Indische Kontraktarbeiter in Übersee

Eine Darstellung anhand der Beispiele von Suriname und Fidschi


Seminararbeit, 2014
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffserklärung
2.1. Die Geschichte des Kontraktarbeitersystems
2.2. Arbeitsverträge und die Überwindung von Sprachbarrieren

3. Globale Einsatzorte
3.1. Fallbeispiel Suriname
3.2. Fallbeispiel Fidschi

4. Religiöse Konsequenzen

5. Schlusswort

Literatur

1. Einleitung

Die Grundlage für das Verfassen dieser Hausarbeit bildet das im Wintersemester 2013 / 2014 von Frau Sandhya Marla, M.A. gehaltene Seminar „Heimat fern der Heimat - Hindus in der Diaspora“.

Nach einer kurzen Erläuterung zu den Begriffen „Indentured Labourer“, „Coolie“ beziehungsweise „Kontraktarbeiter“ folgt ein geschichtlicher Abriss, in dem auf das System der Kontraktarbeit eingegangen wird. Hier soll deutlich werden, auf welchen geschichtlichen und wirtschaftlichen Grundlagen dieses System beruhte. Auch die Organisation der Arbeiteranwerbung in Indien und deren globale Verteilung wird hier beleuchtet. Im Folgenden wird anhand zweier Fallbeispiele - Kontraktarbeit in Suriname auf der einen Seite und auf den Fidschi-Inseln andererseits - verdeutlicht, wie unterschiedlich sich die Umstände der indischen Arbeiter gestalten konnten.

Der letzte Teil der Arbeit befasst sich mit dem Phänomen der „Crossmigration“, sowie mit den religiösen Konsequenzen, welche sich für die Arbeiter bedingt durch das System der Kontraktarbeit zwangläufig entwickelten.

2. Begriffserklärung

In der Literatur finden sich in der Regel drei verschiedene Begriffe für das von den Kolonialmächten nach Abschaffung der Sklaverei eingeführte Arbeitersystem. Hier treten die Bezeichnungen „Kontraktarbeit“ (in deutschsprachiger Literatur), „Indentured labour system“ oder kurz „Coolie trade“ auf.

Der Ursprung des Wortes „Coolie“ ist unsicher, da in vielen Sprachräumen ähnliche Wortwurzeln existieren, die sich sinngemäß in diesen Zusammenhang einfügen. So steht das hindī Wort „Kuli“ (क़ल ) für „Tagelöhner”. Im Tamil bedeutet „kuli” ( லி) soviel wie „Geld für Arbeit”, im Persischen und Dari steht das Wort „qulī“ (ﯽﻠﻗ) für „Lastenträger“ und ebenfalls „(Niedrig-)Tagelöhner“. Das Türkische bezeichnet mit „qul“ ebenso wie das im Urdu existierende Wort „qulī“ (ﯽﻠﻗ) einen „Sklaven“.

Im Laufe dieser Arbeit wird deutlich, warum keine dieser Bezeichnungen als Ursprungswort abwegig wäre.

Der Begriff „Coolie“ stellt in jedem Fall eine abwertende Bezeichnung der eingesetzten Arbeiter dar und erinnert stark an die Zeit der Sklaverei. Daher wird eher der Begriff „Indentured labourers“ (wörtlich etwa „Vertragsknechtschaft“) oder „Kontraktarbeiter“ benutzt. Die indischen Arbeiter distanzierten sich selbst seit jeher von der Bezeichnung „Coolie“, gerade besonders dann, wenn sie Kasten entstammten, die einer höheren gesellschaftlichen Schicht angehörten.1

Selbst Gandhi vertrat die Ansicht, dass dieser Begriff keinesfalls auf alle indischen Arbeiter pauschal angewendet werden dürfe, da zwischen Arbeitern, Händlern usw. unterschieden werden müsse.2

Im Fortgang dieser Arbeit wird das Wort „Kontraktarbeit“ verwendet beziehungsweise von „Kontraktarbeitern“ gesprochen, auch um eine unnötige Verwirrung, die beim Gebrauch der verschiedenen Begriffe, die aber allesamt die gleiche Bedeutung haben, zu vermeiden.

2.1. Die Geschichte des Kontraktarbeitersystems

Im Jahre 1807 beschlossen beide Häuser des britischen Parlamentes die Abschaffung beziehungsweise das Verbot des Sklavenhandels. 1833 wurde darüber hinaus der Slavery Abolition Act verabschiedet, welcher zur Folge hatte, dass ab dem Jahr 1834 alle Sklaven des British Empire für frei erklärt wurden.

