Film Farsi. Der Film und die Gesellschaft Irans


Seminararbeit, 2004
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

Vorwort

I Politischer Hintergrund der Filmkultur Irans
Das iranische Kino und die islamische Revolution
Filmpolitik und Filmzensur im Iran
Politische Entwicklungen des Landes mit Auswirkung auf den Film

II Charakteristische Merkmale des iranischen Films
Der Film und die Kultur Persiens
Auffallende Stilmittel
Typische Themen

III Iranische Filme und die großen Macher
Filmbeispiele des iranischen Films
Kurz-Porträt 1: Abbas Kiarostami
Kurz-Porträt 2: Mohsen Makhmalbaf

IV Schlusswort – Das Komplex der iranischen Gesellschaft
Die Bedeutung und der Umgang mit dem Medium Film
Die neue iranische Generation und der neue iranische Film

Literaturverzeichnis

Vorwort

Diese Arbeit sah sich berufen, einen Überblick auf das breite Thema des neuen iranischen Films zu verschaffen, nicht zuletzt auch angetrieben durch das Eigeninteresse des iranischen Verfassers. Da das iranische Kino aber stark mit der Gesellschaftspolitik und den kritischen Ansichten der Iraner verknüpft ist, ist es unumgänglich auch über die wichtigsten geschichtlichen Bereiche der Politik und der sich wandelnden Gesellschaft zu berichten, um iranische Filme in ihrem Wesen besser durchleuchten zu können. Die persönliche Erfahrung über den Wandel der Gesellschaft ist auf die beiden durchgeführten Reisen zurückzuziehen, zwischen denen elf Jahre lagen, so dass dieser Gesellschaftswandel, nicht nur bezogen auf die Rolle der neuen selbstbewussten iranischen Frau oder den Wandel des immer dünner und offener werdenden Tschadors, sich sehr deutlich zu erkennen gab. Die offen demonstrierten, mittlerweile fast selbstverständlich wirkenden Liebesbeziehungen der jungen nicht verheirateten Iraner lassen vermuten, dass bei gleich bleibender Geschwindigkeit der Entwicklung schon in weiteren elf Jahren, nicht nur ein langer Kuss in der Öffentlichkeit möglich wäre, sondern auch das Verbot des Alkoholkonsums diskutierbar oder gar der Sinn der Kopftuchpflicht überdacht werden könnte.

Der Film im Iran gibt, wie jede Kunst überall sonst auch, die Gefühlslage der Nation wieder. Er ist ein Spiegel, ein Messinstrument, aber durch die Einschränkungen der Pressefreiheit auch Teil der vierten Machtsäule des Landes, die wie die Presse zur Kritik verpflichtet ist und sie auch ausübt, obwohl man es ihr in dieser Kultur vorwegzunehmen zu wollen scheint. Es gibt viele Beispiele dafür, dass iranische Filme die seelische Lage der Gesellschaft zeigen, dabei in einem für den Staat erträglichen Grad soziale Kritik leisten und schier ganz nebenbei Zuschauer der ganzen Welt unterhalten, gewiss auf einer intellektuellen Ebene. Nicht umsonst floriert seit den 90er Jahren der iranische Film so erfolgreich auf den internationalen Filmfestspielen der Welt. Sie treffen den Nerv der Zeit, während sie sich im Rahmen des Möglichen bewegen müssen, um produziert werden zu können. Im Iran kritische Filme zu produzieren gleicht einer Gradwanderung. Die darauf zurückzuführende Problematik der Selbstzensur ist dabei natürlich immens. So bleiben Sozialkritiken stets in einer sanften Tonart, aber dennoch unüberhörbar.

In „Baran“[1] („Regen“) beispielsweise entdeckt der Bauarbeiter Latif („sanft“), dass sein afghanischer Kollege Rahmat, der seinen illegal eingewanderten Vater ersetzen muss, ein Mädchen ist und Baran heißt. Schnell verliebt er sich in sie, und ebenso schnell kommen die ersten Probleme auf. Latif beginnt sein Leben und seine Situation aus einer neuen Perspektive zu betrachten und so wie der Neubau in die Höhe wächst, so gewinnt er Stück für Stück Erkenntnisse, die sein Leben verändern. Daher entwickelt sich die Beziehung zwischen Baran und Latif nur zu einer rein platonischen Liebe, so wie das Wetter im Film, das kaum Platz für heilsames Sonnenlicht bereithält und „Baran“, der Regen also, allein weiterziehen muss. In „Der Geschmack der Kirsche“[2], der kurz vor der Präsidentschaft Chatamis produziert wurde, versucht Herr Badii jemanden zu finden, der ihn nach seinem Suizid begräbt. Unter dem Gesichtspunkt, dass Selbstmord in der Islamischen Republik, wie auch in der katholischen Kirche, eine Sünde ist, fordert der Film provozierend die universelle Freiheit und traf zeitlich genau die Wünsche des Volkes[3]. Herr Badii, der Protagonist dieses Films, ist dem Leben überdrüssig und sagt „Allah ist gütig und will uns das Leben nicht aufzwingen, daher hat uns Allah die Möglichkeit des Selbstmords offen gelassen“. Herr Badii verabschiedet sich von einer Ära, die ihm den Lebensmut genommen hat.

