Das Gerhard Richter Fenster im Kölner Dom

Der Fensterstreit um das Südquerhausfenster des Kölner Doms. Kardinal Meisner vs .Gerhard Richter


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Der Fensterstreit um das neue Südquerhausfenster des Kölner Doms.

Kardinal Meisner vs .Gerhard Richter

1. Einleitung

2. Geschichte und Beschreibung des Fensters
2.1 Die Geschichte des Fensters
2.2 Die Beschreiung des Fensters

3. Die Position Kardinal Meisners
3.1 Diskussion um den Moscheebau und Positionierung zum Islam
3.2 Das Bildverständnis Kardinal Meisners

4. Die Position Gerhard Richters
4.1 Gerhard Richters frühe Farbtafelbilder
4.2 Das Fenster im Werk Gerhard Richter
4.3 Die Lichtästhetik Richters
4.4 Biografische Einflüsse und persönliche Äußerungen Richters und Reaktion auf die Kritik Meisners

5. Die katholische Kirche und Gerhard Richter

6. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wir schreiben das Jahr 1591. Istanbul ist von Schnee bedeckt und der ansässige Padischah hat, als Geschenk für den Dogen von Venedig, ein Buch in Auftrag gegeben, das von der Pracht, den Kulturleistungen und der politischen Macht des osmanischen Reiches zeugen soll. Der Oheim, als der bekannteste und beste Buchillustrator im ganzen osmanischen Reich soll den Auftrag ausführen. Er war es schließlich, der auf seinen ausgedehnten Reisen die fränkischen Meister gesehen hatte, nach deren Vorbild auch das Geschenk für den Dogen gestaltet werden soll. „Dieses Buch sollte in Wort und Bild von den wertvollsten und wesentlichsten Dingen unseres Reiches erzählen, und wie in den Büchern der Klugheit sollte im Herzen des Buches ein Bildnis unseres Großherrn seinen Platz haben.[1]

Das Buch soll also nicht an die überbrachten Traditionen der osmanischen Buchmalerei anknüpfen – in der jede Abweichung vom überlieferten Kanon als Blasphemie gilt –, sondern folgt den Wunderwerken der Renaissancemalerei, der Kunst der Perspektive und des lebensnahen Porträts. Das islamische Bilderverbot gestattete die figürliche Darstellung nur aus dem Blickwinkel Allahs; jeder persönliche Stil oder gar die Signatur waren ein Zeichen gottlosen Frevels. „Es ist Allah, der das Nichtseiende ins Sein ruft, der das Leblose belebt. Niemand darf sich mit ihm messen. Dass die Maler sich unterfangen, Sein Werk zu tun, und behaupten, auch sie würden gleich Ihm erschaffen, ist die größte Sünde.[2]

Dies ist natürlich eine fiktive Romanhandlung, genauer ein Handlungsstrang aus Orhan Pamuks „Rot ist mein Name“. Die Auswirkungen lassen sich leicht erahnen: Mord und Totschlag, weil Traditionen gebrochen werden und schließlich die Selbstblendung des Oheim (der das neue Bild malen sollte) um etwaigen Beschränkungen oder gar vorauseilendem Gehorsam zu entgehen.

Dem Streit zwischen Gerhard Richter und Kardinal Joachim Meisner um das neue Südquerhausfenster im Kölner Dom fehlt eine solche „Dimension des Schreckens“. Dennoch finden sich hier und da einige Parallelen.

2. Geschichte und Beschreibung des Fensters

Nach einem kurzen Überblick über die Geschichte des Fensters und den Weg zum jetzigen Südquerhausfenster soll eine ebenso knappe Beschreibung stehen, an die sich die Positionen Meisners und Richters anschließen.

