Geist und Geld in Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

15 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Wirtschaftswunder - Ursachen und Folgen
2.1. Produktionsmittel
2.2. Politische und finanzielle Stabilisierung
2.3. Tourismus
2.4. Gastarbeiter
2.5. Konsum

3. Das Wirtschaftswunder: Geist und Geld

4. Das Geld in Heinrich Bölls Ansichten eines Clowns
4.1. Formaler Aufbau und Stilmittel des Romans
4.2. Gesellschaftskritik
4.3. Geld in zwei Abstraktionsniveaus: abstrakt und konkret
4.4. Die Ehe des Kapitalismus mit der Restaurationsgesellschaft

5. Fazit

1. Einleitung

Nicht wenige Nationalstaaten erfreuen sich legendärer, sagenumwobener, berühmt-berüchtigter Gründungsmythen, die sowohl in der eigenen Geschichte, als auch in der anderer Nationen als historische Begrifflichkeiten festzustehen scheinen.[1]

Die wohl bekanntesten politischen Gründungsmythen einiger Nationen sind beispielsweise der Versailler Vertrag der Weimarer Republik, die Französische Revolution, die Oktoberrevolution der UDSSR und der Unabhängigkeitskrieg der USA. Wenn man aber die historischen Details genauer untersucht, sind viele solcher Mythen jedoch faktisch meist nicht haltbar.

Allerdings aber tragen diese Gründungsmythen eine bestimmte Deutungsstruktur, zumindest jedoch Interpretationsvorschläge in sich. Zum Beispiel ist die Struktur der Deutungsvorschläge der identitätsstiftenden Elemente solcher Mythen zumeist positiver Natur, eine ex negativo Auslegung wäre weniger wirkmächtig.

Einer der (west-)deutschen Nachkriegsmythen, wenn nicht der prägende deutsche Mythos der neueren Zeit überhaupt, ist der des ‚Wirtschaftswunders‘. Mit der ‚Zeit des deutschen Wirtschaftswunders‘ wird die Phase der raschen ökonomischen Erholung und des wirtschaftlichen Wachstums im Zeitraum der 1950er und 1960er Jahre im Westen des Nachkriegsdeutschlands bezeichnet.

Nicht nur der Mythos des Wirtschaftswunders an sich, sondern auch die damit konnotierten Begrifflichkeiten wie Ehrgeiz, Gründlichkeit, Pünktlichkeit und Fleiß werden bis heute politisch-legitimatorisch genutzt. Mythen eignen sich „in exzellenter Weise zur Diskriminierung von Sachverhalten, politischer Programmatik, historischen Deutungen und Zukunftserwartungen gleichermaßen“, stellt Eurich (2010: 87) in seiner Analyse ‚Mythos und Öffentlichkeit‘ fest. Bei politischem Bedarf wird sozusagen direkt an den Wirtschaftswundermythos angeknüpft und somit die entsprechend gewünschte Wirkung und der angestrebte Einfluss auf die Lebenswirklichkeit der Bürger in Deutschland ausgeübt. So bemühte zum Beispiel Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Stuttgarter CDU Parteitag im Jahre 2008 die ominöse „schwäbische Hausfrau“[2], die bekanntermaßen fleißig und äußerst sparsam ist, um mit diesem Beispiel aus den Jahren des scheinbar unendlichen Wirtschaftswachstums die Bürgerinnen und Bürger in Zeiten der aktuellen Wirtschaftskrise auf ihre eigene wirtschaftlich-politische Vision von einer besseren, aufstrebenden Wirtschaftslage, von einem erneuten Aufschwung, einzuschwören.

