Familien im historischen Wandel seit 1945. Gegenwärtige Probleme und Perspektiven der Erziehung


Diplomarbeit, 2011
121 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Definition des Begriffs Familie
1.1 Etymologie und Definition des Begriffs Familie
1.2 Merkmale und Funktionen von Familie

2 Die historische Entwicklung der Familie seit der Mitte des 20. Jahrhunderts
2.1 Das bürgerliche Familienmodell seit Ausgang des Zweiten Weltkrieges
2.1.1 Bedeutungswandel des Modells und Ursachen für seine Dominanz in den 50er und 60er Jahren
2.1.2 Geltungsverlust des bürgerlichen Familienmodells in den 1970er Jahren
2.1.3 Kommentar: Zur historischen Veränderung des Familienverständnisses
2.2 Bedeutungswandel von Ehe, Heirat und Paarbeziehung
2.2.1 Rückgang der Eheschließungen und Zunahme der Scheidungen
2.2.2 Rechtliche Bestimmungen zur Ehescheidung
2.2.3 Bedeutung der Paarbeziehung - 1950 bis heute
2.2.4 Kommentar: Scheidung als Errungenschaft oder Krise?
2.3 Gesellschaftliche und soziale Umwälzungen in den 1970er Jahren
2.3.1 Die Emanzipationsbewegung
2.3.2 Bildungsexpansion und erhöhte Erwerbsbeteiligung von Frauen
2.3.3 Veränderung der Erwerbstätigkeit bei Müttern und Vätern: Vereinbarkeit von Familie und Beruf
2.3.4 Kommentar: Die Bedeutung der gesellschaftlichen Errungenschaften für die Paarbeziehung und Familie
2.4 Bedeutungswandel von Mutterschaft und Vaterschaft
2.5 Kommentar: Mutter- und Vaterschaft - natürliche Bestimmung oder gesellschaftliches Konstrukt?
2.6 Der Wandel der Geschlechterrollen
2.7 Kommentar: Das gegenwärtige Rollen- und Geschlechterverständnis im Kontext der Familie

3 Gegenwärtige Probleme und Perspektiven der Erziehung
3.1 Wandel der Erziehung und Bedeutung des Kindes in der Familie
3.2 Wandel der Erziehungsvorstellungen und -ziele
3.3 Kommentar: Zur Autoritätsfrage in der heutigen Eltern-Kind-Beziehung
3.4 Perspektiven zur Vereinbarkeitsproblematik von Familie und Beruf
3.4.1 Auswirkungen der mütterlichen Erwerbstätigkeit und Krippenbetreuung auf die Entwicklung des Kindes
3.4.2 Kommentar: Fremdbetreuung oder Mutterliebe?
3.4.3 Die „neuen“ Väter im Kontext von Familie und Beruf
3.4.4 Kommentar: Zur Erziehungsfunktion des Vaters

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Thema Familie vereint Zeitlosigkeit und Aktualität zugleich. Die familiale Gemeinschaft erhält ihren zeitlosen Charakter, da sie seit Menschengedenken die kleinste soziale Gruppe in der Gesellschaft als Ursprung der Reproduktion der menschlichen Gattung bildet. Die Gegenwartsbezogenheit des Themas besteht darin, dass auch heute die meisten Individuen in eine Familie hineingeboren werden. Wie können der historische Wandel der Familie und deren gegenwärtige Probleme und Perspektiven der Erziehung zum Thema werden? Das Interesse am familialen Strukturwandel und den daraus resultierenden Problemen gründet sich auf der Tatsache, dass jedes Individuum, das Teil einer Familie ist, vom historischen Wandel familiärer Lebensformen betroffen ist. Wie noch zu zeigen ist, verändern sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts tiefgreifend die Struktur und Formen familialen Zusammenlebens. Die Universalität der Familie, die nicht im Widerspruch zu ihrem steten Wandel steht, spiegelt sich also in ihrem enormen „Wirkungskreis“ wider, der sich nahezu auf alle Menschen erstreckt, die in familialen Einheiten miteinander verbunden sind. Das Thema ist zum einen allgemein, da jedes Familienmitglied an historischen Veränderungen und pädagogischen Problemen der Familie teilhat, und zum anderen speziell, da die eigenen familialen Erfahrungen stets subjektiv und individuell sind. Daher ist eine persönliche Auseinandersetzung und Identifikation mit dem vorliegenden Themenmaterial vor dem Hintergrund subjektiver Erfahrungen in der eigenen Familie unvermeidbar. Das Netzwerk aus Familienbeziehungen ist durch die Trennung von Familie und gewerblicher Produktion in Folge des Industrialisierungsprozesses heute mehr denn je durch Intimität und Emotionalität gekennzeichnet. Die eigene Identität und Persönlichkeit werden nicht nur durch die familiale Herkunft und Erziehung elementar geprägt, zumal die Sozialisation der Kinder heute eine zentrale Funktion der Familie ist. Die familiäre Privatsphäre bildet auch den Ursprung für die Entstehung familialer Konflikte und Probleme. Will man die Ursachen für Probleme der Erziehung in der gegenwärtigen Familie verstehen, so ist die Beschäftigung mit ihrer Historizität notwendig.

Im Folgenden wird der Forschungsstand zum Thema Familie seit Ausgang des Zweiten Weltkrieges in der Bundesrepublik beleuchtet. Familienforschung geht stets mit politischen Motiven und Interessen einher, die seit 1945 das öffentliche Leben in der BRD prägen. Die Soziologie befasst sich im ersten Nachkriegsjahrzehnt vor allem mit familialen und verwandtschaftlichen Beziehungen. Untersuchungsgegenstand der Familienforschung bilden zu jener Zeit die Autoritätsstruktur der deutschen Familie im Kontext der Faschismusforschung sowie die Auswirkungen der Kriegs- und Nachkriegsereignisse auf die Stabilität der Familie vor dem Hintergrund des Anstiegs der Scheidungsrate nach dem Zweiten Weltkrieg. In Anlehnung an die geistesgeschichtliche Tradition der deutschen Sozialwissenschaften im 19. Jahrhundert entstehen in den 1960er Jahren wissenschaftliche Arbeiten zur Problematik des familialen Wandels durch Industrialisierung und Urbanisierung. Die Auffassung von einer linearen Entwicklung der Großfamilie zur Kleinfamilie im Zuge des Industrialisierungsprozesses oder von patriarchalischen zu partnerschaftlichen Familienstrukturen sowie von der Intimisierung und Privatisierung bei einer gleichzeitigen Desintegration der Familie aus der Gesellschaft und schließlich der angenommene Funktionsverlust der modernen im Vergleich zur vorindustriellen Familie regen den Wissenschaftsdiskurs in den 60er Jahren an. Die vorherrschenden Annahmen über den vormodernen Typus und Wandel der Familie stehen Mitte der 1960er Jahre in der empirischen Familienforschung in den USA in Kritik, da diesbezügliche theoretische und empirische Beweise fehlen und die Wissenschaftstheorien unter Vernachlässigung der Einbettung der Familienstrukturen in einen sozioökonomischen Gesamtkontext vor allem ideologisch motiviert sind. Nach einer Erweiterung der Methodenkonzepte wird die Annahme über die lineare Entwicklung von der Mehrgenerationenfamilie zur Kleinfamilie revidiert, andererseits bestätigen Untersuchungen die Bedeutung von verwandtschaftlichen und nachbarschaftlichen Beziehungen in der modernen Familie trotz der industriellen und urbanen Veränderungen (vgl. Tornieporth 1998, S. 168f.).

Der Einfluss des vorherrschenden funktionalen bzw. strukturfunktionalistischen Ansatzes des Soziologen Talcott Parsons (1902-1979) auf die Familienforschung verstärkt die Dogmen über die Relevanz der familialen Sozialisation des Kindes und der Geschlechtsrollendifferenzierung in der patriarchalischen Familie. Insbesondere die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung sei nach Parsons zur Vermeidung eines konkurrierenden Verhaltens zwischen den Ehepartnern und zur Stabilisierung des familialen Systems notwendig (vgl. Tornieporth 1998, S. 170). Diese gängigen Meinungen über patriarchalisch strukturierte Familienverhältnisse in Wissenschaft und Politik werden in den 1960er Jahren in der Bundesrepublik von der Studentenbewegung und Frauenbewegung radikal in Frage gestellt. Im Zuge der gesellschaftlichen und sozialen Umwälzungen und der erhöhten Erwerbsbeteiligung von Frauen in den 1960er und 70er Jahren werden bestimmte Defizite in der Familienforschung wie Fragen zur Sozialisationsfunktion sowie zu familialen Erziehungsaufgaben diskutiert. Sowohl schichtspezifische Defizite der familialen Sozialisation als auch Defizite in der kindlichen Entwicklung durch die Erwerbstätigkeit der Mutter werden erforscht. Wie die ,Krise der Familie‘ in der Soziologie mit schichtspezifischen Defiziten der familialen Sozialisation begründet wird, so wird in der psychologischen Forschung der ,Patient[...]‘ Familie als Ursache für die Entstehung von Neurosen bei den Familienmitgliedern gesehen (Tornieporth 1998, S. 171; Anpassung: E.J.).

