Kirchenpolitik des SED-Staates 1945-1961 gegenüber der katholischen Kirche und deren Reaktion


Hausarbeit, 2009

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ausgangssituation: Das spätere Gebiet der DDR und die katholische Kirche nach dem 2. Weltkrieg

3. Die Kirchenpolitik des SED-Staates (und der SMAD)
3.1 Ideologische Grundlagen
3.2 Organisation der Kirchenpolitik
3.2.1 Arbeitsgruppe Kirchenfragen beim ZK der SED
3.2.2 Ministerium für Staatssicherheit
3.2.3 Dienststelle des Staatssekretärs für Kirchenfragen
3.2.4 Ministerrat und „Hauptabteilung Verbindung zu den Kirchen“
3.3 Strategien und Maßnahmen
3.3.1 Die Kirchenpolitik 1945-1953
3.3.2 Die Kirchenpolitik von 1953-1961

4. Das Verhalten der katholischen Kirche
4.1 Das Selbstverständnis der katholischen Kirche in der DDR
4.2 Strategien und Maßnahmen

5. Die Kirchenpolitik nach 1961

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

„Die Kirche ist der stärkste legale Stützpunkt des Imperialismus in den sozialistischen Ländern.“

(MfS-Minister Wollweber 1957)[1]

Die DDR als Diktatur mit totalitärem Anspruch zur Erziehung, Mobilisierung und Steuerung der gesamten Gesellschaft fußte auf zwei Bedingungen: den MarxismusLeninismus als Ideologie und Staatsdoktrin und den uneingeschränkten Herrschaftsanspruch der Regierung in allen Bereichen.[2] Das Verhältnis von Staat und Kirche wird in einer solchen Diktatur de facto von den Machthabern gesetzt, die Verfassung wird nur nach Opportunität eingesetzt oder ignoriert.[3]

Als einzige Institutionen, die einen eigenen organisatorischen Rahmen hatten und unzensiert durch Predigten und Hirtenworte zu den Christen sprechen konnten, hatten die Kirchen in der SBZ / DDR eine besondere und interessante Rolle und waren für den SED-Staat eine Institution, die schnellstmöglich aus dem öffentlichen Leben verdrängt und sobald möglich, zerschlagen werden sollte.

Doch die Machthaber im „real existierenden Sozialismus“ konnten auf kein Vorwissen der Sowjetunion zurückgreifen. Mit welchen Maßnahmen also soll die Bedeutung der Kirchen marginalisiert werden?

Der entscheidende Faktor für diese Frage ist die Kirchenpolitik des SED-Staates. Sie ist das Thema meiner Hausarbeit. Ich möchte mich dabei auf die katholische Kirche beschränken, weil sie im Vergleich zur evangelischen Kirche die weltweit bedeutendere ist und in der Forschung bisher weniger Beachtung gefunden hat. Die Auswahl des Themas erfolgt aus persönlichem Interesse.

Um die Analyse in dem vorgegebenen Umfang detailliert durchführen zu können, erscheint mir eine Eingrenzung auf die Zeit zwischen Kriegsende und Mauerbau sinnvoll. Darüber hinaus - insbesondere vor dem Hintergrund der problematischen Rolle der katholischen Kirche in der Nazi-Zeit - soll auch die Frage aufgeworfen werden, wie sich die Kirche gegenüber dem Staat verhalten hat. Meine erkenntnisleitende Fragestellung lautet also:

„Wie gestaltete sich die Kirchenpolitik des SED-Staates gegenüber der katholischen Kirche von Kriegsende bis Mauerbau und wie verhielt sich die katholische Kirche?“

Um deutlich zu machen, dass eine Unterscheidung zwischen staatlichen und parteilichen Stellen allgemein und im Besonderen hinsichtlich der Kirchenpolitik nicht sinnvoll ist und sogar das Verständnis erschweren kann, wird in dieser Hausarbeit der Begriff des „SED-Staates“ benutzt. Sollte, um Redundanz zu vermeiden, von der SED und parteilichen Stellen die Rede sein, so ist die Verquickung von Partei und Staat stets zu berücksichtigen.[4]

Die Forschungsliteratur zur Zeit vor dem Mauerbau ist relativ umfangreich, die qualitativ hochwertigen Monographien stammen aus den neunziger Jahren. Insbesondere die Dissertationen von Schäfer (1998) und Raabe (1995) sind zu nennen. Darüber hinaus sind die Materialien der Enquete-Kommission (1995) sehr aufschlussreich. Eine gute Quellenedition bietet Höllen (1994). Die letzte Monographie, die zum Thema erschienen ist, stammt von Ehm (2007), bietet jedoch bis auf wenige Ausnahmen keine Neuerungen.