2.1 Die Geschichte des Fensters

Die Geschichte des Fensters ist schnell erzählt: Im Jahr 1863 schenkte König Wilhelm I. der Kirche die Fenster im südlichen Querhaus. Diese zeigten Herrscher wie Karl den Großen und Geistliche wie die Kölner Erzbischöfe Anno und Engelbert. Die historische Verglasung wurde durch die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg zerstört, anders als die Mittelalterliche, die rechtzeitig ausgeglast wurde. Nach dem Ende des Krieges setzte man ein von Wilhelm Teuwen entworfenes Fenster ein, das wegen seiner Farblosigkeit und Lichtflut sowohl vom Domkapitel als auch den Besuchern als unbefriedigend empfunden wurde.

Die Darstellungen weltlicher und christlicher Herrscher wurden für eine Neuverglasung nicht mehr in Betracht gezogen. Ohnehin waren die Vorlagen für die historischen Fenster in Berlin während des Zweiten Weltkrieges verbrannt. Das Domkapitel bevorzugte für die Neugestaltung eine figürliche Darstellung mit christlichen Märtyrern der Neuzeit, darunter Edith Stein und Maximilian Kolbe, die 2003 im Kapitel beschlossen wurde. Allerdings verabschiedete man sich von einer Vergegenwärtigung des Holocaust als Thema, nicht zuletzt aufgrund der Unvereinbarkeit mit farbigem Glas.[3]

Im Jahr 2001 trat man erstmals an Gerhard Richter heran. Konfrontiert mit den Wünschen des Domkapitels produzierte dieser zwei kleine Entwürfe, die nach alten Fotografien die Hinrichtung von Opfern des Nationalsozialismus zeigten. Die brutalen Erschießungs- und Erhängungsszenen erschienen Richter letztlich selbst ungeeignet und er verwarf den Plan.[4]

Die gegenständlichen Entwürfe verblassten zusehends, nachdem Gerhard Richter einen vollkommen abstrakten Entwurf entwickelt hatte. Er hatte eine Fotografie seines Bildes „4096 Farben“ aus dem Jahr 1974 zerschnitten und hinter das Maßwerk der Fenster geklebt. Diese Vorlage führte bei den Verantwortlichen zu einer sukzessiven Verabschiedung einer figürlichen Lösung. Das Domkapitel, dem als Institution die Verantwortung für das Haus obliegt, gab Richter zunächst den Auftrag seinen Entwurf weiter zu bearbeiten, erst im Jahr 2006 wurde dieser endgültig akzeptiert.[5]

2.2 Die Beschreiung des Fensters

Wie bereits erwähnt, befindet sich das von Richter entworfene Fenster im südlichen Querhaus des Kölner Doms. Etwa 20 Meter über dem Boden streckt es sich 22 Meter in die Höhe und neun Meter in die Breite. Es besteht aus 11.263 farbigen Echtantikglasscheiben mit einer Kantenlänge von 9,7 mal 9,7 cm und breitet sich über eine Fläche von 113 qm aus. Lediglich 72 Farbtöne wurden von Richter, in Anlehnung an die Palette der farbigen Gläser im Dom, ausgewählt und in das neogotische Maßwerk übertragen. Durch die handwerkliche Unvollkommenheit gegenüber maschineller Produktion, haben die Gläser eine zum Teil unterschiedliche Stärke, die sich in einer Erweiterung der Palette in Farbnuancen bemerkbar macht.[6] Die Scheiben wurden mittels eines speziellen Silikon-Gels auf farblose Trägerscheiben geklebt und sind durch eine 2 Millimeter breite Silikonfuge miteinander verbunden. Die Verteilung der Farben übernahm ein von Mike Karstens entwickeltes Computerprogramm, das die Farben per Zufallsverfahren[7] nach einem Ordnungsprinzip verteilte, dass die 72 Farben jeweils 72-mal Verwendung fanden.[8] Die entstandene Fläche wurde dupliziert, so dass sich erstes und drittes, zweites und fünftes sowie viertes und sechstes Fenster spiegelverkehrt gegenüber stehen.

Nach 35 Entwürfen, die in der Größe der Scheiben, der Fassung, der Anordnung der Farben, dem Ordnungsprinzip sowie dem Eingriffsprinzip Richters variieren, entschied man sich für den 36 Entwurf.

