Die Kartäuser. Durch das Schweigen im Austausch mit Gott


Hausarbeit, 2013
16 Seiten, Note: 2,7
Julian Blauhofer (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Geschichte der Kartäuser

3. Stille und Schweigen im gesellschaftlichen Bezug

4. Durch Stille und Schweigen im Austausch mit Gott
4.1 Die Spiritualität im christlichen Kontext
4.2 Die Bedeutung der Abgeschiedenheit für Stille und Schweigen der Kartäuser
4.3 Im Austausch mit Gott

5. Zusammenfassung und Fazit

6. Quellenverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ Gott hat seinen Diener in die Einsamkeit geführt, um zu seinem Herzen zu sprechen. Aber nur wer in der Stille lauscht, nimmt das sanfte, leise Säuseln wahr, in dem der Herr sich offenbart. In der ersten Zeit fällt uns wohl das Schweigen schwer. Bleiben wir aber hierin treu, so steigt nach und nach gerade aus unserem Schweigen etwas in uns auf, das uns dazu drängt, noch mehr zu schweigen. “ 1

Auf besondere Weise stellen diese Worte die Lebensaufgabe dar, derer sich die Kartäusermönche widmen und gewidmet haben. Zurückgezogen soll eine Kommunikation mit Gott stattfinden. Gleichzeitig zeigen sie aber auch mögliche Grenzen auf, welche durch das Schweigen verursacht werden und die den Mönchen zu Beginn und im Laufe ihres Einsiedlerlebens begegnen. Wird aber der Konflikt mit der Einsamkeit und dem damit verbundenen Schweigen überwunden, widerfährt dem Diener Gottes etwas Unbeschreibliches, wodurch er fortan weiter in Stille den Austausch mit Gott sucht.

Die hier vorliegende Arbeit beschäftigt sich näher mit dem Alltag und Leben der Kartäusermönche, wobei der Schwerpunkt auf der Spiritualität liegen soll, da die Ordensmitglieder die Wahrnehmung Gottes im Schweigen anstreben.

Entscheidend für die Themenwahl war die in meinen Augen faszinierende Entscheidung, das Leben in Abgeschiedenheit zu verbringen und einem außergewöhnlich konsequenten Weg zu Gott zu folgen. Von der Außenwelt abgeschnitten, in Gemeinschaft lebend und trotzdem die meiste Zeit in einer Zelle zu verbringen, klingt zuallererst paradox. Vor allem da die Mönche bei zufälligen Treffen - während der Arbeit oder auf dem Gang2 - ebenfalls kaum miteinander reden, was in der heutigen Gesellschaft mit ihrer Flut an Informationen und beinahe unendlicher Vielfalt an Medien und Kommunikationskanälen schwer nachvollziehbar ist. Die Frage drängt sich auf, weswegen die Mönche auf der einen Seite in einer Gemeinschaft leben, auf der anderen aber selten gemeinsam Zeit verbringen. Zudem soll ein Verständnis für das Suchen und Finden eines Austausches in der Stille mit Gott entwickelt werden.

Diese Hausarbeit basiert hauptsächlich auf der Biographie von Gerardo Posada3, die einen umfangreichen Überblick über das Leben und Wirken des Kartäuservaters Bruno4 darstellt und damit eine engere Vorstellung schafft, was dessen Beweggründe mit der Errichtung einer eigenen Einsiedelei waren. Zudem unterstützte mich der Sammelband von Marijan Zadnikar5, der die Spiritualität, aber auch den Tagesplan, den Ursprung und die Geschichte der Kartäuser darstellt. Als Quellenmaterial nutzte ich die Statuten des Kartäuserordens.6 Philip Grönings Dokumentarfilm „Die große Stille“7 eröffnete mir zu guter Letzt direkte Einblicke in die Lebensweise der Mönche. Dadurch war es mir möglich, eine eigene Betrachtungsweise von dem Mönchsleben in dem Kloster bei Grenoble8 zu erhalten, unabhängig von der Darstellung in der Literatur.