Der seit dem 18. Jahrhundert dominante Familientypus der bürgerlichen Kleinfamilie beeinflusst die familiensoziologische Theoriebildung und die Familienpolitik in der Bundesrepublik bis Ende der 1960er Jahre. Während die Vaterautorität zunehmend verschwindet, bleibt die Mutter-Kind-Dyade als unhinterfragte Norm des bürgerlichen Familienleitbildes erhalten. In diesem Zusammenhang wird der Rollenkonflikt durch die Doppelorientierung der erwerbstätigen Mutter thematisiert und es werden erstmals auch empirische Untersuchungen über die Auswirkungen der mütterlichen Erwerbstätigkeit auf die kindliche Entwicklung durchgeführt. Weitere Impulse erhält die Familienforschung infolge der Wirtschaftskrise in den Jahren 1966/67 durch die Reformierung des Bildungswesens und Mitte der 1970er Jahre durch weitere Forschungsergebnisse über familiale Sozialisation, insbesondere über die Eltern-Kind-Beziehung und das Erziehungsverhalten der Eltern. Ende der 1970er Jahre findet durch die Frauenforschung auch das bisher nur in der Haushaltswissenschaft behandelte Thema Haushalt als materielle Basis des Familienlebens Eingang in die Familienforschung. Dies wurde durch den Wandel von der familialen Produktions- zur Konsumtionseinheit aus der familiensoziologischen Forschung weitgehend ausgeklammert. In neuen Ansätzen der Familienforschung wird Hausarbeit als private Reproduktionsarbeit aufgefasst, die die ,Funktionsfähigkeit‘ der Erwerbstätigen sowie die generative Reproduktionsfunktion erfüllt (Tornieporth 1998, S. 173). Ferner wird die geschlechtliche Arbeitsteilung nicht mehr durch die biologischen Geschlechtsunterschiede legitimiert, sondern als ,patriarchalische Vergesellschaftung der Familienproduktion‘ verstanden (Tornieporth 1998, S. 173). Heute werden familiale Verhaltensweisen nicht mehr nur auf anthropologische Thesen zurückgeführt, sondern auch durch ökonomische Theorien erklärt. Seit den 1980er Jahren werden in der Familienforschung auch Umweltbedingungen in Beziehung zur familialen Sozialisation gesetzt. In der sozialökologischen und ökopsychologischen Forschung werden der elterliche Erziehungsstil sowie auch materielle und soziale Umweltbedingungen als Einflussfaktoren auf die Eltern-Kind-Beziehung analysiert (vgl. Tornieporth 1998, S. 171-174).

Welche Ziele bzw. Fragestellungen liegen dieser erziehungswissenschaftlichen Untersuchung zugrunde? Das Ziel dieser Arbeit besteht in der Untersuchung von Einflussfaktoren des strukturellen Wandels der Familie seit 1945 bis heute. Ferner befasst sich das vorliegende Themenmaterial mit den Auswirkungen der historischen Veränderungen der Familie auf das gegenwärtige Erziehungsverständnis und den damit verbundenen Problemen der Erziehung. Es wird also der Versuch unternommen, die Komplexität geschichtlicher Veränderungen familialen Zusammenlebens im Übergang von der bürgerlichen Familie nach dem Zweiten Weltkrieg zu spezifischen Familienformen unserer heutigen Gesellschaft zu erfassen. Außerdem werden zu bestimmten Erziehungsproblemen vor dem Hintergrund ihrer Entstehungsgeschichte diverse Perspektiven entwickelt. Wie im Folgenden gezeigt wird, ist der beschriebene Zeitraum für die Auseinandersetzung mit familialen Veränderungen und gegenwärtigen Erziehungsproblemen adäquat. Der Patriarchalismus wird bereits mit Beginn der Industrialisierung geschwächt, eskaliert im Zweiten Weltkrieg und verliert schließlich aufgrund ökonomischer, gesellschaftlicher und sozialer Umwälzungen in den 1960er und 1970er Jahren seine Bedeutung. Die Wirkungen dieser Veränderungen auf die Entwicklung des einzelnen Subjekts, insbesondere auf die Geschlechtsrollenidentität von Mann und Frau, prägen tiefgreifend das menschliche Bewusstsein, da sich das Geschlechterverhältnis wie auch die Eltern-Kind- Beziehungen nachhaltig verändern. Der Beginn der Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft und die damit verbundene gleichberechtigte Partnerschaft in der Familie leiten einen fundamentalen gesellschaftlichen Fortschritt ein, zumal sich die familialen Beziehungen durch die neue Aufgaben- und Rollenverteilung bis in die Gegenwart hinein verändern. Der beschleunigte gesellschaftliche Wandlungsprozess nach dem Zweiten Weltkrieg stellt demnach einen markanten - da in der Geschichte der Menschheit bisher noch nicht da gewesenen - historischen Einschnitt dar. Daher werden in dieser Arbeit einschlägige gesellschaftliche und soziale Umwälzungen wie die Emanzipationsbewegung in den 1970er Jahren und die dadurch hervorgerufene Bildungsexpansion und gesteigerte Erwerbsbeteiligung von Frauen behandelt. Diese bewirken nicht nur einen Bedeutungsverlust der durch Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse charakterisierten patriarchalischen Familienformen in den 1950er Jahren. Auch historisch neue familiäre Beziehungsdynamiken und damit verbundene Probleme der Erziehung entstehen infolge des Niedergangs des Patriarchats.

Die inhaltliche Struktur dieser Arbeit, die neben Einleitung und Fazit aus insgesamt vier Teilen besteht, wird nun detailliert beschrieben. In den ersten Kapiteln erfolgt eine explizite Auseinandersetzung mit dem etymologischen Ursprung sowie eine präzise Definition des kontroversen Begriffs der Familie (Kap. 1/1.1). Die Besonderheit und das sich daraus ergebende Definitionsproblem von Familie bestehen in der Diskrepanz zwischen ihrer Konstanz und Wandlungsfähigkeit. Mit einer spezifischen Betrachtungsweise der Familie als biologische und soziale Ordnung werden sowohl ihre relativ stabile Naturhaftigkeit als auch ihre strukturelle sowie formbezogene Variabilität betont. Die Charakterisierung konstitutiver Merkmale der Familie verdeutlicht einerseits ihre Kontinuität, andererseits stellen die spezifischen Funktionen heutiger Familienformen deren Flexibilität und Veränderlichkeit heraus, da sich familiale Strukturen und Funktionen im Laufe der Geschichte stets wandeln. Um der Begriffsdefinition von Familie gerecht zu werden, ist also eine Vereinigung universaler Kriterien und spezifischer Funktionen der Familie in gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaften notwendig, in der die konstanten und zugleich dynamischen Elemente als wesentliche Charakteristika von Familie berücksichtigt werden (Kap. 1.2). Im zweiten und dritten Themenkomplex der Arbeit richtet sich der Fokus auf die zentrale Fragestellung, welche Faktoren zum Bedeutungswandel der Familie beitragen. In einer kritischen Auseinandersetzung mit dem vorliegenden Themenmaterial werden die strukturellen Veränderungen der Familie seit Ausgang des Zweiten Weltkrieges bis heute reflektiert. Diesbezüglich wird zunächst im zweiten Kapitel Die historische Entwicklung der Familie seit der Mitte des 20. Jahrhunderts die Ausgangssituation nach dem Zweiten Weltkrieg dargestellt, um die folgenden Aspekte zum Bedeutungswandel der Kernfamilie als prototypisches Familienmodell in den 1950er und 1960er Jahren zu untersuchen. Sowohl die Ursachen für die Dominanz der bürgerlichen Normalfamilie als auch ihre charakteristischen Merkmale nach dem Zweiten Weltkrieg sind von Interesse (Kap. 2.1/2.1.1). An die Gründe für den Geltungsverlust dieses Familienmodells in den 1970er Jahren (Kap. 2.1.2) grenzt eine Reflexion über die Bedeutung der Kernfamilie als prototypisches Familienmodell in der Nachkriegszeit und in den 1950er Jahren an. Ferner wird die Frage erörtert, welche historisch neue Vorstellung von Familie sich dem Geltungsverlust des bürgerlichen Familienmodells heute entwickelt haben könnte.

Wie bereits ausdrücklich erwähnt wurde, bewirken gesellschaftliche und soziale Faktoren einen radikalen Wandel der Familie, dem insbesondere die Veränderungen der Bedeutung von Ehe, Heirat und Paarbeziehung in den 1960er und 70er Jahren immanent sind (Kap. 2.2). Sowohl der Rückgang der Eheschließungen als auch die Zunahme der Scheidungen werden unter Einbezug statistischer Daten skizziert (Kap. 2.2.1). In diesem Zusammenhang wird auch die historische Veränderung des Scheidungsrechts seit dem Ausgang des Zweiten Weltkrieges beschrieben, um ihren Einfluss auf die Bedeutung der Ehe zu bestimmen (Kap. 2.2.2). Daraufhin wird die Frage erörtert, welche Bedeutung der Ehe bzw. Paarbeziehung in den 1950er Jahren bis heute zukommt (Kap. 2.2.3). Im anschließenden Kommentar wird zu den Fragen Scheidung als Errungenschaft oder Krise? und Verliert die Ehe an Bedeutung? Stellung bezogen. Im Kapitel 2.3 über Gesellschaftliche und Soziale Umwälzungen in den 1970er Jahren, die die Familienstrukturen und das Geschlechterverhältnis verändern, werden die Ziele der historisch bedeutsamen Emanzipationsbewegung (Kap. 2.3.1) und der dadurch initiierten Bildungsexpansion und erhöhten Erwerbsbeteiligung von Frauen thematisiert (Kap. 2.3.2). In diesem Zusammenhang wird auf das historisch neue Problem der Unvereinbarkeit der Erwerbstätigkeit von Frauen und ihrer Mutterrolle Bezug genommen (Kap. 2.3.3). Im Kommentar: Bedeutung der gesellschaftlichen Errungenschaften für die Paarbeziehung und Familie folgt eine persönliche Stellungnahme zur Bildungsexpansion und Frauenemanzipation sowie eine kritische Betrachtung der postmodernen Idee der Emanzipation der Frau im Hinblick auf die Familie. Anschließend werden weitere strukturelle Veränderungen der Familie, nämlich der einschneidende Bedeutungswandel von Mutterschaft und Vaterschaft und der überkommenen Rollenleitbilder seit den 1950er Jahren analysiert (Kap. 2.4). Das neue Bewusstsein hinsichtlich der innerfamilialen Strukturen und die damit verbundene Frage im Kommentar: Mutter- und Vaterschaft - „ natürliche “ Bestimmung oder gesellschaftliches Konstrukt? werden hermeneutisch ausgelegt. Das Kapitel 2.5 handelt vom Wandel der Geschlechterrollen ausgehend von der Industrialisierung, die als theoretische Diskussionsgrundlage der z.T. auch heute noch wirksamen Mechanismen der geschlechtsspezifischen Rollen- und Aufgabenverteilungen in Familie und Gesellschaft dient. Es folgen eine Untersuchung des Wandels der männlichen und weiblichen Rollendefinitionen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts sowie ein Kommentar über Das gegenwärtige Rollen- und Geschlechterverständnis im Kontext der Familie. In diesem Zusammenhang wird der historische Fortschritt der Überwindung des Patriarchats durch die Auflösung der Machtverhältnisse und die Entstehung einer gleichberechtigten Geschlechter- und Eltern-Kind- Beziehung reflektiert.

