Liquiditäts- und Bewertungseffekte der pflichtmäßigen IFRS-Bilanzierung im niederländischen Kapitalmarkt


Seminararbeit, 2014
31 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung in die Wirkungsforschung zur IFRS-Rechnungslegung
2.1 Grundlagen zur deduktiv-logischen Bilanzwirkungstheorie
2.2 Grundlagen zur empirischen Bilanzwirkungstheorie
2.3 Empirische Befunde ökonomischer Konsequenzen der IFRS-Bilanzierung

3. Hypothesenentwicklung für den Länderfall Niederlande
3.1 Konzeptionelle Unterschiede zwischen IFRS und NL GAAP
3.2 Enforcement der Rechnungslegungsnormen
3.3 Hypothesenformulierungen

4. Messansatz und Daten
4.1 Untersuchungsvariablen
4.2 Modellspezifikation
4.3 Daten

5. Empirische Ergebnisse
5.1 Liquiditätseffekte
5.2 Bewertungseffekte

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Deskriptive Statistik der Variablen

Tabelle 2: Regressionsergebnisse zur Kapitalmarktliquidität

Tabelle 3: Regressionsergebnisse zur Kapitalmarktbewertung

1. Einleitung

Seit 2005 sind alle europäischen kapitalmarktorientierten Unternehmen dazu verpflichtet, ihre Rechnungslegung auf der Basis der International Financial Reporting Standards (IFRS) zu erstellen.1 Im Zuge der Internationalisierung der Rechnungslegung stellt diese europaweite Übernahme von international einheitlichen Rechnungslegungsstandards wohl eine der größten Veränderungen in der Regulierung insgesamt dar.2 Der umfangreiche Wechsel der anzu- wendenden Normen wird damit begründet, dass die IFRS im Vergleich zu nationalen Rechnungslegungsnormen, Kapitalmarktadressaten Rechnungslegungsinformationen mit erhöhter Entscheidungsnützlichkeit zur Verfügung stellen können.3 Diese Erhöhung des öffentlichen Informationsniveaus trägt theoretisch zu einer besseren Bewertbarkeit sowie Bewertung von Unternehmen durch Kapitalanleger bei und steigert dadurch die Kapitalmarkt- effizienz und die Kapitalmarktliquidität.

An diese Argumentation knüpft im Rahmen der empirischen Bilanzwirkungsforschung eine Vielzahl kapitalmarktorientierter Studien. Diese untersuchen mit Hilfe schließender Statistik Kapitalmarktdaten von nach IFRS offenlegenden Unternehmen und prüfen, ob die theore- tischen Aussagen sich mit ihnen vereinbaren lassen. Praktisch zeigen diese Studien unter- schiedliche Ergebnisse und bestätigen keine eindeutige Vorteilhaftigkeit der pflichtmäßigen IFRS-Rechnungslegung.

Um zum aktuellen Kenntnisstand beizutragen, untersucht die nun vorliegende kapital- marktorientierte Studie ökonomische Konsequenzen der IFRS-Rechnungslegung, in Form von Liquiditäts- und Bewertungseffekten der pflichtmäßigen IFRS-Anwendung, basierend auf Daten des niederländischen Kapitalmarkts von 1998 bis 2013. Dazu gliedert sich die Arbeit wie folgt: Kapitel zwei beschreibt zunächst die analytischen Grundlagen der Bilanz- wirkungstheorie und geht zum Ende kurz auf zwei aktuelle Ergebnisse internationaler Studien ein. Im anschließenden Kapitel drei werden die Forschungshypothesen für den Fall der Niederlande hergeleitet und formuliert, woraufhin Kapitel vier die empirische Messung und die Datengrundlage dieser Studie erläutert. Kapitel fünf wird dann die Studienergebnisse vorstellen. Das letzte Kapitel sechs fasst die vorliegende Arbeit zusammen, würdigt diese kritisch und formuliert einen Ausblick.