2. Die Geschichte der Kartäuser

Zum Einsiedlerleben hingezogen ließ sich Bruno von Köln Ende des 11. Jahrhunderts im Tal und unwegsamen Gebirge der Chartreuse nieder. Da Bruno aber keine Ordensgründung beabsichtigte, errichtete er Holzkabinen und eine Kapelle. Diese befanden sich nördlich von Grenoble. Die Niederlassung wurde Cartusia oder auch Kartause genannt.9 Später wurden unter dem fünften Prior Guigo die ordenseigenen Consuetudines Cartusiae10 um 1125 niedergeschrieben11. In diesen wird dargelegt, welchen Aufgaben sich die Kartäusermönche widmen12. Zentrale Faktoren der ordenseigenen Spiritualität sind das Gebet13 bzw. die Meditation, der gemeinsame Gesang, die Selbstversorgung durch verschiedene Arbeiten und das Leben in der Zelle, sowie der damit verbundenen Einsamkeit.

3. Stille und Schweigen im gesellschaftlichen Bezug

Die Thematik des Stillschweigens lässt sich in der Religion, Philosophie und Wissenschaft in verschiedensten Zeiten und bei unterschiedlichen Ethnien finden. So philosophierten darüber bereits angesehene Männer wie Konfuzius im 6./5. Jahrhundert vor Christus14 und das Interesse blieb bis hin zu aktuellen Publikationen15 und Thesen erhalten:

„ Wer keine Mitte hat, kann den Rand nicht halten. “ 16 Eine sehr provokante Aussage mit einem hohen philosophischen Wert, die Michael Richter hier veröffentlicht. Demzufolge könnte man auch annehmen, dass derjenige, der sich nicht so häufig zu Wort meldet, also umgangssprachlich den Rand halten kann, mit einer gewissen Ausgeglichenheit lebt. Die Kartäusermönche zählen zu einer Gruppe von Menschen, die in ihrem Leben am wenigsten gesprochen haben. Sind sie deshalb glücklicher als andere Menschen? Das Zitat bezieht sich wohl eher auf eine innere Mitte, die eine Art Zufriedenheit mit sich und der gemeinsamen Umwelt umfasst. Im Kontext dieser Arbeit könnte man den Begriff der Mitte auch erweitern und ihn als Weg zu Gott definieren.17 Der Weg zu Gott wird aber nicht durch bloßes Schweigen erreicht.18 Schweigen in unserem Verständnis wird zum einen als eine passive Haltung19 wahrgenommen, zum anderen kann es als Handlung mit einer bestimmten Absicht wahrgenommen werden.20 Um den Inhalt des mönchischen Schweigens besser zu verstehen, müssen wir dieses Schweigen als eine aktive Handlung, einen Akt des Austausches sehen.

Eine solche Interpretation eines geistigen Austausches mit einer höheren Macht wird in dem Werk der Schriftstellerin Laetitia Rimpau21 bei Dichterträumen genauer untersucht. Dabei stellt sie unter den Gesichtspunkten des Schweigens und Sprechens die imaginären Dichterträume als Textgruppe dar. Verglichen mit dem kommunizierenden Schweigen der im Gebet stehenden Kartäusermönche, sollen die Dichterträume im Folgenden als Beispiel für die schwer greifbaren Vorgänge der Verständigung in der Zelle beschrieben werden:

„ Während im Schlafgemach Stille herrscht, der träumende Dichter schweigender Zuschauer seiner inneren Bilder bleibt, ist das Traum-Ich aktiv in lauter Debatten verwickelt. “ 22

Auch wenn man bei den Kartäusermönchen nicht von Träumen, sondern vielmehr von Meditation sprechen kann, ist eine Parallele zu erkennen. Während der Meditation wird nämlich eine aktive Gedankenarbeit seitens der Mönche gefordert. Der Austausch mit Gott ist durch die reine Ruhe nicht zu erreichen. Hinter der Stille steckt vielmehr als die bloße Geräuschlosigkeit. So schreibt Laetitia Rimpau weiter:

„ Es scheint, als sei dieäußere Stille gerade Bedingung für das innere Gespräch, das stumme Verharren des Schläfers gerade Bedingung für die dynamischen Traumdialoge. “ 23

Als Medium des Dialoges verstehen die Mönche in ihrer Liturgie Körper und Geist, die notwendig für das Gespräch mit Gott sind. So „öffnet und neigt sich Gott zum Menschen“24, um in der seligen Beschäftigung der Ordensbrüder Lobpreis und Dank für die Schöpfung zu erhalten.

