Dislokation und deren Funktion in Jean Paul Sartres "Huis Clos"


Hausarbeit, 2013
13 Seiten, Note: 13

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Dislokation
2.1. Linksversetzung des Subjektes
2.2. Linksversetzung des direkten Objektes
2.3. Rechtsversetzung des Subjektes
2.4. Rechtsversetzung des direkten Objektes

3. Huis Clos
3.1. Dislokationen des Subjektes in Huis Clos
3.2. Dislokationen direkter Objekte in Huis Clos

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„L’enfer, c’est les autres“[1]

Dies ist einer der bekanntesten Sätze aus der fünften Szene des von Jean Paul Sartre geschriebenen Theaterstücks Huis Clos. Er stellt die finale Erkenntnis Garcin’s dar, dass er nun nach seinem Tode in einem fensterlosen Raum eingesperrt mit zwei weiteren Frauen die Ewigkeit verbringen muss. Aufgrund seiner Sünden befindet er sich in der Hölle und nun müssen die drei Protagonisten miteinander auskommen. Am Ende jedoch findet Garcin heraus, dass eben diese Tatsache die Herausforderung darstellt. Denn die Hölle, das sind die anderen. Abgesehen von der großen semantischen Bedeutung dieses einfachen Satzes liegt das Besondere aber auch in seiner Struktur. Eine Struktur, die von der regulären französischen Satzstruktur (Subjekt, Verb, Objekt [SVO]) abweicht. Hier wird das direkte Objekt des Satzes (l’enfer) aus der normalen Satzstruktur isoliert und damit besonders betont. An die Stelle des Objektes tritt in der Folgeäußerung der Demonstrativbegleiter ce. Ein nach der SVO-Struktur folgender Satz würde lauten: Les autres sont l’enfer. Doch mit der oben gewählten Struktur gelingt es Sartre die Bedeutung der Erkenntnis zu verstärken und somit das Stück inhaltlich zu einem Ende zu bringen. Linguistisch betrachtet gelingt ihm dies, durch das Linksversetzen des direkten Objekts. Dieses Phänomen ist relativ häufig im mündlichen Sprachgebrauch vorzufinden und nennt sich in der Fachsprache Dislokation oder Links-/ Rechtsversetzung.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich im Rahmen der französischen Sprachwissenschaft ausführlich mit dem Thema Dislokation und deren Funktion in Jean Paul Sartres Werk Huis Clos. Der erste Teil wird sich mit den theoretischen Grundlagen und einer genauen Analyse der vier möglichen Dislokationsarten beschäftigen. Diese Grundlagen werden dann im zweiten Teil an Hand von Sartres Werk Huis Clos zur Anwendung gebracht. Dies geschieht unter Zuhilfenahme von Stefan Barmes Gesprochenes Französisch, Ludwig Söll‘s und Franz Joseph Hausmann’s Gesprochenes und geschriebenes Französisch und Reumuths und Winkelmanns Praktische Grammatik der französischen Sprache. Die folgenden Ausführungen orientieren sich inhaltlich an den erwähnten theoretischen Werken.

2. Die Dislokation

Im gesprochenen Französisch gibt es oft Situationen, in denen man bestimmte Elemente einer Aussage besonders betonen möchte oder sich Zeit verschaffen möchte, um den weiteren Satz zu formulieren. Der Grund dafür ist, dass die gesprochene Sprache eine spontane Sprache ist und von daher eine hohe emotionale Beteiligung mit sich bringt. Das Bilden so genannter Hervorhebungsstrukturen geschieht somit schon fast automatisch, wenn ein spezielles Thema den Sprecher besonders interessiert oder besonders berührt. In der Sprachwissenschaft spricht man hier von der Segmentierung von Sätzen, der Dislokation.

In den meisten Fällen wird eine mündliche Äußerung deswegen „nicht grammatikalisch vorgeplant“[2], was zu Hervorhebungsstrukturen führt. Bei der Dislokation im speziellen wird „[e]in « actant » oder Vorgansbeteiligter (Subjekt, Objekt) […] aus dem Satzrahmen herausgelöst und isoliert, an seine Stelle tritt im Satzrahmen ein Pronomen“.[3] Durch diese Art der Segmentierung schafft sich der Sprecher eine Atempause, in der er überlegen kann, wie er die Äußerung weiter aufbaut. Allerdings zwingt dies nun den Sprecher dazu „von diesem Schlüsselwort aus den Satz aufzubauen“.[4] Dies ist besonders der Fall bei der dislocation à gauche ‚Linksversetzung‘. Denn durch das Voranstellen des Subjektes oder des direkten Objektes, stellt der Sprecher das Thema an die Spitze des Satzes und konstruiert die Folgeäußerung um das Thema herum. Das daraus entstehende Resultat ist eine Thematisierung oder nachträgliche Verdeutlichung des isolierten Fragments.