2. Einführung in die Wirkungsforschung zur IFRS-Rechnungslegung

2.1 Grundlagen zur deduktiv-logischen Bilanzwirkungstheorie

Die Bilanzwirkungstheorie untersucht die Wirkungen der Rechnungslegung analytisch in deduktiv-logischer und empirischer Form. Die deduktiv-logische Forschung leitet dabei Wirkungsaussagen mit eher grundlegendem Charakter modellbasiert her, wohingegen die empirische Herangehensweise Wirkungsaussagen aus Wirkungsbeobachtungen bezieht.4 Folgerichtig teilt sich die Forschung zu den Wirkungen der IFRS-Rechnungslegung und der Aufbau des Kapitels zwei.

Zentrale Bedeutung in der deduktiv-logischen Wirkungstheorie zur IFRS-Rechnungslegung haben, neben den grundsätzlichen institutionenökonomischen Ansätzen5 zur Rechtfertigung der Rechnungslegung an sich6, informationsökonomische Ansätze. Diese legen einen Zusammenhang zwischen dem öffentlichen Informationsniveau und der Kapitalkosten- bewertung sowie der Liquidität eines Kapitalmarktes mit Informationsasymmetrien dar.7 Trägt die IFRS-Rechnungslegung dazu bei, Informationsasymmetrien abzubauen, so wird ein Sinken der allgemein am Kapitalmarkt veranschlagten Kapitalkosten sowie eine erhöhte Kapitalmarktliquidität erwartet.

Der Aussage zur Kapitalkostenbewertung zugrundliegende Gedankengang lässt sich kurz wie folgt nachvollziehen: Kapitalmarktakteure verarbeiten Rechnungslegungsinformationen offenlegender Unternehmen, um Investitionen in betreffende Unternehmensanteile wirtschaft- lich abzuwägen. Konzeptionell folgen die IFRS einer Informationsvermittlungsfunktion, welche sich nach den Informationsbedürfnissen des (typisierten) Primäradressatenkreises der Kapitalmarktakteure ausrichtet.8 Annahmegemäß versorgt deswegen eine Rechnungslegung nach IFRS, im Vergleich zu konventionellen Rechnungslegungsnormen, Kapitalmarktakteure mit bewertungsrelevanteren Rechnungslegungsinformationen wodurch bestehende Informa- tionsasymmetrien zwischen Unternehmen und Investoren sowie unter Investoren abgebaut werden. Die Argumentationen zur Wirkung des Abbaus von Informationsasymmetrien beim Investor sind nun je nach Modell verschieden.9

Allen gemein ist hingegen das Resultat, dass Informationsasymmetrien für Investoren ein potentielles Risiko darstellen.10 Infolge gesunkener Informationsasymmetrien und der dadurch besseren Beurteilbarkeit von Chancen und Risiken der Unternehmen und ihrer Anteile sind Investoren nun dazu veranlasst, ihre Kompensation für die Unsicherheit der Nettovorteile ihrer Kapitalanlage (Eigenkapitalkosten) zu senken.11 Entsprechend dieser informationsinduzierten Erwartungsrevision passen die Investoren ihre Anlageentscheidungen an. Auf Kapitalmarktebene steigen die Marktwerte der Unternehmen bei sinkenden Eigenkapitalkosten entsprechend Barwertkalkül ceteris paribus und somit sind Unternehmen durch die Erhöhung des Informationsniveaus stärker vor einem Unterpricing ihrer Anteile geschützt. Erhöhen sich die Kapitalkosten infolge des gestiegenen Informationsniveaus, also decken die zusätzlichen Informationen mehr Risiken auf als zuvor durch Anleger erwartet, wirkt dies für das betreffende Unternehmen zunächst negativ auf den Unternehmenswert. Auf aggregierter Ebene trägt dies jedoch zur Kapitalmarkteffizienz, also der Fähigkeit eines Marktes knappes Kapital entsprechend gerecht nach Chancen und Risiken zu allokieren, bei.12

Die Wirkung sinkender Informationsasymmetrien und Kapitalkosten auf die Kapitalmarktliquidität lässt sich anhand Akerlofs Marktversagen infolge adverser Selektion erklären.13 Bestehen hohe Informationsasymmetrien zwischen Unternehmen und Investoren, so können Investoren nicht zwischen guten und schlechten Unternehmen unterscheiden. Folglich werden diese das Fehler- und Täuschungsrisiko bei ihrer Investitionsbewertung berücksichtigen, indem sie höhere Kapitalkosten verlangen.14 Gute Unternehmen werden diesen Eigenkapitalmarkt verlassen und sich nach kostengünstigeren alternativen Finanzierungsformen umtun. Schlussendlich bleiben auf dem Eigenkapitalmarkt schlechte Unternehmen bestehen, denen risikoaverse Anleger kein Kapital zur Verfügung stellen.15

Neben dieser einfachen Skizzierung positiver Wirkungen des Abbaus von Informationsasymmetrien auf die Kapitalmarktbewertung und -liquidität bleiben bei der formellen logischen Deduktion noch einige Fragen ungeklärt.16 Umso naheliegender erscheint infolgedessen auch ihre empirische Untersuchung.

2.2 Grundlagen zur empirischen Bilanzwirkungstheorie

Der empirische Ansatz der Bilanzwirkungstheorie, die Auswirkungen der IFRS-Rechnungs- legung anhand von Beobachtungen zu untersuchen, greift auf Expertenbefragungen, Experimente oder explorative Analysen von Kapitalmarktdaten zurück. Praktisch dominiert die kapitalmarktorientierte Methode, aufgrund der Verfügbarkeit nun ausreichend großer Unternehmensdatensätze unter IFRS-Anwendung und des Ausschlusses von Fehler- potentialen beider erstgenannten Verfahren.17 Beruhend auf der Annahme, dass rationale Kapitalmarktakteure Rechnungslegungsinformationen (zeitnah) in ihre Dispositionen ein- beziehen,18 untersuchen kapitalmarktorientierte Studien inhaltlich unterschiedliche Formen von Auswirkungen der IFRS-Rechnungslegung. Grob kategorisiert, analysieren sie die Prognoseeignung, den Informationsgehalt, die Wertrelevanz, die Gewinneigenschaften und die ökonomischen Konsequenzen der IFRS-Rechnungslegungsinformationen.19

Kapitalmarktorientierte Studien zu den ökomischen Konsequenzen, im Fokus dieser Arbeit, untersuchen vornehmlich Veränderungen in der Kapitalkostenbewertung und der Kapitalmarktliquidität vor dem Hintergrund der IFRS-Rechnungslegung und die damit wohl, aus Sicht von Standardsetter und Unternehmen wichtigsten Auswirkungsformen.20 Dabei werden für gewöhnlich multivariate Regressionsmodelle als Querschnittsanalysen herangezogen, um den Einfluss der IFRS-Anwendung von Unternehmen auf die gefragten abhängigen Variablen zu beziehen. Folgend sollen nun diese Bewertungs- und Liquiditätsmaße kurz dargelegt werden.

Kapitalkostenbewertungseffekte der IFRS-Anwendung werden anhand der Veränderungen der am Kapitalmarkt veranschlagten Eigenkapitalkosten gemessen.21 Diese von Eigenkapital- gebern geforderte Rendite ist jedoch nicht beobachtbar und muss durch eine geschätzte Größe ersetzt werden.22 Für die Kapitalkostenschätzung werden für gewöhnlich das Capital Asset Pricing Modell (CAPM) und unterschiedliche Barwertwertmodelle herangezogen.23 Entsprechend des theoretischen Standardkonzepts CAPM ergeben sich die Kapitalkosten, unter bestimmten Annahmen, aus den Erwartungen zum unternehmensspezifischen Risikomaß Beta, der risikolosen Rendite und der Rendite des Marktportfolios.24 Da alle Größen nicht als gegeben vorliegen, werden sie in der Regel durch Schätzungen aus nur vergleichbaren Daten der Vergangenheit problematisch operationalisiert.25 Als Konsequenz wurden alternativ zukunftsorientiertere Barwertmodelle entwickelt, welche die Kapitalkosten aus der Diskonotierung erwarteter Überschüsse ableiten.26 Hiernach sind die Kapitalkosten als Zinssatz zu verstehen, bei dem die Summe der mit ihm diskontierten zukünftigen Überschüsse den aktuellen Aktienkurs widerspiegelt. Praktisch wirkt jedoch die mangelnde Genauigkeit, vor allem weit vorausliegender Überschussprognosen, der Korrektheit auch dieser Modelle entgegen. Neben der Handhabbarkeit sprechen die Zukunftsorientierung und einhergehend die bessere Krisensensitivität für die bevorzugte Verwendung von Barwertmodellen in empirischen Studien. Die methodische Kritik an beiden Modellansätzen zur Messung der Kapitalkosten berechtigt zur indirekten Messung von Bewertungseffekten durch allgemeinere Stellvertretergrößen. Exemplarisch fallen hierunter das Kurs-Buchwert- Verhältnis und Tobin´s Q27, welche in 4.1 erneut aufgegriffen und näher erläutert werden.

Aufgrund des dargelegten Zusammenhangs zwischen Kapitalkostenbewertung und der Kapitalmarktliquidität ist es, insbesondere vor dem problematischen Hintergrund der Kapitalkostenmessung, schließlich naheliegend, auch letztere genauer zu betrachten. Als geeignete Stellvertretergrößen für die nicht beobachtbare Kapitalmarktliquidität lassen sich unternehmensspezifische Kennzahlen des Kapitalmarktes heranziehen, welche die Handel- barkeit ihrer dortigen Wertpapiere charakterisieren und auch Informationsasymmetrien abbilden. Typische Kennzahlen hierfür sind die Proxies Zero-Return-Days, Price-Impact und Bid-Ask-Spread, welche ebenfalls in 4.1 weitergehend behandelt werden. Darüber hinaus könnten auch das Handelsvolumen, die Handelskosten und die Aktienkursvolatilität als Liquiditätsmaße angedacht werden.28

2.3 Empirische Befunde ökonomischer Konsequenzen der IFRS-Bilanzierung

Zahlreiche kapitalmarktorientierte Studien untersuchen die ökonomischen Konsequenzen, oder synonym die Kapitalmarkteffekte der IFRS-Rechnungslegung.29 Allen gemein sind weitestgehend die statistische Methodik, die untersuchten Bewertungs- und Liquiditäts- variablen sowie die Differenzierung zwischen freiwilliger und pflichtmäßiger IFRS- Anwendung.30 Unterscheidungen finden sich hingegen bei der Modellspezifikation der IFRS- Dummy-Variablen und der Kontrollvariablen sowie bei den untersuchten Stichproben. Folgend sollen nun kurz Untersuchungsergebnisse von zwei kapitalmarktorientierten Studien vorgestellt werden, welche aktuelle Resultate zu den Auswirkungen der IFRS-Bilanzierung aus umfangreichen internationalen Datenuntersuchungen beziehen und die soeben genannten Aspekte aufgreifen.

Daske et al. untersuchen in ihrer Studie von 2008 Liquiditäts- und Bewertungseffekte der pflichtmäßigen IFRS-Bilanzierung von 3800 Unternehmen in 26 Ländern im Zeitraum von 2001 bis 2005. Für die Analyse der insgesamt 37000 Firmenjahrbeobachtungen kommen unterschiedliche Methoden zum Einsatz, wobei die multiple Regressionsanalyse die wohl differenzierteste darstellt und damit die aussagekräftigsten Ergebnisse liefern sollte. Die Autoren ziehen zur Messung vier Stellvertretergrößen für die Kapitalmarktliquidität und einen Mittelwert aus Kapitalkostenschätzungen sowie Tobin´s Q für die Beurteilung von Bewertungseffekten heran. Als erklärende Variablen dienen binäre IFRS-Indikatorvariablen und Kontrollvariablen, welche hingegen anderweitige Einflüsse abbilden. Die Ergebnisse zeigen, dass die pflichtmäßige (und besonders die freiwillige) IFRS-Anwendung positiven Einfluss auf die Kapitalmarktliquidität von Unternehmensanteilen haben. Durch IFRS veranlasste positive Bewertungseffekte am Kapitalmarkt lassen sich hingegen schwieriger bzw. nicht eindeutig feststellen, da die IFRS-Regressionskoeffizienten in unterschiedlichen Modellen der Regressanden verschiedene Vorzeichen aufweisen. Folgend nehmen die Autoren Antizipationseffekte an, wonach sich die Bewertungseffekte hypothetisch vorverlagern. Unter dieser Modifikation deuten die Regressionsergebnisse durchweg auf die erwartete IFRS- Wirkung, wonach die Kapitalkosten durchschnittlich sinken und Tobin´s Q durchschnittlich steigt. Abschließend untersuchen die Autoren in einem separaten Kapitel die Kapitalmarkteffekte der IFRS-Rechnungslegung unter nationalen Rahmenbedingungen der Regulierung und stellen deren Relevanz für die Auswirkungen der IFRS-Anwendung hervor.31

Die in 2013 ebenfalls von Daske et al. veröffentlichte Studie untersucht den gleichen Sachverhalt, jedoch auf ausgeweiteter und aktualisierter Datenbasis sowie unter besonderer Berücksichtigung der unternehmensinternen Ausweisanreize, welche bei der IFRS- Übernahme vorlagen. Sie vermuten, dass nur IFRS-übernehmende Unternehmen mit erhöhten Ausweisanreizen die neuen Normen dazu nutzen, um Investoren mit entscheidungs- nützlicheren Informationen zu versorgen und sich IFRS-bedingte positive Kapitalmarkteffekte eben nur bei den Anteilen solcher Unternehmen finden lassen. Zunächst zeigen die Autoren dazu, anhand des Price-Impact und des Bid-Ask-Spread, widersprüchliche und insignifikante Ergebnisse zu den Auswirkungen freiwilliger IFRS-Bilanzierung per se auf die Kapital- marktliquidität von Aktien. Ebenso deuten ihre Regressionsergebnisse zu Bewertungseffekten auf einen durchschnittlich kapitalkostenerhöhenden Einfluss freiwilliger IFRS-Bericht- erstattung hin. Im Anschluss hieran klassifizieren die Autoren die beobachteten Unternehmen nach ihren Ausweisanreizen beim Normenwechsel in serious adopter und label adopter. Eine erneute, nun mit Dummy-Variable zwischen serious adopter und label adopter differenzierende Untersuchung ergibt daraufhin, dass die freiwillige IFRS-Übernahme die Kapitalmarktliquidität und die Kapitalkostenbewertung signifikant verbessert, wenn bei IFRS-Übernahme erhöhte Ausweisanreize (serious adopter) vorlagen. Ein gleiches Bild ergibt sich bei einer weiteren, nach Ausweisanreizen differenzierenden Untersuchung der pflichtmäßig IFRS-übernehmenden Unternehmen.32 Auch wenn sich Kritik daran üben lässt, in welcher Form nach den nicht beobachtbaren Ausweisanreizen klassifiziert wurde, so weist diese Studie deutlich auf die Relevanz dieser Komponente für die Auswirkungen der IFRS- Anwendung hin.

Zusammenfassend ergibt sich kein eindeutiges Bild der kapitalmarktorientierten Studien zu den internationalen Auswirkungen der IFRS-Rechnungslegung.33 Dieser Sachverhalt bietet eine passende Überleitung zur nun anschließenden empirischen Untersuchung des Länderfalls Niederlande.

3. Hypothesenentwicklung für den Länderfall Niederlande

3.1 Konzeptionelle Unterschiede zwischen IFRS und NL GAAP

Um Ausmaß und Richtung von Bewertungs- und Liquiditätseffekten der IFRS-Übernahme auf dem niederländischen Kapitalmarkt abschätzen zu können, ist eine grundsätzliche Betrachtung der konzeptionellen Unterschiede zwischen den IFRS und den niederländischen Rechnungslegungsnormen für kapitalmarktorientierte Unternehmen im Untersuchungszeit- raum maßgeblich.34

Zunächst zur inhaltlichen Konzeption der IFRS: Basierend auf Überlegungen zur entscheidungsorientierten Bilanztheorie35 soll die Vermittlung entscheidungsnützlicher Infor- mationen an Investoren mit einer starken fair value-Orientierung der IFRS sichergestellt wer- den.36 Die Berücksichtigung von fair values, also Wertansätzen von Vermögens- und Schuld- positionen entsprechend ihren Marktwerten37, soll helfen, die Bildung von stillen Reserven und Lasten einzudämmen und die Rechnungslegungsinformationen insgesamt den tatsächlich- en Unternehmenssituationen bezüglich Finanzen, Vermögen und Erfolg näher zu bringen.38

Rechnungslegungsnormen leiten sich in den Niederlanden aus einem hybriden System ab. Gesetzlich ist die Offenlegung von Unternehmen in Titel neun des zweiten Buchs des niederländischen Zivilrechts geregelt.39 Hierbei handelt es sich um bindende Rahmengesetze, welche die Finanzberichterstattung allgemein für private Unternehmen und öffentliche Einrichtungen beschreiben.40 Die konkrete inhaltliche Auslegung und Interpretation erfahren diese Gesetze in den faktisch, jedoch nicht rechtlich bindenden Standards „Guidelines on Annual Reporting“ (GAR) des staatlich unabhängigen Dutch Accounting Standards Board.41 Dieser Normenrahmen, hier als NL GAAP bezeichnet, bildet die regulatorische Referenz bei der Jahresabschlusserstellung kapitalmarktorientierter Unternehmen in den Niederlanden bis 2005. Konzeptionell besteht zwischen den IFRS und den NL GAAP, aufgrund früherer Konvergenzbemühungen, eine erhöhte Deckungsgleichheit.42 Diese äußert sich insbesondere in der Informationsorientierung, dem Rahmenkonzept und bei der Berücksichtigung der Zeitwertbilanzierung.43

Gleichwohl gibt es zwischen den Normen der IFRS und denen der NL GAAP stets letzte inhaltliche Unterschiede44 mit erwartet fortwährendem Bestand45. Beispielsweise erfolgt die IFRS-Folgebewertung eines Goodwill mit dem Impairment-only-Ansatz ausschließlich durch außerplanmäßige Abschreibungen im Zuge von Werthaltigkeitstests46, wohingegen die NL

GAAP hier eine planmäßige Abschreibung über zwanzig Jahre vorsehen.47 Diese Restriktion durch die niederländischen Standards ist jedoch aus Investorensicht zu kritisieren, da dieses Vorgehen einen temporär konstanten Wertabbau dieses Vermögenswertes impliziert und die bewertungsrelevante tatsächliche Wertentwicklung des derivativen Firmen- und Geschäfts- wertes verbirgt. Weitere maßgebliche Unterschiede bestehen bei der Folgebewertung von Finanzinstrumenten und als Finanzinvestition gehaltenen Immobilien. Dabei verlangen die IFRS, im Gegensatz zu den NL GAAP48, bei wirtschaftlich entstandenen Wertsteigerungen unabhängig von ihrer rechtlichen Realisation überwiegend eine erfolgswirksame Verbuchung.49 Auch diese Bilanzierungspraktik nach NL GAAP lässt sich aus Investorensicht kritisieren, da diese abermals Informationen zur tatsächlichen Vermögensentwicklung und entsprechenden zukünftigen Erfolgs- und Finanzsituation vorenthält.

Schlussfolgernd kann zu den konzeptionellen Unterschieden festgehalten werden, dass die IFRS-Rechnungslegungsinformationen im Vergleich zu denen der NL GAAP ein (geringfügig) transparenteres Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage eines Unternehmens und darüber hinaus auch eine internationale Vergleichbarkeit bieten.

3.2 Enforcement der Rechnungslegungsnormen

Das Enforcement bezieht sich im Sinne dieser Arbeit auf Mechanismen eines Wirtschaftsraumes, welche eine sachgemäße Anwendung von Rechnungslegungsnormen durchsetzen. Diese Mechanismen koexistieren neben der Wirtschaftsprüfung und internen Kontrollinstanzen, wie dem Aufsichtsrat.50 Basierend auf der begründeten Annahme, dass das Enforcement einen wichtigen positiven Einfluss auf die Qualität von Rechnungslegungsinformationen und damit auch auf die ökonomischen Konsequenzen der zugrundeliegenden Rechnungslegungsnormen hat51, wird nun folgend die Entwicklung des Enforcements in den Niederlanden zur Hypothesenentwicklung kurz beschrieben.

In der Zeit vor 2002 wurde die Durchsetzung von Rechnungslegungsnormen in den Niederlanden grundsätzlich durch das Gesellschaftsrecht mit Aufsichtsräten und der pflichtmäßigen Wirtschaftsprüfung vollzogen.52 Eine einfache Enforcement-Institution bildete das Enterprise Chamber, eine spezielle Kammer des niederländischen Gerichtshofs, welche Regelverstöße in der Rechnungslegung kapitalmarktorientierter Unternehmen auf Anzeige untersuchte und gegebenenfalls deren Korrektur beschloss.53 Kamen Unternehmen dieser Korrektur nicht nach, so konnten Sanktionen auf gesellschaftsrechtlicher Ebene verhängt werden.54

Nach 2002 wurde, auf Weisung des damaligen Committee of European Securities Regulators, mit der Netherlands Authority for Financial Markets (AFM), eine neue Finanzmarktaufsicht gegründet55, welche sich insbesondere auch dem Enforcement widmet56 und eigene Sanktionsmechanismen besitzt57. Als staatliche Nachfolgeorganisation des Security Boards of the Netherlands beaufsichtigt die AFM den Kapitalmarkt sowie die Informationsvermittlung kapitalmarktorientierter Unternehmen und versucht damit zur Kapitalmarkteffizienz bei- zutragen.58

Die Ausarbeitung und stetige Ausweitung des Regelwerks der AFM59, bedingt durch die europäische Finanzkrise und europäische Konvergenzbemühungen, lässt auf eine Zunahme des Enforcements im niederländischen Kapitalmarkt in der Untersuchungsperiode schließen.

Neben dem Enforcement können weitere Aspekte des sozioökonomischen Umfelds der Rechnungslegung zur Abwägung von Auswirkungen der IFRS-Rechnungslegung herangezogen werden. Hierunter fallen vor allem Aspekte, welche zur internationalen Harmonisierung der Rechnungslegung beitragen60, jedoch im Weiteren nicht behandelt werden.

3.3 Hypothesenformulierungen

Aus den vorangegangenen Ausführungen zu den konzeptionellen Unterschieden und zum Enforcement der Rechnungslegung lassen sich nun folgende Hypothesen für Kapital- markteffekte der pflichtmäßigen IFRS-Rechnungslegung in den Niederlanden formulieren:

[...]


1 Vgl. Verordnung (EG) Nr. 1606/2002, Art. 3,4.

2 Vgl. Daske et al. (2008), S. 1086, 1090.

3 Vgl. Ruhnke/Simons (2012), S. 14-17; Wöhe/ Döring (2013), S. 774-776.

4 Vgl. Zimmermann/Werner (2004), 151-152; Ballwieser (2009), 2-5.

5 Vgl. Ruhnke/Simons (2012), 83-96.

6 Vgl. Mölls/Strauß (2007), 957.

7 Vgl. Ruhnke/ Simons (2012), 97-101.

8 Vgl. IFRS Framework F.OB1-OB21, Stand 01.05.2013.

9 Vgl. Akerlof (1970); Easley/O´Hara (2004); Lambert/Leuz/Verrecchia (2007).

10 Vgl. Healy/Papelu (2001), 408, 429-430.

11 Vgl. Daske et al. (2005), 459-460.

12 Vgl. Wagenhofer/Ewert (2007), 26-27.

13 Vgl. Akerlof (1970), 498-499.

14 Vgl. Healy/Papelu (2001), 408, 429-430.

15 Vgl. Zimmermann/Meser/Veith (Im Erscheinen 2014), 4.

16 Vgl. Zimmermann/Werner (2004), 156-158.

17 Vgl. Ballwieser (2009), 2-4.

18 Vgl. Ruhnke/ Simons (2012), 103-104.

19 Vgl. Ballwieser (2009), 6-15.

20 Vgl. Daske (2005), 455-456.

21 Vgl. Daske (2005), 462-463.

22 Vgl. Wagenhofer/Ewert (2007), 406.

23 Vgl. Zimmermann/Meser (2013), 3-5.

24 Vgl. Sharpe (1964), 425-442; Lintner (1965), 597-610.

25 Vgl. Zimmermann/Meser (2013), 3-4.

26 Vgl. exemplarisch hierzu Claus/Thomas (2001), 1633-1637; Gebhardt/Lee/Swaminthan (2001), 139-144; Ohlson/Juettner-Nauroth (2005), 350-358.

27 Vgl. Hennessy (2004), 1717-1719.

28 Vgl. Wagenhofer/Ewert (2007), 408.

29 Vgl. exemplarisch hierzu Hail/Leuz (2007), Christensen/Hail/Leuz (2013); Daske et al. (2013, 2008).

30 Vgl. Daske (2005), 462.

31 Zum vorliegenden Abschnitt vergleiche Daske et al. (2008).

32 Zum vorliegenden Abschnitt vergleiche Daske et al. (2013).

33 Vgl. Wagenhofer/Ewert (2007), 405.

34 Vgl. Daske et al. (2008), 1089.

35 Vgl. Pellens et al. (2008), S. 19-24.

36 Vgl. Zimmermann/Werner (2004), 149-151.

37 Vgl. Buchholz (2012), S. 48-49; Ruhnke/Simons (2012), S. 195-199.

38 Vgl. Heyd/ Meffle (2008), S. 598-600; Pellens et al. (2008), S. 118-119; Wöhe/ Döring (2013), S. 780-783.

39 Vgl. Nobes/Parker (2002), 196-197.

40 Vgl. Wang/Buijink/Eken (2006), 391-392.

41 Vgl. Nobes/Parker (2002), 200.

42 Vgl. Choi/Meek (2005), 85-88; KPMG (2006), S. 1.

43 Vgl. Nobes/Parker (2002), 197, 203-204; KPMG (2006), S. 8.

44 Vgl. Deloitte (2008, 2009, 2011, 2012, 2013), KPMG (2006).

45 Vgl. KPMG (2006), S. 1; Deloitte (2013), S. 3.

46 Vgl. IAS 38.107-108, IFRS 3.54 in Verbindung mit IAS 36.65-108, vom 01.05.2013.

47 Vgl. GAR 121.

48 Vgl. Deloitte (2009), S. 16; Deloitte (2011), S. 27; Deloitte (2013), S. 30.

49 Vgl. IAS 39.43-70; IAS 40.30-56 .

50 Vgl. Eiselt/Pleitner (2010), S.302-304.

51 Vgl. Daske et al. (2008), 1089; Christensen/Hail/Leuz (2013), 171.

52 Vgl. Nobes/Parker (2002), 205-206.

53 Vgl. Wang/Buijink/Eken (2006), 391-392.

54 Vgl. Nobes/Parker (2002), 196-199; Choi/Meek (2005), 85-86, 191.

55 Vgl. Nobes/Parker (2008), 191.

56 Vgl. AFM (2014a), http://www.afm.nl/en/professionals/afm-voor/effectenuitgevende-ondernemingen/financ iele-verslaggeving.aspx.

57 Vgl. AFM (2005), 3-10.

58 Vgl. AFM (2014b), http://www.afm.nl/en/over-afm.aspx.

59 Vgl.AFM (2014c) http://www.afm.nl/en/professionals/regelgeving.aspx.

60 Vgl. Werner/Zimmermann (2009), 92, 99-102.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Liquiditäts- und Bewertungseffekte der pflichtmäßigen IFRS-Bilanzierung im niederländischen Kapitalmarkt
Hochschule
Universität Bremen
Autor
Jahr
2014
Seiten
31
Katalognummer
V272987
ISBN (eBook)
9783656653608
ISBN (Buch)
9783656653516
Dateigröße
1053 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
IFRS, Bilanzwirkungsforschung, Kapitalmarktforschung, Bid-Ask-Spread, Price-Impact, Tobin´s Q, Multivariate Regression, mandatory IFRS
Arbeit zitieren
Bachelor of Science Jörg Meislahn (Autor), 2014, Liquiditäts- und Bewertungseffekte der pflichtmäßigen IFRS-Bilanzierung im niederländischen Kapitalmarkt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272987

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