Alphabetismus und Analphabetismus - die psychologischen Aspekte des Lesens


Hausarbeit, 2004
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

1. Inhaltsverzeichnis

2. Alphabetisierung als Element einer Grundbildung

3. Kognition
3.1. Leseprozesse auf Wort-, Satz- und Textebene
3.2. Erste Ebene: Prozesse der Wort- und Satzidentifikation
3.3. Zweite Ebene: Satzebene - Verknüpfung von Satzfolgen
3.4. Dritte Ebene: Textebene - Satzübergreifende Integrationsmechanismen (globale Kohärenzherstellung)
3.5. Vierte Ebene: Makrostrukturbildung auf der Basis von Textsortenkenntnis
3.6. Fünfte Ebene: Das Erkennen von Darstellungsstrategien im Hinblick auf die Textintention

4. Motivation / subjektive Beteiligung

5. Reflexion

6. Abschluss

7. Anhang

8. Literaturverzeichnis
8.1. Internetquellen

2. Alphabetisierung als Element einer Grundbildung

„Lesen" und „Lesenlernen" ist ein - psychologisch und neurobiologisch - höchst komplexer Vorgang. Um den Begriff und den Sachverhalt Analphabetismus nicht naiv zu verwenden, gibt es auch spezifische Verständniswege aus naturwissenschaftlicher und medizinischer Perspektive, die den Leseprozess verdeutlichen. Ob jemand alphabetisiert ist oder nicht, hängt von verschiedenen Einflussfaktoren ab. Solche Einflussfaktoren sind beispielsweise allgemein kulturpolitische Zielvorgaben einer Gesellschaft, die ökonomische Lage, die soziale Struktur, aber auch demographische Verhältnisse. Um aber die psychologischen Vorgänge beim Lesen erklären zu können, gehe ich zuerst auf den Begriff Alphabetismus bzw. Analphabetismus ein. Weiterhin versuche ich die Begriffe Schriftspracherwerb und Grundbildung im Hinblick auf die Alphabetisierung zu klären. Im weiteren Teil (Kapitel 3, 4 und 5) gehe ich dann speziell auf die psychologischen Aspekte, „gehirnphysiologische“ Abläufe beim Lesevorgang und auf die Interaktionsverhältnisse im Leseprozess ein und beziehe mich dabei auf die drei großen wichtigen Teilaspekte der Kognition, Motivation/ subjektive Beteiligung und Reflexion.

In den hoch-industrialisierten Ländern ist es nur in seltenen Ausnahmen möglich, erfolgreich, anerkannt und relativ selbständig zu leben, zu arbeiten, ohne die verschiedenen schriftsprachlichen Mittel des Kommunizierens und Arbeitens in einem gewissen Umfang und auf einem gewissen Niveau zu beherrschen. Die Relativierungen lassen bereits erkennen, dass Umfang und Niveau der notwendigen Alphabetisierungen relativ sind und von Bedingungen abhängen. Aus welchen Gründen auch immer, der Alphabetisierung wird ein hoher Stellenwert zugeschrieben für jede Art von Entwicklung, sei es eine Gesellschaft oder einen Menschen betreffend. Darüber hinaus wird in unserer Gesellschaft der Grad an Alphabetisierung (eigentlich die Beherrschung der Normen der Rechtschreibung) als Indiz, beinahe als Synonym für Intelligenz und Klugheit aufgefasst. Auch wenn diese Auffassung unter linguistischen, psychologischen und pädagogischen Gesichtspunkten nicht haltbar ist, sie existiert dennoch und beeinflusst ihrerseits die subjektive Bedeutung, die das Beherrschen, vor allem aber das Nicht-Beherrschen des Rechtschreibens für viele Menschen hat. Literat sein inklusive des orthographischen Schreibens ist eine objektive Notwendigkeit für das Teilnehmen an den meisten gesellschaftlichen Aktivitäten.

Die Notwendigkeit allgemeiner Alphabetisierung sagt, „diese befähige die Menschen zu selbständigem Lernen“[1]. Die Ausbildung des selbständigen Lernens und das Lernen des Lernens sollten vom Lesen und Schreiben unterschieden werden und beide sollten in eine „Grundbildung“ integriert werden. Unverzichtbar im Sinne einer Grundbildung, die zum selbständigen Lernen befähigen soll, sind die dazu notwendigen Haltungen, wie das Entwickeln und Setzen von Lernzielen, die den eigenen Motiven entsprechen. Lernen muss erfahren werden als ein Prozess, der in der eigenen Verantwortung liegt und bei dem Mann, Frau und Kind selbst aktiv ist.