3. Die Position Kardinal Meisners

Bereits ab Anfang des 13. Jahrhunderts setzte sich das Domkapitel als neben dem Erzbischof selbständige Körperschaft durch und entschied in Köln spätestens seit 1825 mit über die Belange des Doms. Der Erzbischof ist derzeit formell nicht an den Entscheidungen des Kapitels beteiligt. Am 27.August, zwei Tage nach der feierlichen Einweihung des neuen Südquerhausfensters, bei der Kardinal Meisner durch eine lange vorbereitete Reise nach Polen nicht anwesend sein konnte, veröffentlichte der Kölner Stadtanzeiger einen Artikel, der das Unbehagen Meisners gegen das neue Domfenster zum Inhalt hatte. Darin hieß es, Kardinal Meisner „… habe […] versucht, die Verwirklichung des abstrakten Entwurfs von Gerhard Richter […] zu verhindern. Es sei […] zu heftigen Auseinandersetzungen mit dem Domkapitel gekommen …“[9] Das Domkapitel votierte 2006 mit lediglich einer Gegenstimme für den Entwurf Richters. Meisner war und ist ein Verfechter einer figürlichen Darstellung.

Einen Tag später veröffentlichte der Kölner Express ein Zitat Meisners, das von allen bedeutenden deutschen Tageszeitungen übernommen wird: „Das Fenster passt nicht in den Dom. Es passt eher in eine Moschee oder in ein Gebetshaus. Wenn wir schon ein neues Fenster bekommen, dann soll es auch deutlich unseren Glauben widerspiegeln. Und nicht irgendeinen.[10]

Nimmt man solche Presseäußerungen als Anstoß für eine weiter reichende Diskussion, bleibt eine Kontextualisierung unabdingbar, die im Folgenden vorgenommen werden soll. Zum einen könnte diese Äußerung auf die in Köln zu dieser Zeit hochaktuelle Diskussion über den Bau einer Moschee abzielen. Das im Hadith, einer kanonischen Textsammlung, die im Islam neben dem Koran Quelle religiöser Vorschriften ist, begründete Verbot, lebende Wesen darzustellen würde, stellvertretend für den Islam, von einem ranghohen katholischen Geistlichen angegriffen. Zum zweiten wird es vonnöten sein, sich mit dem Bildverständnis Kardinal Meisners auseinanderzusetzen. Die Äußerungen könnten so als persönliche Kritik am Fenster verstanden werden. Der unerfüllte Wunsch nach einer figürlichen Darstellung im Südquerhausfenster, gepaart mit einer institutionellen Beschränkung des Erzbischofs sowie tagespolitischen Themen verbände sich zu einer bewussten Provokation.

3.1 Diskussion um den Moscheebau und Positionierung zum Islam

Der Entschluss für den Bau der Ditib-Moschee in Köln-Ehrenfeld wurde im September 2005 bekannt und von der Ditib, der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion, beschlossen. Die Ditib ist mit 160.000 Mitgliedern die größte islamische Organisation in Deutschland.[11]

Im März 2006 votierte eine Jury, bestehend aus Politikern, Stadtplanern, Architekten, Ditib-Vetretern und der Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner für den Moscheeentwurf der Kölner Architekten Gottfried und Paul Böhm. Seit dieser Zeit gibt es regelmäßig Diskussionen auf lokaler wie überregionaler Ebene über den Bau, deren Spektrum vom Vorwurf der – negativ-konnotierten – schleichenden Islamisierung bis hin zur bedingungslosen Akzeptanz reicht.[12]

Auch Kardinal Meisner äußerte sich zum Bau der Moschee. Von der Süddeutschen Zeitung wird er mit den Worten zitiert:

Ich will nicht sagen ich habe Angst, aber ich habe ein ungutes Gefühl […] Da ist gleichsam von der Historie her doch ein Erschrecken, dass ein Kulturbruch in unserer deutschen, europäischen Kultur durch die Einwanderung der Muslime passiert ist. […] [Dennoch liegt mir] gute Nachbarschaft von Muslimen und Christen in Köln doch sehr am Herzen. [Allerdings] müssen wir wirklich darum bitten und darauf bestehen, dass die Muslime unserer Verfassungswirklichkeit entsprechend ihr Leben gestalten.[13]

Seine Position zusammenfassend, gibt er sich weniger als Opponent des Moscheebaus selbst, sondern vielmehr als Wahrer des verfassungsrechtlichen Rahmens und des christlichen Kulturkreises.