Der dritte Hauptthemenkomplex und daher Untertitel dieser Arbeit Gegenwärtige Probleme und Perspektiven der Erziehung befasst sich mit dem heutigen Erziehungsverständnis als Folge des historisch bedeutsamen Wandels der Familienstrukturen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Theoretische Grundlage der Diskussion und Reflexion relevanter Erziehungsprobleme bildet zum einen der Wandel der Erziehung und Bedeutung des Kindes in der Familie einschließlich ihrer Ursachen (Kap. 3.1). Zum anderen werden historische Veränderungen der pädagogischen Ideen und Ziele in der Familie aufgezeigt (Kap. 3.2). Der Kommentar über das Autoritätsproblem aufgrund uneindeutiger oder fehlender Autoritätsstrukturen in der heutigen partnerschaftlichen Eltern-Kind-Beziehung, die aus der Auflösung patriarchalischer Familienstrukturen und dem damit verbundenen Autoritätsverlust des Vaters resultieren, mündet in die Entwicklung diesbezüglicher Lösungsideen. Im zweiten Teil des Kommentars schließt das Kapitel mit einer Reflexion über die Frage ab, inwiefern sich im Zuge der historischen Veränderungen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts von autoritären Erziehungszielen zu liberalen Erziehungsformen ein grundlegend neues pädagogisches Bewusstsein herausgebildet hat. In diesem Zusammenhang wird die Frage diskutiert, welche Bedeutung die moralische Erziehung und Entwicklung des Kindes im Hinblick auf das erzieherische Engagement der Eltern hat.

In den weiteren Kapiteln erfolgt eine intensive Auseinandersetzung mit der bereits erwähnten Vereinbarkeitsproblematik von Familie und Beruf (Kap. 3.3). Durch die Explikation möglicher Auswirkungen der mütterlichen Erwerbstätigkeit und Krippenbetreuung auf die Entwicklung des Kindes (Kap. 3.3.1) wird im lösungsorientierten Kommentar: Fremdbetreuung oder Mutterliebe? die Frage evoziert, ob die institutionelle Säuglingsbetreuung eine Lösung des Vereinbarkeitsproblems darstellt. Die Auslotung diesbezüglicher Perspektiven leitet zu den Fragestellungen über, welche Bedeutung der Mutter für die Entwicklung des Kindes und welche Funktion der Fremdbetreuung in der Vereinbarkeitsfrage von Familie und Beruf zukommen.

Im Kapitel 3.3.2 wird noch einmal der Wandel der Vaterrolle seit den 1950er Jahren und die damit verbundene ungleiche Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern aufgegriffen. Im Kommentar: Zur Erziehungsfunktion des Vaters wird das Problem des Identitäts- und Autoritätsverlustes des Mannes in den Kontext der Vereinbarungsproblematik gestellt. In diesem Zusammenhang werden im Hinblick auf die Lösung der Diskrepanz familialer und beruflicher Aufgaben schließlich die Erziehungsfunktionen der heutigen Väter insbesondere für ältere Kinder und Jugendliche erörtert.

Im abschließenden Fazit werden noch einmal relevante Thesen in dieser Arbeit zusammengefasst.

Im Folgenden wird das methodische Vorgehen in dieser Arbeit skizziert. Wie aus dem strukturellen Aufbau deutlich wird, schließen einzelne Kapitel bzw. Themenkomplexe, in denen bestimmte Texte paraphrasiert werden, stets mit einem Kommentar ab. In diesem werden relevante thematische Aspekte in Bezug auf spezifisch dafür entwickelte Fragestellungen reflektiert und interpretiert. Die essayistischen Abhandlungen orientieren sich also an der Methode der pädagogischen Hermeneutik, d.h. im Allgemeinen der „ Sinnauslegung von Texten “ (Rittelmeyer; Parmentier 2001, S. 1). Der kritischen Betrachtung spezifischer Problemkomplexe und Themen liegt die Absicht zugrunde, die Bedeutung der Texte sowie Zweck und Motivation der Urheber/-innen zu bestimmten Formulierungen und Meinungsäußerungen in ihrem jeweiligen historischen und sozialen Kontext interpretatorisch zu erschließen. Ziel dieser methodisch reflektierten Analyse ist es, das vorliegende Informationsmaterial in einen tieferen Sinnzusammenhang zu stellen und „das nicht Offensichtliche […] offen zu legen“ (Rittelmeyer; Parmentier 2001, S. 2; Auslassung: E.J.). Der Erkenntnisprozess gilt nicht als abgeschlossen, indem die Ergebnisse als fertige bzw. endgültige Lösungen präsentiert werden, sondern der Fokus richtet sich vielmehr auf die im Textgehalt nicht unmittelbar sichtbaren Denk- und Problemzusammenhänge, die einen weiten Interpretationsspielraum bieten. Auch der eigene Tenor schwingt mit, da in der hermeneutischen Analyse die Grenzen zwischen objektiver Gegenstandswahrnehmung und subjektiver, individueller Ausgestaltung des Textes verschwimmen. Der Erkenntnisgewinn resultiert daher aus der kreativen Kombination beider Faktoren, um erweiterte und tiefer gehende Sinn-Bezüge herzustellen, ohne aber den ursprünglichen Textinhalt grundlegend zu verändern oder gar zu verfälschen (vgl. Rittelmeyer; Parmentier 2001, S. 1-48).

Welche Texte werden in dieser Arbeit rezipiert und methodisch reflektiert? Eine interdisziplinäre Diskussion zum Thema Familien im historischen Wandel seit 1945: Gegenwärtige Probleme und Perspektiven der Erziehung ist notwendig, da die Familie damals wie heute immer verschiedenen Einflüssen wie vorherrschenden ökonomischen, gesellschaftlichen und sozialen Verhältnissen ausgesetzt ist. Der wissenschaftliche Rahmen der Arbeit stützt sich daher auf die Position, dass das Familiensystem stets in gesellschaftliche Strukturen eingebettet ist, die sich im Verlauf der Geschichte wandeln. Das vorliegende Textmaterial stammt demnach aus dem historischen, soziologischen und erziehungswissenschaftlichen Bereich von Autoren/Autorinnen wie Bertram u.a. (2009), Gestrich, A. (2003), Mitterauer, M. (1980), Nave-Herz, R. (2002), Pross, H. (1969), Sieder, R. (1998) u.v.m., die zu den Themenschwerpunkten sowohl Forschungsergebnisse zu historischen Ereignissen als auch neuere empirische Erhebungen liefern. Die interdisziplinäre Textauswahl wird zum einen mit ihrer inhaltlichen Relevanz für die themenübergreifenden Fragestellungen in dieser Arbeit begründet. Zum anderen werden beide Elemente - Geschichte und Aktualität - in die Reflexion vergangener und gegenwartsbezogener Ereignisse und Probleme unter Beachtung ihres jeweiligen gesellschaftlichen und historischen Zusammenhangs integriert. Weitere Details zur Textauswahl geben die einzelnen Ausführungen zu den verschiedenen Themengebieten sowie das Literaturverzeichnis.

1 Definition des Begriffs Familie

1.1 Etymologie und Definition des Begriffs Familie

Zur Einführung in die Thematik dieser Arbeit ist eine präzise Definition des kontroversen Begriffs Familie notwendig, da sich im Verlauf der historischen Entwicklung auch die Bedeutung von Familie gewandelt hat, die wohl auch einem künftigen Wandel unterworfen ist. Die etymologische Begriffsbestimmung sowie die Darstellung universaler Merkmale und spezifischer Funktionen der Familie weisen auf die Offenheit und die Grenzen, auf das Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Variabilität im Definitionsbereich dieses Begriffs hin.

Folgt man dem Sozialhistoriker Mitterauer (1980), so bezieht sich das Wort Familie im heutigen Verständnis „auf die in einem Haushalt zusammenwohnenden, miteinander verwandten Personen, [also fast ausschließlich; E. J.] Eltern oder Elternteile mit ihren noch nicht verheirateten oder nicht selbständigen (!) Kindern“ (Mitterauer u.a. 1980, S. 19). Diese Eltern- Kinder-Gruppe, heute als Haushaltsfamilie oder in der soziologischen Terminologie traditionell als Kern- oder Kleinfamilie bezeichnet, ist klar abzugrenzen von der Verwandtschaftsfamilie, zu der auch sämtliche Blutsverwandte und Verschwägerte gehören (vgl. Mitterauer u.a. 1980, S. 19). Für diese Vorstellung von der sogenannten Kernfamilie, der Einheit des Paares, das mit ihrem Kind bzw. ihren Kindern zusammenlebt, gab es bislang in der deutschen Sprache nur die Umschreibung ,mit Weib und Kind‘ (Mitterauer u.a. 1980, S. 19), die sich jedoch im Gegensatz zur heutigen Kernfamilie auf einen weiter gefassten Personenkreis als eigentlichen Kern der sozialen Gruppe erstreckte (vgl. Sieder 1998, S. 228).

Das heutige Wort Familie setzt sich erst im 18. Jahrhundert im allgemeinen Sprachgebrauch durch und leitet sich vom französischen Wort ,famille‘ ab, das wiederum auf seine lateinische Wurzel ,familia‘ zurückgeht, deren ursprüngliche Bedeutung mit der heutigen Kernfamilie nicht identisch ist (vgl. Mitterauer u.a. 1980, S. 19f.). Das Wort ,familia‘ kommt vom indogermanischen Wort ,famel‘ (,Haus‘) und bezeichnet nämlich „die Gesamtheit der in einem Haus lebenden Personen, einschließlich des Gesindes bzw. der Haussklaven“ (Mitterauer u.a. 1980, S. 20). Mit ,familia‘ ist nicht das Haus als Gebäude, sondern nur die im Haus lebende soziale Gruppe gemeint (vgl. Mitterauer u.a. 1980, S. 21). In diesem Sinne definiert ,familia‘ vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit alle in einem Haus lebenden Personen einschließlich der Knechte, Mägde, Gesellen, Lehrlinge usw., die in verwandtschaftlicher oder über Verantwortlichkeit und wechselseitiger Solidarität begründeter Beziehung zueinander stehen (vgl. Mitterauer u.a. 1980, S. 20; vgl. Bertram u.a. 2009, S. 26). Das deutsche ,hus‘ (,Haus‘) hingegen behält ihre doppelte Bedeutung von der Baulichkeit und dem Personenverband und wird in diesem Verständnis für die gesamte vorindustrielle Zeit angewendet (Mitterauer u.a. 1980, S. 21).