Dieser Abolitionismus stellte indes sowohl für die britische Wirtschaft, als auch für die global angesiedelten Plantagenbetreiber eine große Problematik dar. Es musste dringend eine Lösung gefunden werden, die Plantagen weiter zu bewirtschaften, da die ehemaligen Sklaven (nach einer Übergangsfrist von vier Jahren) als „kostenlose“ Arbeiter nicht mehr zur Verfügung stehen würden. Es musste demnach sichergestellt werden, dass weiterhin Arbeitskräfte in möglichst großer Zahl und zu möglichst geringen Kosten vorhanden waren. Das System der Kontraktarbeit hatte man schon vor der Abschaffung der Sklaverei seit 1807 mit chinesischen Arbeitern erprobt, allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Dennoch war das System nicht fremd und so setzten die Kolonialmächte (allen voran Großbritannien, die Niederlande und Frankreich) dieses zur Kompensation eines möglichen Arbeitskräftemangels in großem Maße ab 1837 um.

Die Kontraktarbeiter wurden in Indien - als Teil des British Empire - rekrutiert und nahezu global verteilt. Es bestand speziell ein hoher Bedarf an Arbeitskräften auf den Plantagen im Indischen Ozean (hier vor allem auf Mauritius und La Réunion), in der Karibik und den Karibik-Anrainern (Guyana, Trinidad, Suriname etc.), in Ost- und Südafrika, sowie in der Pazifikregion (hier vor allem auf den Fidschi-Inseln).3

Die rekrutierten Arbeiter British-Indiens stammten überwiegend aus den ländlichen Gebieten Uttar Pradeshs (etwa 80%) und aus Bihar.4

Es handelte sich bei den Arbeitern keineswegs um eine homogene Gruppe. Die Unterschiede im soziokulturellen, aber auch im religiösen Bereich waren mitunter groß. Zwar entstammten die meisten Arbeiter den unteren Kasten, jedoch kam - angesichts der hohen Zahl an Arbeitern - auch ein gewisser Teil aus höheren Kasten. Ebenso verhielt es sich bezüglich des religiösen Hintergrundes, da zwar 80% der Inder Hindus waren, aber immerhin auch etwa 20% muslimischen Glaubens waren.5

Eine Unterscheidung oder Rücksichtnahme seitens der Arbeitgeber hinsichtlich der Kastenzugehörigkeit oder des religiösen Backgrounds fand indes nicht statt.

Ein weiteres Phänomen stellen Marina Carter und Khal Torabully heraus. Sie berichten über die Differenzen, zwischen den vormals als Sklaven und nun als Billigarbeitskräften beschäftigten Afrikanern und den indischen Kontraktarbeiten (des „neuen“ Systems). So schreiben sie:

„ A British Indian civil servant who visited Mauritius in the first decade of indentured immigration reported a case: ‘ where the old slaves of an estate had come to their master and begged him to send for no more Indians to take the bread out of their mouths ’ . ” 6

Und weiter:

„ The Anti-Slavery Society in Britain, for its part, lost no time in driving home the message that ‘ the real object for which this host of Indians has been imported into Mauritius has been to lower the price of wage, by compelling the Negroes to accept such terms as their masters choose to give them, or to starve [ … ]. ” 7

Differenzen und gegenseitige Abneigungen waren sicherlich häufig durch die genannte Tatsache des „Lohndumpings“ begründet. Auf der anderen Seite bestand offensichtlich auch noch Jahrzehnte nach der Etablierung des Kontraktarbeitssystems ein Antagonismus zwischen den unterschiedlichen Volksgruppen, der schlicht auf soziokulturellen Unterschieden beruhte. Auf der einen Seite fühlten sich die Inder in vielerlei Hinsicht (vor allem kulturell) den afrikanischen Arbeitern überlegen. Auf der anderen Seite verachteten die Afrikaner die Inder, da diese - in ihren Augen - zu unterwürfig seien.8

Ein weiteres - in diesem Fall religiöses - Problem stellte das Arbeitssystem und die dazugehörige Rekrutierung hierfür gerade für orthodoxe Hindus dar. Für sie bedeutete das Überqueren der Ozeane (oder des „Dark Water“) den unumkehrbaren Ausschluss aus ihrer Kaste. Darüber hinaus fürchteten sie, so den Zorn der Götter auf sich zu ziehen.9

2.2. Arbeitsverträge und die Überwindung von Sprachbarrieren

Ein großes Problem der indischen Kontraktarbeiter stellte oft die Sprachbarriere zwischen ihnen und ihren Arbeitgebern und Vorgesetzten dar.

Dies führte nicht nur dazu, dass die zuvor geschlossenen Arbeitsverträge oft nicht verstanden wurden (hierauf wird später noch genauer eingegangen), sondern auch zu Problemen auf den Plantagen und bei der Arbeit selbst.