Die politischen Machtverhältnisse der Zeit des Wirtschaftswunders lassen sich verkürzt so umreißen: Im Jahre 1963 tritt Bundeskanzler Adenauer nach vierzehnjähriger Amtszeit zurück, und Ludwig Erhard, ‚Vater des Wirtschaftswunders‘ genannt, wird Kanzler. Im selben Jahr wird Heinrich Bölls Roman ‚Ansichten eines Clowns‘ veröffentlicht. Bölls kritische Auseinandersetzung und Verarbeitung des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Aufstiegs Westdeutschlands, die Ausrichtung der Gesellschaft auf den Kapitalismus, kann in der Figur des Clowns als Böll'sche Vision, beziehungsweise literarische Verarbeitung, gelesen werden und steht in der Tradition der Trümmerliteratur und der Gruppe 47. Die Autoren der Gruppe 47 „haben die Rolle von Hofnarren inne“ und schwanken zwischen „Verzweiflung darüber, dass die bundesdeutsche Gesellschaft sich nur wirtschaftlich, nicht aber moralisch erneuert“ und „Verantwortung dafür, dass die Ideale der Nachkriegszeit nicht vergessen werden“ (Blamberger: 202f). Die bundesdeutsche Gesellschaft beginnt sich drastisch zu verändern, alle Lebensbereiche beginnen sich zu ökonomisieren.

In der vorliegenden Arbeit werden einige Bereiche und Stränge der Wirkung und Auswirkungen des Zeitabschnitts von der Nachkriegszeit bis in die heutige Zeit verfolgt und beleuchtet. Herausgegriffen wird hier das System Geld und der Umgang mit dem Geldsystem, wie es Böll im Roman verarbeitet. Das Geld hat einen neuen, bis dato nicht bekannten immens hohen Stellenwert eingenommen und in Verbindung mit bestimmten gesellschaftlichen Realitäten dieser Zeit eine richtungsweisende, folgenschwere Bedeutung für die Zukunft und die heutige Zeit bekommen.

2. Das Wirtschaftswunder - Ursachen und Folgen

In gebotener Kürze sollen hier die häufig kolportierten Ursachen und einige der direkten, zeitnahen Folgen des sogenannten Wirtschaftswunders beschrieben werden.

2.1 Produktionsmittel

Nach Kriegsende 1945 lag fast ganz Deutschland in Schutt und Asche. Die Städte waren zerbombt und die Infrastruktur zerstört, die Verwaltungen waren zusammengebrochen. Hinzu kam, dass viele der Industrieanlagen dem Erdboden gleich gemacht waren und somit Neuanschaffungen von Produktionsmittel unumgänglich wurden. Es fehlte an allem, an Nahrungsmitteln, Baumaterial, Menschen (viele der Männer waren nicht oder noch nicht aus dem Krieg zurückgekehrt) und Technik. Das war die Grundlage für die Notwenigkeit eines umfassenden materiellen und wirtschaftlichen Neuanfangs. Damit musste und sollte die Produktionsleistung zum Wohle der Bevölkerung beträchtlich erhöht werden.

2.2 Politische und finanzielle Stabilisierung

Politisch wurde das Nachkriegsdeutschland auf den Westen und somit auf eine klare und einfache Freund-Feind-Unterscheidung eingeschworen. Beispielgebend und bekräftigend für die Darstellung des Beginns der deutsch-amerikanischen Freundschaft waren für die ausgehungerten Westdeutschen unter anderem die Luftbrücke während der Berlin-Blockade, in der es aus den amerikanischen ‚Rosinenbombern‘ Schokolade ‚regnete‘ und natürlich auch die konkreten Finanzhilfen aus dem Marshallplan.

[...]


[1] Das Nationalstaatsmodell gründet in der Auffassung, dass die Souveränität bei der Nation, dem Volk, liegt. Die Homogenität von Kultur, Ethik und Sprache wurde anfangs als Grundvoraussetzung eines Nationalstaates gesehen, ist jedoch tatsächlich nirgends verwirklicht.

[2] Vgl. dazu Zeit Online, Schuler (2008) oder Focus Online, Luck (2008)

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Details

Titel
Geist und Geld in Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Gründungsmythen im Systemvergleich. Literatur nach 1945 in Ost und West
Note
2
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V269049
ISBN (eBook)
9783656601104
ISBN (Buch)
9783656601036
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geist, geld, heinrich, bölls, ansichten, clowns
Arbeit zitieren
Sven Giersig (Autor), 2011, Geist und Geld in Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269049

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