Aufgrund der steten Veränderungen der Familienformen und der Reduktion der Familienfunktionen erscheint es schwierig, den Begriff Familie im Sinne einer klaren Eingrenzung der dazugehörigen Personen zu definieren (vgl. Mitterauer u.a. 1980, S. 35). Die sogenannte Kleinfamilie oder auch Normalfamilie wird im soziologischen Terminus im Jahre 1978 im engeren Sinne als „ein dauerhaftes Zusammenleben in gemeinsamen Haushalten von dauerhaft monogamen, verheirateten Paaren mit ihren in der Ehe, also ,legitim‘ geborenen, gemeinsamen, leiblichen, zu beiden Eltern ,blutsverwandten‘ Kindern“ definiert und schließt dabei weitere Verwandte oder nicht verwandte Personen als Teil der Familie aus (Sieder 1998, S. 228f.). Ebenso kann der Begriff Familie im weitesten Sinne auch Verwandte und angeheiratete Verwandte implizieren, jedoch ohne die Vorstellung eines gemeinsamen Wohnsitzes. Ist mit Familie aber die aus verschiedenen Generationen bestehende Familie gemeint, also die Kinder im Verhältnis zu den Eltern, kann dies wiederum bedeuten, dass alle Familienmitglieder unter einem Dach zusammen leben (vgl. Varenne 1998, S. 87).

1.2 Merkmale und Funktionen von Familie

Wie bereits gezeigt wurde, hat sich die Bedeutung der Familie im historischen Verlauf je nach gesellschaftlichem Kontext gewandelt. Der Begriff Familie ist daher einerseits möglichst offen zu halten, damit Veränderungen und Pluralität der Familienformen nicht von vornherein ausgeschlossen werden. Andererseits ist m.E. für eine differenziertere Betrachtungsweise von Familie zunächst eine allgemeingültige konstitutive Bestimmung notwendig, welche auf die Besonderheit ihres überzeitlichen Charakter hindeutet, auch wenn diesem heute bekanntlich keine Bedeutung mehr beigemessen wird (vgl. Mitterauer u.a. 1980, S. 14). Denn Familie wird hauptsächlich als gesellschaftliche Erscheinungsform verstanden, die sich im Zuge historischer Veränderungen stets wandelt und daher an die jeweilige Zeit und Gesellschaft gebunden ist (vgl. Rosenbaum 1980, S. 12; S. 19f.). Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf einen Begriff von Familie, der sowohl ihre Konstanz als auch ihre historisch und gesellschaftlich bedingte Variabilität als konstitutive, einander nicht ausschließende Merkmale ansieht. Zunächst werden grundlegende Kriterien der Familie herausgearbeitet, die die Familie als soziale Gruppe von anderen Lebensformen in einer Gesellschaft unterscheiden, unabhängig ihrer spezifischen, historischen oder regionalen Erscheinungsformen (vgl. Nave-Herz 2002, S. 15). In einem zweiten Schritt werden spezifische Funktionen der Familie dargestellt, die auf heutige kapitalistische Gesellschaften zutreffen, um neben den bestehenden allgemein gültigen Merkmalen der Familie auch ihre Wandlungsfähigkeit hervorzuheben. In diesem Zusammenhang wird auf die Darstellung früherer weit umfassenderer Aufgaben und Funktionen der Familie verzichtet, da diese nicht mehr auf die in der Arbeit thematisierte Zeit ab 1945 bis heute zutreffen.

Eine essenzielle Eigenschaft der Familie (diese bezieht sich auf alle Formen der Familie) ist ihre biologisch-soziale Doppelnatur im Hinblick auf ihre Reproduktions- und Sozialisationsfunktion und weiteren kulturell unterschiedlichen Aufgaben. Die Funktion der Fortpflanzung bildet folglich einen integralen Bestandteil der Familie und ist sowohl biologisch als auch sozial-kulturell bedingt (vgl. Nave-Herz 2002, S. 15; vgl. Mitterauer u.a. 1980, S. 107). Die Familie als primärer und unmittelbarer Ort der Reproduktion und damit Erhaltung der menschlichen Gattung ist zwar aufgrund dieser biologischen Funktion ein relativ beständiges Gebilde, das jedoch vor allem als soziale Ordnung zu betrachten ist, da der Mensch immer auch Teil der bestehenden Gesellschaftsordnung ist. Dieser naturhafte Bezug durch die biologische Funktion der Familie steht nicht im Widerspruch zu ihrem Wandel, da sie im Verlauf der historischen Entwicklung ganz unterschiedliche und vielfältige Erscheinungsformen zeigt (vgl. Mitterauer u.a. 1980, S. 13f.). Daher würde die Auffassung der Familie „von einer überzeitlich gleichbleibenden, natürlich vorgegebenen Einheit menschlichen Zusammenlebens“ an ihrem Wesen vorbeigehen, da sie als einer der „ursprünglichsten Formen sozialer Zusammengehörigkeit“ auch immer eine soziale Einheit darstellt, die im Zuge fortwährender gesellschaftlicher Veränderungen neu konstruiert wird (Mitterauer u.a. 1980, S. 14). Dennoch ist m.E. der Einfluss biologischer Faktoren bei der Entwicklung der Familie - im Sinne der naturgemäßen Fortpflanzung des Menschen im familiären Kontext - von zentraler Bedeutung. Außerdem war und ist die Familie stets durch ein spezifisches Kooperations- und Solidaritätsverhältnis gekennzeichnet, das eine von anderen Gruppenmerkmalen unterschiedene besondere Rollenstruktur mit nur für die Familienmitglieder geltenden Rollendefinitionen und Bezeichnungen (z.B. Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Schwester etc.) impliziert. Schließlich besteht ein weiteres grundlegendes Kriterium der Familie in seiner Generationsdifferenzierung, die sich sowohl auf das Modell der Kernfamilie als die Einheit von Mutter, Vater und Kind als auch auf die Großeltern oder Urgroßeltern im Sinne der Drei- bzw. Vier-Generationen-Familie bezieht (vgl. Nave-Herz 2002, S. 15f.).

Welche Kennzeichen der Familie treffen jedoch primär auf gegenwärtige kapitalistische Gesellschaften zu? Im Zuge der Industrialisierung entwickelt sich die moderne Familie durch die Trennung von Familie und gewerblicher Produktion zum Bereich des Konsums sowie zur Privat- und Intimsphäre. Sie stellt eine ,Gegenwelt‘ zur kapitalistischen Gesellschaft dar, in der enge emotionale Bindungen zwischen den Individuen entstehen sollen (Gestrich u.a. 2003, S. 391). Dies bedeutet, dass erst jetzt die eigentliche zentrale Aufgabe der Familie, nämlich die emotionale Pflege der Paarbeziehung und der Erziehung der Kinder wahrgenommen werden kann (vgl. Gestrich u.a. 2003, S. 390f.). Letztere wird nicht durch gesellschaftliche Determinanten vorgegeben, sondern an den individuellen Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes orientiert (vgl. Bertram u.a. 2009, S. 83). Die Sozialisation der Kinder stellt trotz einer erheblichen familialen Funktionsentlastung durch Kindergärten und Schulen eine der relevantesten familialen Funktionen in der Gegenwart dar (vgl. Mitterauer u.a. 1980, S. 103ff.). In diesem Kontext steht die zentrale familiale Funktion der Freizeitgestaltung durch gemeinsame Familienaktivitäten, wodurch auch individuelle und kollektive Bedürfnisse in der Familie und durch die Familie wahrgenommen werden. Freizeit und Urlaub dienen zum einen der Entlastung und Befreiung der Familienmitglieder von alltäglichen Rollenzwängen durch Arbeit und Schule und erwecken zum anderen Gefühle einer familialen Solidarität und Einheit, die häufig sowohl nach innen als auch nach außen symbolisiert werden (vgl. Gestrich u.a. 2003, S. 601f.). Was die familiale Kooperation und Solidarität betrifft, so werden nach den amerikanischen Wissenschaftlern Bengtson und Allan (1993) die Pflege der Familienbeziehungen und die wechselseitige Unterstützung zwischen den Familienmitgliedern heute meist nicht mehr nur in einem gemeinsamen Haushalt, sondern auch außerhalb des Haushalts und der gemeinsamen Versorgungsgemeinschaft geleistet (vgl. Bengtson; Allen 1993, S. 469-504). Auch heute noch stellt die Familie also ein soziales Netz aus Verbindungen dar, das sich im Laufe des Lebens durch das Hinzukommen bzw. den Verlust von Personen wandelt. Dieses familiäre Netzwerk, welches das Individuum ein Leben lang begleitet, besteht im Wesentlichen aus den Familienbeziehungen zur Herkunftsfamilie, zur gegenwärtigen Familie, aber auch aus potenziellen Beziehungen zu früheren Familien, die der Einzelne aufgebaut hat (vgl. Bertram u.a. 2009, S. 85). Die „gelebte[n] Paar- und Generationenbeziehungen“ gewinnen an Kontinuität und Stabilität, wenn die Individuen nicht nur ihre gemeinsamen Lebenserfahrungen miteinander teilen, sondern sich auch - sei es zum Partner, den eigenen Eltern oder Kindern - mit Liebe und Fürsorglichkeit aufeinander beziehen (Bertram u.a. 2009, S. 86; Anpassung: E. J.). Nicht zuletzt sind die familiären Bindungen dadurch gekennzeichnet, dass sie gewisse Erwartungen und damit verknüpfte Verpflichtungen im Hinblick auf die gegenseitige Fürsorge und Unterstützung an den Einzelnen richten, „denen er sich nicht ohne weiteres entziehen kann“ (Bertram u.a. 2009, S. 86).

