionsweise von YouTube
5.2.2 Mission Accomplished Videos

6. Manipulationsmöglichkeiten
6.1 User / Submitter (U/S)
6.2 Collactive
6.3 Zusammenfassung

7.Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das zentrale Interesse dieser Arbeit soll es sein, Socially-Driven News Seiten im Internet auf ihre Funktion zur Herstellung einer neuen Sphäre der kritischen Öffentlichkeit im Internet hin zu untersuchen.

Der Überblick über den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ von Jürgen Habermas, dessen Konzept der kritischen Öffentlichkeit zugrunde gelegt wird, soll nur oberflächlich ausfallen und mehr als Erinnerung, denn als Einführung zu verstehen sein. Anschließend soll der Begriff der Socially-Driven News erläutert werden. Im Hinblick auf diesen Punkt wird eine kurze Einführung in die Funktionsweise des Online-Journalismus, insbesondere die Einbeziehung von Klickfaktoren, gegeben. Dies erscheint insbesondere deswegen von Nöten, da Vorstellungen des „klassischen“ Online-Journalismus im Bereich der Socially-Driven News weiterverwendet werden, besonders das Augenmerk auf die Anzahl der Leser und die damit verbundenen „Klicks“ bzw. pageimpressions sowie die Platzierung von Inhalten.

Im Anschluss an diesen eher theoretischen Teil, werden zwei Socially-Driven News Seiten vorgestellt – YouTube und Digg –, die aufgrund ihres Bekanntheitsgrades ausgewählt wurden. Nichtsdestotrotz stehen sie exemplarisch für den Typus dieser Seiten und könnten beliebig gegen andere Seiten gleichen Typs ausgetauscht werden. Um die Problematik der Socially-Driven News Seiten zu verdeutlichen, werden im Anschluss zwei weitere Seiten vorgestellt, die sich als „Manipulationsinstrumente“ charakterisieren ließen – User/Submitter und Collactive. Beide sind Reaktionen auf den oben benannten Typus von Socially-Driven News Seiten, wobei der manipulative Charakter keineswegs ausschließlich negativ oder positiv zu betrachten ist, sondern beide Dimensionen einzubeziehen sind.

Abschließend soll in einem kurzen Fazit die Rolle der Socially-Driven News Seiten im Hinblick auf die Schaffung einer neuen Sphäre der Öffentlichkeit im Internet diskutiert werden.

Einige Anmerkungen seien mit vorweg noch erlaubt: Das Internet ist ein dauerhaft im Fluss begriffenes Netzwerk, das manche Aussage von Heute, Morgen bereits obsolet werden lässt. Daher soll hier explizit auf den Entstehungszeitraum dieser Arbeit von Anfang Mai 2007 bis Anfang Juli 2007 hingewiesen werden. Änderungen die nach Ende Juni vorgenommen wurden, werden nicht berücksichtigt.

Weiterhin sei auf die Quellenlage verwiesen. Da manche Seite erst im Mai dieses Jahres im Internet auftauchte, beschränken sich auch viele der hier verwendeten Quellen auf Online-Dokumente. Klassische Bibliotheksrecherche habe ich daher nur sehr eingeschränkt betrieben. Um der Vergänglichkeit der Online-Dokumente entgegenzuwirken (was vor allem im Abschnitt über Digg deutlich wird), habe ich einige Seiten gespeichert, allerdings zu unsystematisch um sie vollständig als Anhang beizulegen.

Die Übernahme von Inhalten wenig seriöser Seiten wurde vermieden bzw. mehrfach kritisch geprüft und gegebenenfalls verworfen, so dass ich hoffe eine schlüssige Arbeit vorlegen zu können, der es nicht an der nötigen wissenschaftlichen Distanz mangelt.

2. Habermas und der Strukturwandel der Öffentlichkeit

Aus der „repräsentativen Öffentlichkeit“ des Mittelalters, die in der öffentlichen Repräsentation des Herrschaftsstatus durch den Herrschaftsinhaber bestand, gelangte das städtische Bürgertum insbesondere durch überregionalen Handel zu Reichtum und erhöhtem Selbstbewusstsein und aus der Privatsphäre trat eine Sphäre der bürgerlichen Öffentlichkeit hervor.[1]

Die absolutistischen und merkantilistischen Ziele des Staates kollidierten teilweise mit den privatwirtschaftlichen Strukturen und den selbstbewussteren Vorstellungen des Bürgertums. Es entstanden „kritische Zonen“, auch in der Hinsicht, dass sie die Kritik eines räsonierenden Bürgertums herausforderten, das sich seiner Gegenspielerrolle zur staatlichen Gewalt bewusst wurde. Die Kommunikationskategorie Kritik hielt Ende des 17. Jh. Einzug in die sich rasch entwickelnde Massenpresse.