So geben Carter und Torabully das Beispiel einer Frau, die in der ehemaligen britischen Kolonie Natal im Süden Afrikas beschäftigt wurde.

Sie schreiben:

„ [She] complained that she was beaten after failing to understand the instructions given to her: ‘ because they do not speak to me in my language. ’” 10

Man erkannte schnell, dass es auch aus sozio-ökonomischen Gründen notwendig war, die Sprache der Kolonialmacht zu erlernen.

Das Leben der Kontraktarbeiter beruhte im Grunde genommen einzig auf den Verträgen, die sie bei der Rekrutierung in Indien unterzeichneten. Unterschrieben sie die Arbeitsverträge, erhielten diese Gültigkeit und es spielte keine Rolle mehr, ob sie vor der Unterzeichnung von den Arbeitern verstanden wurden oder nicht. Verstanden Arbeiter also die jeweilige Sprache nicht, blieb ihnen nichts weiter übrig, als auf das bloße Wort ihrer Arbeitgeber oder des Rekrutierungsbeamten zu vertrauen. Es stellte sich allerdings nur allzu oft heraus, dass die spätere Realität auf den Plantagen nicht viel mit dem gemein hatte, was zuvor (mündlich) versprochen wurde.

Bilingualismus brachte den Arbeitern aber auch weitere Vorteile. Zum einen wurde das Erhalten der Muttersprache als starkes Zeichen der persönlichen Identität gesehen.11 Zum anderen bot diese Zweisprachigkeit die Möglichkeit, „interne“ Kommunikation auf einer Sprache zu betreiben, die von den Arbeitgebern in der Regel nicht verstanden wurde. Hierzu geben Carter und Torabully ein weiteres Beispiel:

„ When Laligaoo ’ s daughter was asked to accompany a Miss Calamel to Rodrigues (an island dependency of Mauritius) as her companion, he was able to discover his daughter ’ s true feelings about her situation as a result of a letter she wrote to him in Tamil language. ” 12

Ihr Vater wiederum schrieb daraufhin einen Brief an den Gouverneur. In einem weiteren Schreiben heißt es dann:

[...]


1 Vgl. Carter, Marina & Torabully, Khal: Coolitude - An Anthropology of the Indian Labour Diaspora. London 2002: S.118f.

2 Vgl. Ebd. S.119.

3 Vgl. Lamb, Sarah: Everyday Life in South Asia. Bloomington 2002: S.383.

4 Vgl. Rukmani, T.S.: Hindu Diaspora - Global Perspectives. New Delhi 2001: S.125. Und: Vertovec, Steven: Caught in an Ethnic Quandary - Indo-Caribbean Hindus in London. S.272-290. In: Ballard, Roger: Desh Pardesh - The South Asian Presence in Britain. London 1994: S.276.

5 Vgl. . Rukmani, T.S.: Hindu Diaspora - Global Perspectives. S.125. 5

6 Carter, Marina & Torabully, Khal: Coolitude - An Anthropology of the Indian Labour Diaspora. S.118.

7 Ebd.

8 Vgl. Ebd. S.119.

9 Vgl. Vertovec, Steven: Caught in an Ethnic Quandary - Indo-Caribbean Hindus in London. S.272-290. In: Ballard, Roger: Desh Pardesh - The South Asian Presence in Britain. S.277f.

10 Carter, Marina & Torabully, Khal: Coolitude - An Anthropology of the Indian Labour Diaspora. S.120.

11 Vgl. Ebd. S.127.

12 Ebd. S.127f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Indische Kontraktarbeiter in Übersee
Untertitel
Eine Darstellung anhand der Beispiele von Suriname und Fidschi
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Ceres - Centrum für religionswissenschaftliche Studien)
Veranstaltung
„Heimat fern der Heimat“ – Hindus in der Diaspora
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V272676
ISBN (eBook)
9783656648314
ISBN (Buch)
9783656648260
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hinduismus, Hindus, Kontraktarbeit, indentured, Labourer, Coolie, Indien, Suriname, Surinam, Fidschi, Fidji, Migration, Crossmigration, Religion, Kolonialmächte, England, Plantagen, Plantagenarbeit, Zuckerrohr, Transnationalismus, Immigration, Emigration, Einwanderung, Auswanderung, Diaspora, British Empire, Großbritannien, Frankreich, Holland, Niederlande, Südamerika, Karibik, Mauritius, Südafrika, Sklaverei, Abolitionismus, British-India
Arbeit zitieren
Aiko Gastberg (Autor), 2014, Indische Kontraktarbeiter in Übersee, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272676

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