2 Die historische Entwicklung der Familie seit der Mitte des 20. Jahrhunderts

2.1 Das bürgerliche Familienmodell seit Ausgang des Zweiten Weltkrieges

2.1.1 Bedeutungswandel des Modells und Ursachen für seine Dominanz in den 50er und 60er Jahren

Im Hinblick auf die Fragestellung, welche strukturellen Veränderungen den Wandel der Familie bewirkt haben, wird zunächst auf die Ausgangssituation nach dem Zweiten Weltkrieg eingegangen, als sich die sogenannte Kernfamilie als dominantes Familienmodell etabliert. Dieser Übergang von der Nachkriegszeit hin zu gesellschaftlichen und sozialen Umwälzungen in den 1970er Jahren, dient dazu, bereits mit historischem Vorwissen in die Thematik des Wandels der Familie einzusteigen. Die Einbeziehung der vorausgehenden Einflussfaktoren, welche erst den geschichtlichen Wandlungsprozess eingeleitet haben, ist daher für das Erkennen eines umfassenderen Zusammenhangs der historischen Entwicklung der Familie notwendig.

Unter dem Einfluss der Psychologie und der Sozialarbeit aus den USA entwickelt man in der Nachkriegszeit auch im deutschsprachigen Raum ein erhöhtes Interesse für das Thema Familie. Man diskutiert vor allem die Stabilität der Familie, die als ambivalent angesehen wird. Der Soziologe René König (1906-1992) stellt einerseits eine zunehmende gesellschaftliche Isolierung sowie Lockerung des internen Zusammenhalts der Familie fest (vgl. König 1946, S. 57-102). Andere Soziologen betonen wiederum das Potenzial der Kernfamilie als „krisenfeste Zelle der Gesellschaft “ in Kriegszeiten, die bestimmte existenzielle Funktionen übernimmt, die vom Staat nicht mehr geleistet werden können (Sieder 1998, S. 224). Obwohl die Kleinfamilie hundert Jahre vorher als instabile Form sozialen Zusammenlebens im Zuge der Industrialisierung und Verstädterung gilt, werden ihre Leistungen im Krieg als „System der Selbsthilfe“, das sich als äußerst robust und flexibel erweist, nach dem Zweiten Weltkrieg gepriesen und feiert (Sieder 1998, S. 224). Infolgedessen entwickelt sich die Kleinfamilie in den 50er Jahren zu einem privaten Rückzugsort und erfährt ihren Aufschwung in den späten 50er und frühen 60er Jahren, als die Zahl der Eheschließungen aufgrund kriegs- und nachkriegsbedingter Verschiebungen und des zunehmenden Wohlstands frappant ansteigt. Die Kernfamilie etabliert sich als konkurrenzloses, normativ universal gültiges Familienmodell, das integriert ist in ein bilaterales Verwandtschaftsnetz mit variablen Funktionen. Dieses Familiensystem bezeichnet alle anderen Formen familiären Zusammenlebens wie z.B. Alleinerziehende, geschiedene Familien oder unverheiratete Paare als abweichend (vgl. Sieder 1998, S. 223f; vgl. Varenne 1998, S. 73f.). Die in den 50er Jahren dominierende Vorstellung von der Familie als Rückzugs- und Privatraum außerhalb der Gesellschaft wird in den 60er Jahren von einem Familienbegriff abgelöst, der die Familie als eine Art soziales Bindeglied ansieht, das zwischen Individuum und Gesellschaft vermittelt. Die familiale Sozialisation der Kinder, d.h. der Erwerb von Sprache und Kultur und basaler sozialer Kompetenzen durch die Leistungen der Eltern ist in diesem Zusammenhang von zentraler Bedeutung (vgl. Wurzbacher 1968, S. 49-54). Ebenso ermöglicht die verwandtschaftliche Einbindung der Kernfamilie in ein Netzwerk familialer Beziehungen, d.h. in einen sozialen, materiellen und psychischen Kontext, regelmäßige und intensive Kontakte zwischen den Familienmitgliedern (vgl. Sieder 1998, S. 225).

Da sich in den 60er Jahren nahezu die gesamte Bevölkerung am bürgerlichen Modell der Normalfamilie orientiert, wird im Folgenden nach den Ursachen ihrer Dominanz gefragt. Damit verbunden ist die Frage, durch welche Merkmale diese Familienform nach dem Zweiten Weltkrieg gekennzeichnet ist, als in der Familie bestehende konservative Praktiken und Beziehungsmuster noch einmal hochgehalten und gefeiert werden. Ein wesentliches Charakteristikum der bürgerlichen Familie ist die implizite Polarisierung zwischen männlicher und weiblicher Macht, die über den Mechanismus der geschlechtsspezifischen Naturalisierung bestimmter Aufgabenbereiche erfolgt. Bis in die 70er Jahre und in Teilen der Bevölkerung auch noch bis heute gilt das Geschlecht als Kriterium für die Zuweisung bestimmter Tätigkeiten und Fähigkeiten. Demzufolge verfügt der Mann über alle wirtschaftlichen, intellektuellen, wissenschaftlichen und konfessionellen Handlungsfelder, während die Frau für die Bereiche des Haushalts, der Kindererziehung sowie der Gründung und Pflege von sozialen Netzwerken zuständig ist (vgl. Sieder 1998, S. 236). Die Praktiken des bürgerlichen Familienlebens erfolgen nach dem Prinzip der „Akkumulation und Tradierung“ des Familienkapitals wie Besitz, Bildung und Prestige über mehrere Generationen, dem Prinzip der Dualisierung aller Fertigkeiten und Tätigkeiten nach der Eigenheit der Geschlechter sowie dem Prinzip der „erfolgversprechenden, standesgemäßen und geschlechtsspezifischen Erziehung der Kinder“ (Sieder 1998, S. 237). Im Zuge des wirtschaftlichen Wachstums und Wohlstands orientiert sich die breite Masse der Bevölkerung (90 % eines Geburtenjahrgangs) in den 60er Jahren an dem bürgerlichen Familienmodell (vgl. Sieder 1998, S. 237). Sowohl die Praktiken als auch die Prinzipien und ihnen zugrunde liegenden Werte werden verinnerlicht und bewirken schließlich, dass das Familienleben nach dem Modell „institutionalisiert“ wird (Sieder 1998, S. 238).

2.1.2 Geltungsverlust des bürgerlichen Familienmodells in den 1970er Jahren

Wie demographische Statistiken der Familie zeigen, ist das Modell der Kernfamilie bis in die 70er Jahre charakterisiert „durch ein frühes Heiratsalter, eine Kinderzahl, die die Reproduktion der Generationen sichert[...], und eine relativ schwache Scheidungsrate“ (Varenne 1998, S. 74; Auslassung: E. J.). Die ,Gattenfamilie‘ als zentrales Modell der Mittelschichten, das gekennzeichnet ist durch eine bürgerliche Ideologie und zugleich neue Zielsetzungen der Arbeiterklasse, etabliert und verbreitet sich in ganz Europa (Varenne 1998, S. 74). Doch die kapitalistische Erwerbsgesellschaft bewirkt eine Trennung und Distanz zwischen den Geschäften der Männer und dem privaten bürgerlichen Familienleben als Domäne der Frau. Einerseits wird dem Modell zum Durchbruch verholfen, andererseits ist seine Existenz durch den wachsenden Kapitalismus permanent gefährdet. Schließlich verliert das bürgerliche Familienmodell und die damit verbundene Normalität des Familienlebens aufgrund gesellschaftlicher Umwälzungen, nicht zuletzt durch die steigende Erwerbsbeteiligung verheirateter Frauen und Mütter in den 70er Jahren irreversibel seine Geltung (vgl. Sieder 1998, S. 215f.). Trotz dieses Verlustes an normativer Gültigkeit spielt die Normalfamilie im Hinblick auf die Kindererziehung in den alternativen Familienformen wie in Ein-Eltern-Familien, Alleinerzieher-Familien, oder nichtehelichen Lebensgemeinschaften mit Kind/-ern u.v.m., die sich am bürgerlichen Modell orientieren, immer noch eine zentrale Rolle (vgl. Sieder 1998, S. 282; S. 243). Demnach werden alternative Lebensformen heute gleichermaßen akzeptiert wie die einst so verbreitete Normalfamilie. Laut demoskopischer Umfragen und empirischer Untersuchungen würden viele Menschen aus anderen Lebensformen lieber in einer traditionellen Eltern-Familie leben, zumal die Mehrheit von ihnen ihre jetzige Lebensform nicht bewusst gewählt hat. Daher besitzt dieses Familienmodell als dominante Lebensform in Deutschland eine hohe normative Gültigkeit, deren Anteil an allen Familienformen laut des Statistischen Bundesamts (2002) 81 % beträgt (vgl. Nave-Herz 2004, S. 67; vgl. Nave-Herz 2002, S. 24ff.).

2.1.3 Kommentar: Zur historischen Veränderung des Familienverständnisses

In Bezug auf die vorherigen Ausführungen werden noch einmal spezifische Aspekte zur Bedeutung der Kernfamilie als prototypisches Familienmodell in der Nachkriegszeit und in den 1950er Jahren reflektiert. Daraufhin wird im Hinblick auf den Bedeutungsverlust des bürgerlichen Familienmodells bei gleichzeitiger Zunahme alternativer Lebens- und Familienformen in den 1970er Jahren zur Frage Stellung bezogen, welche historisch neue Vorstellung von Familie sich seit Ende des Zweiten Weltkrieges entwickelt haben könnte.

Wie aus dem vorigen Text hervorgeht, besteht nach dem Zweiten Weltkrieg im Allgemeinen ein kontroverses Bild über die Stabilität der Familie. Einerseits sei die Familie als Privatsphäre durch die Trennung zwischen Erwerbs- und Familienleben aufgrund des Kapitalismus von anderen gesellschaftlichen Bereichen abgekapselt, andererseits hätte das familiäre System seine Widerstands- und Anpassungsfähigkeit im Krieg unter Beweis gestellt (vgl. Sieder 1998, S. 215f.; S. 224).