Wesentliches Produkt der „literarischen Öffentlichkeit“ ist da Räsonnement gegenüber den öffentlichen Gewalten. Mit diesem Räsonnement bildet sich innerhalb des Publikums ein politisches Bewusstsein heraus. „Sobald sich die Privatleute nicht nur qua Menschen über ihre Subjektivität verständigen, sondern qua Eigentümer die öffentliche Gewalt in ihrem gemeinsamen Interesse bestimmen möchten, dient die Humanität der literarischen Öffentlichkeit der Effektivität der politischen Vermittlung“.[2]
Für Habermas ist die literarische Öffentlichkeit des 17./18. Jahrhunderts das moralische Korrektiv der öffentlichen Gewalt. Die Öffentlichkeit ist jenes Moment, welches das Ende der Arkanpolitik bedeutet: Seit sich Politiker in der Öffentlichkeit rechtfertigen müssen, können sie nicht mehr ungehemmt ihre Privat und Machtinteressen verfolgen. „Darum gilt Kants Publizität als dasjenige Prinzip, das allein die Einhelligkeit der Politik mit der Moral verbürgen kann.“[3]

2.1 Strukturwandel und Massenmedien

Bezugnehmend auf die Massenmedien kommt Habermas zu dem Schluß: „Die durch die Massenmedien erzeugte Welt ist Öffentlichkeit nur noch dem Scheine nach; aber auch die Integrität der Privatsphäre, deren sie andererseits ihre Konsumenten versichert, ist illusionär“[4]

Ein wichtiger Aspekt für diese Einschätzung ist der Wandel, dem sich die bürgerliche Öffentlichkeit und die damit verbundene literarische Vermittlung unterzieht. Entgegen der literarischen Öffentlichkeit des 17. und 18. Jahrhunderts entfällt in der Gegenwart der Diskurs über die Lektüre. Habermas erklärt den Untergang der literarischen Öffentlichkeit und des kulturell räsonierenden Publikums: „Die Kommunikation des kulturell räsonierenden Publikums blieb auf die Lektüre angewiesen, die man in der Klausur der häuslichen Privatsphäre betrieb. Die Freizeitbeschäftigungen des kulturell konsumierenden Publikums finden hingegen selbst in einem sozialen Klima statt, ohne daß sie irgend in Diskussionen eine Fortsetzung zu finden brauchten.“[5] Das kulturell räsonierende Publikum wird abgelöst durch das kulturkonsumierende Publikum.

Diese neue Öffentlichkeit ist die Veröffentlichung privater Lebensgeschichten. Aus diesem Grund sei es dem einzelnen nicht mehr vergönnt kritische Räsonnements gegenüber den herrschenden Gewalten üben zu können.[6]

Unter dem Eindruck einer erstarkenden Zivilgesellschaft während des Zerfalls der DDR gibt Habermas 1990 seine kritische Position gegenüber den Medien auf. Er habe das Verhalten des Publikums unterschätzt, vor allem seine "Resistenzfähigkeit" und die „kritischen Potenziale“, die sich in einem Feld der "multiplen Codes" und "hegemonialen Werte" reorganisieren. Neue und vielfältige Werthaltungen hätten sich ausgebildet und auf der Seite der medialen Öffentlichkeit hätten sich neue Entwicklungen ergeben, die seinen totalen Pessimismus nicht mehr rechtfertigen würden.[7]

3. Begriffsdefinition und Geschichte der Socially-Driven News

Der Begriff Socially-Driven News bedeute, das jedwede Art von Artikel, Information, Nachricht, Film oder Link durch die Vergabe von Seitenspezifischen Punkten oder durch Anklicken oder Ansehen einer Beliebtheitsskala unterworfen wird, die den jeweiligen Inhalt in der Rangliste der beliebtesten Inhalte nach oben oder unten befördert. Je mehr Punkte oder Klicks ein Inhalt bekommt, desto beliebter ist er und desto weiter obenauf der Startseite des jeweiligen Anbieters erscheint er, was zur Folge hat, dass mehr Besucher diesem Inhalt Aufmerksamkeit schenken, ihn lesen und eventuell bewerten.[8]

Der Begriff existiert nach meinen Recherchen erst seit ungefähr zwei Jahren und tauchte erstmals im August 2006 in einem Blog (www.themulife.com) von Muhammad Saleem auf. Muhammad Saleem ist ein bekannter und einflussreicher Blogger aus den USA, der neben diversen Blogs auch anderweitig online-journalistisch tätig ist, sowie als Navigator für Netscape arbeitet.[9]

Der Begriff steht eng im Zusammenhang mit Social Bookmarking. Social Bookmarking ist ein System, eigene Links (Bookmarks, Lesezeichen) mit anderen Nutzern des Internets zu teilen. Dazu werden die Links mittels RSS-Feeds auf einer Internetseite forumsartig platziert, eventuell kategorisiert und gespeichert. Sobald eine Bewertung dieser Links, bzw. der Zusammenfassung des Inhalts, ermöglicht wird, die Einfluss auf die Platzierung des jeweiligen Inhalts auf der Seite hat, kann man von Social-Driven News sprechen.