I Politischer Hintergrund der Filmkultur Irans

Das iranische Kino und die islamische Revolution

Nicht zuletzt durch die kulturelle Umbildung in der Folge der islamischen Revolution 1978/79, ist der starke Einfluss der Politik Irans auf seine Filmkultur deutlich zu erkennen. Anders als das Taliban-Regime in Afghanistan, das 15 Jahre später das Verbot des Films per se diktierte, sollte sich in der neu entstandenen Islamischen Republik naturgemäß ein neues islamisches Kino im Iran entwickeln. Durch die Umgestaltung der Ideologien lässt sich eine charakterliche Verschiebung der Merkmale des iranischen Kinos feststellen. Dies hatte zwar starke Einschränkungen der Filmkünstler zur Folge, unter denen heute noch Filmschaffende leiden. Diese Umgestaltung verhalf dem iranischen Kino aber auch an einer wirtschaftspolitischen Grundlage für kulturelle Qualität.

In der vorrevolutionären Zeit war der iranische Film vorwiegend vom Mainstream aus dem Westen geprägt. Er musste vergeblich versuchen, mit Filmen aus Hollywood zu konkurrieren, die in den iranischen Kinos neben einigen indischen Produktionen fast ausschließlich zu sehen waren. Durch die starke Dominanz der US-amerikanischen Filmindustrie ergab sich eine einheitliche Filmkultur, die den einheimischen Filmen keine finanzielle Aussicht geben konnte, sich kulturell distanzieren und entfalten zu können. So waren qualitative Höhepunkte des iranischen Kinos nur vereinzelt wahrzunehmen und infolgedessen brach schließlich die einheimische Filmkultur Mitte der 70er Jahre wirtschaftlich zusammen. Die ausweglose Situation hatte ihre Ursache in den internationalen Medienkonzernen, denn „gefangen im ausgebauten Netz des kommerziellen Denkens von Seiten ausländischer Filmproduktionen, konnte das iranische Filmschaffen nie jenes kulturelle Wachstum erreichen, das als Basis für eine wirtschaftliche Unabhängigkeit hätte dienen können“[4].

Die Revolution stellt einen klaren Wendepunkt in der Filmgeschichte des Landes dar. Die Rückbesinnung auf die kulturelle Identität und die Stärkung der kulturellen Eigenständigkeit Irans war ein erklärtes Ziel der islamischen Revolution. Der kulturelle und wirtschaftliche Aufschwung der Filmkultur durch eine selbständige Filmindustrie ließ jedoch zunächst auf sich warten. Zwar konnte die Kolonialisierung der Kulturwirtschaft Irans durch internationale, meist US-amerikanische, Medienunternehmen durch entsprechende Gesetzgebung beendet werden, jedoch mussten einige Jahre verstreichen, bis die Ideologien der neu entstandenen Islamischen Republik in der Filmpolitik festgesetzt und präzise formuliert worden waren. Erst ab etwa 1983 konnten Unklarheiten, gegensätzliche Haltungen und Verwirrungen bei der praktischen Filmarbeit beiseite geräumt werden.

Die Einfuhr ausländischer Filme wurde zunächst unterbunden und später staatlich kontrolliert. Sie verläuft heute seit ihrer Gründung 1983 ausschließlich über eine halbstaatliche Institution (der Farabi Cinema Foundation), die einige wenige ausländische Produktionen importieren lässt. Den ausländischen Produktionen galt außerdem eine Erhöhung der Einfuhrsteuer um 5%, während die staatlichen Abgaben bei einheimischen Filmen um 15% gesenkt wurden[5]. Auch das Kinoprogramm wird seitdem staatlichen geregelt, wonach sich einheimische Produktionen auf ihren Vorrang in Qualität und Quantität der Säle sicher sein können. Seit Mitte der 80er Jahre besteht die Regelung, dass für jede vierte einheimische Produktion, ein ausländischer Film importiert werden darf. Das motiviert die eigene Filmwirtschaft und beugt sich zugleich dem Druck des Publikums, mehr ausländische Filme zu zeigen.