Wie lässt sich die Bedeutung des wieder aufblühenden bürgerlichen Familienmodells in den 1950er Jahren interpretieren? Nach der allmählichen Überwindung der kriegsbedingten Leiden, der Versorgungs- und Hungersnöte, beginnt man in der Nachkriegszeit mit dem Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur sowie der Herstellung der staatlichen und wirtschaftlichen Ordnung. Die klare geschlechtsspezifische Trennung der Arbeitsbereiche, die die Frauen auf den privaten Bereich und die Männer allein auf die öffentliche Sphäre festlegt, soll letztlich dem nationalen Wiederaufbau dienen. Mit dem Aufkommen der Demokratie und dem Wirtschaftswachstum erlebt die Frau in den 1950er Jahren ihre Blütezeit als Mutter und Hausfrau (vgl. Thébaud 1995, S. 19). Nach langen Entbehrungen durch den Krieg wächst nicht nur das Konsumverhalten infolge der erhöhten Produktion in der Bevölkerung, sondern auch der allgemeine Wohlstand an. Aufgrund des Bedürfnisses der Menschen nach materieller Sicherheit und familiärer Geborgenheit erfährt die bürgerliche Familie bald darauf ihre höchste Blüte.

Die Ideologie des Familienmodells, welches seine Identität und Machterhaltung durch die Abgrenzung und Abwertung von anderen Familien- und Lebensformen aufrechterhält, besteht m.E. in einer Verklärung der tatsächlich existierenden Lebensverhältnisse. Sowohl die Beziehung zwischen Mann und Frau, die geregelt wird durch eine klare geschlechtsspezifische Aufgaben- und Rollenverteilung als auch das patriarchalisch strukturierte Eltern-Kind- Verhältnis spiegeln nur eine vermeintlich harmonische Atmosphäre und Familienidylle wider, in der Gefühlen und persönlicher Entfaltung Raum gegeben werden soll. Nicht selten werden nämlich autoritäre Straf- und Erziehungspraktiken wie die Prügelstrafe als Mittel der körperlichen Züchtigung unreflektiert angewendet, deren Härte und Brutalität als legitim gelten. Die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern sind herrschaftlich strukturiert, indem der Mann als Familienoberhaupt in den Rollen des Ernährers, Erziehers und als oberste moralische Instanz zur Sicherung der Stabilität der Familie Macht über Frau und Kinder ausübt. Dieser bürgerliche Familientypus erlaubt schließlich aufgrund der relativen materiellen Sicherheit jene Trennung geschlechtsspezifischer Aufgaben, indem der Mann im öffentlichen Bereich tätig ist, während die Frau aus dem Erwerbsleben herausgelassen wird und sich ganz der häuslichen Sphäre mit Aufgaben der Kindererziehung zu widmen hat (vgl. Rosenbaum 1980, S. 47f.). Diese als naturgemäß angesehene Rollenverteilung presst die Beziehungen der Familienmitglieder in ein starres Ordnungsgefüge, in dem die freie Entfaltung der Frau, d.h. „die Ausbildung ihres Verstandes und Charakters, ihrer intellektuellen und psychischen Eigenständigkeit systematisch vernachlässigt werden“ (Rosenbaum 1980, S. 48).

Bis in die 1950er Jahre wird diese äußere ökonomische wie auch innere Abhängigkeit der Frau zu ihrem Ehemann als selbstverständlich hingenommen. Was die Bedeutung des ideologisch untermauerten bürgerlichen Familienmodells angeht, gewinnt dieses gerade dadurch an Attraktivität und Stärke, da es verspricht, „Kontinuität und Dauer, Solidarität und Sicherheit zu stiften“ (Sieder 1998, S. 213). Letztlich soll es als Ort der Regeneration der Arbeitskräfte und Sicherung der Reproduktion des Nachwuchses wirksam sein (vgl. Sieder 1998, S. 213).

Jene viel versprechenden Aspekte tragen m.E. wohl zu der starken Internalisierung und raschen Verbreitung dieses Familientyps bei, welcher eine gewisse Stabilisierung der gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse nach dem Chaos durch den Krieg evozieren soll. In diesem Zusammenhang dient die patriarchalische Ordnung der Familie als Orientierungsmuster spezifisch weiblicher und männlicher Fähigkeiten und Aufgabenbereiche sowie als Legitimationsgrundlage für die männliche Dominanz in Gesellschaft und Familie. Im Zuge des fortschreitenden Kapitalismus beginnt das ursprüngliche Ordnungsgefüge des bürgerlichen Familienmodells bis zu seinem unwiederbringlichen Bedeutungsverlust zu zerbrechen, da sich der primär im öffentlichen Bereich tätige Mann zunehmend vom Familienleben als Domäne der Frau entfernt (vgl. Sieder 1998, S. 215). Die patriarchalischen Familienverhältnisse und die damit verbundene Autorität des Mannes gegenüber Frau und Kindern haben fortan keinen Bestand mehr.

In Bezug auf die mit dem Bedeutungsverlust der bürgerlichen Familie verbundene Zunahme diverser Familienformen stellt sich die Frage, welche historisch neue Vorstellung von Familie sich seit Ende des Zweiten Weltkrieges entwickelt haben könnte. Wie bereits erwähnt wurde, gilt die Kernfamilie trotz der entstehenden Vielfalt und Variabilität der Familienformen in den 1960er und 70er Jahren auch heute noch als bevorzugtes Familienmodell. Doch wie kann dieser Trend zur Normalfamilie erklärt werden?

Zum einen deutet diese Entwicklung m.E. auf einen gewissen Widerspruch hin, da sich einerseits erst durch den Bedeutungsverlust des bürgerlichen Familienmodells in den 1960er und 1970er Jahren wieder alternative Lebensformen etablieren konnten. Andererseits wird dieses Familienmodell der Zwei-Eltern-Familie immer noch von den meisten Individuen als ideale Lebensform angesehen, obwohl es doch seit ihrem Niedergang in den Jahren der sozialen Umwälzungen sukzessive an Bedeutung verloren hat. Der Unterschied zum traditionellen Familienmodell besteht im historischen Wandel familialer Beziehungsdynamiken von autoritären, patriarchalischen Familienstrukturen zu solchen, die sich zumindest auf den Prinzipien der romantischen Liebe und Gleichberechtigung gründen, auch wenn diese faktisch häufig nicht realisiert werden können. Die Familie wird heute trotz der Vielfalt an Lebensformen im Allgemeinen mit Normalfamilie gleichgesetzt, wie wenn ihre Glorifizierung in den 1950er Jahren als Idealtypus der Familie noch nachwirken würde. Dennoch sind die Beziehungsstrukturen der heutigen Normalfamilie nicht mehr mit den ursprünglich patriarchalischen Familienverhältnissen vergleichbar. Eine weitere Ursache für die gesellschaftliche Aufwertung der egalitär strukturierten Normalfamilie liegt möglicherweise in der historisch neuen Entwicklungstendenz alternativer Familienformen, die infolge von Trennung und Scheidung eher zwangsläufig entstehen. Hier liegt die Frage nahe, ob die Normalfamilie deshalb als wünschenswertes Familienmodell bevorzugt wird, weil die vermeintlich geordneten Verhältnisse einer intakten Normalfamilie als weniger komplex und problembeladen bewertet werden als die neuen Belastungen nach Trennung und Scheidung, die sich beispielsweise aus Konflikten in Erziehungsfragen zwischen den getrennt lebenden Partnern ergeben. Obwohl andere Familienformen häufig nicht bewusst gewählt werden, bringt gerade diese Möglichkeit, nämlich aus einer Vielfalt alternativer Familienformen auswählen zu können, einen Gewinn an individueller Freiheit mit sich, da die Lebensgestaltung vielfältig und veränderbar ist und nicht durch gesellschaftliche Zwänge festgelegt wird. Insofern stellen die Auswahl und zugleich gesellschaftliche Akzeptanz pluraler Lebensformen historische Errungenschaften des 20. Jahrhunderts dar. Schließlich bildet erst das Aufbrechen fest stehender Bindungen des bürgerlichen Familienmodells eine Voraussetzung für die entstehende Vielfalt an freieren Lebensformen, welche „keine Rückkehr zu jener ,heilen‘ Welt des goldenen Zeitalters der Familie“ mehr zulassen (Bertram u.a. 2009, S. 75). Aufgrund dieses historischen Wandels sind heutige Familien nicht mehr auf verbindliche Familienkonstellationen und -beziehungen der Normalfamilie festgelegt. Demnach kann sich ein neues Bewusstsein bezüglich der Frage entwickeln, was Familie ist, das über das eng gefasste Verständnis einer traditionellen Zwei- Eltern-Familie hinausgeht. Steht hinter der allgemeinen Favorisierung der Normalfamilie nicht jene historisch rückläufige Auffassung, in der unter Familie die Kernfamilie verstanden wird? Zumindest wäre diese einseitige Sichtweise mit der gesellschaftlichen Realität heterogener und variabler Familienmodelle nicht konform. In wissenschaftlichen Diskursen wird der Familienbegriff bereits auf vielfältige Phänomene der Familie ausgeweitet. Dies zeigt, dass die Familie im Hinblick auf ihre Strukturen und Formen sehr variantenreich und flexibel ist und es die einzig wahre Familie nicht gibt. Die rasche Verbreitung des bürgerlichen Familienmodells und sein normativer Geltungsanspruch nach dem Zweiten Weltkrieg deuten auf eine ideologische Idee von einer idealen Form familiären Zusammenlebens hin, die unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen propagiert wird und schließlich allgemeinen Konsens findet. In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, ob es tatsächlich relevant ist, in welchen familialen Beziehungskonstellationen die Kinder aufwachsen, solange den familialen Funktionen noch eine Bedeutung beigemessen wird. Kann es daher noch eine Rolle spielen, ob die Individuen in einer erweiterten oder „normalen“ Familie leben oder die Kinder von biologischen oder sozialen Eltern erzogen werden, solange die Beziehungsqualität zwischen den Partnern und zwischen Eltern bzw. Elternteilen und Kind/-ern sowie der Zusammenhalt zwischen den Familienmitgliedern für die Erziehung und Sozialisation der Kinder förderlich sind? Ist die Familie weniger bedeutsam, wenn sie eine andere Form und Beziehungsgestaltung als die Normalfamilie zeigt? Unabhängig ihrer Erscheinungsformen bleibt die „Familie“ als Institution bestehen, solange das ideologische Fundament der Familie nicht zerstört wird oder mit anderen Worten: „solange die Menschen nicht [...] die expliziten Funktionen der Familie in Frage stellen: das Großziehen von Kindern, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, Sexualität und soziale Reproduktion“ (Burguière u.a. 1998, S. 293f.; Auslassung: E. J.). Insofern kann die Reproduktionsfunktion der Familie in allen Familienformen erfüllt werden, da die Zeugung von Nachkommen in jeder Gesellschaft in einem System von ehelichen oder nichtehelichen Verbindungen organisiert und legitimiert werde (vgl. Burguière u.a. 1998, S. 292). Letztlich bestehe das Anliegen aller Gesellschaften darin, ihren Fortbestand durch die kontinuierliche Fortpflanzung ihrer Mitglieder zu sichern und dadurch möglicherweise Unsterblichkeit zu erlangen. Jede Frau und jeder Mann hätte nämlich „denselben Wunsch nach Ewigkeit, dessen Erfüllung die Zeugung eines Kindes zu garantieren scheint, indem so das Leben von einer Person auf die nächste übergeht und man das Gefühl hat, diese Kette werde nie abbrechen“ (Burguière u.a. 1998, S. 292).