Diese Entwicklung zu Social Bookmarking oder Socially Driven News lässt sich auf Tim O’Reilly zurückführen, der den Begriff Web 2.0 (auch bekannt als Social Web) prägte und erstmals aktive Beteiligungsmöglichkeiten im Netz analysiert (z.B. bei der Bewertung von Büchern bei www.amazon.com).[10]

4. Klickfaktoren im Online-Journalismus

Um die Funktionsweise von Social Driven News zu verdeutlichen, ist es von Vorteil sich einen Überblick über die Entwicklungen im Online-Journalismus zu verschaffen. Dabei möchte lediglich auf die so genannten Klickfaktoren eingehen, also Faktoren, mit denen die Klicks auf Internetseiten gesteigert werden sollen. „Die meisten Redaktionen setzen Qualität und Quote gleich und ziehen die Zahl der Klicks, die Page-Impressions, Page-Views oder Visits, als vermeintlich objektive Messgröße zur Erfolgskontrolle heran.[11] Dies ist vor allem im Hinblick auf die Akquisition von Werbekunden relevant. Der Kolumnist von salon.com, James Poniewozik, hat Online-Journalisten daher einmal als „Page-View-Huren“ bezeichnet.[12]

Im Folgenden sollen zwei Dimensionen unterschieden werden: Technische Klickfaktoren sowie inhaltliche Klickfaktoren, wobei beide nur knapp besprochen werden sollen.

4.1 Technische Klickfaktoren

Nicht nur bei Social Driven News gibt es – wie später gezeigt werden soll – technische Möglichkeiten zur Manipulation, sondern bereits im „klassischen“ Online-Journalismus wurden die Grundlagen gelegt. Je mehr Klicks eine Site hat, desto mehr Werbung kann sie aufnehmen. Jede Redaktion verfolgt daher das Ziel, die Zugriffe zu steigern und eine möglichst gute Klickstatistik auszuweisen.

[...]


[1] Vgl. Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit, Frankfurt (Main), 1999,  S.60f

[2] Habermas (1999): a.a.O., S.121

[3] Habermas, Jürgen: Faktizität und Geltung, Frankfurt (Main), 1995, S.128

[4] Habermas (1999): a.a.O., S.261

[5] Habermas (1999): a.a.O., S.251

[6] Vgl. Habermas (1999): a.a.O., S.262

[7] Vgl. Habermas (1999): a.a.O., S.11ff.

[8] Zu der Funktionsweise der Platzierung vgl. Seibold, Balthas: Klick-Magnete: Welche Faktoren bei Online-Nachrichten Aufmerksamkeit erzeugen, München, 2002, S.110ff.

[9] Vgl. http://tech.netscape.com/story/2006/11/05/msalem-gets-hired-by-the-blog-herald (besucht am 12.06.2007)

[10] Vgl. Interview mit O’Reilly in Wirtschaftwoche, Nr. 17 vom 24.04.2007, S.63

[11] Range, Steffen; Schweins, Roland: Klicks, Quoten, Reizwörter: Nachrichten-Sites im Internet - Wie das Web den Journalismus verändert, Gutachten im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin, 2007, S.51

[12] Vgl. Meier, Klaus: Qualität im Online-Journalismus, erschienen in: Bucher, Hans-Jürgen, Altmeppen, Klaus-Dieter (Hrsg.): Qualität im Journalismus: Grundlagen, Dimensionen, Praxismodelle. Wiesbaden 2003, S. 248

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Socially-Driven News Seiten als Chance zur Herstellung einer neuen Sphäre der Öffentlichkeit im Internet
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Politikwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V268449
ISBN (eBook)
9783656595830
ISBN (Buch)
9783656699774
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
socially-driven, news, seiten, chance, herstellung, sphäre, öffentlichkeit, internet
Arbeit zitieren
M.A. Ingo Herrmann (Autor), 2007, Socially-Driven News Seiten als Chance zur Herstellung einer neuen Sphäre der Öffentlichkeit im Internet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268449

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