Filmpolitik und Filmzensur im Iran

Während der Monarchie verfolgte die Gesellschaftspolitik des Landes den Einklang mit den sozialen und kulturellen Lebensarten des Westens. In diesem Prozess der „Verwestlichung“ der Kultur wurden unter dem Pahlavi-Regime vulgäre Filme und Darstellungen von körperlicher Freizügigkeit filmisch gebilligt. Unter strikter Zensur hielt das Regime hingegen Bilder von Armut im eigenen Land. Dies widersprach dem westlich orientierten Kurs der Regierung, das den Fortschritt und die Entwicklung des Landes propagierte.

Während sich der Schah aber in der Stabilität seiner Macht sicher glaubte, durften in den letzten Jahren dieser Ära trotzdem einige sozialkritische Filme produziert werden, die erst nach langer Zurückhaltung vorgeführt wurden. Dennoch machten sich die Anfänge der Revolution langsam bemerkbar. Im Sommer 1978 wurde in Abadan ein großes Kino royalistischen Stils von drei befreundeten Revolutionären in Brand gesetzt. Dieser Akt, der 300 Zuschauern das Leben kostete, war Auftakt zu etwa hundert weiteren Verwüstungen von Filmtheatern und wird oft symbolisch mit dem Untergang der Freiheit im iranischen Film verstanden, die auch zeitlich die Anfänge der Revolution datiert.

In den Jahren nach der Revolution, die von komplizierten Verwirrungen durch verschiedene Fraktionen geprägt waren, hat sich vor allem eine konsequente Islamisierung der Filmkultur durchgesetzt, die strenge Moralvorschriften mit sich trug. Der Staat behält sich seither vor, Filme freizugeben, die nicht den islamischen Wertevorstellungen und Zielen gerecht werden. Darunter haben Filmschaffende nach Zensuren ihrer Werke auch langfristig darunter zu leiden. Sie wurden in Abhängigkeit ihres letzten Films in drei Einstufungen kategorisiert, wonach Filmemacher der Kategorie A behördlich unterstützt, der Einstufung B kontrolliert und die der Einteilung C bürokratisch belastet wurden. Noch heute muss nach der Produktion eine Aufführgenehmigung eingeholt werden und nach wie vor wird das Grundprinzip dieses Einstufungssystems angewandt. Seit Gründung der Islamischen Republik gelten für Filmschaffende vor allem drei Bereiche als gefährlich: Politik, Ideologie, und Intimität.

Allerlei Darstellungen, die die islamische Republik kritisiert oder in Frage stellt, wird bei den Zensoren sehr skeptisch gesehen. So wurden gemäß der Zeitschrift „Film“ von 1986 Filme aus folgenden politischen Gründen verboten[6]:

- Verfälschte Darstellung der Kämpfe oder des Charakters der islamischen Revolution
- Schädliche Propaganda für gottlose, linke und marxistische Gruppierungen
- Offene Propaganda für das verdorbene Pahlavi-Regime
- Verächtlichmachung islamischer Ideale
- Opportunistische Darstellung religiöser Sujets
- Oberflächliche und unpassende Auseinandersetzung mit Zionismus

Auch die sozialen Felder, die das Medium Film typischerweise gerne anspricht und gerade in Staaten wie dem Iran zum Kritisieren verführt, sind in den 90er Jahren tabuisiert und heute noch sehr schwierig. Hoffnungslose, tragische Situationen oder Figuren dürfen nicht in Verbindung mit der akuten Regierung verknüpft sein. D.h. es dürfen zwar Themen wie Drogen oder Kleinkriminalität dargestellt werden, aber der Versuch, Erklärungen für solche Probleme zu finden ist entweder untersagt oder zeitlich auf eine andere politische Ära zu setzen.

Gerade in den Jahren des Defensivkrieges durch den Nachbarstaat Irak, war der Iran im Notstand und führte das Ziel, den Krieg zu beenden und das Land aufrecht zu halten. In diesen Zeiten wurde es als unangemessen, ja sogar als ideologisch falsch, angesehen, mangelnde Demokratie und Freiheit filmisch zu thematisieren, während das Volk um sein Überleben kämpft. Es wurde seitens der Regierung als polemische Herausforderungen an die offizielle Politik des Staates bewertet und befürchtet, sie könnten zu unüberschaubarer Schwächung der Heimatfront führen.