4. Durch Stille und Schweigen im Austausch mit Gott

Die Art und Weise wie die ersten Eremiten lebten, beeinflusste die christliche Askese, welche der Grundstein des Mönchtums wurde.25 Die Askese wurde zu einer gewissen Lebensphilosophie in der Gemeinschaft weiterentwickelt. Dadurch ergab sich ein Zusammenfinden Gleichgesinnter in religiös-geistlichen Orden, die auch als Alternative26 zum teils harten mittelalterlichen Alltag gesehen wurde. Die Thematik - Weltflucht, Weg zu Gott, Bewahrung christlicher Tradition, Vervielfältigung christlicher Literatur27 - verschiedener Orden ist oftmals dieselbe. Sie unterscheiden sich aber in der Methodik, wie den verpflichteten Aufgaben nachzukommen sei. So beschäftigen sich die Kartäusermönche in erster Linie damit, innerlich Buße zu tun, um gegenüber Gott Zeugnis abzulegen. Hierauf wird im Folgenden näher darauf eingegangen.

4.1 Die Spiritualität im christlichen Kontext

Spiritualität ist ein sehr weitgefasster Begriff. Er kann unterschiedlich verstanden werden und beinhaltet auch vielerlei Elemente, wie „das Gebot Gottes, die Erfahrbarkeit dessen, sowie das Ineinander von Tradition und gegenwärtigem Wirken des Geistes“28, um nur ein paar wenige christlich- spirituelle Gebote aufzulisten.

[...]


1 Statuten Buch 2, Kapitel 14, Punkt 1 (Im Folgenden 2.14.1), in: Erneuerte Statuten des Kartäuserordens. Bücher 1-4, 1971.

2 Sichtbar wird dies anhand verschiedenster Sequenzen in Philip Grönings Film „Die Große Stille“ (2005 [DVD]), in welchem sich die Mönche bei Alltagshandlungen, wie dem Rasieren oder Zubereiten von Mahlzeiten, schweigend begegnen (S. Filmminuten 28, 35, 110).

3 Posada, Gerardo: Der heilige Bruno. Vater der Kartäuser, Köln 1987.

4 Bruno legte mit der Niederlassung in den französischen Voralpen zwar den Grundstein für den Kartäuserorden, jedoch war eine Ordensgründung nicht seine Absicht. Die Einsiedlerkolonie wurde von Guigo weitergeführt und mit einer Regel bedacht. Vgl. Knowles, David: Geschichte des christlichen Mönchtums. Benediktiner, Zisterzienser, Kartäuser, München 1969, S. 69.

5 Zadnikar, Marijan: Die Kartäuser. Der Orden der schweigenden Mönche, Köln 1983.

6 Vgl. Erneuerte Statuten des Kartäuserordens. Bücher 1-4, 1971. / Neue Sammlung der Statuten des Karthäuserordens, Düsseldorf 1894.

7 2006 wurde Philip Grönings Werk mit dem europäischen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. Die Produktion von „Die Große Stille“ dauerte 21 Jahre, davon musste Gröning 16 Jahre auf die Drehgenehmigung des Ordens warten. Gröning inszeniert die streng kontemplativ lebenden Mönche in den ersten Minuten des Films ohne ein menschliches Wort. Als einziger des Filmteams hatte er eine Zutrittserlaubnis zum Kloster und führte die Aufnahmen in Eigenregie.

8 Das Kloster in den französischen Voralpen wurde nach dem Gebirge der Chartreuse benannt. Vgl. Chomel, Vital: Chartreuse, LexMA Bd. 2 Bettlerwesen - Codex von Valencia (2003), Sp. 1760 - 1761.

9 Vgl. James L. Hogg: Kartäuser, in: Dinzelbacher, Peter/ Hogg, James L. (Hgg.): Kulturgeschichte der christlichen Orden, Stuttgart 1997, S. 275.