Es gibt in Deutschland mit seiner weitgehend durchgesetzten allgemeinen Schulpflicht viele Menschen, denen das Erwerben einer Literarität größte Schwierigkeiten bereitet. Es gibt verschiedene Bezeichnungen für sie, solange sie noch schulpflichtig sind:

„Legastheniker, Lese-Rechtschreib-Schwache, Teilleistungsgestörte, Lernbehinderte etc. Sobald diese Menschen nicht mehr schulpflichtig sind, heißen sie meist Analphabeten, häufig mit dem Zusatz „funktional", was anzeigt, dass sie die Schule besucht haben und erste Bekanntschaft mit dem Lesen und Schreiben und seinen Schwierigkeiten gemacht haben.“[2]

Was ist nun Analphabetismus genau und was bedeutet „funktionaler“ Analphabetismus? In Marion Döbert und Peter Hubertus Ihr Kreuz ist die Schrift. Analphabetismus und Alphabetisierung in Deutschland. werden folgende Definitionen gegeben. Danach unterscheiden Döbert und Hubertus zwischen p rimärem, sekundärem und funktionalem Analphabetismus.[3]

Primärer Analphabetismus liegt vor, wenn eine Person keinerlei Lese- und Schreibkenntnisse erworben hat. Eine andere Bezeichnung ist natürlicher Analphabetismus. Davon betroffen sind vor allem Menschen in Staaten mit einem wenig ausgebauten Schulsystem, die keine Gelegenheit zum (regelmäßigen) Schulbesuch hatten.“[4] (http://www.alphabetisierung.de/).

„Von sekundärem Analphabetismus spricht man, wenn nach mehr oder minder erfolgreichem Schulbesuch ein Prozess des Vergessens einsetzt, bei dem einmal erworbene Schriftkenntnisse wieder verloren gehen. Die Kinder haben während der Schulzeit lesen und schreiben gelernt, als Jugendliche oder Erwachsene haben sie dies wieder verlernt.“[5] (http://www.alphabetisierung.de/).

„Analphabetismus ist ein relativer Begriff. Ob eine Person als Analphabet gilt, hängt nicht nur von ihren individuellen Lese- und Schreibkenntnissen ab. Darüber hinaus muss berücksichtigt werden, welcher Grad an Schriftsprachbeherrschung innerhalb der konkreten Gesellschaft, in der diese Person lebt, erwartet wird. Wenn die individuellen Kenntnisse niedriger sind als die erforderlichen und als selbstverständlich vorausgesetzten Kenntnisse, liegt funktionaler Analphabetismus vor.“[6] (http://www.alphabetisierung.de/).

Durch diese Definitionen wird nochmals betont, dass Analphabeten keineswegs als faul oder gar unintelligent dargestellt werden sollten.

Einen eher ungewohnten, weil naturwissenschaftlichen, aber ungeheuer faszinierenden Blick bieten die Arbeiten von Ursula Christmann und Norbert Groeben zur Psychologie des Lesens.[7] Sie machen deutlich, dass Lesen keineswegs ein passiver Vorgang der Informationsentnahme aus Texten ist, sondern einen komplexen Prozess der aktiven Konstruktion von Wissen darstellt, in dem neue Informationen immer zu schon vorhandenem Sprach- und Weltwissen in Beziehung gesetzt werden müssen. Unter welchen biologischen Voraussetzungen dies geschieht, wird im Allgemeinen wenig beachtet – und so überrascht dann auch, dass die Länge von Gedichtzeilen eben nicht nur literarischen Konventionen folgt, sondern ihre genaue Entsprechung in der Dauer „gehirnphysiologischer“ Abläufe hat.

Die empirisch-psychologische Leseforschung bestätigt, was Autoren und Leseforscher der nicht-empirischen Richtung schon seit längerem sagen: „Lesen ist das Erschließen von Textsinn in mehreren Teilprozessen“.[8] Man weiß heute, dass „Lesen in jenen Hirnregionen stattfindet, in denen bei unseren Urahnen das Spuren-Lesen, z. B. auf der Jagd, angesiedelt war“.[9] Die Etymologie lässt darauf schließen, dass „beim Lesen auch Rate- und Vermutungsfähigkeiten aktiviert werden - und die Rezeptionsästhetik bestätigt das[10]: „Raten hat mit dem englischen „to read“ für „Lesen“ die Wortwurzel gemeinsam, „lesen“ mit dem ahd. „lesan“, das das Sammeln beinhaltet, von Weintrauben bei der Weinlese ebenso wie von Informationen, z. B. eben von Spuren." „Mittlerweile verwenden auch die Naturwissenschaftler das Wort „lesen“ für das interpretierende Sammeln ihrer Daten.“[11]

In frühen Kommunikationsmodellen, zwischen 1930 und 1960, auch die behavioristische Phase der Psychologie genannt, ist das Lesen im Alltagsverständnis eine eher passive Rezeption dessen, was im Text steht. Danach enkodieren Autoren die Bedeutung eines Textes beim Schreiben, die der Leser dann beim Lesen wieder spiegelbildlich dekodieren muss. Dies wird in der Literatur als das „deterministische Kommunikationsmodell“ genannt. Das Geschriebene ist gleich das Gelesene.