Die Untersuchung ist grundsätzlich historisch-deskriptiv. Zunächst wird kurz die Ausgangssituation nach dem 2. Weltkrieg dargestellt (Kapitel 2). Im folgenden Abschnitt ist dann die Kirchenpolitik des SED-Staates (und der SMAD) das Thema (Kapitel 3), wobei zunächst der Marxismus-Leninismus als ideologische Grundlage (3.1), danach die Organisation der parteilich-staatlichen Kirchenpolitik (3.2) und schließlich die Strategien und Maßnahmen behandelt werden (3.3). Dieses Kapitel wiederum enthält eine zeitliche Struktur, es werden die Zeiträume 1945-1953 (3.3.1) und 1953-1961 (3.3.2) unterschieden. Daraufhin ist die katholische Kirche im Fokus (Kapitel 4), wobei aufbauend auf dem Selbstverständnis (4.1) die Strategien im Umgang mit den politischen Akteuren und Entscheidungen analysiert werden (4.2). Es folgt ein kurzer Abriss des weiteren Verlaufs der Kirchenpolitik gegenüber der katholischen Kirche bis 1989 (Kapitel 5), bevor im Fazit ein Urteil gefällt wird (Kapitel 6).

2. Die Ausgangssituation: Das spätere Gebiet der DDR und die katholische Kirche nach dem 2. Weltkrieg

Nach der bedingungslosen Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschlands lag das Land in Trümmern. Mit der „Berliner Deklaration“ übernahmen die Siegermächte in Deutschland die oberste Regierungsgewalt. Deutschland wurde in 4 Besatzungszonen aufgeteilt[5], die Befehlsgewalt in der sowjetischen Besatzungszone hatte seit dem 9. Juni 1945 die Sowjetische Militär-Administration in Deutschland (SMAD). Auf der Potsdamer Konferenz (7. Juli-2. August 1945) beschlossen die Sowjetunion, die USA und Großbritannien neben der Entmilitarisierung und Entnazifizierung auch die Gewährleistung der Rede-, Presse-, und Religionsfreiheit.[6]

Die Bevölkerung des Gebiets der späteren DDR ist seit der Reformation überwiegend protestantischen Glaubens. Im Jahr 1939 lag der Anteil der Katholiken bei nur 6,1 Prozent der Gesamtbevölkerung. Bis zum Jahr 1946 stieg er aufgrund der Flüchtlinge, die aus Russland kommen auf 12,2 Prozent.[7]

Auch die katholische Kirche in der SBZ hatte schwere Verluste erlitten. Nur 10 Prozent der Kirchen des Bistums Berlin blieben während des Krieges unversehrt[8], die katholische Presse sowie die katholischen Organisationen und Schulen existierten nicht mehr.[9] Priester und Ordensleute waren während der letzten Kriegshandlungen aber nicht Ziel von Angriffen.[10]

3. Die Kirchenpolitik des SED-Staates (und der SMAD)

3.1 Ideologische Grundlagen

Die Kirchen waren die einzigen Großorganisationen in der DDR, die nicht der SED unterworfen waren. Christlicher Glaube und die Erwartung des Reich Gottes widersprachen dabei „[…] dem weltanschaulichen Totalitätsanspruch des MarxismusLeninismus“[11], der auf materialistischem und atheistischen Fundament steht:

Der Marxismus-Leninismus unterscheidet sich grundlegend von allen anderen weltanschaulichen Systemen. Die Existenz irgendwelcher übernatürlicher Kräfte oder einer Schöpfung erkennt er nicht an. Er steht fest auf dem Boden der Realität der irdischen Welt. Der Marxismus-Leninismus befreit die Menschheit endgültig vom Aberglauben und von jahrhundertelanger geistiger Knechtschaft.[12]

Der Marxismus-Leninismus, in der DDR Staatsdoktrin[13], trägt dabei selbst religionsähnliche Züge, wie folgende gängige Losung zeigt: „Die Lehre von Marx und Lenin ist allmächtig, weil sie wahr ist.“[14] Auch die 10 Gebote sozialistischer Moral, die Walter Ulbricht auf dem V. Parteitag der SED vom 10. Bis 16. Juli 1958 verkündet, sind bewusst an die christlichen 10 Gebote angelehnt.

Die Partei verstand die Gesellschaft als Summe von Kollektiven und wollte so die Entwicklung der Individuen kontrollieren und beeinflussen.[15]

3.2 Organisation der Kirchenpolitik

Von 1945 bis 1949 lag die Verantwortung für die Kirchenpolitik bei den zuständigen Offizieren der SMAD, die keine einheitliche Kirchenpolitik verfolgte und in den ersten Nachkriegsmonaten „[…] ein relativ freundliches Verhalten den christlichen Kirchen gegenüber zeigte[n]“.[16]

Ab 1949 verschoben sich die Machtverhältnisse auch in der Kirchenpolitik zugunsten der regierenden SED. Auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus beanspruchte die Partei den alleinigen Führungsanspruch im Staat. So fanden sich auch auf dem Gebiet der Kirchenpolitik eine enge Verflechtung von Staats- und Parteiapparat und bis in die erste Hälfte der 50er-Jahre hinein Überschneidungen, Missverständnisse und Kompetenzstreitigkeiten.[17]

Erst in der zweiten Hälfte der 50er-Jahre konnte die SED die Zuständigkeiten stärker bündeln und so einen stärkeren Einfluss gewinnen. Während der gesamten Herrschaft der SED lag die oberste Entscheidungskompetenz im Politbüro, auch in der Kirchenpolitik spielte sie die entscheidende Rolle.[18] Die weiteren wichtigen mit Kirchenpolitik befassten Stellen sind jedoch weniger bekannt und werden deshalb im Folgenden in der Reihenfolge abnehmender Bedeutung vorgestellt.