10 Die „Consuetudines“, von Prior Guigo für drei unabhängige Priorate (Portes, St-Sulpice, Meynat) verfasst und von Anthelmus durch liturgische Vorschriften ergänzt, beinhalten die kartäusische Lebensform. Vgl. Becker, Hansjakob: Kartäuser, LexMA Bd. 5 Hiera-Mittel - Lukanien (2003), Sp. 1018-

11 Vgl. Hogg (1997) S. 276.

12 Diese Aufgaben beschränken sich nicht nur auf die Mönche. Selbst die Laienbrüder, auch Conversen genannt, haben tägliche Pflichten zu erfüllen. Vgl. Dritter Teil der Neuen Sammlung der Statuten des Karthäuserordens (1894) S. 2: „Unser Wille ist jedoch, die Brüder so äußerlich zu beschäftigen, daß sie zur gehörigen Zeit auch das Innere nicht vernachlässigen; deshalb müssen sie täglich aufstehen, um den Metten beizuwohnen.“

13 Darunter fällt auch das Stundengebet oder Tagzeitengebet, was sich für die Mönche aus Psalm 119,62-164 ableitet. Vgl. Deutsche Bibelgesellschaft: Gute Nachricht Bibel, Stuttgart 2000. „Um Mitternacht stehe ich auf, um dich zu preisen wegen deiner gerechten Entscheide. / Siebenmal am Tag singe ich dein Lob wegen deiner gerechten Entscheide.“

14 „Die Alten sparten ihre Worte; denn sie schämten sich, mit ihrem Betragen hinter ihren Worten zurückzubleiben.“ (Lun Yü IV, 22) aus Konfuzius: Gespräche des Meisters Kung (Lun Yü), München 1985.

15 Z.B. Ruberg, Uwe: Beredtes Schweigen in lehrhafter und erzählender deutscher Literatur des Mittelalters, München 1978.

16 Zitiert nach: Richter, Michael: Einspruch, Halle 2009, S. 86.

17 Wer einen Weg zu Gott hat, kann den Rand halten.

18 Schweigen ist nicht bloß die Abwesenheit von Kommunikation. Vgl. Bazil, Vazrik/ Piwinger, Manfred: Schweigen als Teil der Kommunikation, 13.04.2009.

19 Introvertierte Menschen sind vom Naturell her zurückhaltender, was neutral aufgefasst werden sollte.

20 Schweigen kann unterschiedlich interpretiert werden, wie z.B. als Arroganz oder Verachtung.

21 Rimpau, Laetitia: „Schweigend ins Gespräch vertieft…“ - Dialoge in Dichterträumen (Lukian, Boethius, Descartes), in: Reschka, Kathrina: „Stille : Stimme“. Zum Moment des Schweigens aus der Sicht romanistischer Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaftler, Siegen 2008, S. 211-227.

22 Rimpau (2008) S. 212.

23 Rimpau (2008) S. 212.

24 Vgl. Zitat aus Baier, Walter: Theologische Grundlegung des Kartusianischen Offiziums nach Matthias Mittner (1575-1632) - Zum Gedenken an seinen 350. Todestag (Spiritualität heute und gestern von James L. Hogg, Bd. 1) Salzburg 1982, S. 225.

25 Die Welt wird als etwas Vergängliches betrachtet, aus diesem Gefängnis die Seele befreit werden soll. Vgl. Frank, Karl Suso: Geschichte des christlichen Mönchtums (Grundzüge der Geschichte des christlichen Mönchtums, Bd. 25) Darmstadt5 1993, S. 1-4.

26 Vgl. Dinzelbacher, Peter: Mönchtum und Kultur, in: Dinzelbacher, Peter/ Hogg, James L. (Hgg.): Kulturgeschichte der christlichen Orden, Stuttgart 1997, S. 2.

27 Hierbei seien nur ein paar wenige, allgemeine Aufgaben und Regeln des christlichen Mönchtums genannt. Diese werden im nachfolgend aufgeführten Sammelband anhand unterschiedlicher Aufgaben verschiedener Orden deutlich. Die Orden werden in einzelnen Kapiteln dargestellt. Vgl. Dinzelbacher/ Hogg (1997) S. 74 ff/ 152 ff/ 213ff.

28 Vgl. Dahlgrün, Corinna: Christliche Spiritualität, Formen und Traditionen der Suche nach Gott, Berlin 2009, S. 131. In ihrer Monographie startet sie den Versuch einer eigenen Definition, nachdem sie in vorhergehenden Kapiteln andere Definitionen dargestellt hat.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Kartäuser. Durch das Schweigen im Austausch mit Gott
Hochschule
Universität Konstanz
Note
2,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V272802
ISBN (eBook)
9783656663720
ISBN (Buch)
9783656663768
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kartäuser, durch, schweigen, austausch, gott
Arbeit zitieren
Julian Blauhofer (Autor), 2013, Die Kartäuser. Durch das Schweigen im Austausch mit Gott, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272802

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