Denken, Moral und kulturelle Evolution

Zum Ursprung der Moral in kulturellen Praktiken und der Bedeutung von Emotionen


Hausarbeit, 2011
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Gut oder böse - was ist der Mensch?
1.1 DieFassadentheorie
1.2 Die naturalistische Theorie der menschlichen Moral
1.3 Die'Natur desMenschen'

2 Modell eines individuellen Lernprozesses

3 Der Weg zur Moralität
3.1 Voraussetzungen fürMoral
3.2 Moralfähigkeit bei Menschen und nichtmenschlichen Primaten

4 Die ’Verführung’ zur Unmoralität
4.1 Zähmung der Emotionen durch Verwandlung in Signale
4.1.1 Emotionale Muster und Problemlöseverhalten
4.1.2 Gefestigte Muster und Pessimismus
4.1.3 Beobachtung und Schlussfähigkeit
4.2 Prävention unmoralischen Handelns

Zusammenfassung

Anhang

Literaturverzeichnis

Einleitung

"Eine Million geheime Papiere findet man auf der umstrittenen Intemetseite „Wikileaks“ [...] Besonders viele handeln von einer Schweizer Bank, von Geldwäsche und einem Bankier, des - sen Familie verfolgt wird."1 Ob es sich um Dokumente auf den Wikileaks-Servern handelt, um Vorwürfe gegen den FIFA-Verband2, den Seitensprung vom Partner oder Vertrauensmiss­brauch unter Freunden; immer wieder werden wir mit Korruption, Verbrechen, 'Lug und Trug' konfrontiert. „Wie kann ein Mensch nur so etwas tun?“, „Das muss an der Erziehung liegen!“ o.ä. Äußerungen fallen nicht selten in diesem Kontext.

Verändern wir uns zu einem Wesen, für das Moral bald nur ein Überrest der Vergangenheit ist? Eine derartige Entwicklung wird wohl der Großteil aller Menschen bestreiten wollen. Warum also handeln wir moralisch, bzw. unmoralisch? Die vorliegende Arbeit soll den Ver­such darstellen, eine mögliche Antwort auf diese Frage zu finden. Aus den Erkenntnissen der Untersuchung erhoffe ich eine Aussage über Gründe für das zuweilen 'schlechte'3 Handeln der Menschen treffen zu können und ob man diesem präventiv begegnen kann.

Zu Beginn werde ich mich mit der Natur des Menschen auseinander setzen. Es unterscheiden sich zwei grundlegende Ansichten: Der Mensch ist a) schlecht und b) gut. Beide haben mit Problemen zu kämpfen, wenn es um die Erklärung des zuweilen moralisch gegensätzlichen Verhaltens menschlicher Individuen geht. Deshalb werde ich den Ausdruck „von Natur aus“ eingehender betrachten. Anschließend stelle ich ein Modell vor, das die menschliche Natur in über Jahrmillionen weitergegebenen kulturellen Fürsorge- und Pflegepraktiken lokalisiert. Diese Theorie wird eine Grundlage dieser Arbeit sein. Um sie unter moralischen Aspekten be­trachten zu können, ist es notwendig zunächst die Voraussetzungen für Moral zu erarbeiten. Darauf aufbauend möchte ich herausfinden, ob auch nichtmenschliche Primaten schon zu Mo - ral fähig sind, bzw. was sie vom Menschen oder der menschlichen Moral unterscheidet. Schließlich werde ich darauf zu sprechen kommen, wie es dazu kommen kann, dass Men­schen zuweilen gut, bzw. schlecht handeln. Die Ergebnisse der Arbeit werden zusammenfas­send dargelegt. Für einen besseren Überblick wird die genaue Vorgehensweisejedem Kapitel vorangestellt.

1 Gut oder böse - was ist der Mensch?

Die Natur des Menschen ist eines der zentralen Themen des Buches Primaten und Philoso­ phen. Eine der vorgestellten Theorien geht davon aus, dass der Mensch im Grunde schlecht ist; die andere behauptet das Gegenteil. Ich werde beide vorstellen und anschließend ein grundlegendes Problem diskutieren, dem diese Hypothesen ausgesetzt sind. Für ein besseres Verständnis muss der bei de Waal so oft benutzte Begriff der Natürlichkeit näher untersucht werden. Diese Trennung von Bedeutungen ist eine notwendige Voraussetzung für die Suche eines spezifischen Ansatzes.