Kann man also davon ausgehen, dass es eine vollständige Passivität beim Vorgang des Lesens gibt? Die Antwort ist nein. Um einen Text zu verstehen, muss der Leser/ Rezipient die im Text enthaltene „Botschaft“ aktiv mit dem Vorwissen und Weltwissen verbinden. Das Lesen wird somit als eine Wechselwirkung zwischen der Textinformation und dem Rezipientenwissen verstanden - eine Text-Leser-Interaktion erfolgt. Das Vorwissen lässt sich in zwei Aspekte unterteilen: in Weltwissen und in Sprachwissen des Lesers. Das (allgemeine) Weltwissen beschreibt Gegenstände, Sachverhalte, Gegebenheiten und hat einen beschreibenden Charakter. Das (spezielle) Sprachwissen beschreibt wiederum die Kenntnisse der jeweiligen Sprache, zum Beispiel Prinzipien und Strukturen, aber auch metaphorischen und ironischen Sprachgebrauch.

Das Lesen als eine Wechselwirkung heißt auch:

a) textgeleitete aufsteigende Prozesse – (bottom up) – von der Textinfo zum rezipierten Wissen.
b) erwartungsgeleitete absteigende Prozesse – (top down) – vom Vorwissen zum konkreten Textverständnis.

Im weiteren Teil dieser Arbeit gehe ich nun speziell auf die psychologischen Aspekte und „gehirnphysiologischen“ Abläufe beim Lesevorgang ein und beziehe mich dabei auf die drei wichtigen Teilaspekte der Kognition, Motivation / subjektive Beteiligung und Reflexion.

3. Kognition

3.1. Leseprozesse auf Wort-, Satz- und Textebene

„Der Begriff Kognition leitet sich aus dem lateinischen cognitio, „Erkenntnis“ ab. Er wird häufig verwendet, um Vorgänge der Wahrnehmung, des Denkens und der Erkenntnis zu bezeichnen.“[12]

Der komplexe Prozess des Lesens findet auf verschiedenen Stufen (Dimensionen) statt. Lesen ist die Fähigkeit, Bedeutungen aus graphischen Gebilden zu entnehmen. Es ist also primär ein visueller Verarbeitungsvorgang auf unterschiedlichem Niveau angesetzter Teilprozesse. Die unterste Ebene ist das Erkennen von Buchstaben und Wörtern und der Wortbedeutungserfassung. Die mittlere Ebene ist die Herstellung von semantischen und syntaktischen Relationen zwischen Wortfolgen. Die Textebene ist die satzübergreifende Integration von Sätzen zu Bedeutungseinheiten und der Aufbau einer kohärenten Struktur der Textgesamtbedeutung. Die Teilprozesse laufen parallel in zeitlicher Überlappung ab und unterstützen sich gegenseitig. Es wurden fünf solche Dimensionen isoliert.

[...]


[1] http://www.eugwiss.udk-berlin.de/kamper/publikationen/buch97_leseproben/buch97_einleit.htm

[2] http://www.eugwiss.udk-berlin.de/kamper/publikationen/buch97_leseproben/buch97_einleit.htm

[3] Döbert, Marion / Hubertus, Peter (2001). (Kap. 1)„Definition und Erscheinungsbild von funktionalem Analphabetismus“. Aus Ihr Kreuz ist die Schrift. Analphabetismus und Alphabetisierung in Deutschland.

[4] http://www.alphabetisierung.de/01-Definition.pdf S. 20.

[5] http://www.alphabetisierung.de/01-Definition.pdf S. 23.

[6] http://www.alphabetisierung.de/01-Definition.pdf S. 21.

[7] Christmann, Ursula & Groeben, Norbert (1999): „Psychologie des Lesens“. In: B. Franzmann et al. (eds.), Handbuch Lesen.

[8] Christmann, Ursula & Groeben, Norbert (1999): „Psychologie des Lesens“. In: B. Franzmann et al. (eds.), Handbuch Lesen. S.199.

[9] Schön, Erich (1996). „Mentalitätsgeschichte des Leseglücks“. In: Bellebaum/Muth (Hg.). S. 152.

[10] Iser, Wolfgang (1976). Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung. S. 181.

[11] http://www.aurora-magazin.at/medien_kultur/rossbacher.htm

[12] http://www.springer.at/authors/favre/KogRed_Stu_de.htm

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Alphabetismus und Analphabetismus - die psychologischen Aspekte des Lesens
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Geschichte und Gegenwart der Alphabetisierung
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V27422
ISBN (eBook)
9783638294768
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Alphabetisierung als Element einer Grundbildung
Schlagworte
Alphabetismus, Analphabetismus, Alphabetisierung, Lesen, Psychologie
Arbeit zitieren
M.A. Sandra Kemerle (Autor), 2004, Alphabetismus und Analphabetismus - die psychologischen Aspekte des Lesens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27422

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