3.2.1 Arbeitsgruppe Kirchenfragen beim ZK der SED

Bis Anfang der fünfziger Jahre gab es keine Abteilung, die explizit mit Fragen der Kirchenpolitik befasst war. Ab dem 3. Juni 1950 gab es innerhalb der Abteilung „Staatliche Verwaltung“ den Sektor „Kirchen und religiöse Sekten.[19]

Am 24. November 1954 wurde unter Leitung von Willi Barth die „Abteilung Kirchenfragen“ beim ZK der SED eingerichtet, die bald „Arbeitsgruppe Kirchenfragen“ genannt wurde und dem ZK-Sekretär und Politbüro-Mitglied Paul Wandel unterstand.

Die „Arbeitsgruppe Kirchenfragen“ war das wichtigste Organ, das explizit mit Kirchenpolitik beauftragt war. Dessen Aufgabe bestand in der „Zerschlagung“ der feindlichen Ideologien, der Intensivierung der gesamtdeutschen Arbeit unter Einbeziehung der „fortschrittlichen Kreise Westdeutschlands“ und der Kontrolle des Politbüro-Beschlusses „Die Politik der Partei in Kirchenfragen“.[20]

[...]


[1] Zitiert nach: Clemens Vollnhals: Die kirchenpolitische Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit. (BF informiert; Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der Ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, Abteilung Bildung und Forschung (BF); 16). Berlin 1997, S. 3.

[2] Vgl. Klaus Schroeder: Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR. München 2009, S. 387.

[3] Vgl. Vollnhals 1997, S. 3.

[4] Vgl. dazu auch Thomas Raabe: SED-Staat und katholische Kirche: politische Beziehungen 1949-1961. Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte: Reihe B, Forschungen; 70. Paderborn 1995, S. 49ff.

[5] Vgl. Bernd Schäfer: Staat und katholische Kirche in der DDR. Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung; 8. Köln 1998, S. 23.

[6] Vgl. ebd., S. 23.

[7] Vgl. Ulrich von Hehl, Wolfgang Tischner: Die katholische Kirche in der SBZ/DDR 1945-1989. In: Materialien der Enquete-Kommission ͣ ufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ (12͘ Wahlperiode des Deutschen Bundestages)͘ 9 Bände in 18 Teilbänden. Hg. vom Deutschen Bundestag. Baden Baden 1995, Band VI-1, S. 875-950, hier: S. 879.

[8] Vgl. Wolfgang Tischner: Katholische Kirche in der SBZ/DDR 1945-1951: die Formierung einer Subgesellschaft im entstehenden sozialistischen Staat. Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B, Forschungen; 90. Schöningh 2001, S. 58.

[9] Vgl. Walter Adolph: Kardinal Preysing und zwei Diktaturen: sein Widerstand gegen die totalitäre Macht. Berlin 1971, S. 270.

[10] Vgl. Tischner 2001, S. 58.

[11] Schroeder 2009, S. 474.

[12] Zitiert nach Raabe 1995, S.25. Raabe gibt als Verweis einen Aufsatz von Walter Kern an. Der Sammelband ͣ Marxismus, Christentum“ von Helmuth Rolfes (Hg͘), indem der ufsatz erschienen sein soll, ist im FU-Katalog und im KOBV nicht zu finden, sodass aus ͣzweiter Hand“ zitiert werden muss͘

[13] Vgl. Herbert Heinecke: Konfession und Politik in der DDR: das Wechselverhältnis von Kirche und Staat im Vergleich von evangelischer und katholischer Kirche. Leipzig 2002. Zugleich Magdeburg, Univ., Diss. 2001, S. 44.

[14] Schroeder 2009, S. 548.

[15] Ebd., S. 389.

[16] Wolfgang Knauft: Katholische Kirche in der DDR. Gemeinden in der Bewährung. 1945-1980. Mainz 1980.

[17] Vgl. Raabe 1995, S. 67.

[18] Zur Rolle des Politbüros vgl. Schroeder 2009, S. 397.

[19] Vgl. Raabe 1995, S. 54.

[20] Ebd., S. 56. Zum Politbüro-Beschluss vgl. auch Martin Höllen: Loyale Distanz? Katholizismus und Kirchenpolitik in SBZ und DDR; ein historischer Überblick in Dokumenten, Band 1 (1945-1955), Berlin 1994, S. 362-365.

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Details

Titel
Kirchenpolitik des SED-Staates 1945-1961 gegenüber der katholischen Kirche und deren Reaktion
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V269200
ISBN (eBook)
9783656602637
ISBN (Buch)
9783656602620
Dateigröße
658 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
kirchenpolitik, sed-staates, kirche, reaktion
Arbeit zitieren
Andreas Schlattmann (Autor), 2009, Kirchenpolitik des SED-Staates 1945-1961 gegenüber der katholischen Kirche und deren Reaktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269200

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