1.1 DieFassadentheorie

Der ersten von de Waal postulierten Theorie zu Folge ist der Mensch von Natur aus egoistisch und schlecht. Die so genannte Fassadentheorie erklärt das zuweilen gute, moralische Handeln als Fassade, die über einem natürlich schlechten, unmoralischen Kern liegt.4 Eine Version die­ser Hypothese ist der Gesellschaftsvertrag, welcher eine Selbstbeschränkung der Menschen darstellt, um „die Vorsorge für ihre Selbsterhaltung und dadurch für ein zufriedenes Leben“5 zu sichern. Der Mensch ist von Natur aus freiheits- und herrschaftsliebend, weshalb er sich in einem natürlichen Kriegszustand befindet. Diesem kann er nur entkommen, wenn es eine sichtbare Macht gibt, um ihn durch Furcht vor Strafe an die Erfüllung des Vertrages zu bin­den.6 Der Kontrakt verkörpert hierbei die Fassade.

1.2 Die naturalistische Theorie der menschlichen Moral

Die Fassadentheorie ist für de Waal unhaltbar, da eine Erklärung fehlt, welche die Quelle der Fassade des Guten ausmacht. Davon ausgehend nimmt er an, dass Menschen von Natur aus gut sind. „Unsere »gute Natur« haben wir [...] von unseren nichtmenschlichen Vorfahren durch den normalen darwinistischen Prozess der natürlichen Auswahl ererbt.“7 Anhand von Beobachtungen verschiedener Primaten versucht de Waal die Theorie, das Gute sei real und dass „die Moralität des Menschen und die seiner Verwandten einen gemeinsamen Ursprung haben“8, zu begründen.

1.3 Die 'Natur des Menschen'

Die Eingangs angeführten Beispiele sind nur ein geringer Teil dessen, was täglich in den Medien berichtet wird. Stets tauchen neue Schlagzeilen auf, welche von unmoralischen Hand­lungen berichten, die von 'moralisch guten' Menschen ausgeführt wurden.9 Eine Theorie, die das moralische Handeln als eine Art Fassade darstellt, scheint daher intuitive Attraktivität inne zu haben. Aufgrund der Erschrockenheit und Überraschung, die mit den oben genannten Be­richten einhergehen, mutet es an, dass die Natur des Menschen als 'gut' angesehen wird. Denn ginge man vom Gegenteil aus, wäre die Verwunderung über solche Medienbeiträge wohl um einiges geringer. Kann der Mensch überhaupt von Natur aus gut oder böse sein? Diese Frage impliziert eine differenziertere Auseinandersetzung mit dem Begriff der Natürlichkeit.

Eine erste Möglichkeit der Interpretation des Ausdrucks „von Natur aus“ ist eine ausschließ­lich von biologischen Faktoren determinierte, d.h. auf Gene zurückführbare, Sichtweise. Die - se Version scheint unhaltbar zu sein, da folglich 'schlechtes' bzw. 'gutes' Handeln einen Wider - spruch zur menschlichen Natur darstellen würde; aufgrund unserer 'guten' bzw. 'schlechten' Gene unmöglich wäre. Die zweite mögliche Betrachtungsweise schließt genetische Vorausset­zungen zwar nicht aus, die Hauptursache des Wesens der Menschen liegt allerdings irgendwo anders, d.h. außerhalb einer biologischen Determiniertheit. Daher ist sie mit dem Phänomen, dass 'gute' Menschen zuweilen 'schlecht' handeln, verträglich. Ist unser Wesen nicht in unse­ren Genen verankert, scheint temporär gegensätzliches Verhalten möglich zu sein.

Auf den aufgeführten Gründen basierend nehme ich an, dass der Mensch von 'Natur aus gut' ist und beziehe mich in der weiteren Untersuchung damit auf die zweite Deutungsmöglichkeit dieses Ausdrucks.

Was bestimmt unser menschliches Wesen, wenn nicht die Gene? Eine mögliche Antwort se­hen der Kinderpsychiater und Psychoanalytiker Stanley I. Greenspan und der Philosoph und Psychologe Stuart G. Shanker in kulturellen Fürsorge- und Pflegepraktiken, die über Jahrmil­lionen10 von verschiedenen Spezies und von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurden.11 Zweifelsohne ist ein Kind seiner Umgebung ausgesetzt und interagiert mit ihr. Da - durch lernt es von Grund auf, was 'gut' bzw. 'schlecht' ist. Aufgrund ihrer Bedeutung für den Fortgang der Arbeit, möchte ich diese Theorie näher betrachten.