2.2 Bedeutungswandel von Ehe, Heirat und Paarbeziehung

2.2.1 Rückgang der Eheschließungen und Zunahme der Scheidungen

Während die vorherigen Ausführungen die gesellschaftlich und sozial bedingten Umstände für den Bedeutungswandel des bürgerlichen Familienmodells beleuchteten, geht es in diesem Kapitel um den Bedeutungswandel von Ehe, Heirat und Paarbeziehung. Sowohl der Rückgang der Eheschließungen als auch die Zunahme der Scheidungen werden im Folgenden unter Einbezug statistischer Daten skizziert.

Nach 1970 ist ein kontinuierlicher Rückgang der Zahl der gesetzlich sanktionierten Ehen zu beobachten. Während in den alten Ländern der BRD im Jahr 1970 bei den Männern unter 50 Jahren 896 Eheschließungen auf 1000 Ledige und bei den Frauen unter 50 Jahren 974 Eheschließungen auf 1000 Ledige verzeichnet sind, geht die Rate der Heiratshäufigkeit innerhalb dieser Generation bis zum Jahr 1989 um etwa ein Drittel zurück ( : 595 Eheschließungen; : 630 Eheschließungen) (vgl. Varenne 1998, S. 74f.).

Im Hinblick auf die Frage nach der Veränderung der Bedeutung von Ehe und Heirat erscheint es notwendig, einen Überblick über die statistische Entwicklung der Ehescheidungen seit den 1960er bis in die 90er Jahre sowie über empirische Datenerhebungen der nichtehelichen Lebensgemeinschaften und Familienformen ab den 1960er Jahren bis in das Jahr 2003 zu geben.

Mit der Abnahme der Eheschließungen steigt gleichzeitig in allen europäischen Ländern - deutlich spürbar ab 1963 und 1964 - die Zahl der Ehescheidungen stetig an (vgl. Varenne 1998, S. 74f.; vgl. Nave-Herz 2002, S. 120). 1960 wird in der BRD etwa jede zehnte Ehe geschieden, wohingegen Mitte der 90er Jahre bis heute bereits ca. jede dritte Ehe vor dem Scheidungsrichter endet (vgl. Sieder 1998, S. 246; vgl. Nave-Herz 2002, S. 120). Andere Zahlen bestätigen diese Umstände, dass die Scheidungsrate in der BRD von 12,2 % im Jahr 1970 auf mehr als das Doppelte, d.h. 29,2 %, im Jahr 1990 angestiegen ist (vgl. Varenne 1998, S. 76). In den 60er und 70er Jahren erfolgt die Scheidung vor allem auf Wunsch von qualifizierten Frauen, die mit der ungleichen Rollenverteilung im bürgerlichen Familienmodell unzufrieden sind (vgl. Tölke 1991, S. 113-157). Auf die meist von jungen Paaren eingereichte Scheidung erfolgt bis Mitte der 70er Jahre meist eine Wiederverheiratung, wohingegen in den 90er Jahren nach einer Scheidung anstelle gesetzlicher Ehen zunehmend freie Lebensgemeinschaften bevorzugt werden und Zweit- oder Dritt-Heiraten stark zurückgehen (vgl. Varenne 1998, S. 76). Die Präferenz nichtehelicher Lebensgemeinschaften und Familienformen gegenüber der Ehe wird aus Statistiken deutlich, nämlich dass die Zahl nichtehelicher Lebensgemeinschaften in der BRD ab dem Ende der 60er Jahre rasch ansteigt. Während in den alten Bundesländern im Jahr 1972 nur 300 000 Männer und Frauen ohne Trauschein zusammenleben, so sind es im Jahr 2003 in der neuen Bundesrepublik etwa 3 Millionen. Dies bedeutet, dass es heute 1,5 Mill. nichteheliche Lebensgemeinschaften und im Vergleich dazu ca. 15 Mill. eheliche gibt. Folglich ergibt sich daraus ein Anteil von 10 % (manche Forscher schätzen sogar 15 %) nichtehelicher Lebensgemeinschaften (vgl. Gestrich u.a. 2003, S. 511f.).

Aufgrund diverser sozialer und gesellschaftlicher Veränderungen in den 1960er und 70er Jahren gilt die bürgerliche Ehe fortan nicht mehr als einzige legale und legitime Form des Zusammenlebens und der sexuellen Beziehung gilt. Die zunehmende Deinstitutionalisierung der Ehe wird vor allem durch die erhöhte Erwerbsbeteiligung von Frauen, die zunehmende Legitimität alternativer Familienformen und nichtfamilialer Lebensformen sowie durch den Bedeutungsverlust gesetzlicher Normen und der jeweiligen strafenden und normgebenden Institutionen wie der christlichen Kirchen gilt bewirkt (vgl. Sieder 1998, S. 245). Beispielsweise schreibt das Gleichberechtigungsgesetz von 1957 noch fest, dass eine Erwerbstätigkeit der Frau nur zulässig sei, wenn dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist (vgl. Limbach 1989, S. 225). Auch durch den durch die sexuelle Revolution bedingten Einstellungswandel zur Sexualität und durch die Verbreitung moderner Verhütungsmethoden Mitte der 60er Jahre kommen der Liebe und dem Geschlechtsverkehr zwischen zwei Menschen eine neue Bedeutung zu (vgl. Sieder 1998, S. 260). In der Folge entwickelt sich aus der Ehe als einstiges Monopol auf ein legales und legitimes Sexualleben die sogenannte „individualisierte Partnerwahl der Liebenden“ (Sieder 1998, S. 261).

2.2.2 Rechtliche Bestimmungen zur Ehescheidung

Im Folgenden wird die historische Veränderung des Scheidungsrechts seit dem Ausgang des Zweiten Weltkrieges beschrieben, da diese maßgeblich die Bedeutung der Ehe beeinflusst hat. Die Reform des Scheidungsrechts trägt nämlich zur Auflockerung der ehelichen Verbindung durch leichter werdende Scheidungen bei. Trotz des enormen Anstiegs von Ehescheidungen nach dem Krieg wird unter dem Einfluss der katholischen Soziallehre eine Weiterentwicklung des Ehe- und Scheidungsrechts verhindert. Aufgrund der rechtlichen Bestimmungen zur Ehescheidung ist eine Auflösung der Ehe zur Sicherung ihres Fortbestands nicht ohne weiteres möglich. Das sogenannte Schuldprinzip als Grundlage der Versorgungsansprüche wird somit noch nicht aufgehoben, was bedeutet, dass eine Scheidung nur möglich ist, „wenn einer der beiden Partner ,schuldhaft‘ gegen seine Pflichten als Ehepartner [verstößt]“ (Bertram u.a. 2009, S. 77; Anpassung: E. J.). Dieser Umstand ist auf einen in ganz Europa einheitlichen Trend zurückzuführen, der für eine „Renaissance“ von Ehe und Familie plädiert. Erst in den 60er und 70er Jahren fordert man als Reaktion auf die ansteigenden Scheidungszahlen eine Reform des Scheidungsrechts mit dem Übergang vom Verschuldens- zum Zerrüttungsprinzip. Vor allem das 1977 eingeführte Recht auf eine stabile wirtschaftliche Absicherung geschiedener Frauen und die Aufhebung des Schuldprinzips trägt maßgeblich zu einem kurzfristigen Rückgang der Scheidungszahlen bei. Die neuen Scheidungsrechte stellen daher nicht mehr Instrumente der bis dato existierenden Rekonstruktion von Tatbeständen dar, sondern zielen auf die Regelung der Scheidungsfolgen ab, insbesondere auf die Entwicklung einer neuen Lebensperspektive beider Partner. Mit einem gewissen Höhepunkt der Scheidungsrate in den 80er Jahren wird im Scheidungsrecht der Bundesrepublik 1986 die Pflicht formuliert, die Unterstützung des finanziell Schwächeren sowie seine möglichst rasch erfolgende ökonomische Selbstständigkeit zu garantieren (vgl. Gestrich u.a. 2003, S. 554f.). Trotz dieses rechtlich verankerten Anspruchs auf Erwerbstätigkeit der Frauen bestehen dennoch weiterhin strukturelle Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern, sodass „[e]ine Scheidung für Frauen immer noch einen wesentlich gravierenderen Bruch ihrer Biographie dar[stellt], als für Männer“ (Gestrich u.a. 2003, S. 555; Umstellung und Anpassung: E. J.).

2.2.3 Bedeutung der Paarbeziehung - 1950 bis heute

Folgende Ausführungen beziehen sich auf die Fragestellung, welche Bedeutung der Ehe bzw. Paarbeziehung in den 1950er Jahren bis heute zukommt.