Allgemein ist anzumerken, dass das Dislozieren eines Satzteiles aus der Satzstruktur, die nicht mehr „alle Konstituenten syntaktisch vollständig integriert“[5], „sondern nur mehr eine « connexion sémantique indirecte »“[6] ‚eine indirekte semantische Verbindung‘ aufweisen kann. Man kann die Dislokation aber rückgängig machen, indem man das dislozierte Element wieder integriert. Die Dislokation wird allerdings bevorzugt verwendet, denn sie dient primär der thematischen Verknüpfung um Ambiguitäten zu vermeiden.

« Ce livre, je le connais. »

Betrachtet man dieses Beispiel wird das oben Erwähnte deutlich. Durch das Voranstellen des direkten Objektes ce livre ‚das Buch‘ zum Thema des Gesagten. Um die korrekte französische Satzstruktur in der Folgeäußerung dennoch beizubehalten, tritt an die Stelle des direkten Objektes der Artikel le. Implementiert wird hierbei, dass das Objekt ‚das Buch‘ bereits vorher erwähnt wurde. Es wird somit ein bereits bekannter Gegenstand thematisiert, während die Folgeäußerung weitere neue Informationen über diesen Gegenstand gibt.

Besonders oft ist die Dislokation in niederen Registern wie dem français familier zu finden, da es eines der français relâchés darstellt, bei dem man der grammatikalischen Korrektheit weniger Aufmerksamkeit widmet, als der puren Kommunikation mit anderen Individuen. Das français familier ist spontan und oft in alltäglichen Konversationen zwischen Menschen auf dem Arbeitsplatz, auf der Straße oder bei der Familie zu finden. Selbst Filme bedienen sich oft dieses Registers. Diese Fälle stellen alle Situationen des gesprochenen Französisch dar. Es wird also deutlich, dass Dislokationen hauptsächlich im gesprochenen Französisch anzutreffen ist.

2.1. Die Linksversetzung des Subjektes

Die Linksversetzung des Subjektes stellt eine „Wiederaufnahme des dislozierten Elements in Form eines koreferenten und kongruenten Personalpronomen“[7] dar. Das Subjekt wird also aus dem Satz isoliert und vorangestellt. Es ist nicht länger vollständig in die Folgeäußerung integriert. An die Stelle des Subjektes tritt ein Personalpronomen. So wird die normale SVO-Struktur wieder aufgenommen.

« La voiture, elle est nouvelle. »

Diese Hervorhebungsstruktur weißt eine spezielle Informationsstruktur auf. Zunächst wird das Thema des Satzes genannt, das Subjekt. Im Anschluss folgt die neue Information. Man hat eine Thema-Rhema Folge, die dazu dient, das Subjekt zu betonen. Es gibt im Vergleich zu der regulären SVO-Folge eine Änderung der Intonation. Die Betonung liegt bei der Aussprache auf dem Subjekt, d.h. zu Beginn des Satzes.

Weiterhin ermöglicht die Nutzung einer Dislokation in der gesprochenen Sprache eine Pause zum Nachdenken, wie man den nachfolgenden Satz strukturiert. Denn die gesprochene Sprache ist eine spontane Sprache, bei der man sich nicht die Zeit nehmen kann alles genau zu formulieren. Es muss schnell und präzise formuliert werden. Aus diesem Grund kommt es oft zu Linksversetzungen in der gesprochenen Sprache, da man das Thema zuerst nennt und anschließend dieses weiter erläutert

[...]


[1] Sartre, Jean Paul, Huis Clos, Stuttgart, Ernst Klett Sprachen GmbH, 1981, S. 50

[2] Söll, Ludwig, Gesprochenes und geschriebenes Französisch, Erich Schmidt Verlag, 3.Auflage, 1985, S. 153

[3] Söll, Ludwig, Gesprochenes und geschriebenes Französisch, Erich Schmidt Verlag, 3. Auflage, 1985, S.148

[4] Söll, Ludwig , Gesprochenes und geschriebenes Französisch, Erich Schmidt Verlag, 3. Auflage, 1985, S.154

[5] Barme, Stefan, Gesprochenes Französisch, Berlin/Boston: Walter de Gruyter GmbH, 2012, S. 56

[6] Söll, Ludwig, Gesprochenes und geschriebenes Französisch, Erich Schmidt Verlag, 3. Auflage, 1985, S.149

[7] Barme, Stefan, Gesprochenes Französisch, Berlin/Boston: Walter de Gruyter GmbH, 2012, S. 57

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Dislokation und deren Funktion in Jean Paul Sartres "Huis Clos"
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
13
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V272057
ISBN (eBook)
9783656634621
ISBN (Buch)
9783656634614
Dateigröße
710 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dislokation, funktion, jean, paul, sartres, huis, clos
Arbeit zitieren
Nicole Grebe-Grotefend (Autor), 2013, Dislokation und deren Funktion in Jean Paul Sartres "Huis Clos", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272057

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