2 Modell eines individuellen Lernprozesses

Das Modell Greenspan/Shankers bezieht sich nicht vordergründig auf moralische Aspekte. Sie beschäftigen sich mit der Entstehung menschlichen Denkens im Kontext emotionaler Interak­tionen. Denken und Moral liegen jedoch nahe beieinander, sodass die Entwicklung des einen durchaus auch einen Einblick in die Entwicklung des anderen geben kann.

„[Die] emotionalen Fähigkeiten sind insofern »funktional«, als sie das Kind befähigen, mit seiner Welt zu interagieren und sie zu erfassen.“12 Daher sprechen Greenspan/Shanker von funktionalen/emotionalen Entwicklungsebenen.13 Genetische Voraussetzungen spielen dabei zwar eine entscheidende Rolle, denn das Gehirn und das damit gegebene Nervensystem stel- len ein großes Potenzial für entwicklungsspezifische Eigenschaften bereit, das aber ein hohes Maß an emotionalen Interaktionen bedarf, um zu neuen (höheren) Fähigkeiten und neuem Po - tenzial zu führen.14 Emotionale Interaktionen sind der „Treibstoff“ für die Entwicklung des Menschen. Durch sie wird er mit neuen Erfahrungen konfrontiert, steht neuen kognitiven Her - ausforderungen gegenüber. Aufjeder f/e-Ebene kann das Kind seine emotional aufgeladenen Erfahrungen zu einer höheren Ebene transformieren. Zu beachten ist, dass die fntensivitätje - ner Emotionen bei jedem Individuum verschieden ist und auch die breite der Erfahrungen auf jeder Ebene variiert.

Dies möchte ich anhand des Eiffelturms veranschaulichen. Jede Ebene baut auf der anderen auf, vom großflächigen Grund des Turmes bis zu seiner Spitze. Um optimale Erfahrungen auf einer Ebene zu machen, müsste man jeden einzelnen Zentimeter ablaufen. Hier wird deutlich, dass nur sehr wenige Menschen, wenn überhaupt, das ganze Spektrum jeder Stufe erfassen können. Nun gibt es die Möglichkeit, die Treppe oder den Aufzug zu nutzen, um die nächste Plattform des Gebäudes zu erreichen. Der Fahrstuhl ist der schnellere Weg, die Treppe erlaubt es, eine größere Fläche des Turmes zu „erfahren“. Hier wird die spezifische fntensivität, Er­fahrungsbreite und Dauer des Verbleibs auf einer Ebene deutlich. Es ist wichtig, diesen indivi­duellen Aspekt im Gedächtnis zu behalten.

Bevor ich mich den f/e-Ebenen im Speziellen zuwende, muss noch der Begriff des Dualen Kodes erklärt werden. Die emotionale Aufladung von Erfahrungen meint die Zuordnung einer physischen Wahrnehmung zu einer Emotion. „So kann sich ein Handtuch weich und ange­nehm anfühlen oder rauh und unangenehm; [...] eine Stimme laut und einladend oder absto­ßend [sein].“15 Sinneswahmehmungen besitzen physische Merkmale (bspw. glatt, groß, laut) und emotionale Qualitäten (bspw. beruhigend, erfreulich, entspannend). Erlebtes wird auf die - se Art emotional kodiert. „[Dies] erlaubt dem Kind nicht nur, fürjede Erfahrung und die da - mit verbundene Erinnerung in mentalen »Katalogen« von Phänomenen und Gefühlen »Quer- verweise« herzustellen, sondern sie auch bei Bedarf zu rekonstruieren.“16

Auf der ersten f/e-Stufe lernen Säuglinge, die äußere Welt mit Hilfe von einfachen Mustern wahrzunehmen. In dieser Zeit ist es besonders wichtig, dass Bezugspersonen in den Eltern/Kind-Interaktionen angenehme sinnliche Eindrücke vermitteln, um das Interesse des Kindes an der es umgebenden Welt zu wecken.17 Später entwickelt das Kind zunehmend die Fähigkeit Dinge, die es über die Sinne wahrnimmt „und Muster zu unterscheiden, wie bei­spielsweise den Unterschied zwischen der Stimme der Mutter und des Vaters.“18 Liebevolle Anregungen machen bestimmte Personen immer interessanter für das Baby. Auf der zweiten Ebene lernt es, zwischen menschlichen Freuden und Lüsten und unbelebten Din­gen zu differenzieren. So beginnt nun eine engere Beziehung zwischen Bezugsperson und Kind, die ein Empfinden spezieller »menschlicher Gefühle« zur Folge hat.