Selbst im Rahmen einer Stellungnahme zu der Regensburger Papst-Vorlesung im September 2006 nimmt Meisner den Islam in Schutz und verweist auf „… eine gewisse Nähe zur muslimischen Skepsis gegenüber der westlichen Gesellschaft …“[14] mit deren postmodernen Werten. Auch unterstreicht er eine Äußerung Benedikt XVI. „Der interreligiöse und interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht auf eine Saisonentscheidung reduziert werden. Tatsächlich ist er eine vitale Notwendigkeit, von der zum großen Teil unsere Zukunft abhängt.[15]

[...]


[1] Pamuk, Orhan: Rot ist mein Name, Frankfurt, 2003, S. 317f.

[2] Ebd., S. 224

[3] Vgl. Kölner Stadtanzeiger, 14.08.2007, „Alle Bilder sind darin vereint“

[4] Vgl. Butin, Hubertus: Gerhard Richters Kölner Domfenster, erschienen in : Gerhard Richter – Zufall, das Kölner Domfenster und 4900 Farben, Köln, 2007, S. 46

[5] Vgl. Kölner Stadtanzeiger, 14.08.2007, „Alle Bilder sind darin vereint“

[6] Vgl. Pelzer, Birgit: Der Zufall als Partner – Gerhard Richters Farbfelder 2007, erschienen in: Gerhard Richter – Zufall, das Kölner Domfenster und 4900 Farben, Köln, 2007, S. 73

[7] Vgl. Butin (2007): a.a.O., S. 47f.

[8] Vgl. Diederich, Stephan: Zufall, Plan, Gegebenheit? – Das südliche Querhausfenster im Kölner Dom und 4900 FARBEN im Museum Ludwig, erschienen in: Gerhard Richter – Zufall, das Kölner Domfenster und 4900 Farben, Köln, 2007, S. 21

[9] Kölner Stadtanzeiger, 27.08.2007, „Meisner wollte das neue Domfenster nicht“

[10] Kölner Express, 29.08.2007, „Dom-Fenster passt besser in eine Moschee!“

[11] Vgl. http://www.koeln.de/cms/artikel.php/5/27349/artikel.html (17.10.2007)

[12] Vgl. http://www.wdr.de/themen/politik/nrw02/integration/moscheebau/index.jhtml (17.10.2007)

[13] Süddeutsche Zeitung, 20.06.2007, „Kardinal Meisner warnt vor Kulturbruch“

[14] Presseerklärung des Erzbischofs von Köln zur Regensburger Vorlesung von Papst Benedikt XVI. über Glaube und Vernunft, (http://www.erzbistum-koeln.de/export/sites/erzbistum/ erzbistum/erzbischof/_dokumente/category_a/subcategory_40/jcm_st_060917papstvorlesung.pdf)

[15] Benedikt XVI. zitiert nach ebd.

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Details

Titel
Das Gerhard Richter Fenster im Kölner Dom
Untertitel
Der Fensterstreit um das Südquerhausfenster des Kölner Doms. Kardinal Meisner vs .Gerhard Richter
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Kunstgeschichte)
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V268451
ISBN (eBook)
9783656595854
ISBN (Buch)
9783656595847
Dateigröße
771 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gerhard, richter, fenster, kölner, fensterstreit, südquerhausfenster, doms, kardinal, meisner
Arbeit zitieren
M.A. Ingo Herrmann (Autor), 2007, Das Gerhard Richter Fenster im Kölner Dom, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268451

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