Als zu intim können allerlei romantische Darstellungen von Mann und Frau gelten, sogar wenn sie im Film verheiratet sind. Vor allem die Frau ist starken Einschränkungen unterbunden. In den Anfängen der Islamischen Republik durfte sie zunächst nicht über ein auffällig schönes Gesicht verfügen oder in längeren Nahaufnahmen gezeigt werden, was sich heute nicht mehr durchzusetzen weiß. Noch heute gelten hingegen die allgemeinen Bekleidungsvorschriften der Islamischen Republik auch im Film, wobei der private Wohnbereich, ja sogar das Schlafzimmer, davon betroffen ist, da er im Film öffentlich zur Schau gestellt ist. Dass diese Vorschrift in der Realität mit der tatsächlichen Handhabung der Bekleidungsvorschriften der Frau, insbesondere des Kopftuches, in privaten Haushalten so deutlich widerspricht, scheint bei den iranischen Zuschauern mittlerweile als unauffallend normal empfunden zu werden.

Politische Entwicklungen des Landes mit Auswirkung auf den Film

Nachdem die starken Unstimmigkeiten der ersten Jahre beiseite geräumt und die strengen Vorschriften klar formuliert wurden, begann schon bald der erste Golfkrieg gegen den Irak, der die Liberalisierung der Kulturpolitik verschob. Nach Kriegsende 1988 folgte ein Jahr später der Tod Ayatollah Khomeinis.

Die Regierung unter dem neuen Staatspräsidenten Rafsanjani, sah sich gezwungen auf eine Art Wiederbelebung des Landes zu plädieren, was sich auch auf die Medienkultur auswirkte. Nach dem Krieg brauchte die Bevölkerung eine Heilung ihrer Psyche und so kam es neben Verschönerungen der Hauptstadt auch beispielsweise zur Erweiterung der Pressevielfalt, die aufgrund der Papierknappheit in den Kriegsjahren und der damit verbundenen Gerüchte über eine „indirekte Zensur“[7], eine hohe Priorität besaß. Dies führte kurzfristig auch filmpolitisch in die richtige Richtung. Kritische Themen und Inhalte wie Liebe, sorgten während dem 9. Fajr Filmfest in Teheran 1991 für Erstaunung. Doch die Neuregelungen der Filmzensur hielten kaum ein Jahr, denn die konservativ-islamische Liga sah es prompt als Gefahr der islamischen Werte an und es folgten Hetzjagden nach den Filmkünstlern, die in der Presse (besonders in der rechten Zeitung Keyhan) ausgeführt wurden, für die Unsicherheit der Filmemacher sorgten und wovon sich die politischen Führer distanzierten und die Lage verharmlosten.

[...]


[1] Regie: Majid Majidi, Iran, 2001

[2] Regie: Abbas Kiarostami, Iran, 1997

[3] Der überraschende Wahlerfolg Chatamis gilt als einschneidendes Ereignis, das auf ein kollektives Freiheitsbestreben der Wähler zurückzuführen ist.

[4] Mohammad Mehdi Dadgoo im Journal des Fajr-Filmfestivals von Teheran im Februar 1991

[5] Vor 1979 lag die Versteuerung aller Filme bei 20%

[6] entnommen aus „Filme aus dem Iran“, Seite 17

[7] Entnommen aus „Filme aus dem Iran“, Seite 20

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Film Farsi. Der Film und die Gesellschaft Irans
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar  (Fakultät: Medien; Stud.gang: Medienkultur)
Veranstaltung
Einführung in die Filmgeschichte
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
24
Katalognummer
V27256
ISBN (eBook)
9783638293525
ISBN (Buch)
9783638649407
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Verfasser dieser Arbeit hat im Laufe seines theoretischen Studienganges ein Praxissemester im Iran durchgeführt, wo er selbständig an einer eigenen Filmproduktion eines iranischen Films arbeitete, einen iranischen Stab führte und so auch Einblick in die dortige Filmpraxis, insbesondere die der bürokratischen Hürden, erfahren konnte. Nicht nur dort hat er mit namenswerten Figuren der iranischen Medienwelt gesprochen (u.a. Zendegani, Nozari, Hashemi), sondern auch in Deutschland:Tahmine Milani.
Schlagworte
Film, Farsi, Gesellschaft, Irans, Einführung, Filmgeschichte
Arbeit zitieren
Pedram Sadough (Autor), 2004, Film Farsi. Der Film und die Gesellschaft Irans, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27256

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