Auf Stufe drei des f/e-Modells schreitet diese Verbindung zu gegenseitigem emotionalen Si­gnalisieren fort. Durch ko-regulierte emotionale Kommunikation19 können jetzt Intentionen übermittelt werden. „Der Beginn von »kausalen« (logischen) Interaktionen - wenn das Kind [..] absichtlich lächelt, um ein Lächeln zurückzubekommen [...] oder nach der Nase des Va­ters greift, weil dann ein lustiger »Tüüt-tüüt«-Laut ertönt - bedeutet, dass von nun an bei al­lem neuen Lernen Kausalität und Logik eine Rolle spielen können.“20

Eckpunkte in der Entwicklung sind die Fähigkeiten, zu signalisieren, Emotionen zu regulie­ren, Symbole zu bilden, logisches und reflexives Denken. Die Vorgänge auf den ersten drei Ebenen geben einen Einblick in die Art und Weise, wie diese Fähigkeiten durch immer spezi­fischere Transformation emotionaler Interaktionen hervorgebracht werden können.21

[...]


1 Thiel, Thomas in: Internet-Aufklärer "Wikileaks": Diese Dokumente bergen Sprengstoff - Debatten - Feuilleton - FAZ.NET (Stand 10.12.2010)

2 Vgl. Ashelm, Michael in: Fifa-Skandal: Wieder geht es um Korruption - Fußball - Sport - FAZ.NET (Stand 10.12.2010)

3 Eine genaue Definition von gut/schlecht kann hier nicht gegeben werden. Ich verstehe das Gute/Schlechte als das, was in dem Moralsystem der betreffenden Gruppe allgemein als gut/schlecht verstanden wird.

4 Vgl. de Waal, 2008, S.9f.

5 Hobbes, 1996, S.141

6 Vgl. ebd.

7 de Waal, 2008, S.10

8 ebd.

9 In den Medien kursieren oft Mordberichte, in denen Angehörige oder Nachbarn des Täters beteuern, wie 'gut' dieser doch war und dass man sich solch eine Tat nicht erklären könne.

10 Eine vereinfachte Darstellung der menschlichen Evolution findet sich bei Tomasello, siehe Anhang, Abb. 1

11 Vgl.Greenspan/Shanker, 2007, S.14

12 Greenspan/Shanker, 2007, S.59

13 Im Folgenden verwende ich die Abkürzung „f/e-Ebenen“; Ein Überblick befindet sich im Anhang (Abb. 2).

14 Vgl. Greenspan/Shanker, 2007, S.213

15 Greenspan/Shanker, 2007, S. 62; Ergänzungen von mir

16 Greenspan/Shanker, 2007, S.64; Ergänzungen von mir

17 Vgl. Greenspan/Shanker, 2007, S.61f.

18 ebd.

19 Damit ist die wechselseitige Kommunikation zwischen Bezugsperson und Kind gemeint, die sich in dem Sinne reguliert, dass emotionale Signale eine Reaktion im Gegenüber auslösen, die wiederum eine Emotion im Signal gebenden Subjekt auslöst.

20 Greenspan/Shanker, 2007, S.66

21 Zur Transformation auf den anderen Ebenen siehe Anhang. Ich habe diese ersten Ebenen hier angeführt, um ein Verständnis davon zu vermitteln, welcher Gedanke sich hinter dem Modell von Greenspan/Shanker verbirgt.

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Details

Titel
Denken, Moral und kulturelle Evolution
Untertitel
Zum Ursprung der Moral in kulturellen Praktiken und der Bedeutung von Emotionen
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Evolution und Ethik
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V272344
ISBN (eBook)
9783656636311
ISBN (Buch)
9783656636304
Dateigröße
6264 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
denken, moral, evolution, ursprung, praktiken, bedeutung, emotionen
Arbeit zitieren
Enrico Bohun (Autor), 2011, Denken, Moral und kulturelle Evolution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272344

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