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die Voraussetzung für die eheliche Gemeinschaft in den 50er Jahren die im Zeitgeist der Romantik gepriesene Idee der romantischen Liebe als Symbol für die individuelle Freiheit der westlichen Gesellschaften bildet. Diese stellt auch eine Grundlage für die Gründung einer Familie sowie einer ökonomischen Versorgergemeinschaft als integrale Bestandteile eines gemeinsamen Lebens von Mann und Frau dar. Die Idee der romantischen Liebe setzt sich in den 60er Jahren weiter durch, was zur Folge hat, dass erst im 20. Jahrhundert eine Beziehung für immer mehr Frauen und Männer auf je geschlechtsspezifische Weise erlebt werden kann. Die einst durch ökonomische Zwänge entstandene Ehe weicht nun der Vorstellung eines freien Zusammenlebens oder einer Ehe, in der Mann und Frau auch aufgrund der leichter werdenden Scheidungen für eine unbestimmte Zeit zusammenleben. Die Ehe dauert so lange, wie individuelle Ziele erreicht werden können und eine Trennung ist dann notwendig, wenn sich das Paar auseinandergelebt hat und ein Fortsetzen der Beziehung nur als Heuchelei und Betrug empfunden wird (vgl. Varenne 1998, S. 83; vgl. Sieder 1998, S. 262).

Liebe und Leidenschaftlichkeit stellen zwar konstitutive Merkmale der Paarbeziehung dar, dennoch kann in den 1950er Jahren - wie bereits erwähnt - eine als zerrüttet erlebte Ehe aufgrund gesetzlicher Bestimmungen nicht - wie heute - ohne weiteres aufgelöst werden. Die Fragen, ob die Vorstellung von der romantischen Liebe in einer auf Dauer ausgerichteten ehelichen Verbindung wie in den 50er Jahren länger bestehen kann als in einer Ehe, in der sich die Partner darüber bewusst sind, dass die Ehe aufgelöst werden kann, wenn sie als unbefriedigend und zerrüttet empfunden wird, oder ob das Liebesideal eher verwirklicht wird, wenn sich beide Partner für die Fortdauer der Beziehung aktiv einsetzen, sollen in diesem Zusammenhang erwähnt werden, da das Ehe- und Familienglück der 60er Jahre oft idealisiert wird (vgl. Bertram u.a. 2009, S. 77).

Im Hinblick auf die Bedeutung der Paarbeziehung ist zu betonen, dass in unserer Gesellschaft zwar die patriarchalische Ehe durch das Ideal der romantischen Liebe abgelöst wurde und sich auch auf Gesetzesebene (§ 1356) das egalitäre Beziehungsmuster der Partnerschaften durchgesetzt hat. Dennoch bestätigen empirische Untersuchungen gewisse eheliche Machtstrukturen, die sich in der Machtausübung des machtüberlegenen Partners über den anderen manifestieren, der sich dieser Macht unterwirft (vgl. Nave-Herz 2004, S. 158). Der Begriff Macht bedeutet nach der Definition des Soziologen Max Weber (1864-1920) „jede Chance innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ (Weber 1956, S. 28). Die Missachtung der Gleichwertigkeit und Gleichrangigkeit wird in dem ehelichen Hierarchieverhältnis nicht immer einseitig erzwungen, sondern z.T. nicht nur geduldet, sondern sogar bewusst akzeptiert. Im Allgemeinen zeigen diverse empirische Erhebungen, dass in Deutschland die Partnerschaften durch Machtstrukturen gekennzeichnet sind und insbesondere die Überlegenheit des Mannes in der Partnerschaft akzeptiert wird. Diesbezüglich besteht allerdings noch erheblicher Bedarf an neueren Untersuchungen. Außerdem erweist sich die Identifizierung und empirische Überprüfbarkeit von Machtfaktoren als sehr schwierig, da in die Erhebungen auch subjektive Prioritätensetzungen der Untersuchungsteilnehmer/-innen miteinbezogen werden (vgl. Nave- Herz 2004, S. 159; S. 163).

Im Folgenden wird zur Frage Stellung bezogen, wie die Abnahme der Heiratshäufigkeit im Hinblick auf die Wertschätzung der Paarbeziehung interpretiert werden kann. Wie sich aus der Zunahme nichtehelicher Lebensgemeinschaften ablesen lässt, hat die Paarbeziehung trotz des Rückgangs der Heiraten und der starken Zunahme der Scheidungszahlen nicht grundlegend an Bedeutung verloren. Die Instabilität der Ehe wird daraus jedoch deutlich erkennbar. Es ist also anzunehmen, dass kein kausaler Zusammenhang zwischen dem Rückgang der Heiraten und einem Bedeutungsverlust der Paarbeziehung besteht, d.h., dass sich die Wertschätzung einer gelingenden Partnerschaft nicht in ihrer offiziellen Legalisierung einer Eheschließung ausdrückt. Im Gegenteil sind die Ansprüche an die Paarbeziehung gestiegen, sodass die meisten Männer und Frauen eine Heirat für überflüssig halten. Allenfalls handelt es sich also um einen Bedeutungswandel der Eheschließung, die eine Möglichkeit des Zusammenlebens unter vielen darstellt (vgl. Varenne 1998, S. 76; vgl. Sieder 1998, S. 245).

Welche Bedeutung kommt der Ehe bzw. Paarbeziehung also heute zu? Die Heirat wird häufig in Verbindung mit einer Schwangerschaft, eines Kinderwunsches oder aufgrund bereits vorhandener Kinder (u.U. aus früheren Partnerschaften) vollzogen, sodass die Ehe oder nichteheliche Lebensgemeinschaft bewusst als Lebensform und Sozialisationsinstanz für Kinder gewählt wird (vgl. Nave-Herz 2002, S. 18f.). Ein weiterer Aspekt des Bedeutungswandels der Ehe besteht darin, dass eine Heirat heute auch im mittleren Lebensalter, nach Verwitwung oder Scheidung erlaubt ist, während früher fast ausschließlich zwischen der Lebensphase der Adoleszenz und des Erwachsenseins geheiratet wurde (vgl. Sieder 1998, S. 245). Die Eheschließung wird inzwischen also als „ein symbolischer Akt zweier [...] Menschen“ verstanden, die schon das Zusammenleben oder andere Lebensformen erprobt haben (Sieder 1998, S. 245; Auslassung: E. J.). Diese Form des nichtehelichen Zusammenlebens, die früher als ,wilde Ehe‘ stigmatisiert wurde, wird heute von jungen wie auch älteren Paaren akzeptiert (Varenne 1998, S. 76). Während vor dieser Trendrichtung unverheiratete Paare meist kinderlos blieben bzw. eine Ehe eingingen, wenn ein Kind kam, kann das Zusammenleben ohne Trauschein heute als verbindliche Phase vor der Ehe oder aber als Ersatz für die Ehe betrachtet werden (vgl. Varenne 1998, S. 77). Ein weiteres Merkmal des Bedeutungswandels der Ehe ist, dass die Eheschließungen in heutiger Zeit viel später erfolgen. Dies ist zum einen auf die verlässlichen Empfängnisverhütungsmethoden und die damit verbundene Möglichkeit einer bewussten Geburtenplanung, zum anderen auf das allgemein höhere Bildungsniveau der Frauen zurückzuführen. Außerdem streben viele qualifiziert ausgebildete Frauen nach beruflichem Erfolg sowie einer ihren eigenen Kompetenzen angemessenen Berufsposition, bevor sie heiraten (vgl. Grundmann u.a. 1994, S. 41-104).

Charakteristisch für die heutige Zeit ist auch, dass mit der Verschiebung des Eintritts der Jugendlichen in das Erwerbsleben, die vor allem durch längere Studien- und Ausbildungszeiten bewirkt wird, die Eheschließungen hinausgezögert werden. Oft wird mit einer Heirat auch gewartet, bis der geeignete Partner gefunden wird oder um die aktuelle Beziehung auf die Probe zu stellen. Schließlich verliert die Ehe gewissermaßen auch an Bedeutung aufgrund der Veränderung des Verhältnisses zum Besitz. Denn früher (aber auch noch in vielen ländlichen Gesellschaften) erfolgte die amtliche Beglaubigung der Verbindung durch die Übertragung des Besitzes und der Verantwortung durch den Einzug der Ehefrau in das Haus oder durch die Einrichtung eines eigenen Wohnsitzes. Heute hingegen wird der Besitz - für die Mittelschicht dient in erster Linie das Haus als finanzielle Absicherung im Alter - meist nicht zu Lebzeiten übertragen, sondern erst als Erbe nach dem Tod der Eltern. Auch die Heirat selbst gilt nur als administrativer Prozess, der den Brautleuten einen rechtlichen Status verleiht (vgl. Goody 1998, S. 9f.). Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich die Bedeutung der Ehe aufgrund diverser Veränderungen wie der allgemeinen Akzeptanz alternativer Lebensformen oder der Rolle der Frau zwar gewandelt hat, die Wertschätzung der Paarbeziehung trotz ansteigender Scheidungszahlen aber bestehen bleibt.

2.2.4 Kommentar: Scheidung als Errungenschaft oder Krise?

Aus der Diskrepanz zwischen theoretischen Forderungen einer „funktionierenden“ Ehe und der tatsächlichen Praxis entstehen Spannungen in der Paarbeziehung, die häufig zu Unzufriedenheit, Trennung und Scheidung führen. „Die Ehescheidung ist als ein wechselhafter, psychisch für beide Partner hoch belastender Prozess zu begreifen, in dem sich der Wunsch zur Trennung mit dem des Zusammenlebens immer wieder ablöst, der von allen Betroffenen ein hohes Maß an psychischen Kosten abverlangt“ (Nave-Herz 2002, S. 127).

Die folgenden Ausführungen nehmen zu der Frage Stellung, wie die Zunahme der Scheidungen in den 1970er Jahren interpretiert werden kann. Aus sozialwissenschaftlichen Analysen der 1980er und 90er Jahre über mögliche Ursachen der Erosion des bürgerlichen Familienmodells geht hervor, dass sich in den steigenden Scheidungszahlen der 70er Jahre die Entwicklung eines neuen Anspruchs und Verständnisses von Ehe und Familienleben widerspiegelt.

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Ende der Leseprobe aus 121 Seiten

Details

Titel
Familien im historischen Wandel seit 1945. Gegenwärtige Probleme und Perspektiven der Erziehung
Hochschule
Universität Hamburg  (Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
121
Katalognummer
V272996
ISBN (eBook)
9783656646730
ISBN (Buch)
9783656646709
Dateigröße
928 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
familien, wandel, gegenwärtige, probleme, perspektiven, erziehung
Arbeit zitieren
Eleonore Jüde (Autor), 2011, Familien im historischen Wandel seit 1945. Gegenwärtige Probleme und Perspektiven